Soziale Ungleichheit am ersten Bildungsübergang. Inwiefern tragen primäre und sekundäre Herkunftseffekte zur Reproduktion von sozialer Ungleichheit bei?


Hausarbeit, 2019

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1 Soziale Ungleichheit
2.2 Primäre und sekundäre Herkunftseffekte

3. Vorstellung der 1. Studie: Ditton etal

4. Vorstellung der 2. Studie: Dumontetal

5. Vorstellung der 3. Studie: Becker etal

6. Kritische Auseinandersetzung mit den Studien

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

Einleitung

Soziale Ungleichheit - ein immer wieder1 aufkommendes Thema, nicht nur im Rahmen eines Seminars, sondern in der Politik, der Gesellschaft, unter Freunden und Bekannten. Gerade Bildungsungleichheit spielt da eine große Rolle, denn Bildung ebnet meist den Weg für spätere Erfolge.

Doch wie entstehen in einer modernen Gesellschaft diese Unterschiede und Ungleichheiten? Sind sie legitim? Muss überhaupt etwas unternommen werden? Wenn ja, wie?

Das alles waren Fragen, die ich mir schon vor dem Beginn des Schreibens dieser Hausarbeit gestellt habe.

Als wir im Seminar die Themen auswählen konnten, fiel meine Wahl dementsprechend direkt auf dieses.

Im Laufe der Arbeit wurde mir bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich jetzt dort im Leben stehe, wo ich bin. Ich bin die erste aus meiner Familie, die eine Universität besucht, der höchste Bildungsabschluss in meiner Familie ist die Fachoberschulreife und ich selbst habe drei verschiedene Schulformen durchlaufen, um mein Abitur zu erreichen. Zudem hat das Thema, meiner Meinung nach, für jeden, der später im sozialen Bereich arbeiten möchte, eine hohe Relevanz. Man muss verstehen können, warum die 2 Dinge so sind wie sie sind, warum Menschen dort sind, wo sie sind und mit welchen Komplikationen sie zu kämpfen hatten. Und vor all dem muss man verstehen können, was man tun kann. Dafür ist es wichtig Wirkmechanismen und Hintergründe nachvollziehen zu können und bestenfalls zu kennen.

In dieser Arbeit lege ich das Hauptaugenmerk auf den ersten Bildungsübergang, da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass hier, in den meisten Fällen, die nahezu endgültige Entscheidung gefällt wird, welchen Bildungsabschluss eine Person erreicht. Und da Bildungserfolg mit Berufserfolg meist einhergeht, ging ich davon aus, dass somit auch der soziale Status einer Person hier festgelegt wird.

Ich erläutere zunächst den Begriff soziale Ungleichheit, sowie die Einflussfaktoren, bevor ich, mit Hilfe von drei verschiedenen Studien, versuche herauszufinden, wie verschiedene Grundschulempfehlungen zu Stande kommen, warum sich3 Eltern umentscheiden und wie viel unsere eigenen Leistungen dazu beigetragen haben, etwas zu erreichen. Meine wichtigsten Quellen für diese Arbeit waren die vorliegenden Studien.

Die Studien habe ich zunächst zusammengefasst, dabei habe ich mir nicht nur die Ergebnisse der Studien angesehen, sondern auch die Methoden und empirischen Befunde begutachtet, um ihre Aussagekräftigkeit später zu überprüfen. Im weiteren Verlauf der Arbeit betrachte ich also sowohl die Ergebnisse, als auch die Herangehensweise kritisch und versuche daraus ein Fazit zu ziehen. Um etwas vorwegzunehmen, es gibt ein Problem. Lösungsvorschläge in Form von Interventions- und Förderungsmaßnahmen bespreche ich auch im kritischen Teil.

Meine Erwartungen, ein Allheilmittel gegen soziale Ungleichheiten zu entdecken, wurden leider nicht erfüllt, dennoch habe ich ein tieferes Verständnis für das Thema und die Problematik bekommen und hoffe, dass ich damit auch anderen weiterhelfen kann.

2. Begriffsdefinitionen

2.1 Soziale Ungleichheit

Soziale Ungleichheit ist ein nicht wertender Begriff der Soziologie und bezieht sich auf die horizontalen, sowie vertikalen Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen. Es bedeutet, dass eine Gruppe von Menschen regelmäßiger Benachteiligung unterliegt. Dies kann sich auf die Ressourcenausstattung beziehen, wie beispielsweise das Einkommen oder auf die Lebensbedingungen, beispielsweise Wohnverhältnisse. Diese Ungleichheiten führen zu besseren oder schlechteren Lebens- und Verwirklichungschancen4 und werden deswegen oft als ungerecht empfunden. Es ist wichtig, zu verstehen, dass, obwohl es häufig in Verbindung gebracht wird, Ungleichheit nicht zwangsläufig Ungerechtigkeit bedeutet.

Die Ursachen dieser Ungleichheiten liegen in der gesellschaftsspezifischen Bewertung bestimmter Eigenschaften. Dazu zählen Alter, Geschlecht, ethnische Herkunft und die Nützlichkeit einer Position für die Gesellschaft.

In modernen Gesellschaften spricht man von folgenden materiellen, sowie immateriellen Dimensionen der sozialen Ungleichheit: Bildungsgrad, Beruf, berufliche Position, Einkommen, Vermögen und Prestige.123

2.2 primäre und Herkunftseffekte

Bei den primären Herkunftseffekten handelt5 es sich um jene Einflüsse der sozialen Herkunft, die sich direkt auf die Leistung, beziehungsweise auf die Kompetenzentwicklung der Schüler und Schülerinnen auswirken. Festgemacht wird dies häufig an den Zensuren, Übergangsempfehlungen und dem Sprachniveau. Es handelt sich bei primären Herkunftseffekten um Lernvoraussetzungen und Lerngegebenheiten, sowie die unterschiedliche Anregung und Stimulation im häuslichen und direkten Umfeld. Diese erfolgt beispielsweise durch diverse Lese- und Spielmaterialien oder eine anderweitig intensive Beschäftigung mit dem Kind. Zu Lernvoraussetzungen zählt, neben dem Sprachniveau, auch die unterschiedlich stark ausgeprägte Lernfähigkeit und Lernwilligkeit. Zusätzlich dazu kommen noch die Unterstützung und Förderung, die Zuhause stattfindet oder die stattfinden kann, sowie die unterschiedliche Nutzung6 von Lernangeboten seitens der Schüler und Schülerinnen.456

Sekundäre Herkunftseffekte sind die Einflüsse der sozialen Herkunft, die unabhängig von erbrachten Leistungen stehen. Dazu gehören die unterschiedlichen Bildungserwartungen und das Entscheidungsverhalten der Eltern und Schüler/Innen. Bei den sekundären Herkunftseffekten variiert es in den Punkten zeitlicher Toleranz und der subjektiven Bewertung von Nutzen und Kosten eines Bildungsweges. Einkommensschwächere Familien weisen eine geringere zeitliche Toleranz auf, während einkommensstärkere Familien nicht nur höhere zeitliche Toleranz mitbringen, sondern auch höhere Bildungsabschlüsse mit weniger Kosten verbinden. Ein ebenso häufig genanntes Argument für oder gegen einen Bildungsweg ist der Statuserhalt. Dementsprechend müssen die Kinder entweder den gleichen oder einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern erzielen. Außerdem zählen zu den sekundären Herkunftseffekten nicht nur familiäre Verhältnisse, sondern auch Lehrerentscheidungen, wie die sozial gekoppelte Notengebung und die Bildungsempfehlungen.7

3. Bildungsungleichheit - der Beitrag von Familie und Schule

Im Folgenden wird die Studie von Ditton, Krüsken und Schauenberg aus dem Jahre 2005 besprochen. Sie erschien dort in der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft und beschäftigt sich mit der sozialen Herkunft und der damit verbundenen Bildungsaspirationen der Eltern und der Bildungs- und Übergangsempfehlungen der Lehrer.

Zunächst etwas zur grundlegenden Fragestellung, beziehungsweise dem Ausgangspunkt der Studie und den Erwartungen der Autoren.

Im deutschen Bildungssystem herrscht immer noch eine stark ausgeprägte Ungleichheit im Bezug auf Bildung. Dementsprechend sollte es, laut Autoren, in einer modernen Gesellschaft Erklärungen, wenn nicht sogar Rechtfertigungen für Ungleichheiten, auch wenn sie nicht Ungerechtigkeit bedeuten, geben. Da bisherige Studien sich häufig auf den endgültigen Bildungsabschluss beziehen, rückt hier der erste Bildungsübergang in den Vordergrund. Aufgrund der aus IGLU hervorgegangenen Ergebnisse, dass gewisse Kompetenzen wie z.B. die Lesekompetenz im Zusammenhang mit der sozialen Herkunft stehen, könnte man davon ausgehen, dass die Empfehlungen der Lehrer, sowie die Wünsche der Eltern leistungsgerecht sind. Allerdings zeigte IGLU auch, dass es große Mittelwertsunterschiede sowohl bei gleicher, als auch bei unterschiedlicher Empfehlungen gibt. Somit sind sie nur bedingt den Leistungen entsprechend und werfen für diese Studie die Frage nach der Bedeutung von Geschlecht, Migrations- und sozialen Status auf. Für den sozialen Status waren hierfür ausschlaggebend die Schichtzugehörigkeit und der Bildungsstatus der Familie.

Zu erwarten waren, die nicht signifikante Rolle des Geschlechts, wenn zu Gunsten der Mädchen, sowie die geringe Bedeutung des Migrationsstatus, der nicht über schulische Leistung hinaus relevant sei. Eine hohe Bedeutung wurde dem sozialen Status zugewiesen.

Nun etwas zur methodischen Vorgehensweise. Es handelt sich um eine Längsschnittstudie, dessen erste Ergebnisse aus dem Jahre 2003 stammen. Sie wurde durchgeführt in Bayern und die Stichprobe umfasst 719 Schüler und Schülerinnen aus dreißig Klassen, aus dreißig Grundschulen. Wichtig zu erwähnen ist, dass in Bayern die Empfehlung nach der Grundschule als Voraussetzung für den Besuch der weiterführenden Schule gilt. Zum ersten Erhebungszeitpunkt befanden sich die Schüler und Schülerinnen in der dritten Klasse. Als Erhebungsinstrumente wurde ein Leistungstest mit eigens geschulten Testleitern genutzt, sowie umfangreiche Kontextfragebögen, die sowohl Eltern und Lehrer, als auch die Schüler und Schülerinnen selbst, beantworten sollten. Zudem wurden Notenangaben aus vergangenen Schuljahren, eine vorläufige Bildungsempfehlung und die Bildungsaspirationen der Eltern abgefragt. Die Leistungstests waren lehrplanvalide, teststatisch geeignet und orientierten sich an IGLU und TIMSS. Sie umfassten die Fächer Mathe und Deutsch, erforschten aber auch grundlegende kognitive Fähigkeiten.

Nach der Analyse der Ergebnisse der ersten Erhebung stach hervor, dass es eine hohe Differenz zwischen den elterlichen Bestrebungen und den Lehrerempfehlungen gibt. Die Lehrer korrigieren demnach immer nach unten. Als Beispiel: Laut Lehrerempfehlungen sollten 49% der Kinder eine Hauptschule besuchen, jedoch gaben lediglich 15% der Eltern dies als Wunsch an. Bei Kindern, wo beide Elternteile Migranten sind, wird noch häufiger eine Hauptschulempfehlung und um einiges seltener eine Gymnasialempfehlung, ausgesprochen. Bei Kinder mit einem Elternteil, das nicht deutsch ist, unterscheiden sich die Empfehlungen kaum von Kindern, deren Eltern beide keinen Migrationsstatus haben. Zwar sieht man, dass viele Familien mindestens einen Statuserhalt anstreben, das bedeutet, dass das Kind mindestens den gleichen Abschluss, wie die Eltern erreichen sollte, jedoch versuchen immer mehr Eltern die Hauptschule zu vermeiden und immer mehr Familien wünschen sich, dass ihr Kind ein Gymnasium besucht. Die Realschule bleibt hierbei ein eher unbestimmter Mittelweg. Zudem wird in der Studie erkennbar, dass Eltern weniger auf erbrachte Leistungen achten, als Lehrer. Für Lehrer sind Zeugnisnoten ausschlaggebend für ihre Empfehlungen.

Zusätzlich dazu ging aus der Studie hervor, dass Kinder, dessen Eltern einen höheren Abschluss und sozialen Status besitzen, eher Gymnasialempfehlungen bekommen. Doch ist dies darauf rückführbar, dass Kinder bereits im Grundschulalter Leistungsunterschiede aufweisen und der erste Bildungsübergang demnach eher dem Schereneffekt dient.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass die soziale Herkunft und somit die sekundären Herkunftseffekte, mehr auf die Eltern wirken, als auf die Lehrer.

[...]


1 https://m.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138437/ grundbegriffe

2 https://www.politische-bildung-brandenburg.de/node/12791

3 https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/soziale-ungleichheit-44634

4 Möller, Gerd. Benachteiligung beim Übergang in die Sekundarstufe I. Primäre und sekundäre Herkunftseffekte, Online PDF

5 Becker, R. (2009). Entstehung und Reproduktion dauerhafter Bildungsungleichheiten. In R. Becker (Hrsg.), Lehrbuch der Bildungssoziologie (S. 85 - 129). Wiesbaden.

6 Dumont, H., Maaz, K., Neumann, M., Becker, M.: Soziale Ungleichheiten beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I. Theorie, Forschungsstand, Interventions- und Fördermöglichkeiten, in: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 17 (2014) Suppl. 24, S. 141-165

7 vgl. Fußnoten 4 bis 6

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Soziale Ungleichheit am ersten Bildungsübergang. Inwiefern tragen primäre und sekundäre Herkunftseffekte zur Reproduktion von sozialer Ungleichheit bei?
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V983539
ISBN (eBook)
9783346339300
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aktuelle Studien Bildungsforschung Bildungsübergang sekundäre Herkunftseffekte
Arbeit zitieren
Deniese Schulz (Autor), 2019, Soziale Ungleichheit am ersten Bildungsübergang. Inwiefern tragen primäre und sekundäre Herkunftseffekte zur Reproduktion von sozialer Ungleichheit bei?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983539

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