Sprachpolitik in Spanien am Beispiel Kataloniens. Linguistische Konflikte innerhalb eines multilingualen Landes


Bachelorarbeit, 2015

38 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte des historischen Kastilisch
2.1 Kastilische Sprachvariationen im 8. Jahrhundert und heute

3. Die Geschichte des historische Katalanisch
3.1 Katalanische Sprachvariationen der Historie und heute

4. Konflikt zwischen Kastilisch und Katalanisch
4.1 Die Diktatur Francos
4.2 Die Spanische Demokratie
4.3 Der Weg zum Llei de Política Lingüística 1/1998
4.4 Die dos Españas unter einer Flagge
4.5 Die Bedeutung der katalanischen Sprache und Sprachpolitik
4.6 Der neue Autonomiestatus aus dem Jahr 2006

5. Aktuelle Situation der Bilingualität in Katalonien
5.1 Bilingualismus in Katalonien

6. Schlussbetrachtung

7. Bibliographie

1. Einleitung

Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit der Sprachpolitik in Spanien. Innerhalb dieses multilingualen Landes (Kastilisch, Galicisch, Baskisch und Katalanisch) wird an Hand von Katalonien untersucht, in wie weit sich der Konflikt der Sprachpflege und Sprachpolitik auf die Sprecher und ihre Gesellschaft ausgewirkt hat. Angesichts der immer wiederkehrenden Berichte in den Medien über die Situation der Sprachpolitik in Spanien, soll mit einer intensiveren Auseinandersetzung und Behandlung der Thematik außerdem analysiert werden, welcher Stellenwert die Sprache für ein Land und ihre Sprecher darstellt.

Katalonien nimmt gegenüber den anderen Landesteilen Spaniens einen besonderen Stellenwert ein im Hinblick auf die politischen Auseinandersetzungen bezüglich der Entscheidung für die eigene Sprache und ihrer Anerkennung im gesamten Land. In keinem Teil Spaniens waren die geschichtlichen und politischen Entwicklungen so tiefgreifend und verändernd wie in Katalonien. Das ausgeprägte Identitätsbewusstsein der Katalanen, ihr tief verwurzelter Patriotismus und die lang in die Geschichte zurückliegenden Traditionen als auch die starke wirtschaftliche Stellung sorgten für eine bemerkenswerte und besondere Entwicklung. Die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes der Bachelorarbeit entstand vor dem Hintergrund dieses besonderen Stellenwertes.

Zunächst wird in einer sprachgeschichtlichen Einführung das historische Kastilisch und das historische Katalanisch vorgestellt. Darüber hinaus wird ein Überblick über die Sprachvariationen beider Diktionen gegeben.

Im Anschluss an die sprachliche Einführung wird der sprachpolitische Konflikt zwischen dem Kastilischen und Katalanischen genauer betrachtet. Im Laufe dieses Kapitels wird die Situation Spaniens von den Anfängen der franquistischen Diktatur bis hin zur Demokratie detaillierter dargestellt. Es soll herausgearbeitet werden, unter welchen Bedingungen sich die katalanische Sprache und vor allem der Konflikt im Laufe der Jahre gewandelt hat. Die signifikanten Etappen inmitten dieses Konfliktes werden in weiteren Unterkapiteln präziser skizziert. Um sich einen umfangreicheren Eindruck zu dem Thema verschaffen zu können, wird in diesem Zusammenhang der Fokus nicht allein auf den Sprachkonflikt gelegt, sondern ebenfalls auf die politische und geschichtliche Lage Kataloniens.

Im 5. Kapitel werden die Differenzen der Bilingualität der Gegenwart erörtert. Hier wird der Einfluss der Zweisprachigkeit mit dem fortlaufenden Grad der Unabhängigkeit Kataloniens in Verbindung gesetzt.

Im letzten Abschnitt der Arbeit gehe ich in meiner Schlussbetrachtung auf die Frage ein, wie sich die Sprachpolitik aufgrund der historischen Entwicklung und gegenwärtigen Situation auf die Gesellschaft und ihre Sprecher ausgewirkt hat.

2. Die Geschichte des historischen Kastilisch

Die spanische Sprache ist zweifelsohne in Anbetracht ihrer Sprecherzahl eine der am häufigsten verwendeten romanischen Sprachen in der Welt. In Europa wird sie nur von der englischen Sprache und weltweit nur noch vom Hindi-Urdu und vom Chinesischen übertroffen.1 Viele weltweit berühmte Werke wie beispielsweise Don Quijote von Miguel de Cervantes (1547 - 1616) oder Dramen von Lope de Vega (1562 - 1635) und Tirso de Molina (1579 - 1648) verliehen der spanischen Sprache eine Fülle von Expressivität und internationaler Aufmerksamkeit. An dieser Stelle darf man den Fokus nicht allein auf die Iberische Halbinsel legen, denn das Spanische ist ebenso eine Diktion von zahlreichen eigenständigen Nationen auf dem amerikanischen und südamerikanischen Kontinent. Autoren wie der Argentinier Jorge Luis Borges (1899 - 1986) und der Kolumbianer Gabriel García Márquez (1927 - 2014) trugen in gleicher Weise zur Verbreitung der spanischsprachigen Literatur in der Moderne bei.2

Das Spanische findet seinen Ursprung im hispanischen Latein. Durch die Eroberung der Römer (218 - 202 v. Chr.) begann die Lateinisierung der Iberischen Halbinsel. In diesen Eroberungszügen gehörte das heutige Spanien zu den frühsten römischen Kolonien, neben Sizilien und Sardinien. Aufgrund der Eroberungen der Römer und der Lateinisierung der Bevölkerung starb das Iberische, die wichtigste Sprache der Ureinwohner, vollständig aus. Im weiteren Verlauf der Historie übernahmen während der Völkerwanderungszeit Stämme der Germanen, Westgoten, Sueben und Wandalen schließlich die Herrschaft der Römer. Bis zu dem Zeitpunkt des Machtwechsels war die spätlateinisch- frühromanische Sprache in der Bevölkerung fest verwurzelt. Ein weiterer einflussreicher Abschnitt der Entwicklung des Kastilischen war die arabische Herrschaft, die vom Jahr 711 bis zur Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 dauern sollte. Der Kontakt mit dem Arabischen nahm neben dem Spanischen auch signifikanten Einfluss auf das Portugiesische und das Katalanische. Die ersten überlieferten Dokumente, in denen das identifizierte Altspanisch in Erscheinung trat sind die Glosas Emilianenses und Glosas Silenses aus den Jahren 960 – 980 . Laut Bossong thematisieren diese Glossare kirchliche Inhalte in lateinischer Sprache, die jedoch in unverständlich gewordenen Ausdrücken niedergelegt wurden. 3 Darüber hinaus sind aus der arabischen Herrschaft eine kleine Serie an Gedichten überliefert, die in der zu dieser Zeit gesprochenen Sprache, dem Mozarabisch erschienen sind. Das Mozarabisch gilt nicht wie häufig angenommen als eine Sprache des Arabischen, vielmehr ist es eine romanische Sprache. Die Verse der bekannten kharjas aus den Jahren 1039 - 1042 sind wegen ihrer komplexen Schriftform schwer zu entziffern, dennoch gewähren diese Gedichte einmalige Einblicke in die Frühzeit der spanischen Sprache. Die arabische Kultur und der enge Kontakt zwischen Muslimen und Christen sorgte zwischen 711 und 1492 dafür, dass viele nachweisliche Elemente des Arabischen in das Kastilische aufgenommen wurden. Antonio Tovar spricht in seiner Einführung in die Sprachgeschichte der Iberischen Halbinsel von einem Spanien, dass von 711 bis 1492 durch eine multilinguale Sprachenvielfalt geprägt war. Eine einheitliche Sprache war in keinem Landesteil vorhanden. Die Sprachformen waren: das Galicisch-Portugiesische, das Leonesisch-Asturische, das Kastilische, das Aragonesische und das Katalanische. Darüber hinaus waren auf der Iberischen Halbinsel weitere Sprachformen wie das Baskische und das Mozarabisch zu finden. Diese Varietäten waren durch Übergangsformen miteinander verbunden.4 Dieses Phänomen bezeichnen die Linguisten als Dialektkontinuum. Die Verständigung zwischen den Dorfgemeinschaften stellte kein großes Problem dar, allerdings kam es laut Bossong zu umfangreicheren Kommunikationsschwierigkeiten, wenn der Abstand zwischen den auseinanderliegenden Orten zu groß war. Das Kastilische besaß zunächst keine Qualitäten sich gegen die anderen Dialekte als primäre und offizielle Landessprache durchzusetzen.

Während der Reconquista, der muslimisch besetzen Gebiete, erlangte das Kastilische immer mehr Macht und gipfelte in seiner Ausbreitung mit der Einigung des Königreichs Spanien 1476. Die gemeinsame Regierungszeit der beiden miteinander verheirateten katholischen Könige Isabel von Kastilien und Ferdinand von Aragón im Jahr 1469 trug maßgeblich zu dieser Entwicklung bei. Die unausweichliche Verbreitung des Kastilischen fand im schicksalhaften Jahr 1492 einen weiteren Höhepunkt. Mit der Rückeroberung der letzten muslimischen Bastion in Granada und der Vertreibung der Juden, war das friedliche Zusammenleben der drei Religionen und unterschiedlichen Spracheinflüsse beendet. Das Portugiesische und das Katalanische wurde in gleicher Weise wie das Leonesisch-Asturische und das Aragonesische an den östlichen und an den westlichen Rand des Landes gedrängt. In diesem Zusammenhang dehnte sich die Zweisprachigkeit der aragonesischen Krone weiter in alle Himmelsrichtungen aus.5 Eine erste Vereinheitlichung der Sprachexpansion wurde geschaffen. Im selben Jahr veröffentlichte der Humanist Antonio de Nebrija die erste spanische Grammatik. Mit dieser Veröffentlichung wurde unterstrichen, dass der Weg des Kastilischen nun den offiziellen Status einer Landessprache erhalten hatte, nach der sich die Bevölkerung richten sollte. Nebrija widmete die erste spanische Grammatik der Katholischen Königin Isabel. Neben dieser Widmung bezeichnete er die Sprache als Begleiterin des Imperiums. Im selben Jahr entdeckte Christoph Columbus die neue Welt Amerika und die Unterwerfung eines ganzen Kontinentes begann.6 Der unaufhaltsame Siegeszug der Spanier sorgte zusammen mit der Begleiterin des Imperiums für eine Ausbreitung der kastilischen Sprache auf zwei Kontinenten. Die Sprache war wie Nebrija bereits vorher formuliert hatte die Begleiterin des Imperiums, ,,in dem die Sonne niemals untergeht“7.

2.1 Kastilische Sprachvariationen im 8. Jahrhundert und heute

Wie im oberen Abschnitt bereits skizziert war Spanien viele Jahre und Jahrhunderte, vor allem zwischen den Jahren 711 bis 1492 durch eine multilinguale Sprachenvielfalt geprägt. Die gegenwärtige sprachpolitische Lage auf der Iberischen Halbinsel ist folgendermaßen gegliedert: Sie umfasst die zwei europäische Länder, Spanien und Portugal mit ihren Sprachen: dem Portugiesischen, dem Spanisch (Kastilisch) und den Sprachen Galicisch, Baskisch und Katalanisch. Portugal bildet mit Ausnahme einzelner Grenzbezirke zu Spanien ein einheitliches Sprachgebiet. Während Spanien mit seinen vier Sprachen: Galicisch im Nordwesten, Baskisch im Baskenland, Katalanisch in den Regionen Kataloniens, Valencia und den Balearen, Kastilisch in den Regionen innerhalb Andalusiens, auf den Kanaren und im Zentrum des Landes gesprochen wird.8 In der folgenden unten aufgeführten Karte sind die einzelnen Sprachen der Iberischen Halbinsel mit ihren aktuellen Kerngebieten dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung: Die Sprachen der Iberischen Halbinsel

Das zeitweilige Spanien ist mit seinen vier Sprachen 9 kein mehrsprachiger Staat im allgemeinen Sinne. Die vier genannten Sprachen haben in ihren Kerngebieten keinen Monolinguismus. Sie sind dem Kastilischen, die als allgemeine Landessprache gilt, gleichgestellt, haben jedoch einen kooffiziellen Status. ,,Spanien ist ein […] einsprachiges Land mit regionaler Zweisprachigkeit“10. Somit gelten in den jeweiligen Gebieten neben dem offiziellen Kastilisch, entweder Katalanisch, Baskisch oder Galicisch als Amtssprache.

Neben den hier aufgezeichneten Formen innerhalb Spaniens kam es zu einer Ausdifferenzierung zu zwei Hauptvariationen der spanischen Sprache. Grund für diese Aufspaltung war die Entdeckung Amerikas. Zum einen gibt es das Kastilisch im engeren Sinne, das die Regionen im Norden und im Zentrum des Landes umfasst. Zum anderen ergibt sich eine zweite Varietät auf andalusischer Grundlage, die mit der Entdeckung Amerikas zusammenhängt. Diese Varietät wird als atlantisches Spanisch bezeichnet, da die sprachliche Prägung aus Andalusien und von den Kanarischen Inseln noch heute in Teilen Südamerikas deutlich wird. Die Grenze des europäischen Spanisch und des atlantischen Spanisch verläuft nicht zwischen den beiden Kontinenten, sondern bereits innerhalb der Iberischen Halbinsel. Somit gehören die Kanarischen Inseln sprachlich zu Andalusien und Amerika, wohingegen die Sprachen im nördlicheren Teil Spaniens (Zentral - und Nord-Kastilisch, Baskisch, Galicisch und Katalanisch) eine getrennte Spracheinheit bilden.11

Neben diesen Hauptvariationen des Kastilischen bildeten sich zwei Sonderformen des Spanischen heraus. Blickt man in der historischen Geschichte der Iberischen Halbinsel weiter zurück, lebten einst die drei Religionen des Islam, des Christentums und des Judentums miteinander, wenn auch nicht immer friedlich. Als es zur Vertreibung der Juden im Jahr 1492 kam, entwickelte sich unter den Vertriebenen eine spezifische Variante des Judenspanisch. Diese jüdische Variante wurde in der Schrift, Ausdrucksweise und Wortschatz hebräisiert. Noch bis heute ist das Judenspanisch beispielsweise in Form einer jüdisch-spanischen Minderheit in Istanbul erhalten geblieben. Ferner gibt es eine größere Anzahl an Sprechern dieser Variation in Israel.12

Die zweite Sonderform, die sich nach 1492 aus dem Kastilischen entwickelt hat, ist das Morisco. Zu den Moriscos gehören die Muslime und ihre Nachfahren, die sich nach der Rückeroberung der letzten arabischen Hochburg in Granada zwangstaufen ließen und somit im Land weiterleben durften. Wie auch das Judenspanisch wurde das Morisco ebenfalls in seiner Schrift, Ausdrucksweise und im Wortschatz arabisiert. Grundstock dieses weiteren Kulturdialekts blieb stets das Kastilische. Infolge dessen, dass die Moriscos weiterhin ihren Glauben und ihre Kultur heimlich weiterführten, gerieten sie in das Visier der Inquisition. Im Anbetracht der Nicht-Assimilierbarkeit der christlichen Kultur und ihrem Glauben wurden die Moriscos des Landes verwiesen, woraufhin der Dialekt rasch ausstarb.13

In sprachlicher Hinsicht blieb Spanien immer ein Land in stetiger Bewegung, das interne und externe Spracheinflüsse zu bewältigen hatte.

Die katalanische Sprache nimmt in diesem Zusammenhang eine besondere Stellung ein, da sie auf einer am stärksten ausgeprägten regionalen Identität und auf einer langen eigenständigen Tradition beruht.14 Das folgende Kapitel beschäftigt sich damit, welche geschichtlichen Einflüsse diese Ausprägung geformt haben. In einem weiteren Unterpunkt soll dargestellt werden, welche Sprachvariationen des Katalanischen sich aus der geschichtlichen Entwicklung herausgebildet haben.

3. Die Geschichte des historische Katalanisch

Auch wenn man die katalanische Sprache im allgemeinen Kontext eher als Sekundärsprache ansieht und weiterhin unter dem offiziellen Sprachgebrauch des Kastilischen nennt, hat kaum eine andere Sprache in Europa, solch einen enormen Status und genießt umfangreichere Rechte als das Katalanische.

Die katalanische Sprachpolitik wird weltweit als renommiertes Vorbild angesehen. Beispielsweise bedienen sich in Lateinamerika viele Programme zur Verbesserung der indigenen Sprachsituation des Vokabulars und der politischen Instrumente der katalanischen Soziolinguistik.15

In den Anfängen trat die katalanische Kultur und Literatur durch den Mallorquiner Ramón Llull (1232 - 1316) in Erscheinung. Seine Sprache und sein Stil waren von den arabischen Einflüssen des Landes signifikant gekennzeichnet. Heute gilt Llull durch seinen Namen weiterhin als Wegbegleiter der katalanischen Sprache und Kultur im Ausland. Weitere nennenswerte Werke sind laut Karl-Heinz Röntgen die vier Chroniken von Jaume I., von Bernat Desclot, Ramon Muntaner und Pere III. Jene Autoren trugen zum goldenen Zeitalter der katalanischen Literatur zwischen 1350 und 1500 bei.16 Bis die katalanische Sprache allerdings ihren derzeitigen Stand erreicht hatte, zerfiel ihre Verwendung zunächst nach ihrer mittelalterlichen Hochblüte. Erst im Zuge der Romantik (19. Jahrhundert) erwachte ihr Gebrauch wieder zu neuem Leben. Barcelona trat als Hauptstadt des katalanischen Stolzes der Regierung in Madrid entgegen und bildete in Kombination mit der eigenen Sprache ein Symbol der Eigenständigkeit.17

Das Katalanische entstand im Umland der östlichen Pyrenäen. Während der Invasion der Araber, widerstand nur der an den kälteren Bergregionen gelegene nördliche Teil Spaniens den Angriffen der Eindringlinge. Zum Teil wird auch vermutet, dass die kälteren Regionen im Vergleich zur Zentralregion aus klimatischen Gründen für die Bewohner des Orients unattraktiv waren. Die kulturelle Orientierung der Region rund um die Pyrenäen richtete sich primär nach Frankreich und Zentraleuropa aus, anders als der restliche Teil der Iberischen Halbinsel. Zur Zeit der Krone von Aragón im 13. Jahrhundert, lag der wirtschaftliche und politische Schwerpunkt an der Küste im Großraum Barcelona. Außerdem wurde das Katalanische unter der Führung der Krone von Aragón als Amtssprache eingesetzt und verlieh der damals noch beschaulichen Hafenstadt Barcelona formell den Charakter einer Hauptstadt. Die Region der aragonesischen Krone vergrößerte sich mit den anhaltenden Wellen der spanischen Reconquista immer weiter. Als nur noch Granada unter islamischer Herrschaft stand, umfasste das Reich der Krone von Aragón die Regionen von Aragón - Zaragoza, Katalonien, Valencia, das nördlich der Pyrenäen gelegene Roussillion und die Balearen. Die katalanische Sprache befand sich auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung und spiegelte sich in gleicher Weise in der Literatur und anderen Künsten wieder.

Zur Zeit der Einigung Spaniens 1476 verlor das Katalanische sein errungenes Ansehen und wurde dem Kastilischen untergeordnet. Des Weiteren verlor die Region um Barcelona aufgrund der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 seinen wirtschaftlichen Handelsstützpunkt. Die neuen Wirtschaftszentren wurden von Barcelona und Valencia an den Atlantik, nach Sevilla und Cádiz verlegt. Trotz der wirtschaftlichen Stilllegung der katalanischen Region, blieb die Sprache davon unangetastet. Nur in der Region um Valencia wechselten die Adeligen und die Oberschicht zum Spanischen und verließen ihre katalanischen Wurzeln.

Durch die Veröffentlichung der Ode mit dem Titel La pátria von Buenaventura Carols Aribau (1798 - 1862), erwuchs die katalanische Rennaissance. Daraufhin folgten noch viele weitere katalanische Publikationen. Die katalanische Rennaisance, brachte weitere Schriftsteller wie Jacint Verdaguer (1845 – 1902) hervor, der mit seinen Werken L'Atlàntida (1877) und Canigó (1886) an die neu aufflammende katalanische Literatur von Aribau anknüpfte und selbst wegweisend prägte. Nach dieser Wiedergeburt und der Festigung der Sprache durch weitere Veröffentlichungen von Pompeu Fabra (1868 - 1948) zur Orthographie (1913), Grammatik (1918) und Lexik (1932), erfuhr das Katalanische bis zum Ende des Bürgerkrieges 1939 einen erneuten Aufstieg. Durch die Veröffentlichungen von Fabra wurde eine einheitliche Fixierung der katalanischen Sprache und Grammatik herbeigeführt.18 Mit den Anfängen der Franco-Diktatur und Francos Willen, Spanien in der Öffentlichkeit als Einheit zu präsentieren, folgte ein Verbot der Nutzung der katalanischen Sprache innerhalb der Bevölkerung. In den Jahren der Diktatur wurden die Katalanen und ihre Sprache vorsätzlich unterdrückt, verfolgt und diskriminiert. Der Minderheit aus dem Nordwesten des Landes sollte kein Raum in dem vereinheitlichtem Land Spanien gegeben werden. Die vollständige Integration der Sprache ins tägliche Leben konnte erst nach dem Tod Francos (1975) und dem Ende der Diktatur realisiert werden.19

In den darauffolgenden Jahren wurde das politische Ziel der Normalisierung der Generalitat konsequent verfolgt. Das katalanische Verständnis der Normalisierung beinhaltete, dass jeder Mensch sein ganzes Leben in seiner eigenen Muttersprache führen kann. Beispielsweise wird in der katalanischen Soziolinguistik eine Situation als normal angesehen, wenn man ,,vor Gericht oder beim Finanzamt keine andere Sprache verwenden muss als in der Alltagskommunikation mit seiner Familie“20.

Die Normalisierung der katalanischen Sprache beabsichtigte die Einsprachigkeit in Katalonien herbeizuführen. Heutzutage ist für viele Katalanen das angestrebte Ziel noch längst nicht erreicht, hingegen sehen viele nicht katalanisch stämmige Spanier das Stadium der Einsprachigkeit im gegenwärtigen Zeitpunkt als bereits vollendet. Dieses linguistische Problem bildet auf der Iberischen Halbinsel eine breite Grundlage für hohes Konfliktpotential, Diskussionen und Auseinandersetzungen, die schon seit Jahren andauern. Diese Problematik wird im nächsten Kapitel detaillierter erläutert.

Bei einem Besuch der autonomen Region Kataloniens wird deutlich, dass das Katalanische im alltäglichen Leben überall selbstbewusst verwendet wird. Straßenschilder, Namen von Plätzen oder Metrostationen findet man heutzutage auch auf Katalanisch vor. ,,[...] vielmehr soll und muss man heute Katalanisch können, wenn man gesellschaftlich reüssieren will“21.

3.1 Katalanische Sprachvariationen der Historie und heute

Auch wenn die autonome Region Katalonien neben der offiziellen Sprache Kastilisch das Katalanisch als Amtssprache besitzt und auch nutzt gibt es dennoch regionale Unterschiede in den Sprachvariationen. Zunächst soll eine geografische Übersicht hinsichtlich des katalanischen Sprachgebiets gegeben werden. Im Anschluss folgt eine Darstellung der Sprachvariationen innerhalb der katalanischen Sprache.

Das Gebiet, in dem Katalanisch gesprochen wird, umfasst in Spanien die Region Katalonien, den östlichen Rand von Aragón, die Balearischen Inseln und die Region um Valencia. Außerhalb Spaniens wird Katalanisch in der französischen Region Roussillion, in der Stadt Alghero in Sardinen, sowie in dem Pyrenäen-Kleinstaat Andorra, in dem Katalanisch die offizielle Amtssprache ist, gesprochen.22

Die untere Darstellung zeigt das katalanische Sprachgebiet in und außerhalb Spaniens.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung: Das katalanische Sprachgebiet23

Im Katalanischen gibt es zwei Hauptvariationen, die in ihrer Ausprägung viele Subvarietäten bilden. Die Unterschiede zwischen den kleineren Varietäten sind jedoch in keiner Weise so tiefgreifend, dass sie ein Verständigungsproblem darstellen. Grundlegend folgen alle Variationen des Katalanischen den Regeln von Pompeu Fabra. Das Katalanische teilt sich in die Sprachvariationen des Ost - und des Westkatalanischen auf. Zum Ostkatalanischen gehören die Provinzen Barcelona und Girona, die Balearen, ein Teil der Region Tarragona, das Roussillon in Frankreich und die Stadt Alghero in Sardinien. Auf der anderen Seite umfasst das Westkatalanisch die Provinz Lleida, Teile Tarragonas, die gesamte Region Valencia, den östlichen Rand von Aragón und ferner den Staat Andorra.24 Im phonetischen Sinne und auf Grund der geografischen Lage steht das Westkatalanisch dem Kastilischen weit aus näher als das Ostkatalanisch. Überdies orientiert sich das Ostkatalanisch wie vorhergehend angeführt auf Basis der geografischen Gegebenheiten eher zum Französischen als in Richtung Zentralspanien. Zum Teil ist die regionale Zugehörigkeit der Ost- und Westvariationen auf die Reconquista zurückzuführen wie am Beispiel von Valencia deutlich wird. Historisch wurde die Stadt vorwiegend von westkatalanischen Sprechern zurückerobert, somit hat ,,die Reconquista […], wie auch sonst auf der Iberischen Halbinsel, die Verteilung der Sprachen bestimmt“25.

[...]


1 Vgl. Bossong, Georg: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung, Hamburg: Buske 2008 S.75

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. ebd. S.76

4 Vgl. Tovar, Antonio: Einführung in die Sprachgeschichte der Iberischen Halbinsel, Tübingen 1977 SS.72 -74

5 Vgl. ebd. S.45

6 Vgl. Bossong, Georg: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung, Hamburg: Buske 2008 S.77

7 Grunert, Frank und Seelmann, Kurt: Die Ordnung der Praxis: neue Studien zur spanischen Spätcholastik Tübingen: Niemeyer 2001 S.4

8 Vgl. Berschin, Helmut: Die Spanische Sprache.Verbreitung, Geschichte, Struktur, München: Huber 1987 S.39

9 Entnommen aus: http://roble.pntic.mec.es/msanto1/lengua/1actual.jpg (30.09.15)

10 Berschin, Helmut: Die Spanische Sprache. Verbreitung, Geschichte, Struktur, München: Huber 1987 S.42

11 Vgl. Bossong, Georg: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung, Hamburg: Buske 2008 S.79

12 Vgl. ebd. S.80

13 Vgl. Bossong, Georg: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung, Hamburg: Buske 2008 S.81

14 Vgl. Berschin, Helmut: Die Spanische Sprache. Verbreitung, Geschichte, Struktur, München: Huber 1987 S.44

15 Vgl. Bossong, Georg: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung, Hamburg: Buske 2008 S.99

16 Vgl. Röntgen, Karl-Heinz: Einführung in die Katalanische Sprache, Bonn: Romanistisch 1990 S.8

17 Vgl. Bossong, Georg: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung, Hamburg: Buske 2008 S.100

18 Vgl. Röntgen, Karl-Heinz: Einführung in die Katalanische Sprache, Bonn: Romanistisch 1990 S.9

19 Vgl. Bossong, Georg: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung, Hamburg: Buske S.102

20 Ebd.

21 Ebd. S.103

22 Vgl. Berschin, Helmut: Die Spanische Sprache. Verbreitung, Geschichte, Struktur, München: Huber 1987 S.48

23 Entnommen aus: http://www.cataloniavotes.eu/wp-content/uploads/2014/06/language-mapa-d.png (30.09.15)

24 Vgl. Bossong, Georg: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung, Hamburg: Buske 2008 S. 105

25 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Sprachpolitik in Spanien am Beispiel Kataloniens. Linguistische Konflikte innerhalb eines multilingualen Landes
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
38
Katalognummer
V983720
ISBN (eBook)
9783346352699
ISBN (Buch)
9783346352705
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachpolitik, spanien, beispiel, kataloniens, linguistische, konflikte, landes
Arbeit zitieren
Julian Knörich (Autor), 2015, Sprachpolitik in Spanien am Beispiel Kataloniens. Linguistische Konflikte innerhalb eines multilingualen Landes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983720

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