Verjährung in Theodor Fontanes "Effi Briest". Unzeitgemäßheit als Kritikpunkt


Hausarbeit, 2016

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vergangenes, das nicht vergehen will
2.1 Innstetten als Wiedergänger seiner selbst
2.2. Der Chinesenspuk (als Erziehungsmittel)
2.3. Das Duell und die Verjährungstheorie

3. Effi, die Kindsbraut

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Effi Briest. Man könnte sagen, Theodor Fontanes erfolgreichster Roman. Zweifellos, der Bekannteste. Nicht zuletzt dem Deutschunterricht am Gymnasium verschuldet. Dennoch wirkt dieser Roman Fontanes noch weit über die Schulbänke dieser Welt hinaus. Denn der Roman beinhaltet weitaus mehr, als die Geschichte eines Ehebruchs.

Ein Ehebruch, der nicht nur von Leidenschaftslosigkeit gekennzeichnet ist, sondern auch aus einer Leidenschaftslosigkeit entsteht, die eng an eine tiefgreifende Langeweile Effis geknüpft ist. Diese Langeweile resultiert daraus, dass die Zeit in Kessin für Effi nicht zu vergehen scheint. Das Vergehen und Nicht-Vergehen der Zeit und der Ereignisse ist ein Thema, das sich maßgeblich durch die Handlung von Effi Briest zieht und diese entscheidend beeinflusst. Daher ist Effi Briest in vielerlei Hinsicht ein Zeitroman.1 Preußen wird in Effi Briest nicht nur als fin-de-siècle Gesellschaft dargestellt, sondern auch die Zeit an sich wird in ihrer Chronologie so gut skizziert, dass der Leser sie mit Leichtigkeit verfolgen kann.

Der Text selbst macht sich die Zeit zu eigen und nutzt diese, um das Vergehen und Nicht-Vergehen der Zeit und der Geschehnisse zu illustrieren. Dabei fungiert der Text selbst als kritisierende Instanz, um das Handeln und Verhalten der Figuren zu kritisieren und um zu zeigen, dass ihre Handlungen in mehreren Aspekten nicht mehr zeitgemäß sind. Dies geschieht unter anderem mit Hilfe der Verwendung von Leitmotiven, wie dem Spuk des Chinesen. Doch nicht nur die bekannte Gruselgeschichte ist eine Form des Nicht-Vergehens. Der Roman trägt mehrere Ereignisse aus der Vergangenheit in sich, welche die Gegenwart heimsuchen und die nicht-zeitgemäßen Handlungen der Figuren verursacht.

Diese wiederkehrenden Ereignisse aus der Vergangenheit finden sich ferner in der Gegenwart wieder, da sie zum Teil in der Vergangenheit nicht abgeschlossen werden konnten. So ist Innstetten ein Wiedergänger seiner Selbst, indem er Effi heiratet, statt ihrer Mutter. Doch auch das Duell zwischen Innstetten und Crampas ist ein Akt unzeitgemäßer Handlung. Wieder und wieder wird das Leben der Figuren durch Ereignisse aus der Vergangenheit derangiert. Nicht zuletzt gehen die Figuren selbst daran zugrunde. Obwohl sich die Gesellschaft bereits weiterentwickelt hat, fühlen sich die Figuren durch Ereignisse der Vergangenheit zu ihren Handlungen gezwungen.

Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, wie der Roman die Zeit und ihre Strukturen nutzt, um zu verdeutlichen, dass die Figuren in Effi Briest in mehreren Aspekten ein unzeitgemäßes Verhalten und Handeln an den Tag legen. Diese Unzeitgemäßheit der Figuren wird mit der Hilfe von Vergehen und Nicht-Vergehen der Zeit illustriert. Dabei wird das Nicht-Vergehen der Zeit, als eine Vergangenheit dargestellt, welche nicht abgeschlossen ist und daher die Gegenwart heimsucht. Das Vergehen der Zeit bezeichnet dagegen eine Gegenwart, die nicht vergehen will.

2. Vergangenes, das nicht vergehen will

2.1 Innstetten als Wiedergänger seiner selbst

Innstetten wird dem Leser schon zu Beginn des Romans vorgestellt. Allerdings, in der Form einer Binnenerzählung, welche Effi ihren Freundinnen Hulda und Hertha erzählt.2 Dabei erfährt der Leser schon zu Beginn des Romans, dass Innstetten eigentlich um ihre Mutter gebuhlt hat und Innstettens Gefühle auf Gegenseitigkeit beruhten (Vgl. EB, S.12). Doch da Innstetten nicht die Mittel hatte über die Briest verfügte, heiratete Effis Mutter nicht den Mann, den sie liebte, sondern Briest (Vgl. Ebd.). In der Zwischenzeit jedoch, hat sich Innstettens Situation bezüglich seiner Chancen auf eine Heirat erheblich verbessert, da er einen gewissen beruflichen Werdegang hinter sich hat.3 Mit einer ansehnlichen Stellung in der Gesellschaft, wirbt er nun um die Tochter der Frau die er einmal geliebt hat.4 Somit entpuppt sich Geert von Innstetten als Wiedergänger seiner selbst.5 In der Vergangenheit hat er die gegenwärtige Frau von Briest geliebt, doch aufgrund von gesellschaftlichen Konventionen konnte sie den Mann den sie liebte nicht heiraten. Auf die Frage, was denn aus Innstetten wurde, als er nicht Effis Mutter heiratet konnte und ob er sich deshalb das Leben genommen habe antwortet Effi: „Nein, das Leben hat er sich nicht genommen. Aber ein bißchen war es doch sowas.“ (EB, S.12). Geert ist ein wie ein Spuk aus der Vergangenheit, der die Gegenwart heimsucht. Die Geschichte von Effis Mutter und Geert kann aufgrund von Effis Aussage, er habe sich nicht umgebracht, „Aber ein bißchen war es doch sowas.“ (Ebd.) nicht als abgeschlossen angesehen werden. Schließlich impliziert die Antwort Effis, dass Geert von Innstetten auf der einen Seite, nicht Suizid begangen hat, auf der anderen Seite enthält ihre Antwort jedoch auch das Statement, dass Innstetten ein Stück seiner Lebendigkeit verloren, beziehungsweise aufgegeben hat. Somit verkörpert er etwas Vergangenes, das nicht vergehen will. Etwas, das in der Vergangenheit liegt, aber nicht abgeschlossen werden konnte. Häufig wird über vermeidliche Geister, die noch in der Gegenwart herumspuken gesagt, dass sie zu Lebzeiten etwas nicht erledigen, oder vollenden konnten und daher nicht ihren Frieden finden können. Nun ist Innstetten keineswegs ein Gespenst im buchstäblichen Sinne. Jedoch scheint es, als sei er wiedergekehrt, um die Wünsche Effis Mutter aus der Vergangenheit zu erfüllen.6 Da Effis Mutter jedoch eine verheiratete Frau ist, wird die vergangene Rolle der ebenfalls vergangenen Beziehung auf Effi übertragen.7 Daher muss Effi in die alte Rolle ihrer Mutter schlüpfen, um eine vergangene Liebe vollenden zu können. Schließlich ist im Gegensatz zu Frau Briest, Innstetten nicht sesshaft geworden. Dies wird auch mehrfach im dritten Kapitel genannt. „sie [Effis Mutter] hatte es nicht sein können, nun war es statt ihrer die Tochter“ (EB, S. 18) und „Wenn’s die Mutter nicht sein konnte, muß es die Tochter sein.“ (EB, S.19). Es handelt sich also nicht um Liebe zwischen Effi und Innstetten, sondern um eine gewissermaßen vorgegebene Geschichte, die nach den unerfüllten Wünschen der Vergangenheit verlaufen muss.8 Des Weiteren ist es so, dass das Werben Innstettens um Effi bewirkt, dass Innstetten doch noch die Gelegenheit bekommt auf der sozialen Skala aufzusteigen und in den niederen Adel einzuheiraten.9 Es gibt also mehrere Gründe für Innstetten, weshalb eine Eheschließung mit Effi Briest für ihn von Vorteil wäre.

Ein weiteres Argument, das Innstetten zu einem Wiedergänger seiner selbst macht, ist die Tatsache, dass er Effi während der Ehe nicht als Ehepartnerin, sondern eher wie ein Kind behandelt. Schließlich wäre sie auch sein Kind gewesen, hätte er damals Effis Mutter geheiratet. Daher ist auch in dieser Hinsicht das Handeln Innstettens nicht mehr zeitgemäß. Es ist viel zu spät für ihn, die Rolle als Effis Vater einzunehmen, da er in der Vergangenheit nicht ihre Mutter geheiratet hat (Vgl. EB, S. 12). Dennoch tritt Innstetten häufig als ein Erzieher Effis auf. Vor Allem, der Chinesenspuk, welcher unter einem anderen Punkt behandelt wird, wird von Innstetten als Erziehungsmittel für Effi benutzt.10 Außerdem bezeichnet auch Major Crampas Innstetten als eine Art Erzieher (Vgl. EB, S. 125). Doch nicht nur Innstettens Wunsch Effi durch den „Angstapparat aus Kalkül“ (EB, S. 125) zu unterdrücken, beziehungsweise zu erziehen deutet darauf hin, dass es sich nur oberflächlich um eine Beziehung zwischen Eheleuten handelt. Auch Effis Annährungsversuche werden von Innstetten abgewehrt.11 Durch die gesamte Handlung gibt Geert von Innstetten seiner Ehefrau Kosenamen, die darauf hindeuten, dass er sie mehr als ein Kind betrachtet, als eine Partnerin. Dies erwähnt er auch mehr, oder weniger explizit. Allein die Aussage „Ach, Effi, wie du nur sprichst. Weißt du, daß du eine kleine Kokette bist?“ (EB, S. 114) zeigt, dass Innstetten Effi nicht ernst nimmt und ihre Ängste als „Kinderkram“ abtut. Doch auch Sätze wie „[…] meine liebe Effi. Du bist eine reizende kleine Frau, aber Festigkeit ist nicht eben deine Spezialität“ (EB, S. 153), illustrieren geradezu lebhaft, wie Innstetten Effi als ein kleines, instabiles Wesen sieht. Eine geradezu ins Auge springende Form der Verniedlichung. Letztendlich teilt er ihr unmissverständlich mit, dass er sie immer als Kind betrachtet hat: „Innstetten drohte ihr mit dem Finger.’ Effi, du bist mir zu fein. Ich dachte immer, du wärst ein Kind‘ “ (EB, S. 174). Somit handelt Innstetten absolut nicht zeitgemäß. Hätte er Frau von Briest geehelicht, wäre Effi dann seine Tochter gewesen, wäre sein Verhalten ihr gegenüber eventuell legitim, beziehungsweise angebracht und nachvollziehbar. Seine Ehefrau jedoch als Kind zu bezeichnen, macht Innstetten zu einer Art „Schulmeister“12 und nicht zu einem Ehemann.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Geert von Innstetten absolut unzeitgemäß handelt, da er ein Wiedergänger seiner selbst in verschiedenen Facetten ist. Zum einem kehrt er nach circa zwanzig Jahren wieder zu Effis Mutter zurück. Sie kann er jedoch noch immer nicht heiraten, da sie bereits Briests Ehefrau geworden ist. Daher ist Innstettens Vergangenheit mit ihr nicht vollendet. Somit wird Effi die Rolle ihrer Mutter zugeteilt. Sie ehelicht also Geert von Innstetten, um das zu erfüllen, was in der Vergangenheit in der Luft hängen blieb.

Ferner entpuppt sich Innstetten im Laufe der Handlung des Romans immer mehr als ein Spuk der aus der Vergangenheit die Gegenwart heimsucht, indem er sich selbst die Rolle als Erzieher Effis zuspielt. Wäre seine Geschichte mit der gegenwärtigen Frau von Briest in der Vergangenheit vollendet worden, sprich er hätte sie geheiratet, wäre Geert wohl Effis Vater gewesen. Dann wäre sein Verhalten als Erzieher und sein Blick auf Effi als Kind gerechtfertigt gewesen. Allerdings ist dieses Verhalten als Ehemann der Ehefrau gegenüber unangebracht und in diesem Sinne auch unzeitgemäß. Schließlich versucht er mit Effi zwei Rollen aus der Vergangenheit auszuleben, die er schon vor zwanzig Jahren hätte innehalten können, beziehungsweise sollen. Nämlich, die des Ehemanns und die eines Vaters.

2.2. Der Chinesenspuk (als Erziehungsmittel)

Ein weiteres, markantes Motiv des nicht Vergehens ist die Spukgeschichte über den Chinesen. Der Spuk zieht sich durch die gesamte Handlung und wird regelmäßig von Innstetten gegen Effi verwendet. Bei diesem Fall handelt es sich buchstäblich um einen Spuk, der „die Gegenwart […] heimsucht“.13 Schon zu Beginn von Effis Zeit in Kessin erzählt ihr Innstetten von dem Grab des Chinesen (Vgl. EB, S. 43). Dabei gibt Effi vor Innstetten zu, dass sie sich vor der Geschichte gruselt (Vgl. Ebd.). Doch Innstetten lässt die Geschichte nicht auf sich beruhen.14 Wieder und wieder scheint sich das Thema in die Gegenwart einzuschleichen. Es handelt sich bei dieser Spukgeschichte ebenfalls um etwas, das nicht abgeschlossen ist und somit wiederholt die Gegenwart heimsucht, obwohl es eindeutig der Vergangenheit angehört. Daher verweist dieses Phänomen, das sich durch Effi Briest zieht, auf eine zeitliche Inadäquatheit. Eine Inadäquatheit der Spukgeschichte an sich und der Tatsache, dass Innstettens Instrumentalisierung des Spuks (zeitlich) deplatziert ist. Hierbei wird deutlich, wie sich der Roman erneut zeitliche Strukturen zu eigen macht, um die Handlungsweisen der Figuren kritisch zu hinterfragen.

Auffällig ist, dass Innstetten den Chinesen einige Male erwähnt, bevor er Effi die gesamte Hintergrundgeschichte des Spukes erzählt (Vgl. EB, S. 43, 45, 71, 75). Indem Effi die Vorgeschichte vorenthalten wird, speist ihre eigene Vorstellungskraft die gruselige Vorstellung eines Spukes.15 Dass diese Tatsache Effi belastet, bringt sie Innstetten gegenüber zum Ausdruck, was ihn letztendlich dazu verleitet sie mehr über den Chinesen aufzuklären.

„Also es ist doch was damit. Eine Geschichte. Du sagtest schon heute früh so was. Und es wird am Ende das Beste sein, ich höre, was es ist. Solang ich es nicht weiß, bin ich, trotz aller guten Vorsätze, doch immer ein Opfer meiner Vorstellungen. Erzähle mir das Wirkliche. […]“ „Bravo, Effi. Ich wollte nicht davon sprechen. Aber nun macht es sich so von selbst, und das ist gut. Übrigens ist es eigentlich gar nichts.“ (EB, S. 79).

Hier tritt deutlich hervor, wie Innstetten darauf gewartet hat, dass Effi ihn dazu auffordert, ihr die Geschichte zu erzählen. Bisher hat er den Chinesen, beziehungsweise die Spukgeschichte, mehrfach fast nur beiläufig erwähnt. Nichtsdestotrotz hat Innstetten somit erreicht, dass sie sich fürchtet, da eine gewisse Spannung um das Thema erzeugt wurde. Sein Verhalten ist daher unangemessen und unzeitgemäß. Er holt eine eigentlich längst vergangene Geschichte hervor und lässt sie, nicht zuletzt gespeist durch Effis Angst und Vorstellungskraft, wiederaufleben.

Zum einen, verwendet Innstetten den Spuk als ein Erziehungsmittel für Effi (Vgl. EB, S.125), zum anderen entwickelt sich die Gruselgeschichte eher als Quelle der Angst. Dies führt dazu, dass Effi immer mehr in Crampas Arme getrieben wird.16 Als sich Effi also diesbezüglich an Crampas wendet (Vgl. EB, S. 122), erzählt dieser ihr, dass es für Innstetten üblich sei, „Spukgeschichten zu erzählen“ (Vgl. Ebd.). Schlussendlich verläuft das Gespräch so, dass Crampas Effi zu verstehen gibt, dass Innstetten eine Leidenschaft für Pädagogik habe und dies wohl mit der Spukgeschichte zusammenhängt (Vgl. EB, S.124). Somit wird deutlich, dass Innstetten die Rolle des Erziehers zugeteilt wird. Die Erkenntnis, dass Innstetten sich als Erzieher Effis etabliert, versetzt Effi in einen Zustand der Verwunderung:

„Und er will mich erziehen? Erziehen durch Spuk?“ „Erziehen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber doch erziehen auf einem Umweg.“ (EB, S. 124). Effi erfährt also was tatsächlich hinter dem Spuk steckt. Doch während sie über ihre Konversation mit Crampas reflektiert, bezeichnet sie den Spuk, beziehungsweise Innstettens Instrumentalisierung des Spukes, „Angstapparat aus Kalkül“ (EB, S.125). Doch auch Major Crampas macht sich den Spuk zunutze. Das Motiv spielt bei der Annäherung der beiden Figuren definitiv eine Rolle. Schließlich entsteht eine gewisse Nähe zwischen Effi und Crampas, da sie ihn mit ihrem Problem betraut (Vgl. EB, S. 124.). Des Weiteren skizziert Crampas eine Verbindung zwischen Innstetten und dem Spuk, die Effi zuvor nicht bewusst gewesen zu sein scheint. Der Spuk und seine Unzeitgemäßheit kritisiert hier also auch Crampas Verhalten, welches ebenfalls zeitlich deplatziert ist. Einerseits könnte man argumentieren, dass er um einiges älter als Effi ist (Vgl. EB, S. 98), andererseits sind sowohl Effi, als auch Crampas selbst verheiratete Menschen und somit ist es für Crampas der falsche Zeitpunkt, um Effi zu buhlen, dass sie bereits verheiratet ist.

Allerdings lässt Geert von Innstetten auch dann nicht von der Spukgeschichte ab, als er und Effi nach Berlin ziehen. Als Innstetten in Berlin eintrifft, merkt er gleich zu Beginn an „kein Haifisch, kein Krokodil und hoffentlich auch kein Spuk.“ (EB, S. 189). Seine Aussage impliziert also, dass es keine absolute Gewissheit gibt, was einen Spuk im neuen Zuhause anbetrifft. Bei seiner Wortwahl schwingt eine deutliche Ungewissheit mit. Tatsächlich ist es so, dass Innstetten den Spuk aus Kessin mit nach Berlin nimmt. Durch den Umzug nach Berlin könnte man meinen, dass das Leben in Kessin der Vergangenheit angehört. Laut Mülder-Bach erhält Effi selbst eine Vergangenheit durch ihr Leben in Hohen-Cremmen und in Kessin.17 Innstetten jedoch nimmt den Spuk mit, obwohl dieser, selbst in Kessin, eigentlich der Vergangenheit angehörte. Doch wenige Seiten nachdem Innstetten das erste Mal in Berlin den Spuk subtil wieder hervorholt, instrumentalisiert er diesen erneut in einem Gespräch mit Effi: „[…] Spuk aber wird nie gemacht. Spuk ist natürlich.“ „Also glaubst du doch dran?“ „Gewiß glaub ich dran. Es gibt so was. Nur an das, was wir in Kessin davon hatten, glaub ich nicht recht. Hat dir denn Johanna schon ihren Chinesen gezeigt?“ „Welchen?“ „Nun, unsern. Sie hat ihn, eh sie unser altes Haus verließ, oben von der Stuhllehne abgelöst und ihn ins Portemonnaie gelegt. […]“ „Ach, Geert, das hättest du mir nicht sagen sollen. Nun ist doch wieder so was in unserem Hause.“ (EB, S. 193-4).

Effi selbst hätte vermutlich, wenn überhaupt, erst später davon erfahren, dass Johanna den Aufkleber nicht in Kessin gelassen hat. Obwohl Geert weiß, dass die Spukgeschichte Effi Unbehagen bereitet, macht er sie wieder zum Thema der Gegenwart. Was mit dem Umzug hätte in Kessin bleiben und abgeschlossen werden sollen, sucht erneut die Gegenwart heim.

Der Text selbst also verwendet hier das Leitmotiv der Spukgeschichte wiederholt und wird vor allem Geert von Innstetten gegenüber illoyal. Dieses sich durch die Handlung ziehende Motiv wird also auch vom Text instrumentalisiert, jedoch eher als Werkzeug der Kritik an Innstettens Verhalten, als „Angstapparat aus Kalkül“ (EB, S. 125). Letztendlich trägt der Spuk des Chinesen unter anderem dazu bei, Innstetten als Revenant zu entlarven.

2.3. Das Duell und die Verjährungstheorie

Das Duell. Im ersten Moment eine scheinbar romantische Tradition. Ein Kavaliersdelikt. Doch bei weiterem Nachdenken eine verjährte Praxis eines verjährten Ehrenkultus. Um 1900 war die Frau gegenüber dem Mann im Grunde rechtslos.18 Das zu der Zeit der Handlung geltende Gesetz besagte, dass der Mann im Falle eines Ehebruchs seitens der Frau das Recht auf eine widerspruchslose Scheidung hatte.19 Innstetten hätte also mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit die Möglichkeit gehabt, nicht das Leben von Effi und ihrer gemeinsamen Tochter, Annie, zu zerstören. Innstetten hält an einem bereits überholten Wertesystem und Ehrenkodex fest, welcher zwar anscheinend die Ehre des Mannes bewahrt, beziehungsweise retabliert, jedoch die Frau in den gesellschaftlichen Abgrund zwingt.20

Die Briefe werden eher durch einen Zufall, ja durch eine Art schicksalhafter Wendung gefunden. Dabei spielt Annie die Rolle des Katalysators. Sie möchte mit Roswitha einen Wettlauf veranstalten, um herauszufinden, wer am schnellsten die Treppe hinauflaufen kann (Vgl. EB, S. 213). Dabei verletzt sich Effis Tochter am Kopf und sie muss verarztet werden (Vgl. Ebd.). Offenbar wird keine andere Möglichkeit gesehen, als dass Johanna und Roswitha den Nähtisch aufbrechen, um an eine Binde zu kommen (Vgl. Ebd.). Nachdem sich die Aufregung gelegt hat und Annie versorgt wurde, macht sich Innstetten daran den Inhalt des Nähtischs wieder in Ordnung zu bringen (Vgl. EB, S. 215). Dabei fallen Innstetten die besagten Briefe in die Hände (Vgl. EB, S. 215-6). Er erkennt die Schrift auf den Umschlägen und realisiert schnell, um was für Briefe es sich bei dem Bündel genau handelt (Vgl. EB, S. 216). Obwohl er die Briefe erst Jahre nach der Affäre findet, ist sein Ehrgefühl verletzt.21 Kurze Zeit nach dem Fund der Briefe findet das für das Duell ausschlaggebende Gespräch zwischen Innstetten und Wüllersdorf statt.

Der Ehebruch Effis, der mit dem Umzug nach Berlin beendet sein sollte, sucht hier also ebenfalls die Gegenwart wieder heim. Die Affäre gehört also auch zu den Dingen, die ab einem gewissen Zeitpunkt der Vergangenheit angehören, jedoch trotzdem in der Gegenwart herumspuken. Doch gerade aus dem Grund, dass die Affäre schon mehrere Jahre zurückliegt, entsteht dieses Gespräch zwischen den beiden Männern. Innstetten redet von einer Verjährungstheorie und der Leser erfährt explizit, dass die Affäre „sechs oder sieben Jahre“ zurückliegt (EB, S. 219). Diese Verjährungstheorie ist ein Argument dafür, sich gegen das Duell zu entscheiden. Laut Innstetten selbst, hat „die Zeit, rein als Zeit“ (Ebd.) gewirkt. Die Affäre liegt schon eine lange Zeit zurück und Innstetten ist eher dazu geneigt Effi zu verzeihen, da er keinerlei Rachsucht oder Ähnliches empfindet (Vgl. Ebd.). An dieser Stelle hat Innstetten noch die Möglichkeit die ganze Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Also die Dinge der Vergangenheit nicht in der Gegenwart aufzuwühlen. Alle Argumente der Zeit sprechen dafür. „[…], wenn ich mich frage, warum nicht, so kann ich zunächst nichts anderes finden als die Jahre“ (EB, S. 219). Obwohl sich Innstetten doch dazu entscheidet, Major Crampas zu einem Duell aufzufordern, ist der erste Impuls, es nicht zu tun, aufgrund der Zeit, die seit dem Ehebruch schon vergangen ist.

Doch trotz den Argumenten der Zeit, findet Geert von Innstetten andere Argumente, die, seiner Meinung nach, dafürsprechen, Crampas den Garaus zu machen. Dabei fungieren die oben genannten, plausiblen und vernünftigen Argumente der Zeit wieder als Kritik, um Innstettens weiteres Verhalten zu kritisieren. Denn wenn die Zeit dagegenspricht, dann ist es die Konstruktion eines Ehrenkultus, die Innstetten dazu zwingen Crampas zum Duell aufzufordern.22 Als Wüllersdorf ihn fragt, „wozu die ganze Geschichte?“ (EB, S. 220), denn die Argumente der Zeit scheinen eindeutig zu sein, antwortet ihm dieser

„Weil es trotzdem sein muß. Ich habe mir’s hin und her überlegt. Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind durchaus abhängig von ihm. Ging es, in Einsamkeit zu leben, so könnt ich es gehen lassen […] Man kann ihn, wenn man weltabgewandt weiterexistieren will, auch laufen lassen. Aber im Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas ausgebildet, das nun mal da ist und nach diesen Paragraphen wir uns gewöhnt haben alles zu beurteilen, die anderen und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf. […] jenes […] uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muß.“ (EB, S. 220).

[...]


1 Vgl. Mülder-Bach, Inka: Verjährung ist (…) etwas Prosaisches. Effi Briest und das Gespenst der Geschichte. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte Heftnr. 4 (2009), S. 619-642, hier: S. 624.

2 Vgl. Fontane, Theodor. Effi Briest. Goldmann Verlag 1997; im Folgenden zitiert als EB.

3 Vgl. Neumann, Gerhard: „Eigentlich war es doch ein Musterpaar“. Die trübe Passion der Effi Briest. In : Cahiers d’études germaniques: publication semestrielle des Instituts d’Etudes Germaniques. 2003. S. 209-228, hier, S. 212.

4 Vgl. Ebd.

5 Vgl. u.a. Renate Böschenstein: „Die Ehre als Instrumente des Masochismus in der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts“. In: Johannes Cremerius, Wolfram Mauser Carl Pietzcker, Frederick Wyatt (Hrsg.). Freiburger literaturpsychologische Gespräche, 7 Masochismus in der Literatur. Würzburg 1988, S: 34-55, hier: S. 49 ff.

6 Vgl. Neumann, Gerhard: Die trübe Passion der Effi Briest, S. 215-216.

7 Vgl. Ebd.

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. Neumann, Gerhard: Die trübe Passion der Effi Briest, S. 212.

10 Vgl. Rueth, Nicole: Schweig stille, mein Herze. Die Problematik der Ehe und des Ehebruchs in den Romanen von Theodor Fontane. Saarbrücken 2008. S. 65-93, hier: S. 80.

11 Vgl. To, Ki-suk: Ehe und Ehebruch in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Untersuchungen zu Gutzkow, Stifter, Büchner und Fontane. Berlin 2003, hier: S. 171.

12 Brunner, Maria E.: Geschlechterdiskurs in Henrik Ibsens ‚ Ein Puppenheim ‘ und Theodor Fontanes Effi Briest. In: Estudios filologicos alemanes. Sevilla 2007 (Bd. 13), S. 439-446, hier: S. 444.

13 Mülder-Bach, Inka : Effi Briest und das Gespenst der Geschichte, S. 628.

14 Vgl. Mülder-Bach, Inka: Effi Briest und das Gespenst der Geschichte, S. 636.

15 Vgl. Rainer, Ulrike: „ Effi Briest und das Motiv des Chinesen. Rolle und Darstellungen in Fontanes Roman“, ZdPh 191 (1983), S.545-561; Ingrid Schuster. „Exotik als Chiffre: Zum Chinesen in Effi Briest. Wirkendes Wort 33 (1983), S. 111-125; Peter Urz . Effi Briest, der Chinese und der Imperialismus. Eine Geschichte im geschichtlichen Kontext. ZdPh 193 (1984), S. 212-225; Judith Ryan. The Chinese Ghost. Colonialism and Subaltern Speech in Fontane’s Effi Briest. In:William Collins Donahue, Scott Deham (Hrsg.), History and Literature. Essays in Honor of Karl S. Guthke, Tübingen (2000), S. 367-384.

16 Vgl. Mülder-Bach, Inka: Effi Briest und das Gespenst der Geschichte, S. 622, 629.

17 Vgl. Mülder-Bach, Inka : Effi Briest und das Gespenst der Zeit, S. 629.

18 Vgl. Mende, Dirk: Nachwort zu Effi Briest. In: Fontane, Theodor. Effi Briest. Goldmann Verlag 1997. S. 277-309, hier: S. 278-9.

19 Vgl. Ebd.

20 Vgl. To, Ki-suk: Ehe und Ehebruch in der Literatur des 19. Jahrhunderts. S. 176-7.

21 Vgl. Neumann, Gerhard: Die trübe Passion der Effi Briest, S. 213.

22 Vgl. Roch, Herbert: Fontane, Berlin und das J9. Jahrhundert. Frankfurt am Main 1966, S. 222.

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Details

Titel
Verjährung in Theodor Fontanes "Effi Briest". Unzeitgemäßheit als Kritikpunkt
Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V983723
ISBN (eBook)
9783346340641
ISBN (Buch)
9783346340658
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verjährung, theodor, fontanes, effi, briest, unzeitgemäßheit, kritikpunkt
Arbeit zitieren
Elisa-Maria Schneider (Autor), 2016, Verjährung in Theodor Fontanes "Effi Briest". Unzeitgemäßheit als Kritikpunkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983723

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