Ziel dieser Arbeit ist es, diskriminierende Sprechakte in der Forenkommunikation zu identifizieren und herauszuarbeiten, wie sie tatsächlich realisiert werden. Diese Arbeit nimmt die getippten Äußerungen in öffentlicher computerbasierter Kommunikation in Diskussionen des Videoportals YouTube in den Blick, da es eines der meistgenutzten Foren ist.
Zu diesem Zweck wird eingangs kurz die Beziehung von Sprache und Medien hinsichtlich der zu beachtenden Weiterentwicklung des sprachwissenschaftlichen Zugangs untersucht. Denn die traditionellen sprachwissenschaftlichen Analyseinstrumente müssen beispielsweise hinsichtlich der Bezugselemente Mündlichkeit und Schriftlichkeit an den Kommunikationsraum Internet angepasst werden.
Der sprachliche Ausdruck diskriminierender Äußerungen wird mit Hilfe des linguistischen Instruments der funktional-pragmatischen Diskursanalyse untersucht. Dies kann in diesem Rahmen vorerst innerhalb einer beispielhaften Analyse geschehen, die weitere Forschungsvorhaben in diesem Bereich vorbereiten und anstoßen kann.
Um die Thematik Diskriminierung auf fundierter Ebene in die Analyse einzubeziehen, wird im Theorieteil ein Überblick zu Diskriminierung gegeben. Auch wird der sprachwissenschaftliche Zugang und Online Hate Speech beleuchtet. Erkenntnisse und Werkzeuge der sprachwissenschaftlichen Diskriminierungsforschung werden erläutert und schließlich im Emipirieteil angewandt. Dafür werden die Analysekategorien diskriminierende Nomination, Prädikation, und Argumentation im empirischen Teil mit der funktionalpragmatischen Diskursanalyse verknüpft und unter Bezugnahme auf die Erläuterungen über Diskriminierung im medialen Sprachraum in die Analyse der YouTube Kommentare einbezogen.
Diskriminierende Äußerungen in medialer Kommunikation sind anhand des schier unendlichen Fundus Internet nicht ganzheitlich überprüfbar und die Kontrolle des öffentlichen Meinungsaustausches außerdem fraglich in Hinblick auf die Meinungsfreiheit. Die Frage, ob das Menschenrecht Meinungsfreiheit auch in Form diskriminierender und propagandistischer Meinungsmache, die zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung beitragen, im Netz Raum behalten sollte oder ob der Schutz vor (medialer) Gewalt dieser vorrangig sein sollte, kann in dieser Arbeit nicht geklärt werden, wird aber ausblickend soweit es der Umfang zulässt, diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Computerbasierte Sprache zwischen mündlicher Flüchtigkeit und schriftlicher Vielfalt: Eine kritisch vorbereitende Betrachtung
3 Diskriminierung und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
3.1 Begriffsbestimmung
3.2 Sprachwissenschaftliche Diskriminierungsforschung
3.3 Diskriminierung in öffentlicher Forenkommunikation
4 Methodische Annäherung
5 Empirischer Teil
5.1 Analyse
5.2 Diskussion der Ergebnisse
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie diskriminierende Sprechakte in computerbasierter Forenkommunikation identifiziert und realisiert werden. Ziel ist es, sprachwissenschaftliche Analyseinstrumente auf den Kommunikationsraum Internet zu übertragen, um diskriminierende Argumentationsmuster in YouTube-Kommentaren offenzulegen und deren soziale Bedeutung innerhalb von Diskursen zu erfassen.
- Sprachwissenschaftliche Diskriminierungsforschung in digitalen Medien
- Funktional-pragmatische Diskursanalyse im Internet
- Identifikation und Kategorisierung diskriminierender Nominationen, Prädikationen und Argumentationen
- Die Rolle der Anonymität und Deindividuation bei Online Hate Speech
Auszug aus dem Buch
3.2 Sprachwissenschaftliche Diskriminierungsforschung
Wie bei den meisten gesellschaftlichen Phänomenen nimmt das Medium Sprache eine Hauptfunktion innerhalb des Themenbereichs ein. Als zentrales Mittel bietet sie die Möglichkeit zwischen Menschengruppen zu unterscheiden, zu bewerten, zu stigmatisieren und so beispielsweise Vorurteile zu reproduzieren. Diskriminierung kann also durch Sprache vollzogen werden. Gleichzeitig ist Sprache selbst Gegenstand von Diskriminierung, wenn sie herabgewürdigt, verboten oder belacht wird. Schließlich stellt Sprache ebenfalls eine Möglichkeit des Widerstands gegen Diskriminierung dar, wenn sie eingesetzt wird um Ungleichbehandlungen aufzudecken, auf Diskriminierung aufmerksam zu machen und Leitfäden für anti-diskriminierenden Sprachgebrauch zu entwerfen. Diese drei Zusammenhänge von Sprache und Diskriminierung können sich gegenseitig bedingen, beeinflussen oder überschneiden. (vgl. Reisigl 2017: 83, 84)
Reisigl (2017: 85) betont die Relevanz der Differenzierung von verschiedenen Diskriminierungsarten, beziehungsweise -bezügen. Wie im vorhergehenden Punkt zusammengefasst, sind die Bezüge auf Menschengruppen und somit auch die sozialen Konstrukte zahlreich. Die Verflechtung und Bezüge innerhalb der Begriffe und der Disziplinen, die sich mit ihnen beschäftigen sowie implizite und indirekt diskriminierende Äußerungen lassen eine Differenzierung nicht immer zu. Eine kritisch sprachreflexive Haltung hinsichtlich persönlicher Annahmen und vor allem Meinungen muss also konsequent aufrecht erhalten werden.
Reisigl (2017: 86) betont außerdem die Schwierigkeit mit multiplen, intersektionalen sowie kumulierenden Formen der Diskriminierung umzugehen. Multiple Diskriminierung ist gegeben, wenn die diskriminierenden Handlungen Bezug auf mehrere voneinander abgegrenzte Merkmale der diskriminierten Gruppe nehmen. Intersektional ist Diskriminierung, wenn ihr ebenfalls verschiedene Merkmale zugrunde gelegt sind, welche aber als simultan angesehen werden und auf eine Situation wirken. Kumulierende Diskriminierung liegt vor, wenn sich Unterscheidungsmerkmale gegenseitig verstärken, also mehrere Diskriminierungsfaktoren auf eine Person zutreffen, beispielsweise, wenn Sexismus und Ethnizismus einander potenzieren. (vgl. ebd.)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik von Hassreden im Internet ein und definiert das Ziel der Arbeit, diskriminierende Sprechakte in YouTube-Kommentaren funktional-pragmatisch zu analysieren.
2 Computerbasierte Sprache zwischen mündlicher Flüchtigkeit und schriftlicher Vielfalt: Eine kritisch vorbereitende Betrachtung: Dieses Kapitel erörtert die sprachliche Spezifik computerbasierter Kommunikation und stellt fest, dass herkömmliche Konzepte von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Internet verschwimmen.
3 Diskriminierung und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Hier werden theoretische Grundlagen zu Diskriminierung, Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und linguistischen Analysekategorien wie Nomination und Prädikation erarbeitet.
4 Methodische Annäherung: Es wird die funktional-pragmatische Diskursanalyse als Methode vorgestellt, um Sprechhandlungen in ihrem institutionellen und situativen Kontext im Internet zu untersuchen.
5 Empirischer Teil: Die Analyse von YouTube-Kommentaren zu einem Videobeitrag illustriert, wie durch Sprache Fremdgruppen konstruiert und Diskriminierungen reproduziert werden.
6 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Online Hate Speech eine reale soziale Gefahr darstellt und plädiert für ein geschärftes Bewusstsein im Umgang mit diskriminierenden Mustern in der alltäglichen Sprachverwendung.
Schlüsselwörter
Diskriminierung, Sprachwissenschaftliche Diskriminierungsforschung, Online Hate Speech, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, YouTube, Forenkommunikation, Funktional-pragmatische Diskursanalyse, Sprechakte, Nomination, Prädikation, Argumentation, Soziale Konstrukte, Anonymität, Deindividuation, Intersektionalität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Identifikation und Analyse diskriminierender Sprachmuster in öffentlichen, computerbasierten Forendiskussionen am Beispiel von YouTube.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind sprachliche Diskriminierung, Online Hate Speech, die mediale Konstruktion von Fremdgruppen und die Anwendung funktional-pragmatischer Diskursanalyse.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es, diskriminierende Sprechakte in Kommentaren zu identifizieren, deren Realisierungsformen zu erarbeiten und zu zeigen, wie Sprache zur Reproduktion von Menschenfeindlichkeit im Netz genutzt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?
Die Arbeit verwendet die funktional-pragmatische Analyse, um sprachliche Äußerungen als funktionales Handeln innerhalb eines spezifischen Kommunikationsrahmens zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Diskriminierungsforschung und einen empirischen Teil, in dem konkrete Kommentarverläufe auf YouTube linguistisch analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Diskriminierung, Online Hate Speech, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Funktional-pragmatische Diskursanalyse und mediale Kommunikation.
Inwiefern beeinflusst der Begriff der Anonymität die untersuchte Kommunikation?
Die Autorin argumentiert, dass die Anonymität im Internet soziale Hemmschwellen senkt und Prozesse der Deindividuation begünstigt, wodurch diskriminierende Äußerungen zur Normalität im Forendiskurs werden können.
Welche Rolle spielen "Nominationen" bei der Diskriminierung in den Foren?
Nominationen (Benennungen) dienen dazu, Menschengruppen zu kategorisieren und abzuwerten. Die Analyse zeigt, dass Begriffe wie "Ausländer" oder "Kanax" genutzt werden, um eine klare Grenze zwischen einer "Eigengruppe" und einer "Fremdgruppe" zu ziehen.
- Arbeit zitieren
- Meike Exner (Autor:in), 2019, Sprachwissenschaftliche Diskriminierungsforschung auf Youtube. Eine Untersuchung der Argumentationsmuster in einer Forendiskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983808