Wolf, Christa - Was bleibt


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

16 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG

II. SPRACHREFLEXIONEN - DIE ANDERE SPRACHE

III. STICHWORT ,,ZEIT"

IV. SCHLUßBETRACHTUNG

V. BIBLIOGRAPHIE

1. Primärtexte

2. Sekundärliteratur

I. Einleitung

Um die Veröffentlichung von Christa Wolfs Erzählung ,,Was bleibt" entbrannte 1990 eine Kontroverse, die in der Zeit der Wiedervereinigung als deutsch-deutscher Literaturstreit durch alle Medien ging. Dabei richtete sich die Kritik in erster Linie gegen die Person von Christa Wolf, die mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, daß sie sich als ehemals privilegierte Schriftstellerin des SED-Regimes nun mit der Erzählung ,,Was bleibt" zu Unrecht in der Opferrolle präsentieren wolle1.

Der oft an Christa Wolf gerichteten Aufforderung, sich zu den Auseinandersetzungen um ihre Person und um ihre Erzählung zu äußern, kam die Autorin nicht nach. Es findet sich lediglich ein Hinweis, der sich direkt auf die Erzählung bezieht, in ihrem 1994 veröffentlichen Band ,,Auf dem Weg nach Tabou":

,,Unter anderem warf man mir ja vor, ich, die ich eigentlich `Staatsdichterin' gewesen sei, würde mich in diesem Text widerrechtlich als Verfolgte aufspielen. Ich muß mich fragen, ob die Leute nicht lesen können, oder nicht lesen wollen; vielleicht beides."2

Die Stimmen für Christa Wolf im Literaturstreit hielten den Kritikern entgegen, daß es in den Rezensionen an Textarbeit häufig mangle und politische Fragen bei der Beurteilung der Erzählung in den Vordergrund treten würden:

,,Die Amplitude der Wertungen schlägt mächtig aus. Nicht immer läßt sich dabei

Seriosität konstatieren, erst recht dann nicht, wenn die Beschäftigung mit dem Werk zurücktritt hinter Bestrebungen, mit dem Ende der DDR auch deren Literatur unter dem Vorwand staatstragender Affirmation `abzuwickeln'."3

Zu einer Auseinandersetzung mit dem Text der Erzählung kam es dann in einer zweiten Phase der Rezension, die zumeist in Fachzeitschriften und nicht mehr in der Boulevardpresse geführt wurde und in der man sich ,,von den Einengungen des Literaturstreits"4 zu lösen begann; sich dem eigentlichen Text ,,der Erzählung selbst, ihrem Thema, ihrer Eigentüm- lichkeit"5 zuwandte.

Dabei wurde nun auch berücksichtigt, daß der Text als Erzählung ein fiktiver Text ist. Eine Tatsache, die der Autorin ,,die Freiheit gibt Motive und Figuren zu erfinden"6. Wenn sich auch die Erlebnisse einer bestimmten Lebensphase Christa Wolfs in der Erzählung widerspiegeln7, läßt die Fiktion der Erzählung dennoch nicht zu, daß ,,Was bleibt" ,,auf den Status einer autobiograpischen Bekenntnisliteratur reduziert"8 werden kann. Wenn es auch nicht das Ziel der vorliegenden Seminararbeit ist den inzwischen gut dokumentierten Literaturstreit9 um Christa Wolf nachzuzeichnen oder zu erläutern, ist ein kurzer Überblick vor der Beschäftigung mit dem Text doch nützlich.

Nachstehend soll am Text der Erzählung aber der Zeitbegriff und die Utopie einer ,,anderen" Sprache untersucht werden. Sprache, Zeit und die Auseinandersetzung des erzählenden Ich mit diesen beiden Größen sind konstitutive Elemente der Erzählung.

II. Sprachreflexionen - die andere Sprache

Die Erzählung ,,Was bleibt" zeigt die Perspektive einer observierten Schriftstellerin, die in inneren Monologen und Dialogen (mit dem ,,Selbstzensor"10 ) ihre Lebenssituation hinterfragt. Der Text beginnt mit einer Reflexion über Sprache, die ein wichtiges Element der gesamten Erzählung bleibt. Der bestehenden Sprache, in der die Erzählerin ,,immer noch denken mußte" (Wb S. 8) wird eine imaginäre, andere Sprache gegenübergestellt, die sie ,,im Ohr, noch nicht auf der Zunge habe" (Wb S. 5).

In der Vorstellung der Protagonistin soll diese Sprache allen Anforderungen gerecht werden, die die bestehende Sprache für sie nicht mehr zu erfüllen vermag. Die Charakterisierung dieser anderen Sprache kommt somit der Beschreibung der Defizite, die die bestehende Sprache für die Erzählerin hat, gleich. ,,Härter" (Wb S. 8) sollte die neue Sprache sein, sie würde ,,gelassen das Sichtbare dem Unsichtbaren opfern; würde aufhören, die Gegenstände durch ihr Aussehen zu beschreiben (...) würde mehr und mehr das unsichtbare Wesentliche aufscheinen lassen" (Wb S. 13); sie wäre ,,schonend und liebevoll" (Wb S. 13) sowie zutreffender (Wb S. 15) und ,,freier" (Wb S. 20) als die alte Sprache. Die Charakterisierung ist unklar und teilweise wider-sprüchlich (,,zupackend" Wb S.13 - ,,liebevoll" Wb S. 13; ,,schonend" Wb S. 13 - ,,härter" Wb S. 8). Ihre Beschreibung unterstreicht, daß es sich bei dieser Sprache um eine Vorstellung handelt, deren Eigenschaften erahnbar, aber nicht konkret wie die Realität sind. Es ist die Suche nach einer Sprache, die sich ,,jeglicher Sprachohnmacht annehmen sollte" (Wb S. 30), und damit die Suche nach einer Sprache mit der Macht zu kommunizieren uns sich zu verständigen.

Es stellt sich die Frage, woher der Wunsch nach einer solchen neuen Sprache kommt.

,,Das Bedürfnis, auf eine neue Art zu schreiben, folgt, wenn auch mit Abstand einer neuen Art in der Welt zu sein."11

Die Unmöglichkeit der Erzählfigur sich in der Sprache der Gesellschaft in der sie sich bewegt und in der sie lebt auszudrücken, verweist auf einen solchen grundlegenden ,,Wechsel der

Weltempfindung"12, der in der Erzählerin vorsichgegangen ist. Ihre Schwierigkeiten mit den

,,Wörtern, sie sich beflissen überstürzend, hervorquellen, wenn ich den Mund aufmache, angeschwollen von Überzeugungen, Vorurteilen, Eitelkeit, Zorn, Enttäuschung und Selbstmitleid" (Wb S. 9) und die Probleme mit der Einhaltung von ,,harmlose[n] Übereinkünften (.). Das ging doch früher. Wann ? Als hinter den Sätzen mehr Ausrufezeichen als Fragezeichen standen ?" (Wb S. 10) zeigen dieses veränderte Empfinden, das sich als Schreibblockade der ich-Erzählerin auswirkt. Der Schreibtisch wird ihr zum ,,Foltertisch" (Wb S. 71)

Die bestehende Sprache bietet ihr keine Möglichkeit mehr, sich zu artikulieren. Sie kommt über einige Zeilen nicht hinaus; denkt dabei gar nichts (Wb S.13). Dennoch unterliegt sie dem Druck alles formulieren zu müssen (,,Daß ich immer den Zwang fühlte alles ausdrücken zu müssen" Wb S. 38) und in eiserner Arbeitsdisziplin (Wb S.25) am existentiellen Vorgang des Schreibens festzuhalten.

Ein quälender Zwiespalt, dessen Grund in der durch die Observation ausgelösten Isolation der ich-Erzählerin liegt. Ihrer Ausgrenzung aus der Gesellschaft ergibt sich die Erzählerin nicht völlig freiwillig. Sie versucht anfangs sich der ,,Gegenpartei" anzunähern (Wb S. 18 und 19), z.B. durch Teekochen für die jungen Männer im Auto, von dem aus sie observiert wird (Wb S.18). Sie ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch weiterhin ein Teil dieser Gesellschaft zu sein (,,Mein beschämender Wunsch mich mit allen Arten von Leuten gut zu stellen." Wb S. 18) und einer elitären Vorstellung über sich selbst (Wb S. 20), die sie aufgrund der ausschließend wirkenden Observation und ihrer neuen ,,schärfer[en]" Sicht der Welt erlangt hat (Wb S. 57). Ihren Anknüpfungspunkt zu Staat und Gesellschaft, die sie im Begriff ihrer Stadt (Wb S. 33) mit dem Sinnbild der ,,jungen Herren" als feindlich verbindet (Wb S. 34), sucht sie zwar immer wieder im Argument, diese Leute seien auch nur Menschen (,,persönlich hatten wir doch nichts gegeneinander" Wb S. 18). Trotzdem ist in jedem reflektierten Gedanken der ich-Erzählerin die Distanz und das Wissen um ihre Fremdheit in dieser Welt bald immer deutlicher. (Wb S.19 "Sie waren nicht meinesgleichen."). Als die Erzählerin begreift: ,,für Beteuerungen und Erklärungsversuche gab es keinen Adressaten, ich mußte annehmen, wogegen ich mich so lange gesträubt hatte, die jungen Herren waren mir nicht zugänglich." (Wb S. 19), vertieft sich ihr Gefühl der Fremdheit (,,Ich war in der Fremde Wb S. 32 und Wb S. 38).

,,Meiner Ansicht nach liegt ein Widerspruch begraben zwischen dem Anspruch einer kritischen und produktiven Haltung gegenüber der Gesellschaft und dem starken Gefühl von Übereinstimmung (...). Ihre [Christa Wolfs] Biographie wie auch ihre

Prosatexte zeugen von diesem Spannungsverhältnis, das uns einen ganz neuen Einblick in die fiktionalen Texte gibt."13 Es ist also der Spannungsbogen zwischen einer Utopie und dem Untergang eines Individuums im Utopieverlust14, den Christa Wolf in ihrer Erzählung ,,Was bleibt" nachzeichnet. Dabei ist die Utopie einer neuen Sprache gleichzeitig auch die Utopie einer neuen Gemeinsamkeit bzw. Gemeinschaft:

,,Suchte ich nicht nur nach Vorwänden, jene vielleicht doch nicht eigenschaftslosen jungen Männer aus meinem Mitgefühl auszustoßen, weil sie mich aus dem ihren ausgestoßen hatten? (...) Meine neue Sprache (...) müßte auch von ihnen sprechen können (...)" (Wb S. 30)

Der Ausgangspunkt für diese Utopieforderung liegt danach in der Erzählerin selbst und ,,erstreckt sich jetzt nicht allgemein auf verbesserte Lebensformen, sondern konkret auf die eigene dichterische Sprache, die nicht an die neue Sprache heranreichen kann".15 Die Kommunikationsversuche des isolierten Ichs in der bestehenden Sprache sind von Mißtrauen geprägt(,,Als-ob-Briefe" Wb S. 61) und gehen ,,am wahren Text vorbei" (Wb S. 23).

,,Während die Observation, die einschüchtern soll, offensichtlich von statten geht, jedoch kein Gegenstand der öffentlichen Rede sein darf, gehorcht die Kommunikation geheimnisvollen Grenzen des Verbergens."16

Die Erzählerin kann oder darf in der bestehenden Sprache also nicht ,,darüber" (Wb S. 5), über ihren ,,wunden Punkt" (Wb S. 108) reden, den sie aus Angst sogar vor sich selbst geheimzuhalten scheint.

Das Angst-Motiv wird mit dem der Sprache eng verwoben und wie dieses ebenfalls auf der ersten Seite der Erzählung eingeführt. Die Floskel ,,Nur keine Angst" (Wb S. 5) belegt dabei das Gegenteil, nämlich das Vorhandensein von Angst. Sicher ist diese Angst in Zusammenhang mit der Observation zu verstehen (Wb S. 20). Zu dieser, durch die Überwachung ausgelösten Angst, kommt nach Herbert Lehnert eine andere Angst, die die Protagonistin blockiert:

,,Es ist die [weitere] Angst vor dem Verstummen, nämlich davor, daß die Sprache, die die Erzählerin im Sozialismus gelernt hat, vor ihrem Konflikt mit der sozialistischen Staatsmacht und seinen Folgen in ihr selbst versagt."17

Dem Text der Erzählung nach ist die Erzählerin in der bestehenden Sprache bereits verstummt. Sie kommt über einige Zeilen nicht hinaus (Wb S. 13), sie schreibt nicht in ihr Tagebuch, sondern macht Eintragungen (Wb S. 66). Die alte Sprache ist unzutreffend und hohl. Für die Erzählerin hat sie längst versagt. Die Angst besteht vielmehr darin, die neue Sprache vielleicht niemals zu finden. ,,Würde ich meine Sprache je finden?" (Wb S. 5) sorgt sich diese Schrift-stellerin. Da ihre Sprache d.h. die Fähigkeit sich über das Schreiben mitzuteilen, für das erzählende Ich den Lebenszweck darstellt (Arbeitsdisziplin ! Wb S. 25) ist die Angst vor dem stumm bleiben in der alten Sprache und jene vor der Observation dieselbe Angst: Existenzangst.

Die Angst zu erklären wäre die Methode sie auch zu überwinden. In dem Zutrauen die Angst erklären zu können würde sie sich der Sprachgrenze nähern, die zwischen der alten und der neuen Sprache liegt:

,, (...) doch der Sprachgrenze würde ich mich erst nähern, wenn ich mir zutraute zu erklären, warum an jenen Tagen, an denen die Autos nicht in Wirklichkeit, nur als Phantombild auf meiner Netzhaut vorhanden waren, die Angst nicht von mir wich, nicht einmal geringer war als an Tagen der offensichtlichen Observation." (Wb S. 21)

Die Erzählerin vollzieht darin eine glänzende Selbstanalyse. Sie weiß um den Schritt, den zu tun sie nicht den Mut aufbringt. Die Angst, die sie davon abhält ist im mehrfachen Sinn Existenzangst: Angst mit der Überschreitung der Sprachgrenze und den damit verbundenen Folgen nicht leben zu können, da ,,Grenzüberschreitungen aller Art geahndet werden" (Wb S. 20) und gleichzeitig aber die Angst stumm bleiben zu müssen; dazu noch Angst vor sich selbst; ,,(...) vor dem Schweigen und der Sprachlosigkeit über das eigene verhängnisvolle Verstricktsein in totalitären Strukturen"18 und vor ihrer Neigung systemkonform den ,,Dritten" in sich, der sich unterordnen und anpassen will, anzunehmen:

,,Ich selbst. Über die zwei Worte kam ich lange nicht hinweg. Ich selbst. Wer war das. Welches multiple Wesen, aus denen `ich selbst' mich zusammensetzte. Das, das sich kennen wollte? Das, das sich schonen wollte? Oder jenes dritte, das immer noch versucht war, nach derselben Pfeife zu tanzen wie die jungen Herren da draußen vor meiner Tür? (...) Das wars, was ich brauchte: glauben zu können, daß ich jenen Dritten eines nahen Tages ganz und gar von mir abgelöst und aus mir hinausgestoßen haben würde; daß ich das wirklich wollte; und daß ich, auf Dauer gesehen, eher diese jungen Herren da draußen aushalten würde als den Dritten in mir." (Wb S. 56)

Diese Zeilen sind von zentraler Bedeutung für die Vielschichtigkeit des in ,,Was bleibt" dargestellten Konflikts. Es ist ein Konflikt, den die Erzählfigur in einem Prozeß der Selbstfindung durchlebt und er steht in Zusammenhang mit politischen und moralischen (,,Verfehlungen in anderen Moralsystemen" Wb S. 25) Ansprüchen und Überlegungen. Die Reflexionen über Sprache ergänzen im Text diesen Konflikt oder stehen stellvertretend für ihn.

III. Stichwort ,,Zeit"

,,Zeit war eins meiner Stichworte." (Wb S. 21) läßt die Erzählerin den Leser explizit wissen. Und auch der Titel der Erzählung ,,Was bleibt" schafft einen ambivalenten Themenbezug zum Begriff Zeit, in dem offen bleibt ob es sich um die Frage nach dem was bleibt oder um eine feststellende Bestandsaufnahme handeln soll. Wie die Reflexionen über Sprache, so ist auch das Thema Zeit ein zentraler Komplex des Textes:

,,As it´s title suggests, Was Bleibt is centrally concernet with questions of temporality and in particular with the relation between present and futur".19

Nach Graham Jackman20 lassen sich vier verschiedene Zeitkonzeptionen aus dem Text extrahieren, die in der Erzählung gegenübergestellt werden.

Danach wird das erste Zeitkonzept repräsentiert durch die jungen Männer von der Stasi21. Diese unterscheiden sich vom erzählenden Ich vorallem durch ein ,,gründlich anderes Verhältnis zur Zeit" (Wb S. 21). Diesen Männern ist ihre Zeit scheinbar ,,wertlos, sie vergeudeten sie in einem unsinnigen, gewiß aber kostspieligen Müßiggang (...)" (Wb S. 21) und verbringen sie ,,zwischen Alpträumen und sinnlosen Tätigkeiten" (Wb S. 34). Ihre Zeit ist demnach keine individuelle Zeit und hat keine persönliche Bedeutung22. Indem diese Männer für die Erzählerin zum Sinnbild ihrer Stadt werden, verliert auch die Stadt ihr Verhältnis zur Zeit und ist ,,zu einem Nicht-Ort geworden, ohne Geschichte, ohne Vision (...)" (Wb S. 34). Diese Stadt ohne Vergangenheit und ohne Zukunft wird in der Gegenwart determiniert vom ,,rücksichtslosen Augenblicksvorteil" (Wb S. 33).

Gegensätzlich dazu vertritt nach Jackman die Erzählerin eine zweite Zeitkonzeption: Sie ist sich bewußt, daß sie älter wird und sucht in der Gegenwart nach Erfahrungen, , die in Form von Erinnerungen bleiben23, als das ,,Was bleibt". Von dieser Position aus fragt die Erzählerin sich jeden Tag, ob dieser ,,unaufhaltbar im Strom des Vergessens abtreiben" (Wb S. 7) wird, oder ob er einen Teil dessen was bleibt bilden kann und damit beiträgt zur ,,dauerhaften Wegzehrung" (Wb S. 7) ihrer Erinnerung, wenn sie einmal alt ist (Wb S.90). Das Verhältnis der Erzählfigur zu ihrer Zeit steht im Kontrast zum ,,rücksichtslosen Augenblicksvorteil" (Wb S. 33), da für die Erzählerin die Gegenwart soviel wie ,,Selbst- Definition" bedeutet, die gebildet wird durch Vorstellungen über die Zukunft sowie durch Erinnerungen - und darüber-hinaus sogar durch die Vorstellung über zukünftige Erinnerungen (,,Und wie würde ich mich dieser Tage dann erinnern? Wb S. 5).

Die dritte Zeitkonzeption steht im Zusammenhang mit der Sprachutopie:

,,Language, it is suggested, is temporally situated and has it own fit time. (...) Thus the `neue Sprache' cannot be rushed: it will come when it must."

Zeit kann also als Entwicklungszeit betrachtet werden, die notwendig ist, damit sich die neue Sprache in der Erzählerin herausbilden kann24. Im Zusammenhang mit dem Angstmotiv (Kap. II) aber, könnte der zeitliche Aufschub der neuen Sprache (,,Heute, das wußte ich, wäre es noch zu früh." Wb S. 5; ,,(...) doch war das nicht der richtige Zeitpunkt dafür, ich sah es ein." Wb S. 86) auch als Vorwand (,,Wieviel Zeit wollte ich mir eigentlich noch geben? Wb S. 21) interpretiert werden.

Hier laufen die Motive Zeit, Angst und Sprache zusammen: Die Zeit der Schreibblockade - ausgelöst und verfestigt durch die Angst - erscheint der Erzählerin als verlorene Zeit, die nicht wirklich gelebt werden kann25. Was bleibt ist der ,,Mörder Zeit" (Wb S. 105) und die Verzweiflung nicht gelebt zu haben (Wb S. 108).

Kontrastierend wird in dem schreibenden jungen Mädchen eine vierte Zeitkonzeption entworfen26, die gekennzeichnet wird durch Aktivität und Gegenwart: ,,Das Mädchen fragte nicht krämerisch: Was bleibt." (Wb S 78), vielmehr will es ,,(...) etwas (.) [aufschreiben] was einfach wahr sei. (...) Jetzt. Hier." (Wb S. 78). ,,Jetzt" und ,,hier" sind die Stichwörter, die den Gegensatz zum ,,was bleibt" der Erzählerin auf den Punkt bringen.

,,Wolf seems to suggest that one cannot afford to wait for the future to come to itself - there is only ever the present."27

Das junge Mädchen ist die eigentliche ,,Heldin" der Erzählung. In der Begegnung mit ihm erkennt die Erzählerin die Passivität, die aus ihrer Haltung entsteht und stellt fast neidisch fest: ,, (...) Es ist soweit. die Jungen schreiben es auf." (Wb S. 76). Diese ,,Jungen" verfügen offensichtlich über diese andere Sprache, nach der die Erzählerin sucht ? - Aber diese Frage wird vom Text nicht beantwortet.

Die Begegnung mit dem Mädchen ist der Höhe- und Wendepunkt des Textes und hat trotz des Zögerns der Erzählerin (,,Ein Graben. Mußte ich rüberspringen?" Wb S. 56) seine Folgen in der Situation der Lesung. Sie wird zum Anlaß einen ersten Schritt zu machen zu einem gewandeltem Verhältnis zur Zeit; zu einem

,,(...) new frame of mind, because here the narrator is confranted with someone who resists the temptation, which the narrator finds herself falling victim to (...) that is becoming a time-waster, not acting (...). The young woman has retained a direct relationship to the present moment".28

In der Lesung unternimmt die Erzählerin einen Versuch von der passiven Frage ,,Was bleibt", die ,,(...) die Rückhaltlosigkeit im (schriftstellerischen, privaten wie auch politischen) Einsatz verhindert (...)"29 zur aktiven Gestaltung ihrer Gegenwart zu kommen:

,,Denn wo steht geschrieben, daß sie aus Eisen, daß sie nicht auch verführbar sind. Also gut. Jetzt streng ich mich an. Jetzt legte ich keine Wert mehr auf eine Einteilung des Publikums, nach welchen Gesichtspunkten auch immer. Wie sich in den über hundert verschiedenen Köpfen die Welt spiegeln mochte - ich wollte für diese eine Stunde meine Welt in ihre Köpfe pflanzen. (...) glauben wollte ich es nur zu gerne - auch die sechs oder wie viele es sein mochten vergaßen vielleicht für kurze Zeit nicht ihren Auftrag, doch ihr Vorurteil" (Wb S. 93)

Von den Lesungsteilnehmern wird das Thema Zeit ebenfalls diskutiert. Es kommt die besonders sensible Frage nach einer lebbaren Zukunft auf und wie diese aus dieser Gegenwart entstehen soll (Wb S. 95). Diese Fragen, die sich die Erzählerin immer zu stellen verboten hat (Wb S. 69 f.), erachtet sie als die ,,wirklichen Fragen (...), die von denen wir leben und durch deren Entzug wir sterben können." (Wb S. 95), weil sie zu dem Schluß führen müssen, daß nur durch das Handeln im Sprechen bzw. Schreiben jetzt und hier die angestrebte Zukunft jemals Realität werden kann:

,,for only by speaking of it now can the desired future ever be realised. (...) the only way to live for the future ist to meet the demands of living in the present."30

Das Ende der Erzählung läßt die Hoffnung aufkommen, daß die Erfahrung der Lesung (demokratische Atmosphäre drinnen - Polizeistaat draußen) und die Begegnung mit dem Mädchen (Jetzt/Hier - Was bleibt) die Erzählerin ihre Angst überwinden und die neue Sprache finden lassen:

,,Was jetzt." (Wb S. 106)

,,Eines Tages, dachte ich , werde ich sprechen können, ganz leicht und frei. Es ist noch zu früh, aber ist es nicht immer zu früh. Sollte ich mich nicht einfach hinsetzen an diesen Tisch, unter diese Lampe das Papier zurechtrücken, den Stift nehmen und anfangen. Was bleibt." (Wb S. 108)

Das Ende des Textes, der einen Tag im Leben der Protago-nistin umfaßt, wird so mit dem Anfang zu einer Ringstruktur verknüpft, aus der auf diese Weise eine seltsame ,,zeitliche Schwebe" entsteht. Der Zeitpunkt des Schreibens (beginnend am Abend des beschriebenen Tages) wird mit dem Zeitraum über den geschrieben wurde (Märztag) verbunden, so daß der Eindruck entsteht am Schluß der Erzählung trotz aller Bewegung wieder am Anfang aller Konflikte zu stehen. Die Frage, ob die Erzählerin am Ende des Textes die neue Sprache und den richtigen Zeitpunkt dafür gefunden hat und ob der Text bereits in der neuen Sprache geschrieben ist, kann daher letztlich nicht beantwortet werden.

IV. Schlußbetrachtung

Am Ende des Textes der Erzählung stehen die beiden Datumsangaben ,,Juni-Juli 1979/November 1989" (Wb S. 108). Auf den Text bezogen kann dieser zehn Jahre lange Zeitraum zwischen Entstehung und Veröffentlichung als ,,(...) an attempt to initiate Vergangenheitsbewältigung with regard to the GDR´s history, not in ten years´ time, but `Jetzt. Hier'"31 bewertet werden. Ebenso könnte der Veröffent-lichungszeitpunkt aber auch als ,,(...) Hoffnung auf die Veränderbarkeit der Realität, auf Möglichkeiten eines Einlösens utopischen Denkens ?"32 verstanden werden. Viel-leicht verbindet sich beides im Text: Utopieverlust und Vergangenheitsbewältigung sowie Hoffnung auf eine Utopie, die Christa Wolf in ,,Lesen und Schreiben" so formulierte:

,,Die Sprache aber, das hoffe ich doch, könnte mir folgen, überallhin, wohin zu gehen man eines Tages den Mut haben wird: denn von dieser Zuversicht lebt man."33

In der Veröffentlichung der Erzählung ,,Was bleibt" hat sie 1989 dieser Utopie einen neuen Bezug zur anbrechenden Zeit der Wende gegeben, zu einem Zeitpunkt zu dem sie glaubte

,,(...) es habe der Stalinismus, nicht aber der gesamte Sozialismus vor seinem Untergang gestanden, so bleibt eine Rückkehr utopischen Denkens in die subjetiken Lebensverhältnisse der Autorin festzuhalten (und zu respektieren), aus der heraus sie Was bleibt wieder auf den Schreibtisch nahm. Was davon bleibt, wird die Zukunft zeigen."34

V. Bibliographie

1. Primärtexte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Sekundärliteratur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Lehnert, Herbert: Fiktionalität und autobiographische Motive. S. 423.

2 Wolf, Christa: Auf dem Weg nach Tabou. S. 196.

3 Peters, Peter: Schwierigkeiten mit der Utopie. S.19.

4 Arker, Dieter: ,,Was bleibt. Was meiner Stadt zugrunde liegt und woran sie zugrunde geht." S.88.

5 ebd.

6 Lehnert, Herbert: Fiktionalität und autobiographische Motive. S. 423.

7 Nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann durchlebte Christa Wolf, die mit ihrer Unterschrift auch gegen die Ausbürgerung protestiert hatte, eine Krise. In dieser Lebensphase dachte sie über ein Verlassen der DDR nach. Die Erzählung ,,Was bleibt" bezieht sich wohl auf die Erfahrungen Christa Wolfs in dieser Zeit, in der die Autorin auch von der Stasi überwacht wurde. Vgl. Paul, Georgina: Text and Context. S. 120.

8 Peters, Peter: Schwierigkeiten mit der Utopie S. 19.

9 Eine Übersicht über den Literaturstreit bietet z.B. Thomas Anz (Hrsg.): Es geht nicht um Christa Wolf. Der Literaturstreit im vereinten Deutschland. München 1991.

10 Wolf, Christa: Was bleibt. Erzählung. S.51. Textbelege aus der Erzählung werden zukünftig mit der Abkürzung Wb und Seitenzahl im laufenden Text angegeben.

11 Wolf, Christa: Lesen und Schreiben. S. 9.

12 ebd.

13 Wilke, Sabine: Die Dialektik von Utopie und Untergang, Kritik und Übereinstimmung. S. 134.

14 ebd. S. 138.

15 Wilke, Sabine: Die Dialektik von Utopie und Untergang, Kritik und Übereinstimmung. S. 139.

16 Arker, Dieter: ,,Was bleibt. Was meiner Stadt zugrunde liegt und woran sie zugrunde geht." S. 91.

17 Lehnert, Herbert: Fiktionalität und autobiographische Motive. S.425 f.

18 Cosentino, Christine: ,,Heute freilich möchte man fragen...". S. 109.

19 Jackman, Graham: ,,Wann, wenn nicht jetzt?". S. 358.

20 Jackman, Graham: ,,Wann, wenn nicht jetzt?". S. 358 - 375.

21 ebd. S. 358.

22 ebd. S. 359.

23 ebd.

24 Jackman, Graham: ,,Wann, wenn nicht jetzt?". S. 360.

25 ebd. S. 361.

26 ebd.

27 Jackman, Graham: ,,Wann, wenn nicht jetzt?". S. 362.

28 Paul, Georgina: Text and Context. S. 121.

29 Wilke, Sabine: Die Dialektik von Utopie und Untergang, Kritik und Übereinstimmung. S. 134.

30 Jackman, Graham: ,,Wann, wenn nicht jetzt?". S. 362 f.

31 Paul, Georgina: Text and Context. S. 126.

32 Peters, Peter: Schwierigkeiten mit der Utopie. S. 31.

33 Wolf, Christa: Lesen und Schreiben. S. 25.

34 Peters, Peter: Schwierigkeiten mit der Utopie. S. 31.

15 von 16 Seiten

Details

Titel
Wolf, Christa - Was bleibt
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V98384
Dateigröße
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Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolf, Christa
Arbeit zitieren
Monika Stadler-Huber (Autor), 2000, Wolf, Christa - Was bleibt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98384

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