Die Seilschaften ökologischer NGOs. Die moralische Normierung von Organisationen


Diskussionsbeitrag / Streitschrift, 2020

14 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

1. Der Idealismus und der Schlamm der Unmöglichkeiten

2. Greenpeace gestern, heute und morgen

3. Die Arbeit von NGOs - national und international

4. Wie du mir, so ich dir - vom Netzwerk bis zur Seilschaft

5. Fall eins: Die Keime des Naturschutzes in Deutschland

6. Fall zwei: Der umweltfreundliche Kühlschrank

7. Fazit: Die Macht der NGOs

Literatur

1. Der Idealismus und der Schlamm der Unmöglichkeiten

„Geld schafft Möglichkeiten. Ohne Liquidität bleibt der1 Idealismus irgendwann im Schlamm der Unmöglichkeiten stecken. Die Öffentlichkeit ist vom professionellen Auftreten unzähliger Produktwerber, Parteien und auch Mitbewerber um den >Spendenkuchen< verwöhnt. Ein Flugblatt ohne das Niveau eines Werbedesigners, ohne gut formulierten Text, ohne Fotos übersteht die ersten Sekunden der Kenntnis nicht. Die Botschaft geht zum Altpapier - bestenfalls“ (Kathöfer 2002:229)

Es soll im Folgenden dargelegt werden, dass international agierenden NGOs2 - wie Greenpeace als eine der bekanntesten - ein hoher ideeller Wert für die Gesellschaft und gleichzeitig eine Gewichtigkeit im Umgang mit Politik und Wirtschaft zugeschrieben wird. Insbesondere der Umweltschutz findet im öffentlichen Diskurs eine neue Bewertung, doch es soll gezeigt werden, dass Naturschutzorganisationen wie Greenpeace schon länger verschiedene Strategien verfolgen, um Netzwerke zur vorteilhaften Positionierung ihrer Themen nutzen. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern sich die moralische Normierung, die an diese Organisationen gestellt wird, in der Realität halten kann oder aber, ob der Zweck doch einige Mittel heiligt. Hierzu zunächst ein Blick auf die Entwicklungen von Greenpeace.

2. Greenpeace gestern, heute und morgen

Greenpeace entstand aus einer privaten Initiative zur Verhinderung von Atomwaffentests in den 1970er Jahren. Hierzu wurde das Prinzip des „bearing wittness“ angewandt, also Zeuge einer bestimmten Situation zu werden, um damit einen gewaltfreien Protest auszudrücken (vgl. Kathöfer 2002:225). Hieraus entstanden bald überall in der westlichen Welt und ab den 1980ern auch in deutschen Städten weitere, lokale Initiativen. Um den Millenniumswechsel finden sich entsprechend über vierzig Greenpeace Büros und eine Professionalisierung, die einen Wachstum und eine Medienpräsenz herstellt, die Greenpeace sogar einen offiziellen UNO- Beobachterstatus einbrachte (vgl. ebd). Auf diese Art und Weise würde es auch in Zukunft möglich werden als „Umweltpolizei“ für die Politik zu fungieren und als NGO den eigenen Aufgabenbereich zwischen den privaten Verbrauchern und öffentlichen Aufgaben auszubauen (vgl. ebd.: 227). Hierbei besteht dauerhaft das Strategie-Dilemma entweder keine Zugeständnisse an die zu kritisierenden Akteure zu machen oder sich dem größten Akteur zu widmen, andere dafür unbeachtet zu lassen, aber so die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu fokussieren (vgl. ebd.: 227f), was eine häufige Strategie von Greenpeace war und ist. Beispielsweise prangerte Greenpeace Shell wegen seiner hohen Giftmüllproduktion an, allerdings stimmten die Medien vermittelten Daten nicht, was in dem Fall einen negativen Einfluss auf die eigene Reputation nach sich zog (vgl. Frantz/Martens 2006:15f).

Egal bei welchem gewählten Vorgehen besteht die Frage nach den Mitteln und der Professionalisierung, wie im ersten Abschnitt dieses Kommentars gezeigt, was von Kathöfer hier als legitim hinsichtlich der Konkurrenz dargestellt wird (vgl. Kathöfer 2002: 229). Zudem bleiben wie in jeder Organisation Fragestellungen hinsichtlich Hierarchie und Entscheidungsfindung stehen, welche nationale von internationalen Gruppierungen der gleichen NGO, hier Greenpeace, unterscheiden können, ebenso wie den Status der Mitarbeitenden betreffend, wenn es sich teilweise um Ehrenämtler und teilweise um Hauptamtliche handelt (vgl. ebd.: 229f.)

Es muss also als Zwischeninformation die Begründung des Einflusses von NGOs und ihrer verschiedenen Einflussnahmen dargelegt werden.

3. Die Arbeit von NGOs - national und international

NGOs können als Schnittstelle zwischen Politik und Gesellschaft und als Teil des dritten, zivilgesellschaftlich-orientierten Sektors verstanden werden, in Abgrenzung zum ersten Sektor, dem Staat, international und national durch das Rechtssystem gesichert und dem zweiten Sektor, dem Markt, mit seiner Gewinnorientierung (vgl. Frantz/Martens 2006: 16ff.).

Das N aus NGO steht dabei für die nicht-staatliche bzw. non-profitable Ausrichtung der Organisationen, was in diesem Kommentar insbesondere hinterfragt werden soll. Klassischerweise weißt allerdings eine NGO keine eindeutige Klientel, wie beispielsweise Verbände, auf, trotzdem ist es auch für diese entscheidend bestimmte „Marktskills“, sprich die Kenntnis von Marketingstrategien, vorweisen zu können (vgl. ebd.:24ff.).

Das G aus NGO betont die Nicht-Staatlichkeit der Organisation, was diese insbesondere in eine Kritikerposition an der jeweiligen Politik versetzt, wie es sich exemplarisch bei Greenpeace mit der Umweltpolitik erkennen lässt (vgl. ebd.:28).

Das O aus NGO steht für den organisationalen Aufbau dieser Unternehmen, was sie von den sozialen Bewegungen abgrenzt, mit denen sich ggf. ideelle Ausrichtungen geteilt werden. Denn in der Organisation besteht eine Struktur durch beispielsweise die Arbeitnehmer-Arbeitgeber- Verhältnisse, was zu einer zunehmenden Verfestigung führt. Interessant ist hierbei insbesondere, dass NGOs in der Regel nur im nationalstaatlichen Kontext rechtsfähig sind, auch wenn sie als Großorganisation einen international-relevanten Status vorweisen und sich Verflechtungen mit supranationalen Strukturen finden lassen (vgl. ebd.:29f). Der Versuch die Bevorzugung von ausgewählten NGOs beispielsweise durch die UNO3 gegenüber anderen Organisationen in das Völkerrecht einzubinden, ist ein stetig erneuertes Unterfangen, das bisher nicht gelang (vgl. ebd.:31). Es lassen sich jedoch NGOs finden, die als Dachorganisation für weitere NGOs eine Katalogisierung und Bewertung des zugesprochenen Status der NichtStaatlichkeit bis Zwischenstaatlichkeit der Organisation vornehmen, um eine Einheitlichkeit anzustreben (vgl. ebd.:37). Entsprechend lässt sich auch eine Typologie nach dem Grad der Nichtstaatlichkeit vornehmen, mit genuinen NGOs auf der einen Seite, welche aus Initiativen von Privatpersonen entstanden und durch Spendenfinanzierung aufrechterhalten und bis zur Größe einer internationalen Interessensorganisation anwachsen können, während Abweichler auf der anderen Seite durchaus auch staatliche Finanzierung annehmen (ebd.:40ff.).

So entstanden viele NGOs aus sozialen Bewegungen der 1970er und 80er Jahre, verfestigten Strukturen und professionalisierten sich ab den 1990er Jahren, wie es sich exemplarisch auch bei Greenpeace beschreiben lässt (vgl. ebd.:56; 16f.). Zusätzlich zu der Professionalisierung tritt auch eine Verschiebung von der Bedeutung nationaler Entscheidung hin zu internationalen Organen ein, die die Rechtssetzung mit einem globalen Radius ausstattet (vgl. ebd.:81):

„Lobbying zu Gunsten der Umwelt beispielsweise muss in einer vergemeinschafteten EU bereits im Umfeld der EU-Organe stattfinden, denn die nationalen Politikakteure sind hier nicht mehr die Weichensteller, sondern nunmehr die nachgeordneten Umsetzer dessen, was durch die EU als Rahmen vorgegeben wird“ (ebd.:107).

Für NGOs der westlichen Welt sind deshalb insbesondere die UNO und die EU (Europäische Union) wichtige Plattformen die eigenen Themenstellungen in den Fokus zu rücken. Im Fall der UNO geschehe dieses über die Einladung verschiedener NGOs zu Sitzungen und Komitees und deren Sichtung von Entwürfen neuer Verordnungen, sodass diese durchaus einen Einfluss auf Beschlüsse haben können (vgl. ebd.:91ff.). Doch auch auf EU-Ebene fände sich solche Lobbyarbeit seitens der NGOs, da diese als Schnittstelle zwischen den verschiedenen Nationen, und damit Brücke zur Bevölkerung, und dem supranationalen Einfluss auf die Rechtsverordnungen fungieren (vgl. ebd.:107). Netzwerke dieser Art versuchten das Gebot der Transparenz zu beachten, um ihre Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Gemeinwohles gerecht zu werden, gleichzeitig verschaffe die Konsultation von NGOs beispielsweise der EU eine höhere eigene Glaubwürdigkeit bzw. Legitimation für ihre Beschlüsse (vgl. ebd.:112).

Es kann also festgehalten werden, dass gewichtige, internationale NGOs wie Greenpeace eine Expertise und ihre eigenen Netzwerke aufbauen, was sie teilweise zu Dienstleistern für andere Organisationen mache, andererseits seien sie durch ihre thematische Ausrichtung auch in einer Themenanwaltschaft, was sie auch zu guten Lobbyisten machen kann (vgl. ebd.:57ff.). Genau diese Fähigkeiten eigene Netzwerke auf- und auszubauen, stellen aber erneut die Frage nach der Legitimität dieser, um die eigenen Ziele zu erreichen bzw. nach der sozialen Praxis, die diese repräsentieren. Daher im Folgenden ein weiterer Einschub zur Natur der Reziprozität von „nützlichen Netzwerken und korruptionsanfälligen Seilschaften“ (Karsten/v. Thiessen 2006:7), welche die Bedeutung von Beziehungen versus sachliche Verfahren herausstellen.

4. Wie du mir, so ich dir - vom Netzwerk bis zur Seilschaft

In Anbetracht der Kürze dieses Papiers kann nicht auf die genauen Figurationen und Abstufungen von verschiedenen Netzwerken gegenüber Seilschaften und weiterer Korruptionsformen eingegangen werden, trotzdem soll ein Kurzabriss versucht werden, der insbesondere die Reziprozität und rechtlichen Bedingungen herausstellt.

Demnach sind Netzwerke, Seilschaften und ähnliche Korruption grundsätzlich von sozialproduktivem Verhalten geprägt, sprich es kommt zu einer reziproken Handlung, die auf Vertrauen und Einvernehmen beruht (vgl. Stegbauer 2011:50f). Aus diesem Grund wird der Aufbau von sozialen Netzwerken in vielen Kontexten als etwas Positives gerahmt, wohingegen korruptes Verhalten die produktiven Beziehungen durch einen Aspekt der Geheimhaltung ergänzt, wodurch ein Faktor der Unkontrollierbarkeit und Ungerechtigkeit entsteht (vgl. Karsten/v. Thiessen 2006:9f). Denn im korrupten Handeln entsteht durch eine möglichst uneindeutige Kommunikation über mögliche gegenseitige Vorteile, die sogenannte „Anfütterung“ (Graeff 2011:28), ein Bündnis, das im Ermessensspielraum der eigenen Handlungsfähigkeit parasitär Güter umverteilt (vgl. Schmitt 2011: 55). Aus diesem Grund orientieren sich viele soziologische Definitionen von Korruptionshandlungen an der Darstellung des Verhältnisses der Rolle als Amtsträger zu Intentionen als Privatperson (vgl. Grüne 2011:24ff.; Engels 2011:35,42f.). Rechtlich sind diese Handlungen schwieriger zu fassen, da es den Tatbestand der Korruption so nicht gibt. Hier wird von Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung gesprochen, allerdings sind nicht immer direkt Geschädigte festzustellen, da die Absprachen eher indirekte Folgen, wie Benachteiligung anderer Wettbewerber oder Reputationsschäden für ein Unternehmen sind (vgl. Stegbauer 2011:57; Schmitt 2011).

So wie rechtlich die Tatbestände eine Grauzone darstellen können, so lassen sich auch zwischen dem „einfachen“ Netzwerk und der „klaren“ Korruption Zwischenformen finden, wie beispielsweise die soziologische Formation der Seilschaft. Diese ist begrifflich aus dem Bergsteigerjargon entlehnt und meint dort die Verbundenheit mehrerer Personen durch ein Seil beim Bergaufstieg. Hierbei kann eine Person eine andere festhalten bzw. mithochziehen, gleichzeitig drohen aber auch beide herabzustürzen, wenn einer fällt (vgl. Paris 1998:140). Ähnlich lassen sich solidarische Gruppen, insbesondere in Arbeitskontexten beschreiben, die nicht ideell, sondern zweckgebunden und aus sozialer Ähnlichkeit eine Seilschaft eingehen (vgl. ebd.: 139,148). Der Vorteil hierbei liegt in der Arbeitsteilung und Reziprozität von Ressourcen und Kompetenzen (vgl. ebd.:140ff.), allerdings „Wenn es nichts mehr zu verteilen gibt, bricht die Solidarität zusammen“ (ebd.:141).

Abschließend lässt sich also festhalten, dass es schwer ist die reziproke Verbundenheit verschiedener Akteure per se als positiv oder negativ zu bezeichnen, wohingegen die Wahrscheinlichkeit für das Bilden solcher Netzwerke recht hoch ist, da sie sehr produktiv sein können (vgl. Karsten/v. Thiessen 2006:13). Entsprechend soll nun anhand von zwei Fallgeschichten speziell für Seilschaften im Umweltschutz in Deutschland diese Nützlichkeit gezeigt und kritisch beleuchtet werden.

[...]


1 In diesem Text wird aus rein pragmatischen Gründen die männliche Sprachform genutzt, um eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten, es sollen aber auch immer alle anderen Geschlechteridentifikationen gleichermaßen angesprochen sein.

2 NGO ist ein Akronym für Non-Governmental Organisation, zu Deutsch eine Nicht-Regierungsorganisation (vgl. Frantz/Martens 2006: 21).

3 Ein Akronym für United Nations Organization, zu Deutsch: Vereinte Nationen (vgl. Frantz/Martens 2006: 8).

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Seilschaften ökologischer NGOs. Die moralische Normierung von Organisationen
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie)
Note
1.0
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V983905
ISBN (eBook)
9783346342652
ISBN (Buch)
9783346342669
Sprache
Deutsch
Schlagworte
seilschaften, ngos, normierung, organisationen
Arbeit zitieren
Jasmin Dierkes (Autor), 2020, Die Seilschaften ökologischer NGOs. Die moralische Normierung von Organisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983905

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