Theoderich der Große. Ein König auf dem Kaiserthron

Die Handlungsstrategie des Königs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erhebung zum Ostgotenkönig

3. Italienfeldzug
3.1 Gründe
3.2 Eroberung Italiens
3.3 Königserhebung und Anerkennung durch den Kaiser

4. Herrschaft in Italien
4.1 Ansiedlung der Goten
4.2 Zusammenleben von Römern und Goten
4.3 Verwaltung
4.4 Theoderichs Stellung in der Verwaltung
4.5 Dreißigjähriges Herrschaftsjubiläum

5. Königserhebung über die Westgoten

6. Sicht auf Theoderich
6.1 Theoderich aus der Sicht des Panegyricus
6.2 Sicht der Bevölkerung auf Theoderich
6.3 Theoderichs Selbstverständnis

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der im 5. und 6. Jahrhundert regierende Ostgote Theoderich erhielt nicht ohne Grund den Beiname „Der Große“. Zuerst war er König der Ostgoten gewesen, wurde dann zum König über Italien ausgerufen und später zum König über alle Goten. Durch diese vielen Erhebungen wird deutlich, dass Theoderich kein gewöhnlicher König der Völkerwanderungszeit gewesen ist. Das römische Imperium war zur Zeit seiner Herrschaft bereits geteilt und der weströmische Kaiserthron unbesetzt.

Es kommt die Frage auf, ob Theoderich nicht nur ein König gewesen ist, sondern in einigen Bereichen versuchte, sich wie ein Nachfolger der Kaiser zu verhalten. Inwieweit handelte Theoderich wie ein Kaiser? Gab er sich dem Kaiser gleich? Sah er sich selbst als Kaiser? Es soll versucht werden auf diese Fragen eine Antwort zu finden.

Begonnen wird mit der näheren Betrachtung seines Wirkens ab dem Zeitpunkt seiner Erhebung zum Ostgotenkönig über die Herrschaft in Italien bis zu seiner Erhebung zum König aller Goten. Am Ende wird der Versuch unternommen zu skizzieren, wie Theoderich sich selbst sah, wie er von anderen gesehen werden wollte und wie andere ihn sahen.

2. Erhebung zum Ostgotenkönig

Theoderich der Große ist 451 n. Chr. höchstwahrscheinlich im heutigen Siebenbürgen geboren worden und verlebte einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend in Konstantinopel. Hierher war er als Achtjähriger als Geisel gebracht worden und verlebte zehn Jahre seines Lebens in der oströmischen Kaiserstadt. Der Grund für seinen Aufenthalt in Konstantinopel war die Garantie des Friedens zwischen der Regierung des römischen Imperiums und den Goten. In der Kaiserstadt lernte er nach griechischer Überlieferung wohl Lesen, Schreiben und Rechnen und auch die Grundzüge der antiken Verwaltungspraxis kennen.1 469/470 kehrte Theoderich nach Hause zurück und übernahm den Reichsteil des Ostgotenreiches seines toten Onkels Valamir. Theoderichs Vater Thiudirmir wurde anstelle seines Bruders Valamir zum König ernannt.2

Den Beginn seines Königtums leitete Theoderich von seinem ersten erfolgreichen Kriegszug 470 gegen die Sarmaten ab.3 Vier Jahre später starb Thiudirmir und sein Sohn Theoderich wurde zum König der Ostgoten erhoben. Sein Vater hatte ihn wohl vor seinem Tod zu seinem Nachfolger designiert.4 Seit 474 war Theoderich König der Ostgoten, die als Föderaten innerhalb des römischen Imperiums lebten.5

Theoderich gehörte zu der Sippe der Amaler, die die königliche Würde als in ihrer Sippe erblich betrachteten. Durch einen Wohlakt konnte jedoch auch ein anderer König werden, dies war rechtlich möglich und politisch durchsetzbar.6

Im Jahre 476 wurden Theoderich von dem oströmischen Kaiser einige Ehrungen zuteil. Zenon machte ihn zum Patricius und zum obersten Heermeister. Höchst wahrscheinlich wurde er in diesem Jahr auch als Waffensohn angenommen, aber dies könnte auch zu einem anderen Zeitpunkt geschehen sein. Zenon designierte ihn für 484 zum Konsul. Spätesten seit er im Jahre 484 das Konsulat antrat, besaß er auch das römische Bürgerrecht.7

3. Italienfeldzug

3.1 Gründe

Die Quellen liefern unterschiedliche und sich teilweise widersprechende Angabe über Theoderichs Beweggründe für den Feldzug nach Italien. Im Vergleich zu seinen bisherigen Feldzügen war der Italienfeldzug das schwierigste und gewagteste Unternehmen Theoderichs. Mit seinem Heer hatte er eine Strecke von rund 1500 km zurückzulegen und konnte mit keiner Unterstützung rechnen.8

Eine Lobrede auf Theoderich, der Panegyricus des Ennodius, suggeriert, dass Theoderich vor allem nach Italien zog, um Rache gegen Odoaker zu üben. Denn Odoaker hatte mit seinem Heer zwei Kriege gegen die Rugier geführt, mit denen sich Theoderich verwandtschaftlich verbunden wusste, da die Frau des Königs zur Sippe der Amaler gehörte.9

Nach der griechischen Chronik des Eustathius befürchtet Theoderich einen Anschlag von Seiten des Kaisers und nahm dies als Anlass für den Abmarsch.10

Die Excerpta Valesiana berichtet, dass Theoderich im Auftrag des Kaisers nach Italien zog, um Odoaker zu bekämpfen.

Jordanes gibt laut Christian Rohr den Mangel an Land als Grund für den Feldzug Theoderichs nach Italien an. Theoderich wollte sein Volk nach Italien führen, den dort herrschenden Odoaker besiegen und das Land als Gabe Zenons empfangen.11

In der Gotengeschichte des Jordanes geht die Initiative für den Feldzug von Theoderich aus, der uneigennützig im Interesse seines Volkes und des Kaisers handelte.12

Doch in seiner Historia Romana stellt Jordanes Zenon als die treibende Kraft des Unternehmens hin.

Trotz dieser unterschiedlichen Angaben können die Beweggründe aufgrund der politischen Entwicklung und Lage eingeschätzt werden. Theoderich wollte sich schon seit längerem in die italienischen Verhältnisse einmischen. Italien erschien ihm als ein wohlhabendes Land, das zudem nicht in der direkten Reichweite des oströmischen Kaisers lag. Italien war in Theoderichs Augen ein lohnendes Ziel und ein militärischer Erfolg würde ihn zum unumstrittenen Heerkönig machen.13 Theoderich sah außerdem die Chance für eine dauerhafte Reichsgründung.14

Zenon hielt es für das Beste den mächtigen Heerkönig nicht mehr in seiner Nähe zu wissen und Odoaker konnte ohne zusätzliche Soldaten des Kaisers in Schach gehalten werden.

Dass die Goten nach Italien zogen war also in beidseitigem Interesse.15

Ein Vertrag zwischen Theoderich und Zenon bildetet die rechtliche Grundlage für den Feldzug, wonach Theoderich „`nach der Besiegung Odoakers für seine Mühen an der Stelle des Kaisers, bis dieser dorthin komme, herrschen solle´“.16

3.2 Eroberung Italiens

Im Jahre 488 brach Theoderich mit 20000 Kriegern und ihren Familien von Novae auf, so dass sich die Gesamtzahl der Teilnehmer am Italienfeldzug etwa auf 100000 Personen beläuft. Nicht alle Goten, die in dem Gebiet lebten, schlossen sich dem Zug an. Zu Theoderichs Heer gehörten auch Rugier, Römer und Hunnen.17 Es handelte sich um keinen geschlossenen Stamm, der sich in Richtung Italien in Bewegung setzte.18

Nach einigen nicht nur erfolgreichen Schlachten gegen Odoaker und seine Truppen erhielt Theoderich Hilfe von den Westgoten. Es kam zu einer für beide Seiten verlustreiche Schlacht, nach der sich Odoaker nach Ravenna absetzte. Nun folgte eine drei Jahre dauernde Belagerung der ehemals kaiserlichen Residenzstadt.19 493 vermittelte der ravennatische Bischof Johannes zwischen den Parteien. Unter der Bevölkerung herrschte eine Hungersnot, die durch eine Blockade der Nahrungsmittelzufuhr über das Meer verursacht worden war. Ein Erdbeben am Ende des Jahres 492 wurde geradezu als ein Zeichen des Himmels angesehen, das die baldige Niederlage ankündigte.

Johannes begab sich in einer feierlichen Prozession aus der Stadt hinaus, warf sich Theoderich zu Füssen und brachte einen Vertrag zwischen dem Gotenkönig und Odoaker zustande.20

Doch schon nach zehn Tagen beendete Theoderich das Bündnis, in dem beide einer gemeinsamen Herrschaft über Italien zugestimmt hatten21, mit dem Mord an Odoaker. Bei einem gemeinsamen Mahl zückte der Ostgotenkönig selbst das Schwert und ermordete Odoaker, während zwei seiner Gefolgsleute ihn festhielten. Odoaker rief noch aus: „Wo ist Gott?“ und Theoderich erwiderte „Dieses ist es, was du an den Meinen verübt hast“.

Odoakers Leib ließ Theoderich außerhalb von Ravenna bestatten. Auf diesen Mord folgten weitere. Alle Gefolgsleute Odoakers wurden auf Theoderichs Befehl ermordet, sein Bruder mit Pfeilen getötet und seine Frau ließ man verhungern.22

Theoderichs Herrschaft über Italien gründete auf Meineid, einem Vertragsbruch und politischem Mord.23 Die Anhänger Theoderichs begründeten die Morde ihres Königs damit, dass Odoaker selbst einen Anschlag plante und Theoderich ihm zuvor gekommen sei. Vielleicht war dies auch tatsächlich der Fall, doch Theoderichs systematische Vorgehensweise gegen die Anhänger Odoakers zeigt, dass sich Theoderich die Herrschaft mit niemandem teilen wollte.

Die Mordtaten haben Theoderichs Ansehen wenig geschadet und er war nun der alleinige Herrscher über Italien.24

3.3 Königserhebung und Anerkennung durch den Kaiser

Schon im Jahr 490 begannen die Verhandlungen um die Machtanerkennung Theoderichs durch den Kaiser, die jedoch nicht von Erfolg gekrönt waren. Zu diesem Zeitpunkt bestanden kaum noch Zweifel darüber, dass Theoderichs Mission erfolgreich sein würde. Einen erneuten Versuch um die Anerkennung startet er zwei Jahre später, als Ravenna völlig isoliert war. Zenon war in der Zwischenzeit gestorben und so wurden die Verhandlungen mit seinem Nachfolger Anastasius aufgenommen. Anastasius jedoch war noch nicht bereit Theoderich als König über Italien anzuerkennen. Theoderich ließ sich im Jahr 493 auch ohne den Befehl von Anastasius wohl durch eine Schilderhebung25 vom Gotenheer zum König über Italien ausrufen.26 Theoderich tat dies, um keine Unsicherheiten über seinen Herrschaftsanspruch entstehen zu lassen und er zeigte damit, dass er die Herrschaft aus eigener Kraft erlangt hatte und auch in der Lage war sie durchzusetzen.27

Der Kaiser wollte seinen Einfluss auf Italien ungern verlieren. Italien war ein wichtiges Bindeglied zu den westlichen Teilen des römischen Imperiums. Außerdem hatte sein Vorgänger Zenon unterlassen mit Theoderich zu klären, welche Stellung Theoderich in Italien einnehmen sollte.28

Theoderich nahm den gleichen Titel an wie Odoaker, „rex“ und verdeutlichte damit dass er der Nachfolger Odoakers geworden war, den der Kaiser als Herrscher über Italien akzeptiert hatte. Theoderich regierte nun über zwei Völker, über die Goten und über die Römer. Außerdem war er König über ein bestimmtes Gebiet.

Theoderich ließ sich zwar nicht zum Kaiser ausrufen, aber in den Augen des byzantinischen Hofes kam sein Verhalten einer Usurpation gleich, denn er hatte sich mit Odoaker, dem Feind des Kaisers verbündet, ohne mit diesem eine Absprache darüber getroffen zu haben und anschließend dessen Platz eingenommen.

Doch Anastasius wollte es nicht zu einem Bruch mit Theoderich kommen lassen, der Patricius und Waffensohn seines Vorgängers gewesen war. 497 machte sich eine dritte Gesandtschaft auf den Weg nach Konstantinopel und war erfolgreich. Der Kaiser hatte sich zu einem Friedensschluss mit Theoderich bezüglich der Vorwegnahme der Königsherrschaft durchgerungen.29 Bei seiner Erhebung zum König hatte Theoderich kaiserliche Rechte verletzt, was einen Friedensschluss notwendig machte. Er schrieb sich Rechte zu, die über sein Königtum hinausgingen.30 Kaiser Anastasius ließ dem König die ornamenta palatii, die kaiserlichen Herrschaftsabzeichen31, und die Königsgewänder nach Ravenna senden.32 Damit erkannte er Theoderichs Stellung als König mit seinen Machtbefugnissen an.33

4. Herrschaft in Italien

4.1 Ansiedlung der Goten

Die nicht einfache Aufgabe der Ansiedlung der Goten übergab Theoderich dem jungen Senatoren Liberius, den er 493 zum Prätorianerpräfekten, also zum obersten zivilen Amtsträger seines Landes ernannt hatte. Seine Wahl viel auf Liberius, da dieser gute Beziehungen zu den führenden Familien des Landes hatte und ihm nicht vorgeworfen werden konnte, dass er eine bestimmte Region benachteiligte, weil sein eigener Besitz in ganz Italien verstreut lag.

Die Ansiedlung der 100000 Goten verlief offensichtlich mit Einvernehmen, sowohl von Seiten der Römer als auch von Seiten der Goten. Wie die genaue Vorgehensweise bei der Ansiedlung gewesen ist, lässt sich heute nur schlecht sagen, da die Quellen nur wenige Angaben darüber machen. Es scheint aber nicht zu Enteignungen römischer Grundbesitzer gekommen sein, da dies zu Widerstand von deren Seite geführt haben müsste. Die Quellen berichten jedoch nicht von derartigen Protesten.34

Lange Zeit war man in der Forschung der Meinung, dass die Ansiedlung der Goten durch eine Landteilung zustande gekommen ist.35 Mit Landteilung ist gemeint, dass die römischen Grundbesitzer ein Drittel ihres Besitzes abgeben mussten und das Land dann unter den Goten verteilt wurde.

Es kann so gewesen sein, dass die Goten mit Hilfe der Steuereinnahmen Italiens bezahlt worden sind. Aber gegen diese These spricht, dass die Goten Güter und Äcker besaßen.

Ennodius lobt Liberius in einem Brief, dass er es schaffte, Goten Güter zu übertragen, während die Römer dies kaum bemerkten. Bei diesen Gütern handelte es sich um Land, das den Gefolgsleuten Odoakers gehört hatte und die umgekommen waren, um Staatsland und um Ländereien, die ihre Besitzer aufgrund des Krieges verloren hatten.36

Wie Liberius im Einzelnen vorging ist umstritten, aber es handelte sich wohl um ein Mischsystem aus Steuerzuweisungen, Geschenken aus der Staatskasse und der Heranziehung kaiserlicher Domänen.37

[...]


1 Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 30, 416.

2 Wolfram, Goten, 267.

3 Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 30, 416.

4 Claude, Königserhebungen, 153.

5 Wolfram, Goten, 270f.

6 Claude, Königserhebungen, 152.

7 Wolfram, Goten, 271.

8 Ausbüttel, Theoderich, 52f.

9 Rohr, Streben Theoderichs, 227f.

10 Ausbüttel, Theoderich, 54.

11 Rohr, Streben Theoderichs, 227.

12 Ausbüttel, Theoderich, 53.

13 Ebd., 54.

14 Postel, Ursprünge Europas, 151.

15 Ausbüttel, Theoderich, 54.

16 Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 30, 417.

17 Ausbüttel, 54f.

18 Claude, 155.

19 Ausbüttel, 58.

20 Ausbüttel, Theoderich, 59ff.

21 Wolfram, Goten, 283.

22 Ausbüttel, Theoderich, 62.

23 Postel, Ursprünge Europas, 153.

24 Ausbüttel, Theoderich, 62.

25 Ausbüttel, Theoderich, 69f.

26 Wolfram, Goten, 284.

27 Ausbüttel, Theoderich, 70.

28 Ebd., 68.

29 Ebd., 69ff.

30 Claude, Königserhebungen, 156.

31 Pohl, Völkerwanderung, 135.

32 Postel, Ursprünge Europas, 154.

33 Ausbüttel, Theoderich, 71.

34 Ausbüttel, Theoderich, 65f.

35 Pohl, Völkerwanderung, 138.

36 Ausbüttel, Theoderich, 65f.

37 Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 22, 347.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Theoderich der Große. Ein König auf dem Kaiserthron
Untertitel
Die Handlungsstrategie des Königs
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Seminar für Didaktik der Geschichte)
Veranstaltung
Völkerwanderungen des 1. Jahrtausends n. Chr. in Europa
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V984033
ISBN (eBook)
9783346341662
ISBN (Buch)
9783346341679
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Völkerwanderungen, Europa
Arbeit zitieren
Anna Dück (Autor:in), 2007, Theoderich der Große. Ein König auf dem Kaiserthron, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/984033

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