Zu Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane - Vom Wesen des Religiösen


Seminararbeit, 1995

41 Seiten


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VORWORT & EINLEITUNG

Zum Autor

Mircea Eliade, 1907 in Bukarest geboren, promovierte an der dortigen Universität und ging dann zum Studium nach Kalkutta. Er verbrachte zwei Jahre in Ashrams im Himalaja und wurde fünfzigjährig Professor für Religionsgeschichte in Chicago. Dort starb er 1986. Er hinterließ mehrere Erzählungen und Bücher über religiöse Themen, so auch das uns vorliegende Buch "Das Heilige und das Profane", das zuerst 1957 als Originalbeitrag für Rowohlts Deutsche Enzyklopädie erschien und leicht geändert 1990 wieder aufgelegt wurde.

Es war als "allgemeine Einführung in die phänomenologische und historische

Untersuchung der religiösen Tatsachen" (Eliade 7) für ein größeres Publikum gedacht. Ziel des Verfassers ist es, das Verhalten des homo religiosus, des Menschen, der tief in seiner traditionsgebundenen Gesellschaft und in seiner alles umfassenden Religion verwurzelt ist, mit Respekt, Sympathie und Verständnis darzustellen. Er möchte den Lesern helfen, die religiöse Existenz archaischer Kulturen einmal wahrzunehmen und sie als gültige menschliche Entscheidung anzuerkennen.

Elite verweist darauf, daß man ganz fremde Verhaltensweisen und Wertsysteme nicht durch deren Entmystifizierung verstehen kann, sondern daß man sich nur durch das Einlassen auf die ganz eigenen Formen von Logik und Weltverständnis dem Fremden nähert. Und so beschreibt er einige grundsätzliche Einstellungen wie die, daß es das Heilige auf der einen Seite und das Profane auf der anderen gibt.

Ihm geht es um das Wesen der religiösen Existenz. Darum bringt er zahlreiche Beispiele u.a. für heiligen Raum und heilige Zeit, die selbst zeitlich und räumlich nichts miteinander zu tun haben. Das Gemeinsame ist interessant.

Eliade war von der Gewißheit durchdrungen, daß es ein universelles Bedürfnis nach

Religion gibt und keine Gesellschaft ohne heilige Zeiten und Räume, ohne Initiationen oder Mythen, Träume und Mysterien.

(DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT; Aufschrift auf Buchrücken des Taschenbuches)

Zu uns

Wir, Studierende im dritten Semester, sind Christina Zech (22) und Arne Grahm(30), weiblich und männlich. Das könnte die Frage aufwerfen, ob diese Unterscheidung auf unsere Arbeit bezogen überhaupt wichtig ist.

Als wir beide das Buch von Eliade lasen, haben wir festgestellt, daß wir jeweils völlig verschiedene Aspekte berücksichtigen. Ob unsere Art der Umsetzung im Fall der vorliegenden Hausarbeit nun immer typisch weiblich oder typisch männlich ist, sei dahin gestellt. Wir sind jedenfalls zur Überzeugung gelangt, daß die abwechselnde Bearbeitung der Kapitel durch uns zu einem höheren Maß an "Objektivität" beigetragen hat.

Das Thema an sich erschwert eine logische Beweisführung unter Zuhilfenahme empirischer Methodik, was nicht notwendigerweise bedeutet, daß wir klare Aussagen vermeiden. Doch sind unsere Behauptungen spekulativ. Jeder hat auf seine Weise Gedankenketten zu Papier gebracht, die spontane Assoziationen zum jeweiligen Themenkomplex in einen für uns plausiblen Zusammenhang bringen. Andererseits haben wir auch Ratschläge aus unserem persönlichen sozialen Umfeld angenommen und verwandt. Beispiele die von mehreren Personen offensichtlich nicht nachvollzogen werden konnten, haben wir eliminiert.

Da es mindestens soviele Interpretationen zum Thema gibt wie Interpreten, haben wir unsere Aufgabe darin gesehen, das Wesen des Religi ö sen einzukreisen und den Blick zu schärfen für das, was heilig und profan ist. Und das tun wir auch, da wir heute leben, mit Begriffen und Assoziationen, die aus der Gegenwart stammen.

1. Das Heilige manifestiert sich - Hierophanie

Für den religiösen Menschen - den homo religiosus - besteht ein starker Wunsch, in einem heiligen Raum zu leben. Um diesen zu finden, bedarf es einer Manifestation dieses Raumes, die Eliade in seinem Buch "Hierophanie" nennt.

Der homo religiosus entwickelte zu diesem Zweck gewisse Orientierungstechniken. Religionsübergreifend finden sich in diesen auffallende Ähnlichkeiten. Die Hierophanie erfolgt mit Hilfsmitteln. Das können Tiere, außergewöhnliche Naturereignisse oder markante geographische Konfigurationen sein. Als besonders wichtiges Mittel dienen Tiere zur Erschließung des heiligen Raumes. Beispielsweise spielen im Hinduismus Kühe, bei einigen Indianerstämmen Adler und Bären, bei den alten Ägyptern Katzen und den alten Griechen Widder eine besondere Rolle, was in vielen noch bekannten bzw. noch praktizierten Ritualen deutlich wird.1 Spekuliert man aus der Position des rational denkenden Menschen, ist die Schlußfolgerung möglich, daß der frühe Mensch in seinem Wunsch zu überleben auf ihm sehr nützliche Instinkte der Tiere gestoßen sein könnte. Denn die Tiere halfen ihm bei der Suche nach Wasser und Nahrung sowie bei der Früherkennung von Gefahr und waren somit zur Erschließung seines Lebensraumes überhaupt unerläßlich! Aber auch Gegenstände können das Heilige manifestieren. So zählt der sogenannte "Schwarze Stein von Mekka", der möglicherweise ein Meteorit ist, zu den wichtigsten Heiligtümern des Islam. Er wird heute noch Jahr für Jahr von unzähligen Pilgern, die zum Grab des Propheten Mohammed strömen, besucht.

So offenbart sich dem homo religiosus das Heilige mit Hilfe des Profanen. Das Heilige transzendiert das Profane.

Für den profanen Menschen bleiben profane Dinge profan! Der Stein bleibt ein Stein und die Kuh eine Kuh - der profane Mensch lebt in einer entsakralisierten Welt. Ein Produkt der Neuzeit ist eine zunehmende Trennung in eine heilige und eine profane Welt, die doch niemals vollständig sein wird.

KAPITEL I

DER HEILIGE RAUM UND DIE SAKRALISIERUNG DER WELT

1. Homogenität des Raumes und Hierophanie

Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen dem Erleben des religiösen Menschen und dem des nicht religiösen ist, wie im vorangegangenen Kapitel schon gesagt, die Erfahrung des Raumes. Eliade erklärt im I. Kapitel: "Für den religiösen Menschen ist der Raum nicht homogen." (Eliade 23) und zitiert die Bibel, wo von "heiligem Boden" gesprochen wird.

Dem homo religiosus ist der heilige, starke und bedeutungsvolle Raum vertraut. In ihm kann er leben. Der heilige Raum kann sowohl als heilige Stätte, Kultgebäude, Stadt oder als eine "Welt" auftreten. Von ihm grenzt sich der andere Raum ab. Viele religionsgeprägte Gesellschaften stellen sich diesen als amorph, chaotisch und formlos vor. Der homo religiosus primitiver Gesellschaften schreckt besonders vor dem "Chaos" zurück, hat Angst vor dem profanen Raum, der Verkörperung des absoluten Nichtseins. So meidet er ihn nach Möglichkeit.

Die besondere Bedeutung kommt dem heiligen Raum u.a. auch deshalb zu, weil er eine Orientierung ermöglicht. Er bildet das "Zentrum der Welt", "den festen Punkt", die "Mittelachse" (siehe auch fünfter Abschnitt). "... die religiöse Erfahrung der Inhomogenität des Raumes stellt eine Urerfahrung dar, die wir einer 'Weltgründung' gleichsetzen dürfen" (Eliade 23). Im Text wird hier von einem "primären religiösen Erlebnis", das Voraussetzung für alle "Reflexion über die Welt" ist, gesprochen. Wenn sich ein Gebiet dem homo religiosus durch eine "Hierophanie" als heilig offenbart, kommt es für ihn sowohl zum Bruch des homogenen Raumes, als auch "zur Offenbarung einer absoluten Wirklichkeit, die sich der Nicht-Wirklichkeit der unendlichen Weite ohne Merkzeichen ringsum entgegenstellt" (Eliade 23). Der absolut profane Mensch dagegen kennt keine solchen Brüche, die den Raum qualitativ differenzieren. Raum ist für ihn neutral, geometrisch teil- und abgrenzbar. Allerdings, und darum geht es hier, verweist Eliade darauf, "daß es eine solche profane Existenz im Reinzustand nicht gibt."

Theoretisch betrachtet trifft oben Gesagtes demnach zu, praktisch aber ist es dem

Menschen an sich unmöglich, "das religiöse Verhalten ganz und gar abzulegen" (Eliade 24). Auch der Mensch, der die Sakralität der Welt ablehnt, kennt sehr wohl "heilige Stätten" in seinem privaten Universum. Als Beispiele führt der Autor Gegenden an, in denen eine Person gewissermaßen religiöse Raumerlebnisse gehabt haben kann. Da sind "die Heimat, die Landschaft der ersten Liebe, eine bestimmte Straße oder Ecke in der ersten fremden Stadt, die man in der Jugend besucht hat." Diese Orte haben eine "einzigartige" Bedeutung und werden nicht als alltäglich empfunden. Immer wieder können wir beobachten, wie zum Beispiel die Werbung darauf Bezug nimmt.

2. Theophanien und Zeichen

Die Tür (Tor, Pforte, Durchgang) stellt für den religiösen Menschen eine Trennung und auch gleichzeitig den Übergang - den Bruch - zwischen der profanen und der heiligen Welt dar. Das wird deutlich durch die Existenz einer Vielzahl von Ritualen, die mit dem Durchschreiten einer Tür, dem Übertreten in die andere Welt, verbunden sind. .2 In vielen Religionen wird dieser Ort des Überganges mit Dämonen - abschreckenden Wächtern aus Stein oder Holz - besonders geschützt (Z. B. sind in buddhistischen Tempeln, in hinduistischen Heiligtümern und auch in frühchristlichen Kathedralen oft links und rechts des Einganges Figuren aufgestellt, die der Bedeutung der Tür eine besondere Aufmerksamkeit zollen.).

Noch heute behauptet die katholische Kirche, deren Papst sich als direkter Nachfolger des Apostel Paulus (heiliger Petrus) versteht, im Besitz des Schlüssels zur Himmelspforte (zur Erkenntnis) zu sein.

Heilige Plätze wie Kirchen oder Tempel sind Orte des Übergangs zwischen dem heiligen und dem profanen Raum. Als Zeichen dessen gibt es in allen Welt- und Naturreligionen die besonders wichtige vertikale Komponente. So den "Marterpfahl" bei Indianern, heilige Bäume, Kirchturmspitzen und Phallussymbole oder im "atheistischen", profanen Raum, auch die Flagge als Symbol der Transzendenz.

3. Chaos und Kosmos &

4. Weihe eines Ortes als Wiederholung der Kosmogonie

Unser Kosmos - jede neue Niederlassung in einem Gebiet - kommt der Schöpfung gleich. Denn eine Umwandlung von Chaos in Kosmos stellt eine Wiederholung der Taten der Götter dar. Da der Begriff "Chaos" rein subjektiv ist und sich auf Fremdes, Ungewohntes bezieht, diente er seit Jahrtausenden als Deckmäntelchen für Eroberungskriege oder für gewaltsames Verändern von Unbekanntem. Auch Christoph Kolumbus handelte in diesem Sinne. Bemerkenswert ist das Aufstellen von Kreuzen am Ankunftsort der Eroberer.

Durch Christus ist ' das Alte vergangen, Neues ist geworden' (2. Korinther 5, 17). Das neu entdeckte Land war 'erneuert', 'wiedergeschaffen', durch das Kreuz. (Eliade 32).

Nachdem die Hierophanie bereits erfolgt, d. h. die Verbindung zum Himmel gesichert worden ist, wird das Durchbrechen der Ebenen (das Übertreten der Schwelle u. ä.) durch Riten wiederholbar.

Die Bedeutung dieser Stelle wird auch im folgenden Zitat Eliades (S. 33) noch einmal deutlich. Es geht um australische Nomaden, die Achilpa, nach deren Überlieferung das göttliche Wesen einst ihr künftiges Gebiet kosmisiert hatte, und dann u.a. einen heiligen Pfahl fertigte, den es mit Blut salbte und darüber in den Himmel verschwand. Dieser Pfosten ist die Weltachse, die seine Umgebung zum einen bewohnbar macht und zum anderen die Verbindung zum Himmel sichert.

Das Zerbrechen des Pfahles ist die Katastrophe, gewissermaßen das 'Ende der Welt', der Rückfall ins Chaos. Spencer und Gillen berichteten, daß einem Mythos zufolge der ganze Stamm von tödlicher Angst befallen wurde, als einmal der heilige Pfahl zerbrach; die Stammesangehörigen irrten einige Zeit umher und setzten sich schließlich auf den Boden, um zu sterben.

5. Das Zentrum der Welt & 6. Unsere Welt liegt immer im Zentrum

Wie wir gesehen haben, schafft der religiöse Mensch traditioneller Gesellschaften schafft eine Orientierung im Raum, die er zum Leben braucht. Sie geht von einem Ort aus, an dem die drei kosmischen Ebenen: Himmel, Erde und untere Regionen, durch eine Hierophanie durchbrochen worden sind. Der Himmel symbolisiert die göttliche, die Erde die menschliche Welt, und die unteren Regionen stellen die Welt der Toten dar (und die des " Wasser-Chaos" , der noch gestaltlosen kosmischen Materie). Symbole sichern, daß der Raum nach oben "offen" d.h. mit der göttlichen Welt verbunden bleibt, daß "der Kontakt mit der anderen, der transzendentalen Welt möglich" ist (Eliade 41). Ein Symbol der Durchbrechung kann z. B. die axis mundi sein, die alles stützt und verbindet. Diese kosmische Säule muß im Zentrum der Welt stehen. Denn die ganze bewohnbare Welt der Menschen (für die die Säule diese Bedeutung hat) erstreckt sich um sie herum, wie in Falle des Pfahles der Achilpa.

Es ist unvermeidlich, daß die Erde viele "wirkliche" Zentren hat, denn es gibt unzählige Gemeinschaften, die (spirituell) davon abhängen. Für die Menschen ist es lebensnotwendig, daß ihr Welt-Zentrum in unmittelbar erreichbarer Entfernung liegt, bzw. daß sie selbst im Zentrum sind. 3

Eliade erkennt ein "Weltsystem" traditionsgebundener Gesellschaften. Er faßt das Gemeinsame, das sich aus folgenden religiösen Vorstellungen und kosmologischen Bildern ergibt, zusammen:

a) ein heiliger Ort stellt immer einen Bruch im homogenen Raum dar;
b) Symbol dessen ist eine "Öffnung", durch die der Übergang von einer zur anderen kosmischen Region möglich wird;
c) es gibt verschiedene die axis mundi darstellende Bilder, so z. B. die Säule, die Leiter, den Berg, den Baum, die Liane;
d) da sich "unsere Welt" um diese axis mundi erstreckt, ist sie der "Nabel der Erde", also die Mitte.

Ein weiteres Beispiel für die axis mundi ist der in vielen Kulturen eine Rolle spielende schon erwähnte kosmische Berg. Er ist Zentrum der Welt und stellt eine Erhebung dar, die dem Himmel nahe kommt. Er gibt den Menschen um ihn das Gefühl, an oder in der Nähe von einem "hochgelegenen Ort" zu leben. 4 Die Natur gibt die sinnlich wahrnehmbaren Bilder her, an denen man die mit der Sprache schwer beschreibbaren, doch als innere Zustände der Welt erlebten Wirklichkeiten festmachen kann. In der Natur wie in Mythen und Glaubensvorstellungen hebt sich der Berg deutlich heraus. ... Tempel sind Nachbildungen des kosmischen Berges und bilden das Band zwischen Erde und Himmel (Eliade 38).

Sie sind heiliger Raum und Zentrum par excellence. Interessant ist, daß solche Orte selbst das ganze Universum symbolisieren konnten. Nach Flavius Josephus stand der Hof des Tempels von Jerusalem für das "Meer" (= untere Regionen), das Sanktuarium für die Erde und das Allerheiligste für der Himmel. Aber dieser Kosmos im Kleinen, die imago mundi, kann auch durch ein ganzes Land (Palästina) oder eine Stadt (Jerusalem) dargestellt werden.

Wie man sieht, treten sowohl die imago mundi als auch das 'Zentrum' innerhalb der bewohnten Welt in Wiederholungen auf. (Eliade 41)

Auch Paläste wurden durch diesen Symbolismus geprägt. Der nie gebaute Palast der Sowjets zum Beispiel sollte überdimensional sowohl von der "Wahrheit" zeugen, als auch selbst Zentrum und Heiligtum par excellence sein.

Mir ist von einer Reise der SS vor dem II. Weltkrieg nach Tibet berichtet worden. Dort fanden die Herren Stoff für ihre Ideologie: Da nun ein neues Zeitalter angebrochen war, in dem der reine, arische Mensch wieder herrschte, war man überzeugt, die Götter würden wieder auf die Erde kommen - und sich in Berlin niederlassen! Dazu brauchte man die monströsen Speer Bauten also auch, als neue Sitze der Götter, als echte Tempel! Und, ein anderes Beispiel: der Fernsehturm genügt allen Kriterien, ein "kosmologisches Bild" zu sein: er war ein heiliges Symbol dafür, was der Sozialismus alles schafft, ein

Bruch in der Homogenität des grenzüberschreitenden Raumes, er ermöglichte per Fahrstuhl den Übergang in eine andere kosmische Region, war eine axis mundi und befand sich im Mittelpunkt der Erde, in Berlin, Hauptstadt der DDR. 5

In der Architektur von Diktaturen lassen sich Massen von profanen tempelartigen Entwürfen und Gebäuden finden - in vermeintlich total entsakralisierten Gesellschaften! Auf mehr können wir hier nicht eingehen.

Zurück zu Eliade. Die Durchbrechung der Ebenen hat eine besondere spirituelle Bedeutung. Durch sie wird Raum "heilig und real". Nur dort kann Schöpfung stattfinden; Schöpfung bedeutet Überfluß an Realität, also einen Einbruch des Heiligen in die Welt (Eliade 42).

Der erste Mensch wurde genau dort geschaffen. Denn, so die Begründung, dieser Akt war eine Wiederholung der Kosmogonie, die ja auch in der Mitte, am Nabel der Welt vonstatten gegangen sein mußte. Und sie wurde zum "Archetypus des menschlichen Schöpfungswerkes" (Eliade 43).

Der Mensch der vormodernen Gesellschaften will immer so dicht am Heiligen sein wie möglich, er "hat das Bedürfnis, ständig in einer ganzen, geordneten Welt, in einem Kosmos zu leben" (Eliade 42). Aus diesem Grund ist auch das eigene Haus sehr wichtig, und der Bau kommt in einigen Kulturen der Nachahmung dessen gleich, was sie sich unter der Weltschöpfung vorstellen. Viele Sakral- und Wohnstätten sind auch imago mundi: der ganze Kosmos, wie in der "echten Vorstellung" (d. Verf.), nur im Kleinen.

7. Stadt-Kosmos

Die Stadt stellt ein Ebenbild unseres Universums dar. Fremdes wird als Feindliches, gleich Dämonischem betrachtet. Es wurde häufig verbunden mit der Vorstellung von Meeresungeheuern und Drachen. In unserer Kultur kämpfte z. B. Siegfried, der Held der Nibelungen, gegen einen Drachen.

Interessant ist, unseres Erachtens, eine Gemeinsamkeit in der Art der Kriegführung verschiedener Kulturen. Karthago mußte völlig zerstört werden, ebenfalls Troja, denn es reicht historisch gesehen scheinbar nicht aus, bestehende Strukturen neu zu besiedeln, sondern Neues mu ß v ö llig neu errichtet werden.

Erfahrungen im 20.Jahrhundert hierzu sind Hitlers Taktik der verbrannten Erde in Rußland bzw. die Vergeltungsschläge der Alliierten auf Deutschland am Ende des Zweiten Weltkrieges; deutlich zu ahnen auch in der taktischen Führung von Kriegen der USA in Japan, Vietnam und dem Irak.

Eine solche Art von Denken hat sich möglicherweise aufgrund von bestimmten Erfahrungen entwickeln können. Denn um eine Stadt oder eine Siedlung zu errichten, mußte seit Urzeiten die bestehende Ordnung vollständig zerstört werden, z. B. durch das Roden von Wäldern, oder das Umleiten von Flüssen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Umwandlungen von so großem Ausmaß erforderten erfahrungsgemäß ü bermenschliche Anstrengungen, die z.B. durch das T ö ten des Drachens symbolisiert werden können. Solcherlei Anstrengung wird belohnt, im Falle der Nibelungen, und auch heute noch in vielen, besonders in US-amerikanischen Filmen z.B., durch das Erlangen eines Schatzes und/ oder einer Jungfrau.

Die rituelle Wiederholung dieser übermenschlichen Anstrengung können wir rudimentär in verschiedenen auch heute noch praktizierten Traditionen finden. So z. B. beim Stierkampf oder dem im Sorbengebiet Deutschlands praktizierten "Hahnrupfen", um nur einige zu nennen. Zufällig fällt das Hahnrupfen auch noch mit dem Erntedankfest zusammen.

Unsere hochentwickelte Zivilisation ist nach wie vor bestimmt von dieser Art des mythischen Denkens; und die Medien zeigen uns, wie leicht es ist, mit Symbolen wie Blut, Unschuld und Chaos Feindbilder zu konstruieren.

Dämonisieren von Fremdem wird auch heute noch benutzt, um emotionale Fronten zu schaffen. Die Jagd nach hoher Auflage ließ den Spiegel im Jahre 1988 ein Titelbild veröffentlichen, auf dem Ajatollah Chomeini mit blutunterlaufenen Augen und blitzenden Zähnen - dämonengleich - den Leser und Nichtleser erschreckte. Typisch für die BZ ist das Klischee "CHAOS WIRD GEMACHT VON CHAOTEN" (Chaoten = Menschen, die bestehende Ordnung verändern oder auch beeinträchtigen möchten. Anm. der Verfasser).

Ebenfalls sehr bildhaft ist die Rede vom langen Arm der Stasi und Ihrem krakenhaften Gebaren.

Die Angst vor dem Chaos ließ vor einigen Jahren viele Moslems jeden gesunden Menschenverstand vergessen, als sie in Berliner Straßen für die Beschneidung ihrer eigenen Grundrechte demonstrierten, gegen die Meinungsfreiheit nämlich, im Zusammenhang mit dem Aufruf zur Hinrichtung von Salman Rushdie durch den iranischen Staat. Auch das ist eine Form der Transzendenz des Profanen durch das Heilige.

8. Die Erschaffung der Welt übernehmen

In allen traditionsgebundenen Kulturen (hat) die Behausung einen sakralen Aspekt. (Eliade 49)

Da sie als Mikrokosmos angesehen wird, gilt sie als heilig, denn jeder Kosmos ist Gottes Werk, und Gottes Schöpfung ist heilig. Beim Bau geht es um die "Erschaffung der Welt, ... in der man leben will" (Eliade 50). Diesem Ereignis geht eine lebenswichtige Entscheidung, besonders bei den Seßhaften, voraus.

Hier tritt wieder der Unterschied zu den entsakralisierten Gesellschaften westlicher Prägung deutlich hervor, wo Wohnhäuser Gebrauchsgegenstände, ja sogar Wert- und Spekulationsobjekte sind. 6 Wir in unserer profanen Gesellschaft sollten eigentlich keine großen Probleme damit haben, eine Wohnung gegen die nächste zu tauschen, falls sie ähnlich gut ist 7. Allerdings ist das für viele Individuen keineswegs so einfach - aus den verschiedensten Gründen. Sicher nicht zuletzt, wenn die Quadratmeter zur Heimat, zum home and castle, zur "heilige Stätte des privaten Universums", geworden sind. Das ist es, was Elite meint, wenn er sagt, es gäbe die rein profane Existenz nur selten. Es ist nicht erstaunlich, im Zusammenhang mit Wohnstätten auf ein Relikt alter Zeiten zu stoßen: auf die Haus- und Wohnungseinweihungen. Wozu brauchen wir die noch? Auf diesen Festen finden zwar heute keine speziellen rituellen Handlungen mehr statt (außer dem Überreichen von Brot und Salz vielleicht, daß es niemals ausgehen möge und dem Rauchen und Anstoßen o. ä.), aber sie haben trotz ihrer Verweltlichung noch die Struktur eines Erneuerungsrituals. Ihre Existenz allein beweist: auch der Jetzt-Mensch in den Industrienationen erhält sich seine Bräuche, die aus alten Wurzeln stammen. Zumindest trägt er die Ursprünge durch die Sprache weiter.

Es gibt in den traditionsgebundenen Kulturen vielerlei Rituale, die die Kosmogonie wiederholen, wenn eine "Welt", eine Stadt oder ein Haus errichtet werden soll. Je nach Schöpfungsmythos können sie auch blutig und sehr grausam sein, wenn nämlich "jene exemplarische Tat der Götter wiederholt (wird), die aus dem Leib eines Meerdrachen oder Urriesen die Welt entstehen ließ" (Eliade 48). Eine andere Art der rituellen Verwandlung eines Wohnsitzes ist, ihn dem Kosmos anzugleichen. Bei Dörfern werden die vier Horizonte von einem Mittelpunkt aus projiziert, bei Familienwohnstätten treffen wir wieder auf eine symbolische axis mundi.

In der Struktur der Wohnstatt wird der kosmische Symbolismus betont (Eliade 49).

9. Kosmogonie und Bauopfer

Bevor die Maurer den ersten Stein legen, bezeichnet ihnen der Astrologe den Punkt, an dem der Grundstein gelegt werden muß, und dieser Punkt liegt über der Schlange, welche die Welt trägt. Der Maurermeister spitzt einen Pfahl und rammt ihn genau am bezeichneten Punkt in den Boden, damit der Kopf der Schlange festgenagelt wird. Dann wird über dem Pfahl ein Grundstein gelegt. (Eliade 51) Der Eckstein befindet sich also genau im "Zentrum der Welt".

An der Schwelle zum Dritten Jahrtausend sind auch in Deutschland Schiffstaufen, Grundsteinlegungen und Richtfeste - nicht nur von Politikern - beliebte Rituale. 8 Was hat das Lamm mit Ostern zu tun, oder der Karpfen mit Sylvester!? Für den homo religiosus ist klar: Seelenübertragungen(auf Orte oder Gegenstände) erfordern Blutopfer.

Wir erinnern uns, Bauen ist das Wiederholen der Sch ö pfung.

In Asien, das gilt für christlich missionierte, buddhistische wie islamische Regionen, wird z. B. für einen gefällten Baum, wenn er dem Aufbau eines neuen Hauses weichen mußte, ein Geisterhaus errichtet, in dem geopfert wird.

Andere Länder, andere Sitten !? Im südlichen katholischen Europa begegnen dem Besucher häufig ähnlich aussehende "Geisterhäuser". Doch diese wurden der Jungfrau Maria geweiht und haben bis auf das Aussehen und die Tatsache, daß dort Speiseopfer gebracht werden, (wahrscheinlich nichts?) miteinander zu tun.

Der Schrecken vor dem Chaos ist gleich dem Schrecken vor dem Nichts oder dem Unbekannten. Schaut man sich die Biochemie des Gehirns etwas genauer an, so scheint die grenzenlose Angst vor dem Nichts völlig gerechtfertigt:

Hält sich der Mensch in einer reizarmen bis reizlosen Umgebung auf wie z. B. in Meditationsstätten, Isoliertanks, abgelegenen Wüstengegenden oder in Isolationshaft, so stellen sich nach kurzer Zeit Halluzinationen ein, sobald die Reize (thermische, optische, akustische, sensorische) eine bestimmten Schwelle unterschritten haben. Das Gehirn braucht ein Mindestmaß an Stimulation, um arbeiten zu können. Das bekommt es im allgemeinen selbst im Schlaf. Wird ein gewisses Minimum an Information nicht zur Verfügung gestellt, kann es seine Aufgaben nicht mehr erfüllen. Es kommt zu irreversiblen Hirnschäden.

Auch die Gehirnwäsche - oft eine Wiederholung eines einzigen, bestimmten Reizes - stellt ein Unterschreiten der zum Leben notwendigen Reizflut für das Gehirn dar.

10. Tempel, Basilika, Kathedrale

Es ist schon festgestellt worden, daß Tempel imago mundi sind. Und

...als Haus der Götter heiligt der Tempel die Welt ständig von neuem, weil er sie repräsentiert und zugleich umfaßt (Eliade 55).

Eine neue religiöse Vorstellung (altorientalisch, vom Judentum übernommen) ist die des Tempels als "Kopie eines himmlischen Archetyps". Auf Erden errichtete Tempel sind nur scheinbar verderblich, denn ihre wahre Heiligkeit ist unantastbar. Der Bauplan ist ein Werk der Götter, bzw. Gottes, und dort für immer und ewig gesichert vorhanden. Er wird auserwählten Menschen durch Gnade gezeigt, in Visionen und Träumen. Im Alten Testament steht geschrieben, wie Moses aufgefordert wird, ein Heiligtum zu errichten, genau nach einem von Gott "auf dem Berg" gezeigten Muster. Und zwar soll der Tempel auch auf einem Berg gebaut werden, "auf deinem heiligen Berg" (so Salomo). Hier treffen wir wieder auf das Bild des kosmischen heiligen Berges, der ja ursprünglich selbst einmal Vorlage für Tempel war.

Auch die Stadt Jerusalem ist eine ungefähre Kopie des himmlischen Jerusalem. Sie ist vergänglich, nicht so das Modell, das zur gleichen Zeit wie das Paradies - außerhalb aller Zeit - geschöpft wurde. Die christliche Basilika wie die spätere Kathedrale sollen sowohl Abbild des himmlischen Jerusalem sein als auch Reproduktion der himmlischen Welt oder des Paradieses.

Die Basilika ist ein beeindruckendes Beispiel, wie die Nachbildung einer Vorstellung der Welt Architektur wurde: Die vier Horizonte oder "Weltrichtungen" werden von den vier Teilen des Kircheninneren symbolisiert. Dabei steht im Osten der Altar, der Symbol für das Paradies ist. Ihm gegenüber muß demzufolge das Reich der Finsternis und Verderbnis sein, also im Westen. Während im Osten eine sogenannte "Tür des Paradieses" in der Osterwoche den ganzen Gottesdienst lang offen bleibt - Sinnbild für den Satz: "Christus ist aus dem Grabe auferstanden und hat uns die Türen des Paradieses geöffnet" - harren die Verstorbenen in ihrem Gebiet im Westen der Auferstehung des Gerichtes.

Als Abbild der Erde, wie man sie sah, hat die byzantinische Kirche in der Mitte vier Wände, die von einer Kuppel überwölbt werden. Das Zentrum ist also das Weltall, die bewohnte Erde, die von Licht im Osten und Finsternis im Westen umgeben ist. Mit ihrer Existenz heiligt die Kirche die Welt und ist Abbild des gesamten Kosmos' (siehe Abb.).

KAPITEL II

DIE HEILIGE ZEIT UND DIE MYTHEN

1. Profane Dauer und heilige Zeit

Die Zeit - sie ist die zweite Dimension, in der sich die Existenz der Angehörigen traditionsverbundener religiöser Kulturen ganz grundlegend von der unseren in der modernen profanen Welt unterscheidet. Für erstere ist die Zeit genauso wenig homogen und stetig wie der Raum. Es gibt vielmehr tiefe Brüche zwischen den beiden für sie existierenden Zeiten. Um von einer in die andere gefahrlos übertreten zu können, sind Riten nötig.

Die "profane Zeit, die gewöhnliche zeitliche Dauer, in der die Ereignisse ohne religiöse Bedeutung liegen" (Eliade 63) rahmt die heilige Zeit ein wie der profane Raum den heiligen.

Der größte Unterschied zwischen beiden Zeiten ist der, daß die heilige Zeit die "wirklichere", bedeutsamere für die Menschen ist und "ihrem Wesen nach reversibel,

insofern sie eine mythische Urzeit ist, die wieder gegenw ä rtig gemacht wird" (Eliade 63). Sie entstand am Anfang, als die Götter jene Taten (die "gesta" ) vollbrachten, die durch das entsprechende Fest reaktualisiert werden. Das heißt, die Teilnehmer treten wieder in eine Zeit ein, in der die Götter die Gegebenheiten ihres Seins schaffen (wo das Heilige in die Welt einbricht, es "Realität im Überfluß" gibt, wo Schöpfung stattfindet). Die Menschen befinden sich dann nicht mehr in einer Zeit, die man mit Uhren stoppen und in Zahlen ausdrücken könnte. Sondern die profane Zeit bleibt für sie stehen. Die Teilnehmenden am Fest sind in einer geheiligten Zeit, in die sie periodisch durch Riten immer wieder gleich eintreten können, die einen völlig anderen "Ursprung" als die profane Zeit hat. Nichts hat sich seitdem verändert, denn heilige Zeit ist unveränderbar. Der religiöse Mensch weigert sich, einzig und allein in der - modern ausgedrückt - 'historischen Gegenwart' zu leben; er bemüht sich um Anschluß an eine heilige Zeit, die in gewisser Hinsicht der 'Ewigkeit' gleichgesetzt werden kann. (Eliade 64) In dem Kapitel "Periodisch zum Zeitgenossen der Götter werden" weist Eliade jedoch darauf hin, daß wir kein Recht haben, "die periodische Rückkehr zur heiligen Zeit des Ursprungs als eine Ablehnung der realen Welt und als Flucht in den Traum und ins Imaginäre zu interpretieren" (Eliade 83).

Der Mensch der modernen Gesellschaften kennt sehr wohl auch Lebenszeiten, Festzeiten und Urlaubszeiten, in denen der Alltag durchbrochen wird, das Gewohnte sich ändert. Es gibt die Langeweile und den völligen Gegensatz dazu. (Der Autor bringt als Beispiele das Hören einer Lieblingsmusik und das Erwarten und Sehen eines geliebten Menschen). Diese Perioden und Momente sind von großer Bedeutung.

Aber niemand von uns würde bestreiten, daß es sich in diesen Momenten um menschliche Erfahrungen handelt. Für keinen nicht religiösen Menschen handelt es sich um Zeiten, in die sich göttliche Realität einschalten kann. Die Zeit birgt angeblich kein Geheimnis und es gibt theoretisch keine Brüche. Zeit ist lediglich "die tiefste existentielle Dimension des Menschen, sie ist an seine Existenz gebunden" (Eliade 65). Als Beispiel zur Erklärung des Unterschiedes heilige - profane Zeit wird im Buch folgendes angeführt: genau wie eine Kirche in der Stadt "eine Durchbrechung der Ebenen in dem Profanen Raum" darstellt, so ist auch der in ihr stattfindende Gottesdienst ein "Bruch in der profanen Zeitdauer". Die "Zeit der historischen Existenz Christi ,... die geheiligt ist durch seine Predigt, sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung" wird gegenwärtig (Eliade 65). Es ist nicht mehr "die jetzige historische Zeit".

Doch hier werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß das Christentum bereits den Begriff und die Erfahrung der "liturgischen Zeit" verändert hat. Denn die christliche Liturgie vollzieht sich für die Gläubigen nicht in einer sich nicht ändernden mythischen Ursprungszeit, sondern in einer historischen, in der es also staubige irdische Geschichte mit allem, was dazu gehört, gibt, die aber "durch die Inkarnation von Gottes Sohn geheiligt ist" (Eliade 65). Für die vorchristlichen (besonders archaischen) Religionen, die im Buch vor allem interessieren, kann es keine Zeit vor dem Anbruch der mythischen Zeit gegeben haben.

2. Templum - Tempus

Das Kapitel beginnt mit der Information über die Sprache einiger Ureinwohner Nordamerikas, in der nämlich "Welt" (= Kosmos) auch im Sinn von "Jahr" gebraucht wird. Beides kann gleichgesetzt werden, weil es sich um göttliche Schöpfungen, heilige Realitäten handelt. So wird von den Yokut gesagt "die Welt ist vergangen" wenn gemeint ist "ein Jahr ist abgelaufen".

Man stellt sich den Kosmos als lebendige Einheit vor, die entsteht, sich entwickelt und mit dem letzten Tag des Jahres erlischt, um am Neujahrstag wiedergeboren zu werden. (Eliade 67)

An jedem Neujahr fängt die Zeit von ganz vorn wieder an, gewinnt ihre ursprüngliche Heiligkeit zurück. Aber nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Struktur heiliger Bauwerke kann sich die Verbundenheit zwischen Zeit und Kosmos ausdrücken. Ein Beispiel, in dem auch die Überschrift des Abschnittes erklärt wird, ist wieder einmal der Jerusalemer Tempel, in dem die zwölf Brote auf dem Tisch die zwölf Monate symbolisieren und der siebzigarmige Leuchter "die Tierkreiseinteilung der sieben Planeten im Zehner", die "Dekane". Als Mittelpunkt der Welt heiligte der Tempel über den ganzen Kosmos hinaus auch noch das kosmische Leben, d. h. die Zeit. Templum und Tempus nun bezeichnen beide eine "Scheidung" oder "Kreuzung". Präziser: "templum bezeichnet die räumliche, tempus die zeitliche Wendung eines raumzeitlichen Gesichtskreisbildes." (zitiert nach W. Müller, Kreis und Kreuz, S 39) So wie die Kosmogonie der Archetyp jeder 'Schöpfung' ist, so ist die kosmische Zeit, die der Kosmogonie entspringt, das exemplarische Modell für alle anderen Zeiten ... (Eliade 69).

Das heißt soviel, wie daß es keine Zeit vor der Entstehung der jeweiligen erschaffenen Sache gegeben haben kann.

3. Jährliche Wiederholung der Kosmogonie

Hier werden Neujahreszeremonien exemplarisch angerissen. Allgemein wird dem schon gesagten noch hinzugefügt, daß mit dem Ablauf eines Jahres in der Vorstellung vieler traditioneller Kulturen nicht nur ein neuer Kosmos mit der ihm innewohnenden Zeit entsteht, sondern daß, konsequenterweise, das alte Jahr und das alte Universum auch vernichtet werden, vergehen, absterben müssen. Denn nichts kann an einer Stelle ganz neu und rein entstehen, wenn noch das Alte seinen Platz einnimmt. So sind viele Neujahreszeremonien wilder Natur. Der Rückfall der Welt ins Chaos wird rituell vollzogen. Dann wird die Kosmogonie wiederholt, reaktualisiert; der Urmythos wird gespielt.

In Babylon rezitierte man während der akitu -Zeremonie, die in den letzten Tagen des alten und in den ersten Tagen des neuen Jahres abgehalten wurde, feierlich das 'Gedicht der Schöpfung'... (Eliade 70).

Und so nehmen alle Beteiligten stellvertretend für die Götter die Schöpfung der Welt auf sich. Sie wohnen der Vernichtung und der Schöpfung der Welt bei und werden so selbst neu geschöpft.

Da man sich am Jahresende auf der Schwelle zur primordialen und also heiligen Zeit befindet, schreitet man zu Reinigungsritualen, die die Vertreibung der Sünden und der Dämonen (z. B. verkörpert durch den Sündenbock) bewirken sollen. Es geht um das ...Annullieren der Sünden und Fehler des Individuums und der ganzen Gemeinschaft und nicht (um) eine bloße 'Reinigung' (Eliade 71).

Das symbolische Weltende kann durch Rituale deutlich gemacht werden wie z. B. durch das ...Auslöschen der Feuer, Wiederkehr der Seelen der Toten, Vermischung der sozialen Klassen ..., erotische Freiheit, Orgien usw. (ebd.)

Dieser Tag ist hier als Sylvester bekannt. Er wird zur Freude der chemischen Industrie mit gar heidnischen Bräuchen wie dem Abbrennen von Feuerwerk zum Vertreiben der bösen Geister des alten Jahres begleitet. Auch bemüht sich der Mensch des neuen Jahres um mehr Bewußtheit, was sich in den vielen guten Vorsätzen zum Jahreswechsel zeigt - obwohl doch rationell betrachtet jeden Moment ein neues Jahr beginnt! Im Gegensatz zu den Angehörigen traditioneller Kulturen stellt sich der moderne Mensch dabei aber nur vor, daß ein durch eine Jahreszahl markierter Zeitabschnitt beendet ist und ein neuer anfängt. Es handelt sich nicht um die Vorstellung der Vernichtung des alten, sondern um eine Fortsetzung desselben.

4. Regeneration und Rückkehr zur ursprünglichen Zeit

Nach Vorstellung des homo religloses kann das Leben nicht repariert, sondern es kann nur neu erschaffen werden. Und so scheint es in Europa tatsächlich so, als wäre es kostengünstiger, Häuser neu zu bauen, als sie zu renovieren.

Alternative Heilmethoden wenden diesen Fakt auch auf ihre Art für die Behandlung von Krankheiten an.

Bekanntlich erhält bei den Heilverfahren der Naturvölker eine Arznei erst dann Ihre Wirksamkeit, wenn man Angesichts des Kranken auf rituelle Weise an Ihren Ursprung erinnert. Eine große Zahl von Zaubersprüchen ... enthält die Geschichte der Krankheit oder des Dämons, der sie hervorgerufen hat, und beschwört damit den mythischen Zeitpunkt herauf, in dem es einer Gottheit oder einem Heiligen gelang, das Übel zu bezwingen. Die heilkräftige Wirkung der Beschwörung liegt darin, daß sie die mythische Zeit des Ursprungs' reaktualisiert, sowohl des Ursprungs der Welt wie des Ursprungs der Krankheiten und Ihrer Heilung. (Eliade 75)

Meine (A. G.) persönlichen Erfahrungen mit alternativen Heilmethoden führten mich nach einer Fußverletzung durch die Hände des "Heiligen" unter großen Schmerzen an der Punkt der Entstehung der Verletzung.

Eine Schwellung an meinem Fuß, die erfahrungsgemäß mindestens eine Woche zur Besserung benötigt hätte, war nach einem Tag kaum noch zu sehen und zu fühlen.

5. Festzeit und Struktur der Feste

Die Ursprungszeit einer Realität kann man nach profaner und nach heiliger Zeit bestimmen. Aber, wie wir gesehen haben, ist nur der homo religiosus in der Lage, durch Feste an die Ursprungszeit einer Realität zurückzukehren. So gibt es neben dem profanen Kalender auch den heiligen.

These: Die Stärke des Glaubens verhält sich proportional zu der Anzahl der Feste.

In Bali, dem letzten Bollwerk des Hinduismus' in Indonesien gegenüber dem Islam, besteht das ganze Jahr aus Festen. Ebenso scheinen in vielen Gebieten, in denen sich verschiedene Religionen ber ü hren, die festlichen Aktivitäten einen vergleichbar hohen Stellenwert einzunehmen.

Feste sind rituelle Wiederholungen göttlicher Taten, die es ermöglichen, die Ursprungszeit einer Realität periodisch zu reaktualisieren.

Der Feiernde wird also periodisch zum Zeitgenossen der Götter. Es besteht der starke Wunsch, in Anfangssitutationen zurückzukehren! 9 Denn der Anfang ist vollkommen. Dies halte ich für einen subjektiven Eindruck. Bekannt sind Aussprüche von Großmüttern, die Elemente wie: "...die gute alte Kaiserszeit", bzw. "...ja, ganz früher zu Adolfs Zeiten..." enthalten.

Der homo religiosus sieht sich als Hüter der Uroffenbarung, des Mythos'. Er ist getrieben von der Sehnsucht nach ewiger Wiederkehr. Theoretisch könnte man eine Unterscheidung treffen zwischen zwei Arten der Existenz in der Welt. Der profane Mensch existiert nur mit der Verantwortung vor sich selbst, der religiöse dagegen auf kosmischer Ebene.

Das hielt den religiösen Menschen im Lauf der Geschichte jedoch nicht davon ab, schnöde Eroberungskriege im Namen Gottes zu führen.

Aber diese Unterteilung ist nur rein theoretisch, denn der profane Mensch ist längst nicht frei von mythischem Denken. Bezeichnend dafür ist vielleicht der (von den Verfassern unterstellte) Urwunsch eines jeden Menschen, den man so aussprechen könnte:

"Das möchte ich mit meinem jetzigen Wissen noch einmal erleben!"

6. Periodisch zum Zeitgenossen der Götter werden

Der religiöse Mensch sehnt sich nach Nähe zu den Göttern, bzw. zu Gott. Er will die wahre Stärke und Kraft spüren; an der Vollkommenheit, Echtheit und Reinheit des Lebens direkt teilhaben.

In der christlichen Terminologie könnte man sagen, es handle sich um eine 'Sehnsucht nach dem Paradies', obwohl auf der Ebene der primitiven Kulturen der religiöse und ideologische Kontext ein ganz anderer ist als in der jüdisch-christlichen Welt. (Eliade 82)

Durch das periodische Wiedereintreten in die "Zeit des Ursprungs" mittels Ritualen, in denen immer nur eine begrenzte Zahl von Handlungen vollzogen werden, sind die religiösen Menschen der primitiven Gesellschaften gewissermaßen gelähmt. Elite möchte uns Leser dazu bringen, nicht zu glauben, der vormoderne Mensch "lehne die Verantwortung für eine authentische Existenz ab" (Eliade 82). Im Gegenteil ist er der Meinung, er nähme durchaus mutig Verantwortung auf sich, zum Beispiel beim Mitwirken während der Weltschöpfung. Nur sei hier ein eigenes Verständnis von Gültigkeit und Authentizität gefragt. Am Schluß des Kapitels ist als Wesentliches noch einmal gesagt, daß die Menschen der primitiven und archaischen Gesellschaften einen unendlichen "Durst nach dem Heiligen und zugleich Sehnsucht nach dem Sein" haben, der sich in der periodischen Rückkehr zu den Göttern äußert. Sie und das ganze Verhalten zeigen, daß das Sein uneingeschränkt bejaht wird. Außerdem offenbaren sie die optimistische Sicht, "daß man das Leben mit einem Maximum an 'Chancen' periodisch neu beginnen kann" (Eliade 83). Die Gesamtheit aller Uroffenbarungen, die dem Menschen "die Teilhabe am Sein" garantiert, liegt in seinen Mythen.

Heute, in der "entwickelten Welt", ist es dem Menschen im Gegensatz dazu sogar möglich geworden, den Sinn des Lebens anzuzweifeln.

7. Der Mythos als exemplarisches Modell &

8. Reaktualisierung der Mythen &

9. Heilige Geschichte, Geschichte, Historizismus Das ist so, weil gesagt wurde, daß es so ist.

Der Mythos erzählt den Ursprung einer Realität. So gibt es verschiedene Mythen, z. B. zum Ursprung eines Lebewesens, einer speziellen Pflanzenart, der Schöpfung oder auch Bilder zu sexuellen Tabus (Onan im Alten Testament - AT).

Das Warum ist im Wie enthalten, die Existenz des Mythos' spricht f ü r sich. Der Mythos liefert Vorbilder für alltägliche Handlungen. Denn die Nachahmungen der Götter machen gottähnlicher und bewahren die Heiligkeit der Welt. So sehen die Hindus die reale Person Buddhas als göttliche Inkarnation des hindhuistischen Bewahrers oder Erhalters.

Der Sinn von Mythen verdunkelt sich, wenn sich die intellektuelle Eliade von der Überlieferung löst. So geschehen z. B. im christlichen Kulturkreis bei der "unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria".

Friedrich Nietzsche zum Mythos: "Ohne Mythos aber geht jede Kultur ihrer gesunden schöpferischen Kraft verlustig ..." Und weiter: "Sofern die primär uneingeschränkte mythische Dimension durch die Erkenntnis gebrochen ist, kommt es in deren Spektrum durch Philosophie zu einer anderen neuen Restituierung der Herrschaft der mythischen Dimensionen."

Nietzsche unterstellt dem Mythos dieselbe konstruktive Kraft wie der Philosophie und der Kunst.

Ein aktuelles Beispiel für die Ablösung der alten Mythen ergab sich während der vielleicht nie endenden Suche der Menschen nach ihrem Ursprung.

Die ursprüngliche "Front" im christlichen, "abendländischen" Kulturkreis verlief bisher zwischen den Anhängern der Schöpfungsgeschichte, wie sie das Alte Testament erzählt, den ("Kreationisten") und den Verfechtern der EvolutionsTheorie von Charles Darwin.

Das "Kesseltreiben", das seit langer Zeit die Gesellschaft in Gläubige und Ungläubige spaltet, führte zweifellos auch zu neuen Erkenntnissen. Zu diesen Erkenntnissen kam es hauptsächlich, weil sich beide Seiten gleichermaßen wissenschaftlicher Mittel und Methoden bedienten, um die Unmöglichkeit der Position des anderen zu belegen. Dadurch wurden natürlich Indizien angehäuft, die praktische und nützliche Bedeutung auch für den Fortschritt im allgemeinen brachten. Doch weder Theologen noch Materialisten konnten letztendlich den endgültigen Beweis für die Richtigkeit ihrer Weltanschauung erbringen. Während auch Darwins Theorie selbst für den eingefleischten Akademiker noch unlösbare Widersprüche enthalten muß, ist die "Genisis" leider nicht gründlich zu "prüfen". Der symbolische Wert der Schöpfungsgeschichte des AT bleibt dabei für uns (die Autoren) unbestritten. Möglicherweise wird sich der Erkenntnisstand noch zu unseren Lebzeiten zugunsten Darwins verändern, aber bis dahin müssen wir schon noch einen weiteren, ziemlich "frischen", jungen Mythos zur Kenntnis nehmen: Spätestens mit der Eroberung des Weltalls in den 40-er Jahren dieses Jahrhunderts wurde die Frage laut: " ... sind wir von Außerirdischen gezeugt und oder verändert worden ... ? ", die dann weltweit Leute zu einer Art Sekte verbanden und verbinden - den Ufo- Gläubigen.

Auch sonst "seriöse" Medien räumen heute "Ufologen" und ihren Theorien einen Freiraum ein, der verwundern mag. Unter jungen Leuten ist es "hip" (angesagt), sich in dieser Materie auszukennen. Filme von Steven Spielberg, Fernsehserien wie "Akte X" die von der Begegnung mit Außerirdischen handeln, erreichen das Interesse eines Millionenpublikums. Künstlern wie Nina Hagen verzeiht das Publikum ihren " kleinen spleen" heute leichter als es das wahrscheinlich vor 30 Jahren noch getan hätte. Diese neue Glaubensform ist offenbar erst möglich geworden, nachdem wir Menschen den mit unseren wissenschaftlichen Mitteln prüfbaren Horizont erweitert haben. Die alten Vorstellungen und Träume mußten sich nun zwangsläufig verändern. Die Beliebtheit der Fernsehserie "Raumschiff Enterprise" (amerikanischer Orginaltitel "Startrek") zeigt eindrucksvoll, was wir Menschen in unserer Zukunft für möglich halten.

Science Fiction der Vergangenheit, z. B. von Jules Verne, ist von der Realität längst eingeholt worden. Doch wären ihm das "Holodeck", "Beamen" oder "Wurmlöcher" (Begriffe aus "Startrek"-Filmen) wahrscheinlich im Traum nicht eingefallen.

KAPITEL III

NATURHEILIGKEIT UND KOSMISCHE RELIGION

1. Himmelsheiligkeit und uranische Götter &

2. Der ferne Gott &

7. Universalität der Symbole

Eine Gemeinsamkeit, die sich ebenfalls durch die Religionen der meisten Kulturen der Erde zieht, ist der Glaube an den fernen Gott. Er hat verschiedene Namen; die Maori nennen ihn z. B. Iho, die Akposu Uwoluwo, die Selknam Bewohner des Himmels. "Iho" bedeutet "hoch/oben", "Uwoluwo" "das, was oben ist".

Bei den monotheistischen Religionen, oder genauer, den Universalgottheiten, entfällt die Spezifizierung für bestimmte Aufgaben. Jahwe und Allah sind dort für alles zuständig. Bei den Naturvölkern dagegen ist der Sch ö pfer ein separater Gott. Alle gemeinsam können den homo religiosus durch plötzliches Verlassen erschrecken. Auffallende Ähnlichkeit: Diese Götter strafen bei Abwenden vom Glauben mit Wind, Blitz und Donner. Im slawischen Glauben kam es zur Entwicklung einer speziellen Sturmgottheit. In Momenten schlimmster Gefahr wendet der homo religiosus spezielle Rituale an, um die Aufmerksamkeit des fernen Gottes wieder auf sich zu ziehen. Die Entferntheit und die Passivität des höchsten Wesens sind wunderbar ausgedrückt in einem Wort der Gyriama in Ostafrika: 'Mulugu (Gott) ist oben, die Manen sind unten!'

... Die Fang-Völker in der Prärie Äquatorialafrikas fassen ihre religiöse Philosophie in folgendem Lied zusammen:

Gott (Nzame) ist oben, der Mensch ist unten. Gott ist Gott, der Mensch ist Mensch. Jeder bei sich, jeder in seinem Haus.

(Eliade 110)

Im Neuen Testament ruft Jesus Christus: "Vater, warum hast du mich verlassen?". Doch das hat er nicht. Gottes Existenz manifestiert sich durch Zeichen, die nur vom homo religiosus, außer ihm selbst, zu erkennen sind.

Zitat aus einem Techno-Song: "On the seventh day - God chilled out!"

Wir auch. Denn unser siebenter Tag heißt Sonntag und ist bekanntlich ein arbeitsfreier Tag. Auch der profane Mensch läßt sich Arbeiten an diesem Tag teurer bezahlen als an jedem anderen - das ist halt einfach so!

Nach dem Sonntag hat sich die Welt regeneriert und beginnt wieder mit dem ersten Tag der Schöpfung, dem Montag.

Andere vom Kosmos bestimmte Rhythmen sind die Auferstehung mit dem

Sonnenaufgang und das Ende mit dem Sonnenuntergang (Tag und Nacht, also Licht und Dunkel).

Ein weiterer Zyklus ist: 1. Tag des Jahres = Auferstehung, letzter Tag des Jahres = Zerstörung, bzw. Regeneration.

Nicht nur in der Kunst und der Politik gibt es die Redewendung :"Totgesagte leben länger". Der richtige Erfolg, der sich einem langen Mißerfolg anschließt, heißt Comeback - das Zurückkommen. - Das "Maß an Comeback" verhält sich offenbar proportional zum "Maß des Gegangenseins". Das hieße, daß Totgesagte wirklich länger leben würden! Die Popularität von Elvis Presley, Jimmy Hendrix oder der anderer "Gegangener" der Musikbranche stützt diese Schlußfolgerung.

3. Die religiöse Erfahrung des Lebens

Es hat sich gezeigt, daß der oberste, der transzendente Schöpfergott mit der Entwicklung des Menschen in immer weitere Ferne rückt. Dies ist nach Eliade auf ein gesteigertes Interesse der Menschen an sich selbst, bzw. den eigenen religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Entdeckungen, zurückzuführen.

Mit der wahrgenommenen Heiligkeit der fruchtbaren Erde wandelt sich die "Ordnung des Heiligen" für den Primitiven radikal. Die religiöse Erfahrung wird konkreter, fleischlicher. Die neuen religiösen Mächte wie z.B. die großen Muttergöttinnen und die starken Götter oder die Fruchtbarkeitsgeister werden erreichbarer und "dynamischer". Sie stehen für Erhöhung und Bereicherung sowohl des kosmischen (Vegetation, Acker, Herden) wie auch des menschlichen Lebens. Sie haben Macht und sind fruchtbar und stark. Der Mensch "entfernte sich von jener Heiligkeit, die über seine unmittelbaren täglichen Bedürfnisse hinausging" (Eliade 112). 10

Nur in Zeiten allerhöchster Not erinnert man sich wieder an den Schöpfergott im Himmel und merkt, daß die großen Göttinnen und Ackerbaugötter nicht die Existenz sichern und die Menschheit retten können. Besonders, wenn ein Unglück, das vom Himmel kommt, hereinbricht, ruft man den Schöpfergott an. Von ihm erwartet man die allumfassende Fähigkeit, in das Erdengeschehen einzugreifen. In einigen Kulturen stellt man sich den fernen Himmelsgott so vor, daß er nach der Schöpfung des Menschen u. a. kein Interesse mehr an ihm hat und die Geschäfte einem Stellvertreter oder einer Stellvertreterin, bzw. mehreren derselben, überläßt.

Die Menschen versuchen, im Fall kosmischer Katastrophen die Aufmerksamkeit ihres Schöpfers wieder auf sich zu ziehen, und Hilfe zu bekommen. In anderen Religionen wie im Judentum ist der Allerhöchste dagegen zutiefst betrübt, wenn er von den Menschen vergessen wird. Man kann in der Bibel nachlesen, wie das jüdische Volk nach fetten Jahren und Götzendienst durch eine über sie hereingebrochene historische Katastrophe wieder reumütig zu Jahwe zurückkehrt.

Es ist mir persönlich (Ch. Z.) schon oft aufgefallen, daß Menschen, von denen ich weiß, daß sie einen Gott gänzlich ablehnen, in Momenten großer Angst oder Bedrängnis zu ihm beten. Frei nach dem Motto: 'Alles andere hat bis jetzt nichts genutzt - wenn es einen Gott geben sollte, könnte er mir ja mal helfen.' Also der allerletzte Strohhalm, an den man sich klammern kann mit all seinen Sorgen und Hoffnungen, bleibt die Vorstellung eines Gottes, der alles sieht und alles kann. Selbst bei diesen Menschen. Ein solches Verhalten scheint in unserer Natur zu liegen.

4. Fortdauer der Himmelssymbole

Doch trotz des Vergessens der Gottheit im Himmel behält der Himmel selbst weiterhin eine große Bedeutung - und das bis heute.

Der "Himmelssymbolismus durchdringt und trägt viele Riten (des Aufstiegs, des Ersteigens einer Leiter, der Initiation ...), Mythen (kosmischer Baum, kosmischer Berg,

Pfeilkette, die Erde und Himmel verbindet) und Legenden (magischer Flug)" (Eliade 113).

Die Erklärung des Autors, warum der Himmel seine Heiligkeit und Wichtigkeit nicht verliert, klingt so:

Man könnte sagen, daß schon die Struktur des Kosmos das Andenken an das höchste Himmelswesen lebendig hält. Es ist, als hätten die Götter das Weltall so erschaffen, daß es ihre Existenz reflektieren muß; denn keine Welt ist möglich ohne das Senkrechte, und diese Dimension genügt, um die Transzendenz heraufzubeschwören. Das Symbol des Himmels bleibt auch nach dem Verbleichen im religiösen Leben wirksam.

Ein religiöses Symbol übermittelt seine Botschaft, auch wenn es nicht mehr bewußt als Ganzes verstanden wird; denn ein Symbol wendet sich an den ganzen Menschen und nicht nur an seinen Verstand. (Elite 113)

Das können wir gerade am Himmelssymbol gut nachvollziehen. Wir sagen, daß etwas "himmlisch" oder "göttlich" ist, und meinen ungefähr dasselbe. Sprache verrät viel über ihre Benutzer und deren Wurzeln. Sprichwörter, die uns täglich umgeben und besonders gern in der Massenkommunikation eingesetzt werden, sind für unseren Zusammenhang sehr interessant.

"Im siebenten Himmel sein" ist z. B. eine Umschreibung des höchsten Glücks und geht auf die babylonische Lehre zurück, daß es sieben Himmel gibt, die man nacheinander durchgehen muß, um in den letzten Himmel des Gottes Anu zu gelangen. Die Croissant- Bäckerei "Le CroBag" wirbt im September 1996 für ein neues Produkt mit den Worten : "Der Himmel auf Erden: Zimt-Mandarinencroissant für 2,20 DM neu". 11 Eine Anzeige liegt dieser Arbeit als weiteres Beispiel bei, die für ein Parfum, das so sein soll wie es heißt: (like) "Heaven". Zur Zeit (September) läuft außerdem ein Milka-Spot im Fernsehen, in der die kleine Enkelin ihre Großmutter fragt, warum die Milka- Schokolade denn so zart sei. Da antwortet die Großmutter: "Ja, viele glauben, es liegt am klaren Wasser, an der frischen Luft. Oder man sagt, es ist wegen der guten Alpenmilch. Aber wenn du mich fragst, Herzl, liegt's daran, weil es hier oben, wo die Milch herkommt, ganz nah am Himmel ist."

5. Symbolismus des Wassers

Das Wasser, die Urflut, war vor der Erde da. Wir wissen, daß in ihm das Leben entstand. So symbolisiert es seit jeher "das Reservoir aller Möglichkeiten der Existenz; es geht jeder Form voraus und tr ä gt jede Schöpfung" (Eliade 114). Wird eine Insel aus dem Meer geboren, kann sich auf ihr ganz neu Leben ansiedeln. So, wie es zur Zeit auf der isländischen Insel Surtsey beobachtet werden kann, die sich als fünfte der Westmännerinseln bei einem langanhaltenden Vulkanausbruch 1963 aus dem Wasser erhob.

Das Symbol Insel ist exemplarisch für die Schöpfung. Es ist Formwerdung durch einen wiederholten kosmogonischen Akt, wenn man so will.

Umgekehrt symbolisiert das Eintauchen in das Wasser die Rückkehr ins Ungeformte (Eliade 114)

Das wiederum "kommt der Auflösung der Formen gleich". Das Untertauchen im Wasser symbolisiert also Tod, aber nie endgültig, sondern immer in Zusammenhang mit Wiedergeburt/ "Neugeburt" (beim Auftauchen nach einer Zeit der Formlosigkeit); außerdem ist Wasser Symbol für Regeneration. Denn das Eintauchen bedeutet sowohl absterben und neu geboren werden, als auch Vervielfachung des Lebenspotentials und der Fruchtbarkeit.

Es gibt Vorstellungen, nach denen der Mensch aus dem Wasser geboren wurde, entsprechend der Vorstellung, daß mit der Erde zuvor dasselbe geschah. Der Sintflut oder dem periodischen Versinken von Kontinenten (...) entspricht auf menschlicher Ebene der 'zweite Tod' des Menschen (...) oder der Initiationstod durch die Taufe. (Eliade 114)

6. Geschichte der Taufe

Wenn man Gott für eine Taufe darum bittet, dann ...kommt der Heilige Geist vom Himmel herab und ist über den Wassern, die er durch seine Anwesenheit heiligt, und die nun so geheiligten Wasser werden nun selber voll der heiligen Kraft... Was früher den Körper heilte, heilt jetzt die Seele; was Gesundheit verlieh in der Zeit, verleiht nun Heil in der Ewigkeit Elite zitiert hier auf Seite 116 einen der Kirchväter, Tertullian (De baptismo III-V). Diese und die Interpretation Johannes Chrysostomos', die die Taufe als Symbol für "Tod" und "Bestattung", "Leben" und "Auferstehung" sieht, stimmen laut Eliade "vorzüglich mit der Struktur des Wassersymbolismus überein. 12

Doch kommen in der christlichen Wertung des Wassers bestimmte neue Elemente aus der...heiligen Geschichte hinzu. (ebd)

Da ist die Vorstellung, der Täufling würde wie einst Christus in die Tiefe hinabsteigen, um den Zweikampf mit dem Meerungeheuer aufzunehmen. Ein etwas anderes Symbol für die Taufe ist die Wiederholung der Sintflut (versinnbildlicht Hinabsteigen in die Meerestiefe und Taufe). Nun besiegt der Täufling wie Noah einst und nach ihm Jesus das "Meer des Todes" mit dem Ungeheuer. Der "rituelle (Initiations-) Sieg über das bewachende Ungeheuer entspricht der Eroberung der Unsterblichkeit" (Eliade 118). Zu bestimmten Zeiten müssen die Täuflinge nackt gewesen sein. So konnte die "Parallele Adam - Christus" gezogen werden. Das Kleid, das der Sich-taufen-Lassende abgelegt hat, ist genau das, welches Adam nach dem Sündenfall (symbolisch) anzog. (Das Fehlen von "Kleidern" im Paradies kommt u.a. dem Fehlen einer "Abnützung" gleich). Ein Mensch, der mit Christus geht, trägt nicht mehr das Gewand "des Verderbens und der Sünde". Vielmehr ist es das reine und ursprüngliche des Adam aus dem Paradies. Wenn Täuflinge nackt sind, müssen sie sich genauso wenig wie Adam damals schämen.

Der Symbolismus der Taufe ist aus "dem ü berall verbreiteten Wassersymbolismus" gewachsen. Die Kirchväter griffen auf das Alte Testament zurück und stellten somit eine Beziehung zwischen den beiden Teilen der Bibel her. Sie mußten, wie Eliade betont, nirgends althergebrachte Bilder, Mythen und Symbole, "entlehnen", sondern alles war im Erbe des Judentums schon vorhanden.

Das Wesentliche an Mythen ist, daß sie ein langes, langes Leben haben und irgendwann mal aus scheinbarer Vergessenheit wieder auftauchen (hat Volker Schlöndorff in Zusammenhang mit den Nazimythen einmal geäußert).

8. Terra Mater &

9. Humi positio: das Niederlegen des Kindes auf den Erdboden &

10. Frau, Erde, Fruchtbarkeit

Aus dem Verständnis der menschlichen Geburt als Wiederholung des ursprünglichen Aktes der Geburt des Lebens aus dem Schoß der Urmutter Erde sind viele Bräuche gewachsen. Zum Beispiel ist/ war es in Kulturen über die ganze Welt verbreitet, während des Gebärens in direktem Kontakt mit "Mutter Erde" zu stehen, um sich "von ihr führen zu lassen und ... ihren mütterlichen Schutz zu empfangen". 13 Außerdem gibt es die Tradition, das gebadete und gewickelte Neugeborene auf die Erde zu legen und es ihr damit anzuvertrauen und um den göttlichen Schutz zu bitten. Um es anzuerkennen, hebt der Vater das Kind dann auf. Auch, wenn es um den Tod geht wird derselbe Brauch angewendet. So wird z.B. in China ein Sterbender der Erde übergeben, die immer die letzte Entscheidung über Leben und Tod fällt. Die Heimaterde ist die gemeinsame Schwelle, die alle Mitglieder der Gemeinschaft beim Kommen und Gehen übertreten müssen. Dieser Brauch drückt die stark empfundene Verbindung zwischen "Rasse und Boden" aus, oder, wie M. Granet sagt: "die Vorstellung von einer substantiellen Identität zwischen der Rasse und dem Boden". 14

Wie Geburt und Tod, so ist auch die Krankheit eine Lebenskrise. 15 Ein Kranker wird auf den Boden gelegt oder sogar eingegraben, damit er diese Krise überwinden, die Gefahr bestehen und sie als Chance nutzen kann. Dasselbe gilt auch für geistig Kranke oder Leute, die ein schweres Vergehen begangen haben.

Dieser Ritus bedeutet eine Neugeburt. Das - teilweise oder vollständige - symbolische Begraben hat denselben religiös-magischen Wert wie das Eintauchen in Wasser, die Taufe. (Eliade 126)

Man wird diese Mal "unmittelbar von der kosmischen Mutter" geboren. In "Lebenskrisen als Entwicklungschancen" von Rüdiger Dahlke (2. Aufl. München 1995, S. 19) habe ich gelesen, daß auch bei der Initiation der jungen männlichen Aborigines das Begraben praktiziert wird:

Während die Mütter noch das Totenritual für ihre nun verlorenen Jungen begehen,

werden diese in den dunklen Wald zu einem besonderen Kultplatz geschleppt, wo sie sich ihr eigenes Grab schaufeln müssen. Jeder für sich allein wird dann eingegraben, nur der Kopf ragt noch aus der Erde.

In der Nacht werden die Neophyten zu Tode erschreckt, um dann feierlich in den Bund der erwachsenen Männer aufgenommen zu werden.

11. Symbolismus des kosmischen Baums und Vegetationskulte

Pflanzen, und speziell Bäume, bieten ein exzellentes Beispiel für die endlose Regeneration.

Baum - gibt Samen, Samen wird zu Baum, Baum gibt Samen ...usf.

Verlockend ist dem Menschen der Vergleich dieses Zyklus mit dem seiner eigenen Existenz. Möglicherweise erklärt das die Angst des religiösen Menschen vor dem Verlust der Seele, die ja auch eine Art von Samen symbolisiert.

Seit langer Zeit gilt der Baum als Symbol für menschliche Wünsche, für Stärke, Jugend, Leben, Unsterblichkeit und Allwissen, und zwar in Mesapotamien, in Asien und in Europa.

In den "Nibelungen" wird der Lindenbaum schicksalhaft mit Siegfried verknüpft und letztlich zu seinem Verhängnis.

Vegetationskulte ziehen ihre Riten aus der Dualität des Wachstums: dem Mysterium der periodischen Regeneration von Pflanzen und den kosmischen Rhythmen. Sie bestimmen heute noch die Anordnung der Feste bei später entstandenen monotheistischen

Religionen.

Die Riten finden meist unmittelbar vor der Veränderung statt - sie l ö sen (vermeintlich) den Fr ü hling aus. Auch die Zugvögel bringen den Frühling.

Bei "Walt Disney" weckt der Hahn die Sonne. In einem seiner Trickfilme glauben alle Tiere, daß sie ohne ihn nicht aufgehen würde.

Die Christen feiern den Frühlingsanfang als den Tag der Auferstehung Christi. Für sie ist das einer der bedeutendsten Feiertage.

12. Entsakralisierung der Natur

Mit der Entwicklung der Industriegesellschaft entstand eine Art neuer Glauben, der Glaube an den Fortschritt und die Maschine. Daraus ergab sich eine Abwertung der von den Göttern geschaffenen Natur.

Oscar Wilde beschreibt in "Das Bildnis des Dorian Gray" das Gelbe (verderbenbringende) Buch.

Dieses Buch, ein wirklich existierendes literarisches Werk seiner Zeit (Huismans "Gegen den Strich"), kreierte ein neues Moralverhalten in der Zeit des Dandytums und leitete die Bewegung L' art pour l' art - Kunst um der Kunst Willen - ein. Das Buch erzählt, wie sein "Held" mit Hilfe verschiedener "Gest ä nde der Natur" Gefühlswelten erschafft, um in seinem Haus beispielsweise die Atmosphäre eines stimmungsvollen Fischerhafens zu erleben, ohne es zu verlassen. Dazu dienen ihm der Geruch von Tang und Teer. Das Plätschern von Wasser aus Eimern imitiert die Brandung des Meeres. Das knarrende Knacken von Brettern gleicht den Planken von Fischerboten, und kreischende Seemöwen in Käfigen dienen nur noch als Vehikel der Dekadenz.

Die Illusion ist perfekt!

Diese Romanfigur beginnt die Natur zu konsumieren, und der Zeitgenosse Oskar Wildes bereitet den Weg zur virtuellen Realität.

Auch im vom Taoismus geprägten Asien versuchten die Menschen, sich dekadente

Miniuniversen zu schaffen. Sie, die Angehörigen der oberen gesellschaftlichen

Schichten, schufen Miniaturgärten, die, im Kleinen, an Hand von Symbolen für Berge, Grotten und Wasser, die Komplexität des Großen, ihres Universums, wiedergeben sollten.

KAPITEL IV

EXISTENZ DES MENSCHEN UND HEILIGUNG DES LEBENS

1. "Weltoffene" Existenz

Will man "das Verhalten des homo religiosus und sein geistiges Universum " tatsächlich begreifen, genügt es nicht, sich mit den großen, komplexen und hochentwickelten Religionen unserer Welt und ihrer "umfangreichen heiligen Literatur" zu befassen. Denn der homo religiosus lebt auf einer ganz anderen Stufe. Man kommt ihm näher, wenn man sich z.B. mit der folkloristischen Welt der europäischen Völker beschäftigt. In alten Glaubensvor-stellungen, Einstellungen und Bräuchen von Bauern kann noch heute die "religiöse Welt der neolithischen Ackerbauern" durchklingen. Zwar sind sie schon längst christianisiert, in ihrem Christentum lebt aber durchaus noch "ein großer Teil des vorchristlichen religiösen Erbes" weiter (die "seit vorgeschichtlicher Zeit bewahrte kosmische Religion"). 16

Sicher war es zur Entstehungszeit des uns vorliegenden Buches noch leichter, auf traditionelle "unverdorbene" bäuerliche Gesellschaften zu treffen als heute. Trotzdem sind zumindest Teile davon noch lebendig. Eine wichtige uns allen zugängliche Quelle sind außerdem die Märchen!

Aber:

Eine ganze Welt liegt vor den Ackerbaukulturen, die wirklich 'primitive' Welt der nomadisierenden Hirten, der totemistischen Jäger, der Völker der Stufe des Sammelns und Jagens. (Elite 145)

Dort kann man "das geistige Universum des homo religiosus erkennen".

Wenn man bedenkt, wie fremd uns diese äußere Welt schon vorkommt, so muß die dazugehörige Geisteswelt von der unseren noch viel weiter entfernt sein. Und doch ist unsere Kultur aus dieser hervorgegangen. Und: es handelt sich bei allen Angehörigen von allen Kulturen um MENSCHEN! Wir würden, in einer entsprechenden "primitiven" Gesellschaft aufgewachsen, genauso handeln, wie es dort von uns erwartet würde. Und wir hätten denselben Horizont, würden "weltoffene Existenzen" sein. So aber können wir nur von außen versuchen, uns in diese fremde geistige Welt hineinzuversetzen.

Was meint Eliade mit "weltoffene Existenz"? Er bezeichnet damit eine Art des Daseins, die "nicht auf die menschliche Seinsweise allein beschränkt ist". Der Mensch erkennt eine "Heiligkeit" im Kosmos. Und da er ja selbst in ihm lebt, Teil des ganzen ist, er genau wie alles andere auch geschöpft wurde, muß auch "Heiligkeit" in ihm selbst wohnen. Und diese Göttlichkeit in sich ist keine bloße Vorstellung, sondern empfundene Wirklichkeit. Der homo religiosus lebt sein Leben nicht allein auf der Erde; er lebt parallele Leben: gedanklich, zeitlich, räumlich. Die Mythen sind eine Ebene, in der Vorbilder und Ideale, Erklärungen und Regeln etc. enthalten sind. Das Leben des Menschen ist dem kosmischen homolog. Er ist dadurch sozusagen gedanklich "offen". Beispiele, die angeführt werden, sind u. a. die Heirat als Nachahmung der Hierogamie zwischen Himmel und Erde und die Gleichsetzung eines Spatens mit dem Phallus und die der Samen mit dem Samen in der Sprache südasiatischer Ackerbauern. Es geht darum zu zeigen, daß einem Gegenstand/ einer Handlung ein kosmischer Symbolismus hinzugef ü gt werden kann, der dann zur Aufwertung, nicht aber zum Verlust des eigentlichen Wertes führt. Sich dem anderen Leben, dem Kosmos und dem Leben der Götter "geöffnet" zu haben bedeutet "offen"zu sein in der Existenz.

2. Heiligung des Lebens

In diesem Kapitel wird an einigen Beispielen gezeigt, durch welche Art Leben geheiligt werden kann. Daß das gesamte Leben der Heiligung fähig ist, steht für die archaischen Gesellschaften fest.

In der Entsakralisierung aller "vitalen Erfahrungen" heute sieht der Autor einen Verlust "der wahrhaft menschlichen Dimension". Die oben bereits erwähnte Tatsache, daß der westliche Mensch den Sinn des Lebens anzweifeln kann, macht deutlich, wie weit die Allgemeinheit heute von jener Einstellung entfernt ist.

Eliade vermutet, daß "in frühester Zeit alle Organe und physiologischen Vorgänge des Menschen sowie alle seine Handlungen eine religiöse Bedeutung" gehabt haben könnten. Denn alles ist den Mythen zufolge einmal von einem übermenschlichen Wesen eingeführt worden und damit geheiligt. Aber auch durch die Gleichsetzung der "Organe und ihren Funktionen ... mit den verschiedenen kosmischen Regionen und Erscheinungen" erhalten sie "einen religiösen Wert" (Eliade 147). Man entsinnt sich dessen heutzutage in manchen Kreisen, wehrt sich gegen die Entsakralisierung, öffnet sich anderen Kultureinflüssen.

3. Körper - Haus - Kosmos

Auf der Suche nach einer Einheit von Mikrokosmos und Makrokosmos stieß der Mensch auf Parallelen im Universum, zu sich selbst und zu seiner Umgebung. Sein Kopf ist für ihn oben und kommt dem Himmel gleich. Beim Erlernen von asiatischen Kampfsportarten werden die Beine des Menschen noch heute als das Fundament angesehen.

Die Baupläne von Kathedralen und die Struktur von Städten spiegeln im Kleinen das

Universum des Menschen.

Dem Zeitgeist entsprechend läßt sich diese Vorstellung am besten mit den vom

Computer (dem "Gott der Neuzeit") erschaffenen Fraktalen veranschaulichen.( siehe Abb.)

Im Gegensatz zum naturverbundenen Landbewohner, der oft in sozial starren Regelmäßigkeiten lebt (häufig mit einem höheren Maß an Religiosität gekoppelt), leben Städter zunehmend religiös verarmt.

Ihre Umgebung erschwert eine Kenntnisnahme der Transzendenz des Profanen durch das Heilige. Doch auch der profane Städter hat das Bedürfnis zur höheren, nicht profanen Existenz. An die Stelle der alten Riten treten Konsum, Spiel, Sport, Kunst oder Dinge, die vergleichbare Befriedigung schaffen sollen.

Oft hat die Industrie leichtes Spiel in ihrem Bemühen, die Rezipienten glauben zu machen, sie würden durch den Kauf eines Produktes die Taten der Götter nachvollziehen.

Oder der "profane" Mensch tut das durch den fast rituellen Besuch einer Galerie, eines Kinos, eines Restaurants oder einer Diskothek.

Der wissenschaftlich orientierte Mensch kompensiert seine Sehnsucht nach dem Heiligen durch Erkenntnissuche. Pioniere wie Timothy Leary oder Carlos Castaneda versuchten auf ihre Weise, ein neues Verhältnis des Menschen zu seinem Bewußtsein, seinem Geist, der Seele, oder wie immer man diese Energie nennen will, zu schaffen. Ihre Erkenntnissuche wurde von Chaos fürchtenden Menschen auch als "Werk des Bösen" verteufelt und wie "Dämonenwerk" bekämpft.

Castaneda versuchte, mit wissenschaftlichen Gliederungen seine Erfahrungen mit den Tiefen des Bewußtseins zu fassen. Er ließ zu, daß sein Geist unter Drogeneinfluß seine Umgebung veränderte und sie so auf eine Art ebenfalls transzendierte - mit Bewußtsein! Die Idee Timothy Learys, die ganze Erde und ihre Menschen mit LSD zu heilen, wurde vom CIA in Ihrer Konsequenz als extrem gefährlich für die US-amerikanische Gesellschaft verstanden.

Transzendenz für jede und jeden !? - Der Bedarf scheint zu bestehen.

Zeitgleich mit Konjunkturflauten steigt das Interesse am Transzendenten. Sekten bekommen Zulauf, und Astrologen verdienen besser .

Aber auch Besinnung auf Nationalität verspricht eine Transzendenz des Alltags, wenn "...nicht einmal mehr die Kirche das ist, was sie einmal war."17

Rassismus existiert meiner Meinung nach auch als Zeichen der Angst vor dem Chaos.

Angst vor Verlust der Kontrolle.

4. Der Durchgang durch die enge Pforte &

5. Übergangsriten

Der Mensch ist nicht vollendet, er erlebt seine eigene Entwicklung stufenweise. Der

Übergang vom Kind zum Jüngling oder jungen Mädchen - und vom Jüngling zum Mann oder Krieger, bzw. vom Mädchen zur Frau, wird von Übergangsriten begleitet. Wenn ein junger Balinese zum Mann wird, löst er sich von der Pubertät durch ein schmerzhaftes (?), rituelles Beschleifen der Schneidezähne. Dabei werden die Schneidekanten der oberen beiden Frontzähne mit einem speziellen Stein von einem Priester um ein bis zwei Millimeter gekürzt, so daß böse Geister den Körper verlassen können.

Die Übergangsriten beinhalten die nötige Anstrengung, die es zu bewältigen gilt, wenn man, ähnlich dem Töten eines Ungeheuers oder zeitgemäßer dem Durchschreiten einer Tür oder Pforte, von einer Welt aus eine andere betreten möchte. Dieser Wechsel ist verbunden mit neuen Rechten und Pflichten.

Zutritt zur Kriegerkaste, zu Geheimbünden oder zu elitären Bildungseinrichtungen sind meistens mit ungeheuren Anstrengungen verbunden und stellen eine Art Nadelöhr zu einer anderen Welt dar.

Mir ist ein früher praktiziertes mehrstündiges Ritual der Schwarzfußindianer aus Nordamerika bekannt: das Sonnentanzen. Der angehende Krieger tanzt und ist mit einem Lederriemen durch eine Schlaufe in der Brusthaut an einen Pfahl gefesselt. Wenn der Jüngling von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in die Sonne starrend ununterbrochen getanzt hat, bis der Riemen die Schlaufe der Brusthaut zerrissen hat, ist er würdig, ein Krieger zu sein.

Meine von der DDR verordnete Jungendweihe, die mir zumindest das Recht gesiezt zu werden einbrachte, wurde vom Bläserquintett des Wachregiments "Felix Djerjinski" (Stasi) ausdauernd musikalisch begleitet.

Das bedeutete für meine Klassenkameraden und mich auch eine Art von Qual, die diesen Moment meines Lebens, trotzdem oder deshalb, tief in mein Gedächtnis eingegraben hat.

Der Zugang zur politischen Elite auch in der Bundesrepublik Deutschland ist mit parteiabhängiger Zugehörigkeit zu diversen akademischen Instanzen verbunden. Das Leben in Studentenverbindungen und Burschenschaften ist durchsetzt vom gemeinsamen Singen, Trinken und Fechten. Das akademische Fechten, die Mensur, ist meines Erachtens eine Variante der Mutprobe. Diese riskante Aktivität schafft für den Ausübenden auf jeden Fall eine starke körperliche und emotionale Erfahrung.

Grundlage für die Überlieferung und Ausübung solcher Traditionen bis an die Schwelle des Dritten Jahrtausend ist wahrscheinlich der Fakt, daß gemeinsam ausgeübte Riten einen starken emotionalen Zusammenhalt schaffen. Diesen Zusammenhalt würde ich mit dem innerhalb von Bergsteigerexpeditionen oder auch der Gruppendynamik bei Aktionen der Hooligans vergleichen.

Auch die Bundeswehr und die NVA (DDR) bedienen bzw. bedienten sich der zusammenschweißenden Kraft der gemeinsam überstandenen Extremsituationen. Und offenbar wird mit diesen Methoden auch ein höheres (?) Bewußtseinsniveau erzeugt - das Kollektivbewußtsein.

Anzumerken wäre, daß auch in atheistischen, also in "profanen Streitkräften", unter anderem bei der Roten Armee, beim Fahneneid einer Art der Kriegerweihe, ein Schwur auf einen profanen Gegenstand, nämlich auf ein Stück Stoff, geleistet wird, während dieses dann national oder ideologisch transzendiert wird.

Toleriert, geduldet, vielleicht sogar gefördert wurden in der DDR Repressionen innerhalb des hierarchischen Armeesystems. Ein Beispiel ist das auch in der Bundeswehr bekannte sogenannte Musikautomatenspiel:

Es wird gespielt mit einem im Spind eingesperrten Soldaten, der auf Anweisung der bereits länger gedienten Soldaten bis zur Klaustrophobie Lieder singen muß. Nach Minuten oder Stunden des Singens und nach glücklichem Verlassen des Spindes würde sich wohl jede Person wie neu geboren fühlen.

Ähnliche Methoden sind das zeitlich begrenzte Begraben bei lebendigem Leib (siehe oben), das Einsperren in kleine Höhlen oder Erdlöcher mit einer darauffolgenden "Wiedergeburt", die oft begleitet wird vom Erlangen neuer Privilegien; sie existieren in Abwandlungen in fast allen ethnischen Regionen der Erde.

6. Phänomenologie der Initiation & 8. Tod und Initiation

Initiationen dienen der Aufnahme von Neulingen in eine Gemeinschaft. Das können sowohl eine Standes- oder Altersgemeinschaft als auch ein Geheimbund sein (siehe oben).

In vielen Naturvölkern werden die Jugendlichen rituellen Prüfungen unterzogen. Dabei offenbaren sich ihnen im allgemeinen drei Sphären: das Heilige, der Tod und die Sexualität. Der Neophyt "stirbt" während der Initiation in dem Sinne, daß er das Kind verliert, das er oder sie einst war. Es wurde von der Familie fortgerissen und muß eine Weile im symbolischen Jenseits (Wald, Dschungel, Initiationshütte) verbringen oder wie tot begraben sein (siehe oben).

Die Orte sind Bilder für den Mutterschoß. Dort sind die Jugendlichen wieder unfertige Embryonen. Sie befinden sich im ursprünglichen Dunkel, in der "kosmischen Nacht". Dort müssen sie verschiedenste Qualen durchstehen, die alle Symbol sind für das Absterben des kindlichen Ich. Entweder ist es ein Ungeheuer oder es sind Ahnen, die die Neophyten foltern, indem sie sie z. B. verstümmeln. Solche Riten stehen meist in Beziehung zu Mondgottheiten. Der Mond stirbt und wird periodisch wiedergeboren. So auch der oder die Initiierte. Er/ sie ist gestorben, hat die Mythen kennengelernt und die Mysterien erfahren und kann jetzt wiedergeboren werden.

Dem Bauch - oder der dunklen Hütte, oder dem 'Initiationsgrab' - entsteigen kommt einer Kosmogonie gleich. (Eliade 169)

Nun ist der junge Mensch wissend. In manchen Gemeinschaften spricht er danach eine Geheimsprache und hat einen neuen Namen bekommen, ist also ein ganz neues Mitglied der Gemeinschaft. Mancherorts werden die Neophyten deshalb wie Neugeborene behandelt, weil man glaubt, das Leben als Kind ist vollständig vergessen. Oder sie müssen sich Zeremonien des Wiedergeborenwerdens unterziehen. Sinn der Initiationen ist es, die Jugendlichen die Schwelle der nicht geheiligten Seinsweise überschreiten zu lassen und sie in die "wahren Dimensionen der Existenz" einzuführen. In den archaischen Gesellschaften ist der Symbolismus von Tod und Auferstehung oder die Rückkehr ins Chaos und Wiederholung der Kosmogonie Ausdruck für den Zugang zum geistigen Leben.

Der Mensch der primitiven Gesellschaft hat sich bemüht, den Tod zu besiegen, indem er ihn in einen Übergangsritus verwandelte. (Eliade171)

Der physische Tod wird zum Teil sogar nur als höchste Form der Initiation angesehen. Geburt, Tod und Regeneration (Wiedergeburt) sind für manche Teile eines Mysteriums, und es ist wichtig, nicht stehenzubleiben. Altes muß sterben, damit Neues gedeihen kann. Das Leben ist ein Fluß. Die Kosmogonie wird überall wiederholt, "wenn etwas gut geraten soll".

Ich möchte dem hier Gesagten noch einen Abschnitt anfügen. Es geht um die rituelle Beschneidung bei Mädchen in Afrika.

Das Wort "Beschneidung" erinnert im allgemeinen an den kleinen operativen Eingriff, der in verschiedenen Kulturen bei Jungen im Kleinkindalter oder in der Pubertät (als Initiationsbestandteil) vorgenommen wird. Auf die Tortur, die jährlich zwei Millionen

afrikanischer Mädchen über sich ergehen lassen müssen angewendet, ist es eine eindeutige Verharmlosung. 18 Man muß die Initiationsriten bei Mädchen und Jungen getrennt betrachten!

Wir haben von der Initiation als Schwelle zum Übergang in die "wahre Existenz" gesprochen. Diese bedeutet für Mädchen den Übergang in eine Existenz, die nicht mit der ihrer männlichen Altersgenossen vergleichbar ist. Die Initiation selbst ist eine unverhältnismäßig schlimme Folter, und oft (!) folgt darauf der Tod durch Verbluten, Wundstarrkrampf oder Blutvergiftungen. Denn in den meisten Fällen werden, ohne Betäubung, die Klitoris und die kleinen Schamlippen teilweise oder vollständig amputiert, und zwar mit nicht sterilen scharfen Gegenständen wie Messern und Glasscherben bis hin zu Deckeln von Konservendosen. Eine noch extremere und in ihren Folgen qualvollere Form ist das zusätzliche Entfernen eines Teils der großen Schamlippen und das anschließende Zunähen der Hautreste und Heften mit Dornen. Eine reiskorngroße Öffnung bleibt - für alles. Man kann die lebenslangen Leiden nur erahnen. Dafür, daß die Jungfräulichkeit eines Mädchens garantiert ist und es ein Mann einmal heiratet, muß sie ein Leben lang die Folgeschäden ertragen. 19 - Nur durch eine Ehe kann die Frau ihre Existenz sichern. Und sie ist fortan Objekt des Mannes. Sexualität ist für sie immer nur Schmerz ... Die "wahre Existenz" einer solchen afrikanischen Frau ist sehr irdisch und voll von - vermeidbaren! - nicht nur übergangsweisen! - Qualen. Es ist sehr schwer vorstellbar, daß ein Mädchen durch derartige traumatische Erlebnisse "Zugang zum geistigen Leben" bekommt. Die Auferstehung, die der Folter, dem rituellen Tod, folgt, ist einer Geburt als Krüppel gleichzusetzen, von dem trotz allem Schwerstarbeit und Unter- werfung erwartet wird. Eliade will mit seinem Buch ausdrücklich um Verständnis für den "primitiven"homo religiosus werben. Und man kann grausame Rituale nur dann einigermaßen akzeptieren, wenn man die Hintergründe kennt und einem deutlich vor Augen steht, daß die Menschen für sich einen wirklichen (z. B. spirituellen) Nutzen daraus ziehen. Das ist für mich hier mehr als fraglich.

Jedoch können sich Rituale wandeln, was ich in diesem Fall sehr hoffe (Ch. Z.).

9. "Zweite Geburt" und "geistige Zeugung"

Von einer Religion zur andern, von einer...Weisheitslehre zur andern bereichert sich das uralte Thema der zweiten Geburt mit neuen Werten, die manchmal den Gehalt der Erfahrung von Grund auf verändern.

(Eliade 173)

Den Neophyten der archaischen Gesellschaften 'tötete' und 'erweckte' die Kraft des Ritus selbst, wie auch die Kraft des Ritus den opfernden Hindu in einen 'Embryo' verwandelte (Eliade 172).

Der Hindu, der nach dem Tod in den Himmel kommen will, wird, um danach dafür opfern zu dürfen, zunächst Priestern geweiht. Diese Weihe enthält wieder den Initiationssymbolismus der Rückkehr in den Mutterleib und des (Wieder-) Geborenwerdens. Ziel ist das Erkämpfen einer übermenschlichen Seinsweise und entspricht dem der archaischen Initiationen.

Im alten Indien wie in Griechenland dagegen wurde "das sakrale Wissen und im weiteren Sinne die Weisheit ... als Frucht einer Initiation begriffen" und mit einem Entbindungsmythos verknüpft. Sokrates war "Hebamme", indem er den "neuen", den wahren, inneren und schon vorhandenen Menschen ent-band. Buddhistische Mönche legen ihren Familiennamen ab und werden Söhne des Buddha - geboren aus seinem Mund.

Das alexandrinische Judentum und das Christentum übernahmen ebenfalls den "Symbolismus der zweiten Geburt als Zugang zur Geistigkeit". Im Unterschied zur ursprünglicheren Form der Wiedergeburt durch Initiation geht es bei den höherentwickelten Religionen und bei den Griechen um "Zeugung" durch Mitteilungen, Lehre und Erkenntnis.

Im Gegensatz zu Sokrates ging es Paulus nicht um das Entbinden eines neuen Menschen sondern um das Zeugen desselben.

Er zeugte 'geistige Söhne' durch den Glauben, das heißt durch ein Mysterium, das von Christus selbst gestiftet war. (Eliade 173)

Das gemeinsame Element dieser Religionen und Weisheitslehren ist die Notwendigkeit des Absterbens der "profanen Seinsweise", wenn man "Zugang zum geistigen Leben erlangen will".

10. Das Heilige und das Profane in der modernen Welt

Der moderne areligiöse Mensch sieht sich

... nur als Subjekt und Agens der Geschichte ... er verweigert sich dem Transzendenten (Eliade 175).

Dadurch unterscheidet er sich grundlegend von dem Menschen, dem näherzukommen dieses Buch versucht hat: dem homo religiosus. Dieser ist aber in jedem Fall Ahne des heute Lebenden! Die Gedankenwelt des einen baut auf der Gedankenwelt des anderen auf.

Aus der Geschichte erst konnte sich eine Opposition gegen alles Religiöse entwickeln und der Gedanke, daß das Sakrale zwischen dem Menschen und seiner Freiheit stehe. Nur so konnte die Einstellung wachsen, man müsse sich vom "Aberglauben" seiner Ahnen "befreien". Niemand aber wird die Vergangenheit endgültig auslöschen können. Die meisten 'religionslosen' Menschen verhalten sich immer noch religiös, auch wenn sie sich dessen nicht bewußt sind. (Sie) ... verfügen noch über eine ganze verkappte Mythologie und viele verwitterte Ritualismen.

(Eliade 176)

...man erkennt sie auch in Bewegungen, die sich frei heraus weltlich, ja antireligiös nennen. So z. B. die Nacktkultur oder in den Bewegungen für absolute sexuelle Freiheit, Ideologien, in denen sich die Spuren des 'Heimwehs nach dem Paradies' erkennen lassen, die Sehnsucht nach dem paradiesischen Zustand, der vor dem Fall geherrscht hatte, als es noch keine Sünde gab und keinen Bruch zwischen den Wonnen des Fleisches und dem Gewissen. (Eliade 178/179)

Weitere von Eliade angeführte Beispiele sind: der Film, der sich zahllose mythische Motive zunutze macht (Kampf zwischen Helden und Ungeheuern, also gut und böse, initiationsartige Kämpfe und Prüfungen, exemplarische Gestalten und Bilder ...) Und er verweist darauf, daß der profane Mensch "aus der Zeit heraustritt", sobald er nur ein Buch liest! Er hat damit Ersatz für die Mythenerzählungen gefunden; lebt auf einmal in einer anderen "Geschichte".

Außerdem verweist er auf das Auftreten von Initiationselementen bei der Psychoanalyse.

Der Patient wird aufgefordert, tief in sich selbst hinabzusteigen, seine Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, seinen Traumata von neuem entgegenzutreten. (Eliade 179) Dieser gefährliche Vorgang gleicht dem Teil bei Initiationen, in dem der Neophyt in die 'Hölle' hinabsteigen und gegen Ungeheuer kämpfen muß. Das "Sterben" und "Auferstehen" des einen entspricht der Konfrontation des anderen mit seinem eigenen "Unbewußten" und dem Finden "psychischer Gesundheit und Integrität und damit der Welt der kulturellen Werte" (Eliade 178).

In dem schon erwähnten Buch "Lebenskrisen als Entwicklungschancen" beschreibt Rüdiger Dahlke, wie sehr dem modernen Menschen echte und wirksame Rituale fehlen. Er zeigt auf, wie herkömmliche Initiationen zur Bedeutungslosigkeit verkommen oder verschwunden sind: Konfirmation und Firmung ("typische Einweihungsrituale"), die Reifeprüfung (Matura - ist gar keine mehr), die Lehr- und Wanderjahre von Handwerkern, die Militärzeit weit weg vom Elternhaus... Er kritisiert, daß junge Leute viel zu lange im zu Hause kleben bleiben und dort versorgt werden, während sie den Absprung nicht schaffen. 20

Das Fehlen ritueller Übergangsmöglichkeiten ins Erwachsensein und die ebenso anstrengenden wie unbewußten Versuche, notwendige Schritte nachzuholen, führen geradewegs in eine teils lächerlich, teils gefährlich kindische Gesellschaft. (Dahlke 190/191)

Indizien sind der Riesenerfolg von Disneyland, wo auch Erwachsene das eigene innere Kind endlich mal herauslassen dürfen. Themenparks sprechen vor allem das Kind im Manne an, hier werden "gekonnt inszenierte Mutproben für 'Erwachsene' geboten" (Dahlke 192), während die Freundinnen zugucken dürfen.

...ganze Städte wie Las Vegas in den USA und Lost City in Südafrika sind dem 'erwachsenen' Wunsch nach Spiel und Spannung gewidmet und dem verzweifelten Bedürfnis, sich zu beweisen. (Dahlke 193)

Das Bungeespringen, das sehr populär geworden ist, geht zurück auf ein archaisches Initiationsritual! Leider fehlt hier der "rituelle Rahmen" und "das geladene Bewußtseinsfeld", und nach solch einer Mutprobe ist der oder die Mutige deshalb nicht unbedingt erwachsener geworden. Gleiches gilt für den Extremsport. Es gab im September 1996 an vielen Stellen große Plakate zu sehen, auf denen eine junge Frau von schräg hinten beim Absprung gezeigt wird. Vor ihr tut sich ein tiefer Abgrund mit Wasser auf und das Seil, das sie um die Hüften trägt, ist mit der offenbar weit entfernten Brücke verbunden. Groß steht in weißen Buchstaben über ihr: "glaube". Und unten ist die Zeile zu lesen: "Find your world." Das Plakat spricht genau das Gefühl der Zielgruppe an, die durch Mutproben nach ihrer Welt sucht oder gerne suchen würde, und die an etwas glauben will, Spiritualität, das Religiöse, finden möchte. Die Kampagne wirbt für Zigaretten ...

In der von Dahlke diagnostizierten "Kindergesellschaft" stehen der "Jüngling" und die "Jungfrau" hoch im Kurs. Daß das so ist, wird wohl niemand bestreiten; besonders deutlich wird es gerade in der Wirtschaftskommunikation: jung, dynamisch, erfolgreich und sportlich muß der Mensch von heute sein. Viele haben Angst vor äußerer Reife, denn glatte Haut ist immer noch das Ideal. Wie ist es mit der Reife? Auch im Fernsehen zeigen sich die Auswirkungen nicht er-wachsener Menschen und ihrer Lebensgewohnheiten, auch in der Mode, beim Essen (leicht zerdrückbares fast

food)...

Fest steht, daß wir heutzutage in vielen Dingen fort-geschritten sind.

Wir haben uns in technischer Hinsicht weit von unseren Ahnen weit weg-bewegt. Wir sind zivilisiert. Aber wir haben auch vieles vergessen.

Die Nichtreligiosität, schreibt Elite, entspricht vom jüdisch-christlichen Standpunkt aus einem neuen "Fall".

Unsere Ahnen hatten nach dem ersten "Sündenfall" "die Religiosität auf die Ebene des gequälten Bewußtseins" herabsinken gelassen.

Nach dem zweiten sank sie noch tiefer, in den Abgrund des Unbewußten: sie ist 'vergessen' worden. (Elite 183)

Wir können aber nach ihr graben - wie in dieser Hausarbeit.

Berlin, Herbst/ Winter 1996

[...]


1 Ziemlich bekannt dürfte in unserem vom Christentum geprägten Kulturkreis das im Alten Testament beschriebene Aussenden zweier von Noahs Tauben von der Arche auf der Suche nach Lebensraum nach der Sintflut sein.

2 Auch heute noch beliebter Brauch ist das Über-die-Schwelle-Tragen der Braut bei der christlichen Hochzeit. Beim Betreten eines japanischen Karatedojos gehört eine Verbeugung an der Türschwelle zum traditionellen Ritual. Und kein Gast darf bei den Maori den heiligen Boden des Landes betreten, auf dem ihr Haus steht, bevor nicht das Ritual zum Übertreten der - unsichtbaren - Stelle vollzogen worden ist und die Begrüßung auf traditionelle Weise vonstatten ging.

3 Man denke nur daran, wie heftig die Reaktion - der Kirche wohlgemerkt - auf das Anzweifeln des geozentrischen Weltbildes durch Giordano Bruno und Nikolaus Kopernikus in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war. Wie konnte jemand in Frage stellen, daß die Erde im Mittelpunkt des von Gott geschaffenen Universums und der Mensch die Krone der Schöpfung war! Dem Weltbild nach thronte Gott räumlich über allem, und hohe Gebäude wie Kirchen auf der Scheibe Erde kamen ihm tatsächlich am nächsten

4 Hier führt eine geographische Lage zur Übertragung der Worte in eine andere Sinn- Ebene. "Hochgelegener Ort" paßt sich in das übertragene Bild von Himmel, Erde, Unterwelt, ein

5 Die Ironie der Geschichte ist bekanntlich, daß sich die Sonne immer als Kreuz weit sichtbar beim Untergehen in der Kugel spiegelt.

6 Der Architekt Le Corbusier (1887 - 1965) sprach von "Wohnmaschinen" - und baute sie auch.

7 Die beiliegende Anzeige für "zeit & plan management" schlägt als eine Möglichkeit, um neue Impulse zu bekommen, u. a. einen Wohnungswechsel vor.

8 Jüngstes Beispiel für ein Richtfest der besonderen Art ist das, was am 26. Oktober 1996 auf dem Potsdamer Platz begangen wurde, wo ja tatsächlich eine ganz neue "Welt" im Entstehen ist.

9 "Die Uitoto-Kannibalen sprechen es aus: 'Unsere Überlieferungen sind immer unter uns lebendig, auch wenn wir nicht tanzen; wir arbeiten nur, um tanzen zu können.' Die Tänze bestehen in der Wiederholung aller mythischen Ereignisse, also auch des ersten Mordes, dem die Anthropophagie folgte." (Eliade 93)

10 Im Prinzip ist die Götzenverehrung nichts anderes als die Verehrung des eigenen Werkes und somit der eigenen Fähigkeiten.

11 Mit "Himmel auf Erden" ist das Paradies gemeint; das Sprichwort wurde durch den Titel eines Ende des 18. Jahrhunderts erschienenen Buches geläufig.

12 Wenn man eine Sache "aus der Taufe hebt", begründet man sie, schafft sie (neu).

13 "In einigen Religionen vermag die Mutter Erde allein zu empfangen...ein mythischer Ausdruck für die Selbstgenügsamkeit und Fruchtbarkeit der Mutter Erde." (Eliade 127)

14 Erich Fromm verweist in seinem Buch "Wege aus einer kranken Gesellschaft. Eine sozialpsychologische Untersuchung" (2. deutschsprachige Auflage, DTB München 1993) auf die "inzestuöse Verbindung" des Menschen mit der Erde (Blut und Boden). Diese hemmt den Einzelnen stark in seiner individuellen Entwicklung, ist aber Prinzip einer martriarchalischen Struktur. Sie stellt eine Stufe in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft dar.

15 Das chinesische Schriftzeichen für Krise ist identisch mit dem für Gefahr und Chance.

16 Interessant ist es, in diesem Zusammenhang, Geschichten über die Christianisierung von "heidnischen" Völkern zu betrachten und zu beobachten, was diese aus ihren alten Mythologien in die Neuzeit mit hinüberretteten. Ein architektonisches Beispiel ist die Stabkirche von Urnes (Norwegen), an deren Portalen sich in Schnitzereien heidnischer Abwehrzauber mit christlichen Elementen verbindet (siehe Abb.).

17 Auch die Identifizierung von Individuen mit Nationalität, Kirche oder ähnlichen Institutionen ist nach Erich Fromm (oben genanntes Werk) eine Form der inzestuösen Bindung an die Welt, durch die der moderne Mensch vor der Freiheit flieht, aber gleichzeitig einen Halt bekommt und dem Leben einen Sinn gibt - es eben transzendiert.

18 Es sind ca. 100 Millionen Frauen in 30 afrikanischen Ländern beschnitten.

19 Zum Beispiel müssen infibulierte (zugenähte) Frauen oft in der Hochzeitsnacht vom eigenen Mann mit einem Messer geöffnet werden! Beschwerden während der Menstruation und Komplikationen bei Geburten sind die Regel usw.

20 Andererseits gehen auch heute viele (vor allem junge Mädchen gleich nach der Schule) ein Jahr lang ins Ausland, um sich dort Prüfungen des Lebens zu stellen, so wie ich es auch tat. (Ch. Z.)

41 von 41 Seiten

Details

Titel
Zu Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane - Vom Wesen des Religiösen
Veranstaltung
Seminar "Mythisches Denken - Mythische Darstellungsformen"
Autoren
Jahr
1995
Seiten
41
Katalognummer
V98406
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit im Bereich verbale Kommunikation. Gott ist tot, was tritt an seine Stelle? Viel Spaß!
Schlagworte
Mircea, Eliade, Heilige, Profane, Wesen, Religiösen, Seminar, Mythisches, Denken, Mythische, Darstellungsformen
Arbeit zitieren
Arne Grahm (Autor)Arne Grahm (Autor), 1995, Zu Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane - Vom Wesen des Religiösen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98406

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