Wie wichtig ist die Geschichte der Sozialpädagogik in Bezug auf professionelles Handeln heute?


Essay, 2018

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Essay

Wie wichtig ist die Geschichte der Sozialpädagogik im Bezug zum professionellen Handeln heute?

In diesem Essay möchte ich auf die Geschichte der Sozialpädagogik und deren heutige Bedeutung eingehen. Pädagogisches Handeln ist nicht denkbar ohne die Auseinandersetzung mit dem Wesen und dem Sein des Menschen, also mit dem Bild vom Menschen, dem Menschenbild. Damit sich dieses aufbaut, ist ein umfangreiches Theoriewissen, das der Pädagogik, Anthropologie, Psychologie und Soziologie entstammt, Voraussetzung. Das Menschenbild wird beeinflusst von kulturellen und historischen Sichtweisen und unterliegt somit immer wieder zumindest teilweise einem Wandel. Pädagogen sind daher aufgefordert, reflexiv und selbstreflexiv ihr Menschenbild und das anderer zu überprüfen. Ein Pädagoge muss die Gesellschaft mit ihren Normen und Werten verstehen, um bestmöglich mit Adressaten zu arbeiten. Allerdings sind viele der Normen und Werte seit Jahrhunderten in unserer Gesellschaft verankert. Früher wie heute waren der Respekt und die Anerkennung des regionalen Geistlichen prägend für das kulturelle Zusammenleben.

Die Geschichte der Sozialpädagogik erstreckt sich über rund 2500 Jahre. Die ersten Menschen, die über eine, damals abstrakte, sozialpädagogische Sichtweise verfügten, waren Sokrates, Platon und Aristoteles. Sie befassten sich mit dem Geist und der menschlichen Vernunft, kurz gesagt der Philosophie. Dies war die Geburtsstunde und der Wegbereiter für das, was wir heute als Pädagogik kennen. „Es darf uns nicht wundern, dass uns die ersten Spuren einer wissenschaftlichen Pädagogik nicht bis in das graueste Altertum zurückführten, obgleich die Pädagogik als praktische Tätigkeit schon seit Gründung der ersten Menschenfamilien ausgeübt worden ist. Jahrtausende vergingen seitdem, bis der reflektierende Verstand zunächst die objektive Welt zum Vorwurf seines Denkens machte“ (Vogel, 1877, S. 3).

Im Folgenden möchte ich ein paar Argumente und Beispiele offenlegen, die für die Entwicklung der Sozialpädagogik wichtig sind, um in der Gegenwart und Zukunft mit einem Selbstverständnis zu arbeiten, wie wir es heute kennen. Die konkrete Fragestellung des Essays lautet: Wie wichtig ist die Geschichte der Sozialpädagogik in Bezug auf heutige pädagogische Handlungen?

Die Geschichte der Sozialpädagogik wird im heutigen akademischen Bezug häufig unterschätzt und vernachlässigt, sie wird von den Studierenden oft kritisch betrachtet und von nicht wenigen manchmal als eine verstaubte akademische Angelegenheit beurteilt, die zu wenig unmittelbaren Gewinn für die Praxis abwirft. Dieses Unwissen der heutigen Studierenden hat einen negativen Einfluss auf das gegenwärtige pädagogische Handeln. Da die Pädagogik nicht mit Sachen, sondern mit Individuen arbeitet und dies keine einfachen Rezepte ermöglicht, muss eine Theorie erforscht, gelehrt und vermittelt werden. Dies führt zu einer Schärfung des pädagogischen Blickwinkels. Zudem hilft die generelle Horizonterweiterung indirekt auch dem pädagogischen Handeln (vgl. (Reble, 1975, S. 13).

„Jede Zeit hat kulturell und also auch pädagogisch ihr eigenes Gesicht, ihre eigenen Aufgaben und Impulse“ (Reble, 1975, S. 12). Als Sozialarbeiter ist man immer kulturell und regional an die Gegebenheiten gebunden. Das Ziel muss sein, die spezifischen Erkenntnisse im Hinblick auf die Topographie und deren pädagogische Haltungen, das bereits vorhandene Wissen aufzugreifen und an die jetzige Umwelt anzupassen. So muss man sich an die Regionalen Strukturen orientieren. Beispielweise gibt es in deren Kulturen auch andere Menschenbilder beziehungsweise Normen und Werte. Etwas abstrakt Formuliert kann man sagen, dass ein Stadtplan von München in Frankfurt wenig bringt.

Die Vergangenheit der Wissenschaft ist essentiell für das Wissen von heute. Ohne das Alte und das Geschehene kann nichts Neues entstehen.

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, der kontrolliert die Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, der kontrolliert die Vergangenheit“ (Rustenmeyer, 1993, S. 103). Worauf wir heute aufbauen, ist der Verdienst früherer Theoretiker. Was wir heute in irgendeiner Form kennen und wissen, ist der Nachtrag und das Überlebende der Vergangenheit. Ohne frühere Schriften und deren Ideen wären wir heute auf einem anderen Wissensstand.

„Wer ohne einen historischen Blick auf ein eigenes wissenschaftliches Tun ausgebildet wird, hält die augenblickliche Gestalt einer Wissenschaft für die einzige mögliche – und sieht nicht, inwiefern sie das Produkt von Entscheidungen und Prozessen ist, die eben historisch bedingt und daher oft einfach kontingent sind“ (Koerrenz et al. 2017, S. 8). Die Entwicklung der damaligen Pädagogik ist als Prozess zu verstehen, von dem wir heute noch profitieren. Dieser Prozess begann bereits sehr früh. Im Mittelalter entwickelten sich erste pädagogische Handlungen in den Klöstern. Auch heute haben christliche Träger einen großen Einfluss auf die Praxis der Sozialen Arbeit.

Bekannte Vorreiter der Sozialpädagogik wie Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi, Friedrich Fröbel und Immanuel Kant stellten ihre pädagogischen Theorien im 17. und 18. Jh. auf. Damals galten diese als verpönt. Trotz dieser gesellschaftlichen Ablehnung konnte Friedrich Fröbel 1840 den ersten Kindergarten eröffnen. Missstände und Unklarheiten in der Gesellschaft führten dazu, dass der Kindergarten bereits 1851 schließen musste. Durch viel Überzeugungsarbeit und die Beseitigung der Missstände konnte der Kindergarten 1860 wieder eröffnen (vgl.(Schilling et al., S. 60 ff).

Die Vergangenheit der Sozialpädagogik hilft, die Sozialpädagogik von heute zu verstehen.

„Es gehört heute zum wissenschaftlichen Standard, bei der Beschäftigung mit den Problemen der Sozialen Arbeit auf die Geschichte zurückzugreifen“ (Hering, 2015, S. 9). Denn im Laufe der Geschichte wurden viele Theorien und praktische Maßnahmen niedergeschrieben. Heute haben wir das Privileg, auf eine große Breite an Wissensgegenständen zurückgreifen und diese individuell nutzen zu können. Wir können gezielt Literatur heranziehen und daraus unser Bild selbst konstruieren.

Dank der Vergangenheit und deren Erfahrungen wissen wir heute beispielsweise, dass Schlagen, Einsperren oder emotionaler Druck sich negativ auf das Individuum auswirken. Noch in den Nachkriegszeit war es gang und gäbe, dass ein Lehrer seine Schüler schlug, wenn diese beispielsweise dreckige Nägel oder nicht sauber geschrieben hatten. Dank der früheren Erfahrungen, gewonnener Forschungsergebnisse und daraus abgeleiteter Theorien ist heute bekannt, wie wir ein Individuum gezielt und bestmöglich zu formen haben. Durch das Reflektieren der Praxis lässt sich aus früheren Fehlern lernen. Ohne diese Tätigkeiten in der Vergangenheit blieb uns diese Möglichkeit verwehrt. Da sich aus Fehlern lernen lässt, erscheinen „manche Gedanken, Aussagen und Theorien historischer Pädagogen und Pädagoginnen, aber auch manche Verhaltensweisen [...] heute äußerst kritikwürdig“ (Gudjons et al., S. 82). So beeinflusst das vergangene Handeln die Gegenwart der Pädagogik.

Ein Pädagoge und generell jeder Beschäftigte im sozialen Bereich muss verschiedene Gesetze und Rechtsansprüche kennen und umsetzen.

Im Sozialgesetzbuch sind sämtliche interindividuelle Handlungen beziehungsweise soziale Tätigkeiten verankert und gesetzlich geregelt. Spezifisch Sozialarbeiter müssen sich im Arbeitsalltag gut mit den Gesetzen auskennen.

„Bis in die 70er Jahre war das Sozialrecht der Bundesrepublik Deutschland sehr unübersichtlich und in zahlreichen Einzelgesetzen geregelt. Mit der Einführung des Sozialgesetzbuches SGB war das vorrangige Ziel verbunden, ein einheitliches Gesetzgebungswerk für alle wesentlichen Bereiche der sozialen Sicherung zu erhalten“ (Koch, 2017, Quelle: Internet). Im ersten Sozialgesetzbuch, „welches am 1. Januar 1973 in Kraft getreten ist, sind insbesondere allgemeine Regelungen enthalten. Es werden die Aufgaben des Sozialgesetzbuches beschrieben und die Rechte und Pflichten der Leistungsempfänger benannt. Die einzelnen Leistungen nach dem SGB werden vorgestellt sowie die zuständigen Leistungsträger bestimmt. Darüber hinaus enthält dieser allgemeine Teil die gemeinsamen Vorschriften, die für alle Sozialleistungsbereiche des SGB gelten“ (ebd., Quelle: Internet). Diese Gesetze sind der Maßstab der pädagogischen Arbeit und regeln diese.

„Die Geschichte der Pädagogik ist die Einladung zu einer Reise in die Fremde [...]. [S]o hilft uns die Geschichte der Pädagogik vor allem dabei herauszufinden, was wir selbst für die pädagogische Normalität halten – sie hilft uns, unsere pädagogischen Institutionen, unsere pädagogischen Vorurteile und angeblichen Wahrheiten bewusst und damit überhaupt erst befragbar zu machen“ (Koerrenz, et al., 2017 S.8). Das pädagogische Selbstverständnis von heute basiert auf der verfestigten Haltung der Vergangenheit.

Dies bietet wiederum die Grundlage für die Innovationen von morgen.

Beispiel: „die Bismarckschen Sozialgesetze:

- 1883 Einführung der Krankenversicherung
- 1884 Einführung der Unfallversicherung
- 1889 Alters- und Invalidenversicherung“ (Schilling & Klus, 2018, S. 44 ff).

Diese sozialen Meilensteine sind aus der Gegenwart nicht wegzudenken. Über die damit verbundenen sozialen Privilegien, die die westlichen Länder haben, verfügt nur eine Minderheit der Weltbevölkerung. Dennoch wissen viele in der heutigen Gesellschaft dieses junge Gut nicht zu schätzen. Es erscheint als Normalität.

Am 10. Dezember 1948 verkündete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, bestehend aus insgesamt 30 Artikeln. Diese besagen zum Beispiel, dass jeder das Recht auf Arbeit und Bildung hat und dass niemand willkürlich in das Privatleben eines anderen eingreifen darf. Die Konvention der Vereinten Nationen zur Förderung und zum Schutz der Rechte und der Würde von Menschen mit Behinderung, kurz UN-Behindertenrechtskonvention, wurde 2006 beschlossen und wurde seitdem von allen Mitgliedsländern unterzeichnet. 70 % des Textes wurden von Betroffenen selbst geschrieben.

Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde am 26. März 2009 in Deutschland ratifiziert. Das Leitbild der Konvention ist die Inklusion. Dieser Gedanke wird langsam in unsere Gesellschaft integriert. So fällt in der Öffentlichkeit auf, dass es wesentlich mehr Rampen gibt und sämtliche Straßenübergänge mit akustischen Signalen versehen sind. Doch bereits vor über 80 Jahren wurde die Gesetzgebung der Inklusion und somit auch die Umsetzung in die Gesellschaft verabschiedet (vgl. (Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, 2017, Quelle: Internet). Nicht nur für Sozialarbeiter ist die praktische Umsetzung in den Alltag ein enormer Fortschritt, sondern auch für die Gesellschaft. So wird das Feld der Pädagogen größer und umfangreicher, aber zugleich leichter zugänglich.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Geschichte der Sozialpädagogik sehr wichtig für das heutige pädagogische Verständnis ist. Die Geschichte gibt über frühere pädagogische Praktiken Auskunft. So bauen sämtliche gegenwärtige Theoriemodelle auf der Vergangenheit auf und es ist kaum verwunderlich, dass heute viele Konzept in Einrichtungen auf Theorien von vor 200 Jahren basieren. Diese Theorien bilden das Grundgerüst und werden durch aktuelle Innovationen sowie Netzwerke optimiert. Außerdem wird in den modernen Institutionen regelmäßig versucht, die Adressaten dort abzuholen, wo sie gerade sind. Das heißt, es wird versucht, auf jeden Klienten individuell einzugehen, verbunden mit den Theoriemodellen der Vergangenheit.

Allerdings sind noch viele Felder unerforscht beziehungsweise nicht zeitgerecht konstruiert. „Es ist wenig glaublich, dass bisher die chronologische Darstellung einer Geschichte der Pädagogik umfassend und erschöpft ist“ (Behn, 1961, S. 8 ff). Eine zukünftige Aufgabe wird darin bestehen, noch unbekannte Theorien aufzustellen, daraus gezielte Maßnahmen abzuleiten und sie in der aktuellen Praxis bestmöglich umzusetzen.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Wie wichtig ist die Geschichte der Sozialpädagogik in Bezug auf professionelles Handeln heute?
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
6
Katalognummer
V984250
ISBN (eBook)
9783346340900
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziapädagogik, Geschichte der Sozialpädagogik, Wichtigkeit der Geschichte der Sozialpädagogik
Arbeit zitieren
Felix Girst (Autor), 2018, Wie wichtig ist die Geschichte der Sozialpädagogik in Bezug auf professionelles Handeln heute?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/984250

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