Zwischenmenschliche Intimität im Pflegeheim. Welche Rolle spielt sie und wie kann sie gesichert werden?


Bachelorarbeit, 2016

77 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Grundlagen
1.1 Definition wesentlicher Begriffe
1.2. Intimität und Sexualität
1.2.1 Themenbezogener Forschungsstand
1.2.2 Der Mensch und Sexualität
1.2.3 Sexualität im Alter
Biografische Einflussfaktoren
Religiöse Einflussfaktoren
Gesundheitliche Einflussfaktoren
1.3. Beziehung
1.3.1 Verschiedene Formen intimer Beziehungen
1.3.2 Entwicklungsaufgaben langjähriger Partnerschaften in Bezug auf Intimität
1.4. Besondere Situation im Pflegeheim
1.4.1 Rechtliche Rahmenbedingungen im Pflegeheim
1.4.2 Einschränkungen
1.4.3 Auswirkungen auf Personen und zwischenmenschliche Intimität/ Privatsphäre
1.5 Heilpädagogische Relevanz

2 Methodik
2.1 Erhebungsinstrument
2.2 Fallauswahl (qualitatives Sampling)
2.3 Zugang zum Feld (Rekrutierung)
2.4 Umgang mit Daten- und Vertrauensschutz, Forschungsethik
2.5 Durchführung der Erhebung
2.6 Teilnahmebereitschaft der Befragten
2.7 Auswertungsverfahren

3 Ergebnisse
3.1 Was verstehen die Interviewpartnerinnen heute beziehungsweise grundsätzlich unter „Intimität“?
3.2 Die Intimität sowie Sexualität von Bewohner*innen und deren Partner*innen werden durch die Institution Pflegeheim eingeschränkt.
3.1.1 Ethische Werte resultierend aus einer kirchlichen Trägerschaft und den dementsprechenden Wertevorstellungen der Heimleitung schränken Intimität sowie Sexualität von Bewohner*innen und deren Partner*innen ein.
3.1.2 Räumliche/ architektonische Einschränkungen beziehungsweise das Verhalten des Pflegepersonals gewährleisten keine beziehungsweise unzureichende Privatsphäre.
3.2 Verschiedene Faktoren behindern sexuelle und intime Handlungen.
3.2.1 Die Auswahl an potenziellen Sexualpartner*innen ist für alleinstehende Bewohner*innen eingeschränkt.
3.2.2 Der Stellenwert sexueller Aktivität verliert während einer langjährigen Partnerschaft an Bedeutung.
3.2.3 Gesundheitliche Aspekte behindern das Ausleben gemeinsamer Sexualität von Bewohner*innen und ihren Partner*innen.
3.2.4 Einflussfaktor Erziehung: Die häufig konservative sowie Sexualität tabuisierende Erziehung der heute älteren Generation bewirkt, dass Sexualität im Alter als unangemessen empfunden und wenig thematisiert wird.
3.3 Sexualität im Alter ist nach wie vor ein Tabu – sowohl in der Gesellschaft als auch im Pflegeheim.
3.3.1 Trotz der zunehmenden medialen Öffnung bezüglich Sexualität im Alter dominiert das Bild des asexuellen alten Menschen im Alltagsdiskurs.
3.3.2 Der Umgang des Heimpersonals mit den Ehepartner*innen von Bewohner*innen und der Privatsphäre der Bewohner*innen behindern ein Ausleben von Sexualität und Intimität.
3.4 Weitere Ergebnisse

4 Diskussion
4.1 Intimität im Alter – (k)ein Thema?
4.2 Sprachlosigkeit im Pflegeheim – die Rolle des Heilpädagogen/ der Heilpädagogin
4.3 Der Genderaspekt
4.4 Der demografische Wandel und die Heilpädagogik

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Einleitung

Intimität – Zärtlichkeit – Erotik – Sex. Eigentlich Grundbedürfnisse eines jeden Menschen, auch bis in hohe Alter, und doch bezüglich älterer Menschen in der deutschen Gesellschaft nach wie vor ein Tabu.

Sie sind Bestandteil einer Partnerschaft, was jedoch durch äußere Umstände beeinflusst werden kann. Was machen Altersveränderungen mit einem Menschen? Was bedeutet es für ein Paar, wenn Intimität im Alter mit Tabus belegt ist?

Im Zuge des demografischen Wandels wächst der Anteil älterer Menschen, während die Geburtenzahl sinkt. Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2002, wird es 2050 mehr als doppelt so viele ältere Menschen wie jüngere geben. Zusätzlich ist die Rolle der Frau zunehmend im Wandel: Während derzeit circa 71% aller Pflegebedürftigen (meist von Töchtern und Schwiegertöchtern) zu Hause versorgt werden (o.A. 2015), wird zukünftig der Trend zu Klein- und Kleinstfamilien sowie zu Singularisierung gehen. Es werden räumliche Kapazitäten fehlen und die Bereitschaft, zugunsten der Pflege Angehöriger auf Beruf und Karriere zu verzichten, wird sinken (vgl. Meudt 2006, 14-15).

Für Pflegeheime bedeutet dies, dass es „künftig immer mehr zur Aufgabe von Pflegenden gehören [wird], eine ganzheitlich orientierte Hilfe für alte, hilfsbedürftige und demente Menschen bereitzustellen und zu organisieren. Damit wird auch die Lebensaktivität 'Sich als Mann oder Frau fühlen' […] immer mehr zum Thema der Pflege werden und darf nicht beständig ausgeblendet werden“ (vgl. Meudt 2006, 14-15).

Wie kann das ermöglicht werden in einer Zeit, in der chronischer Peronalmangel in Pflegeheimen zum Alltag gehört? Haben die Themen „Sexualität“ und „Intimität“ Platz zwischen Hygienevorschriften und Pflegeprotokoll? Und was bedeutet das für einen Bewohner, eine Bewohnerin und den Partner/ die Partnerin? Wie empfinden sie ihre (gemeinsame) Intimität im „neuen“ Kontext Pflegeheim?

Innerhalb eines Monats habe ich hierzu eine Bewohnerin sowie drei Ehefrauen von drei in unterschiedlichen Heimen lebenden Bewohnern in Form von qualitativen episodischen Interviews befragt. Eine Auswahl an vorher aufgestellten Hypothesen (ausgehend von Vorüberlegungen und themenbezogener Literaturanalyse) bot hierfür den Rahmen. Die Anzahl der Interviewpersonen dieser Forschung sind nicht ausreichend, um die Forschungsergebnisse als repräsentativ bezeichnen zu können. Sie gewährt lediglich einen Einblick in die Thematik. Eine größere Anzahl an Interviewpartner*innen hätte allerdings den Rahmen der Arbeit gesprengt.

Unter Punkt 3 Methodik wird das genaue Verfahren in seinen Einzelheiten erläutert. Im Anschluss werden unter Punkt 4 Ergebnisse die relevanten Ergebnisse auf die Forschungsfrage dargestellt.

Unter Punkt 5 werden die Forschungsergebnisse mit Aussagen aus der herangezogenen und unter Grundlagen genannten Literatur in Beziehung gesetzt. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der heilpädagogischen Relevanz des Themas.

In der gesamten Arbeit wurde eine gendergerechte Schreibweise berücksichtigt. Wenn möglich wurde hierzu die neutrale Form verwendet (wie Studierende), ansonsten die *-Form, um nicht nur die klassischen Geschlechter „Mann“ und „Frau“ anzusprechen, sondern auch jene, welche sich diesen beiden Geschlechtern nicht zuordnen können oder wollen.

1 Grundlagen

1.1 Definition wesentlicher Begriffe

1.1.1 Intimität

Der Begriff „Intimität“ wird mit vielen verschiedenen Faktoren assoziiert. Oft wird er lediglich mit „Sexualität“ gleichgesetzt, was dem Bedeutungsspektrum des Begriffs nicht gerecht wird. So kann zum Einen davon ausgegangen werden, Intimität würde „Gefühlsnähe“ und die grundsätzliche Fähigkeit zu „intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen“ bedeuten (o.A. 2000).

Andere Definitionen beziehen sich auf die Theorie Erik Eriksons. Demnach setzt er Intimität mit engen Liebesbeziehungen gleich und ordnet sie der sechsten Entwicklungsstufe des Stufenmodells der psychosozialen Entwicklung (frühes Erwachsenenalter) zu: „Aufgabe dieser Entwicklungsstufe ist es, ein gewisses Maß an Intimität zu erreichen, anstatt isoliert zu bleiben. Die Identitäten sind gefestigt und es stehen sich zwei unabhängige Egos gegenüber“ (Stangl 2016).

Wunibald Müller (Dr. der Theologie, Diplompsychologe und Psychotherapeut) legt Intimität wie folgt aus: „In der Erfahrung von Intimität kommt unser Verlangen nach einer tiefen, bedeutungsvollen, innigen Beziehung zu einem anderen Lebewesen zum Ausdruck. Wir Menschen sind darauf ausgerichtet, unser Leben mit anderen Menschen auf eine innige und tiefe Weise zu teilen. In tiefen, intimen Beziehungen erfahren wir Wärme und das Gefühl von Zuneigung. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. So kann die Erfahrung der Verbundenheit mit einem Menschen körperlicher, gefühlsmäßiger, intellektueller, spiritueller, sexueller und sozialer Natur sein“ (Müller 2013, 52).

Diese Arbeit geht von einem ganzheitlichen Intimitätsbegriff (gemäß Müller) aus, wobei die genauere Betrachtung der körperlichen, seelisch-emotionalen und sexuellen Intimität im Vordergrund stehen soll.

1.1.2 Sexualität

Der Begriff „Sex“ leitet sich vom lateinischen Wort „secare“ ab, was mit „trennen“/ „teilen“ übersetzt werden kann. Ursprünglich bezeichnete der Begriff lediglich die Einteilung nach Geschlechtszugehörigkeit in „männlich“ und „weiblich“, zunächst in der Botanik, dann auf den Menschen übertragen (Meudt 2006, 11 & Stemmer 2001, 21).

Später wurde der Begriff erweitert und mit „Fortpflanzung“ in Verbindung gebracht. Im Zuge der Entstehung des „psychosexuellen Denkens“ sowie der „Psychoanalyse“ wurde der Begriff umfassend geprägt und mit Lust und Liebe verbunden.

Nach Haeberle (1983) kommen der Sexualität drei verschiedene Bedeutungen zu: die Fortpflanzungsfunktion, das Verhalten, das bei sexuellen Reaktionen zu beobachten ist, sowie das Lustverhalten, das von allgemeinem Verhalten angestrebt wird (Meudt 2006, 11).

Nach Düring und Hauch (1995, 4) gibt es nicht nur eine Sexualität, sondern viele verschiedene Formen davon. Sie jedem Menschen, ungeachtet seines Alters oder Beziehungsstatus, inne. „Sexualität 'haben' selbst die, die sexuell völlig abstinent leben“ (von Sydow 1992, 9).

1.1.3 Alter

„Laut Definition der WHO ist ein Mensch alt, wenn er das 65. Lebensjahr vollendet hat. Doch letztlich ist Altern ein individueller Prozess, der auch von gesellschaftlichen Tendenzen bestimmt wird. […] Eine klare medizinische oder biologische Definition, wann das Alter beginnt, fehlt nach wie vor. Fakt ist aber, dass der menschliche Körper altert und dass Altern immer Veränderung bedeutet – auch in der Sexualität“ (Grond 2011, 12).

In der Literatur zum Thema „Sexualität im Alter“ wird häufig von der zweiten Lebenshälfte gesprochen, welche circa ab dem 50. Lebensjahr beginnt. Da der empirische Teil dieser Arbeit einen Lebensaspekt von Menschen untersucht, welche in Altenpflegeheimen leben bzw. es um ihre dort lebenden Angehörigen geht, liegt der Fokus auf der im Heim vorherrschenden Altersgruppe von circa 65-90 Jahren.

1.1.4 Pflegeheim

In der Literatur gibt es eine Vielzahl an Definitionen von Altenheimen, Altenwohnheimen, Altenstift, Pflegeheimen u.a. In der vorliegenden Arbeit soll von der Bedeutung ausgegangen werden, welche das Bundesministerium für Gesundheit vorgibt:

„Grundsätzlich gibt es drei unterschiedliche Heimtypen: das Altenwohnheim, das Altenheim und das Pflegeheim.

- In Altenwohnheimen leben die Bewohnerinnen und Bewohner relativ eigenständig in kleinen Wohnungen mit eigener Küche. Es besteht jedoch die Möglichkeit, die Mahlzeiten in Gesellschaft der anderen Bewohnerinnen und Bewohner einzunehmen.
- Altenheime gewährleisten älteren Menschen, die ihren Haushalt nicht mehr eigenständig führen können, pflegerische Betreuung und hauswirtschaftliche Unterstützung. Hier leben die Bewohnerinnen und Bewohner oft in ihren eigenen kleinen Wohnungen oder Appartements.
- In Pflegeheimen leben die Bewohnerinnen und Bewohner in der Regel in Einzel- oder Doppelzimmern, in die häufig eigene Möbel mitgenommen werden können. Eine umfassende pflegerische und hauswirtschaftliche Versorgung und Betreuung ist gewährleistet.

In den meisten Einrichtungen findet man heutzutage eine Kombination der drei traditionellen Heimtypen […]“ (Bundesministerium für Gesundheit 2015).

1.1.5 Tabu

„Der Begriff [Tabu] stammt aus dem Polynesischen und bedeutet 'das Heilige, Geheiligte und zugleich Verbotene, das Unberührbare, mit dem Sinn, Unheil zu vermeiden.' Tabus sind im Allgemeinen geheimnisvoll und weder rational zu verstehen noch funktional begründet. 'Freud stellte in 'Totem Und Tabu' (1913) den zugleich positiven und negativen Aspekt eines Wortes heraus, etwas, was einerseits gewünscht wird, wovor andererseits Angst besteht“ (Peters UH 1997 in: Weigel 2009, 71).

„Tabu“ wird hier dementsprechend als etwas verstanden, was nicht thematisiert wird beziehungsweise thematisiert werden soll/kann.

1.2. Intimität und Sexualität

1.2.1 Themenbezogener Forschungsstand

Der demographische Wandel und der damit verbundene wachsende Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung führt auch in der Medizin zu einem Umdenken: weg von der pathogenetischen Sicht, in welcher es lediglich um Lebensverlängerung geht, hin zu der Frage, wie man Lebensqualität bis ins hohe Alter sicherstellen kann (vgl. Berberich & Brähler 2001, 7).

Der bisher mäßige Forschungsstand beschränkt sich meist auf quantitative Untersuchungen zu Liebe, Partnerschaft und Sexualität im Alter.

Viele der thematisch relevanten Studien in Deutschland sind bis zu zehn Jahre alt oder gar noch älter. Es ist fraglich, inwieweit Ergebnisse dieser noch repräsentativ für die heute ältere Generation sind. Dennoch hat sich herausgestellt, dass manche Tendenzen mit den Ergebnissen der Studie dieser Arbeit belegt werden können (siehe hierzu Punkt 4). Zahlen die beispielsweise aus den USA genannt werden, sind nur bedingt auf hießige Verhältnisse übertragbar, sie geben lediglich einen Anhaltspunkt.

1.2.2 Der Mensch und Sexualität

„Sexualität hängt mit der Persönlichkeit zusammen, ist eine Energie, die sich in jedem Aspekt eines menschlichen Wesens ausdrückt. Wie sich jemand bewegt, seine Vitalität, seine Lebensfreude, all das ist Ausdruck seiner Sexualität“ (Starr & Weiner 1996, 13). Dies widerspricht der weit verbreiteten Annahme, „Sexualität“ sei ausschließlich Geschlechtsverkehr und impliziert gleichzeitig, dass sie als ganzheitliches Phänomen betrachtet werden muss (Bamler in: Buchen & Maier 2008, 185). Sie umfasst Träume, Vorstellungen, Fantasien, die Auseinandersetzung mit sich selbst, ist real oder imaginär (Bamler 2008 & Ebberfeld 2005 & von Sydow 1991 in: Buchen & Maier 2008, 185).

Sexuelles Erleben ist nicht angeboren, jeder Mensch muss es von Kindheit an lernen. Dementsprechend unterscheidet es sich individuell und ist biografisch bedingt. „In der Art, wie sich ein Mensch sexuell verhält und wie er sexuell empfindet, spiegeln sich neben den biologischen Faktoren seine bisherige Lebensgeschichte, seine individuellen Erfahrungen sowie die besonderen gesellschaftlichen Umstände, unter denen er aufgewachsen ist und bisher gelebt hat“ (Zettl 2000, 14).

Sexualität kann sich vielseitig ausdrücken: in Form von gewünschter Nähe zu einem Partner/ einer Partnerin, in Form von Angst, sexuellen Anforderungen oder der gesellschaftlichen Norm nicht zu entsprechen, welche einem „gesunden“ Sexualleben eine bestimmte Koitusfrequenz zuschreibt (Bamler in: Buchen & Maier 2008, 185).

Männer und Frauen entwickeln sich geschlechtsidentitätsbedingt unterschiedlich (Zettl 2000, 14). Neben den biologischen Einflüssen spielen jedoch auch gesellschaftliche Normen und Rollenzuschreibungen eine Rolle bezüglich der Sexualitätsentwicklung: die Frau als sanftes, sinnliches Wesen und der klassische Mann, der sich schon seit über 1000 Jahren vorwiegend über seinen Phallus definiert (vgl. Berberich & Brähler 2001, 139). Dies und andere „soziale, kulturelle und religiöse Faktoren bestimmen mit Wertvorstellungen und Erwartungen das sexuelle Verhalten in jeder Kultur und im jeweiligen sozialen Umfeld“ (Grond 2001, 9).

Sexualität ist immer auch eine Form von verbaler sowie nonverbaler Kommunikation. Sie wird beispielsweise in partnerschaftlichen Beziehungen als das persönlichste Kommunikationsmittel wahrgenommen und ist als intime Körpersprache Ausdruck leib-seelischer Einheit (vgl. Grond 2001, 11). Sexualität verändert sich über die gesamte Lebensspanne. Der nächste Abschnitt soll Aspekte der Sexualität im Alter hervorheben.

1.2.3 Sexualität im Alter

„Ich hasse die Stimmen in mir, die mich tören

Mit immer demselben säuselnden Sang:

Das Leben zu kurz, ist am Ende zu lang …

Alleinsein und keinem mehr angehören,

Das ist ein Schicksal und nicht zu ertragen.

Und alle denken: du willst nichts mehr.

Du lebst in Fülle: erinnerungsschwer.

Gesättigt von den einst glücklichen Tagen.

Und keiner würde wagen zu fragen:

Und was ist mit der Liebe? Wo nimmst du sie her,

Wo tust du sie hin, wenn nur Luft ist um dich?

Macht die der Mainacht dir denn nicht bang?

Das Leben zu kurz, ist am Ende zu lang.

Es lieben mich alle, doch keine liebt MICH.“

(Eva Strittmeier: „Der Schöne“)

„Zu lieben und geliebt zu werden ist [auch] für alte Menschen das höchste Gut“ (Grond 2011, 10).

Sexualität und Intimität bleibt dem Menschen ein Leben lang als Bedürfnis erhalten. Trotz Veränderungen hinsichtlich Stellenwert und Ausleben der eigenen Sexualität (vgl. Müller 2014, 340) ist sie dennoch für Menschen höheren Alters eine wichtige Quelle von Wohlbefinden und Vitalität (Weigel 2009, 71).

1.2.3.1 Grundlagen

„Durch die Loslösung von der Fortpflanzung

gewann die Sexualität nur noch an Reiz.

Turner hatte herausgefunden, dass die unfehlbarste Form

des Vorspiels darin bestand, ihr ins Ohr zu flüstern:

'Das dient jetzt einzig und allein der Lust.“

(Alther 1990/1994 in: Sydow 1992, 197)

Die Sexualität älterer Menschen ist oft untersucht worden, beispielsweise die besonderen Bedürfnisse älterer Frauen, der Umgang mit Sexualität in Pflegeheimen sowie sexuelle Vorstellungen und Wünsche dieses Personenkreises (Stemmer 2001, 29). Grond (2001, 35 & 2011, 19) stellte sechs Theorien zur Alterssexualität auf:

1. „Verbreitet ist die Defizit-Theorie, die davon ausgeht, dass der alternde Mensch körperlich abbaut, deshalb entsexualisiert und 'weise', 'jenseits von Gut und Böse' sei.
2. Die Disuse-Theorie erklärt die Atrophie der Genitalorgane durch Nichtgebrauch.
3. Die Austauschtheorie beschreibt die Ablehnung der Sexualität bei älteren Frauen infolge von Ärger über Ausbeutung von und Ungleichverteilung von Chancen und Macht.
4. Die Kontinuitätstheorie geht davon aus, dass Menschen sich auch im Alter nicht wesentlich anders verhalten als in ihren jungen Jahren. Wer unter Sexualität immer nur Koitus verstand, wird im Alter nicht auf Zärtlichkeit umsteigen. Heterosexuelle Frauen bleiben dies auch im Alter und werden keinesfalls aus lauter Männermangel lesbisch.
5. Die Kommunikationstheorie erklärt sexuelle Begegnung als intime Kommunikation von positiven Gefühlen, d.h. sich angenommen fühlen und im Gespräch veränderte sexuelle Funktionen zu akzeptieren.
6. Soziologisch verändert sich im Alter die männliche und weibliche Rollenzuschreibung nicht selten, wenn ein Partner pflegebedürftig wird.“

Laut einer us-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2007 sind in der Personengruppe der 65- bis 74-Jährigen noch circa 53% sexuell aktiv, bei den 75-85-Jährigen noch 26% (Strehlow 2012). Abseits von Leistungsgedanken und Genitalität kann Sexualität zu Vielseitigkeit von Zärtlichkeit und Vertrauen führen (vgl. Müller 2014, 340 & Meudt 2006, 12). „Sexualität wird deshalb oft facettenreicher, genussvoller und ganzheitlicher erlebt als von Jüngeren und bleibt deshalb ein Leben lang wichtiger Bestandteil der Lebensqualität“ (Weigel 2009, 71).

Gleichzeitig nimmt häufig die Bedeutung von Zärtlichkeit, wechselseitigem Vertrauen und Gegenseitigkeit zu, während der reine Koitus unter Umständen an Stellenwert verliert (vgl. Grond 2011, 9). Dies belegt beispielsweise eine Studie aus Heidelberg zum Thema „Zärtlichkeit im Alter“. Die Ergebnisse aus den Antworten der 62 in dieser Studie befragten Personen im Alter von 60 bis 83 Jahren zeigten, dass bei einem Großteil der Männer und Frauen höheren Alters nach wie vor ein Bedürfnis nach Zärtlichkeit, seelischem und körperlichem Kontakt besteht und Sexualität insgesamt einen großen Stellenwert einnimmt. Körperliche Befriedigung ist für Männer diesbezüglich am wichtigsten, während für Frauen die Bedeutung von Zärtlichkeit in den Vordergrund rückt (Gottlob 2016).

1.2.3.2 Hemmende Einflussfaktoren

Der Großteil der Menschen höheren Alters hat nach wie vor das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Sexualität, jedoch kommen mit zunehmendem Alter Faktoren hinzu, die das Ausleben vor allem von Sexualität beeinflussen beziehungsweise behindern können (vgl. Grond 2011, 9).

Biografische Einflussfaktoren

Wie bereits beschrieben wurde, ist Sexualität nur zu einem geringen Teil angeboren (sexuelle Orientierung). Das sexuelle Erleben muss wie andere Verhaltensweise erlernt werden und ist somit eng mit der Biografie eines Menschen verbunden (Vgl. Meudt 2006, 11). Sie ist Ausdruck der jeweiligen Persönlichkeit sowie dessen Lebensstil (Zettl 2000, 19).

Ein Mensch, der in jungen Jahren sexuell aktiv ist, wird dies auch in höherem Lebensalter sein. Lebt eine Person ihre Sexualität vielseitig aus, so wird er auch im Alter verschiedene Formen sexueller Befriedigung suchen (Zettl 2000, 19).

„Liberal zufriedene Frauen leben auch im Alter selbstbestimmt. Sie betonen ihr Recht auf Lust ohne Schuldgefühle [...]“ (Grond 2011, 18).

Anders ist es bei Angehörigen der älteren Generation (hier vor allem Personen ab 70), die unter den typischen Bedingungen einer Zeit aufwuchsen (Geburt vor, während oder kurz nach dem 2. Weltkrieg), die unter anderem von unzureichender beziehungsweise fehlender sexueller Aufklärung geprägt war, von Vorurteilen und moralischen Normen im Umgang mit (der eigenen) Sexualität und Erotik sowie von der klassischen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau (Weigel 2009, 71).

Das Körperliche wurde in der damaligen Sexualerziehung tabuisiert und auch in der Partnerschaft war es nicht üblich, über Sexualität und eigene Wünsche zu sprechen: „Der Mann sollte selbst herausfinden, was die Frau möchte.“ „Die Sexualität der heute altern Frauen war also weitgehend von den Bedürfnissen ihrer Männer dominiert und damit fremdbestimmt“ (Graber-Dünow, 79). Viele Menschen mit einer solchen Vergangenheit sind sich zwar ihrer sexuellen Bedürfnisse und Wünsche bewusst, verbinden dies aber mit Schamgefühlen und haben Angst, „als 'lüsterne Greise' stigmatisiert zu werden“ (Thiele 2001, 117).

Religiöse Einflussfaktoren

In Bezug auf Sexualität und deren Ausleben unterschieden sich die Vorgaben der unterschiedlichen Weltreligionen. Die Thematik ist allerdings sehr komplex, deswegen werden an dieser Stelle lediglich Beispiele genannt, welche nicht verallgemeinert werden können: im Islam werden Frauen angehalten, sich (zu ihrem eigenen Schutz) zu verschleiern. Des Weiteren ist Polygamie erlaubt. Bei den Orthodoxen besteht ein Koitusverbot während der Menses. Das Christentum gibt vor, keinen Geschlechtsverkehr vor der Ehe zu vollziehen, die katholische Kirche verbietet die Benutzung von Kondomen als Verhütungsmittel (Grond 2001, 14).

In der Zeit, in der die heutige ältere Generation (65 Jahre +) aufwuchs, nahm die Institution Kirche mit ihren ethischen und moralischen Vorstellungen einen – anders als heute – vergleichsweise großen Stellenwert ein. Die Erziehung war meist konservativ und an die Kirche angelehnt. Somit wurde Nacktheit und (die eigene) Sexualität mit Scham und Sünde assoziiert und tabuisiert. Keuschheit und Jungfräulichkeit galt als oberstes Gut. Sexualverkehr wurde allein beim Zeugungsakt toleriert und galt somit lediglich der Fortpflanzung. Generell war Geschlechtsverkehr einzig und allein in der Ehe erlaubt (vgl. Thiele 2001, 116/117 & Graber-Dünow 1999, 79). Demnach seien ältere Menschen dazu angehalten worden, sexuell enthaltsam zu leben (Graber-Dünow 1999, 79), da der Fortpflanzungseffekt nicht mehr von Belang sei.

Blasberg-Kuhnke und Wittrahm (2007, 145) ermöglichen demgegenüber einen anderen Blick auf die Einstellung des Christentums zu Sexualität im Alter: „Christlich gesprochen: Sexualität ist eine gute Gabe Gottes. Gott hat Mann und Frau als sinnenfreudige, lustbetonte Lebewesen geschaffen mit all ihren Kräften und Säften, Trieben und Strebungen, Hoffnungen und Sehnsüchten. […] Auf diesem ethischen Hintergrund können auch ältere Menschen ihr Grundbedürfnis nach Sexualität und Zärtlichkeit als Lebensaufgabe unbefangen und unverkrampft gestalten.“

Gesundheitliche Einflussfaktoren

„[...] Mit zunehmendem Lebensalter [kommt] es zu Veränderungen der körperlichen sexuellen Reaktionen; sie sind jedoch keinesfalls mit einem Verlust der Sexualität gleichzusetzen. Ältere Menschen wissen allerdings oft erstaunlich wenig über diese altersbedingten Veränderungen“ (Zettl 2000, 16). Gesundheitliche Einschränkungen werden dennoch häufig als Störfaktor bezüglich sexuellen Erlebens genannt (Weigel 2009, 74).

Die medizinische und psychotherapeutische Literatur beschäftigt sich bisher wenig mit der Thematik sexueller Probleme bei älteren Menschen. Es wird dabei hauptsächlich ein Thema – und das meist sehr technisch – behandelt: Erektionsprobleme von Männern (Wiegand & Kockott 1997, 22).

Gesundheitliche Einflussfaktoren beim Mann

„60% der 60- bis 91jährigen Männer und 58% der Frauen kennen männliche Erektionsprobleme aus eigener Erfahrung. […] Mit 55 Jahren erleben sich etwa 10% aller Männer als völlig impotent, mit 70 Jahren etwa 15%, und sehr viel mehr leiden unter 'minimal' oder 'moderate impotence'“ (Feldman et al. 1994 in: Wiegand & Kockott 1997, 22-23).

Der hormonelle Veränderungsprozess (möglich: verlangsamte Erektion, reduzierte Ejakulation, schnellere Rückbildungsphase nach dem Orgasmus, Verlängerung der Refräkterzeit1 ) verläuft beim Mann langsamer und kontinuierlicher als bei Frauen (Graber-Dünow 1999, 76).

„Seit 1993 (NHI) sind Erektionsstörungen als 'erektile Dysfunktion' definiert und das bedeutet 'die Unfähigkeit, eine Erektion zu erreichen oder aufrecht zu erhalten, die für ein befriedigendes Sexualleben ausreicht'“ (Berberich & Brähler 2001, 141). Es wird zwar offiziell zwischen „psychogener erektiler Dysfunktion' (Nr. F 52,3, Kapitel 5 ICD-10) und „organogener“ (Nr. 48, 4, Kapitel 14 ICD-10) unterschieden, dennoch ist die nicht einheitliche Betrachtung, also die nicht vorhandene Berücksichtigung multifaktorieller Ursachen erektiler Dysfunktion, ein Dilemma in der modernen Medizin (Berberich & Brähler 2001, 141-142).

Mythen und gesellschaftliche, männliche Rollenzuschreibungen (auch durch die Medien verbreitet), etwa dass Männer [jederzeit] können und wollen […], „echte Männer […] keine sexuellen Probleme [haben] und es „beim Sex […] nur um einen steifen Penis [geht] (Berberich & Brähler, 140), führen bei Männern mit erektilen Problemen häufig zu Angst, Vermeidung von Geschlechtsverkehr und emotionalem Rückzug aus der Partnerschaft, vor allem, wenn dies nicht offen angesprochen wird. Dies wird in der Medizin selten berücksichtigt. Somit werden häufig einseitig somatisch therapeutische Konsequenzen gezogen (Berberich & Brähler 2001, 145 & Sydow 1992, 84).

Gesundheitlich Einflussfaktoren bei Frauen

Weniger Bedeutung in der Literatur kommt bisher den sexuellen Problemen (älterer) Frauen zu.

Im Zuge der Wechseljahre und des damit verbundenen Östrogenmangels kommt es zu verschiedenen körperlichen Veränderungen: Abnahme der Lubrikation („= die bei sexueller Erregung durch Sekrete bewirkte Gleitfähigkeit der weiblichen Scheide“, Graber-Dünow 1999, 76), Zunahme von Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Dünnerwerden der Haut von Vulva und Vagina (Atrophie), Veränderungen des Scheidenmilieus sowie ein erhöhtes Infektions-, Blutungs- und Verletzungsrisiko. Circa ein Viertel aller Frauen klagen laut Sydow & Seiferth (2015, 19) über diese Veränderungen. Daneben bleiben sexueller Genuss, Erregbarkeit und orgasmische Kapazität grundsätzlich in ihrer Gesamtheit erhalten (ebd., 6 & Graber-Dünow 1999, 76).

Krankheiten und Medikamente, die Auswirkungen auf das Sexualleben beziehungsweise die sexuelle Aktivität eines Menschen haben können

Krankheiten wie Diabetes mellitus, Harninkontinenz, kardiale Erkrankungen, Stoffwechselerkrankung, rheumatische Erkrankungen, Parkinson und Demenz können die sexuelle Aktivität eines Menschen beeinflussen (Weigel 2009, 74), ebenso Medikamente wie Schlaf- und Beruhigungsmittel (Thiele 2001, 116).

Bei Pflegebedürftigen steigt der Wunsch nach Zärtlichkeit und Berührung, der Wunsch und das Ausleben sexueller Aktivität nimmt mit schlechter werdendem Gesundheitszustand ab. Wichtiger wird die Beziehungsdimension von Sexualität (vgl. Grond 2011, 64 & Sydow/ Seiferth 2015, 22).

1.2.3.3 Kulturelle Einflussfaktoren auf die Sexualität im Alter, gesellschaftlicher Wandel und Tabu

„In den letzten 30 Jahren hat in der Öffentlichkeit eine deutliche Liberalisierung im Umgang mit dem Thema Sexualität stattgefunden. Sexuelle Fragen werden heute offener besprochen und sind weniger mit Schuldgefühlen verbunden als früher. […] Es wird zunehmend akzep tiert, dass auch ältere Menschen einen Anspruch auf eine befriedigende Sexualität haben, und auch krankheitsbedingte Einschränkungen des sexuellen Erlebens werden nicht mehr als selbstverständlich hingenommen“ (Zettl 2000, 20).

Vor allem für die Frauen der Nachkriegsgeneration fand hier ein Liberalisierungsprozess statt: Endlich konnten sie sich unabhängig von ihren Männern (beispielsweise über einen eigenen unabhängigen Beruf) selbst definieren und verwirklichen, und so in der Regel wirtschaftliche Selbstständigkeit erreichen. „Damit verbunden war eine starke Enttabuisierung auf vielen Gebieten: Berufswahl, Partnerschaft, Liebe, Sexualität und vieles mehr“ (Thiele 2001, 30). Dies bestätigen Aussagen einer Heidelberger Studie von Prof. Frank Guido Brecht, in welcher Personen im Alter von 60 bis 83 Jahren zum Thema „Zärtlichkeit im Alter“ befragt wurden. „Ältere Frauen haben in unserer Kultur und Gegenwart andere Chancen, die eigene Persönlichkeit auszudrücken – und damit werden auch ältere Frauen für das andere Geschlecht attraktiv“ (Gottlob 2016).

„Die gesellschaftlichen Einflüsse zeigen jedoch nicht nur eine befreiende Wirkung auf den Einzelnen. In Deutschland ist beispielsweise – gerade bei Männern – eine deutliche Prägung der Sexualität durch das Leistungs- und Anspruchsdenken zu beobachten“ (Zettl 2000, 20).

Sexualität wird mehr und mehr zu einem öffentlichen Thema gemacht, viele Autor*Innen wie beispielsweise Renate Stemmer-Beer sind der Meinung, „Tabuisierung sei nicht mehr zeitgemäß“ (1994, 70) und auch unter Betroffenen ist – wie oben beschrieben – der gesellschaftliche Liberalisierungsprozess spürbar. Dennoch ist Sexualität für viele ältere Menschen nach wie vor mit Scham, Hemmungen und Ängsten verbunden und gesellschaftlich nicht vollständig akzeptiert. Dies bestätigt ebenfalls die oben genannte Studie aus Heidelberg. Zahlreiche Vorurteile gegenüber Sexualität im Alter sind weit verbreitet. Dazu zählt das Bild vom älteren Menschen als „asexuellem Wesen“, welches keine sexuellen Bedürfnisse zeigen und ausleben darf. Sexuelle Wünsche älterer Menschen werden belächelt oder moralisierend als pathologischer Fall abqualifiziert (vgl. Zettl 2000, 16 & Graber-Dünow 1999, 77).

Die deutsche Gesellschaft ist außerdem stark jugendorientiert. Die Medien verbinden Sexualität mit Eigenschaften wie Gesundheit, körperlicher Attraktivität und Leistungsfähigkeit (vgl. Meudt 2006, 13 & Sydow 1992, 33). „Die Vorstellung, dass alte Menschen Sex haben, widerspricht in unbestimmter Weise dem, was man landläufig und besonders in der westlichen 'Forever-young'-Kultur als geschmackvoll hält“ (Revenstorf 2015, 204).

Hinzu kommt, dass die meisten Menschen sexuelle Aktivität mit Heterosexualität verbinden. (Wiegand & Kockott 1997, 25). Dies bestätigen Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2004 (Schmidt/ Matthiesen/ Meyerhof 2004). Alleinstehende Personen können schwer sexuell aktiv sein, da das gesellschaftliche Bild nach wie vor die Ehe und Partnerschaft als einzig legitimen Ort sexueller Befriedigung ansieht (Zettl 2000, 19). „Hier klaffen männliche und weibliche Sexualität insofern entscheidend auseinander, als Frauen körperlich weiter sexuell erlebnisfähig wären, aber keinen Partner mehr finden“ (Berberich & Brähler 2011, 83). Ältere Frauen haben es somit mit zwei Handicaps, dem „double standard of aging“ zu tun: mit der stärkeren gesellschaftliche Entwertung weiblichen Alterns sowie der ungünstigen demographischen Situation (bei den über 70-Jährigen beträgt das Verhältnis Mann-Frau 1:2, bei den über 90-Jährigen sogar 1:3; Graber-Dünow 1999, 82)(vgl. Wiegand/ Kockott 1997, 25 & Sydow 1992, 35).

1.3. Beziehung

„Sexualität wird 'im Du' erlebt.“

(Berberich und Brähler 2001, 147)

1.3.1 Verschiedene Formen intimer Beziehungen

Nach Statistiken des DZA (Deutsches Zentrum für Altersfragen) ist die größte Anteil der älteren Generation verheiratet: bei den 60- bis 80-Jährigen liegt der Anteil bei 60%, bei den über 80-Jährigen bei 61% (Männer) beziehungsweise 22% (Frauen; ausschlaggebend für die hohe Differenz ist hier hauptsächlich die bei der Generation noch deutlicher spürbare höhere Lebenserwartung der Frauen). Die Dominanz der Ehe als partnerschaftliche Lebensform „hat sich mit den sinkenden Eheschließungszahlen und den steigenden Zahlen von Ehescheidungen [allerdings] relativiert“ (Nowossadeck & Engstler 2013, 5). Die heute Älteren sind davon in geringerem Maß betroffen wie die jüngeren, dennoch lässt sich vor allem in der Zahl der Geschiedenen – verglichen mit Daten aus dem Jahr 1991 - Veränderungen ablesen: Etwa 12% der jungen Alten (60-70 Jahre) sind geschieden (1991: 5%), bei den 70- bis 80-Jährigen liegt der Anteil bei 8% (1991: 4%) und bei den über 80-Jährigen bei 5% (1991: 3%) (Nowossadeck & Engstler 2013, 4-5).

Trotz stark sinkendem Prozentsatz seit 1991, sind nach wie vor viele ältere Frauen verwitwet. Der Anteil dieser liegt bei den jüngeren Alten bei 15%, bei den 70- bis 80-Jährigen bei 35% und bei den über 80-Jährigen bei 64% (Nowossadeck & Engstler 2013, 5).

„Im Alter Ehen überwiegend durch den Tod“ (Nowossadeck & Engstler 2013, 9), Eheschließungen im höheren Alter sind eher selten, der Anteil von Folgeehen und vor allem von nachehelichen Partnerschaften nimmt allerdings zu. Im Jahr 2008 lebten „rund sieben Prozent der 55- bis 69-Jährigen und fünf Prozent der 70- bis 85-Jährigen in einer nichtehelichen Partnerschaft, davon jeweils mehr als die Hälfte ohne gemeinsamen Haushalt.“ Verglichen mit Zahlen aus dem Jahr 1996 haben sich die Anteile nichtehelicher Partnerschaften der beiden Altersgruppen verdoppelt (Nowossadeck & Engstler 2013, 9-10).

Bezüglich Homosexualität bei älteren Menschen wurden keine Statistiken gefunden. Das Laut dem Statistischen Bundesamt (2015) lebten 2013 in Deutschland insgesamt rund 78 000 Paare in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft (o.A. 2015a). Wie groß der Anteil der älteren Menschen (ab 60 Jahren) ist, ist nicht bekannt.

1.3.2 Entwicklungsaufgaben langjähriger Partnerschaften in Bezug auf Intimität

Es gibt zahlreiche Formen zwischenmenschlicher Beziehungen, beziehungsweise, wie auf welche Weise zwischenmenschliche Intimität gelebt wird.

Der Rahmen der Arbeit gibt leider nicht den Raum für die Ausführung aller, somit beschränke ich mich im Folgenden auf die für die Studie relevanten Beziehungsformen beziehen.

Da die sexuelle Situation unverheirateter Frauen nach Sydow (1992, 75) bisher kaum untersucht wurde, beschränkt sich der Teil wiederum auf die Entwicklungsaufgaben langjähriger Partnerschaften in Bezug auf deren zwischenmenschliche Intimitätsformen.

Emotionale Situation

Zur emotionalen Situation langjähriger Partnerschaften lässt sich nach Fooken (in Sydow 1992, 69) wenig generalisierbares sagen, da sich Beziehungen sehr unterschiedlich entwickeln. Einige Ergebnisse deuten allerdings darauf hin, dass sich Paare beispielsweise beim Einstieg in die Rente wieder mehr Zeit füreinander nehmen, das Interesse aneinander und somit die Ehezufriedenheit steigt. Andere Studien belegen aber auch das Gegenteil, nämlich das zunehmende Auseinanderleben (ebd.), das Zusammenleben „zweier Autisten“ (Grond 2001, 117).

Fooken (1990, 1995 in: Berberich & Brähler 2001, 19-20) entwickelte ebenfalls ausgehend von einer Studie zum Zusammenhang zwischen Sexualität, Intimität und Partnerschaft vier verschiedene Partnerschaftsverlaufsmuster:

1. „Wandel von Konflikthaftigkeit zu emotionaler Distanzierung“
2. „Erreichen von Autonomie und gegenseitiger Bezogenheit“
3. „fortgesetzter Aufgabenorientierung, die mit einer zunehmenden gegenseitigen Anteilnahme einhergeht“
4. „Aufrechterhaltung starker Bezogenheit und Verschmelzung“.

Auch bezüglich Sexualität/ sexueller Aktivität lassen sich keine verallgemeinernden Schlüsse ziehen, welche auf alle langjährigen Paare übertragen werden können. Gehäuft werden aber in der Literatur folgende Determinanten bezüglich Sexualität genannt:

„'Gerade im Alter mit den vielfachen Verlusten und angesichts der Bedrohung durch das nahende Lebensende sind die Botschaften nach Annahme, Zuwendung, Nähe und Geborgenheit in der nonverbalen Sprache der Sexualität umso lebenswichtiger und eng mit Selbstachtung, Selbstwertgefühl, Sinnfindung und Lebensfreude verbunden' (Beier et al. 2001 in: Grond 2001, 11).

„Die Koitushäufigkeit ist bei jedem Paar anders, hängt ab von der augenblicklichen Bezie hung, vom Wohlbefinden und vom familiären Umfeld“ (Grond 2011, 40-41).

Laut einer Studie von 2016 ist für den Großteil der Männer (zwei Drittel der Befragten) körperliche Befriedigung beim Sex am wichtigsten, bei Frauen überwiegt der Wunsch nach Zärtlichkeit (Gottlob 2016).

Da in der Generation der heute älteren Menschen nach wie vor häufig die Geschlechterrollen klassisch verteilt sind, liegt die Initiative zum Geschlechtsverkehr meist beim Mann (v. Sydow in: Wiegand & Kockott 1997, 19). Die Koitusfrequenz nimmt meist im Laufe der Partnerschaft ab, während die Bedeutung von Zärtlichkeit und Beziehungsqualität (vor allem für Frauen) in den Vordergrund rückt. Dies belegt eine Studie aus dem Jahr 2004 (Schmidt/Matthiesen/Meyerhof), bei der 776 großstädtische Frauen und Männer aus drei Generationen zu sexueller Aktivität in Verbindung mit Dauer der Beziehung befragt wurden. Dafür kann es verschiedene Gründe geben: abnehmende Potenz des Mannes, Interessensverlust, Krankheit (vgl. Sydow 1992, 79). Nach Grond (2011, 41) und Thiele (2011, 116) sind eine erfüllte Beziehung und Kommunikation über Wünsche und sich verändernde Bedürfnisse Voraussetzungen für sexuelle Aktivität und die Entfaltung von Persönlichkeitsmerkmalen (vgl. auch Buler & Lewis 1996, 194). Leider vermeiden Paare oft offene Gespräche darüber, manchmal aus Erleichterung über die Beendigung der gemeinsamen Sexualität, manchmal aus Resignation (Grond 2011, 41).

1.4. Besondere Situation im Pflegeheim

1.4.1 Rechtliche Rahmenbedingungen im Pflegeheim

Sexualität sollte in der Pflege thematisiert und ganzheitlich gesehen werden. Dazu gehört, dass gemäß der Menschenwürde auch Demenzkranke die eigene Sexualität leben dürfen. Das Grundgesetz besagt in Art. 2 Absatz 1 „(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsrechtliche Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“ (Grond 2011, 115) Biologische Aspekte besagen, dass sich Sexualität positiv auf die Gesundheit auswirkt, indem sie das Immunsystem stärkt und das Leben Schwerkranker verlängern kann. Grundbedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit und Wohlbefinden können durch Sexualität befriedigt werden, sodass sich eine alte Person noch als liebenswert empfinden kann. Des Weiteren dämpft Lust aggressive Impulse. Ein weiterer Sinn der Sexualität ist außerdem eine „personale Begegnung mit einem Du; gegenseitiges Verstehen ermöglicht Transzendenzen in der Hingabe, aus der Lust als Lebensenergie wächst“ (Spirituelle Aspekte) (Grond 2011, 22). Zu den sozialen Aspekte gehört, dass verleiblichte Kommunikation die soziale Identität, als alte Frau und alter Mann noch akzeptiert zu werden, stärkt (ebd.). Dazu gehört auch das Pflegemodell ABEDL (Aktivitäten, Beziehungen und existenzielle Erfahrungen des Lebens) nach Krohwinkel. Es beinhaltet sich pflegen, sich kleiden, ruhen und schlafen sowie die eigene Sexualität leben können (Grond 2011, 115).

Folgende rechtliche Vorgaben sollen Heimbewohner*innen in ihrer Würde und Privatsphäre schützen, werden jedoch nicht immer eingehalten:

Strafrechtlich gilt das Haus- und Wohnungsgesetz §123 StGB „(1) Wer in die Wohnung, in die Geschäftsräume oder in das befriedete Besitztum eines anderen oder in die abgeschlossenen Räume, welche zum öffentlichen Dienst oder zum Verkehr bestimmt sind, widerrechtlich eindringt, oder wer, wenn er ohne Befugnis darin verweilt, auf die Aufforderung des Berechtigten sich nicht entfernt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ Im Zusammenhang mit Pflegeheimen bedeutet dies, dass vor Betreten des privaten Zimmers anzuklopfen und die Aufforderung des Eintretens abzuwarten ist (ebd.).

„Das Heimgesetz (§2) schützt Würde und Selbstbestimmung des Bewohners: (1) Zweck des Gesetze ist es, 1. die Würde sowie die Interessen und Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner von Heimen vor Beeinträchtigung zu schützen. 2. die Selbstständigkeit, die Selbstbestimmung und die Selbstverantwortung der Bewohnerinnen und Bewohner zu wahren und zu fördern“ (Grond 2011, 116-117).

Die „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“ weist in Artikel 3 unter anderem ausdrücklich auf die „Respektierung von Sexualität, geschlechtlicher Orientierung und Lebensweise“ sowie der „Möglichkeit des Rückzugs“, Ungestörtheit und vertraulichen Gesprächen hin (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2014, 12-13).

1.4.2 Einschränkungen

Trotz der rechtlichen Bestimmungen finden sich in Pflegeheimen oft andere Rahmenbedingungen und Situationen.

1.4.2.1 Institutionelle Rahmenbedingungen

Die meisten Pflegeinstitutionen streben nach einer „klinischen Arbeitsatmosphäre“. Arbeitsabläufe werden durchgeplant und unabhängig von den Bedürfnissen der Bewohner*innen umgesetzt, sodass der chronische Personalmangel ausgeglichen werden kann (Wiegand & Kockott 1997, 33).

Die Heimstruktur beziehungsweise die von Grond (2011, 72) gar als Ghettoisierung bezeichneten institutionellen Rahmenbedingungen behindern die Sexualität der Bewohner*innen. Zwar lebt der Großteil mittlerweile in Einzelzimmern, jedoch weisen laut eines Berichts des BMFSFJ aus dem Jahr 2006 manche Heime gleichzeitig noch Doppel- (47%), manche sogar Drei- und Mehrbettzimmer (3%)auf (Lang et al. 2008, 12). Ein Abschließen der Räume ist oft nicht möglich (Grond 2001 in: Meudt 2006, 23). Die Mitarbeiter*innen sowie potentiell auch die anderen Bewohner*innen haben so grundsätzlich jederzeit Zugang zu den Zimmern (Koch-Straube 2003, 316). In vielen Heimen wird nach wie vor nicht angeklopft beziehungsweise die Reaktion darauf wird nicht abgewartet (Cyran & Halhuber 1992, 62). Die Bewohner*innen besitzen demnach kaum einen privaten Raum, in dem sie unbeobachtet ihren Gefühlen freien Lauf lassen können (Grond 2001, 72). Körperliche Schwäche erschwert den alleinigen Standortwechsel oder macht ihn gar unmöglich. Dies ist insbesondere wichtig, wenn sich die betroffene Person in Gemeinschaftsräumen aufhält und so ständig vom Pflegepersonal „kontrolliert“ werden kann. „Die Differenzierung zwischen privatem und öffentlichem Raum geht zunehmend verloren“ (Meudt 2006, 23).

In der Vergangenheit wurde oft über sogenannte „Liebeszimmer“ diskutiert, in welche sich Paare für intime Handlungen zurückziehen konnten. „Inzwischen haben die meisten Heime, die eine derartige 'Verlegenheitslösung' angeboten haben, diese wieder abgeschafft. Denn solche Separèes konnten letztlich die Intimität und Ungestörtheit von Paaren, die den Mut aufbrachten, sich in diese Zimmer zurückzuziehen, nicht gewährleisten“ (Kuratorium Deutsche Altershilfe 1996, 119).

Häufig sind gegenseitige Besuche gegengeschlechtlicher Paare in den Zimmern explizit oder implizit verboten. Sydow 1992, 44). In den USA haben 63,4% aller Heime nach Angaben der Heimleiter*innen (366 Befragte) bezüglich sexueller Aktivität von Bewohner*innen keine Bestimmungen. Bei den Heimen mit Bestimmungen lauten diese wie folgt: 58,6% „policies in place“, 11,2% fordern ein ärztliches Einverständnis, 9,5% „requiring a physician order to restrict sexual activity“ ( Lester, PE et al. 2015/2016).

„Professionelle Pflege findet vorwiegend in Institutionen statt. Diese weisen generell einen restriktiven Rahmen auf und ermöglichen den Pflegebedürftigen kaum Intim- und Privatsphäre. Eigentlich Privates wird so öffentlich und unterliegt der Kontrolle der Pflegenden und der Zimmergenossinnen und -genossen. Entsprechend der gesellschaftlichen Norm, hat sexuelles Handeln im privaten Raum stattzufinden. Findet es jedoch im pflegeinstitutionellen Kontext statt, muss es quasi zwangsläufig öffentlich und infolgedessen als sexuelles Fehlverhalten interpretiert werden“ (Grond 2011, 84).

1.4.2.2 (Pflege-)Personal

Obwohl das Bedürfnis nach Zuwendung und Angenommensein ein Grundbedürfnis der Bewohner*innen, wenn nicht sogar das entscheidende Motiv ist, noch leben zu wollen (vgl. Grond 2011, 11) ist, sind sexuelle Aktivitäten der Bewohner*innen aus Sicht mancher Heimleitung schlicht unerwünscht. Fortbildungen zu Sexualität im Alter werden als unerheblich betrachtet. Nach dem Standpunkt der Heimleitung haben Pflegekräfte und Bewohner*innen asexuell zu sein (Grond 2011, 81-82). Dies zeigt sich beispielsweise in der Berufskleidung: Der weiße Kittel symbolisiert Unantastbarkeit, eine sterile Berufsrolle und Funktion. Gefühle wie Scham oder Ekel werden wenig thematisiert (Grond 2001, 15).

Nach Meudt (2006, 5) findet das Thema „Sexualität“ nach wie vor wenig Bedeutung in der Ausbildung zum Altenpfleger/ zur Altenpflegerin, „dabei werden besonders die Pflegekräfte mit der Sexualität der Pflegebedürftigen konfrontiert.“ Viele Pflegekräfte möchten dies gerne für sich thematisieren, „haben aber in Ausbildung und Beruf nur wenig Gelegenheit dazu“ (o.A. 2016). Sie üben einen der intimsten Berufe aus (Grond 2001, 15). Die Meinungen über Sexualität im Alter gehen unter Pflegekräften teilweise weit auseinander. Manche sind der Meinung, sexuelle Aktivität älterer Menschen würde deren Gesundheit fördern. Andere beurteilen die Sexualität der Bewohner*innen anhand der institutionellen Wertmaßstäbe, welche vorwiegend das Defizitmodell vertreten. Demnach bauen sexuelle Bedürfnisse im Alter ab, verschwinden beim Eintritt der Pflegebedürftigkeit ganz (Grond 2011, 9 & 84). „Unwissen und Vorurteile über Sexualität behindern [aber] eine gute Beziehung zwischen Pflegenden und zu Pflegenden“ (Grond 2001), was zu Konflikten und Peinlichkeiten führen kann (Grond 2001, 15). Ebenso bleiben viele Fragen aus Angst vor Unhöflichkeit oder Grenzüberschreitung oft offen (Weigel 2009, 76).

Akzeptanz und ganzheitliche Sicht auf Sexualität im Alter durch das Pflegepersonal kann nur stattfinden, wenn auch diese ihre Sexualität offen und angstfrei leben und thematisieren können (Thiele 2001, 121). Der adäquate, unverkrampfte Umgang mit Sexualität im Alter kann nicht durch Bücher, sondern nur in offener Kommunikation mit Partner*in und Kolleg*innen erlernt werden (Grond 2001, 17). Wichtig ist, dass sich Pflegepersonen mit der eigenen Sexualität auseinandersetzen sowie Einstellungen und vorherrschende Normen (wie „Lust im Alter ist unanständig“, Meudt 2006, 16) reflektieren (vgl. Stemmer 2001 in: Meudt 2006, 10). „Wer eigene Körpersignale nicht wahrnehmen kann, Konflikte verdrängt und Probleme nicht artikuliert, wird kaum in der Lage sein, alte Menschen, auch kranke und demente, als Menschen mit individuellen Bedürfnissen und Wünschen auch beim Thema Sexualität bzw. Partnerschaft anzunehmen“ (Thiele 2001, 121).

1.4.3 Auswirkungen auf Personen und zwischenmenschliche Intimität/ Privatsphäre

Ist die reibungslose Anpassung eines Bewohnenden an die institutionellen Rahmenbedingungen nicht in Gänze gewährleistet, ist dies nicht immer ein Hinweis auf eine Verhaltensauffälligkeit (Wiegand & Kockott 1997, 30). Bewohner*Innen erleben Sexualität oft ganzheitlicher als das Pflegepersonal, welches die Sexualität der Bewohnenden schnell auf Genitalität reduziert. Die genannte Nicht-Anpassung kann vielmehr ein Zeichen für das unbefriedigte Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit und Zärtlichkeit (Heimeligkeit) sein. Dies wird vom Pflegepersonal zwar teilweise gesehen, jedoch auf funktionaler Ebene (Sachlichkeit, Hygiene, Sterilität) beantwortet (Landerer et al. in: Wiegand & Kockott 1997, 30).

Viele ältere Menschen scheuen sich davor, über Altersveränderungen und sexuelle Probleme zu sprechen. Bringt das Pflegepersonal dies nicht mit viel Feingefühl zur Sprache oder sind sexuelle Aspekte nicht Teil der Pflegeanamnese, kann die Sprachlosigkeit auch eines Paares nur schwer überwunden werden (vgl. Grond 2001, 11).

„Die institutionellen Grenzen verweisen die Sexualität in Einrichtungen der Altenpflege in den Bereich der Heimlichkeiten“ (Thiele 2001, 121). Werden einem älteren Menschen sexuelle Bedürfnisse abgesprochen, kann dies dazu führen, dass sich der/die Betroffene mit den Rahmenbedingungen arrangiert und die auferlegte Abstinenz akzeptiert oder aber er/ sie entwickelt Schuld- und Schamgefühle. Die infantile Betitelung als 'Mütterchen' oder 'Opa' verstärken den Prozess der Desexualisierung der Bewohner*innen. „Alte Menschen werden dadurch mit einem Habitus belegt, der sie von anderen abgrenzt, sie als Wesen, nicht als Menschen betrachtet“ (Thiele 2001, 121). Oft begegnen Pflegepersonen zwei Bewohnenden, die sich im Heim als Paar gefunden haben, mit Skepsis. Der Gerontopsychiater Rolf Dieter Hirsch sagt dazu in einem Interview: „Wenn sich ein Paar findet, heißt dies vor allem, dass zwei Menschen sich noch nicht aufgegeben haben. Schnell treffen wir dann auf den Begriff der Lebensqualität, über den unzählige wissenschaftliche Studien existieren. […] Lass dem Alten seine Sexualität und hilf ihm, diese in Würde leben zu dürfen“ (Müller 2014, 342).

1.5 Heilpädagogische Relevanz

Im Zuge des demographischen Wandels wächst der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung stetig. Des Weiteren prognostizieren Untersuchungen, dass der Anteil der älteren Frauen den männlichen Anteil dieser Bevölkerungsgruppe weit übersteigen wird (vgl. Bartel 1986, 18-19). Dies wird dazu führen, dass immer mehr ältere Menschen alleine leben werden und somit ein erhöhter Behandlungs- und Betreuungsbedarf zu erwarten ist (Bartel 1986, 18).

Bisher hat sich die Heilpädagogik vor allem auf den Bereich der Kinder und Jugendlichen beschränkt (vgl. Iben, 14 in: Bartel 1986, 11). Sie bedeutet dennoch gleichzeitig die „Theorie und Praxis all jener […], 'deren seelisch-geistiges Werden und deren Eingliederung durch individuelle Faktoren gestört, fehlgeleitet oder dauernd beeinträchtigt sind'“ (Enzykl. Handbuch der Sonderpädagogik, 1260 in: Bartel 1986, 15).

Ältere Menschen bilden schon immer einen Bevölkerungsteil, „der durch besondere Schwierigkeiten gekennzeichnet ist“ (Bartel 1986, 9). „Besonders deutlich wird die Problemsituation des älteren Menschen in seinem vorherrschenden Fremdbild innerhalb der modernen Industriegesellschaft, das durch z.T. stark verfestigte Stereotypen gekennzeichnet ist“ (ebd.). Der schwache Sozialstatus und die gesellschaftlichen Zuschreibungen können zu Verhaltensunsicherheiten, Selbstbildverlust bis hin zu Interaktionsverlust führen (vgl. Bartel 1986, 21).

Schwerwiegende Probleme älterer Menschen können auch aus Veränderungen innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen resultieren. Bezüglich der Sexualität spielen religiöse und traditionelle Sichtweisen (auch resultierend aus der Biografie/ Erziehung eines Menschen: Sexualität nur in Verbindung mit Fortpflanzung) und generelle gesellschaftliche Ablehnung von Sexualität älterer Menschen eine entscheidende Rolle. Des Weiteren müssen gesundheitliche und körperliche Veränderungen akzeptiert werden – im besten Fall in Kommunikation mit dem Partner/ der Partnerin. Andernfalls können komplexe Probleme daraus resultieren und sowohl das Wohlbefinden als auch die Partnerschaft beeinflussen (vgl. Bartel 1986, 36).

[...]


1 Refräkterzeit = die Zeit zwischen Ejakulation und erneuter Erektion

Ende der Leseprobe aus 77 Seiten

Details

Titel
Zwischenmenschliche Intimität im Pflegeheim. Welche Rolle spielt sie und wie kann sie gesichert werden?
Hochschule
Katholische Hochschule Freiburg, ehem. Katholische Fachhochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,6
Autor
Jahr
2016
Seiten
77
Katalognummer
V984449
ISBN (eBook)
9783346364005
ISBN (Buch)
9783346364012
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischenmenschliche, intimität, pflegeheim, welche, rolle
Arbeit zitieren
Julia Nuhn (Autor:in), 2016, Zwischenmenschliche Intimität im Pflegeheim. Welche Rolle spielt sie und wie kann sie gesichert werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/984449

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