Gender in Ovids Metamorphosen. Zum Geschlechterverhältnis von Pyramus und Thisbe

Eine Analyse


Hausarbeit, 2020

30 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kompendium
2.1 Inter- und Intratextualität
2.1.1 Die Intertextualität
2.1.2 Die Intratextualität
2.2 Antike und moderne Gattungstheorie
2.3 Psychoanalytische Herangehensweise
2.4 Narratologie
2.5 Gender Studies

3 Gender in Ovids Metamorphosen – Eine Analyse zum Geschlechterverhältnis von Pyramus und Thisbe
3.1 Zusammenfassung der Pyramus und Thisbe Erzählung
3.2 Charakteranalyse von Pyramus und Thisbe
3.3 Ort- und Landschaftsanalyse
3.4 Rhetorische Analyse
3.5 Versanalyse der Erzählung
3.6 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1 Einleitung

Das nachfolgende Kompendium bietet einen Überblick über einige der wichtigsten modernen Texttheorien zur Interpretation antiker Texte. Es soll Aufschluss darüber geben, welche Ansätze die jeweiligen Theorien verfolgen und welche nützlichen Erkenntnisse sich durch eine derartige Herangehensweise erschließen lassen können. Dazu sollen die Forschungen renommierter Philologen und Literaturwissenschaftler dargestellt werden, so wie ein kurzer Abriss ihrer Kritiken in Bezug auf verschiedene Ansätze. Mögliche Überschneidungen oder Gemeinsamkeiten sollen dabei den Einklang – oder bei sich ausschließenden Unterschieden die Unvereinbarkeit – verschiedener Ansätze miteinander aufzeigen. Ebenso soll ein kurzer Überblick über die Geschichte und die Umstände der Entstehung dieser Theorien gegeben werden, um die fundamentalen Aspekte zur Entwicklung der unterschiedlichen Herangehensweisen nachvollziehen zu können. Ferner soll die praktische Anwendbarkeit der verschiedenen Theorien kurz diskutiert oder demonstriert werden. Das Ziel ist es, ein Verständnis für die Texttheorien zu schaffen, anhand von Beispielen ihren Mehrwert zu beweisen oder zu widerlegen und verständnisleitende Fragen zu beantworten oder zu stellen. Zusätzlich dazu soll auch die Aktualität einzelner Ansätze erläutert werden und wie manch eine Theorie über den Fachbereich der Literatur hinaus ihre Existenzberechtigung erhält. Abschließend soll auch ein komprimierter Abschnitt auf nützliche oder interessante weiterführende Literatur hinweisen.

In der heutigen Zeit, in der Feminismus-, Frauen- und Genderforschung auf Grund des gesellschaftlichen und politischen Wandels immer mehr Relevanz bekommen, bietet eine auf Geschlechterrollen ausgerichtete Analyse die Möglichkeit, das Verständnis für das antike Rollenbild und dessen immanente Bedeutung für die damaligen kulturellen Gegebenheiten zu verbessern. Weiter noch lassen sich durch einen solchen Ansatz Gegensätze, Gemeinsamkeiten und Abweichungen im Vergleich zum damaligen gängigen Geschlechterbild feststellen. Das Ziel der geschlechtsdifferentiellen Analyse und Interpretation von Ovids Metamorphosen ist es, mit Hilfe einer Geschlechterverhältnis-fokussierenden Herangehensweise anhand der bekannten „Pyramus und Thisbe“ Erzählung neue Aspekte zur Darstellung von Feminität und Maskulinität herauszuarbeiten. Diese Arbeit baut auf Professor Alison Keiths Vortrag und ihrem Skript zum Thema „Gendered Performances in Latin Epic & Roman Society“, welchen sie am 7. – 9. November 2019 in München gehalten hat, auf. Fokussierend auf die Darstellungsweise des stark unterschiedlichen männlichen und weiblichen Verhaltens sowie auf die Diktion innerhalb dieser Erzählung soll diese Abhandlung erörtern, inwiefern die Charakterisierung von Frauen in dem oftmals als „Book of Rape“ titulierten Werk dennoch positiv aufgefasst werden kann. Zusätzlich zur generellen Untersuchung der Textstruktur und der qualitativen Beschreibung der Charaktere wird sich in der Komparation mit einzelnen anderen Passagen aus Ovids Metamorphosen die auffällig positive Darstellung der Frau herauskristallisieren. Darüber hinaus soll dieser Beitrag ebenfalls klären, ob und inwieweit diese für das Gesamtwerk eher untypische Charakterisierung einer weiblichen Figur unter Berücksichtigung der damaligen geschlechtsdifferentiellen Stereotypen eine Verschiebung der traditionellen Geschlechterrollen darstellt und ob die feminine Protagonistin somit überhaupt als klassisch feminin betrachtet werden kann.

2 Kompendium

2.1 Inter- und Intratextualität

2.1.1 Die Intertextualität

Der Begriff der Intertextualität bezeichnet prinzipiell die Bezüge unterschiedlicher Texte zueinander. Während andere literaturwissenschaftliche Methoden, wie z. B. die Komparatistik1 Texte als hermetische Einheit mit ihrem Autor betrachten, zeichnet sich die in den 1960er Jahren eingeführte Theorie der Intertextualität dadurch aus, dass sie die Textualität selbst sowie den Entstehungsprozess in den Vordergrund stellt. Diesen Intertextualitätsbegriff prägte die bulgarische Literaturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva. Der text-fokussierenden modernen Perspektive folgend betrachtet Kristeva jeden Text als das Ergebnis einer Verwandlung bereits existierender Literatur.2 Ihrer Logik nach gab es somit bereits jeden vermeintlich neuen Text vor seiner Schöpfung, bloß gab es ihn nicht unbedingt in dieser Form. Der französische Literaturwissenschaftler Gérard Genette differenziert innerhalb dieses Themengebietes präziser, befindet jedoch im Gegensatz zu Kristeva den Bezug verschiedener Texte aufeinander nicht als omnipräsent, sondern als besonderen Fall. Weitergehend bezeichnet er diesen besonderen Fall als Transtextualität und unterscheidet diesen in fünf unterschiedliche Typen. Die Intertextualität bezeichnet die direkte Anwesenheit eines Textes in einem anderen, wohingegen die Paratextualität die Bezüge der um den Text gruppierten einzelnen Komponenten wie z. B. Titel, Vorwort u. ä. definiert. Während die Metatextualität die Kommentierung eines Textes darstellt, so beschäftigt sich die Archetextualität mit den Gattungsbezügen. Als letzten Typus nennt Genette den Hypertext, in welchem ein Text ein anderes literarisches Werk als Vorlage für eine eigene Abwandlung nimmt.3 So ließe sich z. B. Ovids „Pyramus und Thisbe“ durchaus als Hypotext für Shakespeares „Romeo und Julia“ sehen.

Der intertextuelle Ansatz kann für das Verständnis eines Textes durchaus von Nutzen sein. So ergibt sich der Sinn manch eines literarischen Werkes erst dadurch, bereits ein anderes Werk gelesen zu haben. Problematisch jedoch wird es bei der Eingrenzung des Begriffs der Intertextualität, denn während Kristeva diesem keine Grenzen setzt und somit jedes Werk als „Mosaik von Zitaten“ versteht,4 bezieht sich für Genette die Intertextualität lediglich auf die direkte Präsenz eines Textes in einem Text.

Weiterführende Literatur:

Anabel Ternés führt in ihrem Werk „Intertextualität – Der Text als Collage“ ziemlich objektiv die verschiedenen Modi der Intertextualität auf und erklärt diese. Besonders interessant scheint da der Bezug auf das kollektive Gedächtnis der einzelnen Kulturen und die Wichtigkeit der Rückbezüge auf Vergangenes nach Jan und Aleida Assmann.

In ihrem Beitrag „Intertextualität“ führt Caroline Emmelius kurz die unterschiedlichen Ansätze des intertextuellen Verständnisses der wohl auf diesem Themengebiet einflussreichsten Philologen wie Bachtin, Kristeva und Barthes an. Sie führt weiterhin aus, inwiefern die Intertextualität methodisch in der Literaturwissenschaft angewandt wird und welche Unterscheidungen in Bezug auf den Fokus zu beachten sind. Auch wenn sie den Schwerpunkt auf mittelalterliche Texterzeugnisse legt, lässt sich dennoch der Nutzen eines solchen interpretatorischen Ansatzes in Bezug auf die gesamte Literatur klar erkennen.

2.1.2 Die Intratextualität

Die Intratextualität bezeichnet innerhalb eines literarischen Werkes das Verhältnis von Textfragmenten untereinander, deren Verhältnis zum Gesamtwerk sowie deren Beziehung zu sog. „Textlöchern“. Einen Text intratextuell zu lesen bedeutet somit, diesen aus allen möglichen Perspektiven und in jedem erdenklichen Verhältnis zu betrachten. Der Fokus wird dabei vor allem auf die Beziehungen der Textteile gelegt, durch deren Analyse die Bedeutung des Textes wächst. Prinzipiell kann man zwei unterschiedliche Aspekte der Analyse differenzieren: Ein Text kann auf formeller Ebene stets auf Zusammensetzung, Widersprüche, Abschweifungen, oder Wiederholungen hin untersucht werden. Gleichzeitig kann durch Betrachtung von Inhalt, Stil, Größe und Detailunterschiede eine narrative oder politische Bedeutung aufgezeigt werden.5 Ähnlich wie bei der Theorie der Intertextualität kann auch hier ein neuer Sinn durch die Betrachtung von Textstücken in Verbindung mit anderen gefunden werden, wobei der Unterschied darin besteht, dass man sich bei der Intratextualität lediglich verschiedener Textfragmente des selben lyrischen Werkes bedient. Auch hier kann durch Verknüpfung zweier offensichtlich getrennter Textabschnitte ein neuer Interpretationsansatz freigelegt werden, jedoch birgt die Schaffung eines solchen künstlichen Gefüges stets die Gefahr, dass diese neue Anordnung ein Verständnis entgegen der Autorintention schafft. Da der Urheber eines Werkes meist einen Sinn bei der Wahl der Reihenfolge seiner Textabschnitte verfolgt, könnte eine Neu-Fragmentierung und eine darauffolgende Defragmentierung den beabsichtigten Sinn verändern. In diesem Aspekt zeigt sich bereits eine weitere Problematik: die eigenverantwortliche und die unbeabsichtigte Fragmentierung. Wenn man ein Werk für eine intratextuelle Analyse in einzelne Abschnitte gliedert, um diese neu aufeinander beziehen zu können, so stellt sich stets die Frage, wie man die Grenzen der Abschnitte wählt, denn auch hier kann es geschehen, dass ein Philologe, der sich bei seiner neuen Zusammenstellung eines Werkes auf die Intratextualität beruft, scheinbar logisch nicht nachvollziehbare Abschnitte erschafft, deren einziger Sinn es ist, ohne Rücksicht auf bereits bestehende Zusammenhänge, seine Interpretation zu stützen. Dies ist oft ein Phänomen, welches bei Verfechtern von Ideologien beobachtet werden kann, welche bspw. verschiedene Passagen aus dem Werk eines anerkannten oder beliebten Schriftstellers aus dem Kontext reißen und dann zueinander in Bezug setzen, um somit ihre eigenen Interpretationen zu untermauern, auch wenn sie bei genauerer Betrachtung nicht der Intention des Textes oder des Autors entsprechen können. Gleichzeitig zu dieser gezielten Zerteilung eines Werkes schafft man beim Lesen selbst unweigerlich einzelne, für das Gehirn logische Abschnitte durch das Unterbrechen des Lesevorgangs, es sei denn, man würde ein ganzes Werk ohne Unterbrechung und ohne vorgegebene Kapiteleinteilung durchlesen. Würde man z. B. im ersten Buch der ovidischen Metamorphosen schmökern und käme zur Beschreibung des „eisernen Zeitalters“ und wüsste, man müsse in Kürze aus irgendeinem Grund das Lesen unterbrechen, so würde man nach ultima caelestum terras Astraea reliquit (Ov. met. 1,150) das Lesen unterbrechen, um einen passenden semantischen Abschluss zu finden. Dies zeigt das Problem der Unterbrechung und des Lesens in Abschnitten: Fragmentieren bedeutet stets auch Interpretieren. Der Verstand selbst setzt ihm logisch erscheinende Grenzen, um ein Werk zu gliedern. Ein Lesen in Teilstücken ohne Interpretieren ist somit unmöglich. Ein weiterer wichtiger Aspekt eines intratextuellen Interpretierens ist auch, dass ein Leser stets den Text eines Werkes in Erinnerung haben muss, um interpretatorische Ansätze und neue Bezüge von Textstellen aufeinander finden zu können. Beim Lesen eines Werkes in seiner niedergeschriebenen Reihenfolge ist es weniger schwierig, Textstellen aufeinander zu beziehen, da diese ihren Bezug durch die vorgegebene Abfolge erhalten. Sobald man sich jedoch von dieser Abfolge entfernt, ist es nötig den Text, memoriert zu haben, um alle möglichen Passagen für den neuentdeckten Bezug finden zu können. Die Intratextualität bietet eine schier endlose Anzahl an Möglichkeiten neuartiger Interpretationen, jedoch ist das Vorgehen von vielen unterschiedlichen Faktoren und ihr Erfolg ebenso von der Absicht des Interpretierenden wie von dessen Fähigkeiten abhängig.

Weiterführende Literatur:

Während die Intratextualität im Vergleich zur Intertextualität als moderner Ansatz noch ein relativ unerschlossenes Feld darstellt, so gibt es vor allem im Bereich der Lyrik einige interessante Abhandlungen über eine solche Herangehensweise. Auch wenn sich bspw. Jean Du Verger weniger mit klassischen Texten als mit moderner Lyrik befasst, so ist dennoch seine Arbeit an den intratextuellen Eigenschaften der Werke David Bowies und dessen Darstellung von Landschaften äußerst ergiebig und spannend. Möglicherweise ist gerade diese postmoderne Anwendung einer klassischen Texttheorie ein Beweis für den großen Nutzen und die Aktualität dieser Theorie.

2.2 Antike und moderne Gattungstheorie

Antike Literaten vertraten die Ansicht, dass eine Textgattung und die damit gewählte Thematik stets im Einklang mit dem Charakter und den Fähigkeiten des Autors sein müsse: (Hor. ars. 38-41):

Sumite materiam vestris, qui scribitis, aequam Viribus et versate diu, quid ferre recusent, Quid valeant umeri. cui lecta potenter erit res, Nec facundia deseret hunc, nec lucidus ordo.

Nehmt euch, welche ihr schreibt, einen Stoff, gleich euren Kräften und überlegt lange, was sie sich zu tragen weigern, was zu tragen die Schultern stark sind. Wer das Thema nach Kräften auserwählt hat, diesen wird weder die Redegewandtheit, noch eine strahlende Ordnung im Stich lassen.

Gleichzeitig wurde auch ein zwingender Zusammenhang zwischen der Wahl der Gattung und dem dazu adäquaten Metrum festgelegt. Horaz schrieb bspw. über die Komödie Folgendes: versibus exponi tragicis res comica non vult; (Hor. ars. 90). Ovid selbst rechtfertigte auf spielerische Weise das Schreiben seiner Liebeselegie und damit die Wahl seines Themas durch das vorliegende Metrum: (Ov. am. 1,1):

Arma gravi numero violentaque bella parabam Edere, materia conveniente modis.

Par erat inferior versus – risisse Cupido Dicitur atque unum surripuisse pedem.

Ich bereitete mich vor, Waffen in gewaltiger Zahl und gewaltsame Kriege, herauszugeben, während der Stoff mit dem Metrum übereinstimmte. Gleich war der untere Vers – Cupido habe gelacht, sagt man und er habe einen Fuß entrissen.

Durch derartige Enunziationen wurden bereits in der Antike Richtlinien für bestimmte Gattungen von den Autoren vorgegeben. Dies diente allerdings nicht als Argumentationsgrundlage zur Diskussion oder In-Frage-Stellung der Gattungszugehörigkeit eines Textes, denn während es in der poetischen Praxis selten bis nie Werke mit absolut eindeutiger Gattungszugehörigkeit gab, so wurde von den antiken Kritikern eine solche Eindeutigkeit, eine „Gattungsreinheit“, ein sog. Purus bedacht. Die Einordnung oder die Eigenschaften einer Gattung dürfen nicht als absolut gesetzte Grenzen gesehen werden, da auch Gattungen sich stetig weiterentwickeln und schon in der Antike diese Grenzen als äußerst durchlässig betrachtet wurden. Im Hinblick auf die durchlässigen oder gar fehlenden Grenzen wäre es durchaus weiterbringend zu erforschen, wie stark sich Werke der gleichen Gattung unterscheiden können und ob es somit nicht doch eine Grenze der maximalen Divergenzen geben kann.

In der heutigen Zeit erleichtert die Gattungsforschung Interpretationen, Analysen oder Kategorisierungen. Sie schafft ein Ordnungssystem durch das Beschreiben und Einteilen der immanenten Menge an Texten. Um ein lyrisches Werk rubrizieren und besser in dieses Ordnungssystem einordnen zu können, benötigt man gewisse Orientierungspunkte, anhand derer man das Opus klassifizieren kann. Charakteristische Aspekte werden betrachtet und der vorliegende Text kann dem Typus mit den meisten Übereinstimmungen zugeordnet werden. Jedoch muss nach einer solchen Analyse unterschieden werden, ob es sich bloß um einen Texttypus6 handelt oder ob tatsächlich eine literarische Gattung vorliegt. Die systematische Analyse der Art, wie in einer speziellen Gattungen geschrieben wird, kann Zusammenhänge verschiedener Gattungen aufzeigen oder aber auch auf Unterschiede diverser Texte der gleichen Gattung hinweisen. Im Zusammenhang mit dem Zeitgeschehen oder im Hinblick auf internationale Differenzen kann mit Hilfe der Untersuchung von Schreibweisen eine kulturelle oder soziale Besonderheit herausgearbeitet werden.7 Durch die Suche nach Gemeinsamkeiten, um typisierende Charakteristika herauszuarbeiten, kann man die Gattungsforschung als einen intertextuellen Ansatz verstehen. Gemeinsamkeiten nämlich, die zur Tradition und somit zur Grundlage einer Gattung wurden, sind im Grunde nichts anderes als Bezüge inhaltlicher, stilistischer oder sonstiger Art auf andere Texte.

Interessant zu beobachten ist es auch, welche Assoziationen eine jeweilige Gattung hervorruft oder welche Emotionen, Regungen oder sogar welches Resultat sie bewirken soll. So schreibt Aristoteles in seinem Buch Περὶ ποιητικῆς bspw. darüber, dass eine Tragödie stets zur Aufgabe hat, durch das Erregen von Mitleid (έλεος) und Furcht (φόβος) die Rezipienten von jenen Gemütsstimmungen zu reinigen (vgl. Aristoteles Poetik, Kapitel V). Einer Gattung wurde somit durchaus auch eine Funktion zugesprochen.

Weiterführende Literatur:

Zymners „Handbuch Gattungstheorie“ schafft einen genauen Überblick über die literaturwissenschaftliche Gattungstheorie. Er stellt in diesem Werk sowohl die Geschichte des Klassifizierungsbestrebens dar als auch anhand des Beispiels des alten Ägyptens die Problematik, uns vertraute Klassifizierungen auf präantike Werke zu übertragen. Generell beschäftigt er sich mit den Problemkonstellationen der Gattungstheorie und inwieweit sich die Gattungswahl durch den Autor als textimmanent herausstellt. Weiterhin beschäftigt er sich mit den Fragen, durch was sich Gattungen als solche definieren und inwiefern diese einen Nutzen oder einen Zweck erfüllen. Dieses Handbuch gibt dem Rezipienten gute Grundlagen zum tieferen Verständnis der Gattungsforschung und ihrem Wert für die klassische Philologie.

2.3 Psychoanalytische Herangehensweise

Siegmund Freuds Theorie der Psychoanalyse und die aus diesem Konzept entstandenen weiteren Thesen bieten eine Vielzahl von möglichen interpretatorischen Herangehensweisen. So schlussfolgerte Freud aus „König Ödipus“, einer dramatischen Verarbeitung des antiken Ödipus-Mythos, eines seiner wichtigsten Konzepte der Psychoanalyse: den ödipalen Komplex. Darüber hinaus geht er davon aus, dass sich in unseren Träumen unbewusste Triebregungen in einer verschlüsselten, indirekten und für das Bewusstsein akzeptablen Form äußern. Dies voraussetzend begründet er so auch unsere Freude an Literatur: Literatur wirkt angenehm, da man dort ähnlich wie im Traum verschlüsselte Erfüllung verbotener Wünsche erfährt.8

Eine äußerst interessante Idee ist die Nutzung von Literatur im Zusammenhang mit der Reaktion eines Rezipienten als psychoanalytischen Indikator des psychologischen Prozesses des Lesers. Das Lesen von Literatur schafft individuelle, unterschiedlich fokussierte Bilder im Kopf eines Lesers und die Äußerungen der Reaktionen auf diese geschaffenen Bilder können als Basis einer Interpretation von Nutzen sein. Ähnlich der Analyse von Assoziationen bei Bildern oder beim Rorschachtest kann auch hier ein Psychologe wichtige Erkenntnisse über den psychischen Zustand des Rezipienten gewinnen.

Jedoch geht es nicht nur darum, wie die Literatur der Psychoanalyse nützt, sondern auch, wie letztere einen Mehrwert für die Literatur bieten kann. So kann man bspw. eine literarische Gestalt zu verschiedenen Zwecken psychoanalysieren. In einer nomenklatorischen Analyse wird der Charakter oder das Verhalten einer Figur klassifiziert. Durch diese Klassifizierung können im Text ungenannte Wünsche und Motive dieser Figur erschlossen werden und so die Verhaltensweise jener erklärt werden. Eine explanatorische Analyse hingegen versucht zu erklären, warum jemand etwas sagt oder etwas tut. Solch eine Herangehensweise kann Aufschluss über schwer erklärliche Verhaltensweisen von für den Text wesentlichen Figuren geben und somit das Verständnis des gesamten Werkes erleichtern. Wichtig jedoch zu beachten ist, dass beide dieser Ansätze rein spekulativ und nicht empirisch zu beweisen sind, da feststehende Informationen über eine Figur nur im Text selbst geschrieben stehen und sie meist nicht eindeutig sind.

Alternativ zu einer psychoanalytischen Untersuchung der literarischen Figuren kann das Werk eines Dichters als Manifestation der seelischen Verfassung und der vorliegenden Komplexe des Autors untersucht werden.9 Schnell jedoch kann ein solcher Analyseansatz als Reduktion der Literatur auf die Biographie des Autors verstanden werden, was in vielen Werken eine Herabwürdigung des Textes bedeuten würde. Einen etwas anderen, aber dennoch auf den Autor bezogenen Ansatz verfolgt der amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom. Dieser geht davon aus, dass alle Autoren in einem von Rivalität geprägtem ödipalen Verhältnis zu ihren Vorgängern stehen. So würde jeder Dichter seinen Vorgänger missverstehen und bei dem Versuch einer kreativen Verbesserung des Werkes dieses unweigerlich missinterpretieren.10 Von seinem Standpunkt aus betrachtet muss es somit aber auch eine eindeutig richtige Interpretation geben, welche von jedem anderen erkannt werden kann, außer dem sog. Nachfolger des Dichters. Kritisch zu betrachten ist, dass bei einem solchen Ansatz die sozioökonomischen, politischen und kulturellen Faktoren außer Acht gelassen werden. Ebenso kann bemängelt werden, dass dieses Konzept lediglich auf Werke aus Epochen mit romantischer Vorstellung der Originalität der Poesie wirksam angewendet werden kann.

[...]


1 Die Komparatistik beschäftigt sich u. a. mit dem literarischen Einfluss der Autoren untereinander.

2 Vgl. Bein in: Lexikon Literaturwissenschaft 2011, 134-137.

3 Vgl. Genette 1982, 8–14 = dt. 1993, 10–15.

4 Vgl. Kristeva 1969, 85 = dt. in Ihwe 1972, 348.

5 Vgl. Sharrock 2000, S. 5f..

6 Ein Texttypus kann jede Art von Text auch ohne Gattungszugehörigkeit beschreiben.

7 Vgl. Zymner 2013, Seite 25.

8 Vgl. Freud 2011, Seite 56.

9 Vgl. Schmitz 2002, Seite 218.

10 Vgl. Bloom 1973, Seite 30.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Gender in Ovids Metamorphosen. Zum Geschlechterverhältnis von Pyramus und Thisbe
Untertitel
Eine Analyse
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V984657
ISBN (eBook)
9783346341112
ISBN (Buch)
9783346341129
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender in Ovids Metamorphosen, Eine Analyse zum Geschlechterverhältnis von Pyramus und Thisbe, Gender, Interpretation antiker Texte, Interpretation, Intertextualität, Intratextualität, Gattungstheorie, Ovid, Metamorphosen, Pyramus, Thisbe, Geschlechterverhältnis, Antike, Literatur, Psychoanalyse, Narratologie, Gender Studies, Landschaftsanalyse, Rhetorik
Arbeit zitieren
Timothy Adam Sowka (Autor), 2020, Gender in Ovids Metamorphosen. Zum Geschlechterverhältnis von Pyramus und Thisbe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/984657

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