Mediatisierung der Jugend und Jugendarbeit. Die digitale Gesellschaft und Ihre Auswirkungen auf die Jugend und die professionelle Jugendarbeit


Bachelorarbeit, 2020

81 Seiten, Note: 1,3

Marc-Hendrik Schöning (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Mediengesellschaft
1.1 Medien
1.2 Mediatisierung
1.3 Symbolischer Interaktionismus

2 Jugend als Lebensphase
2.1 Abgrenzung zu anderen Lebensphasen
2.2 Entwicklungsaufgaben der Jugend
2.3 Sozialisation in der Jugend

3 Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen
3.1 Internetmilieus
3.2 Rollen der Medien im Alltag
3.3 Mediale Jugendkulturen

4 Mediensozialisation
4.1 Mediatisierte Sozialisation

5 Mediatisierte Soziale Arbeit
5.1 Gegenstand der Sozialen Arbeit
5.2 Theorie der Sozialen Arbeit
5.2.1 Lebensweltorientierte Soziale Arbeit
5.3 Medienpädagogik
5.4 Handlungsorientierte Medienpädagogik
5.5 Medienkompetenz
5.5.1 Vier Dimensionen der Medienkompetenz

6. Soziale Arbeit in der mediatisierten Gesellschaft
6.1 Kinder- und Jugendhilfe
6.2 Jugendarbeit in der mediatisierten Gesellschaft
6.3 Medienpädagogische Kompetenz

7 Stimmen aus der Praxis

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang 1: Befragte Personen
Anhang 2: Anfrage zur Befragung
Anhang 3.1: Antwort a (anonymisiert)
Anhang 3.2: Antwort b (anonymisiert)
Anhang 3.3: Antwort c (anonymisiert)
Anhang 3.4: Antwort d (anonymisiert)

Einleitung

Digitalisierung als politisch wirksames Schlagwort ist in der heutigen Zeit in aller Munde. Zumeist wird sich dabei auf einen technischen Wandel bezogen, der unsere Computer leistungsstärker macht, unser Mobilfunknetz verbessert und unsere Arbeitsplätze an künstliche Intelligenzen überträgt. Ein besonders spürbarer Teil des technischen Wandels ist dabei die rasant fortschreitende Entwicklung der Geräte und deren Funktionsweisen. Während heutige Elterngenerationen noch mit Audio- und Videokassetten und zum Teil schon mit CDs und DVDs aufgewachsen sind, werden heute Musik, Filme, Nachrichten, Bücher und vieles andere auf Smartphones gestreamt, gespeichert, bearbeitet und verwaltet.

Beinahe jeder junge Mensch besitzt heute ein Smartphone und ist damit auch im Internet unterwegs (Feierabend et al. 2020, S. 7–9) und immer wieder wird den Medien ein schlechter Einfluss auf die Jugend nachgesagt. In der Gesellschaft verbreitet, scheint demnach die Meinung zu sein, dass Technik und Medien einen Einfluss auf Jugendliche ausüben. Wenn sich nun die Medienlandschaft durch die Digitalisierung im stetigen und raschen Wandel befindet, so müssen sich nicht nur Jugendliche auf diesen Wandel einstellen, sondern auch die Gesellschaft und die in ihr eingebettete Soziale Arbeit.

Wie muss die Jugendarbeit in einer digital mediatisierten Gesellschaft gestaltet werden und worauf muss sie achten? Dieser Frage wird die vorliegende Arbeit nachgehen. Zu diesem Zweck wird im ersten Teil zunächst dargestellt, dass Medien und Gesellschaft zusammen gedacht werden müssen und es soll geklärt werden welchen wechselseitigen Einfluss Medien und Gesellschaft aufeinander ausüben. Im zweiten Teil soll die Jugend als eine besondere Lebensphase beschrieben und ihre besondere Verbindung zu Medien dargestellt werden. Der dritte Abschnitt wird sich daraufhin mit den Konsequenzen für eine Jugendarbeit als Soziale Arbeit in einer mediatisierten Gesellschaft beschäftigen.

Zum Abschluss werden einige wenige Stimmen aus der Praxis zu Wort kommen und ihre Erfahrungen mit einer Jugendarbeit in einer mediatisierten Gesellschaft teilen. Diese Erfahrungen sind besonders wertvoll, dass diese Arbeit während der Corona-Pandemie entstanden ist und während der Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, die Jugendarbeit zeitweise von Schließungen der Einrichtungen und Kontaktverboten betroffen war. Einige der Einrichtungen der Jugendarbeit haben deshalb auf die digital vernetzte Infrastruktur der Medien zurückgegriffen, um trotzdem weiter mit den Jugendlichen arbeiten zu können.

Ihre Erfahrungen sollen in ein abschließendes Fazit einfließen.

1 Die Mediengesellschaft

Die moderne Gesellschaft ist mehr denn je durch Medien geprägt. Der Alltag der Menschen ist von ihnen durchdrungen. Von Smart Home Systemen im Privaten, über die Arbeit am Computer und in sozialen Netzwerken. Dazwischen ist das Smartphone, als Allzweckwerkzeug in einer digitalen Welt, immer dabei. Für alles was der Mensch tut, scheint es eine Applikation (kurz: App) auf dem Smartphone zu geben. Soziale Kontakte halten, Flirten, Einkaufen, Sport machen, Kochen, Fernsehen, Finanzen und Nachrichten - jeder Sektor unseres Lebens kann und wird mit Medien verwaltet oder ergänzt und findet immer häufiger im Internet statt. Um dieses Phänomen besser zu verstehen werden die folgenden Kapitel einen genaueren Blick auf den technisch orientierten Wandel in der Gesellschaft werfen und insbesondere auf die Rolle der Medien eingehen.

1.1 Medien

Zu Beginn soll die Frage geklärt werden, was das Medium ausmacht und wie es sich beschreiben lässt.

Von der reinen Wortherkunft, kommt "Medium" aus dem Lateinischen und bedeutet "Vermittler". Medien treten in verschiedenen Formen auf, so zum Beispiel analog oder digital, aber sie beziehen sich immer auf die Weitergabe von Informationen (Schneider und Toyka-Seid 2017). Das Medium als Sachbereich dieser Arbeit bezieht sich im Allgemeinen auf technische Individual- oder Massenmedien. Als Medium lassen sich demnach Bücher, Telefone, Zeitungen, Fernseher und Radios bezeichnen. Doch neue Medien wie das Smartphone, der Computer und das Internet lassen die Grenzen zwischen den alten und neuen Medien verschwimmen. (Hoffmann 2010, S. 56) Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein bestand ein Mediensystem, welches auf einzelnen voneinander unterscheidbaren Mediengruppen bestand. Je nach Funktion ließen sich die einzelnen Medien zuordnen. Sie wurden als Fotoapparate, Fernseher, Bücher, Zeitung, Radio, Film, und so weiter gruppiert. Die Mediengruppen konnten mittels eigener Vermittlungsarten voneinander unterschieden werden und wurden durch Vorschriften und Gesetze in der Gesellschaft verwaltet. NutzerInnen konnten sich so leicht in der Medienlandschaft orientieren. Durch die modernen Medien und die damit einhergehende digitale, computergesteuerte Infrastruktur geht die Vielfalt der Medien verloren, oder besser gesagt geht sie in den neuen Medien auf. Die Funktionen, welche einst die Mediengruppen voneinander trennten, gehen jetzt in Teilbeschreibungen weniger Medien über. Foto- und Filmkultur werden durch das Smartphone ersetzt. Zeitung und Radio werden gestreamt und digital gehört oder gelesen. Gespräche mit anderen Menschen finden auf verschiedenen Kanälen statt und Briefe werden zunehmend weniger verschickt, während sich Messenger im Internet und auf Smartphones großer Beliebtheit erfreuen. Alles zusammen vereint sich in computergesteuerten Infrastrukturen (Krotz 2017b, S. 22–23).

Vor dem Aufkommen der digitalen Medien, waren Einzelmedien nicht nur durch ihre Funktionen eindeutig voneinander abgrenzbar, sondern wurden auch in bestimmten Rahmen und Situationen genutzt und so auf eine bestimmte Weise in den Alltag eingebunden. Die Zeitung am Frühstückstisch oder in der Arbeitspause, das Radio im Auto oder unter der Dusche, Fernsehen am Abend und Fotoapparate im Urlaub. In der heutigen digitalen Infrastruktur wurden die Einzelmedien organisatorisch und technisch rekonfiguriert. Dabei verändert sich nicht nur die Beschaffenheit der Geräte, sodass alte Technik zum Teil verschwindet oder in anderen Systemen aufgeht, sondern auch die Form der Medienprodukte verändert sich. Neue Bildformate, wie Selfies lassen auf einen veränderten Umgang mit Bildern schließen. Ähnliche Prozesse begleiten auch Zeitungen, Bücher, Musik und Film. Außerdem treten in der digitalen Infrastruktur Medien nun auch unabhängig spezifischer Wahrnehmungsformen auf. Sie werden auf verschiedene Wege und durch unterschiedliche Handlungsweisen vermittelt. Ein Ausdruck dafür sind die mannigfaltigen Apps, die im Umlauf sind. Dabei tritt das Internet als universelles Hybridmedium auf (Krotz 2017b, S. 29-30). Diese Entwicklung der Medien und der Technik, wird gemeinhin als digitale Medienrevolution oder Digitalisierung bezeichnet (Pasch 2003).

Insgesamt entwickeln sich die neuen Medien zu einem Einfluss auf mehr oder weniger alle kommunikativen Verhältnisse des alltäglichen Lebens. Diese Entwicklungen werden von Krotz als Entgrenzungen der Medienkommunikation im zeitlichen, räumlichen und sozialen bezeichnet (Krotz 2017b, S. 29–30).

Zeitlich stehen insgesamt immer mehr Medien zu jedem Zeitpunkt zur Verfügung mit dauerhaften Angeboten und Inhalten. Räumlich sind Medien selten an einen Ort gebunden und stellen Verbindungen zu anderen Orten dar, die beliebig weit entfernt sein können. Sozial werden Medien in immer mehr Kontexten und Situationen gebraucht, mit mehr Absichten und Motiven. Dadurch werden Medien Vermittler sozialer Beziehungen zu jeder Zeit und an jedem Ort (Krotz 2001, S. 22). Für die pädagogische Perspektive ist die räumliche, zeitliche und die soziale Entgrenzung der Medien, so wie die kommunikative Wirkungsweise von großer Bedeutung für Lern-, Erziehungs- und Bildungsprozesse. Die modernen Medien lassen sich in primäre, sekundäre, tertiäre und quartäre Medien einteilen. Dabei bezeichnen primäre Medien jene Medien die direkt mit dem Menschen verbunden sind und ohne weitere Hilfsmittel genutzt werden können. Dazu zählen Gesten, Mimik, Kleidung und Schmuck als Mittel zum Ausdruck. Sekundäre Medien benötigen Hilfsmittel bei der Herstellung des Medienproduktes. Dazu zählen beispielsweise Fotos. Tertiäre Medien benötigen Geräte zum Herstellen und zum Konsumieren und die quartären Medien benötigen ebenfalls Geräte auf Produzenten- und Konsumentenseite allerdings zeitlich und räumlich entgrenzt. Dazu zählen in der Regel die Netzmedien (Hoffmann 2010, S. 57).

Weiterhin führt Krotz aus, dass der Einfluss von Medien auf die Kommunikation, also das kommunikative Handeln der Menschen, auch Einfluss auf den Alltag und die Gesellschaft hat (Krotz 2017b, S. 29–30). Diesen Einfluss vom Wandel der Medien auf die Gesellschaft wird im Ansatz der Mediatisierung detailliert betrachtet.

1.2 Mediatisierung

Das Besondere an dem Konzept der Mediatisierung nach Krotz ist die Ausrichtung als Metaprozess und somit als eine Art Überkonzept, welches die vielen vereinzelten Beobachtungen und Erklärungen für die Veränderung der Medien und der Gesellschaft vereint. Krotz versteht Mediatisierung "[...] als einen lang andauernden, übergreifenden, in den verschiedenen Kulturen und historischen Phasen ungleichzeitig und unterschiedlich […] entwickelnden Metaprozess eines Wandels von Medien, von deren Bedeutung sowie von den Chancen und Problemen, die sich daraus für die Menschen ergeben. Als Prozess von Prozessen begleitet Mediatisierung die Menschheit und wird sie auch weiter begleiten, und in ihrem Verlauf werden sich auch Kultur als Netz von Sinnbildungsprozessen sowie Gesellschaft, Alltag und Identität etc. verändern“ (Krotz 2012, S. 38). Krotz weist in seiner ausführlichen Definition auf zwei zentrale Merkmale der Mediatisierung hin. Zunächst auf den Meta- und Prozesscharakter der Mediatisierung. Denn "[...]Mediatisierung beginnt da, wo die Menschen Zeichen benutzen, die über situative Wahrnehmbarkeit hinausgehen, um anderen etwas mitzuteilen,[...]" (Krotz 2012, S. 35). Damit macht er klar, dass unabhängig von der aktuellen Veränderung der Medien als Digitalisierung, die Mediatisierung eine Begleitform der gesamten historischen, menschlichen Gesellschaft darstellt. So bezieht sich Mediatisierung auf Entwicklungen die teilweise seit hunderten Jahren andauern, vor der Erfindung der Schrift begonnen haben und deren Ende unser technischer Fortschritt nicht sein wird. Der aktuelle technische Fortschritt ist demnach nur ein Teil der Mediatisierung, nicht aber der Kern. Denn um den Wandel der Gesellschaft in ihren sozialen Grundzügen zu erkennen versucht das Konzept der Mediatisierung zu erklären, auf welchem Wege der technische Fortschritt Einfluss auf die Kultur, Gesellschaft und den Alltag der Menschen und schließlich auch auf deren Identität nimmt. Dafür ist die Entwicklung der Medien lediglich eine Prämisse. Im Mittelpunkt des Mediatisierungskonzeptes steht der Umgang des Menschen mit den Medien (Krotz 2007, S. 10–13). Dieser ist das zweite zentrale Merkmal der Mediatisierung. Die Mediatisierung als Metaprozess blickt auf zwei Teiltransformationen, die durch menschliche Interaktionen verbunden werden. Einerseits bezieht sich die Mediatisierung auf einen technischen Wandel der Medien und Mediendienste aber andererseits auch auf den soziokulturellen Wandel der Gesellschaft, der Kultur und des Alltags. Zwischen den beiden Teiltrans-formationen stehen die Menschen, die durch ihre Integration der Medien in ihre individuellen oder kollektiven Interaktionen den Transfer vom Technischen zum Soziokulturellen vollziehen (Krotz 2020, S. 30).

"Der Mediatisierungsansatz untersucht also, kurz gesagt, den Wandel von Alltag, Kultur und Gesellschaft im Kontext des Wandels der Medien. Dies geschieht konzeptionell in einer Prozessperspektive[...]" (Krotz 2017a, S. 14).

Krotz weist ebenfalls darauf hin, in welcher Form sich der Transfer zwischen dem Technischen und dem Soziokulturellen vollzieht. Für die Mediatisierung ist die wichtigste Ausgangssituation, die Annahme, dass der Mensch als gesellschaftliches Wesen untrennbar und existenziell von seiner komplexen Kommunikation abhängig ist. Menschliche Kommunikation gilt dabei als Grundlage für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse und soziales Handeln. Medien wiederum sind untrennbar mit Kommunikation verbunden, weil ihre Aufgabe darin besteht jene zu modifizieren, indem sie die Bedingungen von Kommunikation ändern oder neue Bedingungen erschaffen. Verändert sich die Kommunikation der Menschen, so verändert sich dann auch die davon Abhängige Gesellschaft, Kultur und der Alltag (Krotz 2007, S. 11–13). Dabei dient die Kommunikation dem Austausch von Erfahrungswerten, die gesellschaftlichen Wandel zur Folge haben können. So beschreibt Spengler Kommunikation als einen Erfahrungsaustausch, der symbolischen Charakter annimmt:

"Menschen dient [...] Kommunikation dazu, gemachte Erfahrungen zu beschreiben, zu abstrahieren und zu verbreiten. Anders ausgedrückt sind Kommunikation und die ihr zugrundeliegenden Codes eine Form von Sozialität. Die (Primär-)Erfahrung des Einzelnen wird durch symbolischen Austausch zur Sekundärerfahrung des anderen und geht in die der Allgemeinheit über" (Spengler 2018, S. 134).

Medien üben ihren Einfluss auf die Gesellschaft, Kultur und den Alltag von Menschen also dadurch aus, dass sie die Kommunikation modifizieren.

Das kommunizierte, weitergereichte Alltagswissen der Menschen formt dabei ihre Lebenswelten und diese bilden den Alltag und reproduzieren oder formen die Gesellschaft und Kultur (Helbig 2014, S. 17–18).

Der kommunikationsbedingten Voraussetzung für die Mediatisierung liegt dabei der Ansatz des symbolischen Interaktionismus zugrunde, welcher im Folgenden eingeführt wird.

1.3 Symbolischer Interaktionismus

Die wichtigsten Autoren des symbolischen Interaktionismus sind die US-amerikanischen Soziologen Georg Herbert Mead und sein Schüler Herbert Blumer, wobei Blumer die Lehren Meads nach dessen Ruhestand weiterführte und dann den Begriff des symbolischen Interaktionismus prägte. Blumers Theorie basiert auf drei einfachen Annahmen:

1- Menschen handeln mit Dingen auf Grundlage der Bedeutung, die diese Dinge für sie haben
2- aus sozialen Interaktionen entstehen die Bedeutungen von Dingen
3- die Bedeutungen von Dingen müssen interpretiert werden

Er betont, dass die erste Annahme kein Alleinstellungsmerkmal des symbolischen Interaktionismus sein kann, da die Annahme, dass Menschen den Dingen Bedeutungen zumessen und demnach mit ihnen interagieren, keine neue Erkenntnis darstellt. Erst in Verbindung mit der zweiten Annahme sieht Blumer eine Besonderheit an der Theorie. Im Gegensatz zu den beiden, damals klassischen Ansätzen, die erklären, wie die Bedeutung eines Dinges zustande kommt, tritt der symbolische Interaktionismus als eine neue Erscheinung auf. Der aus philosophischer Sicht des Realismus argumentierter Ansatz, spricht den Dingen quasi angeborene Bedeutungen zu, die den Dingen zugehörig sind und keinem Prozess unterliegen. Der zweite Ansatz, den Blumer als “psychische Akkretion“ identifiziert und ebenfalls widerspricht, beschreibt die Bedeutung von Dingen als den Ausdruck der innerlichen psychologistischen Organisation einer Person. Die psychologische Verfassung einer Person ist somit für die Bildung von Bedeutungen für Dinge maßgeblich verantwortlich. Blumer geht mit diesen beiden klassischen Auffassungen durch die zweite Annahme des symbolischen Interaktionismus in den Widerspruch und vertritt die Ansicht, dass durch die Interaktion von Personen bezogen zu einem Ding, Bedeutungen erschaffen werden. Mit der dritten Annahme macht Blumer deutlich, dass die Interpretation der Bedeutung von Dingen durch das Individuum eine wichtige Rolle für die Bedeutungsbildung und die Verwendung von Bedeutungen spielt. Die Interpretation von Bedeutungen besteht aus zwei Teilschritten. Im ersten Schritt bezieht sich eine Person auf die Dinge, mit denen sie sich auseinandersetzt und erkennt die Dinge, die eine Bedeutung für sie haben. Dabei tritt die Person in ein inneres Gespräch mit sich selbst, welches eine Art Rollenspiel annimmt, um in verschiedene Rollen zu schlüpfen und die Bedeutungen der Dinge zu erkennen. Als Grundlage für die Rollen, stehen der Person ihre Erfahrung mit anderen Menschen zur Verfügung. Im zweiten Schritt wählt die Person dann auf Grundlage der Situation, in der sie sich befindet und des Ziels der Handlung die Bedeutungen aus, welche von Vorteil für die folgende Handlung sein werden (Blumer 2009, S. 2–6).

So interpretiert eine Person die Bedeutung eines Baumes beispielsweise als Holzquelle, als Sauerstoffspender, als ästhetisches Objekt, als Lebewesen, vielleicht als Gefahr für sich selbst oder Lebensraum für Tiere. Viele Interpre-tationen sind möglich und je nachdem welche Bedeutungen die Person bereits kennt und in welcher Situation die Person sich zum Interpretationszeitpunkt befindet, spielen einige Bedeutungen eine größere Rolle als andere.

Dem symbolischen Interaktionismus ist die Wirklichkeit von Menschen stets eine durch Zeichen vermittelte - also symbolische Wirklichkeit. Als gesellschaftliche Lebewesen, leben sie in einer Welt, die durch Symbole gedeutet wird und durch symbolisch vermittelte Kommunikation vererbt und konstruiert wird. Da diese besagte Welt auf kommunikativ vermittelten Symbolen beruht, kann sie auch nur durch eben diese Kommunikation verstanden werden. Das Nutzen von Sprache als zentrales Kommunikationsmittel ist also ein Produktionsprozess von Gesellschaft, Alltag und Identität und wird somit zur Existenzgrundlage des menschlichen Zusammenlebens. Doch auch das soziale Handeln von Menschen zueinander wird in diesem Zusammenhang als Kommunikation begriffen und bezieht sich auf Bedeutungen im Sinne des symbolischen Interaktionismus (Krotz 2007, S. 55–56).

Wie bereits erwähnt, ist die Kommunikation auch für die Mediatisierung einer der wichtigsten Ausgangspunkte, da die Aufgabe der Medien darin besteht die Kommunikation von Menschen zu modifizieren (Krotz 2007, S. 11–13). Wenn nun, die Kommunikation von Menschen die Bedeutungen von Gesellschaft, Alltag und Identität formt, so lässt sich ein Einfluss der Medien als Kommunika-tionsmodifikator ableiten. Im Zuge der Betrachtung von Mediatisierung steht nun also fest, dass Menschen Medien nutzen, um sich mit Bedeutungen und Erfah-rungen auseinanderzusetzen. So stellt sich mediales Handeln als soziales Handeln dar und soziales Handeln wiederum erschafft mediales Handeln (Helbig 2014, S. 22).

Auch Vollbrecht betont, dass die Wirklichkeit immer eine gedeutete Wirklichkeit darstellt. Menschen nutzen die Erfahrungen aus ihrem Alltag zur Deutung von ihrer Umwelt. Durch Medien werden dabei keine realitätsfernen, alternativen Wirklichkeiten geschaffen. Die Wirklichkeitsebene der Medien, ist ebenso wie alle anderen Deutungsmuster von Wirklichkeiten, als ein symbolisch vermitteltes Deutungssystem zu verstehen. Sie sind dafür ein Schatzhort an Deutungsmustern für die NutzerInnen, die in diesem Fall jedoch das Wirkungssystem von Deutungen Umkehren. Das medial Übermittelte wird im Vorhinein mit einer Bedeutung versehen, und macht somit Bedeutungsangebote, die entweder zu den Deutungs-mustern der NutzerInnen passen oder nicht. Die Erfahrung aus dem Alltag wird nun nicht mehr zum Deuten, sondern zum Abgleichen von Bedeutungen genutzt (Vollbrecht 2008, S. 150–152).

Indem Medien Deutungsangebote machen, die zu den Erfahrungen der NutzerInnen passen, stellen ihre Inhalte eine Fortsetzung ihrer Alltagswelt dar. Medien modifizieren demnach nicht nur die Kommunikation der Menschen, sondern knüpfen auch an ihrer alltäglichen Lebenswelt an. Für die Theorie der Mediatisierung ist die Betrachtung von alltäglichen Lebenswelten zuträglich, da sich Deutungsmuster aus der alltäglichen Erfahrung ableiten und diese Erfahrungen in den jeweiligen Lebenswelten gemacht werden (Helbig 2014, S. 16–17).

"Sieht man die Lebenswelt und die in ihr thematisierten Bedürfnisse und Optionen als Zusammenhang, in dem Menschen sich für mögliche Medien und deren soziale wie individuelle Nutzung entscheiden, dann sind es nicht die Medien, die Lebenswelten beeinflussen oder gestalten, sondern dann sind es die Lebenszusammenhänge, die Mediengebrauchsmuster [...] kreieren und generieren" (Bauer 2014, S. 149).

Die Frage nach der Wirkung von Medien ist demnach also immer auch in erster Linie eine Frage nach den Lebenswelten der NutzerInnen. Medien bedienen die Themen der alltäglichen Lebenswelten und so müssen die Medien durch die Lebenswelten der Nutzerinnen untersucht werden (Vollbrecht 2008, S. 151).

2 Jugend als Lebensphase

Die meisten Menschen haben viele Erinnerungen an ihre Jugend und verbinden oft eindrückliche Erlebnisse mit diesem Abschnitt ihres Lebens. Dabei werden Jugendlichen, mal romantisch, mal ablehnend verschiedene Zuschreibungen gemacht. Die besondere Art des Kleidens, der außergewöhnliche Geschmack für Unterhaltungsmedien, die starke Gruppenbildung und vieles mehr wäre da aus Klischeeschubladen zu ziehen. Von negativen Assoziationen wie Liebeskummer, Akne und generelle Unausgeglichenheit über Unbekümmertheit und Unterneh-mungslust, bis hin zu lauter Musik, Reiselust und Modewahn reichen die Zuschreibungen, welche die Gesellschaft mit der Jugend verbindet (Doehlemann 2013, S. 107–108). Um herauszufinden, was die Jugend als Lebensphase ausmacht, wird im Folgenden die Jugend aus einigen verschiedenen Perspektiven betrachtet und versucht eine Verortung zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter vorzunehmen.

2.1 Abgrenzung zu anderen Lebensphasen

Der Jugend zuvor, kommt die Kindheit und nach der Jugend findet sich ein Mensch als Erwachsener wieder. Wie anfänglich erwähnt, fällt es nicht leicht, die Lebensphase der Jugend trennscharf von den anderen Lebensphasen zu unterscheiden.

Das Lebensalter eines Menschen ist eine Möglichkeit, die Jugend, die Kindheit und das Erwachsensein voneinander zu unterscheiden. Verschiedene Studien, die sich mit Jugendlichen beschäftigen, wenden dabei ganz unterschiedliche Maßstäbe an.

Die JIM-Studie von 2019 befragte beispielsweise für ihre Untersuchungen telefonisch Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren (Feierabend et al. 2020, S. 3). Die DVIVSI Studie zur Internetnutzung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen befragte für ihre Datenerhebungen 14- bis 24-jährige junge Menschen (Otternberg und Schmölz 2018, S. 15). Die Studie Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung, befragte auch Jugendliche im Alter von 12- bis 19-Jahren (Rat für Kulturelle Bildung e. V. 2019, S. 12), während die 18. Shell Jugendstudie sich auf die Stichprobe von über 2000 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren stützt (Albert et al. 2019, 225 ff). Keine der Studien begründete in ihrem Methodik Anteil, weshalb die Alterswahl im individuellen Fall getroffen wurde. Verschiedene Mutmaßungen könnten angestellt werden, doch ersichtlich ist, dass es hier kein einheitliches Verständnis vom Jugendalter zu geben scheint. Von 12 bis 25 Jahren reichen die Grenzziehungen der genannten Studien.

Eine im Vergleich dazu klare Vorstellung vom Jugendalter vermittelt das Kinder- und Jugendhilfegesetz. So formuliert der §7 Abs.1 Nr.2-3 des Kinder- und Jugendhilfe-gesetzes SGB VIII, als „Jugendlicher, wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist“ und als „junger Volljähriger, wer 18, aber noch nicht 27 Jahre alt ist“. Diese klare Formu-lierung findet so auch in offizieller Weise Anwendung in der Öffentlichkeit. Demnach werden Jugendangebote in der offenen Kinder- und Jugendarbeit angelehnt an den Lebensjahren des SGB VIII eingegrenzt. So lassen sich in vielen offenen Ange-boten der Kinder- und Jugendarbeit ähnliche Regelungen wie im Haus der Jugend in Waldkirch finden. Dort wird beispielsweise der Jugendtreff für Jugendliche von 15 bis 17 Jahren geöffnet (Stadt Waldkirch 2019). Diese gesetzlichen Vorgaben sind für die Fachkräfte der Sozialen Arbeit handlungsweisend und somit auch für die Betrachtung in dieser Arbeit von Bedeutung.

Die Abgrenzung der Lebensphase Jugend zur Kindheit, oder gar des Erwachsenenalters ist dagegen nach dem Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann und der Kulturwissenschaftlerin und Soziologin Gudrun Quenzel nicht rein am Alter eines Menschen zu messen. Die Autoren können sich nicht für die Abgrenzung der Jugend nach Alter aussprechen. Historisch betrachtet ließe sich die Jugend zwar auf eine vage Altersspanne orientieren, jedoch nicht festlegen. Vor allem deshalb nicht, weil sich die Faktoren, die diese Altersspanne bedingen, wie etwa Bildungszeiten und Berufseintrittsalter über Generationen hinweg verschoben oder ihre Dauer geändert haben und dies wohl auch weiterhin tun werden. So hat die Einführung der Schulpflicht als Qualifikationsrahmen nach der Kindheit und vor dem Arbeitsleben eines Erwachsenen die Lebensphase der Jugend eingeläutet, jedoch ist die ökonomische Entwicklung der Gesellschaft der Maßstab an dem sich das Bildungssystem orientiert und somit auch die Lebensphase der Jugend verschiebt, eingrenzt oder ausdehnt. Als Beispiel führen die Autoren die Verkürzung des Schulbesuches für Gymnasiasten oder die Straffung der Studienzeit durch die Einführung des Bachelors an und weise damit auf einen früheren Eintritt in das Berufsleben und somit in das Erwachsenenalter hin (Hurrelmann und Quenzel 2013, S. 23–25). Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Kindheit früher zu enden scheint, während im gesamthistorischen Vergleich die Berufsqualifizierung und der Eintritt in das Berufsleben komplizierter wird und länger dauert (Münchmeier 2001, S. 825). Diese Betrachtungsweisen lassen die Vermutung der Verschiebung vom Jugendalter zu und verdeutlichen, dass eine rein an Gesellschaftlichen Faktoren bemessene Jugend keine dauerhafte Kategorisierung darstellt.

Neben den gesellschaftlichen Faktoren treten mit der Jugend vor allem auch körperliche Veränderungen ein. Ein weiteres deutliches Merkmal der Jugend als Lebensphase, sieht das Autorenteam Hurrelmann und Quenzel demnach im Eintreten der Geschlechtsreife, oder der Pubertät. Diese verändert die Lebensgestaltung der ehemaligen Kinder maßgeblich und stellt damit einen Bruch in der Persönlichkeits-entwicklung dar, der einen neuen Lebensabschnitt einläutet. Jedoch zeigt sich der Beginn des Geschlechtsreifungsprozesses in der Vergangenheit als inkonsistent, da sich das Eintrittsalter in die Geschlechtsreife, in den letzten Generationen zu verjüngen scheint. Somit stellt sich das Alter eines Menschen nicht als unverwechselbares Merkmal der Jugend heraus (Hurrelmann und Quenzel 2013, S. 27).

Mit dem Eintreten in die Lebensphase Jugend entstehen neue Anforderungen, denen der junge Mensch begegnen muss. Die Umsetzung der Anforderungen in individuelle Verhaltensmuster wird durch den Begriff der Entwicklungsaufgaben beschrieben und stellt für Hurrelmann und Quenzel die deutlichste Distinktion der Jugend von anderen Lebensphasen dar. Der Übergang aus der Kindheit zum Jugendalter wird durch das Aufkommen neuartiger, jugendrelevanter Entwicklungsaufgaben deutlich und der Eintritt zum Erwachsenenalter ist vollzogen, wenn die Entwicklungsaufgaben der Jugend bewältigt wurden (ebd. S. 30).

2.2 Entwicklungsaufgaben der Jugend

“Entwicklungsaufgaben sind (teilweise kulturabhängige) Herausforderungen oder Probleme, die sich typischerweise jedem Menschen im Entwicklungsverlauf stellen. Sie ergeben sich aufgrund der körperlichen Entwicklung, des kulturellen Drucks und aufgrund dadurch ausgelöster Wünsche und Erwartungen“ (Lohaus und Vierhaus 2019, S. 287).

Vordenker dieser Theorie um die Entwicklungsaufgaben ist der amerikanische Entwicklungswissenschaftler Robert J. Havinghurst. Seiner Definition nach, stellen Entwicklungsaufgaben Herausforderungen dar, welche einerseits in bestimmten Lebensphasen auftauchen und des Weiteren die Grundlage für die erfolgreiche Bewältigung späterer Entwicklungsaufgaben darstellen. Außerdem beschreibt Havinghurst, dass Entwicklungsaufgaben aus dreierlei Quellen entspringen. Der physischen Alterung, dem kulturellen Druck und dem Streben nach persönlichen Wertevorstellungen (Havighurst 1956, S. 215).

Havinghurst erarbeitet zehn Entwicklungsaufgaben, die für die Lebensphase der Jugend von Bedeutung sind und bewältigt werden müssen:

- Aufbau neuer und reifer Beziehungen zu Gleichaltrigen des eigenen und anderen Geschlechts
- Übernahme der männlichen bzw. weiblichen Geschlechterrolle
- das Akzeptieren des eigenen Körpers und dessen effektive Nutzung
- Loslösung und emotionale Unabhängigkeit von den Eltern
- Ökonomische Unabhängigkeit von den Eltern
- Berufswahl und -ausbildung
- Vorbereitung auf Partnerschaft und Familie
- Erwerb intellektueller Fähigkeiten, um eigene Rechte und Pflichten ausüben zu können
- Entwicklung sozialverantwortlichen Verhaltens
- Aneignung von Werten und eines ethischen Systems, das einen Leitfaden für das eigene Verhalten darstellt (Lohaus und Vierhaus 2019, S. 287)

Doehlemann versucht sich an einer vereinfachten Aufteilung der Entwicklungs-aufgaben. Er nennt sie Lebensaufgaben und teilt sie in drei Fragekomplexe ein, die Jugendliche für sich beantworten müssen.

1. Wer bin ich?
2. Welche Beziehungen habe ich zu anderen Menschen?
3. Was kann und will ich später tun? (Doehlemann 2013, 120–121)

Hurrelmann und Quenzel finden eine weiterführende Kategorisierung für die Vielzahl von Entwicklungsaufgaben, die der Lebensphase Jugend eigen sind. Zunächst beschreiben sie, dass sich Entwicklungsaufgaben generell in vier zentrale Heraus-forderungen einteilen lassen.

1. Qualifizieren: Kompetenzerwerb für Leistungs- und Sozialanforderungen
2. Binden: Kompetenzerwerb für Beziehungen und Körper-/Geschlechts-identität
3. Konsumieren: Kompetenzerwerb für soziale Kontakte und dem Umgang mit Freizeit-, Wirtschafts- und Medienangeboten
4. Partizipieren: Kompetenzerwerb in politischen und ethischen Angele-genheiten

In der Lebensphase der Jugend werden diese vier zentralen Entwicklungsaufgaben in zwei Dimensionen aufgeteilt. Die eine beschreibt die Herausforderungen, die sich aus den körperlichen und geistigen Entwicklungen eines jungen Menschen ergeben. Sie stellt den Prozess der Individualisierung dar. Das bedeutet die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit durch das Auseinandersetzen mit dem eigenen Körper, der eigenen Psyche aber auch dem sozialen und physischen Umfeld. Hurrelman und Quenzel nennen diese Dimension die psychobiologische Dimension. Die psychobiologischen Entwicklungsaufgaben lassen sich wie folgt ausformulieren:

1. Qualifizieren: kognitive und intellektuelle Fähigkeiten sollen genutzt werden, um Wissen zu erwerben und soziale Umgangsformen sollen ein sozialverträgliches und eigenverantwortliches Handeln ermöglichen.
2. Binden: körperliche und emotionale Veränderungen sollen zu einem Zugehörigkeitsgefühl zu einem Geschlecht und zum Eingehen von sexuellen Beziehungen, sowie der Ablösung von den Strukturen der Eltern führen
3. Konsumieren: Entwicklung eines Lebensstiles, der an den eigenen Bedürfnissen orientiert ist und Risiken sowie Chancen abwägt. Freundschaften, Drogen, Genussmittel und Mediennutzung stellen zentrale Themen dar.
4. Partizipieren: bilden eines inneren Kompasses, der ein Werte- und Normensystem mit eigenen Handlungen zusammenbringt.

Der psychobiologischen Dimension entgegen steht die soziokulturelle Dimension. Auch sie bezieht sich auf die vier zentralen Entwicklungsaufgaben, jedoch entwachsen die Ansprüche der Herausforderungen in dieser Dimension aus den Erwartungen, welche die Gesellschaft an den jungen Menschen stellt. Sie fordern in der Regel am Ende das Einnehmen bestimmter Rollen, als Mitglied der Gesellschaft. Also die Eingliederung in die Gesellschaft. Die soziokulturellen Entwicklungsaufgaben werden wie folgt beschrieben:

1. Qualifizieren: Rolle des berufstätigen Gesellschaftsmitgliedes, berufsrelevante Fachkenntnisse erwerben, intrinsische Motivation zur Leistungserbringung
2. Binden: Rolle des familiengründenden Gesellschaftsmitgliedes, feste Paarbeziehung eingehen und biologische Reproduktion als Gesellschaftserhalt
3. Konsumieren: Rolle des konsumierenden Gesellschaftsmitgliedes, Konsum- und Freizeitangebote zur Erholung für die Leistungserbringung nutzen
4. Partizipieren: Rolle des/der BürgerIn, Beteiligung in Angelegenheiten der Gemeinschaft und Artikulation eigener Bedürfnisse und Interessen in der Öffentlichkeit

Die Beiden Dimensionen der Entwicklungsaufgaben in der Jugend stellen mit der psychobiologischen Dimension einerseits den Prozess der Individuation, und mit der soziokulturellen Dimension anderseits den Prozess der sozialen Integration dar. Zusammen bilden diese beiden Prozesse die übergeordnete Zielgröße der Entwicklung in der Jugend (Hurrelmann und Quenzel 2013, 28-38). Dieses übergeordnete Ziel der Jugend lässt sich als das Bilden einer Persönlichkeit beschreiben. Die Persönlichkeitsbildung tritt ein, wenn der junge Mensch es schafft die beiden Formen seiner Identität, die persönliche Form mit den psychobiologischen Entwicklungsaufgaben und die soziale Form mit den soziokulturellen Entwicklungsaufgaben zu vereinen. Beide Formen der Identität bilden einen Aspekt der Realitätsverarbeitung und müssen demnach gleichermaßen erfüllt werden. Wird eine Identitätsform nicht oder ungenügend ausgebildet, birgt das Potenzial für Störungen der weiteren Persönlichkeitsbildung (Hurrelmann und Quenzel 2013, ebd. 80-81).

2.3 Sozialisation in der Jugend

Somit stellen die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben und die damit einhergehende Bildung der persönlichen Identität und gesellschaftlichen Rolle zusammen die Ziele der Sozialisation von Jugendlichen dar. Hurrelmann selbst bezeichnet Sozialisation als einen Prozess, in dem durch die Auseinandersetzung mit den eigenen natürlichen Anlagen und körperlichen Merkmalen als die innere Realität, sowie der sozialen und physikalischen Umwelt als äußere Realität, eine sozial handlungsfähige Person gebildet wird (Hurrelmann 2002, S. 15–16). Da sich die Entwicklungsaufgaben zum großen Teil aus Normen und Erwartungen von außen speisen, ist deren Ausdifferenzierung stark von der jeweiligen Lebenswelt der Heranwachsenden abhängig (Döring 2014, S. 54). Für die weitere Betrachtung der Entwicklung Jugendlicher wird es also nötig sein, die Lebenswelten jener im Blick zu behalten.

Allerdings, schließt die Sozialisation als Prozess die Vorstellung aus, dass sie als abgeschlossen gelten kann, sobald eine gewisse Anzahl gewünschter Verhaltens-weisen angeeignet wurden. So ist die Sozialisation durch ein lebenslanges Aneignen und Auseinandersetzen gekennzeichnet. Gerade in der Lebensphase der Jugend kann von einer aktiven oder auch produktiven Auseinandersetzung gesprochen werden. Bei dieser produktiven Sozialisation wird die aktive Auseinandersetzung der Heranwachsenden mit der inneren und äußeren Realität beschrieben und verlangt flexible, kreative Anpassungen. Jugendlichen wird so eine aktive Rolle in ihrem individuellen Reorganisationsprozess zugesprochen (Hurrelmann und Quenzel 2013, S. 89).

Dem Prozess der Sozialisation kann in verschiedenen Kontexten begegnet werden und unterschiedliche Entwicklungsaufgaben werden in unterschiedlichen Kontexten besser oder gar überhaupt bearbeitet. Diese Kontexte werden Sozialisationsinstanzen genannt. "Dazu gehören Familien, Gleichaltrigen-gruppen, Schulen, Jugendzentren, Freizeitanbieter, Einrichtungen der Berufsbildung, Hochschulen und Medien. Sie alle wirken als ,,Sozialisationsinstanzen", weil sie dazu beitragen, den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung der ihnen angehörenden oder anvertrauten jungen Leute zu unterstützen" (Hurrelmann und Quenzel 2013, S. 25). Als allgegenwärtige Begleiter im Alltag der Jugendlichen stellen Medien zentrale Orientierungspunkte für die Identitätsbildung der jungen Erwachsenen dar. Die folgenden Kapitel werden sich mit dem Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen auseinandersetzen und der Frage nachgehen, inwiefern Medien die Sozialisation beeinflussen, oder gar zu einer Sozialisationsinstanz werden (ebd. S. 199).

3 Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen

Die Studie "Jugend, Information, Medien" (JIM) wird vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (MPFS) jährlich seit 1998 durchgeführt, um das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen zu untersuchen. Aufgrund der langen Laufzeit der Studie konnten in der Vergangenheit viele Medientrends der Jugend dokumentiert werden. Für die aktuelle Studie von 2019 wurden 1200 junge Menschen in Deutschland im Alter von Zwölf bis 19 befragt. Als fortlaufende Studie orientiert sich die JIM-Studie so weit wie möglich, neben der Erhebung von Basisdaten auch an aktuellen Entwicklungen in der Medienlandschaft und dem Nutzungsverhalten von jungen Menschen. Der Studie von 2019 wurden deshalb die Schwerpunkte Social Media und Hass im Netz gegeben (Feierabend et al. 2020, S. 2–3).

Nach den Befragungen der JIM-Studie, sind so gut wie alle Haushalte durch Smartphones mit 99%, Computern mit 98%, WLAN mit 98% und Fernsehern 96% ausgestattet. Auch neuere Technologien wie digitale Sprachassistenten, so z.B. Amazons Alexa oder Google Home sind mit 16% nicht mehr selten (Feierabend et al. 2020, S. 5). Bei der persönlichen Ausstattung der Jugendlichen treten ebenfalls hohe Zahlen auf. Mit 93% besitzt beinahe jeder junge Mensch von Zwölf bis 19 Jahren ein Smartphone. Zwei Drittel aller Jugendlichen besitzen einen Computer oder Laptop und ein Viertel nennt ein Tablet sein Eigen. Jedoch ist beim Gerätebesitz und beim uneingeschränkten Zugang zum Internet ein deutliches Altersgefälle zu beobachten. Generell lässt sich für Smartphones, Laptops, Computer und WLAN sagen, dass mit dem Alter auch die Anzahl der jungen Menschen steigt, die besagte Medien besitzen (Feierabend et al. 2020, S. 7–9). Wenn es um die Nutzung der Medien geht, stellt die JIM-Studie fest, dass 92% der jungen Menschen ihr Smartphone täglich nutzt und 96% mindestens mehrmals pro Woche. Damit wird das Smartphone nicht nur zum Medium, welches am meisten im Besitz der Zwölf- bis 19-Jährigen ist, sondern auch am meisten genutzt wird. Mit einem gesonderten Blick lässt sich erkennen, wofür Jugendliche ihre Medien nutzen. Täglich sind 89% der jungen Menschen über verschiedene Endgeräte im Internet unterwegs. 77% hören täglich Musik und 56% schauen Online-Videos (Feierabend et al. 2020, 11-13). Als häufigster Zugang zum Internet wird von den jungen Menschen dabei das Smartphone genutzt. Weit abgeschlagen folgt dann erst der Computer oder Laptop. Schätzen die Jugendlichen ihre Internetnutzungszeit selbst ein, so beträgt der Durchschnitt 205 Minuten am Tag. Dabei spielen Kommunikation mit 33% und Unterhaltung mit 30% die größten Rollen, gefolgt von Spielen mit 26% und Informationssuche mit 10%, wobei Mädchen vorwiegend Kommunizieren und Jungen eher im Internet spielen. Die vorzugsweise genutzten Online-Angebote spiegeln diese Zahlen ebenfalls wider. WhatsApp wird am liebsten genutzt, gefolgt von YouTube und Instagram. Unterhaltung und Kommunikation, am liebsten zusammen, könnte die Schablone für die Angebote sein, welche junge Menschen nutzen. Außerdem finden sich Netflix, Snapchat und Spotify im oberen Segment der Liste wieder. Neben den Apps für Unterhaltung und Kommunikation nutzen Jugendliche aber auch alltagsbezogene Online-Angebote. So nutzen 46% Navigationsapps, 43% Apps für den öffentlichen Nahverkehr sowie 42% Nachrichtenapps, um auf dem Laufenden zu bleiben. Des weiteren werden Apps von der Schule und digitale Zahlungsmittel aufgelistet (Feierabend et al. 2020, 20-29). Kommunikation im Internet kann als negative Begleiterscheinungen Mobbing und Hassbotschaften mit sich bringen. 21% der jungen Menschen geben an, Opfer von verbreiteten Fehlinformationen zur eigenen Person oder beleidigenden Inhalten geworden zu sein. Davon sind 18% Mädchen und 24% Jungen und bei zunehmendem Alter steigen die Fallzahlen. Ein Drittel aller Jugendlichen hat im eigenen Bekanntenkreis jemanden, den sie als Opfer von Mobbing und Hass im Internet identifizieren und zwei Drittel aller Jugendlichen begegnen innerhalb von vier Wochen generell hasserfüllten Inhalten im Internet (Feierabend et al. 2020, S. 49–51).

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Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Mediatisierung der Jugend und Jugendarbeit. Die digitale Gesellschaft und Ihre Auswirkungen auf die Jugend und die professionelle Jugendarbeit
Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
81
Katalognummer
V984798
ISBN (eBook)
9783346357489
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mediatisierung, Digitalisierung, Jugend, Gesellschaftswandel, Jugendarbeit, Sozialarbeit, Soziale Arbeit, Medien, Interaktionismus, Lebensphase, Entwicklungdaufgaben, Sozialisation, Internet, Millieus, Lebenswelt, Lebensweltorientierung, Medienpädagogik, Medienkompetenz, Kinder- und Jugendhilfe, Befragung, Hurrelmann, Quenzel, Baacke, Bock, JIM-Studie, Teilhabe, Havinghurst, Helbig, Krotz, Lohaus, Paus-Hasebrink, YouTube, Thiersch
Arbeit zitieren
Marc-Hendrik Schöning (Autor), 2020, Mediatisierung der Jugend und Jugendarbeit. Die digitale Gesellschaft und Ihre Auswirkungen auf die Jugend und die professionelle Jugendarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/984798

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