Fußball in Marburg vor dem Hintergrund der nationalen Fußballbewegung. Entwicklung von seinen Anfängen bis 1948


Examensarbeit, 2016

102 Seiten, Note: 1,0

Benjamin Schacht (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Methodisches Vorgehen und Forschungsfragen
1.3 Quellensituation

2 Die Integration des englischen Sportspiels Fußball in das System der Leibeserziehung in Preußen von 1870 bis 1900
2.1 Die Situation der Leibeserziehung in Preußen von 1870 bis 1900 unter dem Wirken der Spielbewegung. Zu den Ausgangsbedingungen der Fußballentwicklung
2.2 Die Entstehung der Fußballstrukturen in Marburg beginnend in den 1880er-Jahren bis 1900
2.2.1 Die Fußball-Schülervereinigung des Königlichen Gymnasiums als Träger der Marburger Fußballentwicklung
2.2.2 Die Intensivierung der Marburger Fußballentwicklung durch das Wirken Walther Bensemanns und der Akademischen Turn-Verbindung Marburg von 1895-1897
2.3 Die Ausdifferenzierung der deutschen Leibeserziehungskultur um 1900 dargestellt anhand der Auseinandersetzung der Turner und Sportler

3 Die eigenständige Institutionalisierung der Fußballbewegung und ihre Einflüsse auf die Leibeserziehung von 1900 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs
3.1 Zur Bedeutungszunahme der Vereine für die Leibeserziehung der Jugendlichen und der Separierung des Schul- und Vereinssportwesens Anfang des 20. Jahrhunderts
3.2 Die Entwicklung des Marburger Fußballs in den Jahren 1900 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs
3.2.1 Die infrastrukturellen Probleme der Marburger Fußballvereine in der Zeit von 1905-1910
3.2.2 Der Marburger FC öffnet sich für weitere Sportarten und gründet eine eigene Schülerabteilung
3.2.3 Der Ausschuss für Leibesübungen an der Universität Marburg
3.2.4 Die Erfolge Marburgs bei den Akademischen Fußballmeisterschaften in den Jahren 1911 und 1912
3.2.5 Die Entwicklung des Fußballs im Ersten Weltkrieg

4 Zur Fußballentwicklung in der Weimarer Republik
4.1 Der Sport als Massenphänomen in der Hochphase der Leibeserziehung. Zu Materialismuskritik und Verbandsstreitigkeiten
4.2 Der Marburger Fußball in der Weimarer Republik
4.2.1 Die Auswirkungen der Verbandsstreitigkeiten der Turner und Sportler auf den Marburger Fußball
4.2.2 Der Einfluss des Marburger Instituts für Leibesübungen auf die städtische Fußballentwicklung in den Jahren 1924-1933...
4.2.3 Zur Verbesserung der Infrastruktur der Marburger Fußballvereine in den 1920er-Jahren
4.2.4 Die Entwicklung der bürgerlichen Fußballvereine in Marburg
4.2.5 Über die Entstehung- und Entwicklungsgeschichte des Marburger Arbeiterfußballs vor dem Hintergrund der gesamtdeutschen Situation des Arbeitersports bis 1933

5 Der Fußballsport in der NS-Zeit in Deutschland und Marburg
5.1 Die Neuordnung des Sportsystems in den Jahren 1933-1935. Zur Auflösung des Arbeitersports und der Ausgrenzung der Juden aus den bürgerlichen Vereinen
5.2 Zu den Veränderungen der Leibesübungen an der Universität Marburg durch die Einführung der neuen Hochschulsportordnung 1934 und der Einstellung Josef Grafs als Fußballtrainer des VfB Kurhessen
5.3 Die Bedeutungszunahme des Fußballs in den Schulen und der Übergang des bürgerlichen Sports in den NSRL
5.4 Die Situation des Fußballs während des Zweiten Weltkriegs
5.5 Makkabi und RjF. Eine Untersuchung zur Situation jüdischer Sportler in Marburg vor dem Hintergrund der gesamtdeutschen Entwicklung des jüdischen Sports

6 Der Wiederaufbau des Sportsystems nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Marburg

7 Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis
Quellenverzeichnis
Ungedruckte Quellen
Gedruckte Quellen: Monographien, Vereinsschriften, Aufsätze
Literaturverzeichnis
Zeitschriftenbeiträge, Zeitungsartikel und Aufsätze
Monographien und Überblicksdarstellungen
Internetdokumente

Abkürzungsverzeichnis

Amt K Amt für körperliche Erziehung im Reichsministerium für

Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung

ASB Akademischer Sportbund

ATB Akademischer Turn-Bund oder Arbeiter-Turn-Bund

ATSB Arbeiter-Turn-und-Sport-Bund

ATV Akademische Turn-Verbindung

BDM Bund Deutscher Mädel

DFB Deutscher Fußball-Bund

DJ Deutsches Jungsvolk

DJK Deutsche Jugendkraft

DRA Deutscher Reichsausschuss für Leibesübungen

DRAfOS Deutscher Reichsausschuss für Olympische Spiele

DRL Deutscher Reichsbund für Leibesübungen

DSt Deutsche Studentenschaft

DT Deutsche Turnerschaft

HJ Hitlerjugend

IfL Institut für Leibesübungen

KdF Kraft durch Freude

KG Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit

KJA Kreisjugendausschuss

LAGIS Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

NSDAP Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

NSRL Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen

RjF Reichsbund jüdischer Frontsoldaten

SA Sturmabteilung

SS Schutzstaffel

VINTUS Verband jüdisch-neutraler Turn- und Sportvereine

ZA Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele

ZK Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege

1 Einleitung

2015 gewann die Frauenfußballmannschaft der Philipps-Universität Marburg im heimischen Georg-Gaßmann-Stadion die Deutschen Hochschulmeisterschaften. Damit schloss sich nach 104 Jahren ein Kreis. Denn im Jahr 1911 siegte einst die Herrenmannschaft der Universität bei der ersten Ausgabe der Deutschen Akademiker-Meisterschaft im Fußball, deren Endspiel damals ebenfalls in Marburg ausgetragen wurde.

Dieser Erfolg in der Zeit des Preußischen Kaiserreichs ist wie die restliche Geschichte des Marburger Fußballs vor dem Zweiten Weltkrieg bisher wissenschaftlich weitestgehend unerforscht und in Vergessenheit geraten. Die vorliegende Examensarbeit greift diese Forschungslücke auf und hat das Ziel, einen Beitrag zur Komplementierung der städtischen Sportgeschichte zu leisten. Im Sinne einer Überblicksdarstellung wird die Entwicklung der städtischen Fußballszenerie von ihren Anfängen bis 1948 untersucht. Dabei wird weniger auf einzelne Spieler1, detaillierte Auflistungen der Ligazugehörigkeiten oder statistische Notizen wie Tabellenplatzierungen eingegangen, sondern vielmehr stehen die Organisationsstrukturen des Sports samt seiner gesellschaftspolitischen Bezüge im Mittelpunkt. Berücksichtigt werden dabei sowohl die Einflüsse wichtiger Personen und Institutionen als auch zentrale politische Entscheidungen. Die Untersuchung konzentriert sich vornehmlich auf die Marburger Fußballvereine, da diese den hiesigen Fußballalltag maßgeblich prägten und sich viele Studenten der Universität traditionell hier engagierten. Dabei werden Besonderheiten und Parallelen der Marburger Fußballentwicklung im Zusammenhang mit der nationalen Fußballentwicklung dargestellt, deren Skizzierung den Rahmen der Marburg-spezifischen Erarbeitungen bildet.

Um eine übersichtliche Struktur für den Leser zu ermöglichen, werden in den Kapiteln zunächst die Entwicklungstendenzen der nationalen Sport- bzw. Fußballbewegung aufgezeigt. Auf Grundlage dieser Informationen werden anschließend in separaten Kapiteln Episoden der Marburger Sportgeschichte aus dem entsprechenden Zeitabschnitt untersucht und eingeordnet. Getreu einer interdependenten Bearbeitungsweise werden anhand der Darstellungen der städtischen Situationen wiederum auch Prozesse aufgezeigt, die auch für die nationale Fußballentwicklung Relevanz aufweisen.

Im Folgenden werden zunächst der Forschungsstand zusammengefasst, das methodische Vorgehen und die leitenden Forschungsfragen präsentiert sowie ein Einblick in die Quellensituation gegeben.

Um ein Verständnis für die Entstehungsbedingungen der Sportbewegung und des Fußballs in Preußen zu geben, wird im zweiten Kapitel eine komprimierte Wiedergabe der Entstehungsgeschichte des englischen Fußballs gegeben und die Situation des in die Kritik geratenen preußischen Schulturnunterrichts in den Jahren 1870 bis 1900 geschildert. Ein besonderes Interesse der Bearbeitung liegt dabei auf dem Einfluss des Zentralausschusses zur Förderung der Volks- und Jugendspiele (ZA). Für die Betrachtung der Marburger Entwicklung bilden die Untersuchungen zur Fußball-Schülervereinigung am Königlichen Gymnasium, zum Studienaufenthalt des Fußballpioniers Walter Bensemann in den Jahren 1895-1897 und zum Wirken der hiesigen Akademischen Turn-Verbindung (ATV) thematische Schwerpunkte. Anschließend erfolgt anhand der Darstellung der Auseinandersetzung der Turner- und Sportlerfraktion die Skizzierung der folgenreichen Ausdifferenzierungstendenzen der preußischen Leibeserziehung.

Weiterführend wird im dritten Kapitel der Zeitraum 1900 bis 1918 im Vordergrund stehen. Hierbei wird der Separierungsprozess des Fußballs aus seinen ursprünglichen Führungsinstitutionen behandelt, in dessen Folge sich die Fußballer ab Anfang des 20. Jahrhunderts in selbständigen Vereinen organisierten und sportartspezifische Verbände gründeten. Ebenso wird in diesem Zusammenhang dargelegt, wie sich dies auf die Bedeutung der Institution Schule für die körperliche Erziehung der Jugendlichen auswirkte. Bei der Untersuchung des Marburger Fußballs stehen die Bedingungen für die Entstehung und Entwicklung der ersten städtischen Vereine im Vordergrund. Hierbei wird die Öffnung des Marburger FC für andere Sportarten skizziert und die Beziehungen der städtischen Vereine zu den Schulen und der Universität untersucht. Explizit wird dabei auf die Gründung des Ausschusses für Leibesübungen an der Universität sowie auf die Teilnahmen an den Akademischen Fußballmeisterschaften 1911 und 1912 eingegangen, bevor abschließend auf der Einfluss des Ersten Weltkriegs auf den nationalen und den Marburger Fußball aufgezeigt wird.

Der Zeitraum der Weimarer Republik wird schließlich im vierten Kapitel in den Blick genommen. Hierbei wird auf die Prosperitätsphase der Leibeserziehung sowie die Institutionalisierung des Sports und seiner Entwicklung zum Massenphänomen eingegangen. Die damit einhergehenden infrastrukturellen Neuerungen der Marburger Sportvereine werden ebenso wie der Einfluss des städtischen Instituts für Leibesübungen (IfL) auf den hiesigen Fußballbetrieb kenntlich gemacht. Anhand der Geschichte des Marburger FC 1917 werden die Verbandsstreitigkeiten der 1920er-Jahre dargestellt. Abschließend erfolgt an dieser Stelle eine Untersuchung zur Geschichte des Arbeitersports in Marburg, der kurz nach dem Ende der Weimarer Republik schließlich zerschlagen wird. Inmitten der bürgerlichen Vereinslandschaft des Marburger Fußballs bietet er eine Ausnahme. Um seine Existenz stringent darzustellen, wurde er an dieser Stelle in einem separaten Kapitel abgebildet.

Im fünften Kapitel wird anhand einer weitestgehend chronologischen Bearbeitungsweise die Situation des Fußballs unter den Nationalsozialisten untersucht. Um die drastischen Umwälzungen des Bereichs Sport zusammenhängend darzustellen, werden die Informationen zum Marburger Fußball aus dieser Zeit in den Fließtext integriert. Als besonderer Untersuchungspunkt wird hierbei auf die Entwicklung der Leibesübungen für Studenten an der Marburger Universität sowie die politische Vereinnahmung des Bereiches Sport dargestellt. Nach der Skizzierung der NS-Zeit wird auf die Situation der jüdischen Fußballer in Marburg eingegangen. Dieser Themengegenstand wird wiederum aufgrund seiner spezifischen Entwicklungsgeschichte in einem separaten Abschnitt bearbeitet.

Das sechste Kapitel befasst sich mit der Neuorganisation des deutschen und vorrangig Marburger Sports nach dem Zweiten Weltkrieg. Hierbei wird anhand der Betrachtung der Institutionen und Personen, die die Strukturen des städtischen Sports in der unmittelbaren Nachkriegszeit maßgeblich wieder aufbauten, ein Vergleich zum Modell des Vereinssports vergangener Epochen gezogen.

In der Schlussbetrachtung werden die Untersuchungsergebnisse zusammengefasst sowie weiterführende Forschungsfragen aufgezeigt.

Das Literatur- und Quellenverzeichnis komplettiert schließlich die Arbeit.

1.1 Forschungsstand

Im Rahmen der Literaturrecherche wurde schnell deutlich, dass über die sehr gut aufgearbeitete Entwicklung der internationalen und deutschen Fußballbewegung ein umfangreiches Material an Forschungsliteratur existiert.

Als Grundlagentexte für die allgemeine Entwicklung des Fußballs diente mir SCHULZE-MARMELING (2000), der die komplexe Entstehungsgeschichte der Sportart mithilfe einer fundierten Bearbeitung der wichtigsten Entwicklungsschritte übersichtlich darstellt. Daneben existieren Publikationen, die sich mit speziellen thematischen Schwerpunkten zur Fußballgeschichte beschäftigen. Als besonders relevant für die vorliegende Arbeit stellte sich für die Bearbeitung des Zeitabschnittes bis zum Ende der Weimarer Republik EISENBERG (1999) heraus, da sie den Weg der englischen Sportbewegung in die preußische Leibeserziehung präzise aufzeichnet. NAUL, JONISCHEIT & WICK (2000) bildeten mit ihrem gut recherchierten Werk die Grundlage für die Darstellung des Streits der Turner und Sportler. In diesem Zusammenhang ist auch TAUBER (2008) zu nennen, der speziell den Fußball in der Zeit des Ersten Weltkriegs untersucht. Des Weiteren bietet auch EIBEN (2016) mit seiner Beschreibung über den Fußball in der Kaiserzeit eine lohnenswerte unkonventionelle Perspektive auf den Sport, die sich an den Themen Sprache und Körperbild orientiert. Eine hohe Dichte an Untersuchungen existiert über den Zeitraum des Nationalsozialismus bzw. über den Zweiten Weltkrieg. Mir diente hierbei HAVEMANN (2005) als hauptsächlicher Bezugspunkt meiner Ausarbeitungen. Eine geeignete Grundlage für die Skizzierung des jüdischen Sports fand sich in der Arbeit FRIEDLER (1998) und den Aufsätzen SKRENTNYs (2003), die etwa mit der Betrachtung der Ligen der ,Displaced Persons‘ über die Darstellung der allgemeinen Geschichte hinausgeht.

Im Gegensatz zu diesen Publikationen über die internationale sowie nationale Fußballbewegung, ist die Forschungslage zur Entwicklung des Marburger Fußballs weitaus weniger umfangreich. Eine wissenschaftliche Untersuchung zum Zeitraum bis 1948 existiert bislang nicht. Zurückgreifen konnte ich jedoch im Sinne einer Überblicksdarstellung auf die Arbeit FISCHERs (1983), der die Entwicklung der Marburger Fußballgeschichte bis 1980 skizziert, wenngleich die Schilderung des Zeitraums bis 1918 vergleichsweise knapp ausfällt. Zudem beruht sie nahezu ausschließlich auf Erinnerungen von Zeitzeugen und kommt ohne Literatur- oder Quellenverweise aus. Ebenso ist dies bei zahlreichen Vereinschroniken und Festschriften der hiesigen Fußballvereine aus den Jahren nach 1945 der Fall. Wenngleich mit belebenden Anekdoten, statistischen Informationen und Schilderungen des Stadt- und Vereinsleben ausgeformt, werden sportpolitische Zusammenhänge und Entwicklungen in den Berichten fast gar nicht dargestellt. Für die Untersuchung des lokalen Sports im 19. bzw. beginnenden 20. Jahrhunderts ließ sich die Veröffentlichung DAUERNHEIMs (2014) im Oberhessischen Geschichtsverein verwenden, die über die Anfangsjahre des Fußballs in Gießen und Umgebung bis hin nach Marburg informiert. Ebenso wurde für diesen Zeitraum VON BERGs (2014) Darstellung des Gießener Fußballs zurate gezogen, die Bezüge zur Marburger Entwicklung ermöglichte. Die Beiträge über die Situation Gymnasium Philippinum von EISENBERG, KATZ und UNCKEL in DANNEBERG (1977) ergänzten das Bild des Marburger Fußballs vor 1914.

In BERNSDORFF & SCHMIDT (1991) findet sich im Sinne eines Grundlagentextes eine gute Bearbeitung der kommunalen Sportgeschichte beginnend in der Weimarer Republik bis in die Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs. Auch ZHORSEL (1977) ermöglicht mit seiner Untersuchung über die Entwicklung der Leibeserziehung an der Universität Marburg einen Einblick in die kommunale Leibeserziehungsentwicklung. Darüber hinaus informiert GIESLER (1995 & 1996) über die hessische Arbeitersportbewegung, deren Wirken mit den Arbeiten BERNSDORFFs (1983 & 1985) für den Marburger Raum und auf die Sportart Fußball konkretisiert wird. In Bezug auf die Zeit unter den Nationalsozialisten existiert für die Darstellung des Marburger Fußballs eine Forschungslücke, die auch die Vereinschroniken nicht schließen können. Auf Grundlage der Arbeiten SCHMIDTs (1977) und BERNSDORFFs (1998) lässt sich wiederum die Geschichte des Wiederaufbaus der Sportbewegung in Marburg von 1945 bis 1948 skizzieren.

1.2 Methodisches Vorgehen und Forschungsfragen

Die vorliegende Examensarbeit stellt sich die zentrale Leitfrage: Wie entwickelte sich die Sportart Fußball in der Universitätsstadt Marburg von seinen Anfängen im späten 19. Jahrhundert bis in die ersten Nachkriegsjahre des Zweiten Weltkriegs vor dem Hintergrund der nationalen Fußballbewegung? In diesem Zusammenhang sind Bezüge zur gesamtdeutschen Entwicklung maßgebend. Es ist daher zunächst zu fragen: Kann die in der Forschungsliteratur dargestellte deutsche Fußballentwicklung durch die Untersuchung der Arbeit bestätigt werden? Ein zweiter Schritt besteht darin, Parallelen und mögliche Unterschiede bzw. Besonderheiten der Marburger Entwicklung herauszustellen. Um sich dieser Forschungsaufgabe zu nähern, erschließen sich für die einzelnen untersuchten Zeitepochen und Entwicklungsschritte weitere Untersuchungsfragen.

So geht es zunächst darum, welche Bedeutung die Fußballschülervereinigung am Königlichen Gymnasium und die Person Walther Bensemann für die Entwicklung des Marburger Fußballs in der Zeit des 19. Jahrhunderts hatten. Anschließend stellt sich die Frage: Wie gestaltete sich das Verhältnis der höheren Bildungsanstalten Anfang des 20. Jahrhunderts zu den neugegründeten Marburger Fußballvereinen? Und welchen Einfluss hatten diese auf die Leibeserziehung der Schüler? Um das Bild des Marburger Fußballs zu dieser Zeit zu ergänzen, ist dabei zudem die Rolle der Leibesübungen an der Universität zu untersuchen. In Bezug auf den Zeitabschnitt der Weimarer Republik ist außerdem nachzuforschen: In welchem Maße wirkten sich die Prosperitätsphase der Leibeserziehung und die Streitigkeiten der Turn-und Sportfachverbände Anfang der 1920er-Jahre auf den Marburger Fußball aus? Welche Rolle für die Entwicklung des städtischen Fußballsports spielte in dieser Phase das hiesige IfL? Des Weiteren wird untersucht, inwiefern in der Stadt neben der dominierenden bürgerlichen Sportbewegung andere Existenzformen des Fußballs etabliert waren.

Für die NS-Zeit ist die Frage relevant: Wie verhielten sich die Marburger Sportvereine während der politischen Umwälzungen: Bildeten sie im Hinblick auf die gesamtdeutsche Entwicklung Ausnahmen bei dem Umgang mit Arbeitersportlern oder jüdischen Mitgliedern? Kann zudem bestätigt werden, dass auch an der Marburger Universität die Bedeutung des Fußballs mit der Hochschulverordnung 1934 erhöht wurde?

Abschließend ist zu klären: Welche Personen und Institutionen übernahmen in Marburg nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich den Wiederaufbau der Sportstrukturen, und: wurden diese nun anders organisiert, als noch in der Weimarer Republik?

Um sich der Beantwortung dieser Fragen zu nähern, wurde eine hermeneutische Arbeitsweise gewählt. Durch das Bemühen von Originaldokumenten und Quellen aus Archiven sowie durch Treffen mit Zeitzeugen, die als Jugendspieler der 1940er-Jahre über Erinnerungen an den behandelten Untersuchungszeitraum verfügen, wurde versucht, sich in den relevanten Zeitraum hineinzuversetzen, um so das Zeitgeschehen und das Handeln der zur damaligen Zeit beteiligten Akteure zu reflektieren und nachzuvollziehen.

1.3 Quellensituation

Die Quellenlage zur Beantwortung der vorgestellten Forschungsfragen ist vergleichsweise mangelhaft. Als einzige Publikation eines Marburger Fußballvereins vor 1945 hat lediglich die Festschrift zum 20-jährigen Bestehen des Vereins für Bewegungsspiele 05 von FINIS (1925) den Zweiten Weltkrieg überdauert. Folglich bauen alle später erschienenen Chroniken auf den Darstellungen aus diesem Heft auf. Jedoch ließen sich im Handbuch des Akademischen Turn-Vereins (1904) und der Festschrift zum 40. Stiftungsfest FUNK, GEIßLER & HEUSER (1928) Bezüge zum Marburger Fußball bis 1914 erschließen. Auch im Hessischen Staatsarchiv Marburg existieren Bestände, die Auskunft über die Entwicklung des Fußballs in der Stadt geben. Sie können über das Portal Arcinsys angefordert werden. Zum einen ist dies der Bestand zum Gymnasium Philippinum (HStAM Best. 153/9), in dem besonders die Schulprogramme relevant für den Untersuchungszeitraum bis zum Ende des Ersten Weltkriegs waren. Ebenso ist dies bei den Jahresberichten zum Bestand der Martin-Luther-Schule der Fall (HStAM Best. 153/15). Darüber hinaus gibt insbesondere der Bestand zum VfL 1860 Marburg (HStAM Best. 325/20), in erster Line die Vereinsakten, Auskunft über die kommunale Fußballentwicklung. Zu diesem Verein existiert außerdem ein Bestand, der noch nicht verzeichnet wurde, aber auf Anfrage beim zuständigen Archivar bestellt werden kann. Der Sport und dessen Förderung an der hiesigen Universität, speziell in der Zeit der Weimarer Republik, werden in den Akten (UniA MR Best. 305a) thematisiert.

Leider besteht auch bei der Quellenlage für den Marburger Fußball eine Forschungslücke für die Zeit des Nationalsozialismus. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass der Großteil NS-relevanter Dokumente in den letzten Kriegsjahren verschwand oder vernichtet wurde. Für die Rekonstruktion der entsprechenden Jahre wurden die Blätter der lokalen Presse bemüht, die durch die Zentralbibliothek zugänglich sind. Während durch die ,Oberhessische Sportzeitung‘ Informationen über die Jahre 1920 bis 1921 und durch die ,Allgemeine Sport-Zeitung‘ über 1924 bis 1928 zur Verfügung stehen, gibt die ,Amtliche Sport-Rundschau Gau XII Hessen‘ beschränkt Auskunft über die Jahre 1933 bis 1936. Am lohnenswertesten ist die Verwendung der ,Oberhessischen Zeitung‘, die mit kurzen oberflächlichen Berichten eine kontinuierliche Dokumentation des kommunalen Sports bis 1945 bietet. Einige Aspekte aus der Zeit von 1933 bis 1945 können auch anhand von Akten aus dem Stadtarchiv rekonstruiert werden. Die Bestände (StadtA MR Best. 7G 51, 54 und 59) geben etwa Auskunft über die kommunale Verteilung von Turnhallen und Sportplätzen im Dritten Reich. Eingang wurde dem Verfasser auch zum Archiv des Hessischen Fußballverbandes in Grünberg gewährt, wenngleich dieses nur bedingt Auskunft über die lokale Marburger Entwicklung vor 1945 gab.

Als sehr sinnvoll stellte sich das Kontaktieren von Privatpersonen heraus. Neben Walter Bernsdorff, der als sachkundiger Kenner der Stadtgeschichte Material und Wissen einbrachte, gab auch der Heimatforscher Reinhold Drusel einen Einblick in sein umfangreiches Material über den Fußball in Ockerhausen, das ein sehr ergiebiges Zeugnis der Sport- und Stadtgeschichte Marburgs darstellt. Über die Nachkriegsjahre bis 1948 geben insbesondere die Ausgaben der Marburger Sportberichte Auskunft, die ebenfalls in digitaler Form zugänglich sind.2 Auch das Treffen mit Herbert Zaun, einem ehemaligen Ockershäuser Spieler, verdeutlicht, welchen Wert private Hinterlassenschaften für die Sportgeschichtsforschung darstellen können. Seine Erinnerungen an die Zeit und sein hervorragendes Fotoalbum mit den vielen Aufnahmen von Fußballspielszenen aus den Marburger Begegnungen der Nachkriegsjahre machen das Wesen des Fußballs der 1940er- bis 1950er-Jahre greifbar. Während im Staatsarchiv keine geeigneten Fotodokumente aus der entsprechenden Zeit gefunden werden, existiert in der Fotosammlung des Stadtarchivs ein bisher ohne Signatur versehenes Fotobuch der Akademischen Sportverbindung Marburg mit zahlreichen Sportfotos aus den 1920er-Jahren, das über eine Anfrage bei der Archivarin Frau Baumgarten eingesehen werden kann. Das Bildarchiv Marburg und das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen (LAGIS) bieten ebenfalls zwar Bilder zum Sport, jedoch keine expliziten zum Fußball.

2 Die Integration des englischen Sportspiels Fußball in das System der Leibeserziehung in Preußen von 1870 bis 1900

Als Ursprungsort des modernen Fußballs können die britischen Inseln gelten. Bereits seit dem Mittelalter war das Spiel hier bekannt. Zwischen 1830 und 1860 wurde es verbindlich in den Schulkanon der Public Schools aufgenommen. Waren bis dahin diverse lokale Varianten des Spiels üblich, modifizierte sich das Regelwerk anschließend bedingt durch die Konkurrenz- und Statusrivalitäten zwischen den einzelnen Public Schools aus. Infolge des Vergleiches der Regelvarianten der führenden Schulen aus Rugby und Eton (1849 wurde hier erstmals das Verbot des Gebrauches der Hände beschlossen) kam es zur nachhaltigen Differenzierung zwischen den heute unter den Namen Rugby und Fußball bekannten Sportarten. Dies sollte sich als Grundlage für den Durchbruch des Fußballs erweisen, da hierdurch die Durchführung von überregionalen Vergleichsspielen vereinfacht wurde. Zudem wurde 1863 mit der Football Association eine Institution gegründet, die die Bewegung sowohl durch die Festlegung von verbindlichen Regeln, als auch durch das Organisieren eines Spielbetriebs maßgeblich förderte. Mit dem Aufschwung der Arbeiterklasse wurde der Fußball in England schließlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts dem Großteil der Bevölkerung zugänglich.

Der britische Imperialismus trug dazu bei, dass der favorisierte Sport der Engländer, die für viele Europäer eine Vorreiter- und Vorbildfunktion innehatten, mit ihren Akteuren rasch in andere Länder der Welt gelangte. Auch in Deutschland kam es zu Vereinigungen britischer Soldaten, Arbeiter, Geschäftsmänner oder Studenten, die mit ihrem neuartigen Spiel für Aufsehen und Neugier bei der Bevölkerung sorgten. Sich auf die britischen Gepflogenheiten berufend nannten sich die ersten Vereine oftmals ,F.C.‘ für ,Football Club‘.3

Doch auch auf dem umgekehrten Weg kam es zu einem wirkungsmächtigen Austausch. So hospitierten deutsche Pädagogen inspiriert vom Ideal der englischen Sportkultur auf der Insel und importierten ihrerseits den Fußball als innovative Alternative zur traditionellen deutschen Leibeserziehung.

2.1 Die Situation der Leibeserziehung in Preußen von 1870 bis 1900 unter dem Wirken der Spielbewegung. Zu den Ausgangsbedingungen der Fußballentwicklung

Der schulische Turnunterricht, der in Preußen seit 1860 Pflichtfach war, stand bereits seit den 1870er-Jahren in der Kritik fortschrittlicher Pädagogen, Ärzte und Philologen.4 Diese richtete sich gegen die starke methodische Einengung auf das Spieß‘sche Turnen, das sich neben den Jaegerschen Exerzierübungen als obligatorische Unterrichtspraxis manifestiert hatte. Vorrangig gab es in den Turnstunden drillhafte Frei-, Geräte- und Ordnungsübungen, die nun zunehmend als langweilig sowie die Erziehungsziele Zucht und Ordnung als zu einseitig und nicht mehr zeitgemäß wahrgenommen wurden. Die Kritiker argumentierten, dass beim Turnunterricht, wie schon in den wissenschaftlichen Fächern, eine nach systematischem Muster ablaufende Kopfarbeit getrieben werde, während das Schulturnen doch viel besser eine Kompensation gegen die Vergeistigung bieten solle. „Da zudem in den großen Städten infolge der Industrialisierung und Verstädterung immer mehr Spielplätze der Bebauung weichen mussten, geriet der Turnunterricht an vielen Schulen zum ,Ganzjahreshallenturnen‘“5 in engen, stickigen und oft dunklen Räumlichkeiten. Insbesondere die Hygienebewegung forderte einen Turnunterricht, der den Zivilisationskrankheiten Tuberkulose, Rachitis oder Rückgratverkrümmungen entgegenwirke, statt diese, wie bisher, gar zu fördern. Spiele und volkstümliche Übungen, die schon bei Jahn und GutsMuths betrieben wurden, spielten bis dahin nur eine unbedeutende Rolle und galten als pädagogische Pause, da ihnen keinerlei Erziehungswert beigemessen wurde, freie Wettkampfaspekte waren aus dem Bewusstsein verschwunden.6

Infolge der beschriebenen Missstände wurde in den Spielen nun jedoch ein Mittel zur Behebung der Probleme des Turnunterrichts erkannt. Es etablierte sich die Deutsche Spielbewegung, mit der Forderung nach einer Rückkehr zu den volkstümlichen Übungen und Spielen, der Schaffung von Bewegungsmöglichkeiten, am besten unter freiem Himmel, die die aktuelle Unterrichtspraxis zumindest ergänzen sollten, um so Aspekte wie spielerische Freiheit und soziale Kompetenzen zu fördern. Als propagiertes Erziehungsziel forcierte man, die Schüler zu selbständigen und willensstarken Schülern zu erziehen.

Auch den ,Kampfspielen‘ wurde daher nun ein pädagogischer Wert zugeschrieben. Aus Mangel an geeigneten deutschen Spielen traten so auch Spiele aus der englischen Sportbewegung wie Fußball auf den Plan. Über die Frage nach der Umsetzung entstand ein Diskurs zwischen den fortschrittlichen Pädagogen und den Traditionalisten, die ihr System des Turnunterrichts in Gefahr gebracht sahen. In den zwei Turnstunden sollten die traditionellen Inhalte weiter dominieren. Den Spielen eine zusätzliche Unterrichtsstunde zu widmen, war man noch nicht bereit, da dies wiederum eine Kürzung des wissenschaftlichen Unterrichts der anderen Fächer bedeutet hätte. „Das Motto lautete: Spiele, Leichtathletik, Wandern und Schwimmen ja, aber nur außerhalb der Turnstunden in neu zu schaffenden Turnzeiten (zusätzlicher freier Nachmittag).“7

Ein erster regelmäßiger Spielbetrieb wurde am Braunschweiger Gymnasium Martino-Katharineum umgesetzt. Konrad Koch und August Hermann führten bereits ab 1872 einmal wöchentlich außerhalb der Turnstunden freiwillige Spielnachmittage durch. 1874 leiteten sie erstmals Rugby an, das schließlich bis spätestens 1894 vollends als Fußball nach englischem Vorbild gespielt wurde. 1879 wurde dieser Nachmittag verbindlich für die Unter- und Mittelstufe, 1882 auch für die Oberschule, sodass das Braunschweiger Gymnasium zum Vorreitermodell einer Bewegung werden sollte, die bald nahezu alle höheren Jungenschulen Preußens erfasste.8

Zunächst hatte sich jedoch Anfang der 1880er-Jahre im restlichen Kaiserreich trotz der Einsicht in die Notwendigkeit von Spielen nicht viel geändert. Spielnachmittage fanden längst noch nicht überall statt. Oftmals wurden diese zudem von Bürgerinitiativen und nicht von der Schule organisiert. In Preußen wurde in jener Phase neben den Schulformen Oberrealschule und Gymnasium das Realgymnasium eingeführt. Folglich veränderten sich im Bildungssystem die Lehrpläne, woraufhin auch die Rolle der Leibesübungen an den Schulen neu diskutiert wurde. Als Zeugnis des zunehmenden politischen Rückhaltes verfügte der Preußische Unterrichtsminister Gustav von Goßler am 27. Oktober 1882 einen Spielerlass, in dem er die Schulen offiziell aufforderte, Turnspiele flächendeckend zu fördern.9 An den Volksschulen fehlten die finanziellen Mittel, doch wurde an den höheren Bildungsanstalten der Forderung Goßlers sukzessive nachgekommen. „Während einige Schulen die Spiele in die zwei obligatorischen Turnstunden integrierten, richteten andere Gymnasien einen – freiwilligen – Spielnachmittag am Mittwoch oder Sonnabend ein.“10

Zur gleichen Zeit musste außerdem eine Lösung auf das zeitgenössische Problem der illegalen Schülerverbindungen gefunden werden, bei denen die Jugendlichen in ihrer außerschulischen Freizeit die Trink- und Rauchsitten der Studenten nachahmten. Auf Druck besorgter Eltern, empörter Bürger und Lehrer sollten sie auch nach der Schule in pädagogische Obhut genommen werden. Eine Möglichkeit hierfür sah man in den neu geschaffenen Spielnachmittagen. Nach anfänglichem Zulauf fanden diese an den Schulen jedoch bald nicht mehr die gewünschte Beständigkeit, auch, da die Verantwortlichen finanziell in der Regel nicht entschädigt wurden. In Preußen diskutierte man daher die Einführung von Pflichtspielnachmittagen und einer entsprechenden Besoldung der Lehrer. Anders als in Württemberg und Baden entschied man sich in Preußen jedoch gegen diese verpflichtende Teilnahme und versuchte die vorhandenen Vereinigungsbestrebungen der Schüler stattdessen durch die Schaffung von Schülerturnvereinen unter pädagogischem Einfluss zu lenken, um sie so vor der Lasterhaftigkeit zu bewahren und außerdem über die regulären Turnstunden hinaus in den Leibesübungen zu fördern.11 In der Regel wurde hier nicht nur geturnt, sondern Wert gelegt auf ein breites Inhaltsangebot mit Spielen und volkstümlichen Übungen. Gerade in den Sommermonaten wurde daher mancherorts auch Fußball gespielt. Unter den Mitgliedern wurden Vorstände gewählt, die mit den Schuldirektoren in Verbindung standen, diesen regelmäßig Rechenschaft ablegten, über die Mitgliederlisten informierten und Veranstaltungen planten. Überwacht wurden die Vereine von einem verantwortlichen Lehrer, der zunächst einen individuellen Grad an Kontrolle ausübte, Ende des 19. Jahrhunderts jedoch in den meisten Fällen auch bei den Übungsstunden dabei war.12

Nachdem die Spiele somit in den 1880er-Jahren flächendeckend Eingang in die Schulen fanden, vollzogen die Anhänger der Spielbewegung 1891 einen entscheidenden Beschluss, um ihre Interessen in Zukunft noch wirkungsmächtiger zu vertreten. Unter der Führung Schenckendorffs wurde der ZA gegründet. „Erklärtes Ziel des ZA war es, durch Werbung, Vorbereitung und Unterstützung die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, die es Schulen und Verbänden ermöglichten, Leibesübungen in freier Luft mit ihren Schülern und Mitgliedern durchzuführen.“13 Im Rahmen ihrer Werbe- und Lobbyarbeit sollten sie fortan in entscheidendem Maße auch die Etablierung von englischen Spielen wie Fußball in den Schulen begünstigen. Eine wichtige Aufgabe übernahm man von Beginn an mit der Ausbildung der Lehrer. Da sich die preußische Turnlehrerbildungsanstalt in Berlin inhaltlich weitestgehend der Spielbewegung verweigerte, organisierte der ZA in den preußischen Provinzen Fortbildungsveranstaltungen, um die Lehrer auf die Spiele vorzubereiten. Gleichbedeutend erfuhr der Turnunterricht durch Fort-, Weiter- und verstärkte Neuausbildungen von Turnlehrern nachhaltig eine erhöhte pädagogische Qualität. Bereits 1892 konnte außerdem eine politische Entscheidung gefeiert werden: Die Stundenzahl des Turnunterrichts an den Gymnasien wurde von zwei auf drei erhöht, sodass Spiele und volkstümliche Übungen nun kontinuierlich berücksichtigt werden sollten. Die Mehrzahl der Gymnasialturnlehrer lehnte jedoch englische Spiele „als fremdländisch ab. Geeignete ,deutsche Spiele‘ – vor allem für Mittel- und Oberstufe der höheren Schulen – waren aber noch nicht in Sicht“14, sodass der für Schüler attraktive Fußball somit letztendlich oftmals Anwendung im schulischen Turnunterricht fand.

Mit dem Ansinnen, die Rolle der Spiele in Deutschland zu stärken, ergab sich in den 1890er-Jahren in einem zunächst freundschaftlichen Verhältnis zwischen der Deutschen Turnerschaft (DT) als einflussreichster Organisation, die das klassische und hegemoniale Körperbild der deutschen Leibeserziehung repräsentierte und sich für die Förderung der Spiele in Volk und Vereinen verantwortlich zeigte, und der Spielbewegung, deren ZA, bedingt durch die Protektion der englischen Spiele, bald auch dem Beginn der englischen Sportbewegung hierzulande den Weg ebnete, ein Austarieren einer neuen Körperkultur in Deutschland.

Auf Grundlage der soeben vorgenommenen komprimierten Darstellung der Situation der preußischen Leibeserziehung soll nun die Entstehung des Marburger Fußballs im Mittelpunkt der Betrachtung stehen.

2.2 Die Entstehung der Fußballstrukturen in Marburg beginnend in den 1880er-Jahren bis 1900

Ein Blick auf die scheinbar provinzielle Stadt Marburg, die seit der Annexion Kurhessens 1866 zu Preußen gehörte, um 1880 etwa 10 000 Einwohner zählte und neben zahlreichen Verbindungshäusern bereits seit 1860 auch einen Turnverein beherbergte, lässt zunächst nicht vermuten, dass hier bereits in den 1880er-Jahren Fußball gespielt wurde. Für deutsche Verhältnisse ist dies früh. Die Gründe für diesen Umstand können anhand der kommunalen Bedingungen erklärt werden.

Im gesamten Kaiserreich waren es vor allem Städte mit Universitäten, Internaten oder Gymnasien, deren Studenten, Schüler und Lehrer dem subversiven Sport hierzulande maßgeblich den Weg ebneten. Als erste Initiatoren des Fußballs in Marburg können englische Austauschstudenten gelten, die vorrangig in Pensionaten in der Schwanallee wohnten und ihr Spiel Anfang der 1880er-Jahre im Südviertel präsentierten. Die Briten nehmen damit, wie in anderen deutschen Städten, eine Pionierwirkung der Sportart ein. Denn ihr Treiben inspirierte in diesem Zeitraum Schüler des Gymnasiums, die das Spiel erstmalig ausprobierten. Auch dieser Prozess ließ sich im gesamten Reich beobachten, denn „Fußballspielen war in Deutschland, wie auch in England und anderswo, anfangs zunächst eine Sache junger bürgerlicher Kreise […] Am Anfang des fußballerischen Lebens […] im heutigen Mittelhessen standen die Clubs der höheren Schulen.“15 Für Marburg können in erster Linie das Königliche Gymnasium (seit 1904 Gymnasium Philippinum) aber auch das Realprogymnasium (ab 1899 Oberrealschule, zwischen 1933 und 1945 Adolf-Hitler-Schule, ab 1957 Martin-Luther-Schule) und die bürgerlichen Knabenschule (1906/1907 umgewandelt in Bürgerschule Süd, zwischen 1933 und 1945 Horst-Wessel-Schule, ab 1953 Otto-Ubbelohde-Schule) als Geburtsorte der hiesigen Fußballentstehung gelten.

2.2.1 Die Fußball-Schülervereinigung des Königlichen Gymnasiums als Träger der Marburger Fußballentwicklung

Das Spielgerät selbst war damals deutschlandweit nur in wenigen exklusiven Geschäften erhältlich und außerdem teuer, sodass es nicht erstaunt, dass dieses Vergnügen in Marburg vornehmlich den englischen Studenten, die einen Fußball leicht importiert haben können oder den wohlhabenden Gymnasiasten vorbehalten war, die den wertvollen Fußball gewissenhaft hüteten und somit auch über die Austragung eines Spiels bestimmten.16

Am Königlichen Gymnasium Marburg gab es bereits Anfang der 1880er-Jahre einen Schülerturnverein. Eine Besonderheit der Marburger Entwicklung besteht darin, dass hier ab 1882 eine separate Fußballvereinigung unter den Schülern entstand17, wenngleich „nur ein kleiner Kreis, der wenig Beachtung fand. Die Sache war damals noch ganz englisch aufgefasst und kein Mensch ahnte, daß grade dieser Sport sich einmal die Welt erobern würde“18, heißt es in den Erinnerungen eines ehemaligen Schülers. Diese Spezialisierung auf eine Lieblingssportart bildete zur damaligen Zeit lange Jahre eine Ausnahme. Denn erst zur Jahrhundertwende differenzierten sich die Schülerturn- bzw. Schülerspielvereinigungen hinsichtlich der Forcierung der Betätigung einer einzigen Bewegungsart aus.19

Bereits 1886 führte das Fußballspielen der Schüler zu Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit. Das bei konservativen Bürgern und Arbeitern unerwünschte Fußballspiel20 wurde in der Regel von den Eltern unterbunden und in Marburg vom hiesigen Gymnasialdirektor 1887 schließlich offiziell untersagt, woraufhin man die nächsten Jahre aber trotz des Verbots weiter im Südviertel spielte, „stets bereit stiften zu gehen, wenn die Kontrollen kamen.“21

In den 1890er-Jahren erfuhren die Leibesübungen in den Schulen eine allgemeine Aufwertung. Mit dem Ansinnen durch Sport und Leibesübungen die Wehrdiensttauglichkeit zu erhöhen, setzten sich Mitglieder der kaiserlichen Familie, speziell der junge Kronprinz, für den Sport und ein neues Körperideal ein, das sich an dem der Briten orientierte. In diesem Zusammenhang wurde dem ,Kampfspiel‘ Fußball ab 1890 in der Schule ein Bedeutungszuwachs zuteil. Im Jahresbericht 1890 des Marburger Realprogymnasiums heißt es:

„Die Verfügung Kgl. Prov.-Schulkolleg vom 8. August v. J. Nr. S. 3714 teilt einen Erlass des Kgl. Ministerium der geistl. Pp. Angelegenheit, Berlin, den 17. Juli v. J. U II No 7173 mit, in welchem auf das unter dem Titel: »Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, vom Subrektor Raydt in Ratzeburg,« aufmerksam gemacht wird, welches eine eigehende und belehrende Schilderung über die in England gepflegten Jugendspiele enthält. Es ist mir angenehm, erwähnen zu können, dass das in hoher Verfügung empfohlene Interesse an diesen Spielen in unserem Turnunterricht schon in soweit bethätigt wird, »dass dieselben in diesem Unterricht schon seit längerer Zeit Beachtung finden, in dem Masse, als solches eben bei zwei Stunden wöchentlichem Turnunterricht möglich ist«“22

Im selben Jahr wurde nach dreijährigem Verbot auch am Königlichen Gymnasium wieder die Fußballvereinigung zugelassen, die bis zur Jahrhundertwende bestehen bleiben sollte. Zudem integrierte man es in den Turnunterricht. Vermerkt ist für das Jahr 1891: Es „fand am 20. März nachmittags von 3 Uhr an eine Prüfung der Klassen Sexta und Obertertia im Turnen (Freiübungen, Barren, Doppelbock) und der Untersekunda in Turnspielen (Schleuderball und Kreisfussball) statt.“23

Zu jener Zeit stieg sowohl in den großen Industriestädten als auch in akademischen Kreisen aufgrund der Vorbildrolle Englands in Wirtschaft und Bildung neben der allgemeinen Zustimmung zur Wichtigkeit von Spielen für die Erziehung des Körpers auch die Akzeptanz des Sports. In Marburg etablierte sich bereits ab 1893 ein Preis- und Wettschwimmen, bei dem sich Schwimmschüler, auch Gymnasiasten der höheren Schulen, miteinander maßen, nach Rekorden strebten und Preise errangen.24 Die regelmäßigen Spielnachmittage wurden durch die inzwischen verbesserte Infrastruktur höher frequentiert und die Lehrer leiteten diese nun bereitwilliger, da sie dafür eine Kürzung ihres Stundendeputats gutgeschrieben bekamen.25 Jährlich erschienen zudem in den Jahrbüchern der höheren Marburger Bildungsanstalten Hinweise auf neue Schulungslehrgänge zur Ausbildung von Turnlehrern und Lehrern für Volks- und Jugendspiele.26 Wie auch in den Spielabteilungen der Turnvereine begann sich der Fußball in den Spielnachmittagen derweil als favorisiertes Spiel durchzusetzen.27 Die Strukturen des Fußballs an den Schulen wurden dabei maßgeblich durch das Engagement des ZA verbessert. Dieser verbreitete zur Vereinheitlichung der Sportspiele an Schulen ab 1894 kontinuierlich aktualisierte Regelhefte und diverse Schriften, wie das Jahrbuch für Jugend- und Turnspiel III. Jahrgang 1894, das dem Königlichen Gymnasium Marburg 1895 als ministrales Geschenk zuteil wurde.28 Durch diese Maßnahme wurden etwa die Bedingungen für Vergleichsspiele zwischen den einzelnen Schulen verbessert, sodass es im Kaiserreich Anfang bis Mitte der 1890er-Jahre zu einer verstärkten Gründung von Schülervereinen kam.

Die Marburger Schülervereinigung des Königlichen Gymnasiums, die bereits seit 1882, zwischenzeitlich unterbrochen durch das dreijährige Verbot, existierte, erfuhr ab dem Jahr 1895 einen rasanten Aufschwung durch eine bedeutende Sportlerpersönlichkeit, die vor Ort wirkte und die Strukturen des Marburger Fußballs in den folgenden Jahren als Organisator maßgeblich verbesserte.

2.2.2 Die Intensivierung der Marburger Fußballentwicklung durch das Wirken Walther Bensemanns und der Akademischen Turn-Verbindung Marburg von 1895-1897

Der 1895 begonnene Marburger Studienaufenthalt Walther Bensemanns bedeutete einen Glücksfall für die Entwicklung des Sports im Lahngebiet. Als Sohn vermögender jüdischer Eltern wirkte der Kosmopolit zeit seines Lebens als bedeutender deutscher Fußballpionier. So organisierte er das erste, heute als inoffiziell geltende, Länderspiel Deutschlands, war nicht unwesentlich an der Gründung diverser Fußballvereine und des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) beteiligt und trat 1920 auch als Gründer des Fachmagazins ,Kicker‘ hervor, bevor er 1934 im Schweizer Exil starb.29

In Marburg warb er für die Akzeptanz des Sports, weckte Interesse und verbesserte die vorhandenen Strukturen, indem er Bälle und Tore zur Verfügung stellte und mit seiner Expertise die offiziellen Regeln und Gepflogenheiten des Spiels verbreitete. Am Marburger Philippinum kam es zu einer fortschrittlichen Umwandlung der bisherigen informellen Schülervereinigung in einen offiziellen Fußball-Schulclub30, deren zahlreiche Teilnehmer weiterhin „mit dieser unglaublichen Beschäftigung des wüsten Balltretens so unnötigerweise dem Herrgott die Tage stahlen.“31 Gespielt wurde unter anderem gegen das Gießener Gymnasium im Verband der humanistischen Gymnasien.32

Daneben sorgte Bensemann für eine Öffnung des Fußballs für die erwachsene Bevölkerung. Er bildete eine Gemeinschaft für alle weiteren Fußballbegeisterten: Die ,Freie Akademische Fußballvereinigung‘, die sich zusammensetzte aus Studenten, Spielern aus den englischen Pensionaten der Stadt und wohl auch Spielern des Realprogymnasiums.33 Diese Gemeinschaft existierte bald augenscheinlich auch unter dem Namen Marburger Fußball-Club.34 In dieser Phase entwickelte und organisierte Bensemann einen regen Spielbetrieb. „Durch Vermittlung von H. Corell […] gelang es […] Germania 94, eine Associations-Mannschaft von 1880 Frankfurt“35 und infolge auch Sport Kassel, den FC Hanau 93 (der älteste Fußballverein Hessens und zur damaligen Zeit eine der besten Mannschaften Deutschlands) aber auch den benachbarten Gießener Fußball-Schülerclub als Spielgegner zu gewinnen.

Einen großen Anteil an der Entwicklung dieser Marburger Mannschaft hatten Mitglieder der seit 1888 ansässigen ATV. Waren es in den meisten deutschen Städten die Einflüsse von Engländern, können auch die ATVs als prägendes Element für die Fußballentwicklung gelten, denn auch für den vielleicht besten deutschen Verein vor dem Ersten Weltkrieg, den VfB Leipzig, ist belegt, dass es hier nicht Briten waren, „die den Fußball in die Stadt gebracht hatten. Einige bis dato im ATV Leipzig turnende Kaufleute, Schüler und Studenten hatten sich seit 1891 erfolgreich an der runden Lederkugel versucht.“36

Zunächst mag dieses Fußballengagement erstaunen, da die ATVs in erster Linie die Etablierung des Turnens an den Universitäten bewirken wollten und Turner als traditionelle Gegner der aufkommenden Sportbewegung galten. Doch als Pioniere und Initiatoren der Spielbewegung öffneten sich einige ATVs des Akademischen Turnbundes (ATB) im Rahmen der Spiel- und Freiluftbewegung auch englischen Spielen wie dem Fußball, der bereits auf dem ATB-Fest 1893 vorgeführt wurde37 und waren gar dessen Wettkampfgedanken nicht abgeneigt, während „die Führung der Deutschen Turnerschaft dem angelsächsischen Sport noch skeptisch bis feindselig gegenüberstand.“38

An der Lahn wurde dem ATV Marburg ab dem Sommersemester 1895 die Organisation eines Spielkursus für die hiesigen Studierenden zuteil.39 Auf dieser Grundlage war es wohl wiederum ein Impuls der Universität, der den Anlass gab, sich nicht nur als Vorreiter der Spielbewegung sondern auch des Fußballs zu engagieren, denn „die treibende Kraft bei diesen schnellen Entschlüssen war Prof. Fischer, der damalige Rektor, der den an alle Studenten gerichteten im Januar 1895 erschienenen Aufruf des ,Zentralausschusses für Volks- und Jugendspiele‘ zum Anlass nahm und mit großem Geschick die gesamte Studentenschaft für diese Bewegung zu gewinnen verstand […] So kam […] auch Fußball in Aufnahme, auch im wesentlichen auf Webers (Rektor) Betreiben […] Im Sommer 95 hatte sich im Anschluß an den Spielkursus eine nicht korporative Spielvereinigung zusammengefunden, bei der sich auch Amerikaner und Engländer befanden [diese wurde im selben Jahr vermutlich von Bensemann aufgegriffen und gefördert, woraus die Freie Akademische Fußballvereinigung entstehen sollte, Anm. des Verfassers]“40

In einer Festschrift zum 40-jährigen Bestehen der ATV hieß es schließlich über die 1890er-Jahre, dass man sich traf auf dem „Exerzierplatz des Jägerbataillons oben auf den Lahnbergen, später nisteten wir uns am Mittwoch und Sonnabend auf einer Ecke des Kämpfrasens ein, wenn er nicht für Viehmärkte, Volksfeste und dergleichen völlig beansprucht wurde.“41

Der beachtenswerte Aufschwung der Marburger Fußballbewegung nahm mit Beendingung des Studienaufenthaltes Bensemanns um 1897 ein jähes Ende. Zwar sind zwei offizielle Spiele der ATV Marburg anlässlich des Turnfestes 1898 in Hamburg42 gegen den ATV Breslau43 belegt, aber die Marburger Fußballvereinigung verfiel zusehends.

In den Marburger Bildungsanstalten sorgte wohl noch immer die Angst vor unkontrollierten Schülerverbindungen für Unwohlsein beim Anblick von Schülern, die sich in ihrer Freizeit zusammenfanden, um Fußball zu spielen. Denn bei diesen Anlässen galt es als nicht sicher, dass insgeheim doch studentische Sitten, wie exzessiver Alkohol- und Tabakkonsum, gepflegt werden. Wie prekär diese Situation in Marburg war, dokumentiert der Umstand, dass in den beiden höheren Bildungsanstalten Marburgs beginnend in den 1890er-Jahren in nahezu jedem Jahresbericht bis 1916 ausdrücklich vor der Gefahr dieser Verbindungen gewarnt wird. Exemplarisch schreibt Realprogymnasiums-Direktor Dr. Knabe im Jahresbericht 1898/1899: „Auf die Verderblichkeit jeder Art von Schülerverbindung und die die Teilnehmer an denselben treffenden strengen Strafen wird erneut hingewiesen mit der Bitte an die Eltern, die Schule und die Lehrer auch in ihrer erziehlichen Thätigkeit zu unterstützen.“44 Mit Bensemann existierte in Marburg vormals ein Organisator, dem die Institutionen ihre Schüler anvertrauten. Als er Marburg verließ, wurde das Fußballspielen am Realprogymnasium umgehend eingestellt, wohingegen unter der Leitung eines Primaners und mit der Rückendeckung des städtischen Turnlehrers Schmidt ab dem Schuljahr 1901/1902 wieder ein Schüler-Turnverein erlaubt wurde, der allerdings nur deutsche Turnspiele veranstaltete. Das weiterhin wirksame Verbot bezog sich somit eindeutig auf sportliche Betätigungen, speziell den Fußball.45

In den Bildungsanstalten bestimmten in letzter Instanz die Schulleiter, welche Schülervereinigungen in ihrer Institution erlaubt waren. Und als am Königlichen Gymnasium schließlich der als liberal geltende langjährige Direktor Buchenau um 1900 verabschiedet wurde, untersagte sein Nachfolger Prof. Dr. Friedrich Aly sogleich sogar den mit Selbstautonomie versehenen Schüler-Turnverein und erst recht die seit Jahren bestehende Schülerfußballverbindung; „nur ab und zu wurde um die Jahrhundertwende von einigen Schülern unerlaubt noch gespielt.“46

Dieser Schritt war für bürgerlich-konservative Städtegesellschaften nicht unüblich. Neben den genannten Aspekten können für die Abkehr vom Fußball auch andere Argumente geltend gemacht werden. Denn infolge der Bedeutungszunahme des Fußballs nahm in Preußen die Gegenwehr der stark organisierten Turnerbewegung zu.

2.3 Die Ausdifferenzierung der deutschen Leibeserziehungskultur um 1900 dargestellt anhand der Auseinandersetzung der Turner und Sportler

Der besonders bei der Jugend beliebte Sport war Ende der 1890er-Jahre auf dem Weg, sich auf dem Gebiet der Leibesübungen als eigenständiges Element in der deutschen Körperkultur zu etablieren, die traditionell maßgeblich durch das Deutsche Turnen geprägt war. Als ursprünglich durch Jahn initiierte patriotische geistige Strömung war das Deutsche Turnen als ideologisierter Bestandteil der preußischen Identität in der nationalen Bewegungskultur und Gesellschaft etabliert, propagierte für sich eine volkserzieherische Funktion und war zudem der Fürsprache von Ärzten, Politik und Militär sicher.47 Während der Sport bei der Reformbewegung der Gymnastiktheorie trotz kritischer Betrachtungsweise als Beitrag zur Reformierung der Leibeserziehung erkannt wurde48, nahmen die Turner eine deutliche Abwehrhaltung ein. Sie führten „die Kontroverse mit den Vertretern des Sports wie einen Existenzkampf um die ,heiligen Güter‘ der Nation“49 und betrieben dabei eine Gegenüberstellung der beiden Systeme. So lehnte man den Materialismus des englischen Sports, samt Professionalismus und Kommerzialisierung, medialer Inszenierung oder dem aufkommenden Starkult ab. Aber auch das Konkurrenzprinzip mit seinem Streben um Siege in Wettkämpfen um Prämien und Trophäen galt als genauso verpönt, wie die Möglichkeit, für Zuschauer Wetten zu platzieren.

In der Phase des endenden 19. Jahrhunderts zeichnete sich somit ein heterogenes Bild in der deutschen Bewegungskultur ab. Fußball hatte dabei eine kontroverse Stellung, denn es konnte „im Unterschied zu Praktiken wie Radfahren, Rudern oder Leicht- und Schwerathletik, die schon früh konstitutive Merkmale des Sports, wie Leistungsmessung und Streben nach Höchstleistung auswiesen, sowohl Spiel als auch Sport sein.“50 Dennoch wurde es in der Bevölkerung mehrheitlich nicht mehr als ein den Turnunterricht ergänzendes Spiel, sondern vornehmlich als Teil der englischen Sportbewegung wahrgenommen. Mit zunehmender Popularität wurde es gar als eklatanter Verstoß und gewissermaßen Opposition zur konventionellen deutschen Bewegungskultur aufgenommen und als roh, gefährlich oder schlichtweg als ,Fußlümmelei‘ diskreditiert. In den Schulen wurde es eingeschränkt und verlor seine Bedeutung. Stattdessen wurden deutsche Spiele wie Faustball und Schlagball protegiert51, außerdem wurde wieder verstärkt geturnt.52 Während die ansteigende Attraktivität der Sportbewegung zunächst dazu geführt hatte, dass diverse Turnvereine infolge des Anpassungsdrucks Spielabteilungen gegründet hatten, wies man oftmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts sportorientierte Fußballer ab, die daraufhin spezielle Fußball- und Sportvereine gründeten.

[...]


1 Die Verwendung der männlichen Form erfolgt aus Gründen der besseren Lesbarkeit, und soll als geschlechtsunspezifisch verstanden werden. Allerdings waren die Akteure, die mit der Entwicklung des Fußballs bis 1948 in engem Zusammenhang stehen und im Text etwa als ‚Sportler‘, ,Spieler‘ oder ,Turner‘ bezeichnet werden, hauptsächlich männlichen Geschlechts.

2 Dass wir überhaupt einen expliziten Einblick in den unmittelbaren Marburger Nachkriegsfußball haben, ist auch der Verdienst der lokalen Sportpresse, der man ab 1946 „ausgestattet mit der Genehmigung der zuständigen Besatzungsmacht, der Information Control Division in Wiesbaden, die Herausgabe der ,Marburger Sportberichte‘ gestattete. Bis zur Währungsreform im Jahre 1948 müssen jedoch die ca. 3000 Bezieher des ,Marburger Sportberichts‘ alljährlich ein Kontingend von 5 Kg Altpapier abliefern, da wegen des akuten Rohstoffmangels der Zeitungshersteller nur auf diese Weise zu seinem ,Druckpapier‘ gelangen kann. Ein unfaßbares Glück […] daß der junge Ockershäuser Erwin Eckert im Alter von 11 Jahren den ,Sportbericht‘ abonniert hatte, alle Ausgaben sammelte und die komplette Sammlung nach 50 Jahren an das Archiv des Vorsitzenden der Vereinsgemeinschaft Ockershausen […] übergeben hat“ (zit. nach Drusel, in: StadtA MR Best. S4 SM 589, S. 7).

3 Vgl. Bremer 2003, Fußball ist unser Leben!? Ein Zuschauersport und seine Fans, S. 11ff.

4 Vgl. Zhorsel 1977, Zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus – Sport an der Universität Marburg 1907 – 1945. In: W. Bernsdorff (Hrsg.), Siebzig Jahre Turn- und Sportlehrerausbildung in Marburg. Zur Geschichte des Instituts für Leibesübungen (IfL) 1907 – 1977, S. 9-85, hier: S. 10.

5 Naul, Jonischeit & Wick 2000, Turnen, Spiel und Sport in Schule und Verein. Jugendsport zwischen 1870 und 1932, S. 50.

6 Vgl. Ebd., S. 49.

7 Ebd., S. 51.

8 Vgl. Naul, Jonischeit & Wick 2000, S. 52. Ein zweiter wichtiger Ausgangspunkt der Spielbewegung befand sich in den 1870er-Jahren im Umfeld des Akademischen Turnvereins Berlin. Im Gegensatz zu den englischen Spielen trieb man hier volkstümliche Spiele und führte Barlauf, Schleuderball oder Drittenabschlagen durch, sodass sich ob der dortigen Spielkultur eine überregionale Bekanntheit als ,Schönholzer Spielart‘ etablierte.

9 Vgl. Ebd., S. 57.

10 Ebd., S. 59. Doch obwohl die attraktiven Spiele zunehmend, abweichend je nach Lehrer, in die Unterrichtspraxis einflossen, verweigerte die „bis dahin einzige Ausbildungsstätte für Lehrer in den Leibesübungen in Preußen den neuen Bewegungsformen die Aufnahme in ihren Lehrplan“ (zit. n. Ebd., S. 61).

11 Vgl. Naul, Jonischeit & Wick 2000, S. 63.

12 Vgl. Ebd., S. 107-109.

13 Naul, Jonischeit & Wick 2000, S. 67.

14 Ebd., S. 66.

15 Dauernheim 2014, Fußball in Gießen – die Anfänge. In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen, Band 99, S. 211-234, hier: S. 223.

16 Vgl. Corell 1955, Aus Marburgs Fußball-Vorzeit. In: H. Fischer (Hrsg.), 50 Jahre Fußball in Marburg, S. 7-16, hier: S. 9.

17 Vgl. HStAM Best. 153/9, 1005.

18 Eisenberg 1977, Aus dem vorigen Jahrhundert. In: A.H. Danneberg (Hrsg.), Gymnasium Philippinum 1527-1977. Festschrift zur 450-Jahresfeier, S. 165-176, hier: S. 167.

19 Vgl. Naul, Jonischeit & Wick 2000, S. 107-109.

20 Vgl. Dauernheim 2014, S. 216.

21 Fischer 1955, Aus Marburgs Fußball-Vorzeit. In: H. Fischer (Hrsg.), 50 Jahre Fußball in Marburg, S. 7-13, hier: S. 11. Einige Namen der Spieler aus dieser Zeit sind überliefert. Es handelte sich um: Marseille, Dietze, Stöcker, Schröder, Hoffmann und die Gebrüder Schüzt.

22 HStAM Best. 325/20, 105, S. 27.

23 HStAM Best. 153/9, 1005, Jahresbericht 1891.

24 Vgl. HStAM Best. 153/9, 1005, Jahresbericht 1893.

25 Vgl. Naul, Jonischeit & Wick 2000, S. 73-74.

26 Vgl. HStAM Best. 153/9, 1005.

27 Vgl. Naul, Jonischeit & Wick 2000, S. 166.

28 Vgl. HStAM Best. 153/9, 1005, Jahresbericht 1891.

29 Vgl. Gillmeister 1996, Wer das Gelage bezahlt, darf Mittelstürmer spielen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nummer 140, 19 Juni 1996, S. 31.

30 Vgl. Fischer 1955, S. 11. Als Fußballer dieser Zeit sind überliefert: Dieseler, Hardt, Eschmann, von Baumbach, Schäfer, Schenk, Liedtmann und die Gebrüder Böckel.

31 Finis 1925, Festschrift zum 20jähr. Bestehen. Verein für Bewegungsspiele 05 e. V., S. 4.

32 Vgl. Dauernheim 2014, S. 222.

33 Vgl. Fischer 1955, S. 11. Namen aus dieser Mannschaft sind: Die Gebrüder Corell, der Amerikaner Gideon sowie Wenderoth und Silling vom ATV Marburg.

34 Vgl. Lucy 1950, 45 Jahre Fußball. Eine gedrängte Übersicht über den Fußball im alten VfB. 05 und im VfL. 1860 Marburg vom Jahre 1905-1950. In: A. Hobohm (Hrsg.), Festschrift zum 90. Stiftungsfest des VfL 1860 Marburg, S. 12-16, hier: S. 13.

35 Fischer 1955, S. 11-12.

36 Grüne 1996, Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs. Vom Kronprinzen bis zur Bundesliga. 1890 bis 1963, S. 24.

37 Vgl. Bremer 1983, 1883 - 1983 Akademischer Turnbund. Festschrift aus Anlaß des 100jährigen Bestehens. Vorgelegt zum XIX. ATB-Fest in Fellbach vom 19. - 23. Mai 1983, S. 61.

38 Ebd., S. 82.

39 Vgl. Heuser, Geißler & Funk 1928, Die Akademische Turnverbindung 1888-1928. Festschrift zum 40. Stiftungsfest., S. 7.

40 Ebd., S. 42. Auch an späteren wegweisenden sportpolitischen Ereignissen war man maßgeblich beteiligt. So stellte die ATV Marburg Vorsitzende in der Deutschen Turnerschaft (DT), im Arbeiterturnerbund (ATB) sowie auf lokaler Ebene Führungspositionen im Marburger Institut für Leibesübungen oder den großen Stadtvereinen TSV 1860-85 und VfB 05 (Vgl. Bremer 1983, S. 338).

41 Heuser, Geißler & Funk 1928, S. 41

42 Vgl. Fischer 1983, 75 Jahre Fußball in Marburg (1905-1980). In: H. Fischer und W. Bernsdorff (Hrsg.), Wie schön ist doch das Fußballspiel. Fußball in Marburg 1905-1980, S. 1-64, hier: S. 9.

43 Vgl. Akademischer Turnverein zu Marburg 1904, Handbuch des Akademischen Turnvereins Marburg, S. 9.

44 HStAM Best. 153/15, 46, S. 26.

45 Vgl. Ebd.

46 Fischer 1955, S. 12.

47 Vgl. Hopf 1979, Die Entstehung des Fußballsports. In: W. Hopf (Hrsg.), Fußball. Soziologie und Sozialgeschichte einer populären Sportart, S. 54-80, hier: S. 55.

48 Vgl. Bernett 1982, Der Sport im Kreuzfeuer der Kritik. Kritische Texte aus 100 Jahren deutscher Sportgeschichte, S. 103.

49 Ebd., S. 11.

50 Eiben 2016, Das Subjekt des Fußballs. Eine Geschichte bewegter Körper im Kaiserreich, S. 264. Als Argument gegen die Sportart wurde etwa die vermeintliche Einseitigkeit der Bewegungen beim Fußballspiel geltend gemacht.

51 Vgl. Naul, Jonischeit & Wick 2000, S. 77.

52 Vgl. Edb., S. 79.

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Fußball in Marburg vor dem Hintergrund der nationalen Fußballbewegung. Entwicklung von seinen Anfängen bis 1948
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
102
Katalognummer
V985020
ISBN (eBook)
9783346344038
ISBN (Buch)
9783346344045
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fußball, marburg, hintergrund, fußballbewegung, entwicklung, anfängen
Arbeit zitieren
Benjamin Schacht (Autor), 2016, Fußball in Marburg vor dem Hintergrund der nationalen Fußballbewegung. Entwicklung von seinen Anfängen bis 1948, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/985020

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