Die gedoppelte Bedeutung von Herrschaft und Knechtschaft. Selbstbewusstsein bei Hegel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Hausarbeit für das Seminar „Kulturelle Identität und Individuation. Zum Verhältnis von Selbst und Anderssein“

Johannes Jarchow

Die gedoppelte Bedeutung von Herrschaft und Knechtschaft - Selbstbewusstsein bei Hegel

Textgrundlage

Hegel, G. W. F. (2005). Die Wahrheit der Gewissheit seiner Selbst. A. Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewusstsein; Herrschaft und Knechtschaft. In Phänomenologie des Geistes. Paderborn: Voltmedia.

Sekundärliteratur

Hansen, F.-P. (1994). Georg W. F. Hegel: “Phänomenologie des Geistes“: Ein Einführender Kommentar. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh.

Honneth, A. (1992). Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Kojèv, A. (2000). Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Siep, L. (2006). Die Bewegung des Anerkennens in Hegels Phänomenologie des Geistes. In Köhler, D. & Pöggeler, O. (Herausgeber). Hegel: Phänomenologie des Geistes. Berlin: Akademie Verlag.

Lese-Hinweis

In dieser Arbeit wird der Ich-Begriff verwendet, um die Perspektive des Eigenen zum Anderen abzugrenzen. Gemeint ist ein abstraktes Ich und nicht meine persönliche Sichtweise. Um beide Ich-Formen voneinander abzugrenzen, schreibe ich das abstrakte ICH/ MICH/ MEIN in Grossbuchstaben.

Das Grundwesen des Textes besteht in einer ausgeprägten Dialektik. Hegel entwirft Thesen, denen er unmittelbar Antithesen entgegengestellt. Schon allein in der äußeren Form vermittelt er hier, dass alles Existente nur in seiner Auflösung besteht - was existiert, muss vernichtet werden, um zu existieren. Gemeint ist hier keine gegenständliche Zerstörung, sondern die Verwandlung in etwas Brauchbares, dem eigenen Sein Nützliches. Gemeint ist eine Zerstörung auf der Ebene der Erkenntnis. Erst wenn ICH Bewusstsein darüber erlange, dass ICH etwas, das ICH nicht selbst bin, aufheben muss, um es zu erkennen und nützlich zu machen, kann ICH aktiv und schöpferisch werden, und in der Negation des Anderen MICH selbst finden.

Hegel wirft in seinen Ausführungen die Frage auf: Was ist das Selbstbewusstsein? Dabei kritisiert er zunächst die These des Solipzismus, dass ein ICH sich selbst genügt, um sich zu erkennen und bedient sich einer Dichotomie auf sprachlicher Ebene: Zur Erfahrbarkeit des Selbst braucht es das Andere, von dem es sich unterscheiden kann. Es bedarf einer Differenz, sonst ist die Selbst-Findung bewegungslos tautologisch - „Ich bin Ich.“

Das Selbstbewusstsein braucht andere Selbstbewusstseine, von denen es anerkannt wird. Und eben hierin liegt ein nahezu unlösbares Problem, dass Hegel mit der Metapher der Herrschaft und Knechtschaft beschreibt. Im Folgenden soll die These begründet werden, dass Herrschaft und Knechtschaft eng verkoppelte, beinahe ununterscheidbare Zustände sind und nur in ihrer Ganzheit und der ihr innewohnenden gedoppelten Bedeutung zu verstehen sind. Der zum Selbstbewusstsein führende Prozess verläuft in mehreren Stufen - kurz gesagt: Negation äußerer Objekte (einfaches Fürsichsein), Negation des Selbst im Anderen, Aufhebung der Negation des Selbst im Anderen, Herrschaft und Knechtschaft, wechselseitige Anerkennung, gemeinsames Selbstbewusstsein - wobei ich mich vor allem auf die Herrschaft-Knechtschaft-Phase und den dyadischen, nicht­soziologischen Ansatz konzentrieren werde, um meine These zu begründen.

Ausgangspunkt der Überlegungen soll die Hegelsche Terminologie der Begierde sein. Wir begehren das Andere, also etwas, das wir nicht sind. Einerseits gilt diese Begierde der uns umgebenden, gegenständlichen Welt, dessen Befriedigung im Vernichten, also im selbstsüchtigen Instrumentalisieren und Genießen der Gegenstände liegt. Andererseits begehren wir lebendige Andere, über die wir - im Gegensatz zur schlichten Begierde der Gegenstände - dauerhafte Befriedigung des begehrenden Selbst erlangen können. Damit MEINE Begierde befriedigt wird, muss ich den Anderen seiner Freiheit berauben, ICH muss ihn unterwerfen, auf etwas Gegenständliches reduzieren - ICH muss die Begierden des Anderen negativieren. Damit ICH etwas unterwerfen kann, muss ICH vorher seine Existenz anerkennen, womit ICH mich aber gleichzeitig der Begierden des Anderen unterwerfe, denn es begehrt ebenso und gleichzeitig das Andere, also auch MICH. Hier ist der Ursprung des Kampfes zwischen den Selbstbewusstseinen, aus denen am Ende einer als Herr, der andere als Knecht hervorgehen wird. Hier ist der Ursprung dessen, das Hegel Bewegung der Anerkennung nennt, als Konsequenz unserer Begierde, deren Befriedigung uns zu einem Bewusstsein über uns Selbst führt, denn in dem, was ICH begehre, steckt gleichzeitig, was ICH bin.

„Es ist für das Selbstbewusstsein ein anderes Selbstbewusstsein; es ist außer sich gekommen. Dies hat die gedoppelte Bedeutung: erstlich, es hat sich selbst verloren, denn es findet sich als ein anderes Wesen; zweitens, es hat damit das andere aufgehoben, denn es sieht auch nicht das andere als Wesen, sondern sich selbst im Anderen.“ (S. 146, a. a. O.)

Indem ICH den Anderen anerkenne, mache ICH mich zum Knecht seiner Begierde. Vor jeder Herrschaft steht also immer eine - zumindest kurzzeitige - Knechtschaft (auch hier finden wir die gedoppelte Bedeutung), denn ICH kann nicht selbst anerkannt werden, wenn ICH den Anderen nicht anerkenne, sonst gäbe es Niemanden, den ICH als Jemanden akzeptiere, der MICH anerkennt. Dabei reicht nicht die bloße Gedanklichkeit dieser Annahme, sondern sie muss dem Anderen offenbart werden, der Akt der Unterwerfung muss im Bewusstsein des Eigenen und des Anderen stattfinden, also über ein Medium, in aller Regel die Sprache, transportiert werden. Um nun selbst zu bestehen, muss der eben Unterworfene den Anderen vernichten, damit die eigene Negation aufgehoben werden kann, er also ebenfalls anerkannt wird. Würde der Andere dies zulassen, wäre die Anerkennung nichtig. Um seine eigene Unterwerfung zu verhindern, beginnt nun ein Kampf um Leben und Tod, an dessen Ende aber niemand sterben darf, weil dann niemand mehr wäre, der dem Anderen die Anerkennung gewährte.

Es stellt sich die Frage, wer diesen Kampf der Anerkennung für sich entscheiden kann. Auf der einen Seite hängt dies entscheidend davon ab, wie stark die Begierde ist, den Anderen zu assimilieren. Ist das Grundbedürfnis nach Nahrung beispielsweise nicht befriedigt, kann aus der Not heraus der Antrieb des ohne Nahrung Seienden (des Besitzlosen) groß genug sein, um zu stehlen, also den Besitzenden seines Besitzes (und auch seiner Selbst) zu berauben - aus einem Knecht kann jederzeit ein Herrscher werden und eben auch umgekehrt. Auf der anderen Seite geht es aber auch um die Antizipation der Folgen des Kampfes bei jenem oder anderem Ausgang. ICH kann mich in die eine oder andere Rolle ergeben, weil ICH ihren Vorteil durchschaut habe. Sich in die Rolle des Herrschers zu ergeben setzt voraus, dass der Andere sich in die Rolle der Knechtschaft ergibt. Da dies aufgrund unserer Begierde kaum der Fall ist, kann man sich im Grunde nur in die Rolle des Knechts ergeben, die Rolle des Herrschers muss erkämpft werden. Bei Hegel geschieht dies dadurch, dass ICH mein Leben einsetze, um die Anerkennung des Anderen zu erkämpfen. Da diese Anerkennung nicht lebenswichtig ist, erhebe ICH mich damit gleichzeitig über das Leben, mache dem Anderen so deutlich, dass ICH mein Selbstbewusstsein für wichtiger als das Leben selbst erachte. Nun ist es bei dem Anderen, sich in die Rolle des Knechtes zu ergeben oder sich noch weiter über das Leben zu erheben, was in seiner Konsequenz den Tod bedeutete, einer Unterwerfung, die keiner Seite nützt.

Herrschaft kann in zweierlei Hinsicht bestehen.1 Die eine ist die Herrschaft über das Ding (Stufe 1 im Prozess des Selbstbewusstseins: Vernichtung der äußeren Objekte), wir nennen es Besitz. Die andere ist die Herrschaft über andere Selbstbewusstseine, Hegel nennt es Anerkennung. Auch hier besteht eine Doppeltheit und Nichtdifferenzierbarkeit, denn die Herrschaft über andere Selbstbewußtseine ist auch eine Herrschaft über Dinge - der andere Seiende muss vergegenständlicht, reduziert werden, damit ICH ihn be-herrsche.

Im Sinne meiner Hauptthese möchte ich nun erörtern, dass die Herrschaft als eine spezielle Form der Knechtschaft angesehen werden kann und umgekehrt (hierin liegt die angenommene Doppelsinnigkeit) und dass jeder Herrscher immer auch Be-herrschter ist. Wie eben definiert bedeutet Herrschaft die Unterwerfung des Anderen. Anders gesagt: Herrschaft ist Freiheit von Unterwerfung, denn der Andere ist nicht mehr, um mich zu unterwerfen – er ist im Kampf um Anerkennung zu MEINEM Knecht geworden. In seiner Angst vor dem Tod hat er MEINE Herrschaft anerkannt und MICH so (augenscheinlich) zu einem Bewusstsein von mir Selbst geführt.

Gleichzeitig verliere ICH durch Herrschaft meine Freiheit,2 weil ICH die Anerkennung verteidigen muss. Es besteht eine Abhängigkeit zum Knecht, der MICH als seiendes und herrschendes Wesen anerkennt. Kojèv argumentiert darüber hinaus, dass es in der Herr-Knecht-Beziehung allein der Knecht ist, der zur Freiheit1 gelangt, indem er im Dienste des Herrschers seine eigenen Begierden und Instinkte überwindet (denn er stellt diese unter das Wohl des Herrschers) und in der schöpferischen (Zwangs-)Arbeit mit und an der Natur zu Technik, Wissenschaft, Kunst, ja zu einer Idee seiner Selbst gelangt2. Dem Herrscher hingegen droht durch die Distanz zum schöpferischen Tun die Verdummung - nur über die Zwischenschaltung des Knechtes zwischen dem Herrscher und der Natur, vermag der Herrscher die Natur zu beherrschen. Würde er seinen Herrschaftsanspruch verlieren, drohte ihm durch den Verlust des Kontaktes mit der Natur der Tod. Auch hier findet sich die Hegelsche Dialektik wieder. Herrschen heißt frei sein und abhängig sein gleichermaßen – es resultiert eine negative Freiheit. Um MICH von Abhängigkeiten zu befreien, müsste ICH den mich abhängig Machenden zerstören; indem ICH ihn zerstörte, gelänge ich wieder zu einem reinen, freien ICH, verlöre aber die Anerkennung durch ihn, den ICH zerstört habe, verlöre ICH die Differenz zu dem Anderen und verlöre am Ende das Bewusstsein meiner Selbst, denn es ist erst im Bewusstsein des Anderen.

Wir befinden uns in einem permanenten Spannungszustand zwischen Anerkennen und Unterwerfen, zwischen Ergeben und Erkämpfen, zwischen Herrschen und Beherrschen. Dies ist das Besondere in der menschlichen (im Gegensatz zur animalischen) Existenz; der kaum auflösbare Konflikt im Mensch- Sein.

[...]


1 Eine Kritik zu dieser Hegel-Interpretation erlaube ich mir zum Ende meiner Arbeit.

2 „Das wahre Sein des Menschen ist vielmehr seine Tat“ (Hegel, S. 236, a. a. O.).

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die gedoppelte Bedeutung von Herrschaft und Knechtschaft. Selbstbewusstsein bei Hegel
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Kulturelle Identität und Individuation. Zum Verhältnis von Selbst und Anderssein
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V985341
ISBN (eBook)
9783346342690
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Individuation, Verhältnis von Selbst und Anderssein, Selbst, Anderssein, Herrschaft und Knechtschaft, Selbstbewusstsein bei Hegel, Hegel, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Idealismus, deutscher Idealismus
Arbeit zitieren
Johannes Jarchow (Autor), 2006, Die gedoppelte Bedeutung von Herrschaft und Knechtschaft. Selbstbewusstsein bei Hegel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/985341

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