Erörterung der Literaturauffassung Georg Büchners und auf deren Hintergrund Interpretation von vier selbstgewählten Szenen aus "Woyzeck"


Seminararbeit, 2000

35 Seiten, Note: beste Arbe


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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Mittel in Büchners Literatur
2.1 Sprache als Ausdrucks - und Darstellungsmittel
2.2 Leitmotive und volkstümliche Elemente
2.3 Die Gestaltung des Personals

3. Büchners Kunstbegriff
3.1 Abgrenzung vom Idealismus
3.2 Realismus
3.3 Ästhetik
3.4 Wirkung durch Mitleid

4. Interpretationen
4.1 Marie, das Kind und Woyzeck
4.2 Der Doktor und Woyzeck
4.3 Andres und Woyzeck
4.4 Der Tambourmajor und Woyzeck

5. Nachwort

Verzeichnis der verwendeten Literatur

1. Vorwort

Was prägt eine Auffassung von Literatur? Es sind die Aspekte, die für jeden Einzelnen Literatur ausmachen, was man - in diesem Fall Georg Büchner - unter Literatur und, was im Lauf der Arbeit noch ersichtlich werden wird, allgemein unter Kunst versteht, wie Kunst dargestellt werden und schließlich, wie sie wirken soll.

Soll ein Werk oder ein Schriftsteller im Hinblick auf seine Literaturauffassung oder seine Ansicht über die Aufgabe von Kunst genauer betrachtet werden, so richtet sich ein erster Blick immer auf Lebens- oder Entstehungsdaten. Auf Grund solcher Angaben kann man den Schriftsteller in einen literaturgeschichtlichen Zusammenhang einordnen. Dieses Festlegen auf eine Epoche ist aber nicht unproblematisch. Wenn wir wissen, dass Georg Büchner von 1813 bis 1837 lebte und der ,, Woyzeck" etwa in den Jahren von 1832 bis 1834 entstand, der Zeit der politischen Restauration, und wenn wir uns der sozialkritischen Tendenzen im ,,Woyzeck" bewusst sind, dann ist es naheliegend, Georg Büchner samt seiner Literaturauffassung dem Jungen Deutschland zuzuordnen. Büchner selbst aber äußert sich zum Jungen Deutschland in der Art, dass er die Vorstellung der Jungdeutschen von Kunst und ihrer Wirkung als ,,Irrglaube"1 bezeichnet. In einem Brief an Karl Gutzkow, einen Schriftsteller, der sich zu der losen Gruppe des Jungen Deutschland zählt, schreibt Büchner, dass man die Welt nicht nur durch Kritik an den herrschenden Systemen und utopischen Verbesserungsvorschlägen in Form von Literatur ändern könne, was Gutzkow, Heine, Börne und andere Jungdeutsche für möglich hielten.

Diese Methode der Erschließung nur durch Festlegen auf eine Epoche ist nicht praktikabel. Eine Epoche hinterlässt durch zeitliche Nähe natürlich Spuren in einem Werk. Büchner war nicht von allen literarischen Zeitgenossen isoliert, im ,,Woyzeck" gibt es Parallelen zum literarischen Biedermeier, dem er, da es sich um einen Sammelbegriff oder ,,Strömung"2 handelt, unter Vorbehalt wenigstens historisch zugeordnet werden darf. Georg Büchner stellt somit keine Ausnahme dar.

Es ist vielmehr ein Beispiel dafür, dass Zeitgleichheit nicht auf feste Zugehörigkeit schließen lässt, da er durch seine neuartigen Methoden, wie zum Beispiel die gänzliche Missachtung der Forderungen an die dramatische Form, total aus den zeitlichen Kontext fällt. Will man die Literaturauffassung eines Schriftstellers erörtern, muss man sich an dessen individuellen Vorstellungen und Intentionsabsichten orientieren, und darf nicht lediglich auf das zeitliche Umfeld zurückgreifen, was zwangsläufig zu Fehlern oder Verallgemeinerungen führen würde.

2. Die Mittel

Büchners Literaturauffassung spiegelt sich auf den ersten Blick in der äußeren Form seiner Dramen wider. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Sprache, des dramatischen Aufbaus und der agierenden Personen vor allem von solchen Stücken, die die Literaturwissenschaft der Klassik zuordnet, oder, im Bezug auf die Form, der Kategorie des geschlossenen Dramas. Wie Büchner die Mittel des Schriftstellers auf neuartige Weise einsetzt, möchte ich an dem Drama "Woyzeck" beispielhaft beleuchten, ohne dabei einer Interpretation zu nahe zu kommen.

2.1 Sprache als Ausdrucks - und Darstellungsmittel

Die Sprache, die von den Personen im Drama ,,Woyzeck" gesprochen wird, ist im Gegensatz zu der Sprache in anderen Dramen aus verschiedenen Epochen keine stilisierte Kunstsprache, sondern die wirklich gesprochene Sprache der Zeit, in der das Werk entstanden ist. Trotzdem muss man die Sprache als ,,konstruiert" bezeichnen. Die dialekthafte Färbung, der Satzbau, der Wortschatz sind keineswegs zufällig, sondern werden von Büchner bewusst eingesetzt. Korrekt formuliert müsste man eigentlich von einer mundartlichen Kolorierung statt von einem Dialekt sprechen, da ein Dialekt nur in Anklängen vorhanden ist. So zum Beispiel in einem Satz von Marie:

,,Bist doch nur ein arm Hurenkind und machst deiner Mutter Freud mit deim unehrliche Gesicht"3.

,,Arm" statt ,,armes" oder ,,deim" statt ,,deinem" sind Beispiele für besagte dialekthafte Färbungen, die nicht einem "regional definierbare[n] Dialekt"4 entstammen, sondern nur eine völkische Umgangssprache darstellen sollen, die es nicht wirklich gibt, sondern die Georg Büchner entworfen hat. Es stellt sich die Frage, warum Büchner nicht in einem wirklich existierenden Dialekt, zum Beispiel in dem seiner hessischen Heimat schreibt, oder in der Mundart, wie sie in Straßburg gesprochen wurde, wo Büchner lange Zeit lebte. Der Grund ist, dass Büchner lediglich wollte, dass ein Dialekt gesprochen wird. Der Sinn dessen ist die möglichst realistische Darstellung, die Büchner von der Literatur fordert. Wenn das Stück komplett in einem ,,richtigen" Dialekt geschrieben wäre, so wie Gerhard Hauptmanns schlesische Version der ,,Weber", so wäre die erwünschte Wirkung beeinträchtigt, aus dem einfachen Grund, da das Stück nur von denjenigen Zuschauern verstanden würde, die selber des Dialekts, der im Stück gesprochen wird, mächtig sind. Die Rezeption des Stückes wäre dann auf einen Sprachraum beschränkt. Daher nur Kolorierung, um das Vorhandensein eines Dialekts anzudeuten. Der Dialekt charakterisiert darüber hinaus auch die Unterschicht, der Doktor oder der Hauptmann sprechen stets Standardsprache. Büchner grenzt somit die Mitglieder der dargestellten Gesellschaft voneinander ab.

Will man die Sprache im ,,Woyzeck" hinsichtlich des Satzbaus und des Wortschatzes beschreiben, so fällt auf, dass nicht einheitlich nur lange oder kurze Sätze vorkommen, dass es sich nicht ausschließlich um einen beschränkten oder um einen komplexen Wortschatz handelt oder dass die Personen immer die gleichen syntaktischen Strukturen benutzen. Vier Beispiele aus dem Text sollen dies belegen:

,,W o y z e c k. Red was! [...] Andres! Wie hell!"5.

,,W o y z e c k. Sehn Sie, wir gemeinen Leut, das hat keine Tugend, es kommt einem nur

so die Natur, aber wenn ich ein Herr wär und hätt ein Hut und eine Uhr und en Anglaise und könnt vornehm reden, ich wollt schon tugendhaft sein."6.

,,D o k t o r. Woyzeck Er hat die schönste Aberratio, mentalis partialis, die zweite Spezies, sehr schön ausgeprägt, Woyzeck Er kriegt Zulage. Zweite Spezies, fixe Idee, mit allgemein vernünftigen Zustand, [...]"7.

,,T a m b o u r m a j o r. [...] Ich will ihm die Nas ins Arschloch prügeln."8.

Die vier Passagen unterscheiden sich hinsichtlich der Länge der Sätze, der Satzkonstruktionen (Parataxen und Hypotaxen) und des Wortschatzes. Diese Erscheinungen sind nicht willkürlich, sondern haben eine konkrete Aufgabe. Wenn Woyzeck gerade einen seiner psychischen Anfälle und Visionen hat, spricht er in sehr kurzen Sätzen, benutzt oft nur aneinandergereihte Ausrufe oder Worte, wie im ersten Beispiel. Im zweiten Beispiel, aus der Szene mit dem Hauptmann, in der Woyzecks Verstand klar ist, spricht er in ganzen Sätzen, sogar mit einer hypotaktischen Kausalkonstruktion (,,wenn , ich wollt [dann] schon tugendhaft sein.". Insgesamt spricht Woyzeck aber eine sehr einfache, mundartlich Sprache. Büchner will ihn dadurch charakterisieren. Er ist ein einfacher Mann, kann, wie es Büchner ihm explizit in den Mund legt, nicht ,,vornehm reden"9. Auch seine Krankheit äußert sich in der Sprache. Mit den kurzen Ausrufen wird seine Verwirrung zum Ausdruck gebracht. Auch bei den Zitaten des Doktors und des Tambourmajors ist ersichtlich, dass Georg Büchner mit der Gestaltung der Sprache eine bestimmte Darstellungsabsicht verbindet. Die Ausdrucksweise des Doktors kennzeichnet ihn als Wissenschaftler. Das Zitat ist Teil der Diagnose, dass Woyzeck geisteskrank sei. Bezeichnend sind dabei die verwendeten Fachausdrücke (,,Aberatio", ,,mentalis partialis") und die genaue Bestimmung des Krankheitsbildes ( ,,zweite Spezies"). Diese Sprache ist für Woyzeck, der eigentlich Gegenstand des Gesprächs ist, auf Grund ihrer Wissenschaftlichkeit nicht verständlich, obwohl sie sich vom Satzbau her nicht von der Woyzecks unterscheidet. Büchner charakterisiert hier also nicht nur den Doktor, sondern stellt auch noch die Kommunikationsbarriere zwischen den beiden dar. Das vierte Beispiel hat eine andere Aussageabsicht inne. Auffällig sind hier derbe Grobheit und primitives sprachliches Niveau des Tambourmajors. Mit einem solchen Satz wird klar und prägnant die Brutalität des Tambourmajors zum Ausdruck gebracht. An seiner Wortwahl (,,Arschloch") und der Benutzung der Mundart (,,Nas") erkennt man außerdem, dass er nicht besser oder vornehmer ist als Woyzeck, obwohl er eine Uhr hat10, was Woyzeck als Requisit tugendhafter Leute ansieht (,,[...] hätt [...] eine Uhr [...], ich wollt schon tugendhaft sein"11 ). Dass der Tambourmajor denn noch nicht tugendhaft ist, wird durch seine eigenen Sätze ausgedrückt. Georg Büchner hat die Sprache also sehr bewusst gestaltet, sie ist für seine Intention wichtig. In seiner Literatur wird eine ,,sprachliche Charakterisierung des Volkes [durch] naturalistische Wiedergabe"12 erreicht. Im Literaturbrief heißt es: ,,Wenn ich ihre Liederlichkeit schildern wollte, so musste ich sie eben liederlich sein, wenn ich ihre Gottlosigkeit zeigen wollte, so muss ich sie eben wie Atheisten sprechen lassen"11 (Lit.brief). Er bezieht sich hier auf ,,Dantons Tod", aber Analoges gilt auch für ,,Woyzeck". Die Sprache soll naturalistisch und expressiv sein: Nur wenn die Personen so sprechen wie wirkliche Menschen, kann damit auch etwas ausgedrückt werden; nicht nur der Inhalt des Gesprochenen zählt, sondern auch wie es gesagt wird, die Sprache an sich. Sie kann zeigen, aus welcher gesellschaftlichen Schicht ein Sprecher stammt, ob er gebildet, grob oder geistig verwirrt ist. Frida Pongs - Andersson schreibt zur Sprache, dass im Woyzeck ,,die Form [...] ganz zum Inhalt geworden"13 sei.

2.2 Leitmotive und volkstümliche Elemente

Im ,,Woyzeck" greift Büchner zu dem literarischen Mittel der Leitmotive oder der ,,metaphorischen Verklammerung"14. Diese Leitmotive, meistens nur einzelne Worte, geben Hinweise auf den weiteren verlauf des Dramas.

Auffällig ist das Motiv ,,rot": Marie hat einen ,,so roten Mund"15, hier noch wertfrei und recht harmlos, ein Mädchen singt von ,,rote Sock"16, dann heißt es: ,,Was der Mond rot aufgeht"17, ,,Rot, Blut"18 und ,,Was hast du eine rote Schnur um den Hals?"19.

Das immer wieder kehrende ,,rot" fällt zunächst nur auf, suggeriert aber allmählich die Verbindung zu Blut, je näher die Handlung auf den Mord zuläuft. Das Motiv wird jetzt auch nicht mehr nur in den Raum gestellt, wie bei der Erwähnung Maries ,,roten Mund[es]", sondern wird vorbereitet, so dass es dem Publikum nicht entgeht. Denn dass in dem Lied vom ,,St. Lichtmesstag"20 die ,,rote[n] Sock" erwähnt werden, ist zweifellos auffällig.

Die Herkunft des Liedes ist ungeklärt21, wahrscheinlich von Büchner erfunden, das Motiv ist bewusst eingefügt worden. Es wird auch von dem ersten Kind kommentiert, ,,'s ist nit schön"22. Das Kind unterbricht das Lied genau an der Stelle, wo das Motiv ,,rot" auftaucht, will nichts damit zu tun haben und erklärt es als negativ, es gefällt ihm nicht. Käthe verknüpft schließlich das Leitmotiv, das sich durch das ganze Stück zieht mit dem Mord, in dem sie ,,Rot" und ,,Blut"23 direkt zusammen erwähnt. Es gibt noch weitere ähnliche Hinweise auf den Mord:

,,M a r i e. Das Kind gibt mir einen Stich ins Herz..."24. Marie kündigt ihren eigenen Tod an. Der Narr antwortet auffälligerweise mit einer Geschichte von der ,,Blutwurst"25, die durch die beinahe groteske Collage des Versleins makaber wirkt.

Das Lied ,,Ringle, ringel Rosenkranz. König Herodes"26, eine Zusammenfassung von Maries Leben: Tanz und Tod, vorbereitet durch das ständig wiederkehrende Motiv ,,Tanz" in unterschiedlicher Gestalt: ,,Tanz, tanz"27, ,,Es dreht sich mir vor den Augen"28, ,,dreht euch"29

Es ergibt sich daraus der Eindruck, als sei der Mord von Anfang an unbewusst geplant gewesen, als geistere der Gedanke daran unablässig in den Köpfen der Personen. Ein roter Faden zieht sich durch das Stück. Büchner will damit die Determiniertheit der Menschen ausdrücken, dass sie ihrem Schicksal, das ihnen durch ihre Umwelt auferlegt ist, nicht entkommen können. Marie wird auf Grund ihres Charakters, ihres Wunsches, aus ihrer Armut auszubrechen, für billige Ohrringe und kurze Augenblicke des Rausches untreu und wird dafür von Woyzeck ermordet. Der wird zum Mord gewissermaßen gezwungen, weil ihn seine Armut und die Ausbeutung durch den Hauptmann und den Doktor verrückt gemacht haben. Zusätzlich verursachen Eifersucht und kaum erwiderte Liebe - er hat sich für Marie und das Kind aufgeopfert, von Marie wissen wir nicht, was sie zum Gelingen der Beziehung beiträgt, sie erfreut sich vor allem an Dingen, die nichts mit Woyzeck zu tun haben, an dem Verhältnis zum Tambourmaior, an dem Schmuck, an den lächerlichen Vorstellungen in der Bude des Marktschreiers - den unabwendbaren Mord.

Den Volkslied- und Gedichteinlagen fällt eine ähnliche Aufgabe zu, wie den Leitmotiven. Sie sollen dem Publikum etwas über die Handlung mitteilen, was über das, wovon die Personen im eigentlichen Text sprechen, hinausgeht.

Die Einlagen, bestehend aus Gedichten, Sprüchlein, Liedern, Märchen und Bibelzitaten sind natürlich für die Darstellung einfacher Menschen hilfreich, sie sind die Kunst des Volkes. Im Text von Hauptmann und Doktor gibt es keine volkstümlichen Unterbrechungen, da sie einer höheren Schicht angehören, und somit Zugang zu höheren Kunstformen haben.

Grundsätzlich sind die Einlagen Analogien zum Geschehen, ,,Korrespondenz des Inhalts"30 mit der Handlung. Die Personen greifen immer zu Zitaten, wenn sie selbst nicht kompetent genug sind, die Situation zu kommentieren31, oder wenn Büchner Teile der Handlung noch einmal zusammenfassen will.

,,A n d r e s. [...] Sie sitzt in ihrem Garten Bis dass das Glöcklein zwölfe schlägt Und passt auf die Solda-aten"32.

Andres spielt hier, ob bewusst oder unbewusst33, auf Maries Untreue an.

Andere Lieder und Zitate fassen Aspekte des Inhalts prägnant zusammen. Der erste Handwerksbursch beschreibt mit einem Lied die Situation aller Angehörigen seines Standes:

,,1. H a n d w e r k s b u r s c h.

Ich hab ein Hemdlein an

Das ist nicht mein

Meine Seele stinkt nach Brandewein"34.

Die Einlagen verdeutlichen also die Handlung. Sie haben aber keinesfalls unterhaltende Absicht und dienen nicht der Ästhetik. Sie gehören zu den Kommunikations- und Ausdrucksmitteln des Volkes. Sie halten gewissermaßen "die Fülle der Handlung [, die] in vielen Einzelsplittern jeweils nur skizziert"35 ist, zusammen.

2.3 Die Gestaltung des Personals

Der Dichter steht laut Georg Büchner über dem Geschichtsschreiber, weil er ,,uns statt Charakteristiken Charaktere und statt Beschreibungen Gestalten gibt"36. Anhand der Personen im ,,Woyzeck" lässt sich untersuchen, was er mit ,,Charakteren" und ,,Gestalten" meint, und wie er sie nicht zu ,,Holzpuppen"37 und ,,Marionetten"38 werden lässt.

Im Zentrum des Dramas steht die Hauptfigur Woyzeck. Diese Figur hat Büchner sehr genau gezeichnet. Aus den von ihm benutzten Vorlagen hat er übernommen, dass Woyzeck ein uneheliches Kind hat, dass er unter starkem Stress, Visionen, Halluzinationen und anderen psychischen Störungen leidet und, vor allem, dass er zur untersten sozialen Schicht gehört und innerhalb dieser Schicht ein Außenseiter ist. Das erfahren wird aus konkreten Äußerungen: ,,M a r i e. Der Mann! So vergeistert. Er hat sein Kind nicht angesehn. Er schnappt noch über mit den Gedanken"39,

in erster Linie aber nicht durch solche expliziten Hinweise, sondern Darstellung der Visionen (,,Wie hell!"40 ) und durch die bewusste sprachliche Gestaltung

(,,Immer zu! Immer zu! Still Musik"41 ), die den Wahnsinn zum Ausdruck bringt. Woyzeck wird genau beschrieben, in seinen Eigenschaften als rangniederer Soldat, als Vater, als finanziell mittellos, als Freund oder als Versuchsgegenstand für den Doktor. Ein ähnlich ausführliches Bild erhalten wir nur noch von Marie. Bei diesen beiden handelt es sich um Gestalten, die lebensecht gezeichnet sind. Die übrigen Personen stellen eher ,,Personenfragmente"42 dar, was nicht heißt, dass sie weniger realistisch sind. Ihre Eigenschaften werden nur jeweils von der ,,einen Seite scharf, ja überscharf, belichtet"43, mit der sie mit Woyzeck in Verbindung stehen. Woyzeck wird also nicht nur durch Sprache, Handlung, sondern auch durch die anderen Personen charakterisiert.

Noch einmal zu der Forderung Büchners: ,,der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich [...] kommen"44. In den Punkten über die Abgrenzung vom Idealismus und den Realismus noch näher drauf eingegangen, an dieser Stelle aber schon vorweggenommen, dass Büchner den Menschen als determiniertes Objekt und Produkt von ,,Umstände[n, die] außer uns liegen"45 als seiner Umwelt ist. Also gehört zu einer realistischen Darstellung eines Menschen, in unserem Falle Woyzecks, auch eine Schilderung der Mitmenschen, durch die er determiniert wird. Da Büchner kein reiner Naturalist war, sondern sich die Freiheit nahm, zu gestalten, hielt er es nicht für nötig, die Nebenfiguren ebenso ausführlich zu zeichnen wie Woyzeck, der im Mittelpunkt der Betrachtung steht.

Die Personen ,,Soldaten", ,,Volk", ,,Leute", ,,Studenten", ,,Jude", ,,Großmutter", ,,Kinder", ,,Marktschreier", ,,Käthe", ,,Magreth", ,,Tambourmaior", ,,Andres" stellen das Volk allgemein dar. Sie dienen der realistischen Darstellung, da sie Vielfalt und Leben in das Stück bringen. Stereotypen sind sie deswegen, weil sie gesellschaftliche Klischees und menschliche Schwächen verkörpern (so ist der Jude geldgierig, die Handwerksburschen sind dem Alkohol zugetan oder der Marktschreier eine Karikatur eines Wichtigtuers). Sie sind wichtig zur Darstellung der gesellschaftlichen Situation (Armut und Alkoholismus bei den Handwerksburschen, mangelndes Einfühlungsvermögen bei Andres, Brutalität beim Tambourmaior). Darüber hinaus stellen die Personen, erweitert durch ,,Doktor" und ,,Hauptmann" den Gegensatz zwischen der unteren sozialen Schicht und dem hierarchisch höhergestellten (Hauptmann) Bürgertum dar. Die beiden Vertreter der oberen Schicht werden hauptsächlich als Unterdrücker Woyzecks gezeigt. Sie fügen ihm seelische und körperliche Gewalt zu. Auch sie sind nur ausschnitthaft gestaltet, nur diejenigen ihrer Eigenschaften erscheinen, die für ihre Beziehung und Beeinflussung Woyzecks relevant sind.

Zusammenfassend lassen sich folgende Punkte herausstellen: Büchner gestaltet sein Personal getreu der Forderung, dass Literatur die Wirklichkeit darstellen soll, er setzt die Personen sogar ein, um zusätzliche Realität herzustellen (die Vielfalt der Personen unterscheidet sich von dem Personal des klassischen Dramas erheblich, wo nur für die Handlung wichtige Charaktere auftreten). Dass er die Charaktere in ihrer Gestaltung gewissermaßen reduziert, erklärt sich dadurch, dass er als Dichter die Freiheit hat, seine Mittel frei zu wählen, wenn die Forderung nach ,,Leben" erfüllt ist. Die Nebenfiguren dienen in erster Linie der Darstellung der sozialen Umstände, die auf Woyzeck wirken ( Freunde, Vorgesetzte, die Personen selbst, aber auch die Gesellschaft, die an Geldsucht, Unmenschlichkeit, Armut, Alkoholismus krankt). Woyzeck als Hauptfigur ist vielschichtig entworfen. Mit ihm soll der Zuschauer ,,mitempfinden"46 worauf ich noch bei der Erörterung der Wirkung des Dramas eingehen werde.

3. Büchners Kunstbegriff

3.1 Abgrenzung vom Idealismus

Georg Büchners Literaturauffassung ist dadurch gekennzeichnet, dass sie sich besonders vom Kunstbegriff der Klassik, dem Idealismus unterscheidet. Büchner äußert sich explizit dazu: ,,Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, dass sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben"47.

Dieser Satz, der spöttisch auf die Helden der idealistischen Dramen anspielt, beinhaltet einen klaren Vorwurf, den wir auch im Kunstgespräch beim ,,Lenz" wiederfinden und zugleich die Forderung die Büchner an einen Schriftsteller stellt: Die idealistischen Dichter stellen nicht die Welt dar, wie sie ist, sonder so, wie sie sein soll. Ein Exkurs in die Klassik wäre zu umfangreich, aber ein kurzer Blick auf Aussageabsicht und Kunstauffassung wird Büchners Kritik begründen.

Anliegen der ,,sogenannten Idealdichter"48 war es, Figuren mit schöner Seele und innerer Größe zu erschaffen, die mit Hilfe ihres Geistes die Konflikte lösen, in die sie durch das Schicksal gekommen sind. Diese Austragungen von Problemen in Monologen der betroffenen Helden und Dialogen mit anderen Personen führten dann zu einer Erkenntnis oder zu Lösung des Konfliktes. Das wäre dann, etwas einfach ausgedrückt, ideal. Realistische Darstellungen, ,,charakteristisches", ,,Massenszenen"49 werden bewusst vermieden, weil die ,,brodelnde Bewegung auf der Bühne"50 die Maxime der Klassik, ,,edle Einfalt" und ,,stille Größe" nur stören würden.

Da die Realität nicht Ideal ist, was die Schriftsteller der Klassik auch wissen, sollen die Menschen sich im Theater an solchen Stücken erbauen, und durch das, was sie auf der Bühne sehen, von ihren eignen ,,Leidenschaften"51 aus sich herausweinen. Wichtig ist, dass die Figuren im klassischen Drama immer mündig sind und stets eigenverantwortlich handeln. Ihre einzige Determination ist das Schicksal. Ansonsten sind sie frei.

Georg Büchner aber glaubt, dass die Menschen nicht frei sind, und dass ein Dramatiker daher auch Figuren schaffen muss, die ebenfalls unfrei sind. Michael Glebke bezeichnet diese Unfreiheit als ,,Determinismus"52. Die Taten und Gedanken, die die Menschen ausführen oder haben, entspringen nicht einfach ihrem Innersten, sondern sind beeinflusst von den Umständen, in denen sie leben. Und solche Umstände, ,,die außer uns liegen"53, sollen aus literarischen Werken, in diesem Fall Dramen, nicht ausgeblendet werden. Nicht Geist und Vernunft regieren die Welt, sondern es herrscht ein ,,Materialismus"54, der auch auf der Bühne dargestellt werden muss. In der Klassik aber sind Geist und Vernunft die einzigen Handlungsgrundlagen und wirken auf der Bühne auch ausschließlich. In diesem Punkt werden die Unterschiede zu Büchner deutlich. Er fordert von einem Schriftsteller, die Wirklichkeit darzustellen:

,,Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen, wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich, dass ich es nicht besser machen will, als der liebe Gott, der die Welt gewiss gemacht hat, wie sie sein soll"55.

Ein Dichter, der die Welt mit der Darstellung von Idealen verbessern will, wird laut Büchner scheitern. Die Welt ist nämlich ideal, weil sie von Gott so und nicht anders geschaffen wurde. Um auf Büchners Literaturauffassung zurückzukommen, möchte ich nochmals auf Determinismus und Materialismus eingehen. Die Menschen sind nicht frei, sondern ihr Handeln ist bestimmt von Umständen, die ,,außer uns liegen"56. Also schafft Georg Büchner auch ,,Menschen von Fleisch und Blut"57, die nicht durch ihren Verstand die Welt auf der Bühne und wenn das Werk wirkt, also rezipiert wird, auch die wirkliche Welt verändern, sondern solche, deren Bewusstsein durch ihr Sein bestimmt wird. Die Figuren im ,,Woyzeck" handeln nicht eigenverantwortlich und selbstständig, wie zum Beispiel Goethes ,,Iphigenie", sie sind determiniert von den Gegebenheiten ihrer Umwelt, ihren Rollen in der Gesellschaft, von ihren finanziellen und familiären Verhältnissen. All das spielt auch in Büchners Werk eine Rolle, da er von der Literatur fordert, ,,die Welt zu zeigen wie sie ist"58.

3.2 Der Realismus

Georg Büchner stimmt auch mit den Schriftstellern der Klassik einem grundsätzlichen Anliegen der Literatur überein, der Mimesis, der ,,Nachahmung, Wirklichkeitsverarbeitung"59. Die ,,Verarbeitung" ist sowohl bei den Idealisten als auch bei Büchner die gestalterische Freiheit.

,,Der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts als ein Geschichtsschreiber, [...]. Seine höchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen"60.

Georg Büchner war, wie aus dem Zitat ableitbar, ein Realist, wenn man den Begriff ,,Geschichte" als die Realität, das, was wirklich existiert beziehungsweise existiert hat, interpretiert. Ein Schriftsteller muss, um wirken zu können, der Wirklichkeit ,,so nahe als möglich [...] kommen". Daher orientiert er sich bereits bei der Wahl des Stoffes an tatsächlichen Ereignissen. In ,,Dantons Tod" greift er unter Verwendung historisch beglaubigter Personen und Vorfälle das Geschehen der Französischen Revolution auf, im Prosawerk ,,Lenz" gibt er einen Ausschnitt aus der Biographie des Sturm-und-Drang- Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz wider, und hält sich dabei an die Aufzeichnungen eines Zeitgenossen Lenz`, des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin. Das Drama ,,Woyzeck", auf das sich mein Hauptaugenmerk richtet, basiert auf authentischen Vorlagen, vornehmlich auf dem Fall Johann Christian Woyzeck, der am 21. Juni 1821 seine Geliebte ermordete und von Hofrat Dr. Johann Christian August Clarus für zurechnungsfähig erklärt wurde, obwohl er nachweislich unter psychischen Störungen litt61.

Die Thematiken in Büchners Werken sind also keinen reinen Fiktionen, sondern der Realität entlehnt oder nachempfunden und schon dadurch wirklichkeitsnah. Seine Aufgabe ist es, das Publikum ,,in das Leben einer Zeit"62 hineinzuversetzen. Das heißt, alles was zum Leben gehört, auch wiederzugeben. Der dramatische Dichter darf nichts verändern, weglassen oder ,,verklären"63, da dadurch die Wirklichkeit verfälscht würde. Ein Beispiel für eine derartige Verfälschung liegt im ,,Don Carlos" von Friedrich Schiller vor, in dem die Schlacht von Armada, die tatsächlich stattgefunden hat, um zwanzig Jahre vorverlegt wird. Das bedeutet aber nicht, dass der Dichter nur eine ,,trockene Erzählung"64 belegbarer Tatsachen liefern darf. Im ,,Woyzeck" finden wir auch Stellen, an denen das Drama von der Vorlage abweicht, zum Beispiel bei der Gestaltung der Hauptfiguren Woyzeck und Marie. Dafür gibt es einige Beispiele65:

Der historische Woyzeck war zum Zeitpunkt der Tat über vierzig Jahre alt, seine Geliebte, die er erstach, hatte etwa dasselbe Alter. Von Franz Woyzeck, der Figur im Drama, wissen wir, dass er zehn Jahre jünger ist, seine Lebensgefährtin Marie wird wohl gleich alt sein.

Insgesamt wird Woyzeck als ein arbeitsamer und fleißiger Mann dargestellt, der Marie liebt, sich für sie und das gemeinsame Kind aufopfert, nie Zeit und Geld für sich verschwendet und alle Kraft für den Erhalt seiner kleinen Familie aufwendet, die seine einzige Perspektive im Leben ist. Das Leipziger Vorbild Johann Christian Woyzeck wird als Alkoholiker, Gewalttäter und Nichtsnutz beschrieben, ein Kind gibt es zwar, aber aus einer anderen Beziehung. Die ermordete Barbara Woost, Büchners Vorlage für Marie, entsprach ihrem literarischen Abbild in vielerlei Hinsicht nicht. Sie unterhielt neben dem vornehmlich sexuellen Verhältnis zu Woyzeck noch weitere Beziehungen. Außerdem dürfen wir sie uns nicht sonderlich attraktiv vorstellen, was Büchners Marie sehr wohl ist, schon allein durch ihre Jugend.

Wie erklären sich nun diese Abweichungen mit der von Büchner häufig postulierten Forderung nach wirklichkeitsgetreuer Darstellung? Die Antwort findet man im ,,Kunstgespräch" im ,,Lenz": ,,[...], unser einziges Bestreben soll sein, [Gott] ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut"66. Zuerst zum zweiten Teil des Satzes: Büchner fordert keine Abbildungsgenauigkeit, sondern ,,Möglichkeit des Daseins". ,,[...], denn für einen manifesten Realismus, dessen einziger Ehrgeiz bloße Abspiegelung der Wirklichkeit gewesen wäre, steht der Name Büchner nicht"67. Das literarische Werk soll etwas darstellen, was möglich oder nachvollziehbar ist, etwas das so passiert sein könnte, der Schriftsteller hat die Freiheit zu gestalten, er kann sich, um realistisch zu schreiben, einer Vorlage bedienen, muss es aber nicht. Das reicht für eine realistische Darstellung. Mit der Gestaltungsfreiheit wird bereits die Tatsache des ,,nachzuschaffen" angesprochen. Büchner entwirft in seinem literarischen Werk Gestalten und Geschehnisse, die wirklichkeitsgetreu sein müssen, hat aber die Möglichkeit unter einem bestimmten Gesichtspunkt der Intention zu gestalten, wenn dabei nichts verfälscht wird. In den oben aufgeführten vergleichenden Beispielen zum Drama ,,Woyzeck" und dessen historischer Vorlage handelt es sich um Überzeichnungen, die für die Aussageabsicht Büchners und die beabsichtigte Wirkung des Dramas wichtig sind. So können auch Übertreibungen und auffällige Zufälle gerechtfertigt werden. Die Leitmotive treten zum Beispiel viel öfter auf, als derartige Anspielungen in wirklichen Unterhaltungen der Fall sind. Die Vers- und Volksliedeinlagen sind ein Beispiel für die gerechtfertigte Übertreibung. Es ist zwar nicht unrealistisch, dass jemand singt, oder ein Gedicht zitiert, aber nicht so häufig, wie es im ,,Woyzeck" der Fall ist, wo dann auch noch Hinweise auf das weitere Geschehen der Handlung gegeben werden. Grundsätzlich ist es aber möglich. Büchner sammelt und verdichtet einfach seine dichterischen Mittel, um sein Werk aussagekräftig sein zu lassen. Bo Ullman schreibt von dem ,, ,Recht[...] des Dichters, von seinem ,realen' Aspekt aus die ,Wirklichkeit' zu steigern und zu übertreiben"68.

3.3 Ästhetik

Wenn man sich mit Büchners Kunstbegriff beschäftigt, gewinnt man den Eindruck, dass er hauptsächlich Wert auf realistische Darstellung legte. Nun stellt man sich aber unter jeder Kunst in Form von Musik, bildender Kunst oder Literatur eine kulturelle Errungenschaft vor, die nicht nur auf eine bestimmte Wirkung und Darstellungsabsicht abzielt, also für den menschlichen Geist gemacht wurde, sondern auch das Schöne im Leben, das die Seele der Menschen anspricht. Im Literaturbrief lesen wir, dass ein dichterisches Werk für Büchner ebenso wie die Geschichte, die es nachbildet, keine ,,Lektüre für junge Frauenzimmer"69 sein soll, einer Gattung, die hauptsächlich auf Ästhetik und Erbauung ausgerichtet ist. Bei der Lektüre von ,,Woyzeck" fällt auf, dass die Handlung keine heile Welt darstellt. Wollte Büchner Schönheit und Ästhetik aus seinem Werk verbannen? Bestimmt nicht. Seine Auffassung davon differiert nur, wie so vieles in Büchners Vorstellungen von Kunst, von der Meinung seiner Zeitgenossen. Im ,,Lenz" erhalten wir Aufschluss.

Da das sogenannte ,,Kunstgespräch" die einzige Stelle in der ganzen Erzählung ist, in der Lenz nicht von seinen geistigen Verwirrungen befallen ist, kann man davon ausgehen, dass Büchner ihn hier als sein Sprachrohr einsetzt, das Lenz' Ausführungen Büchners Anschauungen zur Kunst aufzufassen sind. Jan Thorn-Prikker ist diesbezüglich anderer Meinung: Das Kunstgespräch als ,,Kunsttheorie Büchners"70 zu verstehen, stelle eine Überbewertung dar.

Entgegen könnte man argumentieren, dass sich die Worte im Kunstgespräch nicht vollkommen mit der Meinung des wirklichen J. M. R. Lenz decken. Wenn Büchner ihn von den ,, Geringsten"71 sprechen lässt, die in den Dramen Lenz' vorkommen, so waren das nicht die ,,Geringsten", die wir im ,,Woyzeck" finden, wie auch Lenz - durch seine Verzweiflung und Krankheit - einer ist. Es handelt sich um ,,Sonderfälle"72, um den ,,vierten Stand"73. Nehmen wir also an, dass Lenz, erkenntlich an dem Augenblick der Klarheit, für Georg Büchner spricht. Er nennt Beispiele dafür, was er im Leben und in der Kunst für ,,schön" hält. In den Bergen hat Lenz ein Erlebnis. Er sieht, wie ein Mädchen einem anderen hilft, sich zu kämmen. Dann steigen sie die Steine hinab. Diese Szene erscheint Lenz als äußerst ,,schön[...]"74. Es handle sich um ,,schönste Bilder"75. Ändert sich aber so ein Bild ist die Schönheit ,,zerstört"76. ,,Die schönsten Bilder, die schwellensten Töne, gruppieren, lösen sich auf. Nur eines bleibt, eine unendliche Schönheit, die aus einer Form in die andre tritt, ewig aufgeblättert, verändert, [...]"77. Den bildhafte Charakter, die Auflösung der Szene in einzelne Eindrücke drückt Lenz aus, indem er die Elemente oder Komponenten des ersten ,,Bildes", die sich kämmenden Mädchen mit ,,und" - Reihungen beschreibt: ,,[...] und das goldne Haar hing herab, und ein ernstes bleiches Gesicht, und dich so jung, und die schwarze Tracht und die andre so sorgsam bemüht"78. Es sind Eindrücke, die Lenz als schön erscheinen, und vor allem, es ist das Leben, nicht in erster Linie die Kunst. Das Abbilden oder Festhalten dieser Schönheit ist nicht möglich. Ein Künstler müsste ,,ein Medusenhaupt sein, um so eine Gruppe in Stein verwandeln zu können"79, wenn man so etwas den Menschen vorführen wollte. Das allerschönste daran, die Veränderung (,,aus einer Form in die andre"80 ), also das Lebendige, kann mit den Mittel der Kunst nicht festgehalten werden. Auch die, denen es in seinen Augen noch am Besten gelingt, (,,die schönsten, innigsten Bilder der altdeutschen Schule geben kaum eine Ahnung davon"81 ), können nur versuchen - getreu der büchnerschen Forderung - ,,in allem Leben"82 darzustellen.

Büchner gesteht also zu, dass ein Künstler das Schöne ,,nicht immer festhalten und in Museen stellen und auf Noten ziehen und dann alt und jung herbeirufen, und die Buben und die Alten darüber radotieren und sich entzücken lassen"83 kann.

In der Beschreibung der zwei Bilder, die in Lenz Augen als gelungene Kunst gelten, kommt Büchners Ansicht, was in der Kunst schön und ästhetisch sei, zum Ausdruck. Er hat in erster Linie einen ,,Hang zum Volk"84. Diese für Büchner schönen und ästhetischen Kunstwerke lassen dem Betrachter das Ausschnitthafte und Augenblickliche erahnen, das die Schönheit ausmacht . Selbst der Eindruck von ,,Glockentöne[n]" und ,,Sang [...] aus der Kirche"85 ist durch lebensnahe Darstellung sogar aus einem Gemälde, das ja keine Töne von sich geben kann, zu ,,hören".

Was ist also Ästhetik für Büchner? Es ist das Vorhandensein von ,,Leben, Möglichkeit des Daseins"86. Um das schaffen zu können, muss man ,, die Menschen lieben, es darf einem keiner zu gering, keiner zu hässlich sein. Erst dann kann man sie verstehen"87. Wenn man sie nämlich nicht liebt und versteht, so wie der Künstler in "Dantons Tod", der das Leid der Menschen für seine Zwecke instrumentalisiert88, kann auch trotz realistischer Nachbildung kein Leben sein. Das kommt einer ,,Verachtung der menschlichen Natur"89 bei, die Lenz an der unrealistischen Kunst des Idealismus kritisiert. Bei deren Betrachtung fühle er sich ,,tot"90, da kein Leben in ihr steckt. ,,Der Dichter und Bildende ist mir der liebste, der mir die Natur am wirklichsten gibt, so dass ich über seinem Gebild fühle"91. Wenn die Forderung nach realistischer Kunst erfüllt ist, und nicht nur abgebildet wird, sondern auch die Schönheit, so wie sie im Leben sich äußert dargestellt wird, kann nach Büchners Literaturauffassung von Ästhetik gesprochen werden.

3.4 Wirkung durch Mitleid

Georg Büchners Anliegen war es, in seiner Literatur das Leben so realistisch wie möglich darzustellen. Er nahm sich aber die Freiheit, innerhalb des von ihm selbst gesetzten Rahmens, im Hinblick auf seine Intention mit den Mitteln eines Schriftstellers den Stoff zu gestalten. Die Realität wird ,,aufbereitet"92. Mit einem Wort lässt sich komprimieren, was die Aufgabe des Dramas ,,Woyzeck" ist. Es soll etwas ,,zeigen". Es zeigt das Leben von Woyzeck als ,,Ganzes in Ausschnitten"93. Es zeigt die Menschen, die mit ihm in Beziehung stehen, in ihrer Einfachheit, wie sie sprechen, wie sie leben, ihre Determiniertheit und ihre Chancenlosigkeit. Diese ,,Ausschnitte", in den kurzen unverbundenen Szenen jeweils nur angedeutet, werden durch die Leitmotive und die volkstümlichen Elemente zu einem ,,Ganze[n]" zusammengefasst, die durch ihre düstere Metaphorik, indem sie beständig auf die traurige Wahrheit und die Ausweglosigkeit im Kampf gegen die Widrigkeiten der Welt hinweisen94, für das Publikum um so bedrückender, fatalistischer und unerträglicher wirken und nie auch nur im Ansatz einen konkreten Lösungsvorschlag bieten.

Was will Büchner bewirken, wenn er eine solche Situation vorstellt? Er will auf der Bühne etwas zeigen, darstellen oder ausdrücken, das die Rezipienten ,,mitempfinden macht"95. Diese Wirkung fordert er von der Literatur allgemein, also kann man davon ausgehen, dass er auch in seinem eigenen Werken versucht hat, diesem zentralen Kriterium gerecht zu werden. Auch im ,,Lenz" heißt es: ,,der Dichter und Bildende ist mir der liebste, der mir die Natur am wirklichsten gibt, so dass ich über seinem Gebild fühle"96. In diesem Satz ist die Literaturauffassung eigentlich schon auf den Punkt gebracht. Durch realistische Wiedergabe der Wirklichkeit seitens des Künstlers soll bei denen, die Kunst konsumieren, Mitfühlen mit dem Gesehenen bewirkt werden.

Dieses Mitfühlen, das Büchner erreichen will, entspricht der Katharsis im aristotelischen Drama. Das Gesehene soll die Menschen reinigen, sowohl ihren Geist als auch ihre Seele.

Büchner wollte wirken, nicht gefallen. Daher ist auch die Ästhetik im ,,Woyzeck" vernachlässigt, was aber nicht heißt, dass er die Existenz des Schönen negierte. Aber er wollte ausdrücklich keine ,,Lektüre für junge Frauenzimmer"97 produzieren. Er arbeitet somit nicht zielgruppenadäquat, denn Literatur sollte unterhalten, vielleicht noch zur Erbauung dienen, so dachten jedenfalls seine Zeitgenossen. Das hatte zur Folge, dass ,,Woyzeck" schlicht nicht rezipiert wurde, es wurde weder gelesen noch gespielt. Die Idee des ,,Hessischen Landbotens", das Volk aufzuklären und zur Aktion aufzurütteln, war bereits gescheitert, der neue Weg, den Bürger durch Theater Erkenntnis zu bringen, gelang Büchner auch nicht, da er das Publikum nicht interessierte, ja der Zensur zum Opfer fiel. Büchner war zu revolutionär, die Gesellschaft war noch nicht für ihn bereit. Somit erzielte er auch nicht seine beabsichtigte Wirkung.

Die folgenden Interpretationsansätzen sollen im einzelnen zeigen, wie Büchner jeweils versucht, Mitleid mit Woyzeck beim Publikum hervorzurufen.

4. Interpretationen

Bei den Drama ,,Woyzeck" von Georg Büchner handelt es sich um ein Stück von ,,atektonisch[em]"98 Aufbau. Das Stück als ein Beispiel für ein ,,offene[s] Drama"99

anzuführen halte ich für nicht gerechtfertigt, da es auf Grund seiner Eigenschaft als Fragment nicht eindeutig kategorisiert werden kann. Das Hauptkriterium, es als ,,atektonisch" zu bezeichnen, ist die lockere Folge der Szenen, die fast austauschbar erscheinen, bis auf den Mordkomplex, der dem Gang der Handlung zu Folge den Schluss bilden muss. Verbunden sind die einzelnen Szenen nicht durch Akte, welche die Handlung gliedern, sondern Hinweise und Leitmotive bauen die Handlungsschritte aufeinander auf. Daher können die Szenen auch isoliert interpretiert werden, da sie - gemäß Büchners Literaturauffassung - kleine Ausschnitte aus den Leben der Hauptfigur Woyzeck zeigen sollen.

4.1 Marie, das Kind und Woyzeck

100 Die Situation ist folgende: ,,Marie sitzt, ihr Kind auf dem Schoß, ein Stückchen Spiegel in der Hand". Sie ,,bespiegelt sich", und betrachtet die Ohrringe, die ihr der Tambourmajor geschenkt hat. Sie sind etwas besonderes für Marie, sie freut sich sehr darüber, obwohl es sich schwerlich um ,,Gold" oder wertvolle ,,Steine" handelt, da der Tambourmajor nicht so vermögend ist, dass er sich teuere Geschenke leisten könnte. Er steht ,,in der militärischen Hierarchie nicht sehr viel höher [...] als Woyzeck"101.Marie weiß davon nichts, in dem Glauben, etwas Großartiges geschenkt bekommen zu haben, bespiegelt sie sich stolz. Das Kind auf ihrem Schoß verhält sich nicht ruhig. Das stört Marie in ihrer Selbstbewunderung. Aber sie macht sich nicht die Mühe es ins Bett zu bringen, sonder befiehlt ihm nur: ,,Schlaf Bub! Drück die Auge zu, fest, noch fester, bleib, so, still oder er holt dich". All diese Termini ,,Drück", ,,fest", ,,er holt dich" haben einen unangenehmen Beiklang und sind nicht gerade pädagogisch wertvoll. Aber Marie interessiert sich ja mehr für sich als für das Kind und will nur, dass es sie nicht stört. Immerhin singt sie ihm ein Lied:

,,M a r i e.

Mädel mach's Ladel zu 's kommt e Zigeunerbu Führt dich an deiner Hand Fort ins Zigeunerland".

Das Lied transportiert mehrere Inhalte. Das Motiv der Verführung junger Mädchen ist in Volksliedern nicht selten. Dennoch hat Marie keine Lehre daraus gezogen. Das Lied stellt ihre eigene Verführbarkeit dar, es zeigt ihre Unzufriedenheit, die Sehnsucht nach Abwechslung, ja Exotik (,,Zigeunerbu"). Weiterhin ist es - betont durch die vorangegangene Drohung ,,er holt dich" - ein Signal für die Trennung. Das Kind wird Waise werden. Marie kommt durch das Lied nicht zur Einsicht oder gelobt Besserung, sie ,,[be]spiegelt sich wieder", eine Verstärkung ihrer Selbstgefälligkeit

Marie ist mit sich und ihrer Situation unzufrieden. Sie hat ,,nur ein Eckchen in der Welt und ein Stückchen Spiegel", von all dem, was sie sich wünscht, nur einen Teil, nur das Wenigste. Aber sie hat ihre Schönheit, sie ist sich ihrer Attraktivität bewusst. Dass sie von Büchner eindeutig als schöne Frau entworfen wurde, ist an anderer Stelle schon geklärt worden. Sie sehnt sich jedenfalls danach, Teil der feinen Gesellschaft zu sein, wo sich, das soll als wichtig herausgestellt werden, sich die ,,schönen Herrn" tummeln. Sie hat zwar keinen Zugang dazu, denn sie ist ,,nur ein arm Weibsbild", aber sie sucht Ersatz: den Tambourmajor. Das Verhältnis und die Geschenke bringen sie ihrer Illusion ein Stück näher.

Das Kind regt sich, Marie wird gewissermaßen in die Realität zückgeholt und mit ihrem Schicksal konfrontiert. Das Kind wird immer mehr zum Störfaktor, obwohl es für Marie eigentlich der wichtigste Lebensinhalt sein müsste, da es das einzige ist, was sie wirklich hat. Ihre Träume sind zu unrealistisch, als dass sie je erfüllt werden würden. Aber statt dies zu erkennen schreckt sie das Kind mit Phantasiegestalten, die parallel zu Woyzecks Visionen sind.

Woyzeck tritt auf, er stellt sich hinter sie, er weiß schon Bescheid, dass etwas nicht stimmt. Er fragt nach, woher sie die Ohrringe habe, worauf sie sich herauszuwinden versucht. Ein Konflikt bahnt sich an. Fast vorwurfsvoll fragt Marie: ,,Bin ich ein Mensch?" obwohl sie von Woyzeck eigentlich den Vorwurf verdient hätte: Du bist ,,ein Mensch", eine Prostituierte, weil du dich mit geringen Geschenken ködern lässt. Doch Woyzeck weicht dem Konflikt aus, er hat Angst, durch ein falsches Wort die ohnehin gefährdete Beziehung zu zerstören, und er will Marie nicht verlieren, da sie und seine kleine Familie das einzige sind, was seinem traurigen Leben Sinn gibt. Er will wenigsten den Schein von Ordnung bewahren: ,,'s ist gut, Marie". Er macht ihr auch keine Vorwürfe, dass sie offensichtlich das Kind vernachlässigt: ,,Greif ihm unter's Ärmchen der Stuhl drückt ihn". Dann fasst Woyzeck die aussichtslose Lage zusammen: ,,alles Arbeit unter der Sonn, sogar Schweiß im Schlaf. Wir arme Leut!". Er hat sich im Gegensatz zu Marie mit seiner Situation abgefunden, und erkennt an, dass auch sein Sohn schon darunter leiden muss, da er in diese Gesellschaft hineingeboren worden ist. Auch er wird schon vom das Schicksal determiniert, er hat einen armen, kranken Vater und seine Mutter kümmert sich nicht um ihn (,,still"). Woyzeck gibt Marie (,,Das ist wieder Geld Marie") , das ihm eigentlich selbst zustünde (,,Löhnung"). Sie ist ihm viele Entbehrung wert. Er kann ihr aber nicht genügen, das Geld reicht ihr nicht, sie will Luxus (,,die großen Madamen mit ihren Spiegeln"). Außerdem kann er ihren Drang nach Sinnlichkeit nicht erfüllen, weil er nie Zeit hat, er ,,muss fort", kann sich auch nicht um das Kind kümmern. Die Zeitnot, bedingt durch Geldknappheit, gefährdet die Familie. Woyzeck verspricht, am Abend wieder zu kommen. Als er fort ist, erkennt Marie ihre Undankbarkeit und Schlechtigkeit. Sie könnte sich ,,erstechen". Büchner macht keine Umschweife und lässt Marie ihre eigene Todesart aussprechen. Der Lauf der Dinge ist festgelegt. Marie erkennt zwar nicht ihren Tod, aber doch, dass sie keine Perspektive hat. Statt umzukehren und sich zu bessern, verwünscht sie die Welt und gibt sich wieder ihrem Hedonismus hin. Ihr ist alles egal.

Diese Szene zeigt, warum das Drama diesen Ausgang nehmen muss. Die Menschen haben keinerlei Handlungsspielraum, sie können nicht ausbrechen. Sie sind von verschiedenen Faktoren gefesselt, die ihr Leben bestimmen. Als Erstes wäre da die finanzielle Not. Marie und Woyzeck gehören der untersten Schicht an. Vor allem Marie kann sich damit nicht abfinden. Sie ist stark von ihrem leidenschaftlichen Naturell dominiert. Statt sich auf das Wesentliche in ihrem Leben zu besinnen, gibt sie sich ihren Träumen hin. Ihre Unzufriedenheit und ihre Schönheit tun das ihre dazu, dass Marie Woyzeck untreu wird. Ihre Selbstverliebtheit macht eine partnerschaftliche Beziehung nahezu unmöglich.

Marie beeinflusst als determinierender Faktor wiederum Woyzeck. Aus Zeitnot, Armut, körperliche Schwächung (wegen der medizinischen Versuche des Doktors) - er ist wohl nicht so attraktiv wie der Tambourmajor - kann er ihre Bedürfnisse nicht befriedigen. Die Liebe zu Marie veranlasst ihn jedoch dazu, immer mehr zu arbeiten, um ihr wenigstens mehr Geld geben zu können, was ihn aber nur noch weiter von ihr entfernt. Die Situation ist aussichtslos, daher ist auch die Reaktion Woyzecks - der Mord an Marie - unabwendbar.

4.2 Der Doktor und Woyzeck

102 In der Szene treten nur zwei Personen auf, Woyzeck und der Doktor. Der Doktor eröffnet die Szene gleich mit einem Vorwurf, da Woyzeck gegen eine Abmachung im Rahmen der Versuche, die der Doktor an ihm anstellt, verstoßen hat. Das Vergehen erscheint Woyzeck harmlos, er fragt ,,Was denn Herr Doktor?". Der Doktor sieht aber darin, dass Woyzeck seinem Harndrang nachgegeben hat, mehr als nur ein gewöhnliches menschliches Verhalten. Dass Woyzeck trotz Lohn ,,an die Wand gepisst" hat, auch noch ,,wie ein Hund" ist für ihn Grund zu der Annahme, dass die ganze Welt ,,schlecht" werde. Woyzeck will sich verteidigen, aber der Doktor widerlegt das auf absurde Weise: Er habe nachgewiesen, dass der Harndrang nur dem Willen unterliege, dass ein Mensch frei entscheiden könne, wann er uriniert. Aber gerade er selbst schreibt dem ,,Menschen" Woyzeck gerade das vor. Büchner stellt mit diesen Sätzen die Unfreiheit des Menschen dar, der nicht einmal seinem Harndrang frei folgen darf, da er von anderen die Zeit dafür diktiert bekommt. Der Doktor kann es nicht fassen, er ,,schüttelt den Kopf" vor Unverständnis. Es wird deutlich, dass er hohe Ansprüche stellt, diese aber selbst nicht erfüllt. Er kann sich auch nicht selbst beherrschen und seinen Ärger ebenso wenig unterdrücken, wie Woyzeck seinen Harndrang. Woyzecks Ungehorsam deutet er als allgemeinen Verfall der Moral, die Welt werde ,,schlecht", er selbst aber ist ein gnadenloser Egoist, was im Folgenden klar wird. Er ist nur auf wissenschaftlichen Erfolg aus (,,ich sprenge sie in die Luft!"), Woyzeck ist lediglich ein Objekt für ihn, das es nicht einmal wert ist, sich darüber zu ärgern. Büchner lässt den Doktor sowohl verbal als auch tätlich Gewalt auf Woyzeck ausüben. Er ,,tritt auf ihn los", schimpft ihn ,,mit Affekt", obwohl er eigentlich gebildet ist und Emotionen als ,,unwissenschaftlich" abtut, die ,,Sonnenstrahlen" nicht genießt, sondern nur für medizinische Beobachtungen nutzt. Das steht in einem auffälligen Kontrast zu dem, was Woyzeck, der nicht von der Wissenschaft, sondern der ,,Natur" (für ihn die ,,Gesamtheit der realen Dinge"103 ) bestimmt ist, über die Sonne sagt: ,,Wenn die Sonn im Mittag steht" erscheint es ihm ,,als ging die Welt im Feuer auf". Die Tatsache, dass sich der Doktor nicht ärgern will - letztlich ärgert er sich ja doch - lässt Büchner zeigen, wie gering er Woyzeck einschätzt: ,,wer wird sich über einen Menschen ärgern", über ein austauschbares Versuchsobjekt - an jeder Straßenecke stünde Ersatz für Woyzeck - das weniger wert ist als ein ,,Proteus", also eine Echse, ein Tier, dass vielleicht selten ist. Alles, der Bruch mit dem ,,Akkord", der gefährdete Versuchserfolg, sind wichtiger als Woyzeck selbst, mit dem er eigentlich Mitleid haben müsste, schließlich opfert dieser sich für die offensichtlich geringe Summe von ,,zwei Groschen täglich".

Der Doktor hat im ersten Teil der Szene den größten Redeanteil. Es liegt klar auf der Hand:

Büchner will dessen Überlegenheit über Woyzeck zum Ausdruck bringen.

Allmählich fängt aber auch Woyzeck an, sich zu äußern. Er spricht von der ,,Natur". Wegen ihr kann er sich nicht in des Doktors Regelsystem einordnen. Er kann aber seine Überlegungen, Zeichen dafür, dass er nicht nur Objekt, sondern auch denkender Mensch ist, nicht ausführen, denn sobald er Probleme bekommt, seine Gedanken zu formulieren (er muss überlegen, ,,kracht mit den Fingern") unterbricht ihn der Doktor, reagiert wieder sofort kritisch, ja negativ: ,,Woyzeck, Er philosophiert wieder". Aber Woyzeck lässt sich nicht abbringen, ist aber nicht aggressiv, im Gegenteil ,,vertraulich": ,,Herr Doktor haben Sie schon was von der doppelten Natur gesehn?" Dann spricht er über eine Vision, die der Doktor als ,,Aberratio" diagnostiziert:

,,Die Schwämme Herr Doktor. Da, da steckts. Haben sie schon gesehn in was für Figuren die Schwämme auf dem Boden wachsen. Wer das lesen könnt."

Hierin wird deutlich, was für eine ,,Dimension"104 die Natur für Woyzeck hat. Da sie einerseits unberechenbar ist und Gefahren für ihn birgt, dass die ,,Welt im Feuer" aufgeht, sucht er auch in ihr nach Lösungen. Er flüchtet sich anscheinend, da er den Vorstellungen des Doktors nicht genügt, in eine Mystik, die ihm wenigstes seiner Ansicht nach Erklärungen liefern kann.

Der Doktor deutet Woyzecks Sätze, wie erwartet, wissenschaftlich. Für ihn ist er ein potentielles Versuchskaninchen, das es nach Kräften auszuschlachten gilt. Woyzeck macht es ihm einfach, wenn er über seine Erscheinungen spricht, denn er ,,kann nichts erklären, sondern nur erzählen, wie er erlebt"105. Fast freudig reagiert der Doktor auf diese neue Situation. Die Psychosen bieten ihm neues Forschungsfeld, er verspricht ,,Zulage", aber keine Heilung, was eigentlich seine Aufgabe wäre. Durch die ,,Abberatio" mit ,,allgemein vernünftigem Zustand" - dieser Aspekt, der sich auf das Clarus-Gutachten bezieht, birgt einen zusätzlichen Realitätsfaktor, da eine derartige, scheinbar harmlose, psychische Erkrankung wahrscheinlicher und glaubhafter ist als grober Wahnsinn - steigt Woyzeck für den Doktor im Wert (,,interessant[...]"), aber nicht im Ansehen (,,Kasus"). Woyzeck ist das egal, er ist vorerst zufrieden, dass der Doktor nicht mehr aggressiv ist und er ,,Zulage" bekommt, die er gut gebrauchen kann. Das Gespräch ist strukturell von Anfang an als Dialog aufgebaut, aber erst jetzt kommunizieren die Sprecher wirklich, während vorher keiner auf den Anderen eingegangen ist. Woyzeck spricht vernünftig, fast scheint es, als hätte er mit dem Anflug von Wahnsinn, als er von seine Visionen erzählt, auf die Gewalt des Doktors reagiert. Das wäre dann eine geschickte Zusammenfassung Büchners der gesamten Aussage des Dramas:

Vorstellen der Umstände, die Woyzeck krank und zum Mörder machen.

Mit dem Doktor will Georg Büchner einen Angehörigen einer höheren Schicht darstellen, einen Wissenschaftler, der nur auf seine Forschung und Erfolg aus ist. Durch die übertriebene Zeichnung wirkt er als Karikatur, die Fachausdrücke, die er verwendet, sind zum Teil falsch, seine erzwungene Rationalität (,,ich bin ruhig"), im heutigen Deutsch ,Coolness', die er nicht durchsetzen kann (,,aber er hätte doch nicht an die Wand pissen sollen"), lassen ihn lächerlich erscheinen. Trotz seines - im Vergleich zu Woyzeck - hohen Standes und seiner Bildung ist er grob, ja brutal. Seine Überlegenheit lässt er Woyzeck, vielleicht nicht mit Absicht, aber doch unverkennbar spüren. Er ist sprachlich gewandter, argumentiert aber nicht, sondern schimpft Woyzeck aus. Obwohl Woyzeck wegen der Versuche körperlich geschwächt ist, tritt der Doktor sogar auf ihn ein, was nicht gerade Zeichen seines Standes ist. Er ist einer der determinierenden Faktoren, die auf Woyzeck wirken, physisch, psychisch, finanziell und auch privat, da er ihm jegliche Achtung verwehrt. Dennoch ist er kein Gegner Woyzecks, kein ,,Protagonist"106, um das Pendant des klassischen Dramas anzuführen, sondern ebenfalls nur Produkt einer realen Umwelt, sein Verhalten wird nicht entschuldigt, aber erklärt durch den starken Konkurrenzkampf der Wissenschaftler in der Zeit107.

Woyzeck ist offensichtlich unterlegen, ja geschunden, er wird nicht als Mensch akzeptiert, sondern von seinen Mitmenschen determiniert, ebenso wie von der Natur. Er wird im Gegensatz zum Doktor als vielschichtigerer Charakter von verschiedenen Seiten beleuchtet. Das verbessert aber seine Situation nicht. Das Lob des Doktors bereitet ihm nur noch weitere medizinische Drangsale, er ist aber kein Egoist, beschwert sich nie, ist sogar froh, im Dienste des Doktors zu stehen, da er durch die Erbsendiät sich das Geld für ,,Menage" spart und Marie, dem einzigen Lichtblick in seinem Leben, geben kann, was natürlich wiederum als widriger Umstand der Wirklichkeit interpretiert werden kann. Das Schlimmste ist wohl, dass er durch den Doktor keinerlei Heilung erfährt. Die Wirkung des Mitleids mit ihm wird in dieser Szene auf jeden Fall hervorgerufen.

4.3 Andres und Woyzeck

108 Woyzeck und sein Kamerad Andres haben gemeinsam Dienst in der Wachstube, obwohl Sonntag ist. Andres singt, Woyzeck ist unruhig, woran Andres nicht interessiert ist. Nach kurzer Zeit verlässt Woyzeck die Wachstube.

Andres eröffnet die Szene mit dem Lied von der braven Magd:

,,A n d r e s.

Frau Wirtin hat `ne brave Magd Sie sitzt im Garten Tag und Nacht Sie sitzt in ihrem Garten...".

An dieser Stelle unterbricht ihn Woyzeck, er ruft nur ,,Andres!". Als Andres nachfragt, was sei, lenkt Woyzeck ab und spricht vom Wetter, es kommt nicht zu einer Aussprache. Andres beginnt mit einem oberflächlichen Gespräch über die Tanzveranstaltungen, die gleichzeitig in den Wirtshäusern statt finden, und ignoriert dabei, dass Woyzeck ,,unruhig" ist. Dieser hat eine Vorahnung auf die folgende Szene, ausgelöst durch Andres' Lied. Seine doch merkwürdige Äußerung ,,Tanz, Tanz" interessiert Andres nicht, er singt wieder das Lied vom Anfang weiter:

,,A d n r e s.

Sie sitzt in ihrem Garten

Bis dass das Glöcklein zwölfe schlägt

Und passt auf die Solda-aten".

Spätestens jetzt wird klar, warum Woyzeck ihn zuerst unterbrochen hat. Er kennt dass Lied wahrscheinlich, und weiß, dass es eigentlich nicht von einer ,,brave[n] Magd" handelt, sondern von einer, die auf Soldaten ,,passt", die also nur darauf auf ist, einen aus sich aufmerksam zu machen, während sie im Garten sitzt. Auffällig betont wird, dass es ,,Solda- aten" sind, auf die sie wartet. Es ist eine Anspielung auf Marie, die ja in selbst singt: ,,Soldaten das sind schöne Bursch..."109. Jetzt hat Woyzeck endgültig ,,kein Ruh" mehr. Er hat eine Vorahnung, dass Marie beim Tanzen ist, und zwar nicht allein, sondern mit einem Anderen. Andres hat dafür kein Verständnis, nennt ihn ,,Narr". Woyzeck hält es in der Wachstube nicht mehr aus. Er ,,muss fort", es drängt ihn zu Marie, er ist sich sicher, sie auf dem Tanz zu finden.

Andres ist kein Freund, oder das, was man drunter versteht. Er wird auch im ganzen Stück nie als Freund bezeichnet. Im klassischen Drama ist den Helden immer ein ,,Vertraute[r]"110 zur Seite gestellt. Diese Rolle, die des Helfers, erfüllt Andres nicht. Er ist vielmehr ein allgemeines Beispiel für Woyzecks Mitmenschen, für Kameraden seines Standes. Andres wirkt, wie alle anderen Nebenfiguren, konstruiert. Büchner stellt, indem er Andres so konzipiert, den realistischen Extremfall dar, dass Woyzeck überhaupt keine Freunde hat. Denn Andres ist unsensibel, spielt - ob bewusst oder nicht - auf Maries Untreue an, und durch sein Singen zeigt er, dass er sich nicht mit Woyzeck unterhalten will. Er ist an Woyzecks Zustand vollkommen desinteressiert, ja er sieht in ihm nur einen lästigen ,,Narr".

Woyzeck ist gänzlich isoliert. Der kurze Dialog bringt ihm keinen Trost und keine Hilfe. Er macht es Andres allerdings auch nicht leicht. Zweimal erkundigt sich Andres, was los sei, worauf Woyzeck erst auf das Wetter abschwenkt, dann nur sagt ,,ich muss fort". Er teilt sich Andres nicht mit, weist ihn aber auch nicht zurecht, weil er sich der Wahrheit des Gesungenen, Maries Untreue bewusst ist. Seine Verwirrtheit trägt natürlich auch nicht zur Qualität der Unterhaltung bei, seine Krankheit distanziert ihn zusätzlich von den anderen. Durch seine Geldknappheit ist er auf Sonntagsdienst angewiesen und kann mit Marie, der das Vergnügen wichtig ist, nicht zum Tanzen gehen, und muss daher in der nächsten Szene zusehen, wie Marie mit dem Tambourmajor tanzt. Die ohnehin aussichtslose Lage spitzt sich zu.

4.4. Der Tambourmajor und Woyzeck

111 Der Inhalt der Szene erinnert an ein Duell. Zwei Männer, die ein Verhältnis mit derselben Frau haben, schlagen sich um sie. Derartige Szenen ergeben sich in der Literatur nicht selten.

Die Szene beim ,,Woyzeck" läuft allerdings nicht nach dem üblichen Muster ab. Marie wird gar nicht erwähnt. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, ob der Tambourmajor überhaupt weiß, dass Woyzeck der Lebensgefährte seiner Geliebten ist. Dem Kampf liegt nicht in erster Linie das Motiv Eifersucht zu Grunde, jedenfalls nicht aus der Sicht des Tambourmajors.

Der bereits angetrunkene Tambourmajor prahlt im Wirtshaus mit seiner Männlichkeit. Er ist stolz auf sich. Seine Lust auf eine Rauferei verkündet er lauthals: ,,Wer kein besoffener Herrgott ist der lass sich von mir. Ich will ihm die Nas ins Arschloch prügeln". Er hat sich Mut angetrunken und ist aggressiv. Als er Woyzeck bemerkt, ist er zuerst vertraulich und bietet ihm Schnaps an. Mit seinem Mut und seiner Männlichkeit ist es also nicht so weit her, nur alkoholisiert ist er stark. Der Rausch ist eine Fluch aus dem Alltag: ,,ich wollt die Welt wär Schnaps, Schnaps". Woyzeck geht nicht darauf ein. Im Gegensatz zum Tambourmajor und auch den Handwerksburschen aus der vorhergehenden Szene betrinkt er sich übrigens nie, auch nicht auf das wiederholte Geheiß Andres' hin. Das macht ihn dem Zuschauer sympathisch und rückt die anderen Personen in ein negatives Licht, sie werden zu einem Bild des Abschaums der Gesellschaft, vor allem durch ihre vom Alkohol hervorgerufene Gewaltbereitschaft (,,Brandwein gibt Courage") und die derbe Sprache.

Woyzeck ,,pfeift". Das fordert den Tambourmajor heraus, eine Rauferei entsteht, die der Tambourmajor gewinnt.

Woyzeck ist ,,erschöpft". Wie immer im Drama geht er als Verlierer aus einem Konflikt heraus, in diesem Fall wegen seiner schwachen physischen Konstitution. Am Sieg des Tambourmajors ,,zeigt sich das sozialpsychologische Phänomen, dass Unterdrückung, die man erfährt, weitergegeben werden will"112. Der Tambourmajor, obwohl er in der Hierarchie nicht weit über Woyzeck steht, ist ihm überlegen und Woyzeck steht dieser Tatsache machtlos gegenüber.

Der Tambourmajor hat noch nicht genug, ,,Der Kerl soll dunkelblau pfeifen", er ist bereit Woyzeck noch weiter zu würgen. Die Gewalt gibt ihm Befriedigung. Zwei andere Personen kommentieren das Geschehen:

,,E i n e. Der hat sei Fett.

A n d r e. Er blut".

Sie stellen nur die Tatsachen fest, haben aber kein Mitleid mit Woyzeck und bieten im keine Hilfe an. Sie akzeptieren den Sieg des Tambourmajors. Die Angst, selbst verwickelt zu werden, spielt sicher eine Rolle.

Woyzeck sagt in der ganzen Szene nur einen Satz, ganz am Ende: ,,Eins nach dem andern". Was er damit meint, kann man nicht konkret sagen. Da es im vorherigen Satz heißt: ,,Er blut", wird wohl gemeint sein, dass auch noch andere bluten werden, nämlich, dass Marie sterben wird. Es ist aber gar nicht wichtig, einen genauen Wortlaut zu entschlüsseln. Erstaunlich ist, dass Woyzeck auf etwas verweist, das sicher folgen wird. Die Aussage ist auffällig klar, überlegt, ja zielgerichtet, Woyzeck zeigt in diesem Augenblick keine Spur von Verwirrung. Er plant vielleicht schon die Rache dafür, dass Marie ihn betrogen hat oder verlässt sich darauf, dass die Stunde der Wahrheit noch kommen wird. In diesem Fall gibt er nicht auf, obwohl er den Kampf mit den Tambourmajor verloren hat. Er wird auf andere Weise zu seinem Recht kommen.

5. Nachwort

Ziel der Arbeit sollte sein, dass folgende Aspekte erörtert worden sind: Georg Büchner hat mit ,,Woyzeck" ein neuartiges Drama geschaffen, das auf seiner Auffassung beruht, dass Literatur in erster Linie realistisch sein soll. Er erkennt Misstände in der Gesellschaft und äußerte diese mit neuartigen dramatischen Mitteln in seinem Stück. Mit den Personen, deren Handlungen nur Reaktionen auf ihre Umwelt sind, will er zeigen, dass das Leben der Menschen determiniert ist. Er bietet keine Lösungsvorschläge an, dennoch ist das Stück sozialkritisch. Nach Diagnose der Missstände und gründlicher Recherche will er durch Abbildung und Ausgestaltung der Gesellschaft seinen Zeitgenossen den Spiegel vorhalten und ihr Mitleid für die Personen, in diesem Fall für Woyzeck hervorrufen. Jeder einzelne muss dazu privat Stellung nehmen und für sich und sein Leben nach Verbesserungsmöglichkeiten suchen.

Georg Büchner hat viele nachfolgende literarische Gattungen geprägt. Der Realismus und dessen Steigerung, der Naturalismus ist auf sein Vorbild der Darstellung der Wirklichkeit zurückzuführen. Seine neuartige Dramenform beeinflusste den Expressionismus und das epische Theater. Das sind nur die prägnantesten Beispiele.

Auf mich hat vor allem der Zusammenhang mit den dramatischen Werken Bertolt Brechts einen Eindruck gemacht. Schon der Begriff episches Theater hat mich an die Formulierung Büchners erinnert, dass der Dichter nichts anderes sei, als ein Lehrer der Geschichte. Brecht will Geschichten erzählen, und ohne Spannung den Gang der Handlung beschreiben, Büchner will die Umstände erläutern, die einen Menschen zum Mörder machen. Die volkstümlichen Elemente haben Ähnlichkeit mit den Songs und Einlagen in Brechts Stücken. Anders als in den klassischen Dramen, wo Lieder nur Gefühlsäußerungen desjenigen sind, der sie gerade singt, haben die Lieder bei den beiden Vertretern der neuen Dramenform eine kommentierende Funktion. Der für Brecht typische Verfremdungseffekt ist zwar nicht auf Büchner übertragbar, aber doch vergleichbar mit der Modellhaftigkeit und dem Beispielcharakter, die seinen Literatur kennzeichnet. Die Folge oder beabsichtigte Wirkung (bei Brecht über einen Appell an den Verstand, bei Büchner über das Mitgefühl) sollen in beiden Fällen der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, aber nicht dokumentarisch, sondern in künstlerisch-literarisch verarbeiteter Form.

Wollte man Brecht und Büchner genauer vergleichen, wäre das Stoff für eine neue Abhandlung und soll daher hier enden.

Ich will mit diesen zusammenfassenden Beispielen aber auf die Veränderungen in der dramatischen Dichtung hinweisen, die Georg Büchner mit der Umsetzung seiner Literaturauffassung bewirkt hat.

Verzeichnis der verwendeten Literatur

Prim ä rliteratur

- Büchner, Georg: Lenz. Studienausgabe. Hg. v. Hubert Gersch. durchges. und erw. Auflage. Stuttgart: Reclam 1998
- Büchner, Georg: Woyzeck. Kritische Lese- und Arbeitsausgabe. Hg. v. Lothar Bornscheuer. Stuttgart: Reclam 1998
- Büchner, Georg: An die Familie. In: Bornscheuer, Lothar: Erläuterungen und Dokumente. Georg Büchner Woyzeck. Stuttgart: Reclam 1998
- Büchner, Georg: Dantons Tod. In: Georg Büchner. Gesammelte Werke (Goldmann Klassiker 7510)

Lexikonartikel und Kommentare

- Wilpert, Gero von: Katharsis. In: ders: Sachwörterbuch der Literatur. 5, verb. und erw. Aufl. Stuttgart: Alfred Körner Verlag 1969
- Wilpert, Gero von: Mimesis. In: ders: Sachwörterbuch der Literatur. 7., verb. und erw. Aufl. Stuttgart: Alfred Körner Verlag 1989
- Höfler, Wolfgang: Junges Deutschland. In: Handlexikon zur Literaturwissenschaft. Hg. v. Krywalski, Diether. 2., durchges. Aufl. München: Ehrenwirt 1976
- Schäfer, Hans-Dieter: Biedermeier, literarisches. In: Handlexikon zur Literaturwissenschaft. Hg. v. Krywalski, Diether. 2., durchges. Aufl. München: Ehrenwirt 1976
- Bornscheuer, Lothar: Erläuterungen und Dokumente. Georg Büchner Woyzeck. Stuttgart: Reclam 1998

Sekund ä rliteratur

- Bornscheuer, Lothar. Erläuterungen und Dokumente. Georg Büchner Woyzeck. Stuttgart: Reclam 1998
- Fink, Gounthier-Louis: Volkslied- und Verseinlage in den Dramen Büchners. In: Georg Büchner. Hg. v. Martens, Wolfgang. Darmstadt 1973
- Glebke, Michael: Die Philosophie Georg Büchners. Marburg: Tectum Verlag 1995 (Marburger wissenschaftliche Beiträge; Bd. 9)
- Glück, Alfons: Woyzeck - Clarus - Büchner (Umrisse). In: Zweites internationales Georg Büchner Symposion 1987. Hg. v. Dedner, Burghard. Meisenheim u. a.: 1990
- Klotz, Volker: Geschlossene und offene Form im Drama. 4. durchges. und überarb. Aufl. München: Carl Hauser Verlag 1969
- Meier, Albert (I): Georg Büchners Ästhetik. Diss. Universität Bremen 1980
- Meier, Albert (II): Georg Büchner ,,Woyzeck". 2. unveränd. Aufl. München 1986

(= UTB 975)

- Miladinovic, Mira: Georg Büchners ,,Lenz" und Johann Friedrich Oberlins ,,Aufzeichnungen". Eine vergleichende Untersuchung. Frankfurt a. M.; Bern; New York: Lang 1986 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 879)
- Pongs-Andersson, Frida: Die Tragödie Georg Büchners. Marburg 1975
- Thorn-Prikker, Jan: Revolutionär ohne Revolution. Interpretationen der Werke Georg Büchners. 1. Aufl. Stuttgart. Klett-Cotta 1978
- Ullman, Bo: Die sozialkritische Thematik im Werk Georg Büchners und ihre Entfaltung im ,,Woyzeck". Stockholm 1972

[...]


1 Höfler, Wolfgang: Junges Deutschland. In: Handlexikon zur Literaturwissenschaft. Hg. v. Krywalski, Diether. 2., durchges. Aufl. München: Ehrenwirt. S. 213.

2 Schäfer, Hans-Dieter. Biedermeier, literarisches. In: Handlexikon zur Literaturwissenschaft. Hg. v. Krywalski, Diether. 2., durchges. Aufl. München: Ehrenwirt 1976. S. 73.

3 Büchner, Georg. Woyzeck. Kritische Lese- und Arbeitsausgabe. Hg. v. Lothar Bornscheuer. Stuttgart: Reclam 1998. Hd. 2, S. 15 (Ebenso alle nachfolgenden Angaben in: Woyzeck, Hd., S.).

4 Meier, Albert (I). Georg Büchners Ästhetik. Diss. Universität Bremen 1980. S. 82 (Ebenso alle nachfolgenden Angaben in Meier (I)).

5 Woyzeck, Hd. 1, S 13.

6 Woyzeck, Hd. 5, S. 21.

7 Woyzeck, Hd. 8, S. 27.

8 Woyzeck, Hd. 14, S. 35.

9 Woyzeck, Hd. 5, S. 21.

10 vgl. Woyzeck, Hb. 2, S. 53.

11 Woyzeck, Hd. 5, S. 21.

12 Ullman, Bo. Die sozialkritische Thematik im Werk Georg Büchners und ihre Entfaltung im ,,Woyzeck". Stockholm 1972. S. 105 (Ebenso alle nachfolgenden Angaben in: Ullman)

13 Pongs-Andersson, Frida. Die Tragödie Georg Büchners. Marburg 1975. S.91 (Ebenso alle nachfolgenden Angaben in Pongs-Andersson).

14 Klotz, Volker: Geschlossene und offene Form im Drama. 4., durchges. Und überarb. Aufl. München: Carl Hauser Verlag 1969. S. 104 (Ebenso alle nachfolgenden Angaben in: Klotz).

15 Woyzeck, Hd. 3, S. 17, auch: Woyzeck, Hd. 7, S. 23)

16 Woyzeck, Ha. 4, S. 39.

17 Woyzeck, Ha. 5, S. 41.

18 Woyzeck, Ha. 7, S.45.

19 Woyzeck, Ha. 9, S.45.

20 Woyzeck, Ha. 4, S. 39.

21 Bornscheuer, Lothar: Erläuterungen und Dokumente. Georg Büchner Woyzeck. Stuttgart: Reclam 1998 S.26 (Ebenso alle nachfolgenden Angaben in Bornscheuer).

22 Woyzeck, Ha. 4, S. 39.

23 Woyzeck, Ha. 7, S. 45.

24 Woyzeck, Hd. 16, S. 37.

25 ebd.

26 Woyzeck, Ha. 4, S. 39.

27 Woyzeck, Hd. 10, S. 29.

28 Woyzeck, Hd. 10, S. 31.

29 Woyzeck, Hd. 11, S. 31.

30 Klotz, S. 206.

31 vgl. Klotz, S.206.

32 Woyzeck, Hd. 10, S. 29.

33 vgl. Ullman, S. 102

34 Woyzeck, Hd. 11, S. 31.

35 Klotz, S. 111.

36 Lit.brief, S.74.

37 Büchner, Georg: Lenz. Studienausgabe. Hg. v. Hubert Gersch. Durchges. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam 1998, S. 14 (Ebenso alle nachfolgenden Angaben in Lenz).

38 Lit. brief, S. 75.

39 Woyzeck, Hd. 2, S. 15.

40 Woyzeck, Hd. 1, S. 13.

41 Woyzeck, Hd. 12, S. 33.

42 Klotz, S. 138.

43 Pongs-Andersson, S. 92

44 Lit.brief, S.74.

45 Glebke, Michael: Die Philosophie Georg Büchners. Marburg: Tectum Verlag 1995 (Marburger wissenschaftliche Beiträge; Bd. 9) S. 39 (Ebenso alle nachfolgenden Angaben in Glebke).

46 Lit.brief, S. 75.

47 Lit.brief, S. 75.

48 ebd.

49 Klotz, S. 34.

50 ebd.

51 Wilpert, Gero von: Katharsis. In: ders: Sachwörterbuch der Literatur. 5., verb. und erw. Aufl. Stuttgart: Alfred Körner Verlag 1969. S. 382.

52 Glebke, S. 40.

53 ebd.

54 Glebke, S. 39.

55 Lit.brief, S. 75.

56 Glebke, S. 39.

57 Lit.brief, S. 75.

58 ebd.

59 Wilpert, Gero von: Mimesis. In: ders: Sachwörterbuch der Literatur. 7., verb. und erw. Aufl. Stuttgart: Alfred Körner Verlag 1989.

60 Lit.brief, S. 74.

61 Bornscheuer, S. 58ff.

62 Lit.brief, S. 74.

63 Lenz, S. 14.

64 Lit.brief, S. 74.

65 vgl. Glück, Alfons: Woyzeck - Clarus - Büchner (Umrisse). In: Zweites internationales Georg Büchner Symposion 1987. Hg. v. Dedner, Burghard. Meisenheim u.a.1990. S. 426.

66 Lenz, S. 14.

67 Ullman, S. 125.

68 Ullman, S. 125f.

69 Lit.brief, S. 74.

70 Thorn-Prikker, Jan: Revolutionär ohne Revolution. Interpretationen der Werke Georg Büchners. 1. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta 1978. S. 60.

71 Lenz, S. 14.

72 Miladinovic, Mira: Georg Büchners "Lenz" und Johann Friedrich Oberlins "Aufzeichnungen". Eine vergleichende Untersuchung. Frankfurt a. M.; Bern; New York: Lang 1968 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 879) S. 58 (Ebenso alle nachfolgenden Angaben in Miladinovic).

73 ebd.

74 Lenz, S. 14f.

75 Lenz, S. 15.

76 ebd.

77 ebd.

78 Lenz, S. 14.

79 Lenz, S. 14f.

80 Lenz, S. 15.

81 Lenz, S. 14.

82 ebd.

83 Lenz, S. 15.

84 Miladinovic, S. 60.

85 Lenz, S. 16.

86 Lenz, S. 14.

87 Lenz, S. 15.

88 vgl. Büchner, Georg. Dantons Tod. In: Georg Büchner .Gesammelte Werke.(Goldmann Klassiker 7510) S. 38: ,,David, der [..] die Gemordeten [...] kaltblütig zeichnete".

89 Lenz, S. 14.

90 Lenz, S. 15.

91 ebd.

92 Meier (I), S. 82.

93 Klotz, S. 218.

94 vgl. Klotz, S. 108.

95 Lit.brief, S. 75.

96 Lenz, S. 15.

97 Lit.brief, S. 74.

98 Klotz, S. 15.

99 Klotz, S. 99.

100 Alle nicht näher gekennzeichneten Zitate beziehen sich auf: Woyzeck, Hd. 3, S. 17f.

101 Meier, Albert (II). Georg Büchner "Woyzeck". 2., unveränd. Aufl. München 1986 (=UTB 975) S. 40 (Ebenso alle folgenden Angaben in Meier (II)).

102 Alle nicht näher gekennzeichneten Zitate beziehen sich auf: Woyzeck, Hd. 8, S. 25f.

103 Meier (II), S. 49.

104 ebd.

105 ebd.

106 Klotz, S. 108.

107 vgl. Meier (II), S. 48.

108 Alle nicht näher gekennzeichneten Zitate beziehen sich auf: Woyzeck, Hd. 10, S. 29.

109 Woyzeck, Hd. 2, S. 13.

110 Klotz, S. 66.

111 Alle nicht näher gekennzeichneten Zitate beziehen sich auf: Woyzeck, Hd 14, S. 35.

112 Meier (II), S. 41.

35 von 35 Seiten

Details

Titel
Erörterung der Literaturauffassung Georg Büchners und auf deren Hintergrund Interpretation von vier selbstgewählten Szenen aus "Woyzeck"
Hochschule
Universität Regensburg
Veranstaltung
Proseminar Einführung in die Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
beste Arbe
Autor
Jahr
2000
Seiten
35
Katalognummer
V98544
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erörterung, Literaturauffassung, Georg, Büchners, Hintergrund, Interpretation, Szenen, Woyzeck, Proseminar, Einführung, Neuere, Deutsche, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Susanna Eiberger (Autor), 2000, Erörterung der Literaturauffassung Georg Büchners und auf deren Hintergrund Interpretation von vier selbstgewählten Szenen aus "Woyzeck", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98544

Kommentare

  • Gast am 18.11.2003

    Sehr gegehrte frau eilberger,
    dies ist eine wundervolle arbeit
    respekt
    danke für dei 15 pkte in deutsch lk
    echt hemmer
    hast voll was drauf

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Titel: Erörterung der Literaturauffassung Georg Büchners und auf deren Hintergrund Interpretation von vier selbstgewählten Szenen aus "Woyzeck"



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