Kolonialismus im deutschen Roman


Seminararbeit, 2000
22 Seiten

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Koloniale Wirklichkeit

Gustav Frenssens ,,Peter Moors Fahrt nach Südwest"

und

Uwe Timms ,,Morenga"

im Vergleich

von

Marion Helmle

Ich will an dieser Stelle ein Wort sagen zur Jugend, die im Tor des Lebens steht, und zu denen, die mitten auf dem Weg sind. Es ist das alte Lied, das ich immer gesungen; ich kenne nur das eine: das Lied vom schweren und tapferen Leben.

Die Offiziere und Soldaten des Feldzuges in S ü dwest waren, wie alle zugegeben haben,

genau so, wie sie in diesem Buch geschildert sind: guten Glaubens an ihr sittliches Recht,

gehorsam, willig, ausdauernd und tapfer. [...]

(Gustav Frenssen im Vorwort zur neuen Ausgabe 1941)

Historischer Überblick

Lange bevor das Deutsche Reich Ende des 18. Jahrhunderts die erste Kolonie gründen, haben England und Frankreich schon von weiten Teilen der Erde Besitz ergriffen und gewinnbringende überseeische Besitzungen gegründet. Das imperialistische Machtgefüge ist zu diesem Zeitpunkt - neben Staaten wie Spanien und den Niederlanden - schon von diesen beiden Großmächten bestimmt. Deutschland muß sich sozusagen mit den Überresten zufrieden geben. Der Grund für diesen Rückstand ist in der verspäteten deutschen Einheit zu suchen: erst 1871 schließen sich die sechsundzwanzig deutschen Fürstentümer zu einem einheitlichen Reich mit gemeinsamer Wirtschafts- und Außenpolitik zusammen. Schon immer hatte es Abenteurer gegeben, die es auf der Suche nach dem großen Glück in die Ferne zog. 1683 hatte eine Expedition einen Handelsposten an der Goldküste gegründet, der aber bald an die Holländer verkauft wurde. Ansonsten müssen deutsche Glücksuchende unter fremder Flagge in die Fremde gehen.

Angesichts der immensen Erfolge und Erträge, die die anderen Kolonialmächte in ihren Besitzungen erreichen, ist es nur natürlich, daß auch die Deutschen, unter ihnen in erster Linie Händler, an diesem Erfolg teilhaben wollen. Doch man verspricht sich nicht nur wirtschaftlichen Profit in Form von billigem Farmland, Rohstoffen und neuen Absatzmärkten; auch ein gesteigertes Ansehen im Machtreigen der Großmächte hätten die Deutschen so kurz nach der Gründung des Reiches gerne gesehen. Doch Bismarck, ein kluger Taktiker, ist kein Freund dieser Expansionsideen. Da er ein Ungleichgewicht im europäischen Machtgefüge fürchtet und außerdem keinen wirtschaftlichen Nutzen in kolonialen Besitzungen sieht, dauert es 13 Jahre, bis das Parlament einer deutschen Kolonialpolitik zustimmt und 1884 die erste deutsche Kolonialgesellschaft gegründet werden kann.

Schon 1842 beginnen Angehörige der Rheinischen Missionarsgesellschaft, Teile Südwestafrikas in Besitz zu nehmen. Diese Besitzungen sind privat und nicht immer mit legalen Mitteln erworben. Sie stehen auch noch nicht unter deutschem Schutz, weswegen die Missionare recht hilflos gegen den Widerstand der einheimischen Bevölkerung kämpfen müssen. Da aus der Heimat kein Schutz zu erwarten ist, sucht man bei Großbritannien Unterstützung. Doch auch die Briten ziehen sich bald aus dieser Verantwortung zurück, so daß 1880 die britische Schutzherrschaft endgültig zusammenbricht. Dieses politische Vakuum nun nutzt die deutsche Regierung um sich verstärkt in Kolonialangelegenheiten einzumischen. Da die deutsche Regierung aber zunächst nicht selbst in die überseeischen Gebiete investieren will, ist es der Bremer Großkaufmann Adolf Lüderitz, der weite Teile Südwestafrikas erwirbt, die dann unter den Schutz der deutschen Krone gestellt werden. Weiterhin werden durch Verträge mit den Häuptlingen Gebiete der Einheimischen unter deutschen Schutz gestellt.

Lüderitz, der reiche Bodenschätze auf dem von ihm erworbenen Land erwartet hatte, muß aufgrund seiner schlechten Finanzlage 1885 seine Gebiete an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika abtreten. Aufgrund von mangelndem Kapital und der weiter andauernden Kämpfe zwischen den südwestafrikanischen Stämmen können in den ersten Jahren der neuen Kolonie keine Erfolge verzeichnet werden, es ist bis 1892 sogar eine zunehmende Kolonialmüdigkeit zu beobachten.

Deutschsüdwestafrika ist fast doppelt so groß wie das Deutsche Reich und besteht zu großen Teilen aus Wüste, aber auch fruchtbaren Steppen, die sich hervorragend zur Viehzucht eignen. Das Land wird von fünf einheimischen Völkern besiedelt: Bushmen, Namas (auch abschätzig Hottentotten [= Stotterer]1 genannt), Damaras, Hereros und Ovambos.

Machtkämpfe und Unruhen veranlassen die Regierung ab 1889 vermehrt Truppen in die Schutzgebiete zu entsenden. Diese stiften aber nicht wie vorgesehen Frieden, sondern führen zu immer größer werdenden Unruhen. Dabei nützen die deutschen Befehlshaber die schon immer bestehenden Rivalitäten der Stämme untereinander geschickt für ihre Zwecke aus. 1892 jedoch besinnen sich die seit Menschengedenken verfeindeten Nama und Herero und schließen Frieden, um gemeinsam gegen die fremde Macht kämpfen zu können. In den nun folgenden Jahren gehen deutsche Einheiten immer wieder brutal gegen verschiedene Stämme vor und versuchen mit diplomatischen Mitteln Unfrieden zu stiften; die Zahl der deutschen Soldaten wird bis 1903 allmählich auf fast 3000 erhöht. Auch die Zahl der deutschen Siedler, die mit ihren Viehherden der südwestafrikanischen Bevölkerung allmählich die Lebensgrundlage entziehen, wächst beständig.

Diese Entwicklung, in Verbindung mit einer durch die Rinderpest hervorgerufene Hungersnot veranlaßt schließlich die Herero sich 1904 zu erheben. Der Aufstand wird bis 1906 blutig niedergeschlagen. Der Stamm wird fast völlig ausgerottet und verliert seine Vieherden, die seine Lebensgrundlage darstellen.

Kaum haben die deutschen Schutztruppen den Hereroaufstand niedergeschlagen, erheben sich die Hottentotten. In einem langen, guerilla-artigen Krieg gelingt es den deutschen Truppen endlich, mit Hilfe der Engländer auch diesen Aufstand zu zerschlagen.

Die Reaktion der deutschen Bevölkerung auf diese Entwicklung ist gemischt, denn die Mehrzahl hat keine Ahnung, welche Konsequenzen dieser Schritt mit sich bringen würde. Zudem ist Afrika weit weg und nur wenige sind dort gewesen und können zufriedenstellend berichten. Erst durch die Unruhen, die kostspielige Militäreinsätze mit sich bringen, wird die Aufmerksamkeit des deutschen Volkes verstärkt auf die afrikanischen Kolonien gelenkt. Aber militärische Erfolge, sowie Berichte, die von den finanziellen Gewinnen der Kolonien berichten, führen dazu, daß das Volk sich zunehmend mit den überseeischen Besitzungen identifiziert und sie bis 1919 in sein nationales Selbstverständnis integriert hat.

Der Hauptwirtschaftszweig der Kolonien ist die Schaf- und Rinderzucht, bis 1908 Diamanten in der Lüderitzbucht gefunden werden. Die Kolonien sind aber nie ein Hauptwirtschaftszweig des Deutschen Reiches und haben aufgrund der kostspieligen Kolonialkriege mehr gekostet, als sie eingebracht haben.

Mit der Niederlage im ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag 1919 verliert Deutschland jedoch seine Kolonien, die die Siegermächte unter sich aufteilen. Obwohl die deutsche Kolonialära nur etwa 30 Jahre gedauert hat, empfindet man dies als einen schweren Verlust.

Diese Entwicklungslinien zeigt auch die Literatur. So findet man im 19. Jahrhundert in erster Linie Texte, die sich mit der Landnahme und den Lebensumständen der ersten Siedler befassen. Vor allen Dingen die Werke von Frieda von Bülow, die ab 1889 von ihren Erfahrungen berichtet, entwickeln sich zu Verkaufsschlagern, die weit in das 20. Jahrhundert hinein gelesen werden.

Mit dem Ausbruch der Hereroaufstände und der Hottentottenkriege finden solche Themen verstärkt Eingang in die deutsche Literatur. In unzähligen Feldzugberichten und Reiseerzählungen werden diese Ereignisse beschrieben, zum Teil durch Augenzeugen, aber auch fiktiv. Die Texte zeichnen sich dadurch aus, daß sie den weißen Mann heroisieren und die schwarzen Eingeborenen abwerten. Das Ziel ist es, die eingeborene Bevölkerung, die als mordgierig, räuberisch und von kindlichem Gemüt beschrieben wird, zu erziehen und auf eine höhere Kulturstufe zu stellen.

Als erster erfolgreicher Roman dieser Art gilt Gustav Frenssens ,,Peter Moors Fahrt nach Südwest", der 1906, unmittelbar nach den Aufständen, erscheint. Im Stile der damals sehr beliebten Heimatliteratur beschreibt Frenssen die glorreichen Siege, die die deutschen Schutztruppen gegen die aufständischen Hereros errungen haben. Der Roman stellt sehr eindrücklich dar, wie sich der Deutsche als Held im wilden Afrika sieht.

Nach dem Verlust der Kolonien durch den Vertrag von Versailles kann man in den Kolonialromanen der zwanziger Jahre das Bedauern darum sehr deutlich herauslesen. Die Texte zeichnen sich durch ihren trotzig-erbitterten Zug aus, der Ruf nach Revanche wird laut. Auch die Nationalsozialisten greifen dieses Thema auf, das so vorzüglich zu ihrer Lebensraumpolitik paßt. Zum einen werden schon bestehende Texte, wie zum Beispiel ,,Peter Moor" für Propagandazwecke ausgenutzt, in denen soldatisches Heldentum in den Vordergrund tritt. Doch auch neue Figuren erscheinen auf der Bildfläche, die Sozialdarwinismus und die Schaffung von Neuland propagieren. Als erfolgreichster Autor kann wohl Hans Grimm genannt werden, dessen Texte hundertprozentig die nationalsozialistische Einstellung wiedergeben. Seine Romane werden nicht nur zur Vermittlung des Gedankens, sondern auch zum seelischen Aufbau der Bevölkerung und des Militärs verwendet. Oftmals sind kolonialistische Texte dieser Zeit gegen die erfolgreichere Kolonialmacht England gerichtet.

Auch nach Zerschlagung des Dritten Reiches und der damit verbundenen Ideologie ändert sich nicht viel an der Aussage des deutschen Kolonialromans. Zwar wird das Thema nur noch recht selten bearbeitet, aber noch immer wird die wilhelminische Politik verharmlost. Man ist nicht in der Lage, das Geschehene kritisch zu beurteilen und zu begreifen, daß die deutschen Kolonialkriege keine segensbringende Mission für die Schwarzen waren, sondern inszenierte Kriege zur Landgewinnung.

Eine Wende ist erst in der Literatur der DDR der sechziger Jahre zu beobachten. Unter dem Einfluß des Sozialismus betreibt man kritische Kolonialismusforschung und kann endlich den Schaden sehen, den die Deutschen an Land und Volk angerichtet haben.

In den siebziger Jahren tritt diese Wende im Verständnis des Vergangenen auch in Deutschland ein. Unter dem Einfluß der DDR-Sichtweise wird auch die westdeutsche Sicht zunehmend kritisch gegenüber Kapitalismus, Kolonialismus und Imperialismus.

Diese Denkweise vertritt auch Uwe Timm in seinem 1985 erschienenen Roman ,,Morenga". Der Text ist eine deskriptiv-distanzierte und reportagenhafte Mischung aus Fiktion und Quellenstudien. Durch diese Arbeitstechnik kann sich der Leser mit keiner der Figuren richtig identifizieren, was eine allgemeine Verunsicherung mit sich bringt. Timm will damit wohl den Krieg als etwas darstellen, das man weder verstehen oder begreifen kann.

Die Texte, die in der nun folgenden Hausarbeit besprochen werden sollen, befassen sich beide mir der Kolonialgeschichte Deutschlands und speziell mit den Herero- und Hottentottenaufständen. Gustav Frenssens ,,Peter Moors Fahrt nach Südwest" erscheint 1907, also zu einer Zeit, in der Deutschsüdwestafrika noch Deutsche Kolonie ist. Es handelt sich um den fiktiven Erlebnisbericht des Peter Moor, der den Feldzug gegen die Herero von 1904 bis 1906 als Freiwilliger mitmacht. Frenssen schreibt das Buch auf Anregung seines Herausgebers hin, der der Meinung ist, daß die Soldaten, die in Südwest für ihr Vaterland leiden, diese Anerkennung verdienen. Frenssen, der selbst nie in Afrika war, stützt sich auf Aussagen von drei Afrikaveteranen, die ihm bereitwillig Auskunft geben und auch Eingang in das Buch finden.

Uwe Timms ,,Morenga" hingegen erscheint erst 1985. Der Protagonist Gottschalk kommt nach dem Hereroaufstand 1906 als Veterinär nach Deutsch Südwest um am Kampf gegen die Hottentotten mitzuwirken. Auch hier handelt es sich um einen fiktiven Erlebnisbericht, Tagebuchberichte ergänzen die Montage aus Quellentexten und stellen das Leben und Leiden der deutschen Soldaten, aber auch der einheimischen Bevölkerung, sehr plastisch dar. Interessant ist es, nun zu beobachten, wie sich die deutsche Kolonialliteratur über die Jahre hinweg verändert und entwickelt hat - von der Verklärung des Kolonialismus bis 1945 bis hin zum postkolonialen Roman Uwe Timms, der die Methoden und Auswirkungen dieser Epoche kritisch in Frage stellt. Diese Entwicklung soll anhand der Protagonisten Moor und Gottschalk beschrieben werden. Anhaltspunkte sollen dabei in erster Linie die Erwartungen und Auffassung der beiden von Land und Leuten sein, aber auch die Charakteristiken der Hauptfiguren werden aufschlußreich sein.

Beide Romane spielen etwa zur selben Zeit. Frenssens Roman jedoch befaßt sich mit dem Aufstand der Herero, während Timms Geschichte sozusagen mit der Abreise Moors aus Südwest und mit dem Beginn der Hottentottenaufstände einsetzt. Man muß also in Betracht ziehen, daß Frenssens Protagonist sozusagen zu den Pionieren gehört, die sich schlechteren Lebensbedingungen ausgesetzt sahen als Gottschalk, der zu einer Zeit eintrifft, als die Infrastruktur schon etwas besser ausgebaut ist. Darüber hinaus bekleidet Gottschalk als Tierarzt einen höheren militärischen Rang als Moor, der ,,nur" ein einfacher Soldat und Handwerker ist.

Nichts desto trotz bin ich der Meinung, daß sich die beiden Texte gut miteinander vergleichen lassen, denn die Figuren machen jeweils gleiche oder ähnliche Erfahrungen, die jedoch von den Autoren aufgrund der unterschiedlichen Perspektiven von damals und heute ganz verschieden beschrieben werden.

Gustav Frenssen: ,,Peter Moors Fahrt nach Südwest"

Gustav Frenssens erster und einziger Kolonialroman ist das wohl bekannteste und beliebteste Kolonialbuch, das bis in die 30er Jahre auf den Leselisten von Schulen und Universitäten zu finden ist. Besonders während des 3. Reiches wird das Buch zu Propagandazwecken genutzt: Es soll das Interesse der Bevölkerung am deutschen Krieg wecken. Das Deutschtum soll propagiert werden, folgedessen muß die Beschreibung der fremden Kultur in den Hintergrund treten, da sie nicht von Interesse ist. Dieses Vernachlässigen der fremden Kultur hat aber nicht nur politische, sondern auch praktische Gründe: Der Autor Gustav Frenssen ist nie selbst in Afrika gewesen und kennt sich demzufolge nur schlecht aus. Das macht sich vor allen Dingen in den fehlenden oder falschen Landschaftsbeschreibungen bemerkbar. So ordnet Frenssen die Insel Teneriffa zunächst den Kapverdischen anstatt den Kanarischen Inseln zu, was aber in späteren Ausgaben korrigiert wird. Dieses Unwissen spiegelt sich aber nicht nur in geographischen Fehlern, sondern auch in der allgemeinen Orientierungslosigkeit der Truppen wider, man kann regelrecht den fortschreitenden Verlust von Zeit und Raum mitverfolgen. Frenssens Ungenauigkeit ist jedoch auch Absicht: er ist sich seines mangelnden Wissens voll bewußt - um keine Ungenauigkeiten und Unstimmigkeiten zu riskieren, muß er diese vagen Angaben in Kauf nehmen.2

Doch nicht nur Landschaftsbeschreibungen und Zeitablauf sind ungenau, auch die Figuren und deren Charakteristiken sind eher typenhaft. So werden die Charaktere nicht mit Namen benannt und dann genauer ausgearbeitet, sondern sie bleiben bis zum Ende anonyme Figuren, die entweder entsprechend ihrer Herkunft als ,,der Holsteiner" und ,,der Bayer", oder entsprechend ihres Dienstgrades als ,,der Leutnant" oder ,,der General" bezeichnet werden. Durch diese Technik wird nicht das Individuum zum Helden gemacht, sondern es wird deutlich, daß nur in der Gemeinschaft das Ziel erreicht werden kann.

,,Frenssen sets out to demonstrate that the struggles in German Southwest Africa were no regional matter, that the participants were no self-glorifying heroes, but that, instead, the matter concerned the entire people - a national, a ,,racial" war." 3

Vergleicht man ,,Peter Moors Fahrt nach Südwest" mit den bisherigen Kolonialroman, unter anderem dem von Frieda von Bülow, der in erster Linie von gesellschaftlichen Verpflichtungen, Besitz und Familienidylle handelt, dann ist das, was Frenssen seinen Lesern beschreibt, ziemlich unglaublich. Denn kaum ein Deutscher, der nicht selbst in Afrika gewesen ist, kann sich die Mühen und Qualen der deutschen Soldaten in Afrika vorstellen. Auch im Protagonisten Moos spiegelt sich zunächst diese Unwissenheit wider. Sein Kamerad Gehlsen berichtet ihm über die Unruhen in Südwest Afrika, über die, wie es sich herausstellt, Moor gar nichts weiß.

,,Hast du schon gelesen?" Ich sagte: ,,Was denn?" Er sagte: ,,In S ü dwestafrika haben die Schwarzen feige und hinterr ü cks alle Farmer ermordet, samt Frauen und Kindern." Ich wei ß ganz gut in Erdkunde Bescheid; aber ich war erst doch ganz verwirrt und sagte:

,,Sind diese Ermordeten deutsche Menschen?" ,,Nat ü rlich," sagte er, ,,Schlesier und Bayern und aus allen anderen deutschen St ä mmen, und auch drei oder vier Holsteiner.

Und nun, was meinst du, wir vom Seebataillon..."

Da erkannte ich pl ö tzlich in seinen Augen, was er sagen wollte. ,,Wir m ü ssen hin!" sagte

ich. Er hob die Schultern: ,,Wer sonst?" sagte er. 4

Diese kurze, aber dennoch prägnante Lagebeschreibung dient nicht nur dazu, Peter Moor über die Ereignisse in der Kolonie ins Bild zu setzten, sondern soll auch den Leser, der in der Regel nicht besser informiert ist als der Protagonist, mit der Situation vertraut machen.

Vor seinem Roman ,,Peter Moors Fahrt nach Südwest" hatte Gustav Frenssen sich schon einen Namen als Autor von Heimatromanen wie ,,Jörn Uhl" und ,,Hilligenlei" gemacht. Da Frenssen sich aber einen Namen als deutscher Autor machen will, entschließt er sich einen Roman zu einem Thema zu schreiben, das in Deutschland zu dieser Zeit von allgemeinem öffentlichen Interesse ist. Der Kampf der deutschen Truppen auf deutschem Kolonialgebiet eignet sich hervorragend, um seine Vorstellung von Nationalismus und Idealismus zu beschreiben.

Obwohl der Roman ,,Peter Mohr" nicht in der Heimat spielt, lassen sich auch hier die typischen Züge der Heimatkunst erkennen. Deutschtum (die Tugendhaftigkeit und Stärke der deutschen Soldaten), Heimat (die Schönheit und Reinheit Deutschlands im Vergleich zum despoten und verdorbenen Afrika) und deutsche Kultur werden über alle Maßen emporgehoben. Die Kulisse Afrika dient in erster Linie dazu, diese Stärken noch besser hervorzuheben. Der Junge aus einer Holsteiner Handwerkerfamilie (der die Heimatkunst repräsentiert) geht hinaus in die große weite Welt, um für die Ideale der deutschen Nation zu kämpfen.5 Dieses Volkstum ist es, das die Nazis später in ihre Blut-und-Boden-Mentalität aufnehmen.

Diese ignorante und naive Sichtweise ist charakteristisch für die Soldaten der Schutztruppe. Sie sehen sich als die Segensbringer, was sich schon in Gehlsens Spruch ,,wer sonst" andeutet. Allgemein herrscht vor der Abfahrt gute Stimmung - alle freuen sich darauf, in das fremde Land zu fahren,

,,... um an einem wilden Heidenvolk vergossenes deutsches Blut zu r ä chen." 6

Kritik wird nur selten laut und nur die Mütter, die weinend am Hafen stehen, scheinen sich Sorgen zu machen. Aber Moor hat an dieser Stelle eine Vorahnung. An der Reling des Schiffes stehend, das ihn nach Afrika bringen soll, kommt ihm der Gedanke,

,, ...,da ß ich fortgebracht w ü rde und mich nicht dagegen wehren k ö nnte und in der Fremde vielleicht Furchtbares erleben m üß te." 7

Auch das Afrikabild des Romans ist typisch für die diese Mentalität. So kommen in dem Text keine afrikanischen Individuen vor, sondern es wird immer vom Volk oder der Rasse im allgemeinen gesprochen. Wenn Frenssen von Schwarzen spricht, dann spricht er weniger von Menschen, sondern anhand seiner Wortwahl assoziiert der Leser eher Tiere. Dies kommt schon bei der ersten Begegnung mit den Eingeborenen zum Ausdruck.

,, ... kam von drau ß en ein Wundern und Schreien und dummes Gekreische, und ein Schleifen und Rutschen und Gleiten , da ß ich aufsprang und hinausging. Da erschrak ich und staunte mit offenem Munde. Denn ü ber beide Borde kam es, mit Katzenschleichen und Schlangengleiten, schwarz und lang und halbnackt , mit gro ß en, entbl öß ten Gebissen, mit lachenden, wilden Menschenaugen, ..." 8

,,In meiner freien Zeit stand ich oft bei den Schwarzen und beobachtete sie, wie sie friedlich beieinander sa ß en und in gurgelnden T ö nen miteinander schwatzen, und wie sie um die gro ß en E ß t ö pfe hockten, mit den Fingern eine Unmenge Reis zum Munde f ü hrten, und mit ihren gro ß en, knarrenden Tiergebissen Beine, Gekr ö se und Eingeweide ungereinigt fra ß en. [...] Und es schien mir, da ß es so stand, da ß die Leute von Madeira zwar Fremde f ü r uns sind, aber wie Vettern, die man selten sieht, da ß diese Schwarzen aber ganz, ganz anders sind als wir. Mir schien, als wenn zwischen uns und ihnen gar kein Verst ä ndnis und Verh ä ltnis des Herzens m ö glich w ä re. Es m üß te lauter Mi ß verst ä ndnisse geben." 9

Frenssen bringt hier ganz deutlich die deutschen Rassenideale zum Ausdruck: für ihn ist der Gedanke, daß diese Schwarzen ein Teil des deutschen Volkes werden könnten, schlicht unmöglich, dazu sind die Unterschiede zu groß.

Später, in Afrika, scheint sich Moors erster Eindruck zu bewahrheiten. Die Schwarzen sehen für ihn ,,gedankenlos und gleichgültig"10 aus, die Frauen, die er als ,,altliche" und ,,häßliche" Weiber11 bezeichnet, bieten sich in der Stadt den Soldaten an. Auch die Eingeborenen, die er im Kampf sieht, vergleicht er wieder mit Tieren. Es ist nicht soldatisches Können, das die Hereros im Kampf erfolgreich macht, sondern eher animalischer Wille und Kraft.

Im selben Maße wie die Wahrnehmung der einheimischen Bevölkerung von Vorurteilen ,,gestört" ist, ist auch die des Landes von verschiedenen Faktoren beeinflußt. Zunächst erwartet die Soldaten eine herbe Enttäuschung, denn das Land ist nicht die Dschungelidylle mit wilden Tieren und bogenschießenden Eingeborenen, sondern eher eine trostlose Einöde. Auch ein herzlicher Empfang bleibt aus und die Soldaten werden das erste Mal mit der grausamen Realität konfrontiert.

Die Natur im allgemeinen kann von den Soldaten nicht in ihrer einmaligen Schönheit wahrgenommen werden. Die Natur wird von Moor fast ausschließlich mit der Natur verglichen, die er aus Deutschland kennt. So vergleicht er afrikanische Bäume mit Eichen, Antilopen mit Rehen und sieht Vögel, die Rebhühnern ähnlich sind.

Frenssen stellt die afrikanische Natur fast ausschließlich als den Gegner der Schutztruppe dar, der sich mit den Hereros gegen die Deutschen verbündet hat und ihnen das Leben noch schwerer macht. Diese einseitige Beschreibung, der ,,Symbolismus", ist wieder ein Element der Heimatkunst, die Frenssen hier in den Text einfließen läßt.12 Er steigert die unwirtliche Landschaft, die die Soldaten bei ihrer Ankunft erwartet zu einer Wüste, durch die sie auf dem Weg nach Windhuk reisen. Einen ersten Höhepunkt schafft er mit der Beschreibung der von den Eingeborenen zerstörten Siedlung.

Einen Kontrapunkt dazu (und zu der schlechten Lage im allgemeinen) bietet Frenssen Vorstellung und Beschreibung von deutschem Leben in den Kolonien; es wird geradezu ins religiöse überhöht.

,, Mit gro ß en Augen sp ä hten wir in den Garten hinein, den die Schutztruppler in fr ü heren

Jahren mit gro ß er M ü he angelegt hatten; da waren wahrhaftig Palmen und Weinlauben, von denen wir in Kiel und auf dem Meere nur getr ä umt und geredet hatten. [...] Und da, im Schatten einer Veranda stand eine deutsche Frau; sie hatte ein kleines Kind auf dem Arm. Wie wir hinsahen! Wie wir uns ü ber das helle, saubere Kleid freuten und ü ber das reine, freundliche Gesicht und ü ber das wei ß e Kind. Wie auf ein Himmelswunder starrten wir auf das, was man in Deutschland alle Tage sehn konnte. Wie die heiligen drei K ö nige, die auch aus der W ü ste kamen und vom Pferd herab Maria mit ihrem Kinde sahen." 13

Seinen traurigen Höhepunkt nimmt der Roman in der Verfolgung der Hereros in die Wüste, die den Tod für den gesamten Stamm bedeutet. Ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder zu nehmen, treibt Moors Einheit die verzweifelten Hereros immer weiter in die Wüste hinein, bis es kein zurück mehr gibt. An dieser Stelle kommt Frenssen sozusagen zu seinem Fazit. In einem Gespräch mit Mohr kommt der nationalistische Gedanke der Aktion sehr deutlich heraus.

,,Diese Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient, nicht weil sie zweihundert Farmer ermordet haben und gegen uns aufgestanden sind, sondern weil sie keine H ä user gebaut und keine Brunnen gegraben haben. [...] Gott hat uns hier siegen lassen, weil wir die Edleren und Vorw ä rtsstrebenden sind. Das will aber nicht viel sagen gegen ü ber diesem schwarzen Volk, sondern wir m ü ssen sorgen, da ß wir vor allen V ö lkern die Besseren und Wacheren werden. Den T ü chtigeren, den Frischeren geh ö rt die Welt.

Es wird aber auch leise Kritik laut, das aufkommende schlechte Gewissen wird jedoch mit dem Gedanken an die ,,gute Sache" verdrängt.

,,Aber der Missionar hat doch recht, da ß alle Menschen Br ü der sind." Ich sagte:

,,Dann

haben wir also unsern Bruder get ö tet;" und sah nach dem dunklen K ö rper, der lang im Grase lag. Er sah auf und sagte mit seiner heisern, schmerzenden Stimme: ,,Wir m ü ssen noch lange hart sein und t ö ten, aber wir m ü ssen uns dabei, als einzelne Menschen und als Volk, um hohe Gedanken und edle Taten bem ü hen, damit wir zu der zuk ü nftigen, br ü derlichen Menschheit unsern Teil beitragen." [...] Ich hatte w ä hrend des Feldzuges oft gedacht: `Was f ü r ein Jammer! All die armen Kranken und Gefallenen! Die Sache ist das gute Blut nicht wert!` Aber nun h ö rte ich ein gro ß es Lied, das klang ü ber ganz S ü dafrika und ü ber die ganze Welt und gab mir einen Verstand von der Sache.

Was Frenssen hier zum Ausdruck bringt, ist eindeutig Sozialdarwinismus, die Afrikaner sind als die minderwertige Rasse den Deutschen unterlegen und somit nicht existenzberechtigt. Diese Aussage nutzen die Nazis dreißig Jahre später natürlich für ihre Zwecke.

An dieser Stelle nun tritt auch Frenssens Symbolismus wieder zu Tage: Da die Gefahr, die Hereros eliminiert sind, ist schließlich auch die Natur den Soldaten freundlicher gesinnt: der Frühling bricht aus. Afrika ist nun so, wie es sich die Schutztruppler zu Beginn vorgestellt hatten.

Frenssen beendet seinen Roman, indem er Moor, der an einer Herzkrankheit erkrankt ist, nach Deutschland zurückkehren läßt. Moor kehrt mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück: zum einen hat er Afrika lieben gelernt, er ist aber auch froh, wieder in die Heimat zurückkehren zu können.

Gustav Frenssens ,,Peter Moors Fahrt nach Südwest" ist also ein typisches Stück kolonialer Literatur, das die Auffassungen und Erfahrungen des Kolonialismus sehr deutlich widerspiegelt. Koloniale Literatur zeichnet sich dadurch aus, daß sie aus der Sicht eines Deutschen für Deutsche zur Zeit des Kolonialismus geschrieben ist. Sie gibt die Sichtweise der Imperialisten wider und nicht die der einheimischen Bevölkerung. Die Vorherrschaft der Europäer bis hin zum Sozialdarvinismus sind in ihr thematisiert. Auch wird oftmals die Rechtfertigung des Imperialismus behandelt - ,,imperialism seems part of the order of things"14

Nach der Auflösung der europäischen Kolonien beginnt das Zeitalter des Postkolonialismus. In der Literatur dieser Zeit soll Kritik an den imperialistischen Verhältnissen geübt werden. Ziel der Literatur ist, mit ihrer Hilfe den Imperialismus zu überkommen, indem der Autor den Leser über die Mißstände aufklärt. Eine weitere Aufgabe ist es, die kolonialistische Literatur, die den Imperialismus propagiert, zu unterwandern.

An dieser Stelle soll also nun ein Stück postkoloniale Literatur behandelt werden.

Uwe Timm: ,,Morenga"

1984 erscheint Uwe Timms Roman, der sich wie Gustav Frenssens Text mit den

Kolonialkriegen beschäftigt. Laut Timm ist dieser Roman zum einen durch seine Kindheit inspiriert, als Kameraden seines Vaters von ihren Erlebnissen und Eindrücken aus den Kolonialkriegen erzählten. Aber auch die Studentenbewegung übt einen wichtigen Einfluß auf die Entstehung des Textes aus, da sie unter anderem das Problem ,,Dritte Welt" und deren Umgang mit Gegenwart und Vergangenheit ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.15 Dieses Bewußtsein läßt sich auch in anderen Werken, wie ,,Schlangenbaum" feststellen.

Timm erzählt also anders als Frenssen die Geschichte aus postkolonialer, das heißt kritischer Sichtweise. Im Gegensatz zu Frenssen stützt sich Timm nicht nur auf Zeugenaussagen, sondern hat Südwestafrika selbst bereist und in den dortigen Archiven recherchiert, denn die deutschen Kolonialherren hatten über alles genau Buch geführt.

,,In allen Kolonien wurde gepr ü gelt, nicht um die Schuld von den Deutschen wegzunehmen; in den englischen und den franz ö sischen, in den belgischen, aber nur in den deutschen wurde dar ü ber Buch gef ü hrt. Die Deutschen haben das akribisch festgehalten. Es wurde geschrieben wieviel, wann, warum, das kann man alles aus den Akten entnehmen. 16

Durch diese Arbeit hat er nicht nur tiefere Einblicke in das Land und seine Leute gewonnen, sondern auch erstaunliche Dokumente ans Tageslicht gefördert, die er in seinem Text verarbeitet. So hat erst durch seine Arbeit der Freiheitskämpfer Morenga einen gewissen Bekanntheitsgrad in der einheimischen Bevölkerung gewonnen und dient heute als deren Symbol des Freiheitskampfes.

So verarbeitet Timm viele dieser Dokumente direkt so, wie er sie vorgefunden hat. Teile des Romans setzten sich aus Briefen und Mitteilungen von deutschen Befehlshabenden und Politikern zusammen. Der historische Raum, in dem der Roman spielt, mit seinen Figuren und Daten, orientiert sich sehr eng an der Realität. Im Gegensatz zu Frenssens Text stellt Timm in ,,Morenga" die Zeit sehr genau dar. So sind die dokumentarischen Einschübe datiert und auch Geottschalks Tagebuch macht es dem Leser möglich sich in der erzählten Zeit zurechtzufinden.

Ob man mit dem Ochsenziemer oder mit dem Stockpr ü gel schlagen sollte, dar ü ber gibt es

medizinische Gutachten. So was kann man sich gar nicht ausdenken, das kann man nur dokumentieren, und es ist dokumentiert, das habe ich als Dokument in den Roman aufgenommen. 17

Der Roman setzt sich aber nicht nur aus Dokumentarischem zusammen, in weiten Teilen ist er fiktiv, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so erscheinen mag. Damit gehört der Roman zu der sogenannten ,,Tatsachenliteratur", die Fakten und Fiktion so miteinander verbindet, daß zum einen der Realitätsbezug gewahrt bleibt, aber auch ein gewisses Maß an Spannung erzeugt wird. ,,Faction"-Literatur hat es sich zum Ziel gesetzt, nach den psychologischen Ursachen des Faktischen zu fragen.18

Die Handlung des Romans wird in weiten Teilen aus der Sicht des Veterinärs Gottschalk erzählt, zum einen aus der Sicht eines Erzählers, aber auch die Tagebuchaufzeichnungen Gottschalks hat Timm in den Roman eingebaut. Diese Tagebuchaufzeichnungen, in Verbindung mit dem dokumentarischen Teil, geben dem Roman eine starke Realitätsnähe. Man darf sich aber nicht in die Irre führen lassen: Timm gibt zu, daß diese Tagebuchaufzeichnungen reine Fiktion sind.

Neben dem eigentlichen Handlungsstrang mit den Tagebuchaufzeichnungen und den dokumentarischen Einschüben gibt es drei Kapitel, die mit ,,Landeskunde" überschrieben sind. In ihnen beschreibt Timm Begebenheiten aus der Kolonialisierung Südwest Afrikas. Es werden Geschichten von Pionieren und deren Erfahrungen erzählt, in erster Linie aus der Sicht der einheimischen Bevölkerung. Hier kommen auch Mythen ins Spiel: Mythen, die afrikanischen Ursprungs sind, wie zum Beispiel die sprechenden Ochsen, aber auch modernere Mythen, wie der vom riesigen Brandweinfaß. Diese Exkurse geben einen tieferen Einblick in die Denkweise der Afrikaner, aber auch in die der Eindringlinge.

Interessanterweise werden am Ende die Handlungsstränge dieser Exkurse mit der eigentlichen Handlung zusammengeführt, wenn zum Beispiel Gottschalk die Überreste des Fasses findet.

Gottschalk ging einige Schritte in s ü dlicher Richtung und kratze mit dem Stiefelabsatz im

Sand. Er war nicht weiter ü berrascht, als er darunter schwarzbraungef ä rbte Erde fand

und dazwischen Holzst ü cke , verrostete Haken, ein St ü ck der Eisenfelge, an einem Ende bizarr angeschmolzen, ein, zwei Schrauben.

Gottschalk hob ein Holzst ü ckchen auf, verkohlt, die Maserung erkennbar, geschliffen vom Sand, ein winziges Teil jener Steineichen, die vor fast f ü nfzig Jahren aus Frankreich in dieses Land gebracht worden waren, um die schlafenden Verh ä ltnisse zum Tanzen zu bringen. 19

Es ist das Interesse am Fremden, das dem Roman die Tiefe gibt, die man bei Frenssens Text vermißt. Frenssen, der aus rein deutscher Sichtweise schreibt, ist an einer solchen Thematik überhaupt nicht interessiert, folglich können auch seine Figuren kein solches Interesse zeigen. Alles in allem ergibt sich aus diesem Mix von Textarten und Sichtweise eine Art von Collage. Zum einen gibt die detailgetreue Beschreibung des Schauplatzes und der Handlung dem Leser einen tiefen Einblick in die Problematik des Geschehens. Die collagenhafte Zusammensetzung des Textes, der oftmals zerstückelt und durcheinander erscheint, verhindert jedoch, daß sich der Leser mit dem Protagonisten und der Handlung fest identifizieren kann. Dieser Effekt ist vom Autor jedoch gewollt. Auch der Protagonist kann sich angesichts der Grausamkeiten nicht mit seiner Position und seinen Handlungen identifizieren. Timm hat hier sozusagen einen Entfremdungseffekt geschaffen, der die Entfremdung der Handlungssituation, des Krieges widerspiegelt.

Die genaue Darstellung des Geschehens hat zur Folge, daß die Landschaftsbeschreibungen sehr detailgetreu sind und die Figuren genau charakterisiert sind. Im Gegensatz zu Frenssen, dessen Figuren nur typenhaft und oftmals anonym sind, arbeitet Timm die Charaktere heraus. Man kann zwei ,,Hauptfiguren" erkennen, die Veterinäre Gottschalk und Wenstrup, die von ihrer Lebensanschauung her sehr unterschiedlich sind und die im Roman verschiedene Wege gehen. So verschwindet Wenstrup im Laufe des Geschehens, er nimmt aber dennoch einen entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung von Gottschalk. Auch die Kameraden von Gottschalk haben Namen und ihre Wesensmerkmale werden bis zu einem gewissen Punkt dargestellt, unumstrittener Mittelpunkt ist jedoch Gottschalk, was schon die Aufnahme seiner Tagebuchaufzeichnungen deutlich macht.

Es ist interessant die Entwicklung der beiden Veterinäre zu beobachten. Während Gottschalk als blauäugiger Idealist nach Afrika fährt, ist Wenstrup der Realist, der Sinn und Zweck des Kolonialismus durchschaut hat und kritisiert.

Woran die sterben, sagte Gottschalk sp ä ter zu Wenstrup: Ruhr, Typhus und Unterern ä hrung. Die verhungern.

Nein, sagte Wenstrup, man l äß t sie verhungern, das ist ein feiner, aber doch entscheidender Unterschied.

Gottschalk vermutete lediglich ein Versagen subalterner Dienststellen. Wenstrup hingegen behauptete allen Ernstes, dahinter stecke System. Welches?

Die Ausrottung der Eingeborenen. Man will Siedlungsgebiet haben.

Mit dem Fortschreiten der Zeit muß Gottschalk feststellen, daß Afrika nicht das Paradies ist, das er sich in seinen Knabenträumen erträumt hat, sondern daß er hier mit der harten Realität konfrontiert wird. Er kann nicht verstehen, wie die Deutschen das Land kolonisieren wollen, ohne wenigstens zu versuchen, Land und Leute zu verstehen.

Wie will man ein Land kolonisieren, wenn man sich nicht einmal die M ü he macht, die Eingeborenen zu verstehen, hatte Gottschalk einmal in Keetmanshoop gefragt. 20

In einem gewissen Maße hilft ihm Wenstrup diese Situation zu erkennen, umgehen muß er allerdings selbst damit. Auch hier entscheidet er sich wesentlich von Wentrup. Während dieser eher der rebellische Typ ist, der am Ende (wahrscheinlich) Fahnenflucht begeht, ist Gottschalk eher ein Träumer. Am Anfang träumt er davon, nach dem Krieg eine kleine Farm zu gründen, auf der er seine Vorstellung vom typisch deutschen, gutbürgerlichen Leben mit Frau, Kind und Klavier verwirklichen kann. Unter dem Einfluß von ,,Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung" von Krotopkin und Wenstrups Anmerkungen beginnt Gottschalk die Hintergründe des Kolonialismus zu verstehen.

Gottschalk ist zu Beginn seines Afrikaerlebnisses noch unerfahren und formbar. Das zeigt sich unter anderem daran, daß er noch keine festgelegten körperlichen Ausdrucksformen hat und daß er dazu neigt, Gesten, Sprechweisen und andere Eigenarten von Menschen zu übernehmen. Er ist noch formbar und kann von Neuem leicht beeindruckt werden. Nachdem er durch die Realität ernüchtert worden ist, flüchtet sich Gottschalk am Ende in ein realitätsfernes Leben, das sich in erster Linie um die Aufzeichnung des Wetters dreht. Dies scheint Gottschalks Art und Weise zu sein, mit der Situation, in der er sich befindet, fertig zu werden. Am Ende hat ihm die Erfahrung Afrika immerhin so viel Kraft gegeben, daß er, nach Deutschland zurückgekehrt, seinen Traum verwirklichen kann und (wahrscheinlich) Meteorologe wird.

Ein weiterer maßgebender Unterschied zu Frenssens Text ist die Beschreibung der einheimischen Bevölkerung. Wo Frenssen von Wilden spricht, denen er die inneren und äußeren Merkmale von Tieren gibt, geht Timms Darstellung auch hier über das typenhafte hinaus. Frenssens Namas sind am Ende aufgrund ihrer rassischen Minderwertigkeit besiegt. Zuvor konnten sie zwar Siege erringen, aber nur weil sie hinterhältig und gemein waren. Am Ende müssen sie sich den überlegenen deutschen Truppen geschlagen geben. Timms Hottentotten dagegen erscheinen viel stärker und selbstbewußter. Da sind zum einen charismatische Figuren wie Morenga und Hendrik Witboi, die durch ihre Intelligenz die deutschen Truppen lange hinhalten können. Außerdem erscheinen Angriffe und Kämpfe der Hottentotten organisiert und weniger ,,tierisch" als bei Frenssen. Als Gottschalk gefangen genommen wird, passiert ihm nichts, er wird gut behandelt.

Es wird deutlich, daß vor allen Dingen der Protagonist Gottschalk, aber auch Wenstrup die bei den deutschen Truppen gängige Behandlung der Schwarzen mißbilligen und kritisieren.

Hinter dem Zaun konnte Gottschalk Menschen hocken sehen, eher Skeletten, nein, etwas

in der Mitte zwischen Menschen und Skeletten. Zusammengedr ä ngt sa ß en sie da, meist nackt, in der stechend hei ß en Sonne. Wie sehen die denn aus, sagte Gottschalk und starrte hin ü ber. [...] An diesem Abend erz ä hlte Gottschalk Wenstrup, da ß er eine Eingabe an die Schutztruppen-Indentantur machen wolle, mit folgendem Vorschlag:

Man m ö ge die frisch verendeten Tiere den hungernden Gefangenen ü berlassen. [...] Was Gottschalk emp ö rte, war dieser Widersinn, da ß Menschen verhungerten, w ä hrend wenige Meter weiter die Rinder umfielen und verwesten. 21

Auch werden Beziehungen zu den Einheimischen aufgebaut, die über das übliche hinausgehen. Dies kann geschehen, da Gottschalk noch frei von Vorurteilen und sozusagen unverdorben ist. Dies drückt auch seine Sichtweise der Hottentottenfrauen aus. Während der Stabsveterinär die Frauen als reine Sexobjekte sieht, ist Gottschalk ganz neutral:

Unterhalb des Forts, in der N ä he der Mannschaftsunterk ü nfte, standen geschminkte Hottentottenfrauen, die dem vorbeigehenden Gottschalk Zeichen machten: Mit dem Zeigefinger in die geschlossene Hand fuhren oder die Zungenspitze z ü ngelnd aus dem Mund fahren lie ß en oder aber mit erstaunlich gro ß em Stei ß wackelten. Diese Weiber seien ganz phantastisch, sagte Stabsveterin ä r Moll, der Gottschalk in seinen Aufgabenbereich einf ü hrte, keine Moral und darum richtige Schweine, leider seien die meisten syphilitisch. 22

Im Laufe der Handlung geht Gottschalk eine Beziehung mit einer Hottentottenfrau ein, die für ihn nicht nur rein sexuell ist. Natürlich wird dieses Verhalten von seinen Kameraden nicht verstanden und daher mißbilligt. Eines Tages nimmt sie ihn in ihr Dorf mit, um ihn ihrer Familie vorzustellen. Gottschalk ist entsetzt über das Elend das er sieht und der kulturelle Unterschied zwischen Katharina und ihm wird ihm bewußt. Er sieht ein, daß die Beziehung keine Zukunft hat und ist froh, als er kurz darauf versetzt wird.

Wenstrup und Gottschalk haben auch einen Hottentottenjungen, der ihnen die Sprache beibringen soll. Dieses Interesse an der fremden Sprache und Kultur wird von der restlichen Truppe mit Befremden beobachtet. Wiederholt müssen die beiden Veterinäre daran erinnert werden, ihren Bambusen angemessen (das heißt schlecht) zu behandeln. Die Erwartungen, die die beiden Männer an das Erlernen der Sprache stellen, spiegelt wiederum die unterschiedlichen Einstellungen der beiden wider: Wenstrup beschränkt sich beim Sprachunterricht auf nützliches Vokabular, das ihm, wie es sich später herausstellen wird, das Überleben in der Wüste ermöglichen soll. Gottschalk dagegen ergötzt sich an der Schönheit der Sprache und konzentriert sich auf Sätze, die für ihn schön klingen, aber keinen Sinn ergeben.

Die Landschaftsbeschreibungen sind ein weiteres Detail, in dem sich die beiden Romane ganz wesentlich unterscheiden. Dies hängt wiederum mit den Autoren zusammen. Während Frenssen Afrika nur aus Büchern und Erzählungen kennt, hat Timm die Schönheit des Landes und seine Eigenheiten selbst erlebt. Diese Erfahrung spiegelt sich nun in den allgemeinen Landschaftsbeschreibungen wider, aber auch in der Auffassung, die der Protagonist vom Land hat.

Zum einen ist Afrika in ,,Morenga" bei weitem nicht so feindselig und lebenswidrig wie in ,,Peter Moors Fahrt nach Südwest". Zwar leiden auch bei Uwe Timm die Soldaten an Durst und anderen Unannehmlichkeiten, die die Wüste mit sich bringt, aber bei weitem nicht so schlimm.

Auch ist Gottschalk in der Lage, die Landschaft mit anderen Augen zu betrachten. Wo Moor mit Deutschland vergleicht, macht sich Gottschalk mit der afrikanische Sichtweise der Dinge bekannt, die er sieht. So lernt er die Geschichte des Wunderbusches kennen und kann durch seinen engen Kontakt zu den Einheimischen die Schönheit mit afrikanischen Augen sehen. Nicht nur in Bezug auf die Sprache, auch in Bezug auf Menschen und Landschaft ist Gottschalk in der Lage die Ästhetik wahrzunehmen.

Diese Einsicht geht aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wie schon bei dem Besuch bei Katharinas Eltern muß Gottschalk am Ende einsehen, daß das gegenseitige Verständnis nur bis zu einem gewissen Punkt möglich ist. So kann er die Geschichten, die die Kühe laut einheimischem Mythos zu erzählen haben, nicht verstehen.

[...] da antwortete Rolf, er solle sich das von einer Kuh erz ä hlen lassen, die den Bonzelzwarts geh ö re und die man bislang alles Verfolgungen zum Trotz habe retten k ö nnen, eine Kuh aus dem Stamm Vielfleck. [...] Aber was Gottschalk vernahm, war nur ein Mampfen, R ü lpsen und gelegentliches Muhen. Gottschalk sagte, die Kuh k ä ue wieder, aber verstehen k ö nne er leider nichts. 23

Am Ende des Roman ist ganz deutlich Gottschalks Entfremdung zu sehen, die sich durch den Text hindurch mit seinem zunehmenden Begreifen der kolonialen Wirklichkeit gesteigert hat. So muß er seine Träume vom idyllischen Kolonialleben aufgeben und kehrt nach Deutschland zurück. Seine Geschichte endet mit einer Eintragung über den Wunderbusch, die seine Eindrücke metaphorisch widergibt:

Regen sind unsere Tr ä ume. In der W ü ste steht, auf nacktem Fels, ein kleiner Busch wie

eine Kerze. Wunderbusch nennen ihn die Hottentotten. Grau sind seine Zweige. Die Knospen rollen sich in der Trockenheit braun ein. So steht er Jahre oder Jahrzehnte. Bis Regen f ä llt, und ü ber Nacht erbl ü ht er in ungeahnter Pracht, bl ü ht, bis das Wasser verdunstet ist. Dann rollen sich die Knospen ein und warten auf den n ä chsten Regen. 24

Bibliographie

Elleke Boehmer: Colonial and Postkolonial Literature. Oxford University Press. Oxforf 1995

Lutz Hagestedt: Von essenden S ä ngern und singenden Ochsen. Sprechsituationen bei Uwe Timm. In: Die Archäologie der Wünsche. Studien zum Werk von Uwe Timm. Hrsg. von Manfred Durzak und Hartmut Steinecke. Kiepenheuer + Witsch. Köln 1995

Jost Hermand: Afrika den Afrikanern. Timms Morenga . In: Die Archäologie der Wünsche. Studien zum Werk von Uwe Timm. Hrsg. von Manfred Durzak und Hartmut Steinecke. Kiepenheuer + Witsch. Köln 1995

Peter Horn: Ü ber die Schwierigkeit einen Standpunkt einzunehmen. Zu Uwe Timms Morenga. In: Die Archäologie der Wünsche. Studien zum Werk von Uwe Timm. Hrsg. von Manfred Durzak und Hartmut Steinecke. Kiepenheuer + Witsch. Köln 1995

Rainer Kußler: Interkulturelles Lernen in Uwe Timms Morenga. In: Die Archäologie der Wünsche. Studien zum Werk von Uwe Timm. Hrsg. von Manfred Durzak und Hartmut Steinecke. Kiepenheuer + Witsch. Köln 1995

Ania Loomba: Colonialism, Postcolonialism. 1998

Paul Michael Lützeler: Der Postkoloiale Blick. Deutschsprachige Autoren berichten aus der Dritten Welt. In: Schreiben zwischen den Kulturen.

Ato Quayson: Postcolonialism. Theorie, Practice or Process? Polity Press, Cambridge 2000

Colin Riordan: Gespr ä ch mit Uwe Timm. In: David Basker: Uwe Timm. University of Wales Press, Cardiff. 1999

Joachim Warmbold: Gemania in Africa: Germany`s Colonial Literature. (über ,,Peter Moor" und Hans Grimm)

[...]


1 Horst Drechsler: Aufstände in Südwestafrika. Dietz Verlag Berlin 1984

2 Germania in Africa. p. 72f

3 S. 74

4 Gustav Frenssen: Peter Moors Fahrt nach S ü dwest. Grote´sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1941 . S. 11

5 Germania in Africa. p. 71

6 Frenssen 1941, S. 11

7 Frenssen 1941, S. 17

8 Frenssen 1941, S. 32f

9 Frenssen 1941. S. 34f

10 Frenssen 1941, S.46

11 Frenssen 1941, S. 46

12 S. 77

13 Frenssen 1941, S. 110f

14 Elleke Boehmer: Colonial and Postkolonial Literature. Oxford University Press. Oxforf 1995. S. 2

15 Colin Riordan: Gespr ä ch mit Uwe Timm. In: David Basker: Uwe Timm. University of Wales Press, Cardiff. 1999, S. 32

16 Riordan, 1999 S. 33

17 Riordan, 1999 S. 33

18 Lutz Hagestedt: Von essenden S ä ngern und singenden Ochsen. Sprechsituationen bei Uwe Timm. In: Die Archäologie der Wünsche. Studien zum Werk von Uwe Timm. Hrsg. von Manfred Durzak und Hartmut Steinecke. Kiepenheuer + Witsch. Köln 1995. S. 246

19 Timm 1984 , S. 382

20 Timm 1985, S. 98

21 Timm 1984, S. 23

22 Timm, 1984 S. 22

23 Timm 1985, S. 381

24 Timm 1985, S. 386

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Kolonialismus im deutschen Roman
Veranstaltung
The works of Uwe Timm
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V98546
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kolonialismus, Roman, Timm
Arbeit zitieren
Marion Helmle (Autor), 2000, Kolonialismus im deutschen Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98546

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