Plinius und die Christen

Die Briefkorrespondenz zwischen Plinius dem Jüngeren und Kaiser Trajan


Essay, 2018

8 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Plinius und die Christen

Die Briefkorrespondenz zwischen Plinius dem Jüngeren und Kaiser Trajan

Plinius der Jüngere erlangte bereits zu seinen Lebzeiten (62-113 n. Chr.) durch die Publikation seiner Briefe den Ruf eines außerordentlichen Schriftstellers. Diese veröffentlichte er eigens in insgesamt neun Büchern, welche aus diversen Briefwechseln aus seiner öffentlichen Ämterlaufbahn bestehen. Das zehnte Buch, welches die Korrespondenz zwischen ihm und dem damaligen Kaiser Trajan (52-117 n. Chr., Kaiser von 97-117) beinhaltet, wurde postum von einem unbekannten Herausgeber publiziert.1 Während des gesamten Briefwechsels des zehnten Buches war Plinius als kaiserlicher Legat2 in der Provinz Bithynien-Pontus tätig (111-113 n. Chr.), um die dortigen Missstände in Ordnung zu bringen. Zu diesen zählte auch die Etablierung des Christentums, denn die Maxime der jungen monotheistischen Religion3 ließen sich nicht mit dem römischen Götterkult in Einklang bringen.4 Dies drückte sich beispielsweise darin aus, dass sich die Christen weigerten, den römischen Gottheiten und dem Kaiser zu huldigen. Die Römer deuteten diese Abgrenzung als potentielle Bedrohung der religiösen und politischen Ordnung, wodurch sich das Christenproblem begründete.

Erste Berichte darüber, dass Christen zum gemeinsamen Gegner der Römer ernannt wurden, befinden sich in den Annales von Tacitus (Veröffentlichung ca. 115-120 n. Chr.).5 In diesen beschreibt er den Großen Brand Roms aus dem Jahr 64. Aufgrund der Unpopularität des damaligen Kaisers Nero (Kaiser von 54-68) verbreitete sich das Gerücht, dass Nero selbst befohlen hätte, den Brand zu legen. Daher nutzte er, laut Tacitus, die Christen als Sündenbock, um diesen Gerüchten entgegenzuwirken. Fortan wurden sie unter Nero im Schnellverfahren als Brandstifter verurteilt und hingerichtet. Anhand dieser Darstellung wird die damalige rechtlich ungesicherte Situation der Christen erkennbar. Ferner stärkt sie das damalige Bild des Christentums als gemeingefährlichen Aberglauben.

Der zu behandelnde Brief stammt aus dem Jahr 112 und bezieht sich auf das bereits erwähnte Christenproblem.6 Aufgrund seines Unwissens in der Verfahrensweise gegen die angeklagten Christen in der Provinz Bithynien-Pontus fragte Plinius der Jüngere Kaiser Trajan um dessen Rat. Damit sind dieser Brief sowie das Antwortschreiben Trajans die ältesten erhaltenen Dokumente, in welchen das staatliche Vorgehen gegen die damaligen Christen thematisiert wird. Entsprechend werden sie in der Forschung als Christenbriefe tituliert und sind für die Einblicke in das Urchristentum von enormer Bedeutung.7

Doch ist die Unsicherheit in der Vorgehensweise mit den Christenprozessen das einzige Motiv, weshalb sich Plinius an den Kaiser wandte? Bei näherer Betrachtung wird eine weitere wesentliche Intention deutlich. Plinius versuchte vom Kaiser die Zustimmung einer Doppelstrategie gegen das sich ausbreitende Christentum zu erlangen.8 Diese These soll im Folgenden erläutert werden, indem ausgewählte Textpassagen des Briefes näher betrachtet werden.

Plinius begründet seine Anfrage damit, dass er Christenprozessen nie in amtlicher Eigenschaft beigewohnt habe und daher nicht wisse, wie in diesen zu verfahren sei.9 Diese Unsicherheit erscheint einleitend als das eigentliche Motiv des Schreibens. Diesbezüglich wirft er drei konkrete Rechtsfragen auf. Sie thematisieren, ob das Lebensalter bei der Verurteilung eine Rolle spiele; ob bei einem reumütigen Abfall vom Christentum Verzeihung gewährt werden solle und ob das bloße Christsein zu ahnden sei oder die mit dem Christsein verbundenen Straftaten.10 Hier unterscheidet Plinius gezielt zwischen dem Namen selbst, also der Bezeichnung einer Person als Christ, und den mit dem Namen angeblich verbundenen Straftaten. Besonders auffällig ist die Formulierung, „[...] ob das Christsein selbst, wenn es von Schandtaten frei ist, [...] bestraft werden soll.“11 Demnach macht Plinius deutlich, dass es Angeklagte gäbe, die zwar Christen seien, jedoch keinerlei Straftaten ausgeübt hätten.

Daran anschließend stellt er dar, auf welche Art es zu den Anklagen kam und wie er mit diesen verfahren ist (§ 2b-8). Er habe zwei verschiedene Anzeigeformen erhalten, in denen einzelne Einwohner der Provinz als Christen bezeichnet wurden.

Die erste Anzeigeform beinhaltete eine Gruppe persönlich angezeigter Personen. Diese wurden von ihm verhört. Wenn sie sich als Christen bekannten fragte er sie, nachdem er ihnen die Todesstrafe angedroht hatte, ein zweites und drittes Mal erneut. Falls sie nicht von ihrem Geständnis abwichen, ließ er sie verurteilen und hinrichten.12 An dieser Textpassage ist entscheidend, dass Plinius die angeblich mit dem Namen verbundenen Schandtaten unerwähnt ließ. Demnach genügte ihm die bloße Zugehörigkeit zum Christentum einer Person, um sie zum Tode zu verurteilen. Damit beantwortete er seine anfangs aufgeworfene Frage selbst, indem er in dem Namen selbst (nomen ipsum) ein strafwürdiges Vergehen sah.

Die zweite Anzeigeform wurde Plinius als eine anonyme Klageschrift mit zahlreichen Namen vorgelegt. Bei diesen handelte es sich im Verlauf der Verhöre um Personen, die leugneten, je Christ gewesen zu sein und um solche, die sich dem Christentum vor kürzer oder längerer Zeit entsagt hatten. Damit Plinius die Realität der Aussagen überprüfen konnte, entwickelte er einen dreiteiligen Opfertest, welchen wahre Christen seiner Ansicht nach nicht bestehen konnten. Sie mussten ein von ihm diktiertes Gebet nachsprechen, vor den römischen Götterstatuen sowie vor einem Bild des Kaisers mit Weihrauch und Wein ein Bittopfer vollziehen und letztlich Christus verfluchen.13 In diesem Absatz ist essentiell, dass für Plinius erneut nur die bloße Zugehörigkeit zum Christentum von Belangen war. Also handelte es sich seines Erachtens nach bei dem Opfertest, um eine wirksame Methode, die wahren Christen und somit die tatsächlichen Straftäter zu identifizieren. Diejenigen, die leugneten je Christen gewesen zu sein und den Opfertest bestanden, wurden von Plinius freigelassen. Bei den Anderen, die ausgesagt hatten, das Christsein aufgegeben zu haben und den Opfertest bestanden, wartete er auf die Bestätigung des Kaisers, dass er auch diese freilassen kann.14

Anhand dieser Darstellungen wird die Doppelstrategie des Plinius erkennbar, für welche er die Zustimmung des Kaisers ersehnte. Sie sollte das Christentum als solches (nomen ipsum) als Straftat definieren und zugleich die Straflosigkeit durch Abkehr ermöglichen. Dieser Vorschlag vereinte auf römische Art die Strenge des Rechts und die kluge Großzügigkeit gegen den Fehlenden.15 Zwei von den drei eingangs gestellten Rechtsfragen bildeten somit die eigentliche Intention des Schreibens. Plinius versuchte durch seine Darstellungen die Antworten des Kaisers zu seinem Vorteil zu lenken, indem er ihm keine konträre Sichtweise präsentierte. Dies wird in dem weiteren Verlauf des Briefes umso deutlicher.

Nachdem Plinius seine bisher angewandte Verfahrensweise in den Christenprozessen dargestellt hat, zeigt er auf, ob er Schandtaten ausfindig machen konnte, die angeblich mit dem Christentum verbunden waren. Doch selbst unter Folter zweier Mägde, die Plinius als Diakonissen tituliert,16 habe er „[...] nichts Anderes als einen wüsten, maßlosen Aberglauben [...]“17 gefunden. Die verhörten Apostaten hätten ausgesagt, dass sie sich kurz vor Tagesanbruch versammelten, um Christus als ihren Gott einen Wechselgesang zu singen und anschließend einen Eid ablegten. Plinius betont, dass sie sich bei jenem Eid nicht zu Verbrechen verpflichten, sondern dazu „[...] keinen Diebstahl, Raubüberfall oder Ehebruch zu begehen, ein gegebenes Wort nicht zu brechen und eine angemahnte Schuld nicht abzuleugnen.“18 Später seien sie noch einmal zusammengekommen, um gemeinsam eine „[...] gewöhnliche, harmlose Speise [...]“19 zu sich zu nehmen. Durch dieses gezeichnete Bild könnte man zu der Folgerung kommen, dass Plinius das Christentum als straflos ansah. Allerdings stellt er hiermit dar, wie sinnlos die Suche nach einer mit dem Christsein verbundenen Schandtat ist. Die Darstellung bildet demnach ein Argument dafür, dass Trajan das Christsein an sich (nomen ipsum) für strafbar erklären sollte, damit fortan keine Zeit mehr bei der mühsamen Suche nach einer mit dem Christsein verbundenen Straftat verschwendet werde.20

[...]


1 Vgl. Thraede, Klaus: Noch einmal: Plinius d. J. und die Christen. Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft 95 / 1-2 (2004), S. 102.

2 Ein kaiserlicher Legat ist ein Stellvertreter des Kaisers in einem bestimmten Territorium.

3 Eine monotheistische Religion zeichnet sich durch den Glauben an einen einzigen Gott aus.

4 Vgl. Thraede, Klaus: Noch einmal: Plinius d. J., S. 102-103.

5 Vgl. Cornelius Tacitus: Annales. Hrsg. u. übers. v. Erich Heller, Düsseldorf 2005, S. 372-376.

6 Der Brief des Plinius sowie das Antwortschreiben Trajans werden fortan aus folgendem Werk zitiert: Gaius Plinius Caecilius Secundus: Epistularum libri decem. Hrsg. u. übers. v. Helmut Kasten, München 1976, S. 641-645.

7 Vgl. Reichert, Angelika: Durchdachte Konfusion. Plinius, Trajan und das Christentum. Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft 93 / 3-4 (2002), S. 227.

8 Diese These wird unter anderem von Angelika Reichert (2002) und Rudolf Freudenberger (1969) vertreten.

9 Vgl. E. 96, § 2a.

10 Vgl. E. 96, § 2b.

11 E. 96, § 2b.

12 Vgl. E. 96, § 3.

13 Vgl. E. 96, § 5.

14 Vgl. E. 96, § 9.

15 Vgl. Speigl, Jacob: Der römische Staat und die Christen, Amsterdam 1970, S. 65.

16 Vgl. E. 96, § 8.

17 E. 96, § 8

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Vgl. Jacob Speigl: Der römische Staat, S. 64.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Plinius und die Christen
Untertitel
Die Briefkorrespondenz zwischen Plinius dem Jüngeren und Kaiser Trajan
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,0
Jahr
2018
Seiten
8
Katalognummer
V985607
ISBN (eBook)
9783346342232
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Autorname soll anonym bleiben.
Schlagworte
plinius, christen, briefkorrespondenz, jüngeren, kaiser, trajan
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Plinius und die Christen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/985607

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