Die Massenorganisationen der Jugend in der DDR


Seminararbeit, 1998

18 Seiten, Note: sehr gut


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Inhalt:

1 Einleitung

2 Freie Deutsche Jugend (FDJ)
2.1 Aus der Geschichte
2.2 Die Entwicklung der Mitgliederzahl
2.3 Eine Analyse der Alters- und Sozialstruktur
2.4 Zu Aufgaben und Aktivitäten

3 Pionierorganisation ‚Ernst Thälmann‘
3.1 Die Verbandsstruktur und die Mitgliederzahlen
3.2 Die Ziele und ihre Umsetzung

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Die staatlichen Massenorganisati- onen der Jugend in der DDR

1 Einleitung

Die Staatsführung der DDR versuchte, auf möglichst alle Bereiche des gesellschaftlichen und privaten Lebens der Menschen Einfluß zu nehmen. Dies geschah ausschließlich auf der Basis einer einzigen Ideologie: Die des Marxismus-Leninismus. „Von der Wiege bis zur Bahre“ sollten die Bürger der DDR gute Sozialistinnen und Sozialisten sein.

Die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der DDR waren als wertvolle Zielgruppe vielfältigen Beeinflussungen von staatlicher Seite ausgesetzt. Die Schule und die staatlichen Jugendorganisationen der DDR waren miteinander verflochtene Mittel zur Formung des sozia- listischen Menschen.

Das totalitäre Regime, das die Regierung der DDR unter Führung der SED darstellte, wollte die natürliche Lernbereitschaft von jungen Menschen nutzen mit dem Ziel, den Fortbestand des Sozialismus zu sichern. Die Jugendpolitik der DDR sah vor, Überzeugungen zu schaffen, die nachhaltig das weitere Leben der Jungen und Mädchen prägen. Zu diesem Zweck wurde die Jugend umfassend in der Ideologie des Sozialismus unterrichtet und gleichzeitig in die Erfüllung der Aufgaben des Staatsapparates mit eingebunden. Während die Schule Ort des Lernens war, boten die staatlichen Jugendorganisationen die erste Möglichkeit zur angeleiteten Anwendung des politischen bzw. ideologischen Wissens.

Jugendpolitik in der DDR ist nicht darauf abgestellt, Schonräume bis zum Erwachsenwerden anzubieten “, (JW, S.11) schreibt Jutta Wilhelmi in ihrem Buch „Jugend in der DDR“, und zur gesellschaftlichen Rolle der Jugend heißt es dort weiter: „ Jugend in der DDR ist also gleichbe- rechtigtes Mitglied und Mitwirkender in Staat und Gesellschaft und zugleich (so jedenfalls der Gesetzestext) unmündiges Objekt ständiger staatlicher Erziehungsbemühungen “ (JW, S.13). In dieser Arbeit sollen die Aktivitäten, Strukturen und Ziele der beiden großen Jugendorganisa- tionen „Freie Deutsche Jugend“ und die von ihr verwaltete „Pionierorganisation ‚Ernst Thäl- mann‘“ dargestellt werden. Besonderes Augenmerk soll der Situation in der späten DDR zur Regierungszeit Erich Honeckers bis zum Fall der Mauer, also den 70er und 80er Jahren, gelten. Dahinter steht das Interesse, etwas über die Kinder- und Jugendzeit der Parallelwelt „meiner“ ostdeutschen Generation, der heute 20 - 30jährigen, zu erfahren.

2 Freie Deutsche Jugend (FDJ)

2.1 Aus der Geschichte

Die Freie Deutsche Jugend war ein als Massenorganisation angelegter Jugendverband. Mitglied werden konnten alle 14 - 25jährigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ausnahmen bei der oberen Altersgrenze gab es für Studentinnen und Studenten und für Mitglieder in leitenden Positionen, zu denen auch hauptamtliche Funktionäre gehörten. Die große, im „Westen“ z.T. verkannte Bedeutung, die der FDJ in der Gesellschaft der DDR zukam, läßt sich schon zum Teil aus ihrer Entstehungsgeschichte ablesen.

Die von der KPD schon während nationalsozialistischen Diktatur entwickelte Idee für einen einheitlichen Jugendverband wurde nach Ende des 2.Weltkriegs wieder aufgegriffen. Mit Genehmigung und Unterstützung der sowjetischen Militärverwaltung entstand im März 1946 aus den sogenannten „antifaschistischen Jugendausschüssen“ die „Freie Deutsche Jugend“. Der Verband, der nach dem Willen einiger Gründungsmitglieder ursprünglich überparteilich und tolerant gegenüber Weltanschauungen und Religionen sein sollte, geriet immer mehr in die Abhängigkeit der im gleichen Jahr entstandenen Sozialistischen Einheitspartei Deutsch- lands und wurde schließlich völlig von ihr vereinnahmt. Unliebsame Gründungsmitglieder wur- den aus dem Zentralrat, dem höchsten Gremium der FDJ, entfernt, um ihren weiteren Einfluß zu unterbinden und den neuen politischen Kurs deutlich zu machen.

Die FDJ diente fortan unter anderem als Nachwuchsquelle der SED, unterhielt z.B. die Ju- gendhochschule Wilhelm Pieck zur Ausbildung hauptamtlicher FDJ-Funktionäre, und ihr stan- den „… Studienplätze an den Hochschulen der SED, des FDGB und des sowjetischen Komso- mol zur Verfügung, an denen ausgewählte Funktionäre auf politische Führungsaufgaben vor- bereitet werden …“ (F/M, S.134) konnten. Für eine politische Karriere wurde also Engagement in der FDJ Voraussetzung.

Die Eingliederung der FDJ in die SED wurde im Laufe der Zeit immer deutlicher. Während in der Verfassung der FDJ von 1949 die SED noch keine Erwähnung fand, heißt es in der „Verfas- sung der Freien Deutschen Jugend“ von 1952 in Abs.1.6 unter anderem: „ Sie [die Freie Deutsche Jugend] verteidigt und entwickelt die in den Grundrechten der jun- gen Generation niedergelegten Rechte der jungen Generation, die dank der unermüdlichen Fürsorge und der großzügigen Förderung der Jugend durch die Partei der Arbeiterklasse, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, und der Regierung der Deutschen Demokrati- schen Republik sowie der Arbeit der Freien Deutschen Jugend verwirklicht wurden.“ Im letzten „Statut der Freien Deutschen Jugend“ von 1976 findet sich in Abs.1 unter anderem folgende Aussage: „ Die Freie Deutsche Jugend arbeitet unter Führung der Sozialistischen Ein- heitspartei Deutschlands und betrachtet sich als deren aktiver Helfer und Kampfreserve.“

In Verbindung mit der Monopolstellung der FDJ als einziger offiziell zugelassener Jugendver- band zeigte sich der totalitäre Charakter des Staates. Obwohl in allen Satzungen an der Frei- willigkeit der Mitgliedschaft festgehalten wurde, wuchs der soziale Druck zum Beitritt mit dem Einfluß, den die FDJ auf gesellschaftliches und berufliches Fortkommen besaß. Weitere Hinwei- se für die Richtigkeit der These, daß die Mitgliedschaft genau wie die Nicht-Mitgliedschaft ge- sellschaftlich relevant war, bietet eine Analyse der Alters- und Sozialstruktur der FDJ, auf die weiter unten eingegangen wird. Mit Blick auf den Pionierverband, der formal Teil der FDJ war, gilt, daß die mangelnden Alternativen ebenfalls die proklamierte Freiwilligkeit relativierten. Den in der Mehrheit arbeitenden Müttern, Vätern und Alleinerziehenden blieb oft keine ande- re Möglichkeit, als ihre Kinder tagsüber staatlich betreuen und damit gleichzeitig staatlich er- ziehen zu lassen.

2.2 Die Entwicklung der Mitgliederzahl

Zahlen zum Mitgliederstand der FDJ wurden nicht regelmäßig und in detaillierter Form veröf- fentlicht. Die folgenden Angaben sind einer Zusammenstellung verschiedener Quellen von A. Freiburg und C. Mahrad in ihrem Buch „FDJ“ von 1982 entnommen. Demnach lag Zahl der Mitglieder kurz nach der Gründung zwischen 160.000 und 200.000 und hatte bis Ende des Jah- res 1946 auf etwa 400.000 zugenommen. Im Mai 1950 soll die Mitgliederzahl eine Million über- schritten und bis 1952 wiederum verdoppelt haben. Die Angabe einer Zahl von 2,3 Mio für „Ende 1951“ stellt dabei einen Spitzenwert dar, der ab diesem Zeitpunkt bis zum Ende der 70er Jahre nicht wieder erreicht wurde. Zahlen von 1,3 Mio bis 1,7 Mio sind für den Zeitraum 1955 - 1975 kennzeichnend (vgl. F/M, S.91). Diese Zahlen decken sich weitgehend mit den Er- kenntnissen der Shell-Studie „Jugend ’92“, deren Angaben bis zur Jahreswende 1989/90 ge- hen. Anfang der 80er Jahre stieg demnach die Mitgliederzahl wieder auf rund 2,1 Mio an und nahm in den Jahren 1988/89 wieder auf etwa 1,9 Mio ab (Jugend 92, Bd.3, S.63). Die Schwankungen der absoluten Zahlen sind zum Teil Folge des sich verändernden Anteils der Jugendlichen an der Bevölkerung der DDR.

Organisationsgrad der FDJ in Prozent der Jugendbevölkerung der DDR

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

des Bildungs- und Ausbildungswesens, der Betriebe, der Fach- und Hochschulen und der Ar- mee mit dem Jugendverband “ (F/M, S.97).

Dazu ist folgender Aspekt der Verbandsstruktur entscheidend: Nach mehreren Änderungen ist die FDJ seit Inkrafttreten des Statuts 1967 in einer Mischform aus „Territorial-" und „Produkti- onsprinzip“ aufgebaut. Territorialprinzip bedeutet die Einrichtung von Kreis- und Bezirksorgani- sationen, die der Verbandsführung, dem Zentralrat, vorgeschaltet sind. Die unterste Ebene, die Basis, bilden jedoch Grundorganisationen „ an den Orten der Produktion in Schulen und Hochschulen, in den Betrieben, bei der Volkspolizei und in der Armee.“ (F/M, S.97). Die Beto- nung der Grundorganisationen sorgte für eine verbesserte Erfassung der Jugendlichen in der FDJ. Insgesamt nahm dadurch der Organisationsgrad trotz schwankender Mitgliederzahlen kontinuierlich zu.

2.3 Eine Analyse der Alters- und Sozialstruktur

Schülerinnen und Schüler, Direktstudentinnen und -studenten und Auszubildende befanden sich fast vollständig im Verband. Gründe hierfür lagen besonders in der starken Einbindung der Grundorganisationen in die jeweiligen Institutionen Schule, Hochschule und Betrieb. Für die angeführten Gruppen übernahm die FDJ z.B. auch die Interessenvertretung; Beurteilungen der FDJ flossen ein in Entscheidungen z.B. über die Auswahl für die Erweiterte Oberschule (EOS) zum Erwerb des Abiturs. Die Mitgliedschaft in der FDJ galt offiziell als ein Indikator für gesellschaftliches Verantwortungsbewußtsein. Die Verknüpfung von schulischen und FDJTätigkeiten als eine Ursache für den hohen Organisationsgrad unter Schülerinnen und Schülern wird auch im Abschnitt 2.4 „Aufgaben und Aktivitäten“ deutlich.

Die Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 - 18 bildeten zeitweise fast 50 Prozent der FDJMitglieder. Sie wurden in der achten Jahrgangsstufe für gewöhnlich klassenweise vom Pionierverband in die FDJ übernommen. Nur wenige entzogen sich diesem Mechanismus. Gründe für einen Nichteintitt waren meist religiöser Natur, obwohl Angehörige einer Konfession im Gegensatz zu den 50er und 60er Jahren, als zu Zeiten des Kirchenkampfes Religiösität verpönt war, in der späteren Zeit durchaus der FDJ beitreten konnten und - im Hinblick auf die erstrebten Mitgliedszahlen - auch sollten (F/M, S.163).

Unter den Wehrpflichtigen und Berufs- und Zeitsoldaten bis 26 Jahre gab es ebenfalls einen hohen Anteil an FDJlern; er lag vermutlich bei über 90 Prozent. Ihr Mitgliederanteil in der FDJ lag ausgehend von einer absoluten Zahl von rund 150.000 im Jahr 1980 bei etwa 6 Prozent (F/M, S.100).

Bei den jungen Werktätigen, die ihre Berufsausbildung abgeschlossen hatten, den Facharbei- tern und Angestellten und unter ihnen die „Arbeiterjugend“, die jungen Industriearbeiterinnen und -arbeiter, die gemeinhin den Kern der FDJ darstellen sollten, fand sie deutlich weniger Zu- spruch. Der Anteil an den eben genannten in der FDJ betrug etwa 20 - 30 Prozent, ihr Organi- sationsgrad lag mit regionalen Schwankungen häufig bei unter 20 Prozent. Ausnahmen machten einige Großbetriebe mit einer starken FDJ-Vertretung.

Viele FDJlerinnen und FDJler beendeten ihre Mitgliedschaft mit dem Abschluß ihrer Berufsaus- bildung. Der Austritt wurde der Darstellung der Shell-Studie zufolge gern verschleiert, in dem man der jetzt nicht mehr zuständigen Grundorganisation angab, man würde sich ummelden, ohne sich allerdings erneut bei einer anderen Grundorganisation anzumelden. Fehlende Zeit für FDJ-Arbeit durch Heirat und Familiengründung standen bei einigen im Vordergrund; viele sahen „keine Notwendigkeit mehr“, in der FDJ zu bleiben (Jugend 92, Bd.3, S.66). Offensicht- lich empfand zumindest ein Teil die Mitarbeit in der FDJ als Zwang, so daß ihre Mitgliedschaft wohl eher eine Anpassungsleistung an eine Norm als eine verwirklichte Überzeugung darstellt. Sie verzichteten auf die FDJ, sobald sie keine negativen Konsequenzen durch den Austritt mehr befürchteten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Quellen: Freiburg/Mahrad: FDJ, S.100, S.181; Stat. Jahrbuch S.75, S.99, S.328, S.336

Daß der Organisationsgrad gerade unter jungen ArbeiterInnen und FacharbeiterInnen gerin- ger sein mußte als im Durchschnitt, liegt auch daran, daß allen, die dem politischen System der DDR kritisch gegenüberstanden oder aus anderen Gründen schon in der Schule eine Mit- gliedschaft in der FDJ ablehnten oder spätestens in der Ausbildung die FDJ verliessen, kaum andere Möglichkeiten der Erwerbstätigkeit blieben. Der geringere Organisationsgrad bei den jungen Werktätigen ist also eine Folge sowohl der geringeren Präsenz und damit „Erfaßbar- keit“ als auch ein häufigeres Antreffen eines individuell ganz unterschiedlich begründeten Desinteresses.

Aus der Zusammensetzung der sozialen Hauptgruppen der FDJ ergibt sich ein gutes Bild der 7 Altersstruktur innerhalb des Jugendverbandes. Ausgehend vom Anteil der Schülerinnen, Schü- ler und Lehrlinge, die wohl zum überwiegenden Teil zwischen 14 bis 18 einzuordnen sind, er- hält man für diese Altersgruppe für Mitte/Ende der 70er Jahre einen Anteil von rund 50 Pro- zent in der FDJ. Da die Gruppe, in der sich am ehesten Mitglieder über 25 befinden, nämlich die Studentinnen und Studenten, nur eine kleine Rolle spielt, liegen die Anteile für die Alters- gruppe über 25 einschließlich der hauptamtlichen Funktionäre bei etwa 5 Prozent und für die Altersgruppe 19 bis 25 schließlich um 45 Prozent. Diese Annahmen werden in Abb.4 anhand von Daten aus der Shell-Studie (mit leicht veränderten Klassengrenzen der Altersgruppen) un- terstützt. Das Erscheinen von 13jährigen ist auf die gemeinsame Aufnahme der Jungen und Mädchen der achten Klasse in den Verband zu Beginn eines Schuljahres zurückzuführen.

In den 80er Jahren veränderte sich das Verhältnis leicht zugunsten der Älteren. Das lag zum einen an der zahlenmäßig rückläufigen Entwicklung der jüngeren Altersgruppen in der Bevölkerung, zum anderen an verstärkten Bemühungen der FDJ um die Arbeiterjugend.

Organisationsgrad in sozialen Gruppen Ende der 70er Jahre in Prozent

Verteilung der Altersgruppen in der FDJ

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4 Zu Aufgaben und Aktivitäten

In Kernsätzen des bis zur Auflösung gültigen Statuts der FDJ von 1976 werden die Aufgaben der FDJ in Abs.1 folgendermaßen umrissen:

- „ Die Freie Deutsche Jugend tritt immer undüberall für die Politik der SED ein und hilft mit ganzer Kraft, ihre Beschlüsse zu verwirklichen.“
- „ Sie betrachtet es als Ehre, ihre besten Mitglieder für die Aufnahme als Kandidaten in die Reihen der SED vorzubereiten.“
- „ Die Freie Deutsche Jugend betrachtet es als ihre Hauptaufgabe, der Sozialistischen Ein- heitspartei Deutschlands zu helfen, standhafte Kämpfer für die Errichtung der kommunisti schen Gesellschaft zu erziehen, die im Geiste des Marxismus-Leninismus handeln. Sie sorgt dafür, daßihre Mitglieder und die gesamte Jugend […] jederzeit zur Verteidigung des Friedens und des Sozialismus bereit sind.“
- „ Sie hilft ihnen, sich den Marxismus-Leninismus und die revolutionären Traditionen der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung anzueignen und zu verbreiten.“
- „ Sie fördert den Stolz der Jugend auf die Deutsche Demokratische Republik.“
- „ Die Freie Deutsche Jugend bestärkt ihre die Jugendlichen der DDR in ihrer Unversöhn- lichkeit und ihrem Haßgegen den Imperialismus und seine reaktionäre Politik.“
- „ Gemeinsam mit dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund lenkt die Freie Deutsche Ju- gend die Initiativen der Jugend darauf, im Rahmen des sozialistischen Wettbewerbs die Volkswirtschaftspläne zu erfüllen undüberzuerfüllen.“
- „ Sie hilft der Jugend bei der Aneignung wissenschaftlicher und technischer Kenntnisse und fördert ihr Bemühen um hohe berufliche Meisterschaft.“
- „ Sie fördert die kulturelle, sportliche, touristische und wehrsportliche Betätigung der Ju- gend.“
- „ Ihre Abgeordneten nehmen in allen Volksvertretungen die Interessen der Jugendlichen wahr.“
- „ Im Auftrag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands leitet die Freie Deutsche Ju- gend die Pionierorganisation ‚ Ernst Thälmann ‘ . “

All diese im einleitenden Kapitel des Statuts beschriebenen Aufgaben wurden konsequent umgesetzt. Zur politischen Bildung wurden (zusätzlich zum Schulfach Staatsbürgerkunde) im Rahmen des „FDJ-Studienjahres“ Schulungen für alle Mitglieder durchgeführt. In sogenannten „Zirkeln“ beschäftigten sich die Teilnehmer mit den „Biographien von Marx und Engels“, der „marxistisch-leninistischen Philosophie“, „Grundfragen der politischen Ökonomie“ oder den Parteiprogrammen der SED. Es fanden aber auch Ausflüge zu Gedenkstätten statt. In diesen Veranstaltungen konnte man das Abzeichen „Für gutes Wissen“ erwerben. Zirkelleiter waren Funktionäre der FDJ und der SED (F/M, S.133).

Die FDJ-Gruppen (Schulklassen) stellten zu Beginn des Schuljahres gemeinsam ein „Kampfprogramm“ auf, das Aufgaben für alle, zum Teil auch für die nicht organisierten Mitschüler, vorsah. Inhalt dieses Jahresplanes konnten die Organisation von und Teilnahme an Schulungen und Diskussionsrunden oder die Ausrichtung von Schulfeiern sein. Der pädagogische Wert dieser Arbeiten wird in der Shell-Studie so eingeschätzt:

Die Verpflichtung, für jeden eine Aufgabe zu finden, wurde z.T. auch als formaler Zwang empfunden. Dennoch mußman andererseits konstatieren, daßdiese Planungstätigkeit für ei- ne recht große Anzahl Jugendlicher bedeute- te, ihr Denken und Handeln auch auf andere zu beziehen. Die Handlungsspielräume wurden so sozial wie auch in zeitlicher und räumlicher Dimension erweitert. Es wurden Formen sozialen Lernens gestützt “ (Jugend 92, Bd.3, S.94).

Ergänzend zum Wehrkundeunterricht übernahm die FDJ einen Teil der staatlich forcierten vormilitärischen Ausbildung der Kinder. So richtete die FDJ z.B. die „Hans-Beimler- Wettkämpfe“ aus, in denen wehrsportliche Disziplinen wie „Handgranatenzielweitwurf“ oder „Luftgewehrschießen“ zum Zuge kamen. Zusammen mit der NVA und dem DRK fand für die weiterführenden Klassen der „Tag der Bereitschaft“ statt, der den Charakter einer militäri- schen Übung trug (F/M, S.222f). An der Wehrerziehung nahmen auch die Mädchen und jun- gen Frauen teil.

Ebenfalls in Zusammenarbeit mit den Schulen betrieb die FDJ Berufsvorbereitung und Berufsberatung; hinter letzterem verbarg sich aber mehr eine Lenkung des Berufsziels auf den akuten Bedarf der Wirtschaft. Dazu wurden spätestens ab der 6. Klasse Informationsveranstaltungen abgehalten und Einzelgespräche geführt, bei denen nach Berufswünschen gefragt und diese akribisch festgehalten wurden (JW, S.51). Der Verband beteiligte sich auch an der Ausschreibung von Berufswettbewerben, in denen es im allgemeinen um Verbesserungen in der Produktion und um Planübererfüllung ging (F/M, S.167ff).

Die als „Jugendobjekte“ bezeichneten zeitlich begrenzten Arbeitsvorhaben auf lokaler und staatlicher Ebene und die „Jugendbrigaden“ oder auch „Jugendkollektive“ in der Industrie und der Landwirtschaft erbrachten zum Teil erhebliche wirtschaftliche Leistungen. Zu den Jugendobjekten zählen unter anderem der Bau des Flughafens Schönefeld 1959-1969 oder der Bau eines Teilabschnitts einer Erdgasleitung 1974-1978. Vor allem im Rahmen der Rationalisierungswelle nach dem Amtsantritt Honeckers wurde von diesen Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität reger Gebrauch gemacht.

Die Jugendbrigaden wurden hauptsächlich im Bereich des Wohnungsbaus und der Landwirtschaft eingesetzt. In sogenannten „Jugendförderungsplänen“ wurde die Arbeitsleistung der Jugendbrigaden festgelegt. Sie stellten einen Teil der wirtschaftlichen Gesamtleistung dar. Zu den ökonomischen Initiativen der FDJ gehörten auch die MMM- („Messe der Meister von Morgen“) und die „Neuererbewegung“ (F/M, S.195ff).

Um die Forderung nach einer Interessenvertretung nachzukommen, bildete die FDJ eigene Fraktionen in der Volkskammer und den anderen Volksvertretungen. „ Sämtliche Parteien und Massenorganisationen bilden die sogenannte Nationale Front. Diese für die DDR […] typische Form der Volksvertretung gilt nicht nur für die Volkskammer, sondern auch für die untergeord- neten Formen der Volksvertretung wie Bezirkstage, Kreistage, Stadtverordnetenversammlun- gen und Gemeindevertretungen “, erläutern Freiburg und Mahrad (F/M, S.238).

Ein wichtiger Bereich der Verbandsarbeit war die Freizeitgestaltung, war sie doch - wiederum mangels Alternativen - einer der wichtigsten Gründe für den Eintritt vieler Mitglieder. Der Ver- 10 band bot Ferienlager für alle Altersgruppen, bezahlbare Urlaubsreisen über die Jugendreise- büros „Jugendtourist“ der FDJ und die besonders begehrten Plätze in Austauschprogrammen mit anderen sozialistischen Staaten (F/M, S.229). Weiterhin unterhielt die FDJ Einrichtungen wie Jugendklubs und Diskotheken. Ihre Zahl belief sich Anfang der 80er Jahre auf 15 000 Klubhäuser und 5 000 Disko’s (JW, S.116). Die Jugendklubs versuchten mit einem möglichst vielfältigen Programm ein weites Interessenspektrum zu befriedigen. In den Diskotheken spielte den Wünschen der Besuchenden entsprechend zunehmend auch beliebte Musik aus dem westlichen Ausland. Trotz zunehmend unbefangenerer Atmosphäre griff die staatliche Kontrolle auch hier in vollem Umfang: Die „Schallplattenunterhalter“ mußten eine staatliche Prüfung ablegen, um sicherzustellen, daß die Discjockeys die Spielräume und Grenzen der Zensur kannten und die Aufgabe eines „Kulturfunktionärs“ ausfüllten (F/M, S.231).

Im Bereich des Sports fand neben den schon erwähnten wehrsportlichen Aktivitäten eher ei- ne „politische Betreuung“ der Sportlerinnen und Sportler statt. Freiburg und Mahrad beschrei- ben die sportlichen Aufgaben der FDJ so: “Während das rein Sportliche, d.h. das Training u.a., den Sportvereinen bzw. derenübergeordneten Instanzen FDGB und DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund, Anm.d.Verf.) ü berlassen bleibt, soll durch die FDJ die ideologische Kompo- nente im Sport hervorgehoben werden, d.h. die Organisation von Wehr- und Massensport- kämpfen, die unter einem politischen Motto stehen. Desweiteren fällt der FDJ die ideologi- sche Schulung und Beeinflussung der DDR-Spitzensportler, die an Sportveranstaltungen im Ausland teilnehmen, zu. […] Auch auf den DTSB nimmt die FDJ Einflußmit der Begründung, die Mitglieder des DTSB seien in der Regel Jugendlich. “ (F/M, S.226).

Die „Singeklubs“, die „Werkstattwochen“, das jährlich stattfindende „Poetenseminar“ und ähnliche Veranstaltungen waren die Beiträge der FDJ zur kulturellen Betätigung von Jugend- lichen in der DDR und Forum für junge Künstlerinnen, Künstler und Laien. Letztlich sind die Frei- zeitaktivitäten der FDJ der Bereich, der am ehesten positive Erinnerungen bei den Jugendli- chen hinterlassen hat.

Die FDJ war Herausgeber der gesamten Jugendmedien. Ihre eigenen Verlage „Neues Le- ben“, „Junge Welt“ und „Kinderbuchverlag“ gaben Taschenbuchreihen („nl-konkret“), Zei- tungen („Junge Welt“, „Trommel“), Zeitschriften („Junge Generation“, „Pionierleiter“) und, wie der Name des dritten Verlages vermuten läßt, Kinderbücher heraus (F/M, S.137ff).

Seit 1967 unterstehen die Pioniere - wieder - der FDJ. Der Pionierorganisation ‚Ernst Thälmann‘ ist Abschnitt 3 gewidmet.

Insgesamt galt in der Verbandsarbeit den Schülerinnen und Schülern besonderes Augenmerk. Nicht nur ihre zahlenmäßige Überlegenheit innerhalb des Verbandes gaben dafür den Ausschlag - man sah bei ihnen auch den größten Bedarf und die größte Aufnahmebereitschaft für politische und ideologische Erziehung.

Bei allen Unternehmungen gab es Ansporn durch ein Belohnungssystem von Auszeichnungen und öffentlichen Ehrungen. Die Ziele der Jugendpolitik und der danach ausgerichteten Arbeit der FDJ bestanden in der Kontrolle und der Lenkung der Zeit und der Interessen der Jugendli- chen. Ein großes Angebot an Freizeitaktivitäten sollte ungesteuerte Betätigungen verdrängen - außerdem sollte jede Art der Freizeitgestaltung auch der politischen Bildung dienen.

3 Pionierorganisation ‚Ernst Thälmann‘

3.1 Die Verbandsstruktur und die Mitgliederzahlen

Die 1948 aus der FDJ hervorgegangene und 1967 wieder eingegliederte „Pionierorganisation ‚Ernst Thälmann‘“ bildete den offiziellen Kinderverband der DDR. Das Eintrittsalter lag bei 6 Jahren, die Mitgliedschaft endete mit 14 bzw. mit Abschluß der 7.Klasse. Die Organisationsbasis der Pioniere bildeten die Schulklassen - der Zeitpunkt der Einschulung war gleichzeitig der Zeitpunkt des Eintritts in die PO. Die Aufnahme vollzog sich durch Ablegen eines Gelöbnisses. Jede Klasse bildete eine Pioniergruppe. Pioniere der 1. bis 3. Klassen trugen die Bezeichnung „Jungpionier“, ab der 4. bis zur 7. Klasse lautete die Bezeichnung „Thäl- mann-Pionier“. Ihre Kennzeichen waren dem Rang entsprechend zunächst blaue, dann rote Halstücher.

Der Klassenlehrer erfüllte gleichzeitig die Funktion des „Pioniergruppenleiters“. An jeder Schule bestand eine sogenannte Pionierfreundschaft, die die Pioniergruppen einer Schule zusammenfasste. Sie stand unter der Leitung eines „Freundschaftsleiters“, eines durch die FDJ ausgebildeten hauptamtlichen Funktionärs mit Lehrerausbildung. Die Kopplung dieses Verbandes an die Schule gestaltete sich noch enger als dies bei der FDJ der Fall war. Freiburg und Mahrad drücken dieses Verhältnis so aus: „ Die Schule wurde sehr bald in den Dienst des Kin derverbandes der FDJ gestellt “ (F/M, S.150).

Die hauptamtlichen Pionierleiter an den Schulen absolvierten ihre Ausbildung in Form eines Studiums an staatlichen Hochschulen. Dieser Beruf wurde überwiegend von Frauen ergriffen. Sowohl für die Pionierleiter als auch für die ehrenamtlich tätigen Pioniergruppenleiter, zumeist Lehrerinnen der Unterstufe, wurden regelmäßig Schulungen durchgeführt. Dafür besaß die PO ähnlich der FDJ ein eigenes Schulungszentrum, das „Zentralinstitut der Pionierorganisation für Aus- und Weiterbildung“ in Droyßig. Zur Bedeutung des Verbandes im DDR-System äußern sich Freiburg und Mahrad so: „ Die besondere Sorgfalt, die für die Schulung der Pionier-Funktionäre angewandt wird, macht deutlich, welchen Stellenwert die Kinderorganisation im politischen Gefüge der DDR ha. “ (F/M, S.153).

Das Verhältnis zu SED und FDJ war von strenger Hierarchie und Kontrolle geprägt. Die Füh- rungspositionen im Pionierverband wurden auch zu Zeiten der Leitungstrennung immer mit FDJlern besetzt. Trotz einer gewissen Selbständigkeit blieb die PO von der FDJ in ähnlicher Weise abhängig wie die FDJ von der SED. 1967 wurde der Kompetenzstreit zwischen den Lei- tungen der beiden Verbände zugunsten der FDJ entschieden (F/M, S.150f). Am Ende der Pionierzeit stand die Jugendweihe. Sie wurde von der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik übernommen und 1955, während des „Kirchenkampfes“, eingeführt. In den 60er Jahren wurde die Jugendweihe nach starker Propagierung allgemein angenom- men, so daß sie im Leben der Bürger zur Selbstverständlichkeit wurde, vor allem, seit ihre „ anti- 13 religiöse Tendenz “ (F/M, S.163) in den Hintergrund trat.

Die Pionierzeit war also durch Feierlichkeiten zu Beginn und zum Abschluß und einem auch nach außen wahrnehmbaren automatischen „Aufstieg“ in der Hierarchie gekennzeichnet, der die meisten Kinder sicherlich mit Stolz erfüllte. Die nächste „Beförderung“ stellte die Aufnahme in die FDJ in der 8. Klasse dar.

Die Zahl der Mitglieder im Pionierverband entsprach weitgehend der Zahl der 6- bis 13jährigen in der Bevölkerung. Durch die Übernahme der Mitglieder der Vorgängerorganisa- tion „Kindervereinigung der FDJ“ begann man bei Verbandsgründung Dezember 1948 mit rund 180.000 Pionieren. Ein Jahr später hatte sich die Zahl der organisierten Kinder mehr als vervierfacht. Schon zu Beginn der 60er Jahre fand man einen Organisierungsgrad von 80 - 90 Prozent vor, was absoluten Zahlen zwischen 1.6 Mio und 1,9 Mio entspricht. Etwas später er- reichte man unter den Schülern und Schülerinnen einen Organisationsgrad von 99 Prozent (F/M, S.155ff).

Vermutlich haben sich die auch die kritischen Eltern den Wünschen der Kinder gebeugt, für die im jungen Alter der Spaß und das gemeinsame Erlebnis mit Freunden und Klassenkameraden wohl im Vordergrund steht.

3.2 Die Ziele und ihre Umsetzung

Vieles in der Verbandsarbeit der Pionierorganisation orientierte sich an den Methoden der FDJ und trug ähnliche Namen. Dazu zählen z.B. die „Pionierobjekte“ - offiziell übertragene gemeinnützige Aufgaben wie Sammeln von Wertstoffen, Pflege öffentlicher Anlagen oder Renovierung von Gemeinschaftsräumen. Die „Timur-Hilfe“ war eine weitere Einrichtung der PO. in sogenannten „Timur-Zentralen“ wurde einfache, kindgemäße Alten- und Krankenbetreuung organisiert (JW, S.21).

Die Förderung der Lernbereitschaft war ein wichtiges Anliegen des Pionierverbandes. Dazu fanden Lernwettbewerbe und Lernzirkel innerhalb und außerhalb des Unterrichtes statt. Von den Pioniergruppen wurde nach Unterrichtsende auch eine Hausaufgabenbetreuung organisiert, die unter anderem den in der Einleitung erwähnten Interessen der berufstätigen Eltern sehr entgegenkam (JW, S.22). Analog zur FDJ existierten „Pionierhäuser“ mit „ Werkräume(n), Räume(n) für Arbeitsgemeinschaften, Bücherei, Lesezimmer, Fernseh- und Filmräume(n), die ausschließlich für Kinder bis zum 14. Jahr vorgesehen sind “ (JW, S.23).

Sportveranstaltungen, Ferienfreizeiten in Form von Pionierlagern im In- und befreundeten Ausland gehörten zum weiteren Freizeitprogramm der Pionierorganisation. Auch die Forderung nach einer frühzeitigen Wehrerziehung fand ab der 2. Klasse in der Durchführung von „Manöverspielen“ und Besuchen bei der NVA Anwendung (JW, S.59).

Ein wichtiger Teilbereich war die Heranführung der Kinder an die FDJ. Dazu wurden besonders Werbeaktionen in der 7. Klasse durchgeführt und es fanden „Pionierzirkel“ zur Vorbereitung statt. In Gruppen- und Einzelgesprächen mußten sowohl der beantragte Eintritt als auch die Verweigerung begründet werden. Selbstverständlich wurden diese Veranstaltungen in und mit der Schule ausgerichtet.

Die Erziehungsziele lauteten in der Altersgruppe der Pioniere im wesentlichen verantwortungsvolles und sozial engagiertes Verhalten, Lernwille, Einfügen ins Kollektiv, Gehorsam und Eingliederung in hierarchischen Strukturen, Disziplin, Mut. Die große Beeinflußbarkeit lag dabei ständig im Blickfeld. In dem Buch „Zur Erziehung junger sozialistischer Staatsbürger durch die Pionierorganisation ‚Ernst Thälmann‘“, herausgegeben anläßlich der 4. Tagung des Zentralrats der FDJ 1967, heißt es auf S.18 im einleitenden Kapitel:

Die staatsbürgerliche Erziehung hat zum Ziel, bei den Kindern und Jugendlichen feste Grundüberzeugungen herauszubilden und sozialistisches Verhalten zu lehren. [...] Wir wollen vor allem hervorheben, daßder Prozeßder Herausbildung von Grundüberzeugungen ein außerordentlich komplexer und vielgestaltiger Vorgang ist, der sichüber einen längeren Zeit raum erstreckt und bei dem auf Erkenntnisfähigkeit, Gefühl und Wille des jungen Menschen gleichzeitig eingewirkt werden muß.

Weiterhin wird eine verstärkte Forschung zum Zwecke der Verbesserung des „ Wirkens der Pio nierorganisation im Erziehungsproze ß “ (o.c., S.13) angemahnt. Allgemeiner ausgedrückt ging es um eine kognitive und expressive Vereinnahmung der Kinder für die politischen und gesellschaftlichen Ziele des Staates.

4 Zusammenfassung

Die FDJ und die Pionierorganisation ‚Ernst Thälmann‘ bildeten einen Kinder- und Jugendverband mit klarer Ausrichtung und eindeutiger Parteinahme. Die Freiwilligkeit der Mitgliedschaft wurde durch zwei Faktoren stark eingeschränkt:

1. gab es keine gleichwertige Alternative. Die einzige „andere“ Jugendarbeit, die gewisse Bedeutung erlangt hatte, bestand aus den „Jungen Gemeinden“ der evangelischen Kir- che. Die Gründung eines Verbandes war ihr allerdings untersagt. Regional stark unter- schiedlich in jeder Hinsicht konnte von einer systematischen Jugendarbeit keine Rede sein. Zudem litten die Teilnehmenden immer wieder unter Diskriminierungen einzelner Leh- rer und Behörden.

2. lagen alle Einrichtungen für Jugendliche in der Hand der FDJ. Nicht in der FDJ zu sein be- deutete, auf vieles zu verzichten. Im Prinzip „kam man also an der FDJ nicht vorbei.“ Ein Nichtmitglied rief bei Lehrenden häufig Mißtrauen hervor und mußte im Einzelfall indiskrete und erniedrigende Fragen beantworten. Aussteigen war nicht möglich ohne „Strafe“. Daher kam es, daß die Mitgliedschaft häufig kein Ausdruck einer Übereinstimmung mit den politischen Standpunkten des Verbands (und damit der Staatsführung) war, sondern die Fol-ge eines mittelbar ausgeübten Drucks seitens der Staatsführung.

Punkt 2 führt außerdem zu einem typischen Merkmal von Organisationen in der DDR: Die Koppelung von für den einzelnen vorteilhaften und seinen Interessen entgegenkommenden Ausrichtung des Angebots eines Verbands oder Organisation und einer ideologischen

Beeinflussung mit psychologischen, verharmlosend „wissenschaftlich“ genannten Bezügen, die zur Nutzung der Angebote der Organisationen in Kauf genommen werden mußten. Die vielfältigen Freizeitangebote und die intensive Heranführung von Kindern und Jugendlichen an verantwortungsvolle Aufgaben können als vorbildlich gelten - aber ihre Funktion bestand größtenteils darin, Lockmittel zu sein und eben nicht darin, Jugendlichen Chancen zur Selbst- entfaltung zu geben. Ein solches Ziel jedoch stünde im Gegensatz z.B. zum sozialistischen Ar- beitsethos. Als weiteren Beleg führe ich die oben erläuterte Form der „Berufsberatung“ an, die den Interessen und potentiellen Fähigkeiten eines Jugendlichen wenig Beachtung schenkte. Freiburg und Mahrad stellen am Beispiel der FDJ-Initiativen in Sportvereinen und Sporthochschulen fest: „ Auch hier wird das Ziel der FDJ deutlich: Auf dem Umwegüber unpo- litische Veranstaltungen sollen alle Jugendlichen erfasst und für die Mitarbeit im Jugendver- band gewonnen werden “ (F/M, S.226). Der Umweg derjenigen, die sich nicht erfassen lassen wollten, war beträchtlich größer.

Literaturverzeichnis

- Arnold Freiburg, Christa Mahrad: FDJ - Der sozialistische Jugendverband der DDR, Opla- den 1982, erschienen im Westdeutschen Verlag
- Jugendwerk der Deutschen Shell (Hrsg.): Jugend ’92 - Lebenslagen, Orientierungen und Entwicklungsperspektiven im vereinigten Deutschland, Opladen 1992, erschienen bei Leske & Budrich
- Jutta Wilhelmi: Jugend in der DDR, Berlin 1983, erschienen im Verlag Gebr. Holzapfel
- Staatliche Zentralverwaltung für Statistik, Abt. Presse und Publikationen: Statistisches Jahr- buch 1975 der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1975, erschienen im Staatsver- lag der Deutschen Demokratischen Republik
- Deutsches Pädagogisches Zentralinstitut/Zentralrat der FDJ: Zur Erziehung junger sozialisti- scher Staatsbürger durch die Pionierorganisation ‚Ernst Thälmann‘ - Beiträge zur Theorie und Methodik der Pioniererziehung, Berlin 1970, erschienen bei Volk und Wissen Volksei- gener Verlag
- Barbara Hille/Walter Jaide (Hrsg.): Jugend im doppelten Deutschland, Opladen 1977, er- schienen im Westdeutschen Verlag
- Verfasssung der Freien Deutschen Jugend von 1949 - Statut der Freien Deutschen Jugend von 1976

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Die Massenorganisationen der Jugend in der DDR
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1998
Seiten
18
Katalognummer
V98569
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit erläutert die Aktivitäten, Strukturen und Ziele der beiden großen Jugendorganisationen der FDJ und Junge Pioniere
Schlagworte
Massenorganisationen, Jugend
Arbeit zitieren
Uwe Kadritzke (Autor), 1998, Die Massenorganisationen der Jugend in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98569

Kommentare

  • Gast am 5.3.2002

    danke.

    EDanke Uwe !!!!!!
    Du warst die letzte Rettung für mich und meine Freundin. Dank dir haben wir für unseren Vortrag eine EINS bekommen. Also dddddddaaaaaaaannnnnnkkkkkeeeee!!!!! Mady und Maria

  • Gast am 26.4.2003

    ZIPO.

    Gut wenn man mit dem Thema Geld verdienen kann, noch leben einige die es live erlebt haben und die`, die Vergangenheit der Einrichtung kennen und auch den gegenwärtigen Zustand kennen.

    Erste Etage etwas abseits, hat man unter diesem System nicht vergessen.

    Wieviel hat es gebracht, wieviel junge Leute hat man auf dem Gewissen!

    Tina

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