Welchen Einfluß haben die vorberuflichen Sozialisationsinstanzen auf die Berufswahl?


Seminararbeit, 2000
22 Seiten, Note: 1

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Inhalt

1 EINLEITUNG

2 DER EINFLUß DER VORBERUFLICHEN SOZIALISATIONSINSTANZEN AUF DIE BERUFSWAHL
2.1 DIE ROLLE DER FAMILIE BEI DER REPRODUKTION SOZIALER STRUKTUREN
2.1.1 Die Sozialisationsleistungen der Familie
2.1.2 Schichtspezifische Sozialisation und Berufswahl
2.1.3 Frauen und Berufswahl
2.1.4 Die Auswirkungen der elterlichen Berufstätigkeit auf den Erziehungsstil und die Berufswahl
2.2 DIE ROLLE DER SCHULE BEI DER REPRODUKTION SOZIALER UNGLEICHHEIT
2.2.1 Schulische Sozialisation
2.2.2 Bildung, Sozialstruktur und soziale Auslese
2.3 BERUFSAUSBILDUNG UND PERSÖNLICHKEIT

3 ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE

4 FAZIT

5 LITERATURHINWEISE

1 Einleitung

Eine der Aufgaben, welche die Heranwachsenden unseres Kulturkreises bei ihrem Übertritt ins Erwachsenendasein zu bewältigen haben, ist es, sich zu einer bestimmten beruflichen Laufbahn zu entschließen. Diese Entscheidung ist nicht nur für die individuelle Identitätsbildung und -entwicklung1, sondern auch für die Erhaltung und die Entwicklung sozialer Strukturen in unserer Gesellschaft von zentraler Bedeutung.

Zur Zeit gibt es etwa 36000 verschiedene Berufe, die sich in sechs Berufsbereiche einteilen lassen. Als Berufe werden alle „ ...auf Erwerb gerichteten, charakteristischen Kenntnisse und Fertigkeiten sowie Erfahrungen erfordernden und in einer typischen Kombination zusammenfließenden Arbeitsverrichtungen verstanden, durch die der Einzelne an der Leistung der Gesamtheit im Rahmen der Volkswirtschaft mitschafft. “ 2

Berufe sind also der Rahmen in welchem der Einzelne seinen Beitrag für die Gesamtheit leistet. Als Gegenleistung erhält er dafür die materiellen Mittel, die zur Sicherung seines Lebensunterhalts notwendig sind.

Dabei bestimmt die Art des Berufes, der gewählt wurde, massiv wie hoch diese Gegenleistung ausfällt. Jeder Beruf beinhaltet unterschiedliche Zugangschancen zu den verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens (z.B.: Bildungswesen, Konsumchancen, sozialer Status und soziale Mobilität, Selbstverwirklichung, Gesund- heitswesen, Freizeitquantität und -qualität, etc.).3 Daraus läßt sich ableiten, daß die Berufe nicht nur in sich hierarchisch gegliedert sind, sondern auch zueinander in einer gewissen Rangfolge stehen, wobei die Berufe, die an der Spitze der Hierarchie stehen ihren Inhabern die größten individuellen Vorteile in materieller und sozialer Hinsicht gewähren. Ob ein Beruf eher oben oder eher weiter unten in der Hierarchie angesiedelt ist, ob also die Gegenleistung der Gesellschaft hoch oder niedrig ausfällt, hängt jedoch nicht ausschließlich davon ab, welche Leistung der Inhaber eines Berufes zu erbringen hat. Entscheidend für die Höhe der Gegenleistung sind zum Beispiel auch Art und Umfang der Ausbildung, überlieferte kulturelle und individuelle Vorurteile, der Grad der Ersetzbarkeit einer Arbeitskraft und die gesellschaftliche Relevanz der Tätigkeit.4

Um die Bedürfnisse unserer Volkswirtschaft abzudecken müssen also Menschen dazu bereit sein, Tätigkeiten auszuüben, welche die Chancen auf die individuelle Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse mindern. Diese Beschneidung der Chancengleichheit muß außerdem von den Individuen innerlich akzeptiert werden, um den sozialen Frieden zu bewahren. Im Artikel 12 Absatz 1 des deutschen Grundgesetzes ist zudem die freie Wahl des Berufes, des Arbeitsplatzes und der Ausbildungsstätte festgeschrieben. Folglich kann theoretisch niemand gezwungen werden eine Tätigkeit auszuüben, die mit sozialen und finanziellen Nachteilen verbunden ist.

Was also bewegt Jugendliche dazu, sich freiwillig für einen Beruf zu entscheiden, der sie auf der sozialen Leiter weiter unten ansiedelt, welche Rolle spielen hier die Sozialisationsinstanzen Familie, Schule und Berufsausbildung, und kann unter diesen Umständen tatsächlich von freier Berufswahl und damit Chancengleichheit in unserer Gesellschaft gesprochen werden?

2 Der Einfluß der vorberuflichen Sozialisationsinstanzen auf die Berufswahl

Die individuelle Persönlichkeit eines Menschen entwickelt sich durch Vererbung und Umwelteinflüsse.5 Zu den Umwelteinflüssen zählen dabei nicht nur die natürlichen Lebensumstände wie zum Beispiel das Klima, sondern vor allem auch das soziale, wirtschaftliche und politische Umfeld. Wie und warum sich in einem Menschen der Wunsch entwickelt, einen bestimmten Beruf zu ergreifen, ist stark von dem sozialen Hintergrund abhängig, vor dem sich der Prozeß der Berufswahl abspielt. Dieser soziale Hintergrund wird von den Sozialisationsinstanzen Familie und Schule dominiert.

Natürlich spielen auch Kindergarten, Peer-Groups, entfernte Verwandte, Berufsberatung und alles andere, was formend auf eine Person einwirkt, eine Rolle bei der Entstehung von Präferenzen für bestimmte Berufe, trotzdem beschränke ich mich in dieser Arbeit auf die Sozialisation in Familie und Schule.

Die Berufsausbildung ist streng genommen zwar keine vorberufliche Sozialisationsinstanz mehr, denn wenn mit einer konkreten Ausbildung begonnen wird, ist die Entscheidung für einen bestimmten Beruf natürlich bereits gefallen. Dennoch wird während einer Berufsausbildung primär noch immer eine Person für einen Beruf sozialisiert und qualifiziert, und weniger durch ihn wie es im späteren Berufsleben der Fall ist.6

2.1 Die Rolle der Familie bei der Reproduktion sozialer Strukturen

Die Familie erfüllt in unser Gesellschaft viele Aufgaben. Sie ist zum einen das Fundament des Staates, denn aus der Familie rekrutiert der Staat seine Staatsbürger. Die Bedeutung der Familie für unseren Staat zeigt sich im Artikel 6 des Grundgesetzes, der die Ehe und die Familie unter besonderen Schutz stellt, und den Eltern als erste Pflicht die Pflege und Erziehung der Kinder auferlegt. Dabei überwacht die staatliche Gemeinschaft die Betätigung dieser Pflicht.

Für das Individuum ist die Familie im Idealfall ein Schutzraum, der es ihm ermöglicht, sich zu entfalten und seine Fähigkeiten und seine Persönlichkeit zu entwickeln. Die Fami- lie bestimmt als wichtigste Einflußgröße die Form und den Verlauf der Sozialisation.7

Erwähnenswert ist dabei noch die Tatsache, daß sich die klassische Form der Familie (Haushalte, die aus zwei Erwachsenen und ihren unmündigen Kindern bestehen) seit 1965 auf dem zahlen- und anteilsmäßigen Rückzug befindet, und zunehmend durch alternative Formen des familialen Zusammenlebens ersetzt wird.8 Die Zahl der Ehescheidungen und der Anteil der alleinerziehenden Eltern steigt seit Jahren,9. Dies bedeutet jedoch nicht, daß die Familie an sich ihre Bedeutung für die Gesellschaft und die Einzelnen verliert. Es hat, aus Gründen, auf die ich im Rahmen dieser Arbeit nicht näher eingehen kann, lediglich eine Pluralisierung von Haushaltsstrukturen und Familienformen stattgefunden.10

Diese Veränderungen wirken sich zwar auch auf die Sozialisation in der Familie aus, sie beeinflussen den Erziehungsstil, die ethischen und moralischen Wertvorstellungen und die Berufswünsche der Individuen, dennoch bleiben die grundsätzlichen sozialisatorischen Funktionen der Familie, auf die ich im Folgenden eingehen werde, nahezu unverändert.

2.1.1 Die Sozialisationsleistungen der Familie

In der Familiensoziologie wird zwischen fünf zentralen Funktionen der Familie unterschieden, die miteinander in Beziehung stehen:

1. Statuszuweisung
2. Reproduktion
3. Sozialisierung und soziale Kontrolle
4. Biologische Erhaltung des Individuums
5. Emotionale und wirtschaftliche Erhaltung des Individuums11

Die Familie schafft zunächst einmal die Voraussetzungen, welche ein Neugeborenes vorfinden muß, um sozialisationsfähig zu sein.

Ein Neugeborenes ist vollkommen hilflos und unfähig, sich selbst zu erhalten. Um zu überleben und sich zu entwickeln, ist es auf soziale Hilfe angewiesen. Diese Hilfsfunktion übernimmt im Regelfall die Familie. Der menschliche Geburtszustand ist eine normalisierte Frühgeburt, und das Neugeborene muß sich seine artgemäße Haltung aktiv aneignen, welche es erst etwa ein Jahr nach seiner Geburt erreicht, während diese arttypische Haltung bei anderen Säugetieren bereits kurz nach der Geburt vorhanden ist. Andere Säugetiere verfügen im Gegensatz zum Menschen, der sein erstes Wort nach etwa einem Jahr spricht, auch schon kurz nach der Geburt über die arttypischen Kommunikationsmuster. Kinder dagegen lernen durch Anpassung und Imitation die Grundelemente und -formen der zwischenmenschlichen Kommunikation.12

Sie verinnerlichen dabei, daß bestimmte Lautäußerungen ihrerseits bestimmte Reaktio- nen bei den Bezugspersonen, etwa der Mutter, auslösen, die sowohl Lust- als auch Unlustgefühle in ihm entstehen lassen und daß es das Verhalten der Mutter durch Laut- äußerungen steuern kann.13 Diese Fähigkeit zur sozialen Interaktion, die aus der Abhängigkeit von sozialen Hilfsleistungen entsteht, ist die Voraussetzung dafür, daß Säuglinge überhaupt sozialisierbar werden, insofern Sozialisation „ die Ü bertragung und Vermittlung von Verhaltensdispositionen im Rahmen von Interaktionsprozessen “ 14 ist.

Die Vermittlung von Normkonformität durch Interaktion wird durch die dauerhafte Zuord- nung einer festen Bezugsperson für den Säugling erleichtert, die im Rahmen der Klein- gruppe der Kernfamilie möglich ist, denn die relativ geschützte und isolierte Interaktion zwischen der festen Bezugsperson und dem Säugling ermöglicht eine kontinuierliche Vermittlung von Werten, Normen und Techniken zur Daseinsbewältigung. Die Organisationsstruktur der Familie, die es ermöglicht, daß ein Elternteil die materiellen Grundlagen sichert, während der andere sich eher auf die Kindererziehung konzentriert, erleichtert diese eindeutige Zuordnung einer festen Bezugsperson. Der kindliche Lernvorgang setzt eine eindeutige Strukturierung des Interaktionsprozesses und den widerspruchsfreien Verlauf der sozialen Bekräftigungsmuster voraus, da die Umwelt für das Kind andernfalls unstrukturierbar, chaotisch und unlernbar wird, wodurch Verhaltens- unsicherheit oder sogar soziale Apathie beim Kind entstehen können.

Um die soziale Umwelt unserer komplexen Industriegesellschaft für Kinder faßbar zu machen, ist eine Komplexitätsreduktion notwendig, welche in der Kernfamilie erfolgt, die durch ihre Gruppengröße wie ein Filter wirkt, der bestimmte gesamtgesellschaftliche Probleme vereinfacht, ablenkt oder auch abwehrt. Dadurch werden aber auch Grenzen für die kindliche Intelligenzentwicklung geschaffen, was natürlich später auch Auswirkungen auf die Schulbildung und damit auf die Berufswahl hat, denn die Qualität der Komplexi- tätsreduktion durch die Familie ist stark davon abhängig, inwieweit die familialen Sozialisatoren selber die komplexen gesellschaftlichen Zusammenhänge durchschauen.15

Damit ein Neugeborenes überhaupt lernfähig und -bereit, und damit sozialisationsfähig werden kann, muß sich zwischen ihm und der Bezugsperson Vertrauen und emotionale Wärme entwickeln. Die emotionale Fundierung ist eine grundlegende Voraussetzung für die Persönlichkeitsentwicklung, weil sie es dem Kind erst ermöglicht, sich selbst wahrzunehmen und seinen Zustand als autonomes und zugleich abhängiges Wesen zu erfahren. Erst dadurch wird es für das Kind möglich, sich mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen und für seine soziale Umwelt zu öffnen.16

2.1.2 Schichtspezifische Sozialisation und Berufswahl

Aus dem obigen Abschnitt dürfte bereits deutlich geworden sein, wie stark die Norm- und Wertvorstellungen und die intellektuellen und sprachlichen Fähigkeiten von Geburt an durch die Kernfamilie beeinflußt werden. Diese Orientierungen und Fähigkeiten wirken sich natürlich auch darauf aus, welche Berufe später als erreichbar und erstrebenswert betrachtet werden. Dabei ist zu beobachten, daß es zwar soziale Mobilität zwischen den Generationen gibt, diese sich aber meist nur in kleinen Schritten vollzieht. Stark verein- facht bedeutet dies, daß der Sohn oder die Tochter zum Beispiel eines Schlossers mit größerer Wahrscheinlichkeit auch einen gewerblichen Beruf ergreifen wird, als einen akademischen Beruf.17

Die Begriffe Schicht oder Klasse sind zwar seit den 80er Jahren umstritten. Die moder- ne Soziologie teilt die Bevölkerung der Bundesrepublik heute eher in die Kategorien sozia- le Milieus, soziale Lagen oder Lebensstile ein, und versucht dadurch der sich ausweiten- den Pluralisierung und Individualisierung unserer Gesellschaft und der zunehmenden Auf- lösung schichttypischer Subkulturen gerecht zu werden. Bei allen Modellen spielt jedoch nach wie vor der Beruf des Familienvorstandes eine zentrale Rolle. So werden für die Einteilung der Bevölkerung in soziale Lagen die Merkmale Berufsstatus, Geschlecht und Alter kombiniert, wodurch 44 Soziallagen unterschieden werden können.18

Trotzdem bestehen in unserer Gesellschaft weiterhin schichtspezifische Unterschiede und Ungleichheiten. Deutlich wird dies vor allem im Bildungsbereich. So hat die Bildungsexpansion zwar Kindern und Jugendlichen aus allen sozialen Schichten Vorteile gebracht, jedoch sind die Zuwächse der Studienchancen für Kinder aus Arbeiterfamilien deutlich geringer angewachsen, als die Zuwächse bei Beamten und Angestellten. Dadurch haben sich die schichtspezifischen Unterschiede sogar noch deutlich verschärft. Die Gründe dafür sind zum einen die Selektivität des Bildungswesens, auf das noch weiter unten eingegangen wird, als auch die schichtspezifischen Sozialisationsprozesse und Einflüsse der Familie, wie sie bereits im obigen Kapitel angedeutet worden sind. In den Familien aus den oberen sozialen Schichten werden die Kinder stärker materiell und kulturell angeregt, wodurch die Fähigkeiten und Motivationen gefördert werden, die den Schul- und Studienerfolg begünstigen. Darunter hat man sich vor allem kognitive und sprachliche Fähigkeiten, aber auch die Leistungsmotivation und das Vertrauen in den Erfolg eigener individueller Anstrengungen, vorzustellen. Zum einen hängen diese Soziali- sationsvorteile mit den wirtschaftlichen Vorteilen von Familien aus höheren Schichten zu- sammen, zum anderen aber auch mit dem höheren Bildungsniveau und der besseren Arbeitsqualität der Eltern, welche das kommunikative und erzieherische Klima in der Familie verbessern. Gerade die sprachlichen Fähigkeiten sind in unserem Bildungs- system ein Vorteil, da in den Lehrplänen vor allem von weiterführenden Bildungs- einrichtungen sprachliche und historische Elemente im Vordergrund stehen. Dazu kommt, daß Eltern aus höheren Schichten ein besser ausgeprägtes pädagogisches Bewußtsein besitzen. Sie drängen ihre Kinder stärker zu einer guten Ausbildung und peilen von Anfang an höhere Bildungsabschlüsse für ihre Kinder an. Durch widrige Umstände wie schlechte Schulleistungen ihrer Kinder lassen sie sich nur schwer von ihren Bildungszielen abbringen. Auch nutzen sie die Möglichkeiten besser, über Kontakte zur Schule und Mitarbeit in Elternvertretungen, die Erfolgschancen ihrer Kinder zu verbessern.19

Weitere Unterschiede zwischen den Schichten zeigt die folgende Übersicht:20 Vergesellschaftungstendenzen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Schichtzugehörigkeit der Eltern, die vor allem an den Beruf des Familienvorstandes gekoppelt ist, beeinflußt den Sozialisationsprozeß der Kinder. Angehörige der Unter- schichten wachsen in anderen Sozialräumen auf als diejenigen der Mittelschichten, und bilden dadurch unterschiedliche Sozialcharaktere aus. Vergleichen wir zum Beispiel die Erziehungsziele der Unterschicht mit denen der Mittelschicht, wie sie in obiger Übersicht aufgelistet sind: Die Erziehungsziele Unterordnung und Gehorsam bereiten die Ange- hörigen der Unterschicht auf einen Arbeitsalltag vor, der diese Charaktereigenschaften voraussetzt, nämlich Berufe und Tätigkeiten, die wenig Eigenverantwortung erfordern, also meist monotone Tätigkeiten, bei denen man sich möglicherweise dem Arbeitstakt einer Maschine unterordnen muß. Die Erziehungsziele der Mittelschichten sind viel mehr darauf ausgerichtet, die heranwachsende Generation an Selbständigkeit, eigenverantwortliches Handeln und ein höheres moralisches Urteilsvermögen heranzuführen, welches sie für die Ausübung von Führungspositionen benötigen. Natürlich trifft die obige Tabelle nicht auf alle einzelnen Familien zu, da sie sehr verallgemeinernd ist. Dennoch sind die Grund- tendenzen tatsächlich vorhanden und empirisch nachgewiesen. Zugleich ist die Struktur der Bevölkerung Deutschlands von einem Übergewicht der Mittelschichten geprägt. Diese zahlenmäßige Vorherrschaft spiegelt sich in der bevorzugten Berücksichtigung der Mittelschichten durch gesellschaftliche und politische Institutionen und Organisationen wider. Zudem besetzen Angehörige der Mittelschicht Schlüsselpositionen in unserer Gesellschaft. Bei Besitz und Genuß von Macht, Einkommen, Ansehen, Eigentum und Bildung ist sie gegenüber der Unterschicht im Vorteil. All dies trägt dazu bei, daß die Mittelschichten faktisch unsere Gesellschaft repräsentieren und als Leitkultur normaler Durchschnittlichkeit gelten, von denen sich die Unterschichten als abweichend, fremd und unfertig abheben. Damit erwerben Kinder aus der Mittelschicht denjenigen Sozial- charakter, der ihnen in unserer Gesellschaft, die von der Mittelschicht dominiert wird, einen Sozialisationsvorteil gegenüber den Kindern aus den Unterschichten gewährt, da sich diese im Fall eines sozialen Aufstiegs in einem ihnen fremden sozialen Milieu zurechtfinden müssen, auf das sie durch ihre Sozialisation unzureichend vorbereitet werden. Die Folge ist, daß Mittelschichtkinder größere Chancen auf einen sozialen Aufstieg haben als Unterschichtkinder, die häufiger auf der gleichen sozialen Stufe, auf der sich auch ihre Eltern befinden, verharren.21 Dies drückt sich in unserer Gesellschaft, in welcher der Beruf das zentrale Merkmal für die Stellung in der sozialen Hierarchie bildet, zwangsläufig auch in der Wahl eines entsprechenden Berufes aus. Versuchen sie den- noch in der sozialen Hierarchie aufzusteigen, ist dies oft mit einer Entfremdung von ihrem Herkunftsmilieu verbunden, wodurch zusätzliches Konfliktpotential entsteht, das einen etwaigen Erfolg noch erschwert.22 Ähnlich verhält es sich mit den Wirkungen der geschlechtsspezifischen Sozialisation, auf die ich im nächsten Kapitel eingehen werde.

2.1.3 Frauen und Berufswahl

Der Wandel, oder besser gesagt die Pluralisierung der Formen familialen Zusammenlebens seit den 1960er Jahren ging zeitlich mit der Veränderung der Rolle der Frau einher. Ein eventueller kausaler Zusammenhang zwischen diesen beiden Phänomenen ist bislang wissenschaftlich umstritten. Tatsache ist, daß die klassische Existenzform der Frau als Hausfrau und Mutter heutzutage nicht mehr unbedingt den Durchschnitt repräsentiert. Die moderne Frau sucht und findet ihren Wunsch nach Selbstverwirklichung nicht mehr nur im Schoß und als Hüterin der Familie, sondern immer öfter im Berufsleben. Die Erwerbstätigkeit der Frauen ist allerdings immer noch auf wenige Berufe und Berufsgruppen konzentriert, vor allem auf Berufe im primären Dienstleistungssektor.23

Typische Arbeitsplätze von Frauen nach Berufen in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Berufsgruppen

Dabei schließen sich aber berufliche Karriere und der Wunsch nach einer Familie nicht unbedingt gegenseitig aus, sondern es wird versucht beides miteinander zu kombinieren.24 Familienpflichten sind immer weniger ein Grund für eine Unterbrechung der Berufstätigkeit, die Unterbrechungszeiten werden immer kürzer. Die Erwerbsquote bei den erwerbsfähigen Frauen im Alter zwischen 15 und 65 Jahren ist mittlerweile auf 60 Prozent, in den Neuen Bundesländern auf 74 Prozent, gestiegen. Damit nähern sie sich der männlichen Erwerbsquote immer weiter an.25 Dennoch sind immer noch geschlechts- spezifische Unterschiede und Benachteiligungen der weiblichen Arbeitnehmerinnen zu beklagen.

Die Konzentration auf wenige Berufsgruppen ist kein alleiniges weibliches Phänomen. Auch Männer bevorzugen bestimmte Berufe, vor allem typische Männerberufe, die mehr Prestige und ein höheres Einkommen sichern. Dabei sichern sich die Männer ihre Domänen bereits durch erhöhte Zugangshürden für Frauen zu den Ausbildungsgängen. Dadurch ist es für Frauen wesentlich schwerer einen typisch männlichen Beruf zu ergreifen, als umgekehrt. Auch was die Stellung in der betrieblichen und beruflichen Hierarchie und die Aufstiegsmöglichkeiten betrifft, sind Frauen im Nachteil. Der berufliche Aufstieg wird ihnen häufig auch durch die Doppelbelastung durch Beruf und Familie erschwert. Nur drei Prozent der westdeutschen und vier Prozent der ostdeutschen Frauen waren 1995 in Führungspositionen tätig. Selbst bei gleicher Qualifikation sind sie oft niedriger in der Betriebshierarchie eingestuft als Männer. Das Qualifikationsniveau der Frauen ist zwar deutlich gestiegen, aber immer noch wesentlich geringer als das der Männer. 20 Prozent der weiblichen und 15 Prozent der männlichen Erwerbspersonen hatten 1995 keinen beruflichen Bildungsabschluß. Zugleich wird das Qualifikationsniveau immer mehr zu einem Auslesemerkmal auf dem Arbeitsmarkt, das heißt, daß Frauen ohne qualifizierte Ausbildung oder in einem wenig anspruchsvollen Beruf, überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Zu guter Letzt werden Frauen auch bei der Einkommensbeteiligung benachteiligt. Durchschnittlich liegt bei gleicher Qualifikation das Einkommen der Frauen ein Jahr nach Ausbildungsabschluß um 20 Prozent unter dem der Männer. Zum Teil hängt dies auch mit der schlechteren Bezahlung in typischen Frauenberufen zusammen, was auch ein Grund dafür ist, daß Männer nicht unbedingt einen solchen Beruf anstreben, sondern sich ihre besser bezahlten typischen Männer- berufe sichern. Zudem besteht die Tendenz, Frauen bei gleicher Qualifikation die schlech- teren und weniger attraktiven Arbeitsplätze anzubieten.26

2.1.4 Die Auswirkungen der elterlichen Berufstätigkeit auf den Erziehungsstil und die Berufswahl

Wie bereits festgestellt wurde ist der Beruf in allen sozialstrukturellen Klassifikationen unserer Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Er liefert dabei nicht nur Anhaltspunkte über die Stellung der Einzelnen in der sozialen Hierarchie. Aufgrund seines Berufes erfährt dessen Inhaber bestimmte Zuschreibungen von persönlichen Eigenschaften, Fähigkeiten, Vorlieben und Abneigungen durch seine Umwelt. Diese Zuschreibungen können zum Teil auf reinen Vorurteilen beruhen, oder auf einzelne Vertreter eines Berufes nicht oder nur teilweise zutreffen, jedoch beinhalten sie oft zumindest einen wahren Kern.27

Der Inhaber eines Berufs wird also mit einer bestimmten Erwartungshaltung seitens der Umwelt konfrontiert, mit der er sich auseinandersetzen muß. Bestimmte Erwartungen, z.B. hinsichtlich seiner Qualifikation, muß er erfüllen, andere kann er entweder erfüllen oder abweisen. Auf diese Weise entsteht ein Interaktionsprozeß, durch den der Berufsrollen- inhaber genötigt wird, bestimmte Eigenschaften anzunehmen oder aufzugeben, oder zumindest vorzuspielen. So erwartet man zum Beispiel von einem Verkäufer, daß er sich den Kunden gegenüber höflich benimmt. Tut er das nicht und die Kundin beschwert sich, so hat sein an die Rolle unangepaßtes Verhalten unter Umständen negative Konsequenzen, z.B. in Form einer Rüge durch den Vorgesetzten. Auch in der Freizeit wird man mit Erwartungen aufgrund der Berufsrolle konfrontiert, deren Ablehnung oder Annahme genauso positive oder negative Auswirkungen haben. Zum Beispiel wird von Managern eher erwartet, daß sie Golf spielen, als daß sie boxen. Entsprechen sie dieser Erwartung nicht, dann gehen ihnen vielleicht wichtige geschäftliche Kontakte verloren, die sie eben nicht in der Boxhalle, sondern auf dem Golfplatz knüpfen und pflegen können, da ihre Kollegen und Geschäftspartner einfach eher dort anzutreffen sind.28

Durch diese zum Teil subtilen, zum Teil gewaltsamen interaktiven Prozesse, wird der Berufsinhaber in seine Rolle von außen hineingezwängt, wenn er sich ihr nicht freiwillig anpaßt.

Die Berufstätigkeit beeinflußt die Persönlichkeitsentwicklung aber auch durch die Tätig- keit selber. Die inhaltlichen Arbeitsaufgaben liefern Bezüge dafür, welches Bild jemand von sich selbst entwirft. Sie sind auch ein Anhaltspunkt dafür, welche Entwicklungs- chancen der Beruf für die eigene Persönlichkeit bereithält. Die Einschätzung der Bedeutung der eigenen Tätigkeit für den Betrieb und die Gesellschaft hängt davon ab, wieviel Eigenverantwortung bei der Erfüllung betrieblicher Aufgaben gefordert ist, wieviel Entscheidungsfreiheit gegeben ist, inwiefern die Tätigkeit in Bezug zu den ausgebildeten Fähigkeiten steht und ob es möglich ist, den gesamten Arbeitsprozeß und die Verwendung des Endprodukts zu überblicken. Der Grad der Autonomie bei der Arbeitstätigkeit übt einen entscheidenden Einfluß auf die Wertvorstellungen, die gesellschaftliche Orientierung und das Selbstkonzept aus. Selbstbestimmtes Arbeiten führt zu mehr geistiger Beweglichkeit und einer eigenständigen gesellschaftlichen Orientierung.29

Die Arbeit prägt also die Persönlichkeit, ihre Einstellungen, sozialen Deutungsmuster und Wertvorstellungen. Daß dies nicht ohne Auswirkungen auf die Kindererziehung bleibt, liegt auf der Hand. Verallgemeinernd kann festgestellt werden, daß eine autonome Arbeitssituation, die komplexe Aufgaben beinhaltet, dazu führt, daß bei der Kinder- erziehung Wert auf eine Förderung der Kinder zu mehr Selbständigkeit gelegt wird, während anspruchslose Tätigkeiten unter restriktiven Bedingungen eine Erziehung der Kinder zu großer Konformität nach sich ziehen.30 Angenommen die Kinder übernehmen auf diese Weise das Normensystem ihrer Eltern, so werden sie dadurch in ihrer Vorstellung davon, für welche Berufe sie geeignet sind, welche Fähigkeiten sie besitzen, welche Zukunftsaussichten sie haben und verdienen, beeinflußt, und sie werden sich möglicherweise einen Beruf suchen, der auch eher weniger selbständiges Denken und Handeln erfordert. Konformität ist gleichbedeutend mit Unterordnung, und diese wird vor allem von Arbeitern und Angestellten in den Berufen gefordert, die wenig Qualifikation erfordern und geringen sozialen Status mit sich bringen. Die Berufserfahrungen der Eltern fließen in die Erziehungsziele mit ein und wirken bei der Entstehung von Berufswünschen bei den Kindern mit. Zugleich hängen die Chancen der Kinder ihre Präferenzen zu verwirklichen zu einem guten Teil von der wirtschaftlichen und sozialen Stellung der Eltern, und damit letztendlich von deren Beruf ab.31

Natürlich sind dies rein statistische Aussagen, die wenig bis gar nichts über die Realität im Einzelfall aussagen, da jede Person in ihrem eigenen ganz speziellen sozialen Umfeld vielen verschiedenen Einflüssen ausgesetzt ist, die sich wechselseitig aufheben, verstärken oder abmildern. Damit ist jeder Versuch, das Verhalten einer konkreten Person in einer ebenso konkreten Situation zu prognostizieren, durch die vielen Unwägbarkeiten, die aus der Komplexität und Vielschichtigkeit der Lebensgeschichte eines Menschen und seiner sozialen Beziehungen entstehen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Trotz- dem sind die getroffenen Aussagen gültig und die beschriebenen Effekte statistisch nach- weisbar.

Die Bereitschaft zur Unterordnung, die ein Arbeiter durch seine berufliche Tätigkeit verinnerlicht und dann an seine Nachkommen weitergibt, wird von unserem Bildungssystem aufgegriffen, verstärkt und dazu benutzt, die ungleichen Besitz- und Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft aufrecht zu erhalten und zu legitimieren.

2.2 Die Rolle der Schule bei der Reproduktion sozialer Ungleichheit

Neben der Familie hat die Institution Schule als Teil des Erziehungs- und Bildungs- systems den prägendsten Einfluß auf die Sozialisation von Heranwachsenden. Institu- tionen übernehmen gesellschaftliche Aufgaben und garantieren deren Erfüllung durch kontinuierliche und regelhafte Arbeit. Dadurch verschaffen sie dem Einzelnen einerseits Entlastung, andererseits muß dieser aber auch lernen, mit den Institutionen umzugehen, denn durch ihre auf Zweckmäßigkeit abgestellte Organisationsform verlangen sie vom Einzelnen Anpassung, da sie andernfalls nicht funktionieren könnten. Sowohl das Personal, als auch die Klientel einer Institution können ihre Handlungs- und Kommunikationsformen nicht immer frei wählen. Diese sind aufgrund von Aufgabenstellungen, Rollenerwartungen und Machthierarchien vorgezeichnet. So haben zum Beispiel in der Schule sowohl die Lehrer, als auch die Schüler bestimmte Aufgaben und sind gezwungen, die wechsel-seitigen Rollenerwartungen zu erfüllen. Die zwischenmenschliche Kommunikation inner-halb einer Institution ist inhaltlich vorbestimmt, funktional ausgerichtet und hierarchisch definiert. Daraus ergibt sich eine Handlungsnormierung, deren Einhaltung durch organi-sierte Formen sozialer Kontrolle notfalls erzwungen wird. Die sozialisatorischen Prozesse, die in einer Institution durch die Interaktion ihrer Mitglieder in Gang gesetzt werden, sind davon abhängig, welche Aufgaben und Funktionen sie für die Gesellschaft erfüllt, und welche Verhaltensanforderungen und Rollenerwartungen sie an ihre Mitglieder stellt.32 Die Aufgabe der Schule ist es, den gesellschaftlichen Nachwuchs zu sozialisieren und für die Reproduktion der sozialen Strukturen zu sorgen, d.h. die Schüler werden gezielt beein- flußt, sich die gesellschaftlich erwünschten Kenntnisse, Fähigkeiten und Werthaltungen anzueignen.33

Lange Zeit war Bildung das Privileg einer elitären Oberschicht. Die ersten humanistischen Gymnasien sind bereits Ende des 18. Jahrhunderts entstanden, während die Volksschulen erst am Ende des 19. Jahrhunderts der großen Mehrheit der Bevölkerung den Zugang zu Bildungseinrichtungen verschaffte. Der gesellschaftliche Antrieb dazu kam einerseits vom sich etablierenden Nationalstaat, der dem Volk in der Schule das richtige National- bewußtsein vermitteln wollte, andererseits von der immer größer und mächtiger werden- den Industrie, die von ihren Arbeitskräften einige bestimmte Mindestqualifikationen ver- langte.34

Diese beiden gesellschaftlichen Gruppen, die Politik und die Wirtschaft, üben bis heute den größten Einfluß auf Form und Inhalte der institutionellen schulischen Bildung aus. Es ist klar, daß sowohl die Wirtschaft, als auch die Politik an gesellschaftlicher und sozialer Stabilität interessiert sind. Darum bietet unser Bildungssystem gerade so viel Durch- lässigkeit, daß die daraus entstehende soziale Mobilität der Bevölkerung das Gefühl gibt, es sei wenigstens ein Minimum an Chancengleichheit in unserer Gesellschaft gegeben, ohne daß die vorhandenen sozialen Strukturen einem wirklich grundsätzlichen Wandel unterworfen werden. Die gesellschaftlichen Funktionen der Schule sind die Qualifikation der Bevölkerung für bestimmte Aufgaben, die Reproduktion der sozialen Strukturen und die Legitimation derselben. Auf welche Weise sie diese Funktionen erfüllt, ist das Thema des nächsten Kapitels.

2.2.1 Schulische Sozialisation

Wie bereits gesagt wurde, ist unser heutiges Schulwesen historisch aus den Bedürfnissen der Großindustrie und des Nationalstaates entstanden. Die einen brauchten qualifizierte Arbeitskräfte, die anderen systemkonforme Bürger. Die Industrie benötigt dabei seit jeher Arbeitskräfte mit verschiedenen und unterschiedlich ausgeprägten Kenntnissen und Fähigkeiten. Sie braucht Ingenieure genauso wie Hilfsarbeiter, von der einen Sorte allerdings weniger als von der anderen. Bildung und Erziehung verursachen Kosten, die indirekt auch die Gewinne der Industrie schmälern, wobei eine höher qualifi- zierende Ausbildung auch mehr Geld kostet. Um die Gewinnschmälerung so gering wie möglich zu halten, müssen die Bildungskosten niedrig gehalten werden. Daraus entsteht für die Industrie das Interesse, nur die unbedingt notwendige Bildung und Ausbildung zuzulassen. Die Ausbildung verfolgt dabei zwei Ziele. Zum einen müssen die nötigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben werden, welche die Arbeits-kraft erst verwertbar machen, zum anderen müssen die Auszubildenden die Werteord-nung, Verhaltensweisen und Umgangsformen in einer kapitalistischen Gesellschaft verinner- lichen und für sich akzeptieren, damit die Loyalität der Bevölkerung gegenüber dem politischen und wirtschaftlichen System erhalten bleibt.

In allgemeinbildenden Schulen werden allerdings keine berufsbezogenen Qualifikationen vermittelt, sondern eher allgemeine, die sogenannten Arbeitstugenden, z.B. Fleiß, Ausdauer, Disziplin, Unterordnungsbereitschaft etc., die allesamt unter dem Oberbegriff „ Fähigkeit des Arbeitnehmers, sich den Bedürfnissen der Wirtschaft unterzuordnen “ 35 gesammelt werden können.

Die Qualifikationsfunktion der Schule ist durch den Bedarf des Staates und der Wirtschaft eingeschränkt. Die Schule muß diese Funktion entsprechend dem begrenzten Qualifikationsbedarf des Staates ausüben. In dieser Qualifikationsfunktion ist also der Zwang zur Selektion inbegriffen, der letztendlich zur Reproduktion der sozialen Strukturen führt, weil sich der Qualifikationsbedarf eines Staates nur langsam ändert, und sich zum Beispiel Arbeiterkinder aufgrund ihrer vorschulischen schichtspezifischen Sozialisations- erfahrungen leichter und problemloser als Arbeiter in die Gesellschaft integrieren lassen, als das Kind eines Arztes. Trotzdem wird von der Schule behauptet, daß alle ohne Ansehen ihrer Person die gleichen Bildungschancen haben, um den sozialen Frieden zu sichern.36 Daß dies nicht den Tatsachen entspricht, wird im nächsten Kapitel gezeigt werden.

Die sozialisatorische Wirkung der Schule ist nicht so sehr auf das Lernen der schulischen Inhalte zurückzuführen, sondern mehr auf die Verhaltensanforderungen, welche die Institution an die Individuen stellt. Auf diese Weise werden in der Schule unterschwellig über viele Jahre hinweg Verhaltensweisen eingeübt, die als systemkonform anzusehen sind. Schüler und Lehrer werden bestimmten autoritär-rituellen Handlungen unterworfen, nicht weil diese dem Lernprozeß dienlich sind, sondern weil sie die Norm setzen, wie sich ein zivilisierter Mensch zu benehmen hat. Daraus entsteht die erzieherische Dimension der Schule. Bestimmte Verhaltensweisen wie Fleiß, Gehorsam, Höflichkeit usw., werden gefördert und belohnt, andere hingegen bestraft.37

Unterricht ist eine erzwungene und hierarchische Kommunikationsform, in der die Schüler jahrelang lernen und üben, sich in die Institution einzugliedern und sich den Lehrern und anderen Personen unterzuordnen, wodurch es zu einer allgemeinen Konformitätsorientierung kommt, welche bewirkt, daß sich die Schüler auch in anderen formalen Systemen der Über- und Unterordnung eingliedern und die darin enthaltene Machtverteilung hinnehmen. Die Zwangsmittel und Kommunikationsformen, die von der Schule zur Herstellung von Normkonformität eingesetzt werden unterscheiden sich dabei von Schulform zu Schulform. Die familiäre Sozialisation in den Unterschichten führt zu einer Distanz der Kinder zu den Anforderungen, welche die Schule an ihre Klienten stellt. Zugleich bietet zum Beispiel die Hauptschule einen formalen Abschluß mit geringem gesellschaftlichem Wert an. Der Hauptschulabschluß wird durch die Bildungsexpansion immer stärker entwertet, viele Berufe, die früher einen Hauptschulabschluß erforderten, sind heute nur noch über die Realschule oder das Gymnasium zugänglich. Aus der Kombination dieser Umstände entsteht eine Senkung der Bereitschaft der Hauptschüler, sich an die institutionellen Erfordernisse anzupassen. Diese Ablehnungshaltung und die damit verbundenen Disziplinverstösse und Motivationsmängel, versuchen Hauptschul- lehrer durch den Einsatz von Machtmitteln und Zwangsmaßnahmen in den Griff zu bekommen, womit sie auf die unterschichttypischen Erziehungsmittel (siehe Kap. 2.1.2) zurückgreifen. Demgegenüber sind die Kinder der Mittelschichten durch ihre Sozialisation besser auf die schulischen Erfordernisse vorbereitet und eher von sich aus bereit, die gestellten Anforderungen zu erfüllen, so daß etwa im Gymnasium die Anwendung von Zwangsmitteln weit weniger erforderlich ist, als in der Hauptschule.38

Die Kommunikation im Unterricht beinhaltet auch leistungs- und konkurrenzorientierte Strukturen. Die Leistung der Schüler besteht darin, vom Lehrer vorgegebene Aufgaben zu erledigen. Die Auslesefunktion der Schule erfordert es, die Leistungen zu bewerten, dies jedoch nicht absolut, sondern immer im Vergleich mit anderen, da die Notenvergabe in einem bestimmten Rahmen quotiert ist. Auf diese Weise geraten die Schüler in eine Konkurrenzsituation, von deren erfolgreicher oder erfolgloser Bewältigung ihr weiterer Lebensweg abhängt. Das langjährige Einüben dieser von Konkurrenz- und Leistungs- denken geprägten Situation führt zu einer allgemeinen Konkurrenz- und Leistungs- orientierung, und es wird gelernt, den Wert einer Person nach ihrer Leistungsfähigkeit zu bemessen. Der Leistungsgedanke rechtfertigt zugleich soziale Ungleichheit, indem impli- ziert wird, daß diese aus unterschiedlichen Leistungen entsteht, womit die Verantwortung für die sozialen Ungleichheiten auf die Einzelnen abgewälzt wird.

Nicht nur die Kommunikationsstrukturen, sondern auch die Unterrichtsinhalte propa- gieren zum Teil die herrschende Mittelschichtsideologie. Das Wissen und die Erkennt- nisse, die in der Schule vermittelt werden, fließen in die Deutungsmuster der Schülerinnen ein und werden zu einem Teil ihres individuellen Weltbildes. Welche Erkenntnisse und welches Wissen jedoch in der Schule weitergegeben werden, bestimmen Angehörige der herrschenden Schicht. Auf diese Weise erhält das Schulwissen manchmal eine ideologische Färbung. Nehmen wir als Beispiel einmal das Kapitel „Aktuelle Probleme der Sozialstaatlichkeit“39 aus einem Sozialkundelehrbuch für berufliche Schulen. Direkt unter der Überschrift ist eine Karikatur zu sehen, in der ein recht korpulenter Krawattenträger mit offener Hose, einer Zigarre in der Hand und einer Flasche Wein neben sich auf dem Beistelltischchen in einem riesigen Sessel sitzt, dessen Bequemlichkeit durch unzählige Kissen auf denen „ SOZIALER BESITZSTAND “ zu lesen ist, noch vergrößert wird, und befürchtet, daß er harten Zeiten entgegen gehen muß, weil das eine oder andere Kissen möglicherweise in Frage gestellt werden könnte. Anschließend setzt sich das Kapitel mit der Frage nach den Grenzen der Sozialstaatlichkeit auseinander, indem einleitend festgestellt wird, daß hohe Sozialleistungen der Anlaß seien, nach den Grenzen der Sozialstaatlichkeit und nach Möglichkeiten des Abbaus überzogener Sozialleistungen zu fragen. Dann werden vier Argumente vorgetragen, die für eine Kürzung der Sozialleistung- en sprechen, nämlich, daß die Sozialleistungen auf Kosten von Investitionsleistungen gingen, daß sie die Unternehmen an die Grenzen ihrer finanziellen Belastbarkeit bringen würden, daß sie die Leistungsbereitschaft sowohl der Leistungsträger, als auch der Leistungsempfänger schwäche, und das Anspruchsdenken gegenüber dem Staat fördere, mit dem zu befürchtenden Ergebnis, daß der Staat durch immer neue Forderungen in den Ruin getrieben werde. Diese Argumente werden als Sammlung objektiver Fakten präsentiert. Die Abschnitte beginnen immer mit Sätzen wie: „Hohe Sozialleistungen sind Anlaß...“, „Steigende Versicherungsleistungen belasten ...“, „Die Sozialleistungen schwächen...“ und „Schließlich wird das Anspruchsdenken gegenüber dem Staat gefördert.“ Dann wird eingeräumt, daß diese Argumentation auch Kritik hervorruft, und sodann dürfen auch die Kritiker ihre Meinung kundtun. Sie dürfen aber nur drei Argumen- te für die Beibehaltung des Sozialstaates ins Feld führen, bei denen jedoch immer deutlich wird, daß es sich um subjektive Meinungen handelt, denn hier lauten die einleitenden Sätze: „Außerdem sehen die Kritiker...“, „Ferner wird bestritten...“, „Schließlich betonen die Kritiker...“ Die Klärung der Frage nach den Grenzen der Sozialstaatlichkeit wird dann mit einem Appell an die Bürger abgeschlossen, zu erkennen, daß sich soziale Sicherheit zulasten seiner persönlichen Freiheit auswirkt.

Tatsachen werden Meinungen gegenübergestellt, die Vorstellung vom übersättigten Empfänger von Sozialleistungen wird bildlich gemacht, und damit für das Gehirn einpräg- samer, und als Fazit werden Ängste vor einem übermächtigen Staat heraufbeschworen, und dies zugunsten der Befürworter von Kürzungen der Sozialausgaben, also zugunsten derjenigen, die nicht davon profitieren, oder denen durch sie Ausgaben entstehen.

Im Sinne der besitzenden und herrschenden Mittelschicht und der Unternehmer werden so die Schüler sehr unterschwellig und subtil in alle Richtungen beeinflußt. Die Auslesefunktion der Schule macht es notwendig, daß sie gleichzeitig den Glauben an das Leistungsprinzip, Konkurrenzdenken, Unterordnungsbereitschaft und alle anderen Eigenschaften, vermittelt, welche die Menschen mit dem wirtschaftlichen, politischen und sozialen System einer Gesellschaft in Einklang bringen, damit zumindest die Mehrheit der Bevölkerung die resultierenden sozialen Ungleichheiten als gerecht akzeptiert, weil andernfalls die Stabilität des Systems gefährdet wäre.

Daß in Wirklichkeit größere Gruppen unserer Gesellschaft systematisch benachteiligt werden, zeigt sich im nächsten Kapitel.

2.2.2 Bildung, Sozialstruktur und soziale Auslese

Zwischen Veränderungen der Sozialstruktur einer Gesellschaft und ihrem Bildungs- system gibt es verschiedene Zusammenhänge. Das Bildungssystem sorgt in unserer arbeitsteiligen Industriegesellschaft für die soziale Plazierung der Individuen. Damit ist zugleich eine Auslesefunktion verbunden. Von der Höhe des erreichten Bildungsab- schlusses sind sowohl der Zugang zu den verschiedenen sozialen Positionen und Schichten, als auch die Chance oder Gefahr eines sozialen Auf- oder Abstiegs abhängig.

Dabei soll die Schule Chancengleichheit herstellen.40 Den ideologischen Charakter der Chancengleichheit im Bildungssystem offenbart die folgende Tabelle, welche die Entwicklung des Anteils der Studienanfänger an wissenschaftlichen Hochschulen an den Gleichaltrigen der jeweiligen Herkunftsgruppe in Prozent zeigt:41

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Höhe des erreichten Bildungsabschlusses ist bei der Berufswahl von entscheidender Bedeutung. Aus den angeführten Tatsachen wird deutlich, daß die Schule, deren Aufgabe es eigentlich ist, für Chancengleichheit zu sorgen und schichtspezifische Unterschiede auszugleichen, diese in Wirklichkeit aufgreift und als Selektionsmerkmal benutzt. Bestimmte Schichten werden von akademischen Berufen nahezu vollkommen ausgeschlossen. Noch deutlicher wird dies anhand folgender Tabelle, welche die schichtspezifischen Schulbesuchs- und Studierquoten in Prozent zeigt:42

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kinder aus der Mittel-, bzw. Oberschicht haben höhere Bildungschancen, und damit einen besseren Zugang zu Berufsbereichen, die den Kindern aus der Unterschicht zum Großteil verschlossen bleiben. Auch die Bildungsexpansion hat nicht zu einer Entschär- fung dieser Problematik beigetragen, sondern diese eher noch verschärft, denn der Anteil der Kinder aus den Unterschichten, die weiterführende Schulen besuchen, hat sich zwar erhöht, jedoch ist diese Erhöhung geringer ausgefallen, als der Anstieg des Anteils der Kinder aus den Mittelschichten an den weiterführenden Schulen. Es kann also festgestellt werden, daß die Bildungsexpansion zwar mehr Bildungschancen für die benachteiligten gesellschaftlichen Gruppen mit sich gebracht hat, daß aber von Chancengleichheit im Bildungssystem nicht die Rede sein kann.43

2.3 Berufsausbildung und Persönlichkeit

Während der Berufsausbildung wird fortgesetzt, was in der vorberuflichen Sozialisation seinen Anfang genommen hat. Sie ist ein Teil der beruflichen Sozialisation und vermittelt Qualifikationen und Orientierungen, die für die Ausübung eines bestimmten Berufes zwingend erforderlich sind. Durch die Berufsausbildung werden Persönlichkeitsstrukturen erzeugt, die auf eine Identifizierung mit dem Beruf vorbereiten. Die Berufsausbildung wirkt sich durch das Niveau der intellektuellen Anforderungen, die Ausrichtung des Berufs auf personenbezogene oder sachliche Inhalte und die subjektive Bewertung der Arbeits- und Ausbildungssituation auf die Konkretisierung der eigenen sozialen Position, das Verhält- nis zum Beruf, den Aufbau eines entwicklungsfähigen Selbstkonzepts, die Weiterentwick- lung der kognitiven Fähigkeiten und die Konkretisierung der Geschlechterrolle aus. Die Berufsausbildung fördert oder behindert die Bewältigung von alterstypischen Entwick- lungsaufgaben von Jugendlichen aus. Für eine erfolgreiche Bewältigung dieser Aufgaben sind vor allem das Qualifikationsniveau, das sach- und personenbezogene Berufsbild und eine Arbeits- und Ausbildungssituation, die subjektiv als gut empfunden wird, ausschlag- gebend.44

Der Beruf und die Berufsausbildung stellen somit eine Entwicklungs- und Äußerungs- schablone für die subjektiven Fähigkeiten, Orientierungen und Interessen dar.45 Was darunter zu verstehen ist, haben Beck, Brater und Daheim anhand der Berufsausbildung zum Einzelhandelskaufmann gezeigt. Das Berufsbild des Einzelhandelskaufmanns enthält eine detaillierte Auflistung der Inhalt der betrieblichen Ausbildung. An verschiedenen Punkten der Ausbildungsordnung demonstrieren sie den Zusammenhang zwischen fachlichen und persönlichen Qualifikationen. Ein Beispiel dafür ist der Punkt sieben der damaligen Ausbildungsordnung, „Verkaufs- und Beratungsgespräch, Warenvorlage, Wortschatz und Sprechfertigkeit, Verkaufspsychologie, organisatorische Abwicklung des Verkaufsvorgangs“, der folgendermaßen erläutert wird: „Das persönliche Verhalten des Verkäufers, Umgangsformen, äußere Erscheinung, Sprache, Menschenkenntnis, Einfühlungs- und Überzeugungsvermögen, Dienstbereitschaft und Warenkenntnisse als wesentliche Voraussetzungen für den Verkaufserfolg “. Hier fließen direkt Anforderung an die Beschaffenheit der Persönlichkeit eines erfolgreichen Verkäufers in die fachliche Qualifikation mit ein. Es wird deutlich, daß sich fachliche und persönliche Eigenschaften nicht ohne weiteres voneinander trennen lassen, daß bestimmte Berufe besondere persönliche Eigenschaften fordern, die dann auch in die Ausbildungsziele mit einfließen, und so der Berufsausbildung ihren persönlichkeitsformenden Charakter verleihen. Ein Berufsbild enthält auch Angaben darüber, welche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Eigen- schaften ein Berufsinhaber nicht haben muß oder soll. Deutlich wird dies bei den Abstufungen in den Lehrplänen, die von Einsicht bis Fähigkeit gestaffelt sind. Diese Beschränkungen der Ausbildungstiefe setzen eine Beruf in ein Abhängigkeitsverhältnis zu anderen Berufen, die bestimmte Spezialkenntnisse beinhalten, die manchmal benötigt werden, und sie schränken den Berufsinhaber in seinen persönlichen Entwicklungsmög- lichkeiten ein. Auch die Qualifikationsunterschiede zwischen den Berufen werden in diesen Abstufungen deutlich. Ein Beruf, der wenig Qualifikation erfordert, wird im Berufsbild oft Ausdrücke wie Grundlagen, Überblick, oder Grundkenntnisse haben, ein Beruf, der eine höhere Qualifikation erfordert wird häufiger Einsichten und Kenntnisse verlangen. Durch die Verwehrung von Fähigkeiten und Fertigkeiten für Inhaber bestimmter Berufe werden Persönlichkeiten so geformt, daß bestehende Macht- und Abhängigkeits- verhältnisse abgesichert werden.46

3 Zusammenfassung der Ergebnisse

Mit der schicht- und geschlechtsspezifischen Sozialisation in der Familie beginnt ein Prozeß, der die nachfolgende Generation auf das Leben in unserer Gesellschaft vorberei- tet, die sich durch die arbeitsteilige, kapitalistische Produktionsweise kennzeichnet werden kann. Die sozialen Strukturen dieser Gesellschaftsform sind notwendigerweise von Ungleichheiten geprägt, die von Generation zu Generation mit leichten Abwandlungen immer wieder hergestellt werden müssen, um Stabilität zu garantieren. Wie sich gezeigt hat erfolgt die Reproduktion der sozialen Strukturen unter der Zusammenwirkung der Sozialisationsinstanzen Familie, Schule und Berufsausbildung. Dabei sorgt die familiale Sozialisation für die Entstehung von persönlichen Eigenschaften, die dann vom Bildungssystem aufgegriffen und als Selektionsmerkmal eingesetzt werden. In der Berufsausbildung werden die Auszubildenden dann für einen ganz speziellen Beruf sozialisiert, indem ihnen die für den Beruf erforderlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Ein- stellungen vermittelt werden.

Berufswahl ist also weniger eine tatsächliche freie Wahl, sondern eher ein gesell- schaftlicher Zuweisungsprozeß. Durch die Sozialisation in der Familie bilden sich bestimmte Vorlieben bezüglich eines eventuell anzustrebenden Berufes heraus, und es werden bestimmte Muster aus Fähigkeiten und Einstellungen erzeugt, die den weiteren Werdegang entscheidend bestimmen. Die Schule greift diese Persönlichkeitsmuster auf, selektiert sie nach den Erfordernissen der Wirtschaft und des Staates und sorgt durch die Verteilung von Bildungsabschlüssen nach relativ festgelegten Quoten für die Öffnung oder Sperrung von Karrierewegen für ihre Klienten. Das erreichte schulische Qualifikations- niveau bestimmt in erheblichem Maß die zu erreichende berufliche Laufbahn, und damit wiederum für die Stellung des Individuums in der sozialen Hierarchie.

Diese Mechanismen funktionieren dabei dermaßen subtil, daß die Einzelnen trotzdem der Ansicht sein können, sich den Beruf, den sie anstreben, tatsächlich selbst ausgesucht zu haben. Jugendliche, die vor der Berufswahl stehen, müssen ihre Vorlieben, die sie durch ihre Sozialisation erworben haben, an die Bedürfnisse und Erfordernisse des Arbeitsmarktes anpassen und Kompromisse eingehen. Berufsentscheidungen werden durch die Möglichkeiten gesteuert, die sich durch die Höhe des erreichten Bildungsniveaus und die Bedingungen des Arbeitsmarktes eröffnen. Sehr frühzeitig werden dabei viele Berufsbereiche für die Jugendlichen ausgegrenzt, ohne daß dies von ihnen realisiert wird. Dabei tritt etwas auf, das in der Psychologie Verzerrung der Selbstwahrnehmung genannt wird: Jugendliche, die keine Chance sehen einen begehrten Beruf zu erreichen, reagieren darauf indem sie anfangen ihren Wunsch zu negieren und nicht mehr werden wollen, was sie nicht werden können. Jugendliche orientieren sich bei der Formulierung ihrer Berufs- wünsche am Angebot der Ausbildungsplätze und der gesellschaftlichen Chancenstruktur, und ersetzen ihre Traumberufe durch erreichbare Berufe. Hauptschüler und Mädchen müssen dabei aufgrund der für sie besonders eingeschränkten Optionen besonders flexibel sein, das heißt sie müssen eigentlich froh sein, wenn sie überhaupt irgendeinen Ausbildungsplatz bekommen.47

4 Fazit

Unsere Gesellschaft ist von sozialen Ungleichheitsstrukturen geprägt, auf deren Erhaltung sie existentiell angewiesen ist. Dabei reproduzieren sich die einzelnen Schichten trotz des vorhandenen Potentials an sozialer Mobilität zum Großteil immer wieder selbst. Von Chancengleichheit kann dabei kaum eine Rede sein, denn dafür sind die Startbedingung zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zu ungleich. Die Schule, die eigentlich Chancengleichheit herstellen sollte, tut genau das Gegenteil.

Um an diesen Tatsachen etwas zu ändern, müßten die Angehörigen der unteren Schichten extra gefördert werden, oder es müßten für sie, ähnlich wie für Frauen, Quotenregelungen getroffen werden, was ich allerdings für eine utopische Vorstellung halte. Die fortgesetzte Abwertung des Hauptschulabschlusses müßte ebenfalls umgedreht werden, um den Hauptschülern berufliche Perspektiven wieder zu eröffnen. In dieser Arbeit war viel von Unterschicht die Rede. Dabei ist noch erwähnenswert, daß eine gesellschaftliche Gruppe, nämlich die der Ausländer, zum Großteil die Mitglieder der Unterschicht stellt, und daß die deutschen Arbeiter sogar noch über dieser Gruppe in die soziale Hierarchie einzuordnen sind. Die Ausländer sind eine der am stärksten benachteiligten Gruppen in unserer Gesellschaft. Ihr Beispiel offenbart am besten die sozialen Ungerechtigkeiten und die Nichtexistenz von Chancengleichheit in der Bundesrepublik.

5 Literaturhinweise

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Heinz, W.R.: „Berufliche und betriebliche Sozialisation“, in: Hurrelmann, K., Ulich, D. (Hg.): Handbuch der Sozialisationsforschung, Weinheim und Basel, 5. neu ausgest. Auflage, 1998; S. 397-415

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Markefka, Manfred (Hrsg.): „Soziologie der Arbeitswelt 1. Grundbegriffe und Methoden“, Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied und Darmstadt 1976

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Zimbardo, Philip G.: „Psychologie“, 5. Auflage; Springer-Verlag Berlin, Heidelberg, New York, London, Paris, Tokyo, Hong Kong, Barcelona, Budapest; 1992

[...]


1 Vgl.: Zimbardo, 1992; S. 92

2 Statistisches Bundesamt Wiesbaden Ausgabe 1970 zitiert nach Müller/Rausch.; S. 5

3 Heinz, 1998; S. 397

4 Hradil, 1992; S. 152 ff.

5 Krech/Crutchfield u. a., 1992; Bd. 1 S. 66

6 Heinz, 1998; S.398

7 Zimbardo, 1992; S. 73

8 Peuckert, 1991; S. 30

9 Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 8.5.98

10 Peuckert, 1991; S. 30

11 Mühlfeld, 1976; S. 46

12 a.a.O.; S. 56

13 Zimbardo, 1992; S. 59

14 Mühlfeld, 1976; S. 56

15 a.a.O.; S. .57ff

16 a.a.O.; S. 65f.

17 vgl.: Beck, Brater, Daheim, 1980; S. 23-70

18 Geißler, 1992; S. 67-71

19 a.a.O.: S. 231ff.

20 Markefka, 1976; S. 26-28

21 a.a.O.: S.29f.

22 Lange/Büschges, 1975; S. 87

23 siehe Diagramm: „Typische Arbeitsplätze von Frauen nach Berufen in Deutschland“, nach: Bundesanstalt für Arbeit, 1998; S.7

24 Keddi, Sardei, 1991; S.180 f.

25 Bundesanstalt für Arbeit, 1998; S. 6

26 Bundesanstalt für Arbeit, 1998; S.6 f.

27 Beck/Brater/Daheim, 1980; S. 216ff.

28 vgl. Bourdieu, 1996

29 Heinz, 1998; S.412-414

30 a.a.O.: S. 408 f.

31 Heinz, 1976; S.152

32 Tillmann, 1996; S. 105 ff.

33 siehe Art. 131 Verfassung des Freistaates Bayern

34 Tillmann, 1996; S. 109

35 a.a.O.: S. 167

36 a.a.O.: S. 166 f.

37 a.a.O.: S. 169

38 a.a.O.: S. 177 f.

39 Demmel (Hrsg.), 1993; S. 78 f.

40 Geißler, 1992; S. 212

41 Geißler, 1996; S.325

42 a.a.O.: S. 326

43 Geißler, 1992; S. 221-226

44 Heinz, 1998; S. 411

45 Beck, Brater, Daheim, 1980; S. 200

46 a.a.O.: S. 201 ff.

47 Heinz, 1998; S. 409 f.

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Welchen Einfluß haben die vorberuflichen Sozialisationsinstanzen auf die Berufswahl?
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V98570
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welchen, Einfluß, Sozialisationsinstanzen, Berufswahl
Arbeit zitieren
Jürgen Schäfer (Autor), 2000, Welchen Einfluß haben die vorberuflichen Sozialisationsinstanzen auf die Berufswahl?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98570

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