Zeit als Soziales Phänomen


Seminararbeit, 2000

15 Seiten


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1. Einleitung

Der Kinderbuchautor Michael Ende schreibt einmal über die Zeit: „ Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bischen darüber. Diese Geheimnis ist die Zeit...“

Die Wissenschaftler, die sich seit der Antike mit dem Phänomen Zeit auseinandergesetzt haben, entstammen den verschiedensten Disziplinen. Die Beschäftigung und die Einstellung zur Zeit kann man durch fast drei Jahrtausende beobachten. Man kann von Epoche zu Epoche verfolgen, wie sich das Zeitbewußtsein gewandelt hat. Heute ist das Thema Zeit in den unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen immernoch sehr aktuell. Die Wissenschaftsbereiche, in denen das Zeithema gegenwärtig ist reichen von Naturwissenschaften über Humanwissenschaften, Sozial-, Literatur-, Geschichtswissenschaft bis zu Bereichen der Medizin. Im Zentrum der aktuellen Zeitphilosophie steht der Versuch, die unterschiedlichen Zeitkonzepte zueinander in Beziehung zu setzten.

Ein bedeutendes soziologisches Werk über die Zeit, ist von A rmin Nassehi (Die Zeit der Gesellschaft,1993) . Er sieht eine untrennbare Verbindung zwischen dem Phänomen Zeit und der Gesellschaft. Rudolf Wendorff hat mehrere Bücher zu diesem Thema veröffentlicht. Dazu gehört Der Mensch und die Zeit - Ein Essay ( 1988), eine Sammlung von Aufsätzen Im Netz der Zeit (1989) sowie Zeit und Kultur (1980). Von Bernhard Schäfers liegt ein neuerer Beitrag in Zeit in soziologischer Perspektive (1997) vor. Auch der Soziologe Norbert Elias hat sich mit dem Thema Zeit beschäftigt. In anderen Wissenschaftsbereichen ist vor allem Aristoteles ( Antike), Kant (frühe Neuzeit) und Paul Virilio (20. Jahrhundert) als Vertreter der Philosophie zu nennen.

Diese Proseminarsarbeit hat zum Ziel einen Einblick in das umfassende Thema „Zeit als Phänomen des Sozialen“ zu geben.

Um den Umfang des Themas zu verdeutlichen, soll mit Definitionen von Zeit aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen begonnen werden. Ein Überblick über Zeitansichten von der Antike bis zur Neuzeit wird zum Verständnis der folgenden modernen Zeitansichten erwähnt werden. Im Kapitel über die Individualisierung von Zeit soll kurz die Geschichte der Uhr und der sich verändernde Umgang mit Zeit dargestellt werden. Es folgen Beispiele für soziologische Ansätze, sowie ein Beitrag zur Entwicklung der mechanischen hin zur medialen Zeit. Das letzte Kapitel erwähnt die Verbindung von Zeit und Macht.

2. Definitionen von Zeit

In einer allgemeinen Definition wird Zeit als eine Abfolge eines Geschehens beschrieben, die im menschlichen Bewußtsein als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an Entstehen und Vergehen der Dinge erfahren werden. Gegenwart läßt sich als Grenze zwischen noch-nicht Zukunft und nicht-mehr Vergangenheit bestimmen.

Zeit wird in den verschiedenen Lebensaltern des Menschen, unterschiedlich wahrgenommen. Für das Kind vergeht die Zeit eher langsam, für den berufstätigen Erwachsenen vergeht sie schnell, der Rentner und der ältere Mensch besitzt dagegen wieder ein langsameres Zeitverständnis. In der Physik ist Zeit eine nach allen Erfahrungen unbeeinflussbare, jedoch nach der Relativitätstheorie von Albert Einstein, vom Bewegungszustand eines Zeitmessenden Beobachters abhängige Größe mit dem Formelzeichen t. Und wird zur Charakterisierung des Ablaufs aller Ereignisse benutzt.

Nach dem Soziologen Norbert Elias ist Zeit ein für den Menschen kommunizierbares soziales Symbol zur Orientierung im unablässigen Geschehensfluß. Zeit kann auch sozialer Zwang von vielen sein. Sie ist im Prozeß der Zivilisation zum Selbstzwang geworden. Zeit ist ein soziales institutionales Mitttel der Orientierung, ein sogenanntes Ordnungssystem und Ordnungsgeber. Hermann Misowski schuf einen neuen Begriff für die Verbindung von Raum und Zeit. Er sieht diese Verbindung als bloße Schatten und nennt drei Dimensionen des Raums. Die Zeit wird als die 4. Dimension gedeutet. Ein weiterer Soziologe, Armin Nassehi, beschäftigt sich mit den Grenzen von Zeit. Er definiert diese nicht als räumlichen Flächen, sondern als Grenzen der Handlungsfähigkeit. Allgemein verdeutlicht, begrenzt und markiert Zeit das Leben.

Das Leben ist durch eine Kürze an Zeit, der sich der Mensch bewußt ist, gekennzeichnet.

Der Mensch wird deshalb als ein Zeitmangelwesen bezeichnet.1

In der Psychologie wird seit etwa hundert Jahren danach gefragt, was zwischen Vergangenheit und Zukunft den gegenwärtigen Augenblick ausmacht. Man versucht diesen Augenblick zu erfassen oder präziser zu bestimmen. Bei der Betrachtung der sozialen Zeit, zeigt sich, daß es nicht um die physikalische Zeit geht. Denn soziale Zeit ist nicht homogen, nicht kontinuierlich, nicht quantitativ meßbar und nicht beliebig teilbar.2

Zeit als Phänomen, kann je nach wissenschaftlichen Standpunkt nach mathematischen, physikalischen, soziologischen, oder psychologischen Definitionen unterschieden werden. Dies verdeutlicht, daß man sich in fast allen Wissenschaften mit dem Begriff der Zeit beschäftigt.

3. Überblick über Zeitansichten von der Antike bis zur Neuzeit

Von der Antike bis zur Neuzeit haben sich verschiedene Wissenschaftler und Philosophen mit dem Thema Zeit beschäftigt.

In der Antike war es Aristoteles ( 384-321 v. H.) der sich im 4. Buch der Physikvorlesung, mit der Frage beschäftigt, ob Zeit zum Seienden oder Nichtseienden gehöre. Aristoteles weist aber daraufhin, daß Zeit nicht zum Seienden gehören könne, da sie zumindest zum Teil aus Nichtseienden besteht. Folgendes Zitat soll diese Aussage verdeutlichen: „ Das eine Stück der Zeit ist vorbei und ist nicht (mehr), das andere Stück kommt erst und ist noch nicht.“ Die Verbindung zwischen der schon vergangenen Zeit und der erst kommenden Zeit wird als „Jetztpunkt“ bezeichnet.

Der antike Philosoph beschäftigt sich dann mit der Frage ob, der Jetztpunkt, der Vergangenheit und Zukunft ablöst immer der selbe ist, oder ob verschiede Jetztpunkte sich gegenseitig ablösen. Mit Aristoteles wird Zeit in der Antike als ein echtes wissenschaftliches Objekt bezeichnet. Zeit gilt gleichförmig fließend und wird in Form eines teilbaren Kontinuums als Zahlenmaß der Bewegung definiert.3

Das Mittelalter zeigt eine völlig andere Auffassung von Zeit. Das Phänomen Zeit ist religiös geprägt. Vor allem Augustinus Aurelius (354-430 ) , ein aus Nordafrika stammender Kirchenlehrer, prägte mit seinem 11. Buch der Confesiones: Bekenntnisse, die mittelalterliche Auffassung von Zeit. Er läßt die Geschichte der Zeit mit der Schöpfungsgeschichte beginnen. Denn, da es vor der Schöpfung nichts gab, was sich bewegen konnte, konnte es vor der Schöpfung auch keine Zeit geben. Deshalb begreift Augustinus Zeit als eindimensionales Kontinuum, das einen festen Anfang - die Schöpfung - und ein bestimmtes Ziel - das Jüngste Gericht - hat.

Jeder Mensch lebt in einem bestimmten Zeithorizont und nur Gott besitzt Permanenz. Bei Augustinus existieren drei Einteilungen der Zeit: Die Gegenwart von Vergangenheit - die Gegenwart der Gegenwart - die Gegenwart der Zukunft.4

Johannes Kepler ( 1571-1630) sah in der Zeit eine unabhängige Größe. Er grenzt sich von der religiös geprägten Auffassung von Zeit des Mittelalters ab. Er wollte zeigen, daß Zeit nicht wie ein göttliches Wesen ist.

Diese Auffassung wird von Sir Isaac Newton (1643-1727) fortgeführt. Er erteilt der Zeit eine „mathematisch, wissenschaftliche Absolution“, denn Zeit wird absolut und mathematisch. Sie verfließt ihrer Natur nach gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand.

Die mechanische Uhr verhalf die natürliche Zeit von menschlichen Ereignissen abzulösen. Sie schuf eine Welt mit mathematisch meßbaren Sequenzen.5

Immanuel Kant (1724-1804) liefert einen weiteren philosophischen Ansatz für das Thema Zeit. Er definiert Zeit nicht als einen empirischen Begriff, der von einer Erfahrung abgezogen werden kann. Zeit ist auch nicht nur ein reiner Verstandesbegriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung des inneren Sinnes. Kant teilt Raum und Zeit ein. Raum ist die Form der äußeren Anschauung, während Zeit die reine Form der inneren Anschauung, aber auch der äußeren Wirklichkeit ist.

Der Zeit wird von Kant eine objektive Relation zugesprochen. Sie ist das Verhältnis der Vorstellungen in unserem inneren Zustand. In seiner Theorie der transzendentalen Analytik unterscheidet Kant drei Modi der Zeit. Diese sollen hier nur kurz erwähnt werden:

1. Beharrlichkeit - 2. Folge - 3. Zugleichsein.

Kant schreibt der Zeit eine Doppelfunktion zu: Die Welt existiert als ein geordneter Kosmos und das Bewußtsein der Menschen unterliegt einer formalen Ordnung. Kant spricht vom „stehenden und bleibenden Ich “, welches nicht durch seine Temporalität, sondern durch seine Beharrlichkeit geprägt ist. Aus diesen Überlegungen zur Zeit, folgert Kant, daß nicht das Ich zeitlich ist, sondern das die Zeit nichts anderes ist als die Form der sinnlichen Anschauung.6

Der zeitgenössische französiche Philosoph Paul Virilio stellt in seinem Werk „ Der Nihilismus der Geschwindigkeit“ eine weitere These zur Einteilung von Raum und Zeit vor. Er behauptet, daß ständige Beschleunigung zum Verschwinden der modernen Welt führt und entwirft das „Konzept der Leere“. Virilio teilt als erstes die Geschindigkeit, den Raum und die Zeit in verschiedene Zeitlater ein. Die vorindustrielle Geschwindigkeit wird als eine natürliche oder metabolische Geschwindigkeit bezeichnet. Beispiele hierfür sind Schrittgeschwindigkeit, Reiten, oder Nutzen von Wind. Der Raum ist ein geographischer Raum, die Distanz ist vorherrschend. Demnach bezeichnet Virilio Zeit als eine historische und extensive Zeit.

Die Zeit ist eine Ereignisszeit, die sich an Jahreszeiten, Lebenszeit, Landwirtschaft, Feiertagen o.ä. orientiert. Diesen Definitionen von Geschwindigkeit, Raum und Zeit wird das Zeitalter der Bremswirkung zugeschrieben. Paul Virilio folgert weiter, daß es notwendigerweise zur Bildung einer Dromokratie kommen mußte. Virilio, der als Schöpfer der Dromologie (dromos = griechisch Lauf, Bewegung) gilt, versteht unter Dromokratie die Verbindung von Macht und Gewschindigkeit. Im Unterschied zum Zeitalter der Bremswirkung, in dem Beschleunigung unter starker Reglementierung stand und nicht breit zugänglich war, kann sich nun eine größere Macht mit steter Beschleunigung verbinden.

Dies hat Auswirkungen auf Militär, Handel, soziales Leben, Gesellschaft.

Die folge der Dromokratie ist das Zeitalter der Beschleunigung.

Die Geschwindigkeit ist nun eine technologische Geschwindigkeit, anfangs durch Dampfmaschinen (z.B. Eisenbahn) dominiert. Der Raum ist ein Geschwindigkeitsraum, die Entfernungen schwinden. Zeit ist in diesem Zeitalter dominierend, den Lebenslauf bestimmend.7

4. Individualisierung von Zeit

Der Mensch hatte schon immer das Bedürfnis nach Zeitmessung. Er wollte das Wesen der Zeit messen, ordnen und zähmen. Grundlage für ihre Erfassung ist die Atronomie ( die Himmelskunde). Bei den Mayas beginnt die Zeitrechnung schon im 4. Jahrtausend v.H. in Ägypten sind bereits im 5. Jahrtausend v.H. Kalender vorhanden. 585 v. H. war das Wissen über die Zeitrechnung schon so präzise, daß Thales von Milet angeblich eine Sonnenfinsternis vorhersagen konnte. Ab 1200 unserer Zeit orientieren sich die Menschen an Zeit - Kirchenuhren.8 Schon um 1270 wurde von einem Visitator des Dominikanerordens das zuverlässige und genaue Laufen der Uhren in den Klöstern gefordert („verax et certum“).

1365 ließ der Papst Urban V. in Avignon und der französische König 1377 vom Hofuhrmacher tragbare Uhren anfertigen. Um 1500 erscheinen die ersten Taschenuhren. Sie waren sehr kleine und vollkommene am Körper zutragende Uhren mit einer erstaunlichen Gangdauer von 40 Stunden, vom Nürnberger Meister Peter Hemlein gebaut. Der Begriff der öffentlichen Uhr wird schon 1353 von Petrarca als Beschreibung einer Neuerung der eigenen Zeit gebraucht. Die Bezeichnung „öffentliche Uhr“ ist allerdings bis ins 15. Jahrhundert selten. Nur eine Uhr sollte als öffnetlich bezeichnet werden, die die Sequenz der Stunden des Volltages akustisch oder optisch widergibt. Eine der ersten öffentlichen Uhren war in 1307 in Italien in Form einer Rathausuhr zu finden. Nach dem 1. Weltkrieg gab es Uhren für jeden.

Karl Marx bezeichnet die Uhr als den ersten, zu praktischen Zwecken angewandten Automaten. An diesem Automaten, sind nach Marx Theorien der Produktion gleichmäßiger Bewegung entwickelt worden. Zeit ist für Marx Arbeitszeit und er folgert: „Wirkliche Ersparung - Ökonomie ist gleich Ersparung von Arbeitszeit entspricht Entwicklung von Produktivkraft.“9 Dieser Gedanke wird im 20. Jahrhundert von Henry Ford weitergeführt. Er entwickelt aus der Idee des Taylorismus das Fließband. Zusammen mit Friedrich Engels schildert Marx die konfliktreiche Durchsetzung der industriellen Zeitdisziplin, vor allem am Beispiel Englands.10

Ab 1920 wurde die „Nicht-Arbeitszeit“ als „Freizeit“ benannt und zeigt so ein neues Verständnis von Zeit allgemein, oder Lebenszeit im Speziellen. Unsere heutige moderne Gesellschaft ist hochkomplex und arbeitsteilig und deshalb in viele Zeiten aufgeteilt. Bezeichnungen wie Arbeitszeit, Freizeit, Urlaubszeit,..., zeugen davon. Heute hat der Mensch soviel Freizeit wie nur vergleichbar mit dem Mittelalter (viele kirchliche Feiertage).Dennoch haben wir immer das Gefühl in Zeitnot zu sein. Es besteht ein ständiger Wunsch nach mehr Eigenzeit.

Zeitarbeit ist deshalb ein sehr aktuelles und neues soziales Phänomen. Zeitarbeit setzt ein zyklisches Zeitverständnis des Einzelnen vorraus. Zeitarbeiter werden als sogenannte Zeitpioniere bezeichnet, die durch den Wunsch nach mehr Eigenzeit bestimmt werden. Sie arbeiten freiwillig kürzer für mehr Freizeit. Es gilt nicht mehr „time is money“ (Benjamin Franklin1706-1790), sondern Wohlstand ist Zeitwohlstand.11

5. Soziologische Ansätze

Es gibt mindestens drei Zugänge zur näheren Betrachtung mit dem Zeitbegriff in der Soziologie.

1. Den sozial- bzw. zivilisationsgeschichtlichen Ansatz
2. Seit den 70er Jahren, Beschäftigung mit phänomenologischen Interpretationen von Handeln und Bewußtsein. Man konzentriert sich auf Phänomene des Alltagshandelns
3. Empirische Forschungsrichtung. Zeitbewußtseinsstudien nach kultur-, alters-, und geschlechtsspezifischen Kriterien.12

Ein Beispiel für den zweiten Ansatz ist, daß soziale Handeln. Soziales Handeln ist immer an Zeit und Zeitstrukturen gebunden. Das heißt, soziales Handeln wird von vorrausgegangenen Ereignissen bewirkt. Vorrausetzung ist also eine Vergegenwärtigung von Zukunft. Synchronisation von Zeit und Zeitbewußtsein des Handelnden ist Vorraussetzung für Interaktionen.13

Das Zeitverständnis nach Ottheim Rammstedt unterscheidet vier grundsätzliche Formen des Zeitverständnisses und -bewußtseins:

1. das occasionelle Zeitverständnis: Zeit ist die erlebte Abfolge von nichtkontinuierlichen Ereignissen ( in archaischen Gesellschaften)
2. das zyklische Zeitverständnis: Die Welt unterliegt dem Weltgesetz (Zyklus) des Werdens und Vergehens
3. das lineare Zeitverständnis mit festgelegter Zukunft: Erfahren von Bewegung als irreversibler, progressiver Ablauf auf ein letztes Zeil, Endzweck
4. das lineare Zeitverständnis mit offener Zukunft: Erfahren von Bewegungen als unterschiedlich schnellen Ablauf (in hochkomplexen, indutriellen Gesellschaften)14

Der Ungar Erdös hat 1934 eine Vergangenheits-, eine Gegenwarts- und eine Zukunftstheorie gegründet. Neben vielen anderen Zeittypen ist die Einteilung der Menschen in Zeittypen von Harriet Man in Anlehnung von C.G. Jung bemerkenswert:

1. Bezug auf die Gegenwart enspricht dem Gefühlstyp.
2. Bezug auf die Zeitlinie enspricht dem Denktyp
3. Bezug auf die Gegenwart entspricht einem Empfindungstyp
4. Bezug auf die Zukunft entspricht dem intuitiven Typ.15

Es ist jedoch bei dieser Einteilung wahrscheinlich, daß man nicht nur einem Zeittyp angehört, sondern eine Kombination Verschiedener ist.

6. Mechanische und mediale Zeit

Seit dem 80er Jahren sind die Strukturen von Kommunikation und Information, aufgrund neuer Technologien radikal umgestaltet worden ( ISDN,PC, Internet, eMAil). Diese Umgestaltung hat eine große Bedeutung für ein neues Zeiterleben und Zeitbewußtsein der Menschen. Götz Grossklaus nennt sie die informationelle Revolution. Er ist der Meinung, daß Phänomene der Beschleunigung der „medialen Transformation“, Auswirkung auf Zeitbewußtsein und und Handlungsstrukturen der Menschen haben. Für die Soziologie ist dies ein schwieriges Thema, da mediale Transformationen ( z.B. eMail) empirisch nicht leicht erfassbar sind. Denn Raum und Zeit können jetzt beliebig übersprungen werden und es bildet sich eine Art vitrueller Raum (wie beispielsweise beim Chatten).16 Dennoch ist hier ein interessantes neues Feld für soziologische Forschung zu finden, um die Veränderungen im Verhalten der Menschen durch neue Medien und Technologien wie Internet, eMails und Chattrooms zu untersuchen.

Der französische Philosoph Henri Bergson (1859-1914) wandte sich gegen eine Zerstückelung und Verkümmerung der Zeit. Bergson stellte zwei Zeitbegriffe gegeneinander, die er als temps und dure é bezeichnet.

Unter temps versteht er die abstrakte und verräumlichte gleichmäßig gegliederte meßbare Zeit der Uhren. Diese Zeit besteht aus einer Summe statischer Momente. Die wahre Zeit ist für Bergson die dure é. Bergson bezeichnet sie als ständig und lebendig im menschlichen Bewußtsein strömend. Die homogene, äußerlich meßbare Uhrzeit ist für Bergson eine von allen Inhalten ablösbare Form und damit die „nicht eigentliche Zeit“. Sie ist Ausdruck einer Verwechslung der Zeit mit dem Raum.

Mit den Bezeichnungen temps m é chanique und temps v é cu nimmt Bergson eine weitere Unterscheidung vor. Temps m é chanique ist die mechanische Zeit. Sie ist demnach objektiv gemessen und stellt die äußere Zeit dar. Die temps v é cu ist die gelebte Zeit. Sie ist subjektiv und entspricht der inneren Zeit.17 Zwischen diesen beiden Einteilungen liegt ein breites Spektrum von verschiedenen Zeitkonzepten. In den modernen Industriegesellschaften herrscht eine große Diffenrenz zwischen innerer und äußerer Zeit. Diese Differenz wird durch die informationelle Revolution noch verstärkt.

7. Zeit und Macht

In allen sozialen Beziehungen, in denen es um Dominanz, Macht und Herrschaft, Beibehaltung alter oder neuer sozialer Hierarchien geht, spielt die Ressource Zeit eine wichtige Rolle. Zu den ursprünglichsten Herrschaftsmitteln gehört über die Zeit anderer verfügen zu können. Beispiele hierfür sind die soziale Regulierung durch den Kalender, oder über die Arbeitszeit anderer verfügen zu können, sowie das Bestimmen von Zeitpunkten bei Entscheidungen. Wieviel Zeit man wem zur Verfügung stellt ist eine Prestige- und Rangfrage.18

Ein weiteres Beispiel ist die Gefängnisstrafe. Sie ist eine Zeitgefangenschaft, bei der Macht über die Lebenszeit des Inhaftierten ausgeübt wird. Das Problem hier ist nun nicht mehr ein Mangel an Zeit, sondern ein Überfluß an leerer Zeit. Besonders deutlich zeigt sich dies am Beispiel des südafrikanischen Politikers Nelson Mandela. Er wurde 1964 als Führer des African National Council (ANC) zu lebenslanger Haft verurteilt und erst im Februar 1990 entlassen. Eine lange Zeit seiner Haftstrafe saß er in verschärften Einzelhaft ab. In seiner Einzelzelle hatte er weder ein Fenster, noch hatte er eine Uhr zur verfügung. Gespräche mit anderen Häftlingen waren unmöglich.

Bei Paul Virlio zeigt sich im Zeitalter der Bremswirkung die Auswirkungen von Macht über die Zeit. Beschleunigung war nur der Elite vorbehalten. Es herrschte eine Reglementierung der Geschwindigkeit und damit der Zeit.

8. Zusammenfassung

Das Thema Zeit zeigt sich als ein sehr breites Spektrum. Je nach Zeitalter oder Epoche, wissenschaftlicher Disziplin stellen sich uns verschiedenen Ansätze und Theorien der Zeit vor.

In der Antike war es Aristoteles, der einen Grundstein für die wissenschaftliche Betrachtung des Phänomen Zeit legte. An diese Tradition konnte erst nach der Renaissance mit Kepler und Newton angeknüpft werden. Zunächst der Kalender, dann die Uhr waren es, die auch dem „einfachen“ Menschen und auch im Alltag zu gebrauchen. Die Einführung der Uhr für jedermann, hatte Auswirkungen gleich einer Revolution. Der Tag wurde in feste Einheiten eingeteilt. In der Industrialisierung wurden Eisenbahnfahrpläne der Minute nach angepaßt und die Arbeitszeit wurde durch die Zeit genau begrenzt.

Heute beschäftigt sich die Soziologie mit dem sozialen Aspekt der Zeit.

Untersucht wird, z.B. das Freizeitverhalten der Menschen, sowie aktuelle Phänomene wie die Zeitarbeit, die ein neues Verständnis im Umgang mit Zeit vorraussetzen. Die Veränderung des Zeitempfindens durch neue Medien, sowie die Auswirkungen von Zeit und Macht sind ebenfalls Themen.

Zeitprobleme scheinen heute zum modernen Leben dazuzugehören.

Ein Zitat von Kurt Weiss betont noch einmal die große Bedeutung der Zeit auf das Leben der Menschen:

„ Der Mensch ist Schöpfer und Opfer seiner Vorstellungen von Zeit.“

9. Literaturverzeichnis

Breuer, Stefan: Die Gesellschaft des Verschwindens. Von der Selbstzerstörung der technischen Zivilisation, Hamburg 1993.

Brose,H.G. u.a: Soziale Zeit und Biographie, Darmstadt 1993.

Dohrn-van Rossum, Gerhard: Die Geschichte der Stunde, München 1995.

Elias, Norbert: Über die Zeit, Frankfurt a./M.,1989.

Nassehi, Armin: Die Zeit der Gesellschaft, Opladen 1993.

Schäfers, Bernhard (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie, 6. Auflage, Opladen 2000.

Ders. : Zeit in soziologischer Perspektive. In: Ehlert, Trude (Hg.): Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrungen, Zeitmessung, Stationen ihers Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne, Paderborn u.a. 1997.

Wendorff, Rudolf: Zeit und Kultur. Geschichte des Zeitbewußtseins in Europa, 2. Auflage, Gütersloh 1980.

Ders. : Der Mensch und die Zeit. Ein Essay, Opladen 1988.

Ders.: Im Netz der Zeit. Menschliches Zeiterleben - interdisziplinär, Stuttgart 1989.

www.phaenomen.de

[...]


1 Brose, H.G.; Mohlrab, M.; Corsten, M.: Soziale Zeit und Biographie, S. 18.

2 Wendorff, Rudolf: Zeit und Kultur, S. 456.

3 Nassehi, Armin: Die Zeit der Gesellschaft, S. 19-24.

4 www. Phaenomen.de

5 www.phaenomen.de

6 Nassehi, Armin: Die Zeit der Gesellschaft, S. 29-35.

7 Breuer, Stefan: Die Gesellschaft des Verschwindens, S. 131-156.

8 www.phaenomen.de

9 Dorhn-van Rossum, Gerhard: Die Geschichte der Stunde, S. 124 / 125 und 318.

10 Ebd., S.18.

11 Schäfers, Bernhard (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie, S. 441-444.

12 Trude, Ehlert (Hg.): Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrungen, Zeitmessung, S.144-154

13 Schäfers, Bernhard (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie, S. 441/442.

14 Schäfers, Bernhard (Hg.): Grundbergiffe der Soziologie, S. 442.

15 Wendorff, Rudolf: Zeit und Kultur, S. 444.

16 Schäfers, Bernhard (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie, S. 442.

17 Wendorff, Rudolf: Zeit und Kultur, S. 602 -615.

18 Ehlert, Trude (Hg.): Zeit in soziologischer Perspektive, S. 142 -154.

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Zeit als Soziales Phänomen
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V98575
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359 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeit, Soziales, Phänomen
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Tanja Beinhorn (Autor), 2000, Zeit als Soziales Phänomen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98575

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