Kirchenmusik im Dritten Reich. Julio Goslar als rassisch verfolgter Kirchenmusiker während der NS-Zeit


Bachelorarbeit, 2019

40 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Kirchen(musik) im Dritten Reich

3 Der Fall Julio Goslar
3.1 Der Versuch der kircheninternen Eliminierung Goslars
3.1.1 Vorläufige Beurlaubung
3.1.2 Kompetenzstreit zwischen Kirche und Reichsmusikkammer
3.1.3 Die kirchliche Arbeitserlaubnis und ihre Folgen
3.1.4 Gutachten des Evangelischen Oberkirchenrates
3.2 Die öffentliche Beschädigung
3.2.1 Rufmord
3.2.2 Bekenntnispresbyterium schaltet Gestapo ein
3.2.3 "Jud bleibt Jud!"
3.3 Berufsverbot
3.3.1 Von der Orgelbank und die Zwangsarbeit
3.3.2 Hilfsaktion scheitert an Bekenntnispresbyterium
3.4 Überleben im Untergrund
3.5 Nach der NS-Zeit
3.5.1 Die erzwungene Wiedereinsetzung und Goslars Lebensabend

4 Die Musik Julio Goslars

5 Fazit

6 Literatur- und Quellenverzeichnis
6.1 Literatur
6.2 Quellen

1 Einleitung

„Jud bleibt Jud, selbst wenn man ihn täglich erneut taufen würde“1 hieß es in einem Artikel des „Stürmers“. Er bezieht sich auf einen der beiden „Volljuden“2, die in evangelischen Kirchen des Dritten Reiches die Orgel spielten.

Auch die evangelische Kirchenmusik fiel nach der Machtergreifung Hitlers 1933 der Gleichschaltung zum Opfer. So wurde die Reichsmusikkammer (RMK) als eine von sieben Einzelkammern der Reichskulturkammer (RKK) zugeordnet. Für die kirchlichen Belange war Oskar Söhngen (1900-1983)3 zuständig. Er war von 1932 an Referent für Kirchenmusik und kirchliche Kunst beim Berliner Evangelischen Oberkirchenrat (EOK) und somit an allen Prozessen maßgeblich beteiligt. Er sorgte unter anderem auch dafür, dass jeder evangelische Kirchenmusiker der Kontrolle des Staates unterlag. Dies bedeutete auch, dass alle jüdisch-christlichen Kirchenmusiker nun der Willkür des Staates ausgesetzt waren.4 Wie diese Willkür aussah und in welchem gesetzlichen Rahmen die Eingriffe in das kirchliche Leben stattfanden, soll in dieser Arbeit anhand des Organisten Julio Goslar aus Köln-Nippes erläutert werden.

Die Forschung, die unter anderem auch durch Kirchenmusiker vorangetrieben wurde, strickte „nach 1945 erfolgreich an der Legende vom Widerstand5 der Kirchenmusik gegen die faschistische Vereinnahmung“6. Den Umbruch der Forschung und eine radikale Richtungsänderung brachte sehr früh auch Hans Prolingheuer in Gang, der den bis zum Anfang der 1980-er Jahre unbekannten „Fall Julio Goslar“ der Musikwelt das erste Mal präsentierte.

Im März 1981 bat der Vorsitzende des Presbyteriums Köln-Nippes den Religionspädagogen und Kirchenhistoriker Hans Prolingheuer darum, einen Vortrag im Rahmen der Festwoche zum 100jährigen Bestehen der Gemeinde Nippes zu halten.

Hierzu wurde ihm der Zutritt zum Archiv der Gemeinde gewährt, wo er zunächst keine Personalakte Goslars fand.7 Er fand allerdings in den Akten seiner Nachfolger Hinweise auf den nichtarischen Organisten. Weitere systematische Recherchen in anderen Archiven brachten nun den bisher unbekannten Fall Goslar zu Tage. Prolingheuer stellte seine ersten Forschungsergebnisse erstmalig in dem o. g. Vortrag „Die Gemeinde Nippes und die Judenfrage“ am 30. Juni 1981 vor. Diese Recherchen zerstörten das dato herrschende Bild über die Kirchenmusik im Dritten Reich.8

Mit seinen Recherchen und Ergebnissen, die er später in mehreren Beiträgen veröffentlichte, hat Hans Prolingheuer auch maßgeblich zur Forschung zum Thema der „Entjudung der evangelischen Kirchenmusik im Dritten Reich“ beigetragen. Er veröffentlichte immer wieder neue Erkenntnisse, die verschiedene Tendenzen aufwiesen. Er setzte sich sehr genau mit der Quellenlage auseinander9, betrachtete aber auch die Spannungen zwischen der evangelischen Kirche, hier besonders die Kirchenmusik, und dem Nationalsozialismus.10 Die Quellenlage speziell zum Fall Goslar kann als sehr gut beschrieben werden. Desweiteren berichtet er von seiner persönlichen Auseinandersetzung mit Oskar Söhngen, dessen Kirchengeschichte er massiv widersprach und seine Thesen mit belastbaren archivalischen Quellen widerlegte, wodurch praktisch die gesamte Geschichte der evangelischen Kirche der Nachkriegszeit umgeschrieben werden musste. Die zugegebenermaßen provokant formulierten aber nachvollziehbaren Thesen Prolingheuers führten im Verlaufe seiner Arbeit sogar zu juristischen Auseinandersetzungen zwischen ihm und Oskar Söhngen.11

Ein weiterer nennenswerter Forscher auf dem Gebiet der „Verstrickungen der evangelischen Kirchenmusik in das judenfeindliche NS-System“ ist Hans Huchzermeyer. Er promovierte 2012 im bemerkenswerten Alter von 83 Jahren mit einer Arbeit, in der er sich mit dem Schicksal des anderen „Volljuden“, Ernst Maschke, als Organist einer evangelischen Kirchengemeinde auseinandersetzte.12

Die ältere Forschung über die gesamte Rolle der Kirchen im Nationalsozialismus ging davon aus, dass die christlichen Kirchen als ein wichtiger gesellschaftlicher Bereich nicht von den Nationalsozialisten gelichgeschaltet werden konnte. Man sah in ihnen ein „Hort des Widerstandes gegen die nationalsozialistische Ideologie“13. Heute liegt der Forschungsschwerpunkt hingegen auf Defiziten des kirchlichen Handelns.14

Zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch die Musikwissenschaft lässt sich, ähnlich wie für andere historische Wissenschaften, sagen, dass sie sich an einer differenzierten Aufarbeitung schwertat. Beispielhaft kann hierfür Hans Engel genannt werden, der 1950 eine Übersichtsarbeit über die „Entwicklung der Musikwissenschaft 1900-1950“ veröffentlichte. Eine weitere Aufarbeitung begann in der deutschen Musikwissenschaft erst Ende der 1970-er15 bzw. Anfang der 1980-er Jahre. Auch hier seien noch einmal die Arbeiten Prolingheuers zur evangelischen Kirchengeschichte erwähnt, die eine Reihe weiterer Untersuchungen nach sich zogen.16

Hans Prolingheuers Veröffentlichungen beschränken sich teilweise nur auf die reine Quellenanalyse. Hier ignoriert er den Gesamtkontext. Dies trifft auch für ein Werk zu, das auch in der vorliegenden Arbeit verwendet wird.17

Aufgabe der vorliegenden Arbeit wird es sein, die Gesamtheit der Auseinandersetzungen zwischen evangelischer Kirche und Staat sowie die genauen Abläufe im Fall Goslar anhand der originalen Dokumente, soweit sie vollständig bekannt sind, zu rekonstruieren.18 Dazu wird zunächst ein Überblick über die Kirchenmusik im Dritten Reich gegeben, bei dem auch kurz auf die Chorarbeit einzugehen sein wird, da Julio Goslars kompositorische Tätigkeit sich, soweit wir heute wissen, auf vierstimmige Chorarrangements beschränkt hat. Anschließend wird die generelle Verfolgung von Kirchenmusikern beleuchtet, die in der genauen Beschreibung und Auswertung des Falles Julio Goslars fortgeführt wird.

2 Die Kirchen(musik) im Dritten Reich

Um den Fall Julio Goslar überhaupt in seiner Form zu erfassen, gilt es zunächst einige grundsätzliche Dinge zur evangelischen Kirche im Nationalsozialismus zu erläutern.

In der für diese Arbeit bedeutenden Zeit kann eine Spaltung der evangelischen Kirche in zwei Flügel erkannt werden. Dabei handelt es sich um die „Bekennende Kirche“ und die „Deutschen Christen“.

Die Deutschen Christen war eine Glaubensbewegung innerhalb der Evangelischen Kirche, die versuchte, sie an die völkischen Naziprinzipien anzupassen. Sie standen für das Deutschtum, den Führer Adolf Hitler und ihre Rasse oder Volk ein. Diese Glaubensbewegung war auch für renommierte Theologen attraktiv.19

Um den Gesamtkontext besser einordnen zu können, muss kurz erläutert werden, woher der Antijudaismus in der Evangelischen Kirche, aber vor allem bei den Deutschen Christen kam. Das Verhältnis zwischen der evangelischen Kirche und dem Judentum war maßgeblich von Friedrich Schleiermacher (1768-1834), zu Lebzeiten einer der bedeutendsten theologischen Autoren, beeinfluss. Er vertrat die These, dass das Christentum zwar in einem besonderen historischen Zusammenhang mit dem Judentum stünde, aber es sich ähnlich wie mit dem Heidentum verhalte. Außerdem sei es reiner Zufall, dass Jesus in das jüdische Volk hineingeboren wurde. Des weiteren sei das Christentum umso reiner, je mehr es vom Jüdischen gereinigt sei.20

Am 5. und 6. September 1933 fand in Berlin die Generalsynode aller Provinzialkirchen der Evangelischen Kirchen der altpreußischen Union statt. Diese Synode wurde später als „Braune Synode“ bekannt, da sie von den sogenannten Braunhemden dominiert wurde. Auf dieser Synode wurde die Einführung des Arierparagraphen in die Kirche beschlossen. Durch diesen Paragraphen wurden alle Pfarrer und Kirchenbeamte mit mindestens einem jüdischen Eltern- oder Großelternteil mit sofortiger Wirkung in den Ruhestand versetzt. Die Mehrheit der Abstimmenden gehörte auf dieser Synode den Deutschen Christen an. Nach diesem Beschluss wurde allerdings so heftiger Protest geübt, dass die Einführung des Arierparagraphen auf die Gesamtdeutsche Kirche nicht mehr zur Abstimmung stand, obwohl dies zunächst geplant war.21

So blieb die Gemeinde Köln-Nippes zunächst von dieser Verordnung weiterhin unberührt.

Aus dem lautstarken Protest heraus formierte sich unter Berliner Pfarrern eine Gruppierung, die in dieser Verordnung eine „elementare Verletzung grundlegender Bekenntnisinhalte der evangelischen Kirche“22 sah und sich zu einem Pfarrernotbund zusammenschloss. Dieser Pfarrernotbund hatte unter der Führung von Martin Niemöller im November 1933 schon mehr als 6000 Mitglieder, was mehr als einem Drittel der gesamten Deutschen evangelischen Pfarrer entsprach.23 Aus dem Pfarrernotbund entwickelte sich später der Gegenflügel zu den Deutschen Christen, die Bekennende Kirche.

Durch die aufflammende Bekennende Kirche sahen sich die Deutschen Christen einer Krise ausgesetzt. Am 13. November 1933 sollte mit 20000 Mitgliedern eine Machtdemonstration der im Sportpalast Berlin stattfinden. Hier wurde die radikale Ausrichtung einiger Deutschen Christen durch Reden offensichtlich und man konnte den „Bruch mit elementaren Inhalten der evangelischen Lehre seit der Reformation“24 beobachten. Durch diese Positionen sahen sich viele gemäßigte Deutsche Christen dazu veranlasst, aus dieser Glaubensrichtung auszutreten. Durch die Krise entfiel die Einführung des Arierparagraphen auf die Gesamtdeutsche evangelische Kirche bis auf Weiteres. In der preußischen Union wurde dieses Gesetz sogar wieder aufgehoben. Auch Hitler war ein Befürworter der Deutschen Christen und wollte durch sie die evangelische Kirche gleichschalten.25

Dieser „Sportpalastskandal“26 27 hatte zwei hier wichtige direkte positive Folgen für den Pfarrernotbund. Zunächst profitierte der Pfarrernotbund von einem großen Mitgliederzuwachs, wodurch sich nun die Bekennende Kirche als Opposition zu den Deutschen Christen formierte. Zweitens wurde durch den starken Mitgliederanstieg der Protest gegen die Deutschen Christen nun direkt und offensiv in die Gemeinden getragen.27

Diese Spaltung der evangelischen Kirche in die Bekennende Kirche und die Deutschen Christen vermochte das nationalsozialistische Regime schon bald zu nutzen.

Auch in der Gemeinde Köln Nippes kann diese Spaltung beobachtet werden. Die Pfarrer der Gemeinde zählten durchweg zur Bekennenden Kirche, während nach den Kirchenwahlen 1933 nun neun der 16 Presbyter den „Deutschen Christen“ angehörig sind. Von diesen neun sind sieben Mitglieder der NSDAP und maßgeblich am Schicksal Julio Goslars beteiligt.28

Von Beginn an war der Nationalsozialismus in Hitlers Weltanschauung judenfeindlich und antisemitisch. Einige Höhepunkte sind an dieser Stelle in Erinnerung zu rufen. Dazu gehören spontane Boykottaktionen jüdischen Mitbürgern gegenüber, die unmittelbar nach der Machtübernahme Hitlers am 1. April 1933 begannen, genauso wie die Nürnberger Rassegesetze vom 15. September 1935, die unter anderem die Eheschließung zwischen Ariern und Juden untersagte. Weiterhin gehören hierhin die Pogrome der „Reichskristallnacht“ vom 8. auf den 9. November 1938, aber auch der systematische Abtransport und Vernichtung von Juden, was im Jahre 1941 begann.

Die Bekennende Kirche verurteilte die „Überhöhung der arischen Rasse“29. Für sie stand dies in einem klaren Widerspruch zu christlichen Grundsätzen. Dasselbe ließ sich im Übrigen auch im gesamten katholischen Episkopat beobachten.

Der Protest der Bekennenden Kirche beschränkte sich allerdings gegen Maßnahmen, die Christen und Pfarrer mit jüdischer Herkunft anfeindeten. Weshalb der Protest so beschränkt war, lässt sich im Rahmen dieser Arbeit nicht klären, aber kurz andeuten. Vermutungen gehen in die Richtung, dass es an der politischen Zurückhaltung der Bekenner lag, zum anderen fehlte es an Einheit im Widerstand. Desweiteren kann man einen Zusammenhang mit der jahrhundertealten religiösen Abwertung des Judentums in Betracht ziehen.30

Da für das NS-Regime die Gleichschaltung der Kirchen durch die erstarkende Gemeinschaft der Bekennenden Kirche in weite Ferne rückte, konzentrierte man sich auch auf weitere Bereiche des öffentlichen Lebens. So zum Beispiel auch auf den Bereich der Kultur, der auch das musikalische Leben miteinschloss.

Für die kulturelle Gleichschaltung gab es drei Hauptmotive:

1) Die kulturpolitischen Gleichschalter sahen die Reste des deutschen Kulturgutes so stark durch den Bolschewismus bedroht, dass sie glaubten, die deutsche Kultur retten zu müssen. Sie sahen sich in hier als die „Retter des Abendlandes“31. Hierbei ging es den Nationalsozialisten auch um die Zerschlagung der in sozialdemokratischer Zeit eingeführte Verbände.
2) Das zweite Motiv, das man inhaltlich auch dem Ersten zuordnen könnte, ist die Bereinigung und Verfolgung des jüdischen Einflusses, wobei hier zwischen einem bolschewistischen oder kapitalistischen Einfluss unterteilt wurde.
3) Das dritte Motiv war die „zentrale hierarchische Angliederung an die NSDAP“32.

Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda wurde am 13. März 1933 gegründet. Es unterstand Joseph Goebbels und war mit Ausnahme von Erziehung und Wissenschaft für die gesamte Kultur zuständig. Für die Gleichschaltung der musikalischen Organisationen fühlte sich zunächst der „Kampfbund für deutsche Kultur“ zuständig. Diese Organisation griff die Idee einer berufsständigen Musikkammer auf, die auch schon im „Allgemeinen Deutschen Musikverein“ diskutiert wurde. Nun allerdings mit nationalen und rassischen Intentionen. Durch die Wirtschaftskrise noch stark geschädigt und von Arbeitslosigkeit betroffen, sehnten sich viele Musiker nach einer solchen Vertretung.33

Auch die Laienchöre befanden sich zu Beginn des Nationalsozialismus in einer eher unklaren Situation.

Der hauptsächlich aus Männerchören bestehende „bürgerliche Deutsche Sängerbund“ sowie der „Deutsche Arbeiter-Sängerbund“ hatten unterschiedliche Meinungen die neue Reichsregierung betreffend. Der Deutsche Sängerbund begrüßte die Machtübernahme, während ihr der Arbeiter-Sängerbund mit Ablehnung gegenüberstand.

Die Bundesleitung des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes sandte im April 1933 einen Appell an die deutschen Landesregierungen und berichtete über „die sich häufenden Nachrichten über Störungen des Chorbetriebs durch Auflösung, Beschlagnahme, Entzug von Räumen und Dirigenten“34. Um einem Verbot der Arbeiterchöre zuvor zu kommen, löste sich die Leitung des Verbandes der Deutschen Arbeitersängerbewegung am 25. Mai 1933 selbst auf. Die bedrohtesten Chöre waren somit die kulturell wichtigen Chöre des Arbeiter-Sängerbundes. Diese Chöre waren dafür bekannt, dass sie ein weitaus höheres musikalisches Niveau hatten, als die Chöre des bürgerlichen Deutschen Sängerbundes. Am 20. Juni 1933 ergeht der Erlass an die Landesregierungen, dass zwischen den zuständigen Stellen der NSDAP und dem Deutschen Arbeiter-Sängerbund erfolgsversprechende Verhandlungen geführt worden seien, welche die vom künstlerich- kulturellen Standpunkt aus wünschenswerte Erhaltung des D.A.S. zum Ziel hätten. Für die Gleichschaltung des Bundes solle dem Direktor der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik in Berlin, Herrn Prof. Dr. Fritz Stein, Generalvollmacht erteilt werden. Die Landesregierungen werden daher gebeten, von Maßnahmen (Auflösungen) gegen Vereine des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes abzusehen.35

Diesem Erlass wurde von den Landesregierungen kaum Beachtung geschenkt. Nachdem der Vorsitzende des bürgerlichen Deutschen Sängerbundes, Rektor Braun, in einer Art auftrat, als besäße er allein die Generalvollmacht, lösten einige Landesregierungen Arbeiterchöre auf.

Fritz Stein suchte nach diesen Auflösungen nach einer wirkungsvolleren Vollmacht. Er wandte sich hierfür zunächst an das neu gegründete Propaganda-Ministerium. Noch vor der Entscheidung des Ministeriums trat er mit einer Organisation, dem Reichsbund für „Volkstum und Heimat“, in Kontakt. Der Reichsbund bezeichnete sich selbst als „einzig zugelassene bestätigte Organisation für das gesamte Gebiet der Volkskultur“36 und berief sich dabei auf Rudolf Hess.

Steins Bemühungen wurden allerdings recht plötzlich durch den „Kampfbund für deutsche Kultur“ gestoppt. Da Stein der Leiter der Reichsabteilung Musik des Kampfbundes war, fühlte sich dieser von Stein hintergangen. Der Kampfbund sah die Zuständigkeit für alle kulturellen Fragen bei sich selbst.

Fritz Stein wurde nach der Neugründung der Reichsmusikkammer37 Leiter des Reichsverbandes für Chorwesen und Volksmusik38. Äußerlich war er damit aufgestiegen und man könnte dies als Erfolg werten. Es war allerdings so, dass er mit seinen anfänglichen Gleichschaltungsplänen, also der Gleichschaltung der künstlerisch hochwertigen Arbeiterchöre, gescheitert ist. Die Arbeitergesangsbewegung kam 1933 zum Erliegen.39 Erfolgreicher verlief Steins Plan allerdings bei der evangelischen Kirchenmusik.

Am 17. und 18. Mai 1933 trafen sich in Berlin führende Vertreter der deutschen Orgelbewegung. Sie veröffentlichten eine Erklärung, in der sie ein Bekenntnis „zu der kultischen Verwurzelung aller Kirchenmusik“40 forderten. Des weiteren stellten sie fest, dass die Arbeit der evangelischen Kirchenmusik Verkündigung, Bekenntnis, Anbetung und Lobpreis sei. In ihrem Mittelpunkt stehe der Choral. Die Vertreter der Orgelbewegung würden es ablehnen, dass eine Kunst als Kirchenmusik dargeboten werden, die im Konzertsaal beheimatet sei.41

Durch diese Erklärung hatte sich der angesehene Thomaskantor Karl Straube an die Spitze der deutschen evangelischen Kirchenmusik gestellt. Im folgenden November wurde ihm die Leitung der Fachschaft „Evangelische Kirchenmusik“ übertragen.

Fritz Stein wurde Anfang Oktober, zusätzlich zu seinem Amt als Leiter des Reichsverbandes für Chorwesen und Volksmusik in der RMK, auch zum Präsidenten des neuen „Reichsverbandes für Evangelische Kirchenmusik“ ernannt. Dem Verband oblag die Vertretung der deutschen evangelischen Kirchenmusik und all ihrer Organe. Dazu gehörten als Untergruppierungen die Verbände evangelischer Kirchenmusiker, evangelischer Kirchenmusiker im Nebenamt, evangelischer Frauenchöre, evangelischer Posaunenchöre als auch der Verband für Orgel- und Glockenwesen an.

Bei der Eröffnung des ersten „Festes der Deutschen Kirchenmusik“ am 7. Oktober 1937, das im Übrigen vom NS-Staat sehr großzügig gefördert wurde, ließ der Musikdezernent der Deutschen Evangelischen Kirche und des Evangelischen Oberkirchenrates, Oberkonsistorialrat Oskar Söhngen, keine zwei Meinungen zu, wie für ihn die Deutsche Evangelische Kirchenmusik auszusehen hat:

„Schließlich aber und nicht zuletzt wendet sich das Fest an das ganze deutsche Volk, dem unsere Liebe gehört. Die deutsch Evangelische Kirchenmusik will sich auf der bevorstehenden Tagung dem Urteil der Öffentlichkeit stellen. Und sie ist der frohen Überzeugung, daß sie dem neuen Deutschland Adolf Hitlers einen wichtigen Dienst zu leisten schuldig und berufen ist. Die deutsche Kirchenmusik steht heute, will’s Gott, an einem neuen Anfang ihrer Geschichte. Und sie ist heute schon in ihren wichtigsten Trägern über den Rahmen einer bloßen gottesdienstlich-liturgischen Gebrauchsmusik hinausgewachsen und strebt jenen Bezirken zu, wo die unverlierbaren geistigen Besitztümer der ganzen deutschen Nation ruhen.“42

[...]


1 Der Stürmer, Jg. 14, Nr. 41, Okt. 1936, S. 8 (Original in: Archiv der Evangelischen Kirche Rheinland (AEKR): 1 OB 008, OA Köln-Nippes, Az. 8, Bd. 2 (1931-1957)).

2 Der andere „Volljude“ war Ernst Maschke. Vgl. Huchzermeyer, Hans: Beiträge zu Leben und Werk des Kirchenmusikers Ernst Maschke, S. 8.

3 Oskar Söhngen studierte Theologie und promovierte 1922 / 1924 zum Dr. phil. sowie zum Lic. theol. Seit 1926 Pfarrer in Köln-Kalk, ab 1932 Referent für Kirchenmusik am EOK Berlin, 1933 politisch bedingter Wartestand, 1935 Dozent für Liturgik an der Berliner Musikhochschule, 1936 Oberkonsistorialrat. Vgl. Huchzermeyer, Hans: Beiträge zu Leben und Werk des Kirchenmusikers Ernst Maschke, S. 5f.

4 Vgl. Huchzermeyer, Hans: Beiträge zu Leben und Werk des Kirchenmusikers Ernst Maschke, S. 5f.

5 Für die Kirchen war es nicht selbstverständlich, dass sie Widerstand hätten leisten müssen, da für sie die Politik keine tragende Rolle spielte. Vgl. Ringshausen, Gerhard: Der Widerstand und die Kirchen, S. 22.

6 Ewert, Sinje: Musik im „Dritten Reich“. Ein Forschungsbericht, S. 220.

7 Nach den Erkenntnissen des Verfassers dieser Arbeit und von Hans Prolingheuer ist die Personalakte Goslars wieder im Archiv der Gemeinde Nippes aufgetaucht und war daher für diese Arbeit einsehbar.

8 Vgl. Prolingheuer, Hans: Ausgetan aus dem Land der Lebendigen, S. 100.

9 Vgl. Prolingheuer, Hans: Die Judenreine deutsche evangelische Kirchenmusik.

10 Vgl. Prolingheuer, Hans: Ausgetan aus dem Land der Lebendigen. Leidensgeschichte unter Kreuz und Hakenkreuz.; Vgl. Prolingheuer, Hans: Kirchenmusik unterm Hakenkreuz.

11 Vgl. Prolingheuer, Hans: Kirchenmusik unterm Hakenkreuz.

12 Vgl. Huchzermeyer, Hans: Beiträge zu Leben und Werk des Kirchenmusikers Ernst Maschke.

13 Strohm, Christoph: Die Kirchen im Dritten Reich, S. 9.

14 Vgl. ebd., S. 8ff.

15 Vgl. Ewert, Sinje: Musik im „Dritten Reich“. Ein Forschungsbericht, S. 222.

16 Vgl. Huchzermeyer, Hans: Beiträge zu Leben und Werk des Kirchenmusikers Ernst Maschke, S. 4f.

17 Vgl. Prolingheuer, Hans: Die Judenreine deutsche evangelische Kirchenmusik.

18 Wesentliche Grundlage dieser Arbeit sind Archivdokumente. Zum Fall Goslar gibt es nur begrenzte Recherchen bislang. Darüber hinaus sind für die historische Kontextualisierung einschlägige Titel aus der Sekundärliteratur verwendet worden.

19 Vgl. Busch, Eberhard: Die protestantische Kirche und Theologie während der Hitlerzeit, S. 42

20 Vgl. ebd., S. 43f.

21 Vgl. Strohm, Christoph: Die Kirchen im Dritten Reich, S. 35.

22 Ebd., S. 36f.

23 Vgl. ebd., S. 37.

24 Ebd., S. 37f.

25 Vgl. ebd., S. 37f.

26 Ebd., S. 38.

27 Vgl. ebd., S. 38f.

28 Vgl. Fußbroich, Helmut: Die Lutherkirche Köln-Nippes, S. 5.

29 Strohm, Christoph: Die Kirchen im Dritten Reich, S. 98.

30 Vgl. ebd., S. 98.

31 Dümling, Albrecht: Die Gleichschaltung der musikalischen Organisationen im NS-Staat, S. 10.

32 Ebd.

33 Vgl. ebd., S. 11. Diese These der Hoffnung nach einer besseren Zukunft vertreten auch andere Forscher, wie zB Pamela Potter. Vgl. Ewert, Sinje: Musik im „Dritten Reich“. Ein Forschungsbericht, S. 195.

34 Dümling, Albrecht: Die Gleichschaltung der musikalischen Organisationen im NS-Staat, S. 13f.

35 Vgl. ebd., S. 15.

36 Ebd.

37 Bereits Richard Wagner hatte 1848 den „Plan einer hierarchisch gegliederten, zentralistisch angelegten Organisation der Künste gehabt, die im Jahre 1933 ins Leben gerufen wurde. Vgl. Ewert, Sinje: Musik im „Dritten Reich“. Ein Forschungsbericht, S. 196.

38 Diese Abteilung der RMK diente zunächst als Kontrollinstrument der Laienmusik und verfolgte die Vorstellung, sie für die Nationalsozialisten als Propagandainstrument nutzen zu können. Laut Helmke Jan Keden habe die Tatsache, dass die Eingliederung in eine Abteilung der RMK praktisch eine Voraussetzung der aktiven Teilnahme am Kulturleben war, zur totalen Kontrolle und Gleichschaltung des Chorwesens geführt. Vgl. Ewert, Sinje: Musik im „Dritten Reich“. Ein Forschungsbericht, S. 197.

39 Vgl. Dümling, Albrecht: Die Gleichschaltung der musikalischen Organisationen im NS-Staat, S. 16.

40 Ebd.

41 Vgl. ebd.

42 Prolingheuer, Hans: Ausgetan aus dem Land der Lebendigen, S. 128f.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Kirchenmusik im Dritten Reich. Julio Goslar als rassisch verfolgter Kirchenmusiker während der NS-Zeit
Autor
Jahr
2019
Seiten
40
Katalognummer
V985880
ISBN (eBook)
9783346346391
ISBN (Buch)
9783346346407
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kirchenmusik, dritten, reich, julio, goslar, kirchenmusiker, ns-zeit
Arbeit zitieren
Tim Sammel (Autor), 2019, Kirchenmusik im Dritten Reich. Julio Goslar als rassisch verfolgter Kirchenmusiker während der NS-Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/985880

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