Die Macht der Landschaftsmalerei in der Romantik

Caspar David Friedrichs Werk "Der einsame Baum"


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Macht im Kontext der Landschaftsmalerei

2. Die Romantik
2.1 Der klassisch-romantische Landschaftsdiskurs

3. Der Einsame Baum
3.1 Objektiver Überblick
3.2 Das Motiv
3.3 Bildfläche und Bildraum
3.4 Figur-Grund-Beziehung
3.5 Die Ästhetik des Erhabenen

4. Resümee

Literaturverzeichnis

Abbildungen

Abbildungsverzeichnis

1. Die Macht im Kontext der Landschaftsmalerei

„Die Macht“, pauschal als Einfluss definiert, wird in erster Linie wohl mit einflussreichen Personen der Politik in Verbindung gesetzt.1 2

Im Kontext dieser Arbeit ist das Subjekt der Einflussnahme jedoch die Landschaftsmalerei, welche einerseits auf die Gattung der Malerei und andererseits auf den Betrachter Einfluss nimmt.

Als ich das Gemälde Der einsame Baum (Abb. 1) von Caspar David Friedrich vor ein paar Jahren zum ersten Mal betrachtet habe, ist es zu einem meiner Favoriten dieses romantischen Künstlers geworden. Mein Blick wurde von dem riesigen Baum förmlich in den Bann gezogen. Diese Eiche, die so verloren und separiert auf der großen Wiese zu stehen scheint, dominiert gleichzeitig das gesamte Bild einschließlich der großen Berge im Hintergrund. Der Schäfer, der auf den ersten Blick kaum zu erkennen ist, geht eine scheinhafte Synthese mit ihr ein, indem er gegen den robusten Stamm der Eiche gelehnt ist, deren individuelle, authentisch krumme Silhouette bis hoch in den Himmel ragt.

Solch eine erste Assoziation im Betrachter, in diesem Falle mir, zu erzielen, bedeutet eine gewisse Macht zu besitzen. Das Landschaftsgemälde weckt Emotionen und beeinflusst ergo das Innere des Subjekts.

Diese Arbeit widmet sich der Frage: Inwiefern verhilft der deutsche Künstler Caspar David Friedrich der Landschaftsmalerei zur Zeit der Romantik zu einer größeren Bedeutung?

Zu Beginn wird dafür die Epoche der Romantik und der klassisch-romantische Landschaftsdiskurs thematisiert, um kunsthistorischen und kunsttheoretischen Hintergrund zu vermitteln und dadurch einen groben Überblick zu konstituieren. Der Schwerpunkt liegt auf Friedrichs berühmtem Werk Der einsame Baum. In einer Bildanalyse werden Aspekte des Motivs, des Bildraums, der Bildfläche, der Figur-Grund-Beziehung und der Ästhetik des Erhabenen analysiert, um anhand dessen aufzuzeigen, inwiefern sich der Künstler profitabel für die Gattung der Landschaftsmalerei erweist. Es werden weitere Gemälde Friedrichs mit einbezogen, um einen breiteren Rahmen für die Analyse zu schaffen.

Die herangezogenen Forschungsquellen behandeln einerseits die Gattung der Landschaftsmalerei und andererseits Friedrich als monografischen Fokus. Der kunsttheoretische Hintergrund konzentriert sich auf den Aufsatz „Zur Vorgeschichte des klassisch-romantischen Landschaftsdiskurses“3 von Élisabeth Décul- tot, einer zeitgenössischen französischen Kunsthistorikerin. Sie thematisiert darin die Entwicklung der Diskussion von Philosophen und Kunsttheoretikern vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in das 19. Jahrhundert über die Bedeutung der Landschaftsmalerei als Gattung.

Andererseits beschäftigt sich die Arbeit mit Quellen zu Friedrich, um im Kontext des Forschungsinteresses die Verbindung zwischen Künstler und Gattung zu knüpfen. Für diesen Zusammenhang wird primär Werner Hofmanns Monografie „Caspar David Friedrich“4 herangezogen.

Aus demselben Grund ist die Forschungsfrage entstanden. Die Autoren, die sich mit dem Künstler befassen, sprechen den Einfluss Friedrichs auf die Gattung der Landschaftsmalerei zwar an, dies aber in einem allgemeineren Umfang. In dieser Arbeit soll, konzentriert auf ein paar Werke Friedrichs, näher auf diesen Aspekt der Forschung eingegangen werden.

2. Die Romantik

Die Romantik ist eine Ära, die nicht nur den Beginn der klassischen Moderne bedeutet, sondern auch eine neue Form der Landschaftsmalerei mit sich bringt. Sie ist als kunsthistorische Epoche von circa 1790 bis 1840 anzusiedeln.

Novalis, ein Lyriker, der selbst zur Zeit der Romantik lebt, beschreibt sie treffend: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“.5

Zusammengefasst kann Sie als eine Epoche beschrieben werden, in der viel Wert auf die subjektive Wahrnehmung gelegt wird und in der es den Künstlern oft darum geht, individuelle Empfindungen und Gefühle innerhalb der Kunst wiederzugeben.

Ende des 18. Jahrhunderts beginnt nicht nur die französische Revolution, sondern auch die Industrialisierung in Europa. In Deutschland entwickelt sich eine Nationalbewegung, die sich gegen Napoleon stellt, während sich der Agrarstaat zunehmend in einen Industriestaat umwandelt.

Als Reaktion auf diese, als oft negativ empfundenen, historischen Veränderungen wenden sich viele Künstler vermehrt der Natur zu und sehen in ihr einen Idealzustand der Ursprünglichkeit. Die Landschaftsmalerei gewinnt dementsprechend, bereits durch die Quantität des verwendeten Motivs, an Bedeutung.

Eine grundlegende Veränderung in dieser Malerei ist die Darstellungsweise der Landschaft. Sie entspricht nicht mehr einer reinen Nachahmung der Natur. Der deutsche Kunsthistoriker Nils Büttner, thematisiert in seiner Monografie zur Landschaftsmalerei genau diesen Aspekt:

Für Caspar David Friedrich und die Künstler der Romantik war das Malen nicht mehr bloß eine Frage der künstlerischen Praxis, sondern eine der inneren moralischen und religiösen Verfaßtheit des Künstlers. Berühmt ist jene Äußerung Friedrichs, daß der Maler nicht bloß malen solle, ,was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.6

Romantische Landschaften zielen oft auf die Auslösung emotionaler Prozesse im Betrachter ab, wodurch nicht nur die Darstellung auf Subjektivität beruht, sondern auch die Betrachtung. Die Darstellung der Landschaft ist in diesem Kontext folglich mehr als nur eine „Darstellung der Landschaft".

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass die Natur in der Romantik teilweise verklärt und überhöht wird und dass sich viele Künstler von der realen Welt abkehren, um sich einer Idealwelt zu zuwenden. Von Zeitgenossen wird dieses Verhalten kritisiert, da es eine Realitätsflucht impliziert.7

2.1 Der klassisch-romantische Landschaftsdiskurs

In den Epochen vor der Romantik hat das Malen der Landschaft einen anderen Stellenwert. Als kunsttheoretisches Objekt wird die Landschaftsmalerei aufgrund ihrer Rangordnung der Künste nicht so diskutiert wie andere Gattungen.8 Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wird sie im theoretischen Sinne größtenteils in Form von praktischen Vorgaben thematisiert, die für die Künstler als Leitstab fungieren.9 Der theoretische Diskurs ist also ein Spiegelbild der praktischen Auseinandersetzung.

Die sogenannte klassische Gattungshierachie wurde von Leon Battista Alberti, einem (unter anderem) Kunsttheoretiker der Renaissance aufgestellt.10 Der Zeit entsprechend stehen Mensch und Glaube im Fokus der Malerei. Das Historiengemälde befindet sich folglich an oberster Stelle der Hierarchie, da es nicht nur Menschen abbildet, sondern auch eine ikonographische oder historische Szene. Der Künstler muss nicht nur unterschiedliche Gattungen in einem Bild zusammenfassen können, sondern auch ein pictor doctus11 sein. An zweiter Stelle steht die Porträtmalerei und folgend darauf die Genremalerei. Die Gattungshierachie wird nach Darstellung von Belebtem zu Unbelebtem gegliedert, aber auch ob und mit welcher Bedeutung der Mensch dargestellt wird. Die Landschaftsmalerei steht auf vorletztem Rang, vor dem letzten Rang des Stilllebens. Es ist anzumerken, dass die Kunst über die Jahrhunderte nicht nur auf dieser oberflächlichen Bewertungsgrundlage basiert, sondern auch auf der Pragmatik des Künstlerberufs.12

Zum Ende des 18. Jahrhunderts kommt die Frage nach der Gültigkeit dieser Gat- tungshierachie auf, und folglich entwickelt sich eine alternative Betrachtungsweise, welche die Qualität und nicht den Rang der Kunst nach vorne rückt.13

Wie es Décultot in ihrem Aufsatz über den klassisch-romantischen Landschaftsdiskurs erwähnt, ebnen Personen wie Roger de Piles, ein französischer Kunsttheoretiker zu dieser Zeit, der Landschaftsmalerei den Weg für eine grundlegende

Aufwertung.14 Letzterer nennt den Landschaftsmaler einen „Weltschöpfer“, da er „über alles herrscht, was auf Erden, in den Gewässern und am Himmel zu sehen ist“.15 Das ist eines der vielen Argumente, die zur Aufwertung der Landschaftsmalerei und zur Distanzierung von der klassischen Gattungshierachie beitragen. Das Auflösen der Genrehierachie ist ein längerer Prozess, der sich auch in die folgenden kunsthistorischen Epochen zieht. Die Romantik bildet ein Fundament für diese Diskussion und verhilft der Landschaftsmalerei zu einem größeren Spielraum. Der deutsche Kunsthistoriker Werner Busch unterstreicht die Bedeutung der Epoche mit den Worten: „Die Romantik (...) wird in der Literatur- wie der Kunstgeschichte als das schlechthin Neue begriffen, das selbst in seiner späteren konservativen Ausprägung als antipodisch zu allem Klassischen gesehen wird.“.16

3. Der Einsame Baum

Caspar David Friedrich wird 1774 in Greifswald geboren und stirbt im Jahre 1840 in Dresden. Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Romantik. In seiner Schaffenszeit malt er viele Landschaftsgemälde, deren Motive von Gebirgen über Wiesenlandschaften bis hin zu Meeresufern reichen. Im folgenden Teil wird sein berühmtes Werk Der einsame Baum vorerst beschrieben, um es dann bezüglich der Fragestellung, inwiefern Friedrich zur Aufwertung der Landschaftsmalerei beiträgt, zu analysieren. Eine religiöse Deutungsweise und weitere Analyseaspekte wie Licht und Farbgebung werden innerhalb dieser Arbeit außen vor gelassen, da sie in diesem Rahmen nicht ausschlaggebend sind.

3.1 Objektiver Überblick

Der einsame Baum von Caspar David Friedrich ist ein naturalistisches Landschaftsgemälde aus dem Jahr 1822. Es ist mit Öl auf Leinwand gemalt und befindet sich heute in der Berliner Nationalgalerie. Die Maße des Gemäldes betragen 55 Zentimeter in der Höhe und 71 Zentimeter in der Breite. Es zeigt eine große Eiche inmitten einer Wiesenlandschaft, die sich vor einer Gebirgskette erstreckt. Das Gemälde lässt sich horizontal in zwei Hauptebenen gliedern. Dabei besteht die untere Bildhälfte aus Wiesen, Büschen und Teichen und die obere Ebene aus Bergen und dem darüber liegenden Himmel. Die große Eiche im Vordergrund kreuzt beide Ebenen, da sie bis in das obere Bilddrittel ragt. Ihr Stamm ist leicht gekrümmt und die Blätter dünnen in Richtung der Baumkrone aus. Unmittelbar vor der Eiche im Vordergrund befindet sich ein tümpelartiger Teich, der fast die gesamte Breite des Bildes einnimmt. Abgesehen von ein paar Grasbüscheln ist die Grasebene, die bis zum Mittelgrund reicht, relativ kahl. Zur Linken am Fuß des Baumes, lehnt ein Schäfer, der durch dieselbe dunkle Farbgebung wie der Stamm des Baumes und durch seine verhältnismäßig kleine Größe fast nicht zu erkennen ist. Er trägt einen Hut auf seinem Kopf und einen Hirtenstock in seiner Hand. Sein Körper ist einer Schafherde zugewandt, die sich links neben ihm Richtung Mittelgrund auf der Wiese ausbreitet. Auf der Ebene des Mittelgrunds befindet sich ein weiterer Teich, dessen Sicht jedoch größtenteils von dem ausscherenden Blätterwerk des unteren Teils der Eiche verdeckt wird. Zu den Seiten des Teiches und auch weiter hinten zwischen den Wiesen, die bis zum Fuß der Berge reichen, sind auf horizontaler Ebene Büsche und Bäume angeordnet. Zwischen ihnen, wie auch weiter hinten am Horizont, deuten Dächer, Kirchtürme und Schornsteinrauch, eine Dorflandschaft an.

Die Berge und der Himmel definieren die obere Bildhälfte. Die Eiche bildet horizontal und vertikal den Mittelpunkt des Bildes und ihre kahle Spitze ragt an der Schnittstelle zweier großer Berge im Hintergrund in den Himmel. Unmittelbar über den Bergen, scheint der hellblaue Himmel durch die Wolken, die sich nach oben hin zu einer geschlossenen, wellenförmigen Wolkendecke verdichten.

Die Palette des Werkes besteht hauptsächlich aus Grün- und Blautönen. Der Vordergrund ist in dunklerem Grün und Blau gehalten, während das mittlere Drittel des Bildes von der Sonne beleuchtet zu sein scheint. Die Wiesen sind hellgrün und auch die Bäume sind etwas farbintensiver. Die Berge an den Seiten, die sich weiter vorne befinden, sind in einem dunkleren Blau-Grau koloriert, während die Berge in der Mitte einen ausgebleichten Blauton als Farbgebung besitzen. Der Himmel direkt über den Bergen ist in einem sehr hellen Blau gehalten. Nach oben hin wird der er immer dunkler bis hin zu einem dunklen Grauton.

[...]


1 Dudeneintrag zu „die Macht“, https://www.duden.de/node/92106/revision/92142 (14.10.20).

2 Décultot 2010.

3 Décultot 2010.

4 Hofmann 2013.

5 Koerner, S. 30.

6 Büttner 2006, 262.

7 Vgl. Büttner 2006, 253.

8 Vgl. Décultot 2010, 19.

9 Ebd.,19.

10 Vgl. Pfisterer 2019, 136.

11 Pictor doctus (lt.)= gelehrter Künstler (dt.).

12 Vgl. Gaehtgens 1996, 16.

13 Vgl. Pfisterer 2019, 136.

14 Vgl. Décultot 2010, 22.

15 Décultot 2010, 22.

16 Busch 1999, 39.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Macht der Landschaftsmalerei in der Romantik
Untertitel
Caspar David Friedrichs Werk "Der einsame Baum"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Kartierung der Landschaft - Wege des Siegeszuges einer Gattung
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V986084
ISBN (eBook)
9783346343567
ISBN (Buch)
9783346343574
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Caspar David Friedrich, Landschaftsmalerei, Romantik, Malerei, Kunst, Bildanalyse, Landschaftsdiskurs, Das Erhabene, Gattung, Landschaft
Arbeit zitieren
Raphaela Reichardt (Autor:in), 2020, Die Macht der Landschaftsmalerei in der Romantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/986084

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