Johanna Langefeld. Zwischen Schuld und moralischem Eigensinn

Der Einfluss einer Oberaufseherin im Konzentrationslager Ravensbrück


Hausarbeit, 2020

11 Seiten, Note: 1.66


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand / Wer war Johanna Langefeld?
2.1 Motivation einer Aufseherin
2.2 Der Mensch unter den Unmenschen?

3. Quellenkritik

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

6. Rezension zu Johannes Schwartz „Weibliche Angelegenheiten“

1. Einleitung

„Sie war die Einzige, die sich unter diesen Unmenschen wie ein Mensch benahm“ 1. Mit diesen Worten beschreiben ehemalige Lagerinsassinnen des Konzentrationslagers Ravensbrück ihre ehemalige Oberaufseherin Johanna Langefeld noch heute. Dass sie sich ebenso wie ihre Kolleginnen und Kollegen durch ihre abscheulichen und unvergesslichen Taten im Lageralltag der Häftlinge auszeichnete, sollte dabei nicht unerwähnt bleiben. Dennoch nimmt die Aufseherin Langefeld eine gesonderte Rolle in der Erinnerung und Forschung ein. Hierfür gibt es unterschiedliche Gründe, die in dieser Arbeit thematisiert werden.

Um den Einstieg in die vorliegende Arbeit zu erleichtern, wird zunächst die Person Johanna Langefeld kurz vorgestellt und ihr Weg in das Konzentrationslager Ravensbrück rekonstruiert. Dabei werden die möglichen Motive einer solchen Rekrutierung genannt. Im Anschluss folgt eine Analyse über die Unterschiede Langefelds im Gegensatz zu den anderen Aufseherinnen. Dies wird unternommen, da es einige Anhaltspunkte und Aussagen ehemaliger Insassinnen gibt, die Grund zur Annahme geben, dass sich Johanna Langefeld als Sonderfall darstellt.2

Als ein solcher Anhaltspunkt gilt auch die Quelle der damaligen persönlichen Sekretärin Langefelds Margarete Buber-Neumann. Diese lernte die Aufseherin kennen, als sie 1942 als ihre Schreiberin eingeteilt wurde.3 Nach einer kurzen Vorstellung Buber-Neumanns erfolgt eine äußere und innere Quellenkritik, bei der der Entstehungskontext, die Funktion und Reliabilität geklärt werden soll.

In einem abschließenden Schlussteil werden die Erkenntnisse des Hauptteils zusammengefasst und mit einem Fazit abgerundet.

2. Forschungsstand / Wer war Johanna Langefeld?

Lange Zeit richtete die Forschung keinen gesonderten Blick auf die Aufseherinnen in Frauenkonzentrationslagern zu Zeiten des Nationalsozialismus. Dem Thema SS-Aufseherinnen widmete sich erstmals Gudrun Schwarz mit ihrer Arbeit „Verdrängte Täterinnen“ im Jahr 1992 sowie 1994 „Die SS-Aufseherinnen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern (1933-1945). Dies liegt vor allem daran, dass erst Anfang der 1990er Jahre ein Perspektivwechsel in der historischen Frauenforschung geschah. 4 Zuvor betrachtete man die Frauen der NS-Zeit als Opfer des Nationalsozialismus, die ähnlich wie Johanna Langefeld in der Nachkriegszeit ausreichend Zeit hatten, diese Rolle zu verinnerlichen und nach außen zu tragen.

Als Tochter eines Schmieds kam Johanna May am 5. März 1900 in Kupferdreh zur Welt. Den Familiennamen ‚Langefeld‘ erhielt sie 1924 durch die Heirat mit Wilhelm Langefeld, der jedoch kurze Zeit später an einer Lungenkrankheit starb. Im Jahr 1928 kam Langefelds Sohn zur Welt. Auf ihre Erwerblosigkeit folgte 1934 die Beschäftigung als Kursleiterin in Hauswirtschaft bei der Stadtverwaltung. Erste Anzeichen, die ihre spätere Lagerrolle in Ravensbrück andeuten, gab es 1935, als sie eine Stelle als Heimleiterin in der Arbeitsanstalt Brauweiler antrat, wo als ‚asozial‘ betitelte Frauen inhaftiert waren.5 Im September 1937 beantragte Langefeld die Aufnahme in die NSDAP, bevor sie sich schließlich auf eine Stelle im Frauen-KZ Lichtenburg in Prettin an der Elbe bewarb. Es dauerte nicht lange bis sie den Posten als Oberaufseherin im Lager erhielt. Am 15.5.1939 wurde das Frauen-KZ zwar nach Ravensbrück verlegt, doch Johanna Langefeld blieb auch dort in ihrem Amt als Oberaufseherin tätig.6

2.1 Motivation einer Aufseherin

Die Frage nach den Motiven, die junge Frauen dazu bringen, Aufseherin eines Konzentrationslagers werden zu wollen, sind vielseitig, da sie unterschiedliche Bereiche betreffen. Zunächst warb man für die Tätigkeit als Aufseherin in Zeitungen und mithilfe des Arbeitsamtes. Angepriesen wurde eine leichte körperliche Arbeit, die lediglich die Aufsicht der Insassinnen miteinschließe.7 Ein weiteres Motiv junger Frauen betraf die Einstellungschancen, da aus dem Schreiben der Kommandantur Ravensbrück hervorgeht, dass keinerlei berufliche Kenntnisse vorausgesetzt werden.8 So weckte man den Eindruck, dass Verstärkung dringend notwendig sei und keine komplizierten Einstellungsverfahren auf die Bewerberinnen zukommen würden. Keine geringere Rolle spielte die Vorstellung von Macht und gesellschaftlichem Aufstieg in den Köpfen der Frauen. Viele Frauen waren zuvor erwerbslos, hatten keine Ausbildung absolviert oder gehörten der Unterschicht an. Dass sich dies durch die Anstellung als Aufseherin ändere, gilt in der Forschung ebenfalls als Motivation, da der Respekt und die Anerkennung der männlichen Kollegen und der Bevölkerung ein positives Gefühl vermittelten. 9 Der soziale Aufstieg machte sich auch dahingehend bemerkbar, dass nun nicht mehr sie selbst putzen oder andere bedienen mussten, sondern diese Tätigkeiten von Häftlingen für sie erledigt wurden. 10 Man gab einfachen Frauen ein Gefühl von Macht und Anerkennung und vermittelte das Gefühl, nun etwas Besseres zu sein. Die Glaubwürdigkeit, der soziale Aufstieg sei ein zentrales Motiv gewesen, ist jedoch zumindest anzuzweifeln, da dies lediglich auf Zeugenaussagen beruht und keine gesonderten Dokumente vorliegen, die dies ins Detail bestätigen können.

Neben den sozialen Motiven galten auch die finanzielle Absicherung und die räumliche Nähe des Wohnorts zum Arbeitsplatz als plausibler Bewerbungsgrund für junge Frauen. 11

Um in diesem Zusammenhang Johanna Langefeld zu erwähnen, ist es von Nöten, ein weiteres Motiv aufzudecken. Sie und einige ihrer Kolleginnen meldeten sich, da sie zuvor einen sozialen Beruf ausübten und in der Arbeit als Aufseherin nun die Fortsetzung ihrer bisherigen Tätigkeit sahen. 12 Dass sie ein gutes Gehalt und die Gewalt über Menschen nicht abschlug, zeigt sich an der raschen Beförderung zur Oberaufseherin. Dennoch sei es ihr besonders wichtig gewesen, die Gefangen umzuerziehen 13 und sie somit ihrer Vorstellung von einer funktionierenden Gesellschaft anzupassen. Was genau dies zu bedeuten hatte und wie sich ihre Vorstellung von denen der anderen Aufseherinnen unterschied, soll im Folgenden geklärt werden.

2.2 Der Mensch unter den Unmenschen?

„Langefeld quälte selbst Gefangene, in erster Linie die jüdischen Mädchen und Frauen.“ Sie entschied durch ihre Stellung als Oberaufseherin sogar über Leben und Tod. Dennoch äußern sich die meisten der ehemaligen polnischen Gefangenen positiv über die Person Johanna Langefeld. Sie begründen dies damit, dass die Aufseherin im Gegensatz zu den anderen Frauen nie die Beherrschung verlor und Insassinnen vor Operationen beruhigte, indem sie die bevorstehenden Taten in Ruhe erklärte und zu rechtfertigten versuchte. Man sollte jedoch bedenken, dass die Gefangenen in ihrem tristen und brutalen Lageralltag die kleinsten Anzeichen von Menschlichkeit wertschätzten. So spricht beispielsweise eine polnische Widerstandskämpferin positiv über Langefeld, da man zwischen den Schlimmen, Schlimmeren und Sadisten unterscheiden musste. Johanna Langefeld ordnete sie dabei nicht in die letzte Kategorie ein.14

Mehrere Dokumente besagen jedoch, dass Langefeld eine besondere Bindung zu den polnischen Gefangenen hatte, was die positiven Äußerungen ehemaliger Häftlinge rechtfertigt.15

Was Johanna Langefeld besonders von ihren Kolleginnen unterschied, war die innere Überzeugung ihrer Handlungen und des Systems. Sie wollte ein gutes Lager nach ihren eigenen Vorstellungen schaffen. Ihr Einfluss reichte so weit, dass sie an der Gestaltung und Organisation der Frauenlager beteiligt war. 16 Ihre Überzeugung galt auch den Personen Adolf Hitler und Heinrich Himmler, deren Führungspersönlichkeit sie Buber-Neumann zufolge schätzte und in keiner Weise anzweifelte.

Ihr moralischer Eigensinn führte soweit, dass sie Himmler bei einem Besuch des Lagers davon überzeugten konnte, es sei besser, die Führung mehr in weibliche Hände zu legen. Hinzu kam ihr Antrag, acht Funktionshäftlinge zu entlassen, da sie durch bewusst falsch geschriebene Führungsberichte des Lagerkommandanten und seines Schutzhaftlagerführers nie zur Entlassung kommen könnten. Trotz der bevorstehenden Konflikte mit ihren männlichen Kollegen setzte Langefeld ihr Vorhaben in die Tat um und scheute nicht vor Reaktionen oder drohenden 17 Konsequenzen zurück. Ihr Gedanke, das Richtige zu tun, setzte sich bis in die Nachkriegszeit fort, da sie ihre Unschuld gegenüber den US-amerikanischen Strafermittlern offenzulegen versuchte. Langefelds Verhalten hang immer von den betroffenen Personen ab. Während sie Sympathie und Zuneigung für die polnischen Gefangenen empfand, weil diese für sie Aufgaben im Lageralltag übernahmen, war der Hass gegenüber jüdischen Gefangenen umso größer. Sie setzte diese Frauen den Qualen der Hitze, dem Durst und Hunger aus, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Demnach ist es falsch, nur ihren Befürwortern Gehör zu verschaffen, da es viele Überlebende gibt, die sich entweder kritisch über die Oberaufseherin äußerten oder sich gar nicht äußern möchten. Ihr Wille und Einfluss unterschieden sie zwar von ihren weiblichen Kollegen, doch wurden ihr diese Charaktereigenschaften letztlich zum Verhängnis. Da die männlichen Vorgesetzten eine Gefahr in Johanna Langefeld sahen, kam es zu ständigen Anfeindungen, die schließlich zu ihrer Entlassung führten.18

3. Quellenkritik

Die vorliegende Quelle beinhaltet die autobiographischen Erinnerungen des ehemaligen Funktionshäftlings Margarete Buber-Neumann. Genauer noch handelt es sich um das Kapitel ‚Freundschaft auf Leben und Tod‘ des Werkes ‚Kafkas Freundin Milena‘. Buber-Neumann schreibt in ihrem Buch über ihre Freundschaft zu Milena Jesenka sowie die letzte Zeit, die sie in Ravensbrück verbrachten. Dieses Werk stellte den letzten Willen der 47-jährigen Jesenka vor ihrer Nierenoperation dar, den Buber-Neumann ihr erfüllte. Das Werk ist noch immer erhältlich und gut überliefert. Geschrieben wurde es in Form eines Erinnerungsschreibens, das 1963 veröffentlicht wurde.19

Das Kapitel, das für diese Arbeit relevant ist, thematisiert das Verhältnis der Oberaufseherin Johanna Langefeld und ihrer Sekretärin Margarete Buber-Neumann. 20 Dabei geht sie sowohl auf die 21 Dialoge mit Langefeld selbst als auch auf die Situationen, die sie aufgrund der räumlichen Nähe mitbekam, ein. Buber-Neumann verfasste das vorliegende Kapitel in der Ich-Perspektive. Sie beschreibt zunächst das 22 Zusammenkommen mit der Aufseherin. Aufgrund ihrer Kenntnisse über Stenografie, die Schreibmaschine sowie ausreichende Sprachkenntnisse im Russischen wurde Buber-Neumann als Sekretärin für Langefeld ausgewählt.

[...]


1 Elena, Martera, Der gute Unmensch. Filmkritik „Die Aufseherin“, Weser Kurier, https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-kultur_artikel,-der-gute-unmensch-_arid,1890738.html (abgerufen 03.08.2020).

2 Vgl. Fotini Tzani, Zwischen Karrierismus und Widerspenstigkeit. SS-Aufseherinnen im KZ-Alltag, Bielefeld 2011, 97.

3 Vgl. Annette Leo, Ravensbrück – Stammlager, in: Wolfgang Benz / Barbara Distel, Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 4: Flossenburg, Mauthausen, Ravensbrück, München 2006, 497.

4 Vgl. Tzani, Zwischen Karrierismus und Widerspenstigkeit, 9.

5 Vgl. Johannes Schwartz, „Weibliche Angelegenheiten“. Handlungsräume von KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück und Neubrandenburg, Hamburg 2018, 380.

6 Vgl. Johannes Schwartz, Handlungsoptionen von KZ-Aufseherinnen. Drei alltags- und geschlechtergeschichtliche biografische Fallstudien, in: Helgard Kramer (Hg.), NS-Täter aus interdisziplinärer Perspektive, München 2006, 349.

7 Vgl. Irmtraud Heike, Johanna Langefeld. Die Biographie einer KZ-Oberaufseherin, in: Werkstatt Geschichte, Nr. 12 (1995), 7f.

8 Vgl. Schreiben der Kommandantur Ravensbrück o.D., BAK, Slg. Schuhmacher, FA-183 Bl. 70.

9 Vgl. Tzani, Zwischen Karrierismus und Widerspenstigkeit, 58.

10 Vgl. Ebd.

11 Schwartz, „Weibliche Angelegenheiten“, 71.

12 Vgl. Heike, Johanna Langefeld, 10.

13 Vgl. Schwartz, „Weibliche Angelegenheiten“, 97.

14 Martera, Der gute Unmensch (abgerufen 05.08.2020).

15 Vgl. Ebd.

16 Vgl. Manfred Riepe, Zweifelhaft anders, Der Tagesspiegel, https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/fernsehfilm-die-aufseherin-zweifelhaft-anders/26044998.html (abgerufen 20.08.2020).

17 Vgl. Tzani, Zwischen Karrierismus und Widerspenstigkeit, 97.

18 Vgl. Schwartz, „Weibliche Angelegenheiten“, 77.

19 Vgl. Schwartz, Handlungsoptionen von KZ-Aufseherinnen, 356.

20 Vgl. Schwartz, Handlungsoptionen von KZ-Aufseherinnen, 354f.

21 Vgl. Doris Liebermann, Vor 75 Jahren gestorben. Die Jounalistin und Kafka – Übersetzerin Milena Jesenka, deutschlandfunk, https://www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-gestorben-die-journalistin-und-kafka.871.de.html?dram:article_id=448948, (abgerufen 16.08.2020).

22 Vgl. Margarete Buber-Neumann, Kafkas Freundin Milena, München 1963, 276.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Johanna Langefeld. Zwischen Schuld und moralischem Eigensinn
Untertitel
Der Einfluss einer Oberaufseherin im Konzentrationslager Ravensbrück
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Einführung in die Neue Geschichte
Note
1.66
Autor
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V986218
ISBN (eBook)
9783346350275
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Johanna, Langefeld, Oberaufseherin, Konzentrationslager, Frauen, KZ, Ravensbrück, Quellen, Buber-Neumann
Arbeit zitieren
Valeria Konovalova (Autor), 2020, Johanna Langefeld. Zwischen Schuld und moralischem Eigensinn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/986218

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