Der Gebrauch des Zeichens "Zeichen" in Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen", Teil 1


Seminararbeit, 1999

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Eingang: Eine Einstimmung auf das Thema

Ausgangspunkt: Der Gebrauch des Zeichens „Zeichen“ in §504

Gegenpol: Der Gebrauch des Zeichens „Zeichen“ in §15 (und anderen §§)

Die Übergänge zwischen den Polen: Der Gebrauch des Zeichens „Zeichen“ in verschiedenen Paragraphen der PU

Überblick: Was der vielgestaltige Gebrauch des Zeichens „Zeichen“ deutlich werden lässt

Ausblick: Konsequenzen, die sich mit dem Gebrauch des Zeichens „Zeichen“ verbinden lassen

Literaturverzeichnis

Eingang: Eine Einstimmung auf das Thema.

Wittgenstein spielt in den Philosophischen Untersuchungen (im folgenden PU) zahlreiche Sprachspiele über das Funktionieren der Sprache[1]. Er gebraucht dazu viele und viele verschiedene Zeichen, u.a. auch das Zeichen „Zeichen“.

„Zeichen“ wird in den PU als schon verstanden vorausgesetzt, d.h. Wittgenstein problematisiert den Begriff des Zeichens nicht wirklich explizit, wie das etwa mit anderen (scheinbaren) Begriffen wie „Spiel“, „Regel“, „Meinen“ oder „Bedeutung“, geschieht. Er gebraucht dieses Zeichen einfach, und wir verstehen es in seinem Gebrauch. Doch gerade im und durch diesen Gebrauch, der, wie sich zeigen wird, in den verschiedenen Paragraphen der PU sehr unterschiedlich ist, wird die Problematik eines starren (metaphysischen) Zeichen begriffes implizit deutlich.

Im Gesamt der PU dekonstruiert Wittgenstein den definierten Begriff „Zeichen“; der Begriff wird zu einem „Faden“[2]. Und schliesslich bleiben uns in der Betrachtung der verschiedenen Sprachspiele nurmehr die Zeichen[3]. Dies sind die Zeichen, die wir haben, sehen[4], verstehen und gebrauchen und mit denen wir ganz zufrieden sind.[5]

Im folgenden werden wir den Versuch unternehmen, den sehr unterschiedlichen Gebrauch des Zeichens „Zeichen“ anhand einiger Paragraphen in Wittgensteins Sinne[6] ansatzweise nachzuvollziehen und diesen Gebrauch zu deuten. Auf diesem Wege soll die problematische Anwendung des (metaphysischen) Begriffes „Begriff“ auf das Zeichen „Zeichen“ deutlich werden und darüberhinaus, welche Konsequenzen für das Denken der Zeichen mit der Auflösung dieser Begriffsanwendung verbunden sein können.

Die Art des Vorgehens dieser Arbeit ist derart, dass wir zunächst und als Ausgangspunkt den Gebrauch des Zeichens „Zeichen“ in §504 betrachten. Im Anschluss untersuchen wir §15, der meines Erachtens einen Gegenpol darstellt. Zwischen den Polen soll sich damit zugleich ein Raum aufspannen, in dem sich die Differenzen der unterschiedlichen Verwendungsweisen des Zeichens „Zeichen“ zeigen. Der darauffolgende und letzte Schritt wird dann sein, die Übergänge zwischen den Polen an verschiedenen ausgewählten Paragraphen zu explizieren, d.h., die Spannungen im Raum zu entschärfen.

Ausgangspunkt: Der Gebrauch des Zeichens „Zeichen“ in §504.

„Wenn man aber sagt: >Wie soll ich wissen, was er meint, ich sehe ja nur seine Zeichen. <, so sage ich: >Wie soll er wissen, was er meint, er hat ja auch nur seine Zeichen .<“[7] (Hervorhebungen von mir, A.K.)

Es fällt nicht schwer, sich hier ‚irgendetwas‘ unter „Zeichen“ zu denken. Vorstellbar sind z.B. Sätze, Worte, Bezeichnungen etc., also Zeichen in der Sprache; darüberhinaus aber auch unartikulierte Laute, Handbewegungen, Mimik etc., also Zeichen ausserhalb der Sprache. Denkbar ist hier alles Mögliche, alles Mögliche kann hier als Zeichen vorgestellt werden – insofern es (als Zeichen) verstanden wird, d.h. ein Verständnis hervorruft[8]. Ohne Schwierigkeit ist ersichtlich, dass die Bedeutsamkeit des Zeichens „Zeichen“ im §504 offenbar eine sehr weite und unspezifische ist, d.h. alles kann hier Zeichen sein, insofern es (als solches) verstanden wird.

An dieser Stelle ist zu bemerken, dass das jeweilige individuelle Verstehen des Zeichens „Zeichen“ gemeinhin gar nicht hinterfragt wird, wir verstehen dieses Zeichen einfach, d.h. unmittelbar.[9] Das ist, mit Wittgenstein gesprochen[10], nicht etwa der Fall, weil es sich bei „Zeichen“ um einen definierten Begriff handelt; der Grund für dieses unmittelbare Verstehen liegt nach Wittgenstein vielmehr darin, dass das Zeichen „Zeichen“ ein Teil des deutschen Sprachspiels ist und wir an den Gebrauch dieses Wortes gewöhnt sind[11]. D.h., wir sind an das Verstehen des Zeichens „Zeichen“ gewöhnt, wir können etwas damit anfangen – dieses Zeichen sagt uns etwas.

Was wir sehen und was wir haben, sind nur Zeichen: so bringt Wittgenstein seine Untersuchung des Funktionierens der Sprache in §504 auf den Punkt. Er geht damit sehr weit hinter den abendländisch-traditionellen und im wesentlichen durch Aristoteles geprägten Zeichenbegriff[12] zurück. Dieser metaphysische Zeichenbegriff besagt, es gäbe „etwas“ hinter den Zeichen, etwas Bezeichnetes, einen Referenten, ein Ding, „etwas“, dem ein Zeichen wie ein „Namentäfelchen“[13] angeheftet ist. Die Zweiteilung zwischen Zeichen und Bezeichnetem wird in einer hierarchischen Abstufung gedacht. Diese besagt, dass die ‚Bedeutung eines Zeichens‘ wichtiger und bedeutender als das Zeichen selbst ist.[14] Durch den Ausdruck „ nur Zeichen“ lässt Wittgenstein eben jene metaphysische Vorstellung vom Zeichen deutlich werden.[15] Es ist dieser Zeichen begriff , der uns plausibel ist, d.h., wir sind gewöhnt bzw. abgerichtet[16], „Zeichen“ auf diese Weise zu denken.

Durchdenkt man aber gegen diese Gewohnheit eingehend den alternativen Wittgensteinschen Gedanken, es gäbe und man habe nur Zeichen, gelangt man letztlich zu der Einsicht, dass man, spricht man von „Zeichen“, dies immer in (anderen) Zeichen tun muss . Man kann nicht anders, als in der Kommunikation immer Zeichen zu gebrauchen; es ist unmöglich, während der Kommunikation über die Zeichen hinaus- oder hinter sie zurückzukommen[17]. Zeichen sind alles, was man gebraucht (und gebrauchen kann). Und damit ist man ganz „[...] zufrieden [...]“[18], es ist einem „[...] ganz genug [...]“.[19] Was wir sehen und was wir haben, sind nur die Zeichen.

[...]


[1] Vgl. Wittgenstein, §§ 2, 5 u.a.

[2] Vgl. Wittgenstein, §67; Die auf das Zeichen „Spiel“ angewandte Metapher vom Faden lässt sich ohne Probleme auch auf das Zeichen „Zeichen“ anwenden.

[3] Vgl. Wittgenstein, §503: „[...] so ist es mir ganz genug , ihm Zeichen zu geben [...]“.

[4] Vgl. Wittgenstein, §504.

[5] Vgl. Wittgenstein, §503: „[...] und er gibt mir eine Antwort (also ein Zeichen), bin ich zufrieden – das war es, was ich erwartete [...]“.

[6] Siehe Wittgenstein, §§51, 106 u.a.

[7] Wittgenstein, §504.

[8] Vgl. Wittgenstein, §433.

[9] Das könnte ein Grund dafür sein, dass Wittgenstein das Zeichen „Zeichen“ nicht explizit problematisiert und diskutiert.

[10] Vgl. Wittgenstein, §68.

[11] Vgl. Wittgenstein, §§166-167, 588.

[12] Vgl. Aristoteles: De anima (Über die Seele); Peri hermeneias (Lehre vom Satz).

[13] Wittgenstein, §15, §26.

[14] Im folgenden wird diesbezüglich auch von der ‚Metaphysik des Zeichens‘ die Rede sein.

[15] Das wertende Wort „nur“ lässt die Zeichen als unbedeutender, unwichtiger erscheinen.

[16] Vgl. Wittgenstein, §495: „[...] ein Einstellen des Mechanismus [...]“; Zur Abrichtung auf den Gebrauch und das Verstehen von Zeichen vgl. auch Wittgenstein, §§5-6, 27, 198, 206, 441, 630 u.a..

[17] Auch die Sprachspiele der PU sind selbst „nur“ Zeichen, die Wittgenstein hat und gibt und die ich als Leser sehe und individuell verstehe.

[18] Wittgenstein, §503.

[19] Wittgenstein, §503.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Gebrauch des Zeichens "Zeichen" in Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen", Teil 1
Veranstaltung
PS Ludwig Wittgenstein - Philosophische Untersuchungen
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
15
Katalognummer
V98638
ISBN (eBook)
9783638970891
ISBN (Buch)
9783640859559
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gebrauch, Zeichens, Zeichen, Philosophischen, Untersuchungen, Teil, Ludwig, Wittgenstein, Philosophische
Arbeit zitieren
Alexander Kühn (Autor), 1999, Der Gebrauch des Zeichens "Zeichen" in Wittgensteins "Philosophischen Untersuchungen", Teil 1, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98638

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