Schlink, Bernhard - Der Vorleser - Vergleich des Verhaltens realer KZ-Aufseherinnen im Dritten Reich mit der Romanfigur


Referat / Aufsatz (Schule), 1999
7 Seiten

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Vergleich des Verhaltens realer KZ-Aufseherinnen im Dritten Reich mit der Romanfigur in Berharnd Schlinks "Der Vorleser"

Einleitung

Fragestellungen und Thesenbildung: Hanna im Vergleich zu historischen Figuren

Der Roman von Bernhard Schlink mit dem Titel <<Der Vorleser>> beschäftigt sich mit der Aufarbeitung von KZ-Vergangenheiten in ungewöhnlicher Weise: Über die Protagonistin Hanna Schmitz, auf die nun im weiteren Verlauf eingegangen wird, erfährt der Leser im zweiten Teil des Romans, dass sie während des 3. Reiches als KZ- Aufseherin agierte und in der Gegenwart für ihre dort vollzogenen Taten vor Gericht angeklagt ist. Die Schilderung des Prozesses im Text, ermöglicht die Figur der Hanna näher zu charakterisieren und, in gewisser Weise, sich mit den Greueltaten der damaligen Zeit auseinanderzusetzen.

Doch für den kritischen Leser erheben sich gleichwohl Fragen im Zusammenhang mit diesen Darstellungen und bei der Betrachtung Hannas:

In wie weit ist die Person in dem Werk von Schlink in Bezug auf ihre Charaktereigenschaften und ihr Handeln als KZ-Aufseherin realistisch dargestellt ?

Außerdem von Bedeutung ist dann die Frage, ob ein Vergleich mit historischen Figuren gelingt, an die die Figur der Hanna angelehnt ist?

Soll <<Der Vorleser>> einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschehnisse darstellen, so muss außerdem der Aspekt berücksichtigt werden, ob und in welchem Maße der Text die Realität der Konzentrationslager wiedergibt. Ein Vergleich von authentischen Zeugenaussagen, von Opfern und Tätern gleichermaßen, kann darüber Aufschluss geben und als Hilfestellung zum Verständnis und zur Bewertung der im Roman behandelten Problematik dienen.

Hauptteil

Persönlichkeitsprofile im Vergleich - Hanna Schmitz & Hermine Ryan

Zuerst wird nun auf die Protagonistin Hanna eingegangen, um diese im weiteren Verlauf mit anderen Frauen, die als KZ-Aufseherinnen angestellt waren, vergleichen zu können. Aus der Befragung des Richters zu Prozessauftakt erfährt der Leser Details aus Hannas Lebenslauf: Im Jahre 1922 in Hermannstadt geboren, arbeitet sie während des Krieges zuerst bei Siemens, bewirbt sich dann freiwillig bei der SS für den Wachdienst. Zunächst wird sie bis Frühjahr 1943 in Auschwitz eingesetzt, danach in einem kleinen Lager in der Nähe von Krakau. Ihr damaliges Leben zeigt keine besonderen Eignungen oder Neigungen im Hinblick auf ihre spätere Tätigkeit auf. Im Gegenteil, eher lässt der Lebenslauf einen zufälligen Kontakt mit der SS und der damit verbundenen Menschenvernichtung erahnen.

Obwohl nur wenige Anmerkungen über Hannas Verhalten als Wächterin gemacht werden, kann auch von ihrem Verhalten gegenüber Michael auf die Strenge und Brutalität , mit der sie ihre Aufgaben erfüllt haben mag geschlossen werden. Beobachtungen ihres Verhaltens verstärken das Bild einer grausamen, herrschsüchtigen jungen Frau, die bei der Erfüllung ihrer Aufgaben von ,,gewissenloser Gewissenhaftigkeit"1 (S.115) ist: sie schlägt Michael ohne Warnung ins Gesicht , leidet unter einem für sie charakteristischen Waschzwang und beim Geschlechtsverkehr muss sie das immer wiederkehrenden Ritual des Vorlesens, Duschens und Liebens durchsetzen.

Dem Prozess gegen Hanna liegt als wichtiges Beweismaterial ein Manuskript zu Grunde, verfasst von zwei jüdischen Frauen, die selbst in jenem Konzentrationslager gefangen halten wurden, in dem Hanna arbeitete. Der Roman gibt Auskunft darüber, dass eine der beiden ,,eine Aufseherin erlebt hatte, die Stute genannt wurde, grausam und unbeherrscht"1 (S.115).

Mit dem Wissen, dass auch Michael zu einem früheren Zeitpunkt Hanna mit einem Pferd vergleicht, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass Hanna diese Aufseherin verkörpert. Obwohl die eben erwähnte Schrift der beiden Zeuginnen nicht wirklich existiert, liegt in dieser Beschreibung ein hilfreicher Hinweis, der es nun ermöglicht, Hanna mit einer real existierenden Person zu vergleichen.

Die Rede ist von Hermine Braunsteiner-Ryan, welche, während ihrer Zeit als KZ-Aufseherin, die ,Stute von Majdanek` genannt wurde. Bei weiterem Vergleich werden Parallelen zu Hanna deutlich, die helfen, den Grad der Realität in der Darstellung ihrer Person im Roman zu beurteilen.

Erst 1964 wird die wahre Identität der in New York lebenden, verheirateten Hermine Ryan von einem Reporter aufgedeckt, worauf sie nach Deutschland ausgeliefert wird und vor ein deutsches Gericht kommt. Sie war im Zeitraum von 1942 bis 1944 im polnischen KZ Majdanek angestellt, wo sie den Spitznamen ,Stute` trug. Die von ihren amerikanischen Nachbarn als ,,eine der freundlichsten Frauen"2 bezeichnete Aufseherin wurde zu Zeiten ihrer KZ Tätigkeit eher als ,,Bestie"2 mit ,,latenter sadistischer Veranlagung"2 beschrieben, welche erst durch den KZ-Betrieb bloßgelegt wurde. Außerdem werden ihr Eigenschaften wie das ,,Verbreiten von panischer Angst, die Besessenheit zu Schlagen und das Begehen von Exzesstaten"2 zugeordnet.

23-jährig ist sie in einer Munitionsfabrik angestellt , durch einen Bekannten erhält sie den Kontakt zur SS. Durch den Ehrgeiz in ihrem Dienst angefacht, wird sie nach erst 5 Monaten bereits zur stellvertretenden Oberaufseherin ernannt und erhält das Kriegsverdienstkreuz. Ihr Verdienst besteht darin, Menschen mit ihren eisenbeschlagenen Stiefeln zu treten und mit der Peitsche zu schlagen, falls sie nur die geringsten Verstoße gegen ihre Regeln begehen.

Bei der Beschreibung ihres Erscheinungsbildes kann offensichtlich eine Parallele zu Hanna gezogen werden, deren Verhalten auch von zwanghafter Kontrolle über andere Menschen und Gewaltanwendung zur Umsetzung dazu geprägt ist. Auch wenn Michaels Vorstellungen sehr klischeegeprägt sind, verstärkt er dieses Bild noch zusätzlich, wenn er Hanna mit ,,hartem Gesicht, schwarzer Uniform und Reitpeitsche"1(S. 140) in seinen Träumen sieht.

Während des Prozesses zeigt Hermine Ryan eine arrogante und schuldunbewusste Einstellung. Dies wird offensichtlich, wenn sie im Gerichtssaal Kreuzworträtsel löst, für das Wachpersonal bastelt und von dem Richter immer wieder um Aufmerksamkeit gebeten werden muss. Auch fühlt sie sich nicht verantwortlich für das, was sie getan hat und fragt immer wieder ,,Was wollen sie von mir?"2. Zur Schuldfrage äußert sie sich in folgender Weise: Sie sagt aus, dass die Atmosphäre im Lager sie ,,als Frau seelisch sehr belastet hat"2. Frau Ryan stützt sich darauf, zum Zeitpunkt des Geschehens erst ,,19 oder 20"2 gewesen zu sein; Somit hätte es ihr noch an ,,Lebenserfahrung"2 gemangelt. Im weiteren Verlauf bezeichnet sie sich als ,,Zahnrad im Getriebe"2 und ihre Tätigkeit bei der SS erklärt sie dadurch, dass sie ,,durch ein nicht zu bestimmendes Schicksal zum Glied einer Kette"2

gemacht wurde, welche sie nicht zu durchbrechen vermochte. So beruft sie sich auf den Befehlsnotstand und bekennt, dass sie Schuld trage, jedoch keine Mörderin sei. Dagegen sind die Fakten zu stellen, dass im KZ Majdanek mindestens 250 000 Menschen vergast wurden, insgesamt starben allein in diesem Lager 1 500 000 Menschen.

In der Beantwortung der Schuldfrage verhält sich Hanna anders als Frau Ryan; sie gesteht Fehlverhalten ihrerseits und ihrer Kolleginnen ein. Allerdings muss bei der Betrachtung ihrer Zugeständnisse und der Selbstbelastung ihr Motiv, nämlich ihren Analphabetismus zu verdecken, berücksichtigt werden. Dies bewegt sie im eigentlichen Sinne zu ihren Zugeständnissen. Im Kontext des Romans erscheint die Beeinträchtigung Hannas durch den Analphabetismus jedoch mehr als Rückzug aus der eigentlichen Verantwortung, die sie trägt. Hannas Verhalten erscheint unrealistisch wenn man es mit ihrem Charakter kontrastiert und dabei außerdem berücksichtigt, dass die Beweislage für sie vorteilhaft ausfällt. Dass sich der Roman einem sehr pauschalen, allgemeinen Schuldbild bedient, wird ebenfalls im dritten Teil deutlich, als Hanna sich, vor ihrer Entlassung das letzte Mal mit Michael trifft und ihm erzählt, dass die ,,Toten jede Nacht kommen"1(S.187), ob sie wolle oder nicht. Offensichtlich soll ausgedrückt werden, dass auch sie ein schlechtes Gewissen besitzt, welches sie psychisch belastet. Doch die Art und Weise auf welche dies geschieht, erscheint dem Leser in diesem Moment sehr distanziert und allgemein.

Als Fazit dieser sowohl zeitlich als auch räumlich entrückten Untersuchung der real existierenden und der in Schlinks Roman <<Der Vorleser>> existierenden KZ-Aufseherin kann Folgendes gesagt werden: Der Vergleich gelingt zunächst, da Hanna gewisse stereotypische Anforderungen erfüllt. Doch ihre Zugeständnisse und der Ausdruck der Schuld fallen nicht zufriedenstellend aus.

Vergleich des im Roman vermittelten Bildes vom KZ-Alltag mit der Realität Auch die Darstellung des Alltags in einem Konzentrationslager stellt den Leser bei der Lektüre des Romans nicht zufrieden. Die Anmerkung , dass ,,alle Literatur der Überlebenden von einer Betäubung berichtet, unter der die Funktionen des Lebens reduziert, das Verhalten teilnahmslos und rücksichtslos und Vergasung und Verbrennung alltäglich wurden"1 (S 98) bedarf einer näheren Untersuchung. Es ist doch geradezu unvorstellbar , dass sich ein Mensch in einer solch grausamen Umwelt je an sie gewöhnen und eine Existenz ohne Hoffnung führen kann. Wie sah die Realität wirklich aus?

Obwohl sich immer wieder kürzere Textpassagen im Buch finden lassen, in denen Situationen aus Hannas Vergangenheit geschildert werden, sind diese wenig konkret und detailliert: Die Gesamtsituation wird dargelegt, über die Machtverhältnisse unter den SS-Funktionäre werden Aussagen gemacht, doch auf Einzelschicksale, emotionale Erlebnisse oder konkrete Aufgaben Hannas wird nie deutlich eingegangen. So bleibt auch unerwähnt, dass in den Vernichtungslagern nicht nur Frauen verantwortlich waren, sondern vielmehr die Hierarchie von SS-Männern angeführt wurde und auch jüdische Gefangene zu Aufseherinnen erzogen und gedrillt wurden.

Durch die Berücksichtigung von Berichten ehemaliger Häftlinge, die über den Alltag in Konzentrationslagern erzählen, können z.B. Hinweise darauf gefunden werden, dass trotz allem Elend, die Häftlinge auch füreinander sorgten und selbst an diesem Ort Menschlichkeit möglich war. Als eines von vielen Beispielen lässt sich Peggy Parnass Kurzgeschichte <<Meine Tante Flora>>, anführen, in der von der Tante der Erzählerin Lebenssituationen in Auschwitz geschildert werden. Sie gibt ihre Erinnerungen wieder, wertet die Schreie und das bedrohliche Gekläffe der Hunde, sowie die Erschöpfung nach der Fahrt ins Lager als ,,nicht zu verkraftende Eindrücke"3 . Doch gleichzeitig schildert sie, dass sie unter Aufwand von hohem Risiko Mitgefangenen Stoffherzen zum Geburtstag herstellte und zu Weihnachten als Geschenk einen Apfel von anderen Häftlingen erhielt.

Diese Einzelheiten zeigen doch, dass die Häftlinge einerseits nicht hoffnungslos ein ,,auf die Grundfunktionen reduziertes Leben führten"1 (S.98), sondern gerade Erfahrungen von Menschlichkeit ihren Überlebenstrieb förderten, andererseits aber auch die Eindrücke nie verarbeiten oder sich damit abfinden können.

Das KZ Ravensbrück-Uckermark: Alltag und Vergleich zwischen Hanna und Oberaufseherin Ruth Neudeck Der Alltag in einem Frauen-KZ, aus den zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven von Tätern und Opfern gesehen, lässt sich auch am Beispiel des Vernichtungslagers Ravensbrück- Uckermark aufzeigen.

Aus insgesamt 5 verschiedenen Zeugenaussagen von ehemaligen Häftlingen, die zum Zwecke der Verurteilung von Tätern befragt wurden, kann zusammenfassend ein Bild von der dort herrschenden Grausamkeit, die nicht zuletzt von einzelnen Aufseherin initiiert wurde, geformt werden.

Durch gezielte Maßnahmen, zu denen Unterernährung, bewusste Reduzierung der Kleidung, keine medizinische Versorgung und Möglichkeit zur Körperpflege, sowie überfüllte, ungeheizte Wohnbaracken zählten , wurden zunächst die Lebensbedingungen für die Häftlinge im Lager konstant verschlechtert. Dies geschah zum Zweck, die natürliche Sterblichkeitsrate zu erhöhen. Der Tagesablauf der Häftlinge bestand darin, von 4 Uhr bis 11 Uhr morgens Appell zu stehen, dann eine unzureichende Mahlzeit aus ¼ l Steckrübensuppe und etwa 100 g Brot zu sich zu nehmen und anschließend wieder Appell zu stehen. Dabei hing die Behandlung der Gefangenen von der Laune der diensthabenen Aufseherin ab. Jene sahen es für selbstverständlich an, die Menschen zu misshandeln, z.B. mit einer Peitsche, Stöcken, Stiefeltritten oder Faustschlägen, sobald sie Befehle missachteten oder disziplinloses Verhalten zeigten.

In den Berichten der Zeugen wird dabei vermehrt die ,,gefühllos und sadistisch veranlagte"4

(Dok.4) Oberaufseherin Frau Ruth Neudeck erwähnt. Diese kann wieder als historische Figur angesehen werden, die durch ihre Charaktereigenschaften Parallelen zu Hanna aufweist. Eine Zeugin schildert Neudecks Verhalten während der Selektionen, bei denen ,,mit sadistischer Freude [...] die Mütter von ihren Töchtern und umgekehrt getrennt"4 (Dok.3) wurden: Obwohl Neudeck eigentlich nur die Aufgabe hatte, die Nummern der Häftlinge zu notieren, nahm sie auch an den Selektionen teil und zog die Häftlinge ,,mit Vorliebe beim Hals [...] aus den Reihen"4, wobei sie sich einer ,,Reitpeitsche mit silbernem Handgriff bediente"4 (Dok.4). Eine andere Zeugin berichtet, dass Frau Neudeck ,,Brot, welches in der Speisekammer schimmelte und in Stücke zerfiel [...] unter die Frauen warf, welche sich gierig darauf stürzten, wobei sie sich gegenseitig verletzten oder sich zertraten"4 (Dok.4). Derartig perverse Folter vollzog sich ebenfalls auf der Krankenstation, Revier genannt. Dort wurde nach Aussagen mehrerer Zeugen, den eingelieferten Frauen anstatt Medikamenten, Strychnin verabreicht , welches nach 12 stündigen Krämpfen und Schmerzen zu einem qualvollen Tod führte, den täglich bis zu 30 Häftlinge dort erlitten. Durch Strychnininjektionen, Selektionen für die Gaskammer, miserablen Lebensbedingungen und Misshandlung wurden in Uckermark allein 5000-6000 Frauen ermordet. Bei all diesen Todesfällen trägt die schon zuvor erwähnte Ruth Neudeck neben anderen weiblichen und 2 männlichen Verantwortlichen eine erhebliche Mitschuld.

Aus den Zeugenaussagen geht hervor, dass sie zusammen mit SS-Männern den Beschluss fasste, selbst tätig zu werden, da ,,die Vernichtung der Häftlinge viel zu langsam ginge"4 (Dok.5), und die Selektionen und Ermordungen nicht mehr Oberaufsehern und Ärzten zu überlassen.

Immer wieder tritt sie in den Berichten ihrer Opfer durch besonders ehrgeiziges und brutales Verhalten hervor, misshandelt Häftlinge ohne Anlass und Skrupel und erzeugt mit Vorliebe Angst und Panik, in dem sie ihre Stärke und Macht den Häftlingen gegenüber durch physische Gewalt zum Ausdruck bringt. Das ,,Stehen der Häftlinge [beim täglichen Appell]" war nach Zeugenaussagen ,,nur von ihr abhängig, wenn sie schlechte Laune hatte, so standen sie doppelt"4 (Dok.4). Zur Anklage äußert sie sich folgendermaßen: Nachdem sie 24jährig aus der Position der Buchhalterin nach Uckermark als Lagerführerin befördert wird, lässt sie sich von anderen SS-Angestellten als ,,Frau Lagerführerin" anreden und gesteht dass sie ,,hin und wieder Häftlinge wegen Disziplinlosigkeit [ihrer Person gegenüber] mit der Peitsche schlagen musste"4 (Dok. 7,Ruth Neudeck), doch nur um ihre Stellung und ihr Ansehen zu bewahren.

Während der Appelle sei sie nur Schreiberin für die SS-Männer gewesen, doch hätte sie um das Schicksal der Häftlinge auf den Transporten gewusst und jene auch begleitet. Desweiteren wusste sie von den gezielten Strychnininjektionen auf dem Revier, ihr fehlte aber der Mut, dagegen anzugehen. Die Ausstattung der Häftlingsbaracken beschrieb sie großzügiger, als die Häftlinge selbst. Sie sagt aus, dass 4000 Häftlinge aller Nationen unter ihrer Gewalt standen, von denen ,,während [ihrer] Tätigkeit 3000 für die Vergasung ausgesucht" wurden und außerdem , dass ,,jeden Tag von [ihr] 50-60 Frauen auf die Liste"4 (Dok.7) gesetzt wurden.

Es wird deutlich, dass auch hier ein Vergleich zu Hanna gelingt.

Schlussteil

Gesamtheitliche Bewertung und weiterführende Fragestellungen

Abschliessend kann als Fazit gezogen werden, dass der Roman <<Der Vorleser>> von Bernhard Schlink die Protagonistin Hanna Schmitz zum grössten Teil durch ihr Auftreten, Äußerlichkeiten und Charaktereigenschaften an historische Figuren, d.h. real existierende KZ- Aufseherinnen , anlehnt. Im Gegensatz dazu jedoch, erfüllt der Roman nicht die Anforderungen, die wahren Handlungen und Umgangsformen in Konzentrationslagern darzustellen, die im weiteren Sinne auch die KZ- Aufseherinnen selbst illustrieren. Bei Vergleichen zwischen Hermine Ryan bzw. Ruth Neudeck und Hanna lassen sich in Hanna nur die Voraussetzungen, nämlich sadistische und gewaltbereite Veranlagungen erkennen, der Roman selbst aber stellt keine vergleichbare Schilderung von Hannas Verhalten bereit, so wie man es über die historischen Figuren ausführen könnte. Dann stellt sich wiederum die Frage, welche Intention der Roman im Hinblick auf die Aufarbeitung dieser Zeit haben mag: Dient Hannas dunkle Vergangenheit nur als Rahmenbedingung, um sich mit ihrem Analphabetismus auseinanderzusetzen, oder vollzieht sich der Aufarbeitungsprozess wirklich zu abstrakt und wenig detailliert und lässt den Leser deshalb zum Ende der Lektüre auch mit so vielen offenen Fragen und Kritikpunkten zurück?

[...]


1 Der Vorleser, Schlink (1995)

2 SS-Aufseherin Ryan nach 20 Jahren aus Haft entlassen, Süddeutsche Zeitung Magazin (1996)

3 Meine Tante Flora, Peggy Parnass (1990)

4 Opfer und Täterinnen, hrsg. von A. Ebbinghaus (1987)

6 von 7 Seiten

Details

Titel
Schlink, Bernhard - Der Vorleser - Vergleich des Verhaltens realer KZ-Aufseherinnen im Dritten Reich mit der Romanfigur
Autor
Jahr
1999
Seiten
7
Katalognummer
V98646
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
die Arbeit entstand im Rahmen einer Hausarbeit des Fachbereichs Deutsch die Frage, die dahinter stand, war, ob die Romanfigur realistisch dargestellt wurde, und meine Aufgabe war es, durch meinen Text dieses zu widerlegen
Schlagworte
Schlink, Bernhard, Vorleser, Vergleich, Verhaltens, KZ-Aufseherinnen, Dritten, Reich, Romanfigur
Arbeit zitieren
Ann-Kathrin Bröckelmann (Autor), 1999, Schlink, Bernhard - Der Vorleser - Vergleich des Verhaltens realer KZ-Aufseherinnen im Dritten Reich mit der Romanfigur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98646

Kommentare

  • Gast am 6.2.2001

    Vielen Dank!.

    Hallo!

    Vielen Dank für Deine grossartige Hausarbeit. Habe Sie mit viel Interesse gelesen.

    Liebe Grüsse

    Stefan
    (vom Bodensee)

  • Gast am 18.2.2001

    Der Vorleser.

    ausgezeichnete Arbeit.

  • Gast am 4.3.2001

    SUPER.

    ECHT STARK AUSGEARBEITET !!

    HAT MIR SEHR GEHOLFEN!

    DANK´ DIR JENSEN

  • Gast am 19.3.2001

    Mögliche Intention....

    Während ich diese Arbeit las, kam mir die Erkenntnis, dass B. Schlink kein Gegner des Holocaustes und der damaligen Regierung war. Weshalb lässt er nämlich Eindrücke die Hanna als Sardistin darstellen gar nicht auftauchen? Andeutungen wie der schlag in Michaels Gesicht werden zwar gemacht, teilweise mit Hannas Extremen in Verbindung gebracht, doch wird sie von der achso dramatischen Situation des Analphabetismus total in den Hintergrund gerückt und wieder schön geredet. Könnte man folge dessen nicht die These aufstellen, dass B. Schlink den Analphabetismus mit der Arbeit als KZ-Aufseherin (er) etc. in Verbindung bringt. Das typische allgemeine Bild eines Analphabeten ist doch letztlich der, dass diese Person ja gar nichts für sein Nichts können kann und somit ohne Schuld bleibt. Somit wäre diese ganze Tragödie als eine von einer höheren Macht getriebenen zu entschuldigen!? Was bleibt folglich die Intention: B. Schlink will nicht auf die unmenschlichkeit aufmerksam machen weil er sie für sich selber als gar keine Schuld empfindet?
    Ich bitte um weiter Meinungen.

  • Gast am 13.5.2001

    Getroffen!.

    Ich finde die Arbeit ist wirklich gut gelungen !!
    Vor allem die Fragestellung am Schluss, ob der Vorleser nun als Werk gesehen werden kann, dass zur Bewältigung der dt. Vergangenheit dienlich ist bzw. sein könnte, finde ich sehr gut beantwortet.
    Hat mir echt geholfen - thx.

  • Gast am 29.5.2001

    Bist so was wie ne Lebensretterin!!.

    Was würde man nur ohne deise seite hier und den ganzen schlauen arbeiten tun?hast wirklich mein leben gerettet und ab heute steh ich wohl in deiner schuld!!vielen lieben dank!!

  • Gast am 2.4.2002

    Nun gut!.

    Hallo! Also deine Ausführungen habe ich mit sehr viel Interesse gelesen und muss sagen, dass du zu guten Schlüssen gelangt bist. Doch es wirft sich bei mir folgende Frage auf. Und zwar gehst du davon aus, dass die Brutalität Hannas Veranlagung ist, die ihr die Vorraussetzung zu einer guten Aufseherin gibt. Aber ich glaube auch, dass besonders ihre Neigung alles besonders gut und richtig zu machen, sie zu einer "guten und zuverlässigen" Aufsehrein machte. Auch in ihren anderen Berufen war sie äußerst arbeitsqwillig und "mußte" ihren Beförderungen durch Kündigungen entgehen, um den Analphabetismus zu verheimlichen. Sogar die Schuldzusprechung vor Gericht nimmt sie in Kauf, nur damit ihr Analphabetismus nicht zu Tage kommt. Der Analphabetismus regiert ihr Leben, nicht ihre Veranlagung zur Brutalität. Möglicherweise wurde sie durch ihre Arbeit als Aufseherin so sehr geprägt, dass sie keinen anderen Weg mehr sah, als sich mit Michael durch Schläge und Grausamkeiten auseinanderzusetzen. Sie flüchtet auch stets vor Gesprächen mit ihm, was auch das verlangte Vorlesen betont, da er so keine Fragen stellen kann, die sie ohne Preisgeben ihres Analphabetismus nicht beantwirten könnte.
    Aber vielen Dank für deine gute Ausarbeitun, denn sie hat mir neue Impulse zum Nachdenken gegeben und ich hoffe, meine Anliegen sind nachvollziehbar, auch wenn sie ein wenig über dein eigentliches Thema hinausgehen. Vielen Dank

  • Gast am 22.2.2004

    Infosuche.

    Danke, dein Beitrag hat mir geholfen. Ich schreibe grad an einem Referat über den Majdanek - Prozess und den Vergleich zwischen Hanna und Hermine. Falls du weitere Infos hast und Quellen, könntest du sie mir per E - mail schicken. Ich suche schon 'ne Weile, um eine Verbindung zwischen den beiden Frauen herzustellen.

  • Gast am 16.9.2008

    Ganz dickes Lob!.

    Geniale Seite mit interessanten Schlüssen. Weiter so!

  • Gast am 16.5.2009

    sehr hilfreich, aber mit einem Fehler.

    Der folgnde Satz beinhaltet einen Felher:
    "Sie war im Zeitraum von 1942 bis 1944 im polnischen KZ Majdanek angestellt."
    Es gab keine polnischen KZs! Eg gab deutsche KZ in Polen.
    Außerdem ist dieses referat sehr interessant.

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