Novalis - Heinrich von Ofterdingen - Romantische Odyssee


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

5 Seiten


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Thema: Romantische Odyssee

1. Klausur LK- Deutsch 3. Semester

"Heinrich von Ofterdingen" ist ein Romanfragment, dessen erster Teil ´ Die

Erwartung ´ von Novalis (1772-1801) geschrieben wurde. Dieses Werk aus der Zeit der Romantik wurde 1802, nach Novalis´Tod veröffentlicht. Im ersten Kapitel verfällt der Romanheld, der Jüngling Heinrich von Ofterdingen, in eine wunderbare Traumwelt, wo ihm phantastische Erlebnisse widerfahren. Seine Reise durch diese Phantasiewelt ist auch als eine romantische Odyssee zu deuten.

In einer hellen Mondnacht liegt der Jüngling Heinrich von Ofterdingen unruhig in seinem Bett und muss an die Erzählungen eines Fremden ( Zeile 5) denken. Dieser scheint ihm von der blauen Blume erzählt zu haben, dem Sinnbild der Romantik. Er kann an nichts anderes mehr denken und versteht selbst nicht die Vorgänge in seinem Inneren. Bald beginnt er zu schlafen und träumt "von unabsehlichen Fernen" ( Zeile 32). Im tiefen Schlaf erlebt er wilde Abenteuer. Diese Träume verbinden ihn mit dem Übersinnlichen. Aus der Tagwelt hinaus tritt er in eine völlig andere phantastische Welt, in der alles möglich ist. Heinrich durchlebt im Schlaf verschiedene Bewusstseinsstufen. Nach seinem aufregenden Tiefschlaf werden die Bilder seiner Träume in der Morgendämmerung allmählich klarer und auch seine Seele beruhigt sich langsam wieder ( Zeile 40-42). Nun wandert er in seinem Traum durch die Natur, bis er schließlich zu einer Höhle gelangt. Darin trifft er auf eine wundersame, ihn faszinierende Quelle, in die er steigt und sich treiben lässt. Er gibt sich ganz dieser transzendenten Welt hin, seine Empfänglichkeit steigert sich und nie dagewesene Gefühle durchströmen ihn. Schließlich beginnt er innerhalb des Traums zu schlummern und erwacht danach in einer bunten Phantasielandschaft.

Dort trifft er auf die blaue Blume, die ihn magisch anzieht. Auf sein zärtliches Annähern hin , neigt sie sich ihm zu und ein liebliches Gesicht schwebt in ihrem Blütenkragen. Doch in diesem Moment wird Heinrich ganz aus seinem Traum zurück in die Realität geholt, als seine Mutter nach ihm ruft.

Noch wie betäubt von all` seinen Eindrücken tritt er frohen Mutes den neuen Tag an.

Dieser Auszug aus "Heinrich von Ofterdingen" ist in fünf Etappen zu teilen. Sie stellen jeweils die Bewusstseinsstufen des jungen Heinrichs dar. Die erste Stufe ( Zeile 1-30) ist der Anbruch der Nacht. Der Mond scheint bereits. Heinrich befindet sich noch ganz in der realen Welt und kann nicht aufhören, an die blaue Blume zu denken. Er befindet sich in einer Schwellensituation zwischen Traum und Wirklichkeit. Jeder kennt dieses abendliche Dösen vor dem Einschlafen, wo der Tagesablauf sich noch einmal im Kopf wiederholt und wo man die Erlebnisse der vergangenen zeit noch einmal vor Augen hat. "Wo eigentlich nur der Fremde herkam?"

( Zeile 14,15); dieser Mann muss unglaublichen Eindruck auf Heinrich gemacht haben. Vergleichbar ist dies mit dem romantischen Kunstmärchen "Hyazinth und Rosenblüte", wo auch ein Jüngling durch einen seltsamen Fremden dazu veranlasst wird, über sein Dasein, seine Ziele und Sehnsüchte nachzudenken.

Heinrich beginnt zu begreifen, dass er sich entwickelt und nun auch bald kein Kind mehr ist. So ist er verwirrt, von seinen plötzlich anderen, noch fremden Gedanken. Seine Neugier nach dem Unbekannten ist geweckt, ihm durstet nach neuen Erkenntnissen. "Daß ich noch nicht einmal von meinem wunderlichen Zustand reden kann!" ( Zeile 18, 19), Heinrich ist noch nicht bereit seine innersten Gefühle in Worte zu fassen, zu neu sind ihm noch seine Gefühle.

Schon hier ist seine Sehnsucht nach Ferne und Neuem zu erkennen, ihm verlangt nach Selbsterfahrung um seinen Gefühlen Ausdruck verleihen zu können. Hier könnte man Heinrich mit dem Taugenichts aus Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts" vergleichen, den es als jungen Mann hinaus in die Welt zieht und der unbekümmert seine ersten Erfahrungen machen möchte. Doch anders als der Taugenichts, der tatsächlich sein Bündel packt und loszieht, flüchtet sich Heinrich von Ofterdingen in eine Traumwelt. Hier beginnt nun die zweite Stufe des Textes, Heinrich schläft ein. Ganz getreu des romantischen Leitsatzes "Fühlen statt Denken", gibt sich der Romanheld seinem Traum hin. Er befindet sich in einer ganz anderen Welt, seine Möglichkeiten, diese zu entdecken sind im Traum unendlich. Er durchlebt die spannendsten Abenteuer, die sich ein junger Mann wie er nur vorstellen kann und ist dabei unsterblich. Diese Träume wühlen sein Gemüt natürlich sehr auf, doch "endlich gegen morgen," "wurde es stiller in seiner Seele" ( Zeile 40-42) und die dritte seiner Bewusstseinsstufen beginnt. Der Morgen dämmert bereits ( Zeile 41), eine Tageszeit, bei der träume bekanntlich am intensivsten sind. Nun ist Heinrich allein in seinem Traum und wandert durch die Natur. Es ist dunkel, doch je weiter er läuft, desto heller wird es, bis er schließlich an eine Höhle gelangt. Diese lockt ihn, mystisch und geheimnisvoll. Die Quelle, auf die er in der Höhle trifft, glänzt golden und herrlich ( Zeile 57,58). Der Traum ermöglicht Heinrich seine Sinne bewusster wahrzunehmen, so erfühlt er diese wunderbare Erscheinung des kühlen und glänzenden Quells. Ein blaues Licht wird auf der Flüssigkeit reflektiert ( Zeile 62), dies deutet bereits an, dass er sich auf dem richtigen Weg zur blauen Blume befindet. Heinrichs Sinneswahrnehmungen wird noch intensiver, als er mit dem Quell in Berührung kommt, so intensiv, dass es ihm danach verlangt, in das Becken zu steigen ( Zeile 65,66). Er tankt Energie, lässt sich fallen und gibt sich erotischer Phantasien hin. Eine erste sexuelle Erfahrung, die Heinrich durch seinen Traum ermöglicht wird. Wie von einer Droge befallen steigert sich in diesem Traum seine Empfänglichkeit für immer neue Sinneswahrnehmungen. Dieses Versinken in eine transzendente Welt ist auch ein Merkmal der romantischen Zeit. Das Bewusstsein bestimmt das Sein, was bei Heinrich deutlich zu erkennen ist.

In diesem Rausch der Sinne, in dem er sich befindet, als er sich im "leuchtenden Strome" ( Zeile 76) des Quells treiben lässt, fällt Heinrich in einen weiteren Traum. In Zeile 79 beginnt die vierte Etappe zur Selbstfindung Heinrichs, die hier symbolisiert wird, mit der Reise zur blauen Blume.

Heinrich befindet sich nun inmitten einer wunderlichen, farbenfrohen Landschaft. Wie in der Romantik typisch, könnte dies, die seelische Landschaft sein, die das Innere Heinrichs widerspiegelt, denn er befindet sich kurz vor dem Ziel. Dieses Ziel, seine Selbstfindung, verkörpert durch die blaue Blume, zieht ihn magisch an. Die Umgebung ist so herrlich, sollte er die Natur beschreiben, würde er kein Ende finden, doch Heinrich sieht nur die blaue Blume . Diese neigt sich ihm auch zu, als wolle sie sagen "Hier bin ich.". Diese Begegnung wird unterbrochen, als Heinrichs Mutter ihn weckt, doch sein Ziel hatte er erreicht, einen langen weg war er gegangen und hatte dabei gelernt und seine Identität gefunden. Der Traum eines jeden Romantikers ging für ihn in Erfüllung. Als die Mutter Heinrich wieder in die reelle Tagwelt zurückholt, ist das die fünfte Stufe seiner Selbstfindung. Hier beginnt er langsam zu begreifen, jetzt reifer geworden zu sein. Wieder kann man ihn mit Hyazinth aus "Hyazinth und Rosenblüte" vergleichen, denn nun wird er abends nicht mehr grübelnd über den Sinn des Lebens, wach liegen.

Die erste und die fünfte Stufe bilden einen Rahmen. Sie trennen reale und Traumwelt und verhelfen der ´ Reise auf der Suche nach dem Ich ´ von Heinrich zu einer Einheit. Erst von der zweiten zur vierten Stufe vollzieht sich seine Verwandlung. Die Spannung wird hinausgezögert bis zum Schluss der vierten Etappe, wo Heinrich die blaue Blume findet und die somit der Höhepunkt der Handlung ist. Dieser Klimax fällt mit einem mal dann in der fünften Etappe, wo der Sinneswandel Heinrichs vollzogen ist.

Dieser Auszug von "Heinrich von Ofterdingen" ist wie ein Zeugnis romantischer Literatur. In nahezu jedem Satz zeichnen sich typische Merkmale der Romantik ab, wie ich teilweise schon beschrieben habe. Das Vokabular ist vom Anfang bis zum Ende des Textauszuges typisch romantisch. Wörter wie "Schimmer"( Z.4); "Schätze"(Z.7); "Verlangen"( Z.7); "Treiben"( Z.22); "wunderlich"( Z.34) und "bläuliches Licht"( Z.62), um nur ein paar Beispiele zu nennen, verleihen der Stimmung, die romantische Literatur hervorrufen sollte, ihren Ausdruck. Auch eine Vielzahl von typisch romantischen Motiven ist zu finden; so zum Beispiel das Nachtmotiv, das Wanderermotiv und das Sehnsuchtsmotiv, da Heinrich von Ofterdingen nachts diese wunderbaren Träume in eine irreale Welt holen, wo er auf Wanderschaft seiner Sehnsucht nach der blauen Blume nachgeht. Da er aber innerhalb seines Traumes sich nicht bewusst darüber ist, was er eigentlich sucht, und deshalb durch die verschiedensten, phantastischsten Welten wandert, könnte man die innere Reise tatsächlich als romantische Odyssee sehen. Romantisch deshalb, weil typische Merkmale dieser Epoche auf jeden fall den Verlauf des Textes bestimmen, wie ich schon beschrieben habe. Die Seele des Einzelnen, also Heinrichs, steht hier im Vordergrund; seine Seele findet im Traum zu einer Einheit zwischen Natur und Kosmos und er versinkt in einer transzendenten Welt.

Dieser Text enthält keine Lehre, er ist märchenhaft und evoziert herzbewegende Gefühle beim Leser. Die Erkenntnis der Universalpoesie kommt auch deutlich zum Ausdruck: Die Dinge an sich haben keine Bedeutung, aber die Poesie die in ihnen wohnt, ist das Bedeutende. Sie sollen nur Gefühle evozieren. Beziehe ich das auf den Text in Beziehung mit dem Leser, kann ich es bejahen. Heinrichs Traumreise ist eine Odyssee- auch Irrfahrt- deswegen, weil er anfangs ja noch gar nicht weiß, was er will, was er fühlt. Er möchte seine innere Verwandlung in Worte fassen, kann es aber nicht. Die beschriebenen Bewusstseinsstufen, die verschiedene Etappen seiner Odyssee sind, verhelfen ihm schließlich dazu, seine Gedanken zu ordnen. Dies ist auch durchaus nachvollziehbar, betrachtet man die `Irrungen und Wirrungen´ im jungen Alter, wo das Leben noch vor einem liegt. So zeigt der Text, welche Pforten der Traum eröffnet, in sein tiefstes Inneres zu steigen und es zu erforschen.

5 von 5 Seiten

Details

Titel
Novalis - Heinrich von Ofterdingen - Romantische Odyssee
Autor
Jahr
2000
Seiten
5
Katalognummer
V98647
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novalis, Heinrich, Ofterdingen, Romantische, Odyssee
Arbeit zitieren
Inga Knop (Autor), 2000, Novalis - Heinrich von Ofterdingen - Romantische Odyssee, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98647

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