Bewußtsein und Imagination in J.P.Sartres "Das Imaginäre"


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

24 Seiten, Note: sehr gut


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Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Vorarbeiten und Präzisierungen
1. Die notwendige Unterscheidung von Vorstellung und Wahrnehmung durch die Widersprüche in „ Ü ber die Einbildungskraft
2. Die Präzisierung der Fragestellung und Methode

III. Das ’Gesamt’ Welt und das ’Gesamt’ Vorstellung
1. Wahrnehmung und Vorstellung (leer-anvisieren und abwesend-gegeben-sein)
2. Erinnerung und Vorstellung
3. Reale und imaginierte Zukunft
4. Die Einheit der wahrgenommenen Welt
5. Das ’Gesamt’ der Vorstellung

IV. Die Konstitution des Imaginären als Index für Bewusstsein
1. Erste Bedingung: Die Irrealitätsthese
2. Der Bezug der Nichtung
3. Zweite Bedingung: Das Erfassen der Welt als Totalität
4. Dritte Bedingung: Die Freiheit der Nichtung in Bewusstsein und Welt
5. Vierte Bedingung: Das ’in-Situation-sein’ als Bedingung für die Totalität von Welt und das Imaginäre

V. Das Bewusstsein als notwendig vorstellendes
1. Der Zusammenhang von Realem und Irrealem
2. Die Einlösung des kartesischen ’cogito’
3. Die transzendentale und empirische Freiheit des Menschen

VI. Probleme
1. Erinnerung und Vorstellung
2. Das Dilemma der Setzung
3. Die Mehrdeutigkeit der Situation

VII. Schluss

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Welche Charakteristika sind dem Bewußtsein zuzuschreiben auf Grund der Tatsache, daß es ein Bewußtsein ist, das vorstellen [imaginer] kann?“1 Die Berechtigung der Fragestellung ergibt sich für Sartre aus dem Faktum, daß jemand, der sich „in einem Akt der Reflexion [...] bewußt wird, <eine Vorstellung zu haben>, [...] nicht täuschen“(15) kann. D.h. habe ich mo- mentan eine Vorstellung <von etwas>, dann habe ich keine „Beschreibung der Vorstellung als solcher“(15). Um die besonderen Merkmale einer Vorstellung zu erfassen, muß ich auf einen neuen Akt des Bewusstseins, die Reflexion, zurückgreifen. In ihr wird der Blick vom Objekt der Vorstellung auf die Art und Weise gerichtet, wie sich dieses Objekt in der Vorstellung gibt. Diese Gewissheit von Vorstellungen, die sich in dem reflexiven Akt „Ich habe eine Vorstel- lung“ manifestiert, erlaubt es Sartre nicht nur von einem „Wahrnehmungsbewußtsein“, sondern auch von einem „Vorstellungsbewußtsein“(14) zu sprechen. Um eine sinnvolle Analyse der Vorstellung durchzuführen, sollen methodisch Vorstellungen in uns selbst hervorgerufen, reflektiert und beschrieben werden. Die Folgerungen aus den Beschreibungen, die dem Übergang vom „Gewissen zum Wahrscheinlichen“(16) entsprechen, dienen dazu, um die „Charakteristika[der Vorstellung] zu determinieren und zu klassifizieren“(17). Entsprechend dieser Tatsache ergeben sich für Sartres Untersuchung folgende Fragestellungen:

1. Wie ist der Gegenstand innerhalb des Vorstellungsbewusstseins konstituiert, der sich in den verschiedenen ‘Arten’ vom Gemälde bis hin zur ‘image mentale’ präsentiert?2
2. Was ist die „<irrealisierende> Funktion des Bewußtseins“(14)? Oder: Wie ist ein „Vorstellungsbewußtsein“ überhaupt möglich?

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die zweite Frage anhand des lapidar genannten Textabschnittes „Schluß“ zu beantworten.

II. Vorarbeiten und Präzisierungen

1. Die notwendige Unterscheidung von Vorstellung und Wahrnehmung durch die Widersprüche in „Über die Einbildungskraft “

In „ Das Imaginäre “ ist Sartre eine klare Unterscheidung und Trennung zwischen Wahr- nehmung und Vorstellung gelungen, dadurch, daß er die Vorstellung in einen größeren „be- wußtseinstheoretischen Zusammenhang“3 stellt. Die Trennung und Explikation beider Be- wusstseinsweisen ergab sich aus der Tatsache problematischer Bildtheorien, angefangen von Descartes bis Husserl, die Sartre in „ Ü ber die Einbildungskraft4 einer phänomenologischen Aufklärung unterzog. In diesen Bildtheorien wurde dem Bild ein dem Ding ähnlicher Existenz- typus zugeordnet.5 D.h. das Bild wurde immer wegen der möglichen essentiellen Übereinstim- mung mit dem Ding, von dem es Abbild ist, als Ding verstanden, auch wenn es sich graduell und als Ding „zweiten Grades“6 von ihm unterschied. Problematisch zeigte sich dieser Umgang deswegen, weil, z.B. beim Verbrennen eines Bildes, auf dem eine von mir geliebte Person ab- gebildet war, nicht jene Person verbrannte, sondern nur eine Abbildung von ihr. Mit der An- nahme eines Dinges „zweiten Grades“ ließ sich dies schwerlich vereinbaren. Sartre gelang es aufzuzeigen, dass alle genannten Bildtheoretiker der „Verwechslung zwischen essentieller und existenzieller Identität“7 erlagen. Daraus ergab sich für ihn die Notwendigkeit einer von der Wahrnehmung verschiedenen „Bewusstseinsart“ gegenüber dem bildlich-dargestellten oder imaginierten Ding. Bild- oder Vorstellungsbewusstsein musste also selbst eine Synthese dar- stellen und durfte nicht wie in den bisherigen Systemen in die Wahrnehmungssynthese integ- riert sein.8

In „ Das Imaginäre “ resultiert diese Missachtung von existentieller Verschiedenheit des Ob- jektes und Intentionalität des Bewusstseins in der „Immanenz-Illusion“. Nach Sartre stellten sich jene ‘Bildtheoretiker’ „das Bewußtsein als einen von kleinen Figuren [simulacres] bevöl- kerten Ort[vor], und diese Figuren wären dann die Vorstellungen“(17). Wird jedoch die Vor- stellung so betrachtet, wie Sartre es in „dieser Arbeit versucht ha[t]“, dann „läßt sich das exis- tentielle Problem der Vorstellung nicht mehr beiseite schieben.“(283) Denn gerade die Ergeb- nisse dieser „Untersuchung der phänomenologischen Psychologie“(281) machen eine notwen- dige Unterscheidung zwischen „Wahrnehmungsbewusstsein“ und „Vorstellungsbewusstsein“ unumgänglich.

2. Die Präzisierung der Fragestellung und Methode

Um den Problemkreis einzuschränken, ließe sich für Sartre die eingangs in der Einleitung gestellte Frage auch im Sinne einer kritischen Analyse stellen: „Was muß ein Bewußtsein im allgemeinen sein, wenn es zutrifft, daß eine Vorstellungsbildung immer möglich sein muß?“(281) Als solche betrachtet geht sie vom transzendentalen Gesichtspunkt Kants aus und ist für die meisten Philosophen die gewohnte Fragestellung.(Vgl.281) Da diese Fragestellung jedoch nur auf eine Bewusstseinsweise referiert, bei der die Vorstellung mit unter diese gefasst wird, kann der „tiefste Sinn des Problems“ nur von einem „phänomenologischen Gesichts- punkt“(281) aus beantwortet werden.

Durch die phänomenologische Zugangsweise - und speziell die Reflexion auf die Vorstel- lung - zeigt sich mir die Art und Weise an, in der sich das Objekt der Vorstellung konstitu- iert.(Vgl.15) Für diesen Schritt ist jedoch „phänomenologische Reduktion“(281) nötig. Wird diese innerhalb des wahrnehmenden Bewusstseins ausgeführt, dann befinden wir uns in Präsenz des transzendentalen Bewusstseins, das sich uns in unseren reflexiven Beschreibungen zeigt. Innerhalb dieser zeigen sich Begriffe, die das „Ergebnis unserer eidetischen Wesensschau <Bewußtsein> fixieren“(281). Deckt die Wesensschau eine bestimmte Konstitutionsweise für Welt auf, so ist dennoch „evident, daß sie uns nicht lehr[t], daß das Bewußtsein für eine solche Welt konstitutiv sein muß“(281). Aber in jener Art und Weise ist vorerst eine „kontingente und irrationale Spezifizierung“(281) des noematischen Wesens Welt gegeben. Das Aufzeigen dieses „Gesamt“(282) von Welt müsste eine Erklärung von Vorstellungen enthalten können.

Da sich aber nach Sartre dieses Aufzeigen für einige Phänomenologen als ‘metaphysisch’ gestaltet, die das „kontingente Seiende in[ihrem] Gesamt zu sehen versuch[en]“(282), muss die Fragestellung nochmals präzisiert werden: „Ist die Funktion des Vorstellens eine kontingente und metaphysische Spezifizierung des Wesens <Bewußtseins>, oder muß sie vielmehr als eine konstitutive Struktur dieses Wesens beschrieben werden?“ (282) Ist also eine Bewusstsein denkbar, das nie vorstellen könnte und ganz im Realen aufginge? Durch eine einfache reflexive Prüfung des Wesens <Bewusstseins> müsste sich diese Frage beantworten lassen. Da Sartre jedoch seine Leserschaft nicht mit der eidetischen Methode vertraut sieht, muss das Vorgehen der Untersuchung neuerdings umrissen und ein Umweg gegangen werden.

Mittels der „kritischen Analyse“, d.h. durch eine „regressive Methode“(282), müsste ein Zugang zur Frage gefunden werden, was ein Bewusstsein sein muss, um vorstellen zu können. D.h. welche Differenzen zwischen Wahrnehmung und Vorstellung, ausgehend von der Erfah- rung von Welt, deuten auf ein gegenseitiges Verhältnis hin, bei dem angezeigt wird, welche Bedingungen bei der Vorstellungsbildung bereits in der Wahrnehmung vorhanden sind. Daran anschließend werden die Ergebnisse „mit denen verglichen, die uns die kartesische Intuition des Bewußtseins[...], realisiert durch das cogito“(282) gibt. Diesen Vergleich scheint Sartre für notwendig zu erachten, um herausstellen zu können, ob für die Realisierung eines vorstellenden Bewusstseins die gleichen oder andere Bedingungen wie für ein Bewusstsein im allgemeinen erforderlich sind.

III. Das ‘ Gesamt ’ Welt und das ‘ Gesamt ’ Vorstellung

Die folgenden Punkte dienen zur Ausdifferenzierung der beiden Charaktere des ‘Gesamt’, das sich als Welt oder Vorstellung konstituiert. Ein umfassendes Verständnis von Protention und Retention, die von sich aus die Möglichkeit einer Vorstellungsbildung tragen und über ihre eigenen Grenzen hinausweisen, dient Sartre dazu, um das Bewusstsein von Welt und Imaginä- ren genauer zu erfassen. Es wird aufzuzeigen sein, dass die als Welt gefasste „Totalität“ ihr Pendant in der Vorstellung findet, wobei es nicht dem Zufall überlassen ist, was die Vorstel- lung sein wird, da sie sich nur auf dem genichteten Hintergrund der Realität konstituieren und von ihm her ihren Sinn erfahren kann. Selbst wenn in den Erscheinungsformen von Erinnerung und Vorstellung einer scheinbare Nähe oder Identität vorzuliegen scheint, ist stets eine katego- riale Unterscheidung beider Bewusstseinsarten mit der ihr eigenen Konstitutionsweise möglich.

1. Wahrnehmung und Vorstellung (leer-anvisieren und abwesend-gegeben-sein)

In einer beliebigen Wahrnehmung richten sich leere Intentionen - im Sinne Husserls ‘Hori- zonte’ - auf andere Seiten und andere Elemente des Objektes, die selbst nicht anschaulich ge- geben sind. Dennoch erfasse ich das verdeckt Gegebene als gegenwärtig existierend und kei- neswegs als abwesend. Das Verdeckte wird nicht für sich selbst erfasst, indem ich es durch ein Analogon versuche zu vergegenwärtigen, sondern als jenes, das mir in seiner Fortsetzung ge- geben ist. „Ich setze also in der Art, in der ich das Gegebene erfasse, das Nichtgegebene als real. Real im selben Sinne wie das Gegebene, wie das, was ihm seine Bedeutung und seine Na- tur selbst verleiht.“(284) Das Objekt der Wahrnehmung, das sich in einer Serie von Profilen und Projektionen bildet(Vgl. 22), entsteht erst aus der Synthese all dieser Ansichten von Gege- benen und Nichtgegebenen, wobei das Phänomen eines Objektes in der unendlichen Zahl seiner Seiten besteht.(Vgl. 24) Danach steht jedes wahrnehmbare Objekt auch in einer unendlichen Anzahl von Beziehungen zu anderen Dingen. Im Bereich der Dinge besteht also einen „Ü- berfluß“(24), bei dem man in jedem Augenblick mehr zu ’sehen’ vermag, als uns eigentlich wahrnehmbar gegeben ist. Diese Art der ‘Emanation’ ist konstitutiv für die Natur des Objek- tes. Das Nichtgegebene ist somit „kopräsent als wesentliche Existenzbedingung der gegenwär- tig wahrgenommenen Realität“(284). Die Objektfülle zeichnet sich weiterhin dadurch aus, dass sie „auf dem Hintergrund der totalen Realität als Gesamt “(284)“ wahrgenommen wird. Die Bedeutung der ‘Realität als Gesamt’ wird später noch zu klären sein, da sie eine wichtige Rolle bei der Konstitution des Imaginären einnimmt.

Daraus ist für Sartre ersichtlich, dass der vorstellende Akt Gegenteil des realisierenden Ak- tes ist. Denn im vorstellenden Akt richtet sich meine Aufmerksamkeit auf das Nichtgegebene9 und isoliert es, „ganz wie ich auf dem Hintergrund eines undifferenzierten Universums die Sa- che, die ich gegenwärtig wahrnehme, isoliere“(284). Zwar zeigt sich das ‘abwesend Gegebene’ auch hier mit Profilen und Projektionen, jedoch „müssen wir nicht die Runde darum ma- chen“(23), da es sich mir direkt als dasjenige gibt, was es ist. Die exakte Organisiertheit nimmt ihm den Charakter der ‘Unendlichkeit’ und belässt es mit einer „wesenhaften Armut“(24). Ich höre auf, das vormals ‘leer Gegebene’, das tatsächlich in diesem wahrgenommenen Objekt existiert, vom Gegenwärtigen aus anzuzielen. Dabei wird es gerade und notwendig als abwe- send erfahren und „ erschein[t] mir als leer gegeben“(285). Das Nichtgegebene gibt sich hierbei als ein „Nichts für mich“(285). Somit ist der „imaginative Akt zugleich konstituierend, isolie- rend und nichtend “(285).

2. Erinnerung und Vorstellung

Ein Ereignis aus der Erinnerung wird für Sartre nicht vorgestellt, sondern eben erinnert. D.h. ich setze die Erinnerung nicht als abwesend-gegeben, sondern gegenwärtig-gegeben in der Vergangenheit. So hat für Sartre ein Geschehnis des Vortages beim Übergang in die Vergan- genheit keine Identitätsmodifikation erlitten, sondern nur eine „Zurruhesetzung“(285). Das Ereignis bleibt immer noch real, aber eben vergangen. „Es besteht vergangen, was eine reale Existenzart unter anderen ist.“(285) Wenn ich dieses Ereignis neu erfassen will, dann visiere ich es dort an, wo es ist und richte mein Bewusstsein „auf dieses vergangene Objekt, das ges- tern ist, und innerhalb dieses Objekts finde ich das Ereignis wieder, das ich suche“(285).10 Für Sartre können demnach Zeitpunkte als Objekte der Intentionalität dienen. Wie ich das Nichtge- gebene eines Objektes nur durch Positionswechsel oder Verrücken real sehen kann und durch Versetzen suchen muss, so rufe ich die Erinnerung nicht hervor, indem ich mich an dieses oder jenes einfach erinnere, sondern mich dahin versetze, wo sie ist. Dabei richtet sich mein Be- wusstsein auf die Vergangenheit, wo die Erinnerung „mich als reales Ereignis zur Ruhe gesetzt [à la retraite] erwartet“(285).

Repräsentiere ich dagegen das Objekt der Vorstellung, das im Augenblick nicht wahrnehmbar ist oder existiert, dann erfasse ich es als nicht gegeben oder als unerreichbar gegeben. „Auch hier erfasse ich wiederum nichts, das heißt, ich setze das Nichts.“(286) Die Vorstellung einer abwesenden Person nimmt damit eine ungeahnte Nähe zum imaginierten Zentauren ein, die beide „Aspekte des Nichts“(286) darstellen.

3. Reale und imaginierte Zukunft

Die reale Zukunft ist der zeitliche Hintergrund, auf dem sich meine gegenwärtige Wahr- nehmung entwickelt. Sartre versucht dies anhand eines Tennisspiels zu verdeutlichen. Wenn ich meinen Gegner den Ball schlagen sehe, springe ich bis zum Netz vor. Ich antizipiere also die Flugbahn des gegnerischen Balles. „Aber diese Antizipation setzt den Flug des Balles zu die- sem oder jenem Punkt nicht für sich selbst.“(286) Die Zukunft ist hier die Entwicklung einer durch die Geste meines Gegners begonnen „Form“ (286), wobei die reale Geste ihre Realität der ganzen Form mitteilt. „Anders gesagt, die reale Form mit ihren Zonen von real-vergangen und real-zukünftig realisiert sich ganz durch seine Geste hindurch. Mein Voraussehen ist noch Realität, ich fahre fort, die Form zu realisieren, indem ich sie voraussehe, denn mein Vorausse- hen ist eine reale Geste im Innern der Form. So gibt es nach und nach eine ganz reale Zukunft, die sich einfach wie die reale Vergangenheit als der Sinn einer augenblicklichen Form in Entwicklung erweist oder auch als die Bedeutung des Universums.“(286)

Die imaginierte Zukunft ist dagegen für sich gesetzt, aber „als das, was noch nicht ist“(286). Versuche ich im wörtlichen Sinn ein Ereignis ‘vorauszusehen’, dann löse ich die Zu- kunft von der Gegenwart, deren Sinn sie konstituierte. Ich setze die Zukunft für sich selbst und gebe sie mir. Aber dieses Geben geschieht in der Weise, dass diese Zukunft noch nicht ist, d.h. abwesend ist und als Nichts gesetzt wird.(Vgl. 287) Zukunft kann demnach real gelebt werden, wie im Beispiel der Tennisgeste oder sie wird im Gegenteil für sich isoliert und gesetzt. Nur indem ich „sie nichte, sie als Nichts präsentifiziere“(287), kann sie von der Realität getrennt werden.

4. Die Einheit der wahrgenommenen Welt

Aus dem Gesagten folgt für Sartre, dass man von Äquivalenz sprechen kann, „ob man die realen, nicht wahrgenommenen Aspekte der Objekte als ein reales und im Leeren anvisiertes Gegenwärtiges präsentiert oder als eine reale Zukunft“(286). D.h. jedes Objekt der Wahrneh- mung gestaltet sich notwendig mit der ihm eigenen Form von ‘gegenständlicher’ und ‘zeitli- cher’ Protention und Retention.11 So ist das durch das Objekt Nichtgegebene oder ‘leer- Anvisierte’ ein Komplement zu der zeitlichen Handlung, um es für mich durch Zurechtrücken oder Positionswechsel sichtbar zu machen. Die reale Existenz gibt sich mir demnach mit „ge- genwärtigen, vergangenen und zukünftigen Strukturen“, bei der die „Vergangenheit und die Zukunft als Wesensstrukturen des Realen ebenfalls real, das heißt Korrelate einer realisieren- den Setzung“(287) sind.

Damit ist für Sartre das ‘ Gesamt ’ Welt erfasst, das sich stets als „synthetisches Ge- samt“(289) der genannten Formen erweist. In der Wahrnehmung wird dieses ‘Gesamt’ ohne Brüche und ohne fließende Übergänge zu anderen Bewusstseinsformen erfahren. Das Objekt der Wahrnehmung bleibt nicht nur ‘Identisches’ mit dem ihm eigenen Abschattungen, das es als solches im Hier und Jetzt der Wahrnehmung ausweist, sondern es muss notwendig über diese hinaus in der Konstanz seiner Zukunft und Vergangenheit gegeben sein, um als Noema des Wahrnehmungsaktes gelten zu können. Die Kontinuität ermöglicht es, das Objekt selbst in der Erinnerung zu identifizieren, wobei gleichzeitig die noetische Auszeichnung einer vormals gegebenen Wahrnehmung angezeigt ist.

1.5. Das ‘Gesamt’ der Vorstellung

Wenn es jedoch möglich ist, aus dem ‘ Gesamt ’ Welt heraus eine Vorstellung zu bilden, dann muss diese immer ‘vollständige’ Nichtung des Wahrgenommenen mit ihren einheitlichen Formen von gegenständlicher und zeitlicher Protention und Retention sein.(Vgl.288/89) Denn gibt sich das Imaginäre z.B. als Negation einer Leerintention, indem ich mir die abwesende Seite eines Schrankes vergegenwärtige, dann kann sich jene vorgestellte Leerintention nicht allein als Negation der ‘Gegenstandsprotention’ zeigen, sondern muss sich auch den weiteren Formen gegenüber abheben. D.h. die Negation einer Leerintention irrealisiert unabdingbar Raum und Zeit, in der sie als Imaginäres gegeben ist.12 Um mich auf das Objekt der Vorstel- lung zu konzentrieren ist es sogar notwendig mich selbst zu ‘verdoppeln’, wobei das Imaginäre ein ’imaginäres Ich’ verlangt, das einem imaginären Objekt in seiner irrealisierten Zeit in einem irrealisierten Raum gegenübersteht.(Vgl.197; 209)

Da Wahrnehmung als Kontinuum der genannten Formen keine ‘Lücken’ oder ‘Nischen’ beinhaltet, in denen die Vorstellung eine ausfüllende oder erweiternde Funktion besitzt, muss jedes Imaginäre mit dem „Zurückweichen des Gesamts [Welt]“(291) ausgezeichnet sein. Als vollständig negierte Realität ist die Vorstellung selbst ein neues kompositorisches Gesamt. Wenn dies der Fall ist, muss dem Vorstellungsbewusstsein ein besonderer Charakter zukom- men, weil in keiner anderen Bewusstseinsform eine ‘vollständige Negation’ anzutreffen ist.13

IV. Die Konstitution des Imaginären als Index für Bewusstsein

1. Erste Bedingung: Die Irrealitätsthese

Aus dem Zusammenhang des ‘Gesamts’ Welt wird für Sartre ersichtlich, was die wesentli- che Bedingung dafür ist, damit ein Bewusstsein vorstellen kann: „[E]s muß die Möglichkeit haben, eine Irrealitätsthese zu setzen“(287). Diese These darf jedoch nicht mit dem sprichwört- lichen Erscheinen des ‘Nichts’ vor dem Bewusstsein verwechselt werden, da seine Bedingung stets als <Bewusstsein von (etwas)> charakterisiert ist. Das vorstellende Bewusstsein muss demnach „Objekte formen und setzen können, die von einem gewissen Nichts-Charakter im Verhältnis zur Totalität des Realen affiziert sind“(287). Die vier Arten möglicher Nich- tung(Vgl.29), die sich als Vorstellung manifestieren können, zeichneten sich dadurch aus, dass ihnen der negative Setzungsakt wesentlich ist. Dieser fügte sich nicht nachträglich in die Vor- stellung ein, sondern ist „deren innerste Struktur“(287). Damit kann das Objekt jener negativen Setzung kein Reales sein, da „das dann affirmieren hieße, was man negiert“(295). Allerdings kann es sich auch nicht als „totales Nichts“(295) geben, da eben etwas negiert wird. „So muß das Objekt einer Negation als imaginär gesetzt werden.“(295) Die Erscheinung des Imaginären zeigt, dass das Nichten der Welt die wesentliche Bedingung und die primäre Struktur des Be- wusstseins ist.(Vgl.293) Das transphänomenale14 Vorstellungsbewusstsein, das selbst nicht als Objekt einer Intention erscheinen kann(Vgl.28), muss danach in der Lage sein, ein mir vorstell- bares ‘Nichts’ zu konstituieren.

2. Der Bezug der Nichtung

Worauf bezieht sich die Irrealitätssetzung als Negation genau, um eine Vorstellung konsti- tuieren zu können? Erfasse ich z.B. das Foto meiner Freundin Anne, dann höre ich auf, das auf dem Foto Dargestellte als Teil der realen Welt zu betrachten. Es ist unmöglich, dass Anne selbst durch Beleuchtungsmodifikationen um das Foto herum verändert werden kann. Dieses Foto selbst ist ein reales Ding, dass mehr oder weniger diesem oder jenem Lichteinfluss unter- worfen ist. Es zeichnet sich gerade dadurch aus, „innerweltlich“ zu sein, während es dem Be- wusstsein vorbehalten ist, „In-der-Welt-[zu]-sein“(288).15 Die objektive Natur des Fotos „hängt von[seiner] als ein raum-zeitliches Gesamt erfaßten Realität ab“(288). Als wahrgenom- menes Objekt verweist es zwar auf seine Abschattungen, wie z.B. seine Rückseite, allerdings ist das auf dem Foto Dargestellte jener Abschattung nicht unterworfen. Bilde ich Anne als Vorstellung durch das Analogon Foto hindurch(Vgl.36ff), dann kann Anne keiner Beleuch- tungsmodifikation mehr unterworfen werden. Die Beleuchtung ist durch den Fotografierenden ein und für allemal „im Irrealen entschieden worden“(288). Das ‘Sujet’ für die Vorstellung ist damit festgelegt. Selbst wenn das Foto verbrennt, dann ist es nicht Anne, die als Vorstellung verbrennt, sondern das materielle Analogon ‘Foto’. „So erscheint das irreale Objekt mit einem Mal als unerreichbar im Verhältnis zur Realität.“(288) Um Anne als Vorstellung bilden zu kön- nen, muss ich die Realität des Fotos negieren und auch sein Verhältnis zur Realität, „indem es Abstand nimmt zu der in ihrer Totalität erfaßten Realität“(288). Die Nichtung hat zur Folge, dass sich mein Vorstellungsbewusstsein nicht nur im Bezug auf das reale Foto, sondern auch von dessen „innerweltlichen“ ‘Umgebung’, also der bis dahin wahrgenommenen Welt, frei macht. Für die Vorstellung von Anne ist es nicht möglich, dass sie kopräsent mit einer Wahrnehmung existieren kann.(Vgl.39)

3. Zweite Bedingung: Das Erfassen der Welt als Totalität

Aus diesem Zusammenhang ist deutlich geworden, wie der wesentliche16 Aspekt der Vorstel- lung ausgezeichnet werden kann: „Eine Vorstellung setzen heißt, ein Objekt am Rand der To- talität des Realen konstituieren, das Reale also auf Distanz halten, sich davon frei machen, in einem Wort, es negieren. Oder, so könnte man auch sagen, von einem Objekt verneinen, dass es zum Realen gehört, heißt das Reale insoweit verneinen, als man das Objekt setzt; die beiden Negationen sind komplementär, und die eine ist die Bedingung der anderen.“(288/89)

Was aber heißt „Totalität“ erfassen, um das Reale negieren und eine Vorstellung konstituie- ren zu können? Für Sartre ist diese „Totalität“ des Realen die Welt, die von dem Bewusstsein als „synthetische Situation“(289)17 erfahren wird. Diese ‘synthetische Situation’ zeigte sich für das Wahrnehmungsbewusstsein als die Einheit von ‘gegenständlicher’ und ‘zeitlicher’ Protenti- on und Retention. Darüber hinaus muss jene Einheit des Wahrgenommenen ein Bewusstsein implizieren, welches sich der „Totalität“ des Realen entgegensetzt und sich nicht als Teil dieser „Totalität“ versteht. Die Erfahrung von Welt grenzt hiernach das Reale in seiner „Innerwelt- lichkeit“ von einem Bewusstsein, das „In-der-Welt“ ist, ab.(Vgl.288) Das ‘bewusst-Haben’ von Totalität versteht sich nicht als Vorfinden des Realen im Bewusstsein, da dies hieße, dass das Erfassen der Totalität das ganze Bewusstsein selbst ist und man erneut in die Immanenz- Illusion zurückfallen würde. Wäre dieses Bewusstsein selbst „innerweltlich“ und befände es sich im ’innern der Welt des Existierenden’(Vgl.289), dann wäre es hilflos im Bezug der Ein- wirkung verschiedener Realitäten und unfähig eine Vorstellungsbildung zu ermöglichen. In dieser ’Situation’ würde es ihm untersagt sein, weder die Totalität der Realität zu erfassen, noch diese jemals überschreiten zu können. „Dieses Bewußtsein könnte also nur reale, durch reale Einwirkungen hervorgerufene Modifikationen erhalten, und jede Imagination wäre ihm versagt, in genau dem Maße, in dem es in das Reale eingetaucht wäre.“(289) Das Bewusstsein, insofern man es als solches noch bezeichnen könnte, unterläge dem „psychologischen Determi- nismus“(289) und wäre stets unfähig etwas anderes als Reales zu produzieren. Demnach offen- bart sich hier erstmals ein Bewusstsein, das unabhängig im Bezug zu der von ihm erfassten Totalität steht.

Stellt das Erfassen der Totalität einen wesentlichen Punkt für die Vorstellungsbildung dar, dann können die Bedingungen für ein vorstellendes Bewusstsein doppelt gefasst werden. Ers- tens muss ein Bewusstsein existieren, das die Welt in ihrer synthetischen Totalität setzen muss. Zweitens muss ein vorgestelltes Objekt als unerreichbar im Verhältnis zu diesem synthetischen Gesamt erfahren werden. D.h. die Welt muss als ein Nichts im Bezug auf die Vorstellung ge- setzt werden können.

4. Dritte Bedingung: Die Freiheit der Nichtung in Bewusstsein und Welt

Wie ist es jedoch möglich, dass ein Bewusstsein sich zum Verhältnis der Welt setzen und damit überhaupt Totalität erfahren kann?

Geht man von den Bedingungen des Imaginären aus, dann muss ein Bewusstsein, um vorstellen zu können, sich „der Welt durch sein Wesen selbst entziehen, von sich aus einen Ab- stand zur Welt einnehmen können“(289). Dieses ‘von sich aus’ setzt nach Sartre die Entscheidung einer Nichtung voraus, die selbst nur durch die notwendige Freiheit des Bewusst- seins(Vgl.289; 293) und nicht nur durch eine Motivation innerhalb der Welt gegeben sein kann. Da die Bedingung für die Irrealitätssetzung die Nichtung des Realen ist, muss diese Freiheit der Nichtung ein Wesen konstituieren, das sich dem ‘Gesamt’ Welt entgegensetzt. Die damit verstandene Vorstellung hat für Sartre die „Nichtung[...] als die Kehrseite eben der Freiheit des Bewußtseins“(289) enthüllt, bei der das Imaginäre nicht nur als genichtete Welt, sondern auch mit dem ihm eigenen Vorstellungsbewusstsein erscheint.

Die ’Vorderseite’ der Freiheit offenbart sich nach Sartre in dem Bewusstsein von Realität, in der selbst eine Nichtung vollzogen wird, die aber im Bezug auf die Vorstellungsbildung pri- mär und ohne besondere Motivation gegeben ist. Ihre Struktur ist nicht die Nichtung des schon Gegebenen, wie bei der Vorstellung, sondern die grundlegende Setzung von Bewusstsein und Welt überhaupt.18 Sartre kann deshalb von Nichtung sprechen, weil ohne Scheidung in intenti- onalen Bewusstseins und Welt ein Bewusstsein im Sinne des „psychologischen Determinismus“ beschrieben würde, bei dem es dazu verurteilt wäre, am „Seienden unlösbar festgeleimt“(294) zu sein. Jegliche Reflexion, als auch jedes Erfassen eines intentionalen Aktes als solchem wäre ihm versagt. Somit ist für Sartre die Welt als synthetische Totalität setzen, als auch ihr gegen- über ‘Abstand’ nehmen „ein und derselbe Akt“(290). Die Realität als synthetisches Gesamt setzen können genügt dabei vollständig, um sich im Verhältnis zu ihr als frei setzen zu können, wobei das „Überschreiten [...] die Freiheit selbst“(290) ist. Wird die noematische Setzung der Welt von einem Bewusstsein vollzogen, so zeigt sich diese Setzung durch seine Reflexion auf die ‘Situation’, bei der sich das Bewusstsein eben als frei erfährt.

Um vorstellen zu können genügt es, dass das Bewusstsein das Reale überschreiten kann, indem es Welt als Welt konstituiert, da die „Nichtung des Realen immer durch seine Konstitu- tion als Welt impliziert ist“(290). D.h. in der Erfahrung der Nichtung des Realen verstehe ich zuallererst den Sinn, dass sie von einem Bewusstsein als Welt gesetzt wurde und mir es ermög- licht, die Vorstellung mit dem Objekt zu präsentifizieren, dessen Abwesenheit oder Nichtexis- tenz ich in diesem Moment erfahre. Die als „leere[] Welt“(291) erfasste ’Situation’ kann dabei als erstes das Überschreiten des Realen auf das Imaginäre hin ermöglichen. Motiviert ist ein Überschreiten gerade durch die Tatsache, dass sie die Welt von „einem bestimmtem Gesichtspunkt“(290) aus betrachtet, in der eine reale Präsenz nicht gegeben ist. Denn die Tatsache der Abwesenheit definiert sich gerade dadurch, dass etwas für mich zu diesem augenblicklichen Zeitpunkt nicht gegeben sein kann.(Vgl.290)

Geschähe die Setzung von Welt als auch ihr Überschreiten als willkürlicher Akt, dann ließe eine solche Setzung den Zentauren als mögliches reales Objekt erscheinen. Damit dieser aber nur als Vorstellung gegeben ist, muss ich eine Welt erfasst haben, in der er keinen Platz hat und nicht wahrnehmbar ist. Da sich das Bewusstsein aber nicht ständig in der ‘Kontemplation’ ab- wesender oder nichtexistierender Objekte befinden kann, gestalten sich gerade „Affektivität [und] Aktion“(291) als Hauptmotivation der Vorstellungsbildung. Ist damit eine weitere Be- dingungen für die Vorstellungsbildung gefasst, dann zeigt sich die Freiheit des Bewusstseins grundlegend für alle Freiheit kann für Sartre nicht aus einer Tätigkeit heraus mo- tiviert oder durch eine bestimmte Gegebenheitsweise für das Bewusstsein indiziert werden, sondern sie ist die grundlegende Konzeption für Sartres Imagination und strukturell für jedes Bewusstsein.19

5. Vierte Bedingung: Das ‘in-Situation-sein’ als Bedingung für die Totalität von Welt und das Imaginäre

Dass das Bewusstsein Totalität erfahren und eine Vorstellungsbildung ermöglichen kann, ist nach Sartre durch das unmittelbare Erfassen seiner ’Situation’ bedingt. „Wir werden die ver- schiedenen unmittelbaren Arten des Erfassens des Realen als Welt <Situationen> nen- nen...“(291) D.h. dieses Bewusstsein muss sich als dasjenige erfahren, dass „<in Situation in der Welt ist> [...]oder [...] <in-der-Welt-ist>“(291). Im Gegensatz zur Totalitätserfassung, in der sich mir die Welt als Einheit gibt und in der ich auf das noematische Korrelat acht gebe, stellt die ’Situation’ die Gegenüberstellung dieses Bewusstseins zu jener gegebenen Einheit heraus. Die Situation definiert sich weiterhin nicht als der Vollzug der Nichtung in Bewusstsein und Welt, die durch seine Freiheit selbst bedingt war, sondern sie gibt den reflexiven Prozess wieder, in der das Bewusstsein sich zu dieser Nichtung erfahren kann.

Daher dient die konkrete Situation des Bewusstseins im Realen als Motivation für die Kon- stitution eines beliebigen irrealen Objektes, wobei die „Natur dieses irrealen Objektes [...]durch diese Motivation umschrieben“(291) ist. D.h. die Thematik der Vorstellung, ihr inhaltlicher und affektiver Bezug, wird also von der ’Situation’ selbst vorgegeben sein. Sich in einer ’Situation’ befinden bedeutet, sich als Bewusstsein im Bezug zur Welt positionieren, in der ein bestimmter Affekt oder ein gewünschtes Objekt gegeben sein wird oder nicht. Die abwesende Anne, die ich mir herbeiwünsche und jetzt nur in der Vorstellung ’präsentifizieren’ kann, wird nicht ir- gendeine sein, sondern diese konkrete Anne, die ich durch Wissen, Affekt und Augenbewe- gung(Vgl. 97-141) gegenüber der realen Situation ihrer Abwesenheit konstituieren werde. Die Vorstellung fordert dabei von sich aus, dass sich die Wahrnehmung des „synkretischen[sic!] Gesamt Welt“(291) auflöst und zurückweicht. Weicht dieses Gesamt zurück, dann konstituiert es sich gerade als Hintergrund, auf dem das Irreale sich abheben wird. Wenn also das Bewusst- sein sich dem ‘in-der-Welt-sein’ entzieht, dann gerade mit der Bedingung, dass dieses ‘in-der- Welt-sein’ die Bedingung für die Imagination darstellt, bei der die Welt als Vorgabe des imagi- nären Charakters dienen kann. Sich in ‘Situation befinden’ ist hiermit nicht die „reine und abs- trakte Möglichkeitsbedingung“ für das Imaginäre, sondern die „konkrete und genaue Motivati- on“(291) für ihr erscheinen. Denn „jedes Seiende ist, sobald es gesetzt ist, eben dadurch über- schritten. Aber es muss auch auf etwas hin überschritten werden“(294). Wird dagegen das I- maginäre, auf das sich das ‘etwas’ der Überschreitung bezieht, nicht gesetzt, dann bleiben Nichtung und Überschreitung im Seienden stecken.(Vgl.294) Überschreitung und Freiheit sind implizit gegeben, aber sie offenbaren sich nicht. Der Mensch wird im Realen gefangen gehalten und bleibt den Dingen verhaftet. Erfasst er jedoch die Situation, überschreitet er es auf das hin, „demgegenüber es ein Mangel, ein Leeres usw. ist. In einem Wort, die konkrete Motivation des vorstellenden Bewußtseins setzt selbst die vorstellende Struktur des Bewußtseins vor- aus“(294).

Konstituiert sich das Imaginäre gegenüber dem Realen, dann ist es zugleich die „Kehrseite der Situation“(294). Denn das Imaginäre, das im vorstellenden Akt mit dem ihm eigenen Sinn gesetzt wird, „repräsentiert in jedem Augenblick den impliziten Sinn des Realen“(294). Anne, die sich jetzt notwendig als imaginäre Situation gegenüber der realen versteht, konstituiert kor- relativ den Sinn der realen Situationen, um sich gerade von ihr als Imaginäres abzuheben. In der imaginierten Situation bleibt der reale Welthintergrund als genichteter bestehen, damit die reale Situation, die die Reflexion eines abwesenden Objektes ermöglichte, eine erneute Vorstel- lungsbildung ermöglichen kann und die kategoriale Bedeutung von Realität und Imagination erhalten bleibt.

Damit ist die Situation, in der sich das zur Welt genichtete Bewusstsein erfährt, der konkrete Index für die Freiheit des Bewusstseins, da nur auf ihr aufbauend die durch die regressive Methode analysierten Bedingungen - Irrealitätsthese, Nichtung und Totalitätserfassung - ihren Sinn erhalten. Letztgenannte fundieren zwar die Möglichkeit für ‘das-in-Situation-sein’, aber ohne Erfassen von Situation bleiben alle anderen Bedingungen für die Vorstellungsbildung nutzlos und der Realität verhaftet.

V. Das Bewusstsein als notwendig vorstellendes

1. Der Zusammenhang von Realem und Irrealem

Vor diesem Hintergrund kann die Verbindung zwischen Irrealem und Realen hergestellt werden. „Wenn das Bewußtsein frei ist, muß also das noematische Korrelat seiner Freiheit die Welt sein, die in jedem Augenblick und von jedem Gesichtspunkt aus ihre Möglichkeit der Ne- gation durch eine Vorstellung enthält, wenn auch die Vorstellung dann durch eine besondere Intention des Bewußtseins konstituiert werden muß. Aber umgekehrt kann eine Vorstellung, da sie Negation der Welt unter einem bestimmten Gesichtspunkt ist, immer nur auf einem Hin- tergrund von Welt und in Verbindung mit dem Hintergrund erscheinen.“(291) Sartres Ziel, dass das transzendentale Bewusstsein nicht nur für eine Welt konstitutiv ist(Vgl.281), findet sich im freien Entschluss von Nichtung, die sich als Welt oder Vorstellung konstituiert, umge- setzt.

Um also sinnvoll vom Realem, als auch dem Irrealen zu sprechen, ist es notwendig, das Bewusstsein als frei zu setzen. Aus dieser heraus explizieren sich die freie Nichtung der Welt und des Bewusstseins, die damit immer eine mögliche Vorstellungsbildung in sich trägt. Das ’Frei-sein’ gegenüber der Realiät, das sich als „in-der-Welt-sein“ definiert, und die konkrete Situation des Bewusstseins, die jeden Augenblick als Motivation für die Konstitution des Realen als auch der Vorstellung dienen muss, sind der Welthintergrund, auf denen sich das Irreale bildet. Wenn dies die Bedingungen für ein vorstellendes Bewusstsein sind, dann ist die Imagination keine Bereicherung des Wesens Bewusstseins oder eine Spezifizierung, sondern selbst Wesen dieses Bewusstseins.(Vgl. 292) Dieses freie Bewusstsein, ob es nun wahrnehmend oder vorstellend ist, charakterisiert sich durch die Fähigkeit, dass es:

1. Bewusstsein von etwas ist;
2. sich gegenüber dem Realen als Bewusstsein konstituiert, bei dem es von sich aus das Reale setzt und zu dem es nicht in einer kausalen Beziehung20 steht;
3. jederzeit in der Lage ist, das Reale zu überschreiten, weil
4. dieses Bewusstsein sich als ‘in-der-Welt-seiend’ versteht, d.h. seine Beziehung zum Realen als Situation aus Freiheit lebt.

2. Die Einlösung des kartesischen ’cogito’

In diesem Sinne verstanden ist das Bewusstsein für Sartre nichts anderes als das von Des- cartes enthüllte cogito. Denn seine Bedingung ist der Zweifel, in dem die Konstitution des Rea- len als Welt und deren Nichtung durch den Zweifel unter gleichem Gesichtspunkt zur Geltung kommt. D.h. nach Sartres Verständnis geht Descartes Zweifel an der Welt mit deren Konstitu- tion einher, da eine Gewissheit des Zweifels, an was dieser zweifelt, vorliegt, wobei die Ge- wissheit und der Vollzug des Zweifels nur durch die Konstitution von Welt gewährleistet wer- den kann. Darüber hinaus fällt „das reflexive Erfassen des Zweifels als Zweifel mit der apodik- tischen Intuition der Freiheit zusammen“(292). In dieser erneut gefassten Situation, in der ich mich als zweifelndes Subjekt jener bezweifelten Welt gegenübersehe, sind notwendig alle von Sartre genannten Bedingungen im Zweifel enthalten. Damit sind die für die Realisierung des vorstellenden Bewusstseins erforderlichen Bedingung die gleichen wie für ein Bewusstsein im allgemeinen.(Vgl.282) Das Irreale, als auch der Zweifel, werden zum ’Signum’ der Freiheit des Bewusstseins.

3. Die transzendentale und empirische Freiheit des Menschen

Die Vorstellungskraft ist demnach keine empirische oder zusätzliche Fähigkeit des Be- wusstseins, sondern das „ganze Bewußtsein, insoweit es seine Freiheit realisiert“(293). Die reale Situation dieses Bewusstseins geht stets mit dem Imaginären ‘schwanger’, wobei sie sich nicht notwendig in Imaginäres umkehren muss, sondern das Bewusstsein bietet in jedem Augenblick die Möglichkeit für das Imaginäre. Die Freiheit besteht eben darin, dass verschiedene Motivationen den Augenblick bestimmen werden, ob das Bewusstsein realisierend oder vorstellend sein wird und die damit gegebene Möglichkeit einer Nichtung vollzieht. „Das Irreale wird außerhalb der Welt hervorgerufen durch ein Bewußtsein, das in der Welt bleibt, und weil es transzendental frei ist, stellt der Mensch vor.“(293)

Als transzendental freies Bewusstsein stellt die Vorstellung auch eine „notwendige Bedin- gung der Freiheit des empirischen Menschen“(293) dar. Ist transzendental die Freiheit des Be- wusstsein für eine Nichtung gegeben, dann kann sich diese nur in einer möglichen Handlung, Zukunft oder Vorstellung zeigen, bei der die passiv erfasste Welt in meiner Aktivität ’über- wunden’ wird und es zu einem ’Entwurf’ meines Bewusstseins zu dieser Welt in einer mögli- chen Vorstellung oder Handlung kommt. Das ‘Nichts’ dieses Vollzuges wird dabei keine Intui- tion oder indirekte Erfahrung des Nichts sein, weil dieses Nichts - in das ich fliehen kann und das die Freiheit seines Wunsches umsetzt - „prinzipiell <mit> und <in>“(293) einem Bewusst- sein vollzogen werden muss. Die Vorstellung wird dabei bedeutungsvoll vor dem Welthinter- grund, von dem sie sich abzuheben versucht. Das im Sartreschen Sinne verstandene Nichts der Vorstellung kann sich hierbei nur „als eine Infrastruktur von etwas“(293) zeigen. „Das Hinein- gleiten der Welt in das Innere des Nichts und das Auftauchen der menschlichen Realität in die- sem gleichen Nichts kann nur durch die Setzung von etwas geschehen, das im Verhältnis zur Welt Nichts ist, und im Verhältnis zu dem die Welt Nichts ist. Damit definieren wir offensicht- lich die Konstitution des Imaginären.“(293)

VI. Probleme

1. Erinnerung und Vorstellung

Sartres Ziel ist es, eine klare Scheidung zwischen dem ‘Gesamt’ Welt und dem ‘Gesamt’ Vorstellung zu finden, um dem dazugehörigen Akt eigene Gültigkeit und Unabhängigkeit zu gewähren. Bei der Gegenüberstellung von Erinnerung und Vorstellung wird dies jedoch prob- lematisch. Die kategoriale Unterscheidung ist nur dann möglich, wenn die Erinnerung als reales Ereignis in die Vergangenheit gesetzt wird.(Vgl. 285) D.h. ich bin gezwungen, die Erinnerung als weiter zurückliegende Retention einer Wahrnehmung zu betrachten. Dies ist zwingend, weil Sartre in Erklärungsprobleme gerät, wenn es um die Unterscheidung einer erinnerten Imagina- tion von einer Wahrnehmungserinnerung geht. Wenn ich mich aber in die Vergangenheit setze, um die Erinnerung „zur Ruhe gesetzt“(285) anzutreffen, dann begegnen mir beide mögliche Arten der Erinnerung in gleicher Auszeichnung, wobei die ‘ungeahnte Nähe’ zwischen dem imaginierten Zentauren und dem abwesenden Peter einem möglichen Zusammenfallen nahe ist.(Vgl. 286) Denn es ist schwer nachvollziehbar, wie sich die ‘wiedergefundene’ Erinnerung nicht mit den Eigenschaften einer Vorstellung beschreiben lassen soll. Wenn sich die Wahr- nehmungserinnerung als „zur Ruhe gesetzt“ identifiziert, dann ist ebenfalls bei Erinnerung einer Imagination der retentionale Bezug zu einer Gegenwart gewährleistet, da es eben auch hier einen Zeitpunkt gab, in der ich etwas imaginierte. Der Zeitindex, der die Wahrnehmungserinne- rung sichern soll, ist damit sinnlos. Bleibt diese vage, dann ist schon die Retention einer Wahr- nehmung einem imaginativen Akt nahe, wobei nicht eindeutig wäre, wo sie endende Retention und beginnende Imagination ist. Als Konsequenz müsste schon die Wahrnehmung mit Elementen der Vorstellung - z.B. Wissen - durchsetzt sein.21

2. Das Dilemma der Setzung

Sartre macht deutlich, dass „der Existenz eines Objektes für das Bewußtsein noetisch eine Setzung [thèse] oder Position der Existenz“(283) entspricht. Während es Husserl in den „I- deen“ gerade darauf ankam, die Welt in ‘Klammern’ zu setzen und im Bezug auf die Wirklich- keit epoché zu üben, um deren noematischen Sinn zu erfassen, geht Sartre den umgekehrten Weg, indem sich für ihn ‘Welt’ schon als Setzungsakt des Bewusstseins versteht. Wenn sich Husserls epoché als „freie[] Tat der Urteilsenthaltung“22 gestaltet, dann nicht zum Zweck einer vollständigen Ausblendung von Welt und empirischen Ich, sondern um deren Sein dahinzustel- len, um diesen Glauben an das Sein zum phänomenologischen Gegenstand des Fragens in den Blick zu bekommen.23

Wenn aber nach Sartre durch die Freiheit des Bewusstseins zwischen Welt und Bewusstsein geschieden wird, dann ist diese aktive Konstitution nicht mit der passiven Affizierung der Welt vereinbar. Die Existenz eines Objektes entspricht ja der noetischen Setzung meines Bewusst- seins, wobei jedoch die ‘Kennzeichen’ des Realen - die ‘Emanation’(Vgl.24) und damit unend- lichen Horizonte eines Objektes - nicht einer aktiven Noese unterworfen sind. Wie gelingt es also einem Bewusstsein eine existente Welt aktiv zu konstituieren, die es anschließend passiv und unabhängig erfährt? Wahrnehmung muss für Sartre passiv sein, damit sich mir die Mög- lichkeit einer Situationserfassung als aktive Handlung aufdrängt. Wären alle Weisen meiner Intentionalität aktiv, dann hätten wir ein freies Bewusstsein, dem jedoch die Möglichkeit zur Situationserfassung unmöglich wäre, da dieses aufgrund seiner Freiheit keinen motivierten Zweck zur Realitätsüberschreitung und Reflexion auf die Totalität der Welt besäße. Würde ich Situation erfassen, dann wüsste dieses Bewusstsein nicht, woraufhin es die Realität überschrei- ten sollte, weil die Imagination als eine unbestimmte und subsummierte Weise eines Bewusst- seins gegeben wäre. Jede aktiv eingreifende Intentionalität, bei der das Erfassen von Situation unnütz und unsinnig erscheinen würde, resultierte in einen Konstruktivismus, der dabei transzendental durch das vollkommen freie Bewusstsein bedingt wäre.

3. Die Mehrdeutigkeit der Situation

Da im Erfassen der Situation die Motivation für eine Nichtung gegeben sein kann, jedoch „Affektivität [und] Aktion“(291) als Hauptmotivation für die Vorstellungsbildung gelten, er- gibt sich ein Widerstreit der ’Situation’. Im Sinne einer Motivation muss die Situation dennoch von Affekt und Wille überschritten werden, damit sie selbst nicht Affekt, sondern Reflexion der Welterfahrung und Bedingung eines Affektes, bleibt. Bei der Situation als Affekt wäre unklar, wie sie den Sinn des Realen explizieren sollte und die Totalität der Welt erfassen könnte, da die Natur des realen wie irrealen Objektes von der Situation abhängig sein wird und nicht vom Affekt(Vgl.291). Die Bedingung der Situation würde selbst von einem Affekt abhängig sein, wobei dessen Motivation ad infinitum hinterfragt werden könnte und keine Fundierung durch eine Situation mehr möglich wäre. Bleibt die Situation jedoch Bedingung für Affekt und Wille, dann ist deren Bezug zu diesen nicht mehr herstellbar, weil innerhalb der Situation keine Moti- vation für Wille und Affekt vorfindbar ist, sondern diese selbst auf mystische Weise eine Vor- stellung zu motivieren vermag.(Vgl.291) In diesem Gebrauch bleibt sie zwar in den Grenzen des Wahrnehmungsbewusstseins, bleibt aber als Mittler nicht mehr der Garant für die Präsenti- fizierung eines abwesenden oder nichtexistenten Objekts, das in der Vorstellung erscheinen soll. Die Frage nach der Fundierung und genauen Inhaltlichkeit kann demnach nicht beantwortet werden.

Darüber hinaus scheint die Situationserfassung selbst schon in den Bereich des Imaginären zu gehören. Selbst wenn das Bewusstsein sich nicht notwendig in Imaginäres umkehren muss, sondern in der Freiheit einer möglichen Überschreitung besteht, dann ist das reflexive Erfassen des Bewusstseins, dass es sich in ‘Situation’ befindet, selbst Teil des Imaginären, weil die ’Si- tuation’ für ein Bewusstsein in der Wahrnehmung nicht vorfindbar ist. Die Situation bestand ja gerade darin, dass sie die Nichtung von Welt und Bewusstsein, sowie von Totalität zu diesem Bewusstsein, begreiflich macht. Diese Tatsache konnte selbst kein Bestandteil der unmittelba- ren Wahrnehmung, sondern nur ein reflexiver Prozess sein. Als reflexiver Prozess deutet sie aber ein ‚Objekt’ an, das nicht in der Wahrnehmung anzutreffen ist: mein Bewusstsein. Bewusstsein zu haben, als auch es als solches zu erfassen, wäre hiernach selbst schon etwas Ima- ginäres.

Weiterhin konnte der Sinn des Realen und der Situation erst dann verdeutlicht werden, nachdem das Reale überschritten(Vgl.294) und das Imaginäre gesetzt wurde. D.h. ‚Situation’ konnte erst im Moment des Irrealen definiert und erlebt werden. Das Reale überschreiten hieß aber auch, zu wissen, mit welchem Objekt ich die Vorstellung präsentifizieren werde. Innerhalb der Situation deutet sich aber dieses schon Abwesende durch ein negatives Ausschlussverfah- ren24 - noch ohne konkreten Inhalt - an, was ja erst in der Vorstellung gegeben werden darf. Das als abwesend Angezeigte, das dem Imaginären vorbehalten war, geht in die reale Situation über. Als Motivation für das Imaginäre sollte ja nicht das Abwesende selbst, sondern die Situa- tion oder der Affekt verantwortlich sein. Innerhalb von Affekt und Situation bewegt man sich erneut im Imaginären, weil das Objekt meines Wunsches, das ich vorstellen werde, in einer Welt umrissen ist, in der es nicht existiert. Bleibe ich im Realen verhaftet, dann ist die Passivität des Bewusstseins gewährleistet. Beginne ich jedoch Situation zu erfassen, dann sind die mit ihr zusammenhängenden ’Komponenten’ - Bewusstsein, Totalität von Welt, Situation - imaginär, wobei es nur noch eines neuen Aktes bedarf, um das ’besondere’ Imaginäre zu konstituieren. Daraus ergibt sich der Widerspruch, dass die Situation notwendig in die Sphäre der Wahrneh- mung - um sie zu überschreiten -, als auch in die Sphäre der Vorstellung - um den Sinn des Realen zu verdeutlichen - gehört.

VII. Schluss

Für Sartre ist jegliches Bewusstsein mit der Möglichkeit zur Vorstellungsbildung gegeben. Ein Bewusstsein, das aufgrund seiner Freiheit nicht vorstellen könnte, ist unmöglich. Selbst wenn die Vorstellungsbildung in einer möglichen Überschreitung verbleibt und nicht vollzogen wird, so kann es „kein realisierendes Bewußtsein ohne vorstellendes Bewußtsein geben und umgekehrt“(295). Die Bedingungen für ein vorstellendes Bewusstsein - Irrealitätsthese, Totali- tätserfassung und freie Nichtung - sind die gleichen wie für ein Bewusstsein im allgemei- nen.(Vgl.282) Die Freiheit des Bewusstseins, die trotz allem als willkürliche Setzung Sartres erscheint, ist der Ausgangspunkt für die Entscheidung einer Realitätssetzung als auch ihrer Überschreitung. Das Imaginäre, das auf dem „Welthintergrund“(295) erscheinen wird, ist be- dingt durch die Fähigkeit sich ‘in Situation’ zu erfahren. Durch diese wird mir die Abwesenheit oder Nichtexistenz des Objektes bewusst, das ich daraufhin nur in der Vorstellung präsentifi- zieren kann. Nur ein imaginärer Akt, verstanden als Irrealitätsthese und Nichtung, vermag die Totalität der Welt, die keine Brüche und fließende Übergänge kennt, in eine neue imaginäre Totalität zu verwandeln. Die Situation als konkreter Index für Bewusstsein soll dabei den Sinn des Realen explizieren, ohne selbst dem Irrealen zugehörig zu sein. Ob als realer oder imagi- nierter Bestandteil zeigt sie dennoch die empirische und transzendentale Freiheit des Menschen und dient als Explikation des Sinnes der drei genannten Bedingungen, ohne diese selbst zu fun- dieren. Gelingt die erfolgreiche Explikation der Realität und die Konstitution des Imaginären, dann wird die Vorstellung „ohne jemals für sich gesetzt zu werden“(295) erlebt. Ihre wesenhafte Armut wird ein neues kompositorisches Gesamt bilden, die dennoch eine einzigartige Form von Nichtung repräsentiert. Imagination ist damit kein weiteres Charakteristikum des Bewusstseins, sondern eine „wesentliche und transzendentale Bedingung des Bewußtseins“(295) überhaupt. „Es ist ebenso absurd, ein Bewußtsein zu denken, das nicht vorstellte, wie ein Bewußtsein, das nicht das cogito vollziehen könnte.“(295)

VIII. Literaturverzeichnis

1.Primärliteratur:

Sartre, Jean-Paul: Das Imaginäre. Hamburg: Rowohlt 1994.

Sartre, Jean-Paul: Über die Einbildungskraft. in: Die Transzendenz des Ego. Hamburg: Rowohlt 1964. S.53ff.

2.Sekundärliteratur:

Engelhardt, Hartmut: Das Imaginäre. in: Philosophischer Literaturanzeiger XXV. Frankfurt a. Main: Klostermann 1972. S.259-264.

Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Tübingen: Niemeyer 171993.

Husserl, Edmund: Grundprobleme der Phänomenologie: 1910/11. Hamburg: Meiner 1992 (=Philosophische Bibliothek; Bd.348).

Huxley; Aldous: Die Pforten der Wahrnehmung. Himmel und Hölle. München: R.Piper & Co.Verlag 171981 (=Serie Piper 6).

König, Christoph: Dialektik und ästhetische Kommunikation: Jean-Paul Sartres philosophische Phasen. Frankfurt a.M.; Bern: Lang 1982 (=Europäische Hochschulschriften: Reihe 20, Philo- sophie; Bd.78).

Ströker, Elisabeth: Husserls Werk: Zur Ausgabe der gesammelten Schriften. Hamburg: Meiner 1992 (=[Gesammelte Schriften/Edmund Husserl]).

Waldenfels, Bernhard: Phänomenologie in Frankreich. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987 (=Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 644).

Wiesing, Lambert: Phänomenologie des Bildes nach Husserl und Sartre.In: Die Freiburger Phänomenologie. Hrsg. v. Ernst Wolfgang Orth. Freiburg(Breisgau); München: Alber 1996 (=Phänomenologische Forschung; Bd.30). S.255-281.

[...]


1 Sartre, Jean-Paul: Das Imaginäre. Hamburg: Rowohlt 1994. S.281. Im folgenden werden alle aus dem „Ima- ginären“ entnommenen Zitate nur noch durch Seitenangaben in Klammern innerhalb dieser Arbeit wiederge- geben.

2 Die Beantwortung dieser Frage findet sich im „Ersten Teil“ bis „Vierten Teil“ des „Imaginären“. In der Beschreibung des jeweiligen noematischen Korrelats der Vorstellung werden bereits implizit Eigenschaften des Vorstellungsbewusstseins aufgedeckt.

3 Merks-Leinen, Gabriele: Jean-Paul Sartre. Das Imaginäre. Phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft. in: Archiv für Geschichte der Philosophie. LVI. Nr.2. Berlin: de Gruyter 1974. S.232.

4 Sartre, Jean-Paul: Über die Einbildungskraft. in: Die Transzendenz des Ego. Hamburg: Rowohlt 1964. Neuere Ausgaben übersetzen richtig mit „Die Imagination“.

5 Vgl. ebd. S. 53ff.

6 Ebd., S. 55.

7 Ebd.

8 Ebd., S.149.

9 Damit ist im Text der ‘Horizont’ oder die ‘Abschattung’ eines Objektes gemeint, die in der Wahrnehmung gerade leer-gegeben war.

10 Demnach kann man davon sprechen, dass das Erinnern ein Zugehen auf das Nichts ist, während das Vorstellen ein Setzen des Nichts ist.

11 Diese Termini sind im Text nicht anzutreffen. Die Rechtfertigung entnehme ich aus dem Zusammenhang, in dem Sartre von der Natur des Objektes ’als raum-zeitlichem Gesamt’(Vgl.288) spricht. Zur Spezifizierung dieses Abschnittes kann man also genauer von ‘Dingprotention’ und ‘Dingretention’, sowie ‘Zeitprotention’ und ‘Zeitretention’ in der Wahrnehmung sprechen.

12 „Ganz allgemein ist nicht nur die Materie des Objektes irreal: alle Raum- und Zeitbestimmungen, denen es unterworfen ist, haben an dieser Irrealität teil.“(200)

13 In Sartres Text werden ‘Nichtung’ und ‘Negation’ gleichwertig nebeneinander benutzt.

14 König, Christoph: Dialektik und ästhetische Kommunikation. Jean-Paul Sartres philosophische Phasen. Frankfurt am Main; Bern: Lang 1982. S.12.

15 Das „in-der-Welt-sein“ könnte als adäquate Übernahme der Heideggerschen Terminologie als das Erfassen der Situation wiedergegeben werden(siehe Punkt IV5), während das „innerweltlich-sein“ die gegenständliche Umwelt meiner Wahrnehmung, z.B. Annes Foto(siehe IV2), beschreibt.

16 Aus dem Zusammenhang des Textes können ‘Totalität’, ‘Gesamt Welt’ und ‘synthetisches Gesamt’ gleichgesetzt werden.

17 Genau genommen hätte Sartre hier von ‘Gesamt’ sprechen müssen, da „Situation“ im Verlaufe des Textes eine weitere Bedeutung besitzt, die noch zu erläutern ist.

18 „Wenn das Bewusstsein frei ist, muß also das noematische Korrelat seiner Freiheit die Welt sein...“(291)

19 Gerade in „Das Sein und Nichts“ ist das ’zur Freiheit verurteilte Bewusstsein’ Bedingung aller weiteren Handlungen.

20 Gemeint ist der Ausschluss des „psychologischen Determinismus“, der, wenn es ihn gäbe, keine hinreichende Erklärung für das Situationserfassen bieten könnte.

21 Vgl. Wiesing, Lambert: Phänomenologie des Bildes nach Husserl und Sartre. in: Die Freiburger Phänomenologie. Hrsg. v. Ernst Wolfgang Orth. Freiburg(Breisgau); München: Alber 1996 (= Phänomenologische Forschung; Bd.30). S.274ff.

22 zit.n. Ströker, Elisabeth: Husserls Werk: Zur Ausgabe der gesammelten Schriften. Hamburg: Meiner 1992 (=[Gesammelte Schriften/Edmund Husserl]). S.85.

23 Vgl. ebd.

24 Damit meine ich, dass beim Verstehen der Realität zugleich mitgedacht wird, was in diese gerade nicht hineingehört. Das Auftauchen eines Zentauren in der Realität dürfte mich nach Sartre erst dann überraschen, wenn das Erfassen der Situation dessen Unmöglichkeit aufgezeigt hat.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Bewußtsein und Imagination in J.P.Sartres "Das Imaginäre"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
HS Jean-Paul Sartre - Das Imaginäre
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
24
Katalognummer
V98700
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bewußtsein, Imagination, Sartres, Imaginäre, Jean-Paul, Sartre, Imaginäre
Arbeit zitieren
Thomas Michael Jahn (Autor), 1999, Bewußtsein und Imagination in J.P.Sartres "Das Imaginäre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98700

Kommentare

  • Gast am 6.2.2001

    Bewusstsein....

    Toll!!

  • Gast am 29.5.2006

    Sartre.

    An manchen Stellen holprig zu lesen, ansonsten aber sehr gut!

    Die Arbeit war für mich sehr nützlich :-)

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