Michael Heidelbergers Auslegung der "Leib-Seele-Theorie"


Seminararbeit, 2000

22 Seiten, Note: 2,0


Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

1. VORWORT

2. ZUR PERSON HEIDELBERGERS UND FECHNERS

3. HEIDELBERGERS THESE: IDENTITÄT VON LEIB UND SEELE

4. CHARAKTERISIERUNG DES ERSCHEINUNGSZUSAMMENHANGS VON LEIB UND SEELE

5. FOLGEN AUS DIESER THEORIE

6. BEGRÜNDUNG FÜR DIE ANNAHME EINES EINHEITLICHEN "DING- ZUSAMMENHANGS"

7. ERLÄUTERUNG DES PSYCHOPHYSISCHEN GRUNDGESETZES

8.CHARAKTERISIERUNG DES BEDINGUNGSVERHÄLTNISSES ZWISCHEN LEIB UND SEELE

9. FECHNERS AUSFÜHRUNGEN ZUR ALLBESEELUNG

10. ABSCHLIEßENDE WERTUNG HEIDELBERGERS AUSLEGUNG

11. SCHLUßWORT

1. Vorwort

Diese Arbeit untersucht Michael Heidelbergers Fechner-Interpretation anhand seiner Auslegung der Leib-Seele-Theorie Gustav Theodor Fechners als "Identitätsansicht"1, wie sie sich in Heidelbergers Buch Die innere Seite der Natur darstellt . Nach einigen kurzen Anmerkungen zur Person Heidelbergers und Fechners werde ich die These Heidelbergers, wonach Leib und Seele laut Fechner identisch sind, darstellen und erläutern. Dazu wird als nächstes der Erscheinungszusammenhang zwischen Leib und Seele näher charakterisiert. Im fünften Teil dieser Arbeit werden die Folgen aus dieser Theorie näher betrachtet werden. Anschließend folgt Heidelbergers Begründung für die Annahme eines einheitlichen "Ding- Zusammenhangs" zwischen Leib und Seele. Eine Erläuterung des Psychophysischen Grundgesetzes soll weiteren Aufschluß über diesen Zusammenhang geben. Im darauf folgenden Abschnitt wird das asymmetrische Bedingungsverhältnis zwischen den unterschiedlichen Erscheinungsformen des beiden zugrundeliegenden Wesens Erwähnung finden. Das achte Kapitel ist Fechners Ausführung zur Allbeseelung gewidmet. Zwar geht Heidelberger auf diese nicht ein, doch bin ich der Ansicht, daß diese in einer Betrachtung über Fechners Leib-Seele-Theorie nicht fehlen dürfen. Abschließend erfolgt eine Bewertung Heidelbergers Interpretation, die darauf eingeht, inwieweit sie Fechners Grundidee und seinen Zielen gerecht wird. An dieser Stelle wird nochmals gezielt auf Fechners Werk und seine Interpretation durch andere Experten eingegangen.

2. Zur Person Heidelbergers und Fechners

Da die unterschiedlichen Hintergründe vor denen man eine Werk schreibt, oder die Gesichtspunkte unter denen man es interpretiert, maßgeblich für dessen Entstehung und das Verständnis sind, werde ich kurz auf die Hintergründe Heidelbergers und Fechners eingehen. Ausgangspunkt für Heidelbergers Buch war nach eigenen Worten die Arbeit an einem Artikel über Fechners Kollektivmaßlehre. Durch die Beschäftigung mit den Werken Fechners wurde in ihm das Interesse geweckt, die Motive zur Entstehung der heutigen Wissenschaftstheorie zu ergründen. Dies suchte er mit seiner Arbeit über Fechner zu erreichen. Als Wissenschaftstheoretiker und Vertreter der analytischen Philosophie vertritt Heidelberger eine ungewöhnliche Deutung Fechners Werke, die nur vor dem Hintergrund seines speziellen Beschäftigungsgebietes zu verstehen ist.

Das Werk Fechners, des "liebenswürdigsten unter den großen deutschen Philosophen"2, ist geprägt von einem Interessenwandel, der sich nach der Heilung von einer schweren und belastenden Krankheit vollzog. Die Eigenschaften, die ihn auszeichneten, waren sehr unterschiedliche, "wie der Drang nach strengster gedanklicher Prüfung und der Wille zum Glauben, ... wie die unermüdliche Hingabe an sorgfältigste wissenschaftliche Kleinarbeit und der große, kühne, phantasiebeschwingte metaphysische Gedankenflug"3, was sein Werk, so wie den Verlauf seiner Forschungen, stark beeinflußte. Zunächst widmete er sich der Medizin, dann den Naturwissenschaften, bis eine Nervenkrankheit seine Forschungen stark einschränkte. Die Überwindung der Krankheit und ein sogenanntes "Gartenerlebnis"4 weckten neue Lebenslust in ihm, und bald wandte er sich dem Pantheismus zu. "Der Genesende verfaßte als religiöser Mensch ein "theologisches" Werk, ohne auf wissenschaftliche Standards zu achten; der Genesende fügte als Wissenschaftler um Präzision bemüht allerlei an, was die religiöse Ausgangssituation kaum mehr erkennen läßt."5 An manchen Stellen lesen sich seine Bücher fast wie Belletristik. In der Tagesansicht finden wir beispielsweise ein Gespräch zwischen ihm und einer Blume. "Du siehst mich an - spricht die Blume - als wäre ich ein schönes Mädchen."6 Demzufolge erscheint Fechners Werk zwiespältig. Hin- und hergerissen zwischen "altem" Glauben und "neuem" Glauben, "alter" Welt und "neuer" Welt, versucht er zunächst mit seiner Atomistik ein "Bindeglied"7 zwischen pantheistischem Glauben und Naturwissenschaft herzustellen. Später unternimmt er einen zweiten "Brückenschlag"8 mit Hilfe der Psychophysik.

3. Heidelbergers These: Identität von Leib und Seele

Nach Heidelbergers Auffassung sind für Fechner Leib und Seele identisch, weshalb er auch in diesem Zusammenhang, wie Fechner selbst, den Begriff "Identitätsansicht"9 verwendet, um dessen Leib-Seele-Theorie zu charakterisieren. Hierbei ist zu beachten, daß Heidelberger Fechner bezüglich dessen Verständnis von Seele folgendermaßen interpretiert: Die Seele ist das was an ihr Erscheinung ist. Das heißt die Erscheinung der Seele macht das Wesen der Seele aus. Somit unterscheidet sie sich von einer anderen Seele durch "die spezifische Art des Zusammenhangs, mit dem sie gegeben ist."10 Dies sieht er in Fechners Atomenlehre bestätigt. "Diese ganze, solidarisch in sich verknüpfte, doch aus gewissem Gesichtspunkte begränzte Möglichkeit unzähliger Erscheinungen repräsentiert uns ein objektives Ding, das sonach freilich aus mehr als der momentanen Einzelerscheinung oder aus irgend einer endlichen Summe von solchen besteht."11 Es ist jedoch zu beachten, daß es sich bei jenem "Ding" von dem Fechner spricht, nicht um die menschliche Seele, sondern um eine Orange handelt. Heidelberger unterscheidet grundsätzlich nicht zwischen Objekten im allgemeinen und der Seele im besonderen, und bezeichnet durchgängig alle Erscheinungsformen als "Ding".

Die Identität von Leib und Seele kann nach Heidelberger auf zweierlei Weise aufgefaßt werden. Zum einen kann dies bedeuten, daß der Erscheinungszusammenhang dieser zwei Begriffe oder Erscheinungsformen numerisch identisch ist. Dies würde bedeuten daß man sich mit dem Begriff Leib und dem Begriff Seele "auf ein und den selben Zusammenhang bezieht"12. Andererseits kann eine solche Identität auch so verstanden werden, daß die Erscheinungszusammenhänge so eng miteinander verbunden sind, daß man nur von einem einzigen Zusammenhang sprechen kann. Nach Heidelberger wäre es in einem solchen Falle nicht sinnvoll, von mehreren "Dingen" zu sprechen, sondern man könne nur von einem einzigen Zusammenhang und demzufolge auch nur von einem einzigen "Ding"13 sprechen. Diese Ansicht stellt Heidelberger als die Fechners dar, obgleich dieser im Bezug auf die menschliche Seele selbst nie von einem Ding, sondern vielmehr von einem "Wesen"14 spricht. Leib und Seele sind in der Sache eines, erscheinen aber von zwei unterschiedlichen Standpunkten aus gesehen unterschiedlich. Also sind nach Heidelberger das "Ding" Körper und das "Ding" Seele der Sache nach so sehr miteinander verbunden, daß sinnvollerweise, wie er sagt, nur von einem Ding, dem "Leib-Seele-Ding"15, sprechen kann und nicht wirklich von zwei verschiedenen. Nach Fechner ist ein Ding das was "die einzelnen Erscheinungen zusammenhält, oder als Ausgang, Anhaltspunct, Schlußpunct der Vorstellung und des Schlusses gedacht werden muß, um die Erscheinungen im Denken zu verknüpfen und Unbekanntes aus Bekanntem zu erschließen".16 Da Heidelberger diesbezüglich nicht zwischen Gegenständen und der Seele unterscheidet, gibt ihm Fechner mit dieser Aussage Recht. Für Fechner ist die Seele ein "durch Bewußtseinseinheit verknüpfter Complex von wirklichen und als möglich gedachten Erscheinungen, die als Empfindungen, Gedanken usw. innerlich aufzeiglich sind."17 Die Seele bezeichnet er ferner als ein "nur in Selbsterscheinung erfaßliches ... einheitliches Wesen; ... Leib (als) ein durch äußere Sinne erfaßliches, ... System"18.

4. Charakterisierung des Erscheinungszusammenhangs von Leib und Seele

Als nächstes stellt sich die Frage nach der Art des Erscheinungszusammenhangs von Leib und Seele. Heidelberger stellt diesen als einen sehr engen dar, den er mit dem vergleicht, den die beiden Seiten ein und derselben Münze haben. Hierbei bedient er sich eines Beispieles das bereits Fechner gewählt hat. Abhängig von der Perspektive erfährt man immer nur eine Seite der Münze, obschon beide Seiten vorhanden sind und beide Seiten zum selben Gegenstand gehören, wobei Heidelberger den Tastsinn ausnimmt und sich vielmehr auf das Sehen beschränkt, da wir in der Lage sind, gleichzeitig beide Seiten einer Münze zu ertasten. Ebenso gegenständlich versteht Heidelberger Fechners Leib-Seele-Zusammenhang. Leib und Seele sind zwei Gesichtspunkte des gleichen Objekts, des "Leib-Seele-Dings", wie er es nennt. Fechner, der selbst von einem "Wesen, was der inneren und äußeren Erscheinungsweise gemeinsam unterliegen soll"19 spricht, würde eine solche Bezeichnung wahrscheinlich mißbilligen. Für beide ist dieses aber eine Einheit, ebenso wie die beiden Seiten einer Münze so eng zusammengehören, daß sie ein Wesen oder ein Objekt ergeben. Das Wissen um die Zusammengehörigkeit der zwei Seiten nehmen wir aus der Erfahrung. Wir beobachten, daß sobald sich die eine Seite der Münze - zum Beispiel durch Gewaltanwendung wie Verbiegen - verändert, sich die andere Seite unweigerlich mit verändert. Eine vergleichbare Erscheinung beobachten wir seiner Meinung nach bei Leib und Seele. Der Leib ist das was die Außenstehenden sehen, und die Seele, das Geistige, ist das, was nur wir selbst erkennen können. Eine körperliche Veränderung ist demnach für andere zu sehen, und der seelische Prozeß ist lediglich für uns selbst zu erfassen. Der Mensch als Individuum erkennt an sich selbst die seelischen Veränderungen wie Schmerz oder Trauer. Für den Außenstehenden zeigen sich diese jedoch nur in äußerlichen - also körperlichen - Phänomenen wie Tränen oder der Mimik im allgemeinen. Der Erscheinungszusammenhang zwischen diesen Paaren, seien es die Seiten einer Münze oder Leib und Seele ist so eng wie er gewöhnlich nur bei einem einzelnen Wesen zu beobachten ist. Daraus schließt er, daß dies der Fall ist, und daß folglich die Veränderung des einen, zum Beispiel der Seele, unweigerlich die Veränderung des Anderen, also des Leibes, nach sich zieht.

Jedoch merkt Heidelberger an, daß ein Unterschied zwischen Personen und Objekten oder Gegenständen besteht. Dieser liegt darin, daß durch einen Perspektivenwechsel jede mögliche Erscheinungsweise eines Gegenstandes zu erkennen, oder zumindest zu sehen ist. Im Bezug auf Personen gilt dies nicht. Für den Mitmenschen ist immer nur der Leib erkennbar. Die Seele bleibt ihm, unabhängig von einem Perspektivenwechsel, verschlossen. Auf das Seelenleben anderer können wir lediglich aus deren körperlichen Veränderungen, oder ihrem körperlichen Zustand Rückschlüsse ziehen. Fechner sagt dazu, durch das Medium des Körpers könne die Seele mit den anderen Seelen in Verbindung treten. "Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Nervenprozeß, an den die innere Erscheinung einer Seele gebunden ist, mit dem entsprechenden Prozesse, der einer anderen Seele unterliegt, nicht unmittelbar kommuniziert, sondern durch Vermittlung ihres übrigen Körpers und der Natur zwischen ihren Körpern, wonach auch die Seelen zweier Individuen nur durch die Vermittlung des allgemeinen Geistes kommunizieren können, der sie gemeinsam in sich trägt."20 Inwieweit dies immer gegeben ist, beziehungsweise wie sehr diese Kommunikation via Körpersprache aufgrund Misinterpretation fehlschlagen kann, mag dahingestellt sein.21 Es bleibt zumindest unbestreitbar, daß der Körper grundsätzlich als Vermittler zwischen den Seelen fungieren kann, da sowohl die Körpersprache als auch die Lautsprache über Emotionen Auskunft geben, und Fechner keine Angaben darüber macht, ob die vermittelten Eindrücke richtig sein müssen. Insofern ist also Fechner im Bezug auf die Funktion des Körpers als Medium Recht zu geben, wenn man von dieser Möglichkeit einer Fehlinterpretation der kommunizierten Nachrichten absieht.

5. Folgen aus dieser Theorie

Aus dieser Theorie, daß Leib und Seele eine Einheit bilden, folgt demnach, daß wir psychische und physische Prozesse miteinander identifizieren müssen. Der gleiche Prozeß stellt sich dem Außenstehenden als physischer dar, während derjenige, der die Veränderung durchläuft, seine psychischen Folgen wahrnimmt, ihn also als einen seelischen erfährt. "Von vorne herein wird also alles Geistige als mit Körperlichkeit behaftet gedacht"22, schreibt auch Wentscher im Bezug auf Fechner. "Und dieses Körperliche wiederum ist für Fechner nicht etwas, das auch ohne Geistiges noch für sich in der Wirklichkeitswelt vorkäme."23 Ebenso sagt er auch, daß es für Fechner "nirgens ein rein Geistiges"24 gäbe. "Ich nenne nichts, was nicht erscheint, noch erscheinen kann, noch aus den Erscheinungen nach Regeln erschlossen werden kann, die sich in der Erscheinungswelt des Geistes und der Natur"25 nachweisen lassen. Auch die Existenz eines Dings an sich akzeptiert Fechner nicht, da sie aus der Erfahrung nicht begründet ist, "weil wir von dem Dinge oder den Dingen an sich hinter dem Bewußtsein und seiner Wirkung auf das Bewußtsein oder seiner bewußtseinserzeugenden Wirkung in der That zum Thema hat, da eine genauere Ausführung zu diesem Thema im Rahmen dieser Hausarbeit nicht angemessen wäre. weder eine Erfahrung ... noch die Aussicht auf Erfahrung haben."26 Auch sagt er daß "hinter meiner Seele ... so wenig als hinter den Körpern ein dunkles Ding an sich zu suchen"27 ist.

Man kann also sagen, daß das Psychische die Selbsterscheinung ist, während das Physische, die Fremderscheinung des selben Wesens darstellt, und daß es darüber hinaus nichts gibt. Kurd Lasswitz hat hierzu ein anschauliches Beispiel ausgeführt. "Ein Kreis ist konkav, wenn man innerhalb desselben steht; er ist konvex, wenn man ihn von außen betrachtet."28 Der Mensch, der sich innerhalb seines Körpers befindet, sieht sein Seelenleben. Die Umwelt sieht sein körperliches Erscheinungsbild, seine Mimik. "Was für mich mein Gedanke ist, ist für den äußeren Betrachter mein Gehirnprozess."29 Fechner drückt sich selbst ähnlich aus. "Solange der Beobachter auf äußerem Standpunkte seines Körpers gegen das Gehirn des Lebenden stehen bleibt, kann er nichts von den Empfindungen und Gedanken, die er als Sache des Geistes dieses Lebenden faßt, wahrnehmen."30 Er fährt fort: "Dieser anderseits kann nichts von dem materiellen Prozeß seines eignen Gehirns wahrnehmen."31

6. Begründung für die Annahme eines einheitlichen "Ding- Zusammenhangs"

Ein solcher Zusammenhang zwischen zwei Erscheinungsweisen des selben Wesens oder "Ding-Zusammenhangs"32, wie Heidelberger sich ausdrückt, ist immer dann anzunehmen, wenn eine Veränderung des einen auch eine Veränderung des anderen zur Folge hat, beziehungsweise wenn diese Veränderungen miteinander einhergehen. Diesen "solidarischen Zusammenhang"33 sieht er als ein zentrales Kriterium an. Auch Fechner spricht davon, daß die Erscheinungen "solidarisch gesetzlich so zusammenhängen, daß mit der Möglichkeit oder Wirklichkeit der einen die der anderen von selbst gegeben ist."34 Daß dies der Fall ist, lehrt uns nach Heidelberger erneut die Erfahrung. "Immer wenn sich die Seele ändert, ändert sich auch der Körper. Unsere Erfahrungen sind mit diesem Gesetz verträglich"35. Diese Sicht teilt er mit Fechner, der ebenso Rückschlüsse aus der Erfahrung zieht.36 Dies ist jedoch grundsätzlich kritisch zu betrachten, denn "daß zu dieser Konsequenz die von Fechner herangezogene Tatsache, wonach uns die unmittelbare Erfahrung und Selbsterfahrung einen solch durchgehenden Zusammenhang des Geistigen mit Körperlichem zeigt, keineswegs zureicht, ist leicht einzusehen. Es fällt uns schon schwer, so ohne weiteres alles Körperliche, daß uns in der Erfahrung begegnet, an Geistiges gebunden zu fassen."37 Von Heidelberger wird diese Kritik an Fechner jedoch durch die im folgenden erläuterte Asymmetrie des Bedingungsverhältnisses entkräftet, die Teil des Psychophysischen Grundgesetzes ist.

7. Erläuterung des Psychophysischen Grundgesetzes

Aus dem oben genannten resultiert für Heidelberger Fechners Psychophysisches Grundgesetz, das er folgendermaßen formuliert: "Immer wenn sich die Seele ändert, ändert sich auch der Körper"38. Dieses "allgemeinste Gesetz der Psychophysik"39, das von Fechner an anderer Stelle auch "Functionsprincip"40 genannt wird, ist der Ausgang für Fechners Lehre der Psychophysik. Fechner selbst schreibt dazu, daß das was im Geiste besteht "seine Folgen in den Umkreis und die Zukunft der Körperwelt hinein erstreckt"41. Heidelberger führt weiter an, daß es sich bei Fechners psychophysischem Grundgesetz um ein solches handelt, das ein "asymmetrisches Bedingungsverhältnis zwischen Leib und Seele"42 voraussetzt. Dies erläutert er so, daß eine Veränderung der Seele immer eine Veränderung des Körpers nach sich zieht, daß aber eine Änderung im körperlichen Bereich nicht immer auch zu einer Veränderung des Seelischen führt. "Das Bewußtsein erscheint demnach nicht als ein Produkt des Physischen, das an irgendeiner Stelle der Welt, bei einer bestimmten Komplikation der molekularen Bewegungen erst auftrete."43 Heidelberger fährt fort, daß es bemerkenswert ist, daß "Fechner damit vorwegnimmt, was heute von der analytischen Philosophie als Supervenienz von psychischen Eigenschaften über physische bezeichnet wird"44. Hierdurch sieht er bestätigt, daß sowohl Fechner als auch Donald Davidson in diesem Punkt übereinstimmen, was beiden eine "nicht-reduktive Version des Materialismus"45 zu vertreten erlaubt.

Jedoch ist festzuhalten, daß die Definitionen von "psychisch" und "physisch", im Sinne einer Selbsterscheinung beziehungsweise der Fremderscheinung, da sie als fester Bestandteil des Psychophysischen Grundgesetzes eng mit diesem verbunden sind, mit einer Falsifizierung des Gesetzes ebenfalls als falsch, oder überkommen angesehen werden müßten. Das heißt, daß wir, sofern wir psychische Prozesse nachweisen könnten, die ohne das gleichzeitige Auftreten damit verbundener körperlicher Veränderungen ablaufen, in diesem Falle sowohl das Psychophysische Grundgesetz Fechners als auch die diesem zugrunde liegenden Definitionen verwerfen müßten.

8. Charakterisierung des Bedingungsverhältnisses zwischen Leib und Seele

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei dem angesprochenen Bedingungsverhältnis um ein asymmetrisches, das bei einer Änderung des Leibes immer auch eine Änderung der Seele annimmt, aber umgekehrt nicht immer eine Veränderung der Seele bei jeder Veränderung des Körpers nach sich zieht. Diese Supervenienz der psychischen Eigenschaften über die physischen ist ein Merkmal dieses Bedingungsverhältnisses. Ein weiteres Merkmal ist die Art der Abhängigkeit von Seelischem und Körperlichem. Dieser monistische Parallelismus des Geistigen und des Körperlichen zeigt keine kausale Abhängigkeit auf. Das bedeutet, daß zwischen der Änderung der psychischen und der physischen keine kausale Abhängigkeit besteht. Die Mimik ändert sich beispielsweise nicht weil sich die Psyche verändert, was vielmehr auf einen Dualismus schließen lassen würde. Wenn eines das andere beeinflußte, wäre eine unabhängige Existenz zweier Wesen anzunehmen. In diese Fall liegt aber ein funktionaler Zusammenhang vor, der nicht zu verwechseln ist mit dem Funktionalismus Carnaps gegen den ihn Heidelberger bewußt abgrenzt.46 Seine Wortwahl hat Heidelberger von Fechner, der ebenfalls von einer "functionellen Beziehung"47 spricht. Die Folge daraus ist, daß sich beide Erscheinungsweisen, also die Psyche und die Physis, ändern, weil sich das beide umfassende Wesen verändert. Heidelberger verwendet an dieser Stelle wieder den Begriff "Ding"48, statt von einem Wesen zu sprechen, was Fechner näher liegen würde. Auf das Beispiel der Münze bezogen, bedeutet das, daß nicht die eine Seite der Münze die andere bedingt. Wenn sich also die Münze aufgrund von Gewaltanwendung verbiegt, so erscheinen beide Seiten verzerrt. Die veränderte Erscheinung einer Seite ist, da ein funktionaler Zusammenhang zwischen den beiden Seiten besteht, nicht darauf zurückzuführen, daß sich die andere verändert hat, sondern darauf, daß sich das beiden Erscheinungen zugrundeliegende Objekt, die ganze Münze, verbogen hat. Das gleiche ist ebenfalls auf die Seele und den Körper anzuwenden. Die Veränderung des Körpers ist nicht auf die begleitend erscheinende Veränderung der Seele zurückzuführen, sondern auf die beiden Erscheinungen zugrundeliegende Veränderung des einheitlichen "Wesens"49, wie sich Fechner ausdrücken würde, oder des "Leib-Seele-Dings"50 wie Heidelberger es nennt. Auch die Interpretation von Lasswitz stimmt dem in Bezug auf das Bedingungsverhältnis von Körperlichem und Seelischem zu. "Beide, physischer und körperlicher Vorgang, verhalten sich zu einander nicht wie Ursache und Wirkung, der eine erzeugt nicht den anderen."51 Jedoch ist dies gegen die Leibnizsche prästabilierte Harmonie, die gewisse Ähnlichkeiten aufweist, abzugrenzen. Zwar geht auch diese von einem Körperlichen aus, das mit einem Geistigen korrespondiert, ohne eine Kausalbeziehung aufzuweisen, aber Leibniz nimmt eine Synchronität zweier verschiedener Wesen aufgrund eines göttlichen Eingriffs an. Vergleichbar mit zwei Uhrwerken, die synchron eingestellt wurden, laufen Körperliche und Seelische Prozesse synchron ab. Fechner nimmt hingegen ein einziges Wesen an, das einem einzigen Uhrwerk entspräche. "Statt prästabilierter Harmonie ist es Identität des Grundwesens, was beide Erscheinungen zusammenpassend macht."52

Fechner spricht, um seine Theorie gegen einen dualistischen Parallelismus zu verteidigen, auch an, daß eine einfache Theorie einer komplexeren vorzuziehen ist. "Nun ist es eine allgemeine Regel der Wissenschaft, nicht zwei Prinzipe anzunehmen, für die es an einer Vermittlung fehlt, wenn sich mit einem auskommen läßt, was die Vermittlung entbehrlich macht, und die monistische Ansicht behält demnach prinzipiell den Vorteil eines einfacheren Charakters vor der dualistischen voraus."53 In ähnlicher Weise argumentiert auch Heidelberger, um der Identitätsansicht einen Vorzug vor anderen Theorien einzuräumen. "Es gibt aber gewisse Einfachheitskriterien, denen die Identitätsansicht genügt und die ihr einen entscheidenden Vorzug gegenüber anderen Theorien sichern. Jede Leib-Seele-Theorie muß erst einmal die Mindestforderung erfüllen, daß aus ihr eine Beschreibung der bisher bekannten Zusammenhänge der leiblichen und seelischen Erscheinungen folgt"54. Er fährt fort, daß die Identitätsansicht, dadurch, daß sie nur von einem Erscheinungszusammenhang ausgeht, einfacher ist als eine Theorie, die sich mehrerer solcher Zusammenhänge bedient, und daß sie durch ihren funktionalen Zusammenhang weniger starke Annahmen macht, als eine Theorie, die einen Kausalzusammenhang annimmt.55 Allerdings übt er auch Kritik an der Theorie Fechners, wie er sie versteht, da sie den Nachteil hat, "daß sie die normale Sprechweise kritisiert, ohne etwas wirklich Neues an Ihre Stelle setzen zu können."56

9. Fechners Ausführungen zur Allbeseelung

Für Fechner ist es selbstverständlich, daß nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen und die Materie beseelt sind. Für ihn ist nur fraglich, an welchem Punkt die Individuation beginnt. Die Beseelung der Welt ist eindeutig, aber es ist zu ergründen, "wo und wiefern sie sich aus der allgemeinen Beseelung heraushebt, individualisiert, als in Menschen und Tieren"57. Er spricht ferner von einer "Stufenleiter"58, einer Art Stufensystem in der Menschen, Pflanzen, Tiere und Mineralien zu einander angeordnet sind aufgrund ihrer unterschiedlichen Bewußtseinsstufen. Der höchste Grad, die Vollkommenheit des Bewußtseins zeigt sich im allumfassenden Bewußtsein des Geistes Gottes59. Seine Methode ist auch hier der Analogieschluß. "Das sichtliche läßt uns auf das unsichtliche schließen."60

Wir sind eins mit allen Geschöpfen auf der Erde, eingewachsen in die Elemente Luft, Wasser und Erde. Die Erde ist ebenso eingewachsen in den Äther, schwimmt im Licht und atmet es ein. Der Himmel, von dem die Erde wiederum ein Teil ist, ist bewohnt von den Himmelsgeschöpfen.61 Die Erde ist somit materiell wie geistig den Menschen übergeordnet. Sie ist in sich eine Einheit, wie der Mensch, der in ihr lebt, eine Einheit ist. Die Einheit der Erde geht sogar noch darüber hinaus. Durch das Unvermögen des Menschen, sich von der Erde, in die er eingeboren ist, loszureißen, "beweist die Erde in allen allgemeinsten Verhältnissen zugleich die einheitliche Verknüpfung aller ihrer Teile und das Verhältnis der Überordnung über sie, uns selbst mit eingeschlossen. Wie sie es aber sichtlich in materiellen Beziehungen tut, wird sie es unsichtlich in geistigen Beziehungen tun."62 Wir sind nach diesem Analogieschluß mit unserem Geist ein Teil des Geistes der Erde. Aus diesem Grunde, weil sie dem Menschen auch geistig übergeordnet ist, braucht auch die Erde nicht wie der Mensch ein Gehirn. "Wozu dann noch ein besonderes Gehirn mit besonderen Nerven für geistige Verrichtungen. Von solchen unnützen Wiederholungen weiß die Erde nichts, und unnütz ist es solche in ihr zu suchen, töricht, solche zu verlangen ... Warum soll sie noch einmal ... tun, was die Menschen schon hinreichend in ihr tun."63. Genauso wie der Mensch hat die Erde ein inneres und ein äußeres Leben. Ihr inneres Leben hat sie durch den Menschen. Dazu hat sie auch ein eigenes Bewußtsein64.

Dem übergeordnet gibt es auch noch ein Bewußtsein der Welt, von dem die Erde nur einen Teil beinhaltet. Das Bewußtsein der Erde ist ein Teil des Weltbewußtseins, so wie das Bewußtsein des einzelnen Menschen ein Teil des Bewußtseins der Erde ausmacht.65 Die Naturwissenschaft scheidet in Organisches und Unorganisches, wobei das Organische als lebendig und das Unorganische als tot aufgefaßt wird. Da alles beseelt ist, was sowohl Pflanzen als auch Mineralien66 umfaßt, ist dies für den Philosophen der Tagesansicht falsch. Dies begründet für Fechner das Problem der Darwinisten, daß sie versuchen "aus unorganischer Schlacke organisches Gold hervorzubringen."67 Fechner räumt allerdings ein, daß Mineralien keine Erinnerung in ihrer Seele hinterlassen und zu Gedanken oder Empfindungen nicht in der Lage sind. Demnach unterscheidet er die beseelten Wesen nach den Formen ihres Bewußtseins. Pflanzen, Menschen und Tiere haben ein Bewußtsein, Mineralien nicht. Diese Bewußtseinsformen sind auf unterschiedlichen Stufen angeordnet. "So nun gibt es Unterschiede, Stufen mannigfach in der individuellen Weise, wie sich das Bewußtsein entwickelt und betätigt; und nicht um den Namen Seele für diese oder jene Stufe sollte man sich streiten ... sondern bloß nach der Sache fragen, worüber allein ein Streit von sachlichem Interesse ist."68 Menschen und Tiere unterscheiden sich zwar bezüglich ihrer Bewußtseinsstufen, die Grenzen verfließen aber im "Allgemeinbewußtsein des Weltgeistes"69. Auf diese Weise begründet Fechner seinen Panpsychismus per Analogieschluß.

Dementsprechend schreibt auch Hirschberger über Fechner, daß dieser annimmt, "daß auch die Außenwelt Empfindungen habe, Licht, Farben, Töne erlebe ähnlich der Menschen- und Tierseele; denn wenn die physikalischen Wellenbewegungen im Großhirn mit einem Empfindungsgehalt auftreten, dürfen wir per analogiam schließen, daß sie sonst auch damit verbunden sind."70 Er fährt fort, die Weltseele sei "nichts anderes als die Gottheit"71 und "Leib und Seele beim Menschen, Körper und Allbeseelung im Kristall, Erde, Sterne und Welten, der Kosmos und die Gottheit nur zwei Seiten an ein und demselben Sein."72

10. Abschließende Wertung Heidelbergers Auslegung

Ausgangspunkt ist für Fechner, der in der Tagesansicht schreibt: " in der Tat bekenne ich mich zum Idealismus"73, die göttliche Allbeseelung. Er verwendet viel Mühe, zu erklären, daß nicht nur die Menschen, sondern auch die Welt beseelt ist. "Scheint dir aber mit vorigen Betrachtungen darüber noch nicht genug getan, so kannst du eine weitere Entwicklung von solchen wie ihn die Tagesansicht in Sachen der Seelenfrage bietet, in einer großen und zwei kleinen Schriften finden"74, womit er Zend-Avesta, Nanna und Ü ber die Seelenfrage meint. So sagt auch Wentscher: "Vor allem ist zu beachten, daß der Ausgangspunkt, von dem aus Fechner in diesem Werke auf das Problem gerät, in dem Verhältnis Gottes als Geistes zur materiellen Erscheinungswelt gelegen ist."75 Heidelbergers Ausgangspunkt ist jedoch ein anderer. Er argumentiert von einem anderen, wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus und verfolgt andere Ziele. Er geht in seiner Abhandlung nur von Leib und Seele aus. Der Geist, das Göttliche, um das es Fechner in erster Linie geht, wird nicht erwähnt. "Wir schließen nach Analogien, Induktionen, Kausalbetrachtungen von dem, was in uns gesetzlich zusammengehört, auf das, was davon über uns hinaus zusammengehört", beschreibt Fechner selbst sein Ziel. Die Motivation Fechners wird somit von Heidelberger außer acht gelassen. So fährt Wentscher über Fechner weiter fort: "Das weist darauf hin, daß eben diese seine religiöse Gesamtauffassung seine Stellungnahme zu dem ganzen Problem ursprünglich geleitet hat, nicht etwa die Verfolgung spezifisch naturwissenschaftlicher Gedankengänge"76.

Fechners Ziel war es, mittels der Psychophysik "die zwei möglichen Betrachtungen, die in der Erfahrung sich scheiden, die äußere und die innere ... zu einer metaphysische Einheit zu verbinden."77 So prophezeit er in seiner Tagesansicht:

"Die Philosophie wird mit dem Ausblick in der Tagesansicht auf einen neuen Boden treten und neue Wandlungen beginnen, ihre Streitigkeiten auf dem alten Boden der Nachtansicht aber mit dieser selbst versinken. Die Naturwissenschaft wird ihre bisherigen sicheren Wege in Durchforschung der materiellen Welt fortgehen, aber sich dem darüber aufsteigenden Glauben in geistigen Dingen vielmehr unterbauen als dagegen setzen. Die Theologie endlich wird zu ihrem Glauben auch Prinzipien des Glaubens in der Tagesansicht finden."78

Sein Mittel, die induktive Metaphysik, erklärt er in seinem Büchleinüber das Leben nach dem Tode:

"Schließe nicht von Gründen des Diesseits, die du nicht kennst, noch von Voraussetzungen, die du machst, sondern von Tatsachen des Diesseits, die du kennst, auf die größeren und höheren Tatsachen des Jenseits. Der einzelne Schluß kann irren, auch der, den wir eben nur machten; also hefte dich an keine Einzelheit; der Zusammenschluß der Schlüsse in Richtung dessen, was wir vor allem Schluß zu fordern haben, wird unseres Glaubens beste Stütze von unten und Führung nach oben sein."79

11. Schlußwort

Fechners Absicht, wissenschaftsgerechte Metaphysik zu schaffen, oder eine "menschliche" Naturwissenschaft wird durch Heidelberger keine Rechnung getragen. Zwar ist gegen Fechner zu argumentieren, daß er dieses Ziel nicht erreicht hat, da seine Methoden, mit vagen Analogieschlüssen vorzugehen, um beispielsweise die Beseelung der Erde zu "beweisen" oder "ahnenden Vorgefühlen"80 Beweiskraft bezüglich eines künftigen Lebens nach dem Tode beizumessen, keinesfalls als wissenschaftlich erachtet werden können. So spricht er beispielsweise von dem, was eine Pflanze denkt81 und wählt den folgenden Analogieschluß zur Untermauerung seiner pantheistischen Weltanschauung: "Von vornherein lassen sich viele Gleichungspunkte der ganzen Erde mit den Menschen finden, so Tag und Nacht mit Wachen und Schlaf, der Kreislauf der Gewässer mit dem Kreislaufe des Blutes, Ebbe und Flut mit dem Pulsschlag des Herzens, die grüne Pflanzendecke der Erde mit der empfindenden Haut des Menschen usw. vergleichbar finden."82. Diese Argumentationsweise ist in keiner Weise wissenschaftlich und entbehrt jeglicher berechtigenden Grundlage. Auch seine darauf folgenden Ausführungen, die der pragmatischen Denkweise gerecht werden sollen, und "Gesichtspunkte höherer Zweckmäßigkeit"83 geltend machen sollen, können darüber nicht hinwegtäuschen. Es bleibt nicht zu übersehen, daß Fechner sich zwar ein ehrenwertes Ziel gesetzt hat, dieses jedoch mangels Methode und Fundiertheit seiner Thesen nicht erreicht hat.

Heidelberger, der zwar nicht gegen sich gelten lassen muß, daß er nicht wissenschaftlich korrekt argumentiert, verfolgt ein anderes Ziel und argumentiert nicht im Sinne Fechners. Seine Deutung verzerrt die Aussagen Fechners und spiegelt einen Positivismus wieder, der diesem nicht gerecht wird. Die Dinge, die Fechner wichtig waren, und für die er eintreten wollte, wie der Gedanke der Allbeseelung und die grundsätzliche metaphysische Ausrichtung seines Werkes werden von Heidelberger, der aus rein wissenschaftstheoretischer Sicht schreibt, nicht beachtet. Somit ist ihm vor allem vorzuwerfen, daß er Fechners Werk nicht in dessen Sinne interpretiert hat, sondern ihm vielmehr eine Ausrichtung verliehen hat, die ursprünglich nicht intendiert war.

Des weiteren muß man auch Heidelberger in gewisser Weise ebenso wir Fechner als gescheitert betrachten, da er wie dieser von fragwürdigen Definitionen von Leib und Seele ausgeht, mit denen im Falle einer Falsifizierung auch die darauf fußenden Thesen fallen müssen.84 Da Wundt bereits 1901 schrieb: "Die psychophysische Deutung Fechners beruht auf einer Auffassung des Verhältnisses von Leib und Seele, die von der heutigen Psychologie nicht mehr festgehalten werden kann,"85 ist zumindest fraglich, ob man auf dieser Grundlage eine Diskussion um Fechners Leib-Seele-Theorie weiterführen kann, sei es nun im Sinne des Autors oder, wie hier, in einem gewandelten Kontext.

Abschließend möchte ich anführen, was Oelze in der Einleitung seines Buches über Seele und Beseelung bei Fechner geschrieben hat, und was die Möglichkeit, evidente Rückschlüsse aus körperlichen wie geistigen Erfahrungen zu gewinnen, grundsätzlich in Frage stellt:

"Jede Geschichte dualistischer Irrtümer sollte aber bedenken, daß die Unterscheidung von Leib und Seele unabhängig von philosophische Lehren aus Erfahrungen entstehen kann. Ein körperlicher Schmerz bleibt doch immer etwas anderes als ein seelischer - und das auch wenn Begriffe fehlen beider Unterschiede zu erfassen."86

Nun gehen zwar sowohl Heidelberger als auch ursprünglich Fechner nicht von einem Dualismus aus, sondern wie Fechner betont, von einem Monismus87 oder Idealismus88, aber sie gründen ihre Behauptungen auf Erfahrungen, die die Identität von Leib und Seele untermauern sollen. Gerade diese, wie oben beschrieben widersprüchlichen Erfahrungen, sprechen gegen diese Annahme. Somit ist das Mittel das sich beide zur wichtigsten Argumentationsgrundlage machen eher geneigt, die These der Identität von Leib und Seele zu widerlegen, als sie zu stützen.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Fechner, Gustav Theodor: Zend-Avesta oder über die Dinge des Himmels und des Jenseits. Vom Standpunkt der Naturbetrachtung, Leipzig: Leopold Voß, 1851

Fechner, Gustav Theodor: Über die physikalische und philosophische Atomenlehre, Leipzig: Hermann Mendelssohn, 1855

Fechner, Gustav Theodor: Elemente der Psychophysik, erster und zweiter Teil, Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1860

Fechner, Gustav Theodor: Über die Seelenfrage. Ein Gang durch die sichtbare Welt, um die unsichtbare zu finden, Leipzig: C.F. Amelang, 1861

Fechner, Gustav Theodor: Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht, Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1879

Fechner, Gustav Theodor: Das Büchlein vom Leben nach dem Tode, Gießen: Einhorn Verlag, 1887

Sekundärliteratur

Heidelberger, Michael: Die innere Seite der Natur. Gustav Theodor Fechners wissenschaftlichphilosophische Weltauffassung, Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, Jahr 1993

Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie. Band II. Neuzeit und Gegenwart, Frankfurt am Main: Verlag Zweitausendeins, 1998

Becher, Erich: Deutsche Philosophen. Lebensgang und Lehrgebäude von Kant, Schelling, Fechner, Lotze, Lange, Erdmann, Mach, Stumpf, Bäumker, Eucken, Siegfried Becher, München, 1929

Wentscher, Max: Geschichte der Philosophie in Einzeldarstellungen. Band 3. Fechner und Lotze, München: Verlag Ernst Reinhardt, 1925

Oelze, Berthold: Gustav Theodor Fechner. Seele und Beseelung, Münster: Waxmann Verlag GmbH, 1988

Lasswitz, Kurd: Gustav Theodor Fechner, Stuttgart: Friedrich Frommanns Verlag, 1896

Wundt, Wilhelm: Sinnliche und übersinnliche Welt. Leipzig: Alfred Kröner Verlag, 1914

Wundt, Wilhelm: Grundriss der Psychologie, Leipzig: Verlag von Wilhelm Engelmann, 1901

Watzlawick, Paul, Janet H. Beavin und Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, Bern: Verlag Hans Huber, 1996

[...]


1 Fechner, Seelenfrage, S. 211

2 Becher, S.3

3 Becher, S. 34

4 Oelze, S.15

5 Oelze, S. 144

6 Fechner, Tagesansicht S. 32

7 Oelze, S. 13

8 ebenda

9 Heidelberger, S. 128

10 Heidelberger, S. 123

11 Fechner, Atomenlehre S. 96

12 Heidelberger, S. 128

13 ebenda

14 Fechner, Tagesansicht S. 244

15 Heidelberger, S. 128

16 Fechner, Seelenfrage S. 213

17 Fechner, Tagesansicht S. 244

18 Fechner, Seelenfrage S. 16

19 Fechner, Tagesansicht S. 244

20 Fechner, Tagesansicht S. 244 - 245

21 An dieser Stelle verweise ich auf das Buch von Watzlawick, Beavin und Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien., das solche Hindernisse der menschlichen Kommunikation

22 Wentscher, S. 48

23 ebenda

24 ebenda

25 Fechner, Atomenlehre S. 98

26 Fechner, Seelenfrage S. 202

27 Fechner, Seelenfrage S. 208

28 Lasswitz, S. 154

29 ebenda

30 Fechner, Tagesansicht S. 242

31 ebenda

32 Heidelberger, S. 130

33 Heidelberger, S. 131

34 Fechner, Tagesansicht S. 244

35 Heidelberger, S. 132

36 Fechner, Seelenfrage S. 210, Tagesansicht, S. 244

37 Wentscher, S. 48

38 Heidelberger, S. 132

39 Fechner, Seelenfrage, S. 211

40 Fechner, Psychophysik S. 380

41 Fechner, Tagesansicht S. 233

42 Heidelberger, S. 132

43 Lasswitz, S. 153

44 Heidelberger, S. 132

45 Heidelberger, 133

46 Heidelberger, S.136

47 Fechner, Psychophysik S. 388

48 Heidelberger, S. 135 - 136

49 Fechner, Tagesansicht S. 244

50 Heidelberger, S. 135

51 Lasswitz, S. 153-154

52 Fechner, Zend-Avesta S. 347

53 Fechner, Tagesansicht S. 241

54 Heidelberger, S. 140

55 ebenda

56 Heidelberger, S. 140

57 Fechner, Tagesansicht S. 29

58 ebenda

59 Fechner, Tagesansicht S. 30

60 ebenda

61 ebenda

62 Fechner, Tagesansicht S. 33

63 Fechner, Tagesansicht S. 34 - 35

64 Fechner, Tagesansicht S. 36

65 ebenda

66 Fechner, Tagesansicht S. 87

67 Fechner, Tagesansicht S. 37

68 Fechner, Tagesansicht S. 88

69 Fechner, Tagesansicht S. 89

70 Hirschberger, 547

71 ebenda

72 ebenda

73 Fechner, Tagesansicht. S. 240

74 Fechner, Tagesansicht S. 32

75 Wentscher, S. 48

76 Wentscher, S. 47

77 Wundt, Sinnliche und Übersinnliche Welt, S. 303

78 Fechner, Tagesansicht S. 17

79 Fechner, Vom Leben nach dem Tode S. 59

80 Fechner, Tagesansicht S. 11

81 Fechner, Vom Leben nach dem Tode S. 59

82 Fechner, Tagesansicht S. 33-34

83 Fechner, Tagesansicht S. 34

84 vgl. Heidelberger, S. 133

85 Wundt, Grundriss der Psychologie, S. 313

86 Oelze, S. 3

87 Fechner, Tagesansicht S. 243

88 Fechner, Tagesansicht S. 240

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Michael Heidelbergers Auslegung der "Leib-Seele-Theorie"
Veranstaltung
Hauptseminar/Zwischenprüfung
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V98701
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Michael, Heidelbergers, Auslegung, Leib-Seele-Theorie, Hauptseminar/Zwischenprüfung
Arbeit zitieren
Nicole Hoppe (Autor), 2000, Michael Heidelbergers Auslegung der "Leib-Seele-Theorie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98701

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Michael Heidelbergers Auslegung der "Leib-Seele-Theorie"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden