Berufsorientierung im Wandel. Umsetzungsmöglichkeiten im Handlungsfeld Schule


Bachelorarbeit, 2020

48 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Begriffsdefinitionen
2.2 Berufswahltheorie nach Parsons
2.3 Theorie zur Rolle der Schule bei der Berufsorientierung nach Fend

3. Forschungsstand
3.1 Berufsorientierung und Arbeitswelt im Wandel
3.1.1 Berufsorientierung: Ein kurzer Rückblick
3.1.2 Arbeitswelt im Wandel
3.1.3 Notwendigkeit einer Anpassung von Berufsorientierung an den Wandel der Arbeitswelt
3.1.4 Anpassung der Berufsorientierung an den Wandel der Arbeitswelt
3.2 Umsetzungsmöglichkeiten von angepasster Berufsorientierung in der Schule

4. Zusammenfassung und Diskussion
4.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
4.2 Diskussion der Ergebnisse

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Spätestens seit der Generation Z scheint es gängig zu sein, dass immer mehr Leute nach der Schule nicht auf direktem Weg in das Berufsleben einsteigen. Ausbildungs- und Studienabbrü­che oder Wechsel zum Beispiel sind keine Seltenheit mehr. Auch alternative Wege wie Work and Travel werden immer beliebter und das bei ganz bestimmten Gruppen. Ungefähr 70% der Leute, die sich für ein Work und Travel entscheiden, hätten zum Zeitpunkt der Ausreise entwe­der gerade Abitur oder ihren Hochschulabschluss absolviert (Auslandsjob.de, 2017, S.19). Ge­meinsam haben diese Gruppen eines, sie alle haben noch nicht den endgültigen Einstieg in das Berufsleben gefunden. In verschiedensten Formen kommt es zu Verzögerungen vor dem Ein­stieg in das Berufsleben.

Dies wirft verschiedenste Fragen auf. Wie kommt es zu diesen Verzögerungen? Bereitet uns die Schule nicht mehr angemessen für die heutige Arbeitswelt vor? Ist es schwierig einen Ein­stieg in das heutige Berufsleben zu finden? Wenn ja, warum?

Von der Grundbeschaffenheit seien diese Schwierigkeiten bei Suche nach der richtigen Schul- bzw. Ausbildungs-, oder Berufslaufbahn keine neue Erscheinung. Das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage zwischen den Wünschen und Erwartungen und den Anforderungen der Ausbildungseinrichtungen wäre auch schon in der Vergangenheit besorgniserregend gewesen (Löwenbein, Sauerland & Uhl, 2017, S.8-9). Wird dieses Ungleichgewicht nun etwa immer größer?

Eine naheliegende Vermutung ist, dass dies mit dem Wandel der heutigen Arbeitswelt zusam­menhängt. Ein Aspekt des Wandels ist die Veränderung der Berufslandschaft und der damit zusammenhängenden Anforderungen an die Einsteiger. Problematisch erscheine hierbei das ra­sante Tempo, mit dem sich die Arbeitswelt verändere (Knauf & Oechsle, 2007, S.144). Dadurch wird es schwieriger den aktuell vorherrschenden Anforderungen zu entsprechen und ebenso wird die Vorbereitung auf diese, durch Institutionen wie die Schule, erschwert. Diese unzu­reichende Vorbereitung führt einige Probleme mit sich. Beratungsstellen würden von zuneh­mendem Orientierungsbedarf, von Unsicherheiten, der Angst sich falsch zu entscheiden, von Vermeidungsverhalten und hektischem Aktionismus, von verlängerten Suchphasen, Schwan­ken zwischen den unterschiedlichsten Berufsideen und von zunehmenden Ausbildungs- und Studienabbrüchen berichten (Griepentrog, 2001; Isenberg, 2000 zitiert nach Knauf & Oechsle, 2007, S.143-144).

Aber auch für die Arbeitswelt und die dort vertretenen Akteure hat dies Auswirkungen. Überall könnten diese Defizite in dem derzeitigen Stand der Berufswahlvorbereitung junger Menschen ausgemacht werden. Insbesondere Betriebe würden das häufig unzureichende Informationsni­veau der Bewerberinnen und Bewerber über die Berufe und deren Anforderungen beklagen. Ausbildungsabbrüche oder -wechsel seien häufig eine Folge dessen, dass Jugendliche sich fal­sche Vorstellungen von dem gewählten Beruf machen würden. Oft würden diese angeblich un­realistischen beruflichen Vorstellungen vieler Jugendlicher und deren Fixierung auf wenige, meist überlaufene "Mode- oder Traumberufe" kritisiert und diese als Grund für "mis-match" auf dem Ausbildungsmarkt (Bewerbermangel auf der einen, Lehrstellenmangel auf der anderen Seite) angesehen (Schober, 2001, S.8).

Die Schule ist einer der Hauptakteure, wenn es um die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler (SuS) auf die Arbeitswelt geht. Dafür bietet sie neben weiteren Akteuren eine Auswahl an Berufsorientierungsmaßnahmen an. Diese scheinen dem Wandel der Arbeitswelt aktuell aber nicht mehr gerecht zu werden. Der hohe Prozentsatz an Ausbildungs- und Studienabbrü­chen und Wechseln fordert dazu auf die Berufsorientierung und deren Hauptakteure genauer zu betrachten und, wenn nötig, Anpassungen an aktuelle Entwicklungen des Arbeitsweltwandels, vorzunehmen.

Auf bildungspolitischer Ebene scheinen hier noch einige Unstimmigkeiten vorzuliegen. Zwar existieren einige Musterkonzepte und Empfehlungen zu Berufs- und Studienorientierung in Schulen, die letztendliche Ausgestaltung des Berufsorientierungsangebots kann jedoch von je­der Schule selbst auslegt werden. Eine Anpassung kann dabei mit viel Aufwand und Engage­ment verbunden sein. Somit erscheint es fraglich ob diese Musterkonzepte ausreichen, beson­ders wenn diese sich teilweise unterscheiden, um Schulen zu motivieren die entstehenden Auf­wände auf sich zu nehmen. Ebenso kann scheinbar uneingeschränkt auf externe Akteure zu­rückgegriffen werden, welche sich in Praxis aber erheblich in Qualität und Herangehensweise unterscheiden können. Gesamteinheitliche Einschätzungen des Aufwands, möglichen Bewälti­gungsmethoden und einer Bewertung der unterschiedlichen Angebote und Konzepte scheinen hier noch zu fehlen.

Auch in der Forschungsliteratur scheint es an einer gesamteinheitlichen Einschätzung und dar­aus resultierenden konkreten Handlungsempfehlungen zu mangeln. Einzelne Konzepte werden vermehrt in unterschiedlichen Beiträgen diskutiert und auch Gesamtbilder werden teilweise präsentiert, eine Zusammenführung mit konkreten Handlungsempfehlungen scheint es hinge­gen eher selten zu geben.

Diese Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten auf theoretischer Ebene mögliche Anpassungen der Berufsorientierung an den Wandel der Arbeitswelt herauszustellen und Umsetzungsmöglich­keiten dieser in der Schule aufzuzeigen. Dazu werde ich die in der Fachliteratur am häufigsten genannten theoretischen Überlegungen und Ansätze, die eine Vorbereitung der SuS auf eine Arbeitswelt im Wandel thematisieren, zusammentragen und dann deren Umsetzungsmöglich­keiten im Rahmen der Institution Schule besprechen. Die Ergebnisse können zeigen, wie den Ausbildungs- und Studienabbrüchen und der heutigen Orientierungslosigkeit entgegengewirkt werden kann.

Insgesamt gehe ich mit dieser Arbeit dafür der Frage nach, wie Berufsorientierung an den Wan­del der Arbeitswelt anpasst werden kann und wie angepasste Berufsorientierung im Handlungs­feld Schule umgesetzt werden kann.

In dieser Arbeit werden sich einige Umsetzungsmöglichkeiten von angepasster Berufsorientie­rung für die Schule aufzeigen lassen, welche sich größtenteils unter dem Überbegriff Subjekti- vierung von Berufsorientierung zusammenfassen lassen. Diese könnte die SuS mit den notwen­digen Kompetenzen und der notwendigen Motivation ausstatten, um sich in einer Arbeitswelt im Wandel zurechtzufinden. Ob die dadurch entstehende Arbeitslast ausschließlich oder größ­tenteils durch die Schule geleistet werden kann ist jedoch fraglich.

Der Aufbau dieser Arbeit ist wie folgt: Zuerst werde ich den Hauptbegriff „Berufsorientierung“ definieren und dann weitere zentrale Begriffe der Arbeit benennen, in den Kontext der Arbeit einordnen und von ähnlichen Begriffen abgrenzen.

Anschließend werde ich zum einen die der Arbeit zugrundliegende Berufswahltheorie von Frank Parsons vorstellen und zum anderen die Rolle der Schule in der Berufsorientierung durch die Theorie von Helmut Fend zu den Funktionen des Bildungssystems begründen.

Darauf folgt der Forschungsstand. Hier werde ich zuerst die Berufsorientierung und die Ar­beitswelt im Wandel thematisieren. Dabei wird ein kurzer Rückblick zur Berufsorientierung gegeben, gefolgt von einer Darstellung der Arbeitswelt im Wandel, einer Verknüpfung der Ar­beitswelt im Wandel mit der Berufsorientierung und der Zurschaustellung von Anpassungs­möglichkeiten der Berufsorientierung an den Wandel der Arbeitswelt. Zuletzt zeige ich dann Umsetzungsmöglichkeiten von (an den Wandel) angepasster Berufsorientierung in der Schule.

Im darauffolgenden Kapitel werde ich die Ergebnisse der bisherigen Arbeit zusammenfassen und daraufhin den theoretischen Ansatz und die Befunde des Forschungsstandes diskutieren und bewerten.

Zuletzt werde ich ein Fazit ziehen, indem ich die Forschungsfrage beantworte, Grenzen und Schwachstellen dieser Arbeit herausstelle, einen Ausblick auf offene Fragen, weiterführende Themen und Implikationen für die weiterführende Forschung gebe und abschließend einen Ent­wurf für ein Forschungsszenario darlege.

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Begriffsdefinitionen

Um der Fragestellung auf den Grund zu gehen, werde ich hier zunächst zentrale Begriffe der Arbeit definieren und darlegen wie diese im Kontext der Arbeit zu verstehen sind.

Der wohl zentralste Begriff der Arbeit ist „Berufsorientierung“. Berufsorientierung seien alle Maßnahmen, mit denen die Berufswahl von Jugendlichen unterstützt und Fehlentscheidungen verringert werden sollen (Löwenbein et al., 2017, S.11). In der Definition wird der Begriff „Be­rufswahl“ genannt. Die Berufswahl sei, so der Konsens der wissenschaftlichen Fachliteratur, nicht wie das Wort suggeriert, eine punktuelle Wahl oder Entscheidung, sondern vielmehr ein vielschichtiger und multidimensionaler Prozess (Eckert, 2017; Staden, 2018; Sailer, 2010). Die Berufswahl beginne mit einer Vorstellung und ende in einer aber auch nur vorläufigen Klarheit (Eckert, 2017, S.14). Somit ist die Berufswahl der Prozess der Wahl eines Berufes und Berufs­orientierung, alles was diesen Prozess unterstützt oder auch beeinflusst. Denn auch wenn die verschiedensten Arten der Berufsorientierung Unterstützung für Jugendliche bei der Berufs­wahl anbieten, können diese auch negative Auswirkungen auf die Entscheidung der Jugendli­chen haben.

Demnach sollen in dieser Arbeit alle Maßnahmen von externen Akteuren, als auch den sich Orientierenden selbst, die den multidimensionalen Prozess der Berufswahl der Jugendlichen unterstützen oder beeinflussen, als Berufsorientierung verstanden werden. Darunter sind dem­nach auch Maßnahmen zur Unterstützung einer Ausbildungswahl, Studienwahl, Weiterbil­dungswahl oder ähnlichem zu fassen. Während des Prozesses, könne diese Berufsorientierung aus verschiedensten endogenen und exogenen Faktoren auf die Jugendlichen einwirken und zu unterschiedlichsten spezifischen Entscheidungen führen. Das Zusammenspiel der inneren und äußeren Bedingungsfaktoren habe zur Folge, dass sich bestimmte Erwartungshaltungen und Vorstellungen bezüglich der Arbeitswelt bei den Jugendlichen bilden (Sailer, 2010, S.51).

Alternative Begriffe für Berufsorientierung sind "Berufswahlvorbereitung", "Berufswahlorien­tierung", "Berufsfrühorientierung", "Arbeitsweltorientierung", "Job- und Karriereorientierung" etc. Ich werde in dieser Arbeit überwiegend mit dem Begriff Berufsorientierung arbeiten. Es wird aber auch manchmal auf alternative Begriffe zurückgegriffen, die dann aber gleichbedeu­tend zu verstehen sind.

In der Definition zu Berufsorientierung ist ebenfalls der Begriff „Jugendliche“ gefallen. Auch hier gibt es viele alternative Begriffe, welche dieselbe Zielgruppe beschreiben: „junge Erwach­sene“, „Heranwachsenden“, „Kinder“, „sich Orientierenden“ und ähnliches. Auch wenn aus Gründen der besseren Lesbarkeit und der korrekten Zitation auf abwechselnde Begriffe zurück­gegriffen wird, sind diese durch verschiedene Begriffe dargestellten Personen im Kontext die­ser Arbeit als SuS zu verstehen. Da laut §63 Schulpflicht, Niedersächsisches Schulgesetz jedes Kind, jeder Jugendliche etc. verpflichtet ist die Schule zu besuchen, ist fast jedes Kind, jeder Jugendliche, oder jeder junge Erwachsene auch eine Schülerin oder ein Schüler und eben auch als dieses anzusehen.

Ein im Kontext von Berufsorientierung und Berufswahl häufig betrachteter Bereich sind Über­gänge. Übergänge seien Bestandteil jeder Biografie (Eckert, 2017, S.17). Der Wechsel von der Schule in eine Weiter- oder Ausbildung ist einer der häufig betrachtet wird. Gelingende Über­gänge können, so Eckert, wichtige Bausteine für eine gute Entwicklung sein (2017, S.17). Wäh­rend diesen Übergängen wird ebenfalls eine Berufs- Studien- oder Weiterbildungswahl getrof­fen. Somit findet auch hier Berufsorientierung statt. Im Verlaufe dieser Arbeit wird auch über Übergänge gesprochen. Diese können zwar auch isoliert bearbeitet werden, werden im Kontext dieser Arbeit aber nur unter Betrachtung der in den Übergängen stattfindenden Berufsorientie­rung angesprochen.

Im Kapitel „3.2.2“ wird über den Wandel der Arbeitswelt berichtet. Im Zuge dessen werden andere, zum Teil dem Arbeitsweltwandel inhärenten und damit einhergehende oder auch über den Arbeitsweltwandel hinausgehende Wandel angesprochen, wie der Arbeitsmarktwandel, der Wandel von Lebens- bzw. Arbeitsbiografien, Wandel der Wertevorstellungen oder auch der soziale Wandel. Die Arbeitswelt ist, wie es das Wort impliziert, als Welt der Arbeit und somit als ein Lebensbereich zu verstehen. Die angesprochenen Wandel und Veränderungen sind also in dem Lebensbereich Arbeitswelt vorzufinden. Im Rahmen dieser Arbeit sind alle angesprochenen Wandel und Veränderungen allerdings nur im Rahmen des Lebensbereichs Arbeitswelt zu betrachten und zu verstehen.

2.2 Berufswahltheorie nach Parsons

In diesem Kapitel werde ich die der Arbeit zugrunde liegende Berufswahltheorie von Parsons vorstellen und meine Wahl für diese begründen. Um zu verstehen, wie Berufsorientierung den Prozess der Berufswahl unterstützen oder beeinflussen kann, müssen wir verstehen wie die Be­rufswahl grundlegend funktioniert. Dies soll in diesem Kapitel dargestellt werden.

Inzwischen gibt es viele Ansätze für Berufswahltheorien. So gebe es entscheidungstheoretische Ansätze, entwicklungstheoretische Ansätze, allokationstheoretische oder interaktionstheoreti­sche Ansätze, um nur einige zu nennen (Staden, 2018; Sailer, 2010). Es gibt allerdings den Konsens, dass die Berufswahl ein vielschichtiger und multidimensionaler Prozess sei (Eckert, 2017; Staden, 2018; Sailor, 2010). Besonders deutlich würden diese Eigenschaften im Über­gang von der Schule in den Beruf (Staden, 2018, S.58). Während sich ein Individuum in der Berufsorientierung, der Berufsvorbereitung, der Berufsausbildung und in der Arbeitswelt selbst befindet, würden verschiedene endogene und exogene Faktoren auf den Entscheidungsprozess einwirken, was zu unterschiedlichsten Entscheidungen führen würde (Sailer, 2010, S.51). Diese Faktoren seien Gegenstand vieler Berufswahltheorien, die im wissenschaftlichen Diskurs auf­gestellt worden seien und mit diesen Berufswahltheorien werde dann versucht, das Berufswahl­verhalten von Menschen zu erklären (Staden, 2018, S.58).

Die Fülle dieser Untertheorien und Ansätze könnten, wenn einzeln betrachtet, den Eindruck einer Komplexitätsreduktion des Themas schaffen, was diesem jedoch nicht gerecht werde. Denn die Berufswahl nur unter einem Hauptgesichtspunkt zu betrachten, sei zu simpel gedacht, da für ein Gesamtbild entscheidende Verbindungslinien zwischen den Theoriekonzepten fehlen würden (Sailer, 2010, S.58). Golisch schreibt dazu: „Zum Verständnis der Berufswahl Jugend­licher wurden zahlreiche Theorien entwickelt. Dieser Theorieboom ist zwar abgeklungen, aber es fehlt eigentlich immer ein umfassendes einleuchtendes Gesamtkonzept. Bei den Ansätzen wurden nämlich (oft isoliert) meist nur Teilfragen gestellt/untersucht“ (2002, S.30). Auch E­ckert schreibt, dass es zu dem gesamten Komplex der Berufsorientierung und Berufswahl viele verschiedene theoretische Zugänge gäbe. Jedoch würden viele Theorien eine besondere Be­trachtungsweise mit sich führen und es sei nicht vertretbar, diese Tatsache außer Acht zu lassen und die in den Theorien getroffenen Aussagen zu verabsolutieren (Eckert, 2017, S.14). Aller­dings sei an der Fülle der verschiedenen Berufswahltheorien auch zu erkennen, dass der „innere Differenzierungsgrad der berufswahltheoretischen Ansätze sehr hoch ist und einzelne Theoriestränge auf eine lange Tradition zurückblicken können“ (Sailer, 2010, S.58-59). Jedoch würden diese Theorien der Berufswahl, der ökologischen Übergänge oder auch der gelingenden beruflichen Sozialisation wichtige und bedenkenswerte Aspekte aufzeigen, Reflexionshori­zonte bieten, aber nur begrenzt konkrete Handlungsempfehlungen für Lehrkräfte und Pädago­gen formulieren (Eckert, 2017, S.14).

Aufgrund dessen möchte ich das ganze simplifizieren und eine Theorie vorstellen, welche sich durch viele der sich später entwickelten, theoretischen Zugänge zieht bzw. teilweise auch Grundlage dieser Untertheorien ist. Es handelt sich um die Theorie von Frank Parsons aus sei­nem Buch „Choosing a Vocation“. Ein großer Teil der Forschungsarbeiten zum Thema Berufs­wahlprozess würden nämlich aus dem amerikanischen Raum stammen. Und dort gelte Parsons als einer der einflussreichsten Begründer der Berufswahlforschung (Staden, 2018, S.58,). Denn, so schreibt der Autor Briddick, Parsons Buch „Choosing a Vocation“ wäre eines der ersten Bücher gewesen, welches sich mit der Wichtigkeit und Bedeutung von einer Berufswahl aus­einandergesetzt habe. Hilfreich wäre außerdem gewesen, dass sein Buch zu einer Zeit veröf­fentlicht wurde, in der ein wissenschaftlicher Ansatz immer mehr an Ansehen und Wert er­langte. Das Buch sei aufgebaut wie eine How-To Anleitung für Fachleute, die später Berufs­orientierungsbüros oder ähnliche Positionen besetzten würden (Briddick, 2008). So schrieb Par­sons selbst:

The aim of this book is to point out practical steps that can be taken to remedy these conditions [Folgen einer nicht vorhandenden oder nicht erfolgreichen Berufsorien­tierung] through expert counsel and guidance, in the selection of a vocation, the prepa­ration for it, and the transition from school to work. (Parsons, 1909, S.4).

Parsons Theorie basiere auf drei Annahmen. Erstens, aufgrund spezifischer, psychischer Cha­rakteristika sei jeder Mensch für eine bestimmte Berufstätigkeit am besten geeignet. Zweitens, verschiedene Berufe würden unterschiedliche charakteristische Anforderungen aufweisen und drittens berufliche Bewährung und Zufriedenheit würden direkt mit der Übereinstimmung der persönlichen Charakteristika des Berufstätigen und Anforderungen der Berufstätigkeit variie­ren (Ertelt & Frey, 2011, S.2).

Aufbauend auf diesen Annahmen begründet Parsons seine Theorie auf dem „trait-and-factor“ Ansatz (Parsons 1909; Ertelt & Frey, 2011, S.2; Staden, 2018, S.58). Demnach gehe es bei der Berufswahl darum einen Arbeitsbereich zu wählen, in welchem man möglichst optimal hinein­passt. Ziel sei es das eigene Persönlichkeitsprofil möglichst gut zu kennen und mit Hilfe dieses Wissens einen vom Anforderungsprofil möglichst passenden Arbeitsbereich zu wählen (Par­sons, 1909). Staden schreibt dazu: „Parsons versteht in diesem Spannungsfeld unter dem Ter­minus Berufswahl das Bestreben, eine möglichst große Übereinstimmung von Fähigkeitsprofil (für jeden Berufswählenden individuell) und Anforderungsprofil (für jedes Tätigkeitsprofil spe­zifisch) zu erreichen“ (Staden, 2018, S.58-59).

In Parsons Buch „Choosing a vocation” nennt er, entsprechend der Annahmen und seinem An­satz, drei entscheidende Faktoren für eine „weise Berufswahl“. Zum einen, dass ein Individuum ein klares Verständnis von sich selbst hat, sprich seiner Fähigkeiten, Fertigkeiten, Interessen, Ambitionen, Ressourcen, Einschränkungen, sowie all deren Ursachen. Zum anderen müsse man die Voraussetzungen und Umstände beruflichen Erfolges verstehen und dazu die Vor- und Nachteile, die Vergütung, sowie die Chancen und Perspektiven verschiedener Arbeitsbereiche kennen. Und drittens müsse man die Verbindung dieser zwei Faktorengruppen kennen und ver­stehen (Parsons, 1909, S.5).

Zu beachten sei hierbei, dass Parsons Berufe allerdings nicht im deutsch traditionellem Sinne (als konstitutive Elemente), sondern als Tätigkeitsprofile in der Berufs- und Arbeitswelt ver­stehe (Staden, 2018, S.58). Wichtig ist zudem, dass die Orientierung und Wahl von Subjekt selbst getroffen werden müsse. Man solle den sich Orientierenden Hilfe und Rat geben, aber die letztendliche Entscheidung würden sie selbst treffen müssen. Vielmehr solle man Ihnen auch dabei helfen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich selbst zu orientieren (Par­sons, 1909, S.92).

Diese Theorie soll dieser Arbeit zugrunde liegen und wird im Verlaufe der Arbeit wieder auf­gegriffen.

2.3 Theorie zur Rolle der Schule bei der Berufsorientierung nach Fend

Im Folgenden möchte ich die Rolle der Schule in der Berufsorientierung darlegen. Spielt die Schule überhaupt eine Rolle in der Berufsorientierung? Wenn ja, warum? Welche Aufgaben kommen der Schule zu, welche nicht? Diese Fragen sollen jetzt geklärt werden.

Um an die Berufswahltheorie anzuknüpfen möchte ich mit einer Aussage von Parsons zu dem Thema einleiten. Auch Parsons schrieb schon über Schule im Zusammenhang mit Berufsorien­tierung und betont die Wichtigkeit des Übergangs von Schule zum Beruf:

We guide our boys and girls to some extent through school, then drop them into this complex world to sink or swim as the case may be. Yet there is no part of life where the need for guidance is more emphatic than in the transition from school to work, — the choice of a vocation, adequate preparation for it, and the attainment of efficiency and success. (Parsons, 1909, S.4).

Zunächst lässt sich daraus erschließen, dass ein wichtiger Teil von Berufsorientierung von Her­anwachsenden („girls & boys“) während der Schulzeit bzw. spätestens gegen Ende der Schul­zeit stattzufinden scheint, während die sich Orientierenden noch zur Schule gehen. Des Weite­ren wird die Signifikanz von „need for guidance“ während des Übergangs von Schule zu Beruf, der Berufswahl und der entsprechenden Vorbereitung, sprich der Berufsorientierung, betont. Doch wem fällt diese verantwortungsvolle Aufgabe zu? Ist die Schule für diese „guidance“ verantwortlich?

Und damit möchte ich zu meiner zweiten Theorie kommen, der „sozialen und individuellen Funktionen von Bildungsfunktionen“ Theorie von Helmut Fend.

Fend beginnt seine Theorie, indem der das Bildungswesen (und somit auch als Teil dessen, die Schulen) als Institutionen vorstellt, welche gesellschaftliche Einrichtungen seien, die sich im Verlaufe der Entwicklung von Gesellschaft ausdifferenziert hätten und zur Lösung grundlegen­der Probleme gesellschaftlichen Lebens geschaffen worden seien. Das Bildungssystem, würden sich nach diesem Modell der Lösung des Problems der Sozialisation nachfolgender Generatio­nen annehmen. Er schreibt „Bildungssysteme bilden den hoch institutionalisierten und organi­sierten Ausschnitt der gesamten Sozialisationsordnung einer Gesellschaft“ (Fend, 2011, S.41). Bildungssysteme bzw. Schulsysteme seien zur Lösung des Reproduktionsproblems in langen historischen Prozessen konstruiert worden und sollten heutzutage, den neuen Generationen hel­fen, als Personen unter modernen Lebensbedingungen optimal das eigene Leben in die Hand nehmen zu können (Fend, 2011, S.41-42).

Diese soziale Reproduktionsaufgabe teile sich in vier Aufgabenbereiche, in denen jeweils Teil­aspekte der Gesellschaft reproduziert würden. Zum einen die Enkulturationsfunktion, die Qua­lifikationsfunktion, die Allokationsfunktion und die Integrationsfunktion (Fend, 2011, S.45). Für diese Arbeit soll lediglich die Allokationsfunktion von Relevanz sein. Nach Fend sei es Aufgabe der Schulsysteme, der Allokationsfunktion nachzukommen. Diese beschreibt er als Aufgabe „die Verteilung auf zukünftige Berufslaufbahnen und Berufe vorzunehmen“ (Fend, 2011, S.43-44). Dazu betont Fend, dass er hier in erster Linie nicht von Selektion spreche, da es sonst zur Ausschließung aus erwünschten Bildungslaufbahnen kommen könne, vielmehr gehe es um eine legitimierbare Allokation von Personen mit bestimmten Qualifikationen zu Aufgaben mit bestimmten Anforderungen (Fend, 2011, S.43-44).

Damit ordnet er die von Parsons angesprochene Aufgabe von „guidance“, wenn nicht sogar mehr, klar dem Schulsystem zu. Außerdem ähnelt die letzte Beschreibung von Allokation, der Beschreibung einer „weisen Berufswahl“ nach Parsons sehr, da dort ebenfalls ein Passungsver­hältnis von bestimmten Qualifikationen von Menschen und bestimmten Anforderungen der Be­rufstätigkeit vorsieht und ebenfalls betont wird, dass die Wahl nicht von externen Parteien über­nommen, sondern vom Subjekt selbst getroffen werden sollten. Im Unterschied zu Fend geht es bei Parsons jedoch um ein größtmögliches Passungsverhältnis und nicht um eine „legitimier­bare“ Allokation und damit ein legitimierbares Passungsverhältnis.

Die Allokationsfunktion der Schule kann nach Fends Definition der Allokationsfunktion und nach meiner vorgenommenen Definition von Berufsorientierung, der Berufsorientierung zuge­ordnet werden, da die Schule bei der „Verteilung auf zukünftige Berufslaufbahnen und Berufe [...]“ (Fend, 2011, S.43-44) die SuS in ihrem Berufswahlprozess unterstützt oder beeinflusst.

Auch andere Autoren sehen die Aufgabe der Berufsorientierung hauptsächlich in den Schulen. Die Spannbreite der Berufsorientierung sei beträchtlich und reiche von den ersten Grundschul­oder sogar Kindergartenausflügen zu Betrieben und öffentlichen Einrichtungen bis zu den In­formationstagen für Abiturienten und Hochschulabsolventen. Der Schwerpunkt liege allerdings am Ende der Sekundarstufe 1, wo üblicherweise in allen Schulformen, die Betriebserkundungen und -praktika stattfinden würden. Die Hauptlast würde dabei die Schulen und die dort tätigen Lehrkräfte tragen. Diese hätten die Aufgabe, wie man es am Beispiel des hessischen Erlasses zur Ausgestaltung der Berufs- und Studienorientierung in Schulen zeigen könne, ihre SuS fä­cherübergreifend auf die Berufswahl und Berufsausübung vorzubereiten. Daher falle es unter den Aufgabenbereich der Schule den SuS eine neutrale und umfassende Beratung über Quali­fikationsmöglichkeiten zu bieten, sodass die SuS am Ende ihrer schulischen Laufbahn in der Lage sind ihre eignen Kompetenzen einzuschätzen und, aufbauend auf diesen, eine Berufs- oder Studienwahlentscheidung treffen zu können und die daraus resultierenden Anforderungen an sie zu bewältigen (Löwenbein et al., 2017, S.11).

Daher und aus den oben genannten Gründen möchte ich mir in dieser Arbeit die Berufsorien­tierung genauer im Kontext von Schule anschauen. Schule ist unter diesen Voraussetzungen als mit Hauptverantwortlicher in Sachen Berufsorientierung zu sehen und soll auch dementspre­chend betrachtet und bewertet werden.

3. Forschungsstand

Im Folgenden soll der aktuelle Forschungsstand zu Berufsorientierung und Arbeitswelt im Wandel und den Umsetzungsmöglichkeiten von (an den Wandel) angepasster Berufsorientie­rung in der Schule aufgezeigt werden.

3.1 Berufsorientierung und Arbeitswelt im Wandel

Zuerst soll ein kurzer Rückblick auf Berufsorientierung gegeben werden, dann sollen ausge­wählte Aspekte des Wandels der Arbeitswelt präsentiert werden. Anschließend folgt eine Ver­anschaulichung, warum Berufsorientierung an den Wandel der Arbeitswelt angepasst werden sollte, und zum Schluss werden Anpassungen der Berufsorientierung an den Wandel der Ar­beitswelt dargestellt.

3.1.1 Berufsorientierung: Ein kurzer Rückblick

Die Allokationsfunktion und somit auch ein Teil der Berufsorientierung entstammen, wie von Fend angesprochen, der Reproduktionsfunktion einer Gesellschaft. Doch wie lief die Alloka­tion damals ab und was hat sich verändert?

In ihrem Beitrag skizzieren Löwenbein et al., wie man sich die Allokationsfunktion in früheren Zeiten vorstellen kann. Seit je her sei eine Gruppe für ihr Fortbestehen auf Nachwuchs ange­wiesen. Um das Fortbestehen mit dem Nachwuchs zu sichern, wäre der Lebensweg vorbe­stimmt gewesen. Man wuchs in einem Stand auf und trat später in die Sozialgebilde ein, denen schon die Eltern angehört haben. So wurde die Reproduktion der Gesellschaft und deren Ord­nung gesichert. Doch das hat sich inzwischen verändert. Es sei eines der Kernmerkmale der Moderne, dass eine enge Verbindung von Lebensweg und Herkunft schwächer geworden sei (Löwenbein et al., 2017, S.7). Sobald Beruf nicht mehr durch Stand und Status definiert wurde, wäre die Frage nach Eignung und Neigung in den Vordergrund getreten (Eckert, 2017, S.16; s. 2.2). Mit etwas Anstrengung könne man alles werden und von dem bisherigen Weg seiner Fa­milie abweichen (Löwenbein et al., 2017, S.7). Dies stellt eine neu gewonnene Freiheit, die Freiheit der Berufswahl dar.

3.1.2 Arbeitswelt im Wandel

Diese Berufswahl soll früher oder später zu einem Beruf oder, wie von Parsons etwas offener gefasst, zu einer Berufung führen. Damit ist es unabdinglich auch einen Blick auf die aktuelle und zukünftige Arbeitswelt zu werfen, in der Berufe bzw. Berufungen zu verorten sind. Dabei ist es schon lange ersichtlich, dass diese sich im Wandel befindet. Einige Aspekte dieses Wan­dels seien zum Beispiel der Demografische Wandel, eine steigende Relevanz von 11

Changemanagement oder der Zuwachs von unzähligen Zertifizierungen auf dem Arbeitsmarkt. Auf die Arbeitswelt und alle in ihr eingebundenen Individuen komme einiges zu. Dies müsse auch Auswirkungen auf unsere berufsorientierte Bildungsarbeit haben (Sochart, n.d., S.2). Im Folgenden werden daher nun einige Veränderungen der Arbeitswelt aufgezeigt, die in Bezug auf Berufsorientierung eine Rolle spielen.

Komplexität des Arbeitsmarktes

Die Arbeitswelt verändere sich in einem rasanten Tempo. Dabei würden sich Tätigkeits- und Berufsfelder ausweiten, neue Berufsbilder entstehen, Qualifikationsanforderungen sich verän­dern und das auch immer schneller und immer unvorhersehbarer (Knauf & Oechsle, 2007, S.144). Das immer mehr Berufe entstehen und sich die Berufslandschaft kontinuierlich ändert, lässt sich auch aus einer Statistik des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) aus dem Jahr 2019 herauslesen. Nach dieser Statistik gebe es seit 2013 in Deutschland ungefähr 330 aner­kannte (und als anerkannt geltende) Ausbildungsberufe (BIBB, 2019, S.451). Wenn man nun noch die unterschiedlichsten Fachrichtungen dazu nehme, gäbe es weit über 400 Berufe in Deutschland, so das Institut für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung gemeinnützige Ge­sellschaft mbH (Isw), und jedes Jahr würden neue hinzukommen (Isw, 2015, S.8). Die Statistik zeigt allerdings auch, dass die Anzahl der Ausbildungsberufe im Moment einigermaßen stabil bleibt (BIBB, 2019, S.451), da auch jedes Jahr unzeitgemäße Berufe abgeschafft und mehrere Ausbildungsberufe zu einem zusammengefasst würden. Dennoch sei die Vielfalt an Ausbil­dungsberufen riesig und die Jugendlichen bräuchten Unterstützung bei der Orientierung (Isw, 2015, S.8). Dies scheint besonders sinnvoll bei einem nicht nur großem, sondern auch sich jährlich ändernden Angebot. So könnten auch Berufe entstehen, welche es zur Schulzeit oder dem Zeitpunkt der Orientierung der SuS eventuell noch gar nicht existieren oder auch Berufe verschwinden, welche es zum benannten Zeitpunkt noch gab. Auch das World Economic Fo­rum spricht in diesem Zusammenhang von bis zu 65% der SuS, die eingeschult werden und dann später voraussichtlich in einem Beruf arbeiten, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht exis­tiere. Weiter schreiben sie, dass es somit auch unmöglich sei die SuS mit der aktuellen Bildung (in diesem Kontext auch als Berufsorientierung zu verstehen) auf diese Berufe vorzubereiten (World Economic Forum, 2017, S.5).

Es lässt sich somit festhalten, dass der Arbeitsmarkt undurchsichtiger und komplexer wird. Dies wirkt sich auch auf die Berufsorientierung aus, denn Arbeitsprognosen würden allgemein im­mer schwieriger zu treffen sein und würden sich somit auch immer weniger als Orientierungs­hilfe eignen (Knauf & Oechsle, 2007, S.144).

Werte- und Generationenwandel

Ein weiterer Aspekt des Wandels der Arbeitswelt ist der Werte- und Generationenwandel. Denn der Arbeitsmarkt würde sich langsam von einem Arbeitgebermarkt hin zu einem Arbeitneh­mermarkt entwickeln. Bisher sei der Ausbildungsmarkt stark durch den Arbeitgeber bestimmt worden. Die demografische Entwicklung führe jedoch zu einem verringerten Arbeitskräftean­gebot. Dadurch würden Fachkräfte fehlen und diese könnten somit besser ihre spezifischen Werte auf dem Arbeitsmarkt einfordern und durchsetzen. Denn wer die Wahl zwischen ver­schiedenen Arbeitgebern hat, entscheide sich für denjenigen, der die eigenen Werte am ehesten erfüllt. Diese würden nicht selten mit Vorstellungen der älteren Generationen (in den Führungs­positionen) kollidieren. So würden die jungen Generationen Arbeitsinhalte fordern, die Sinn stiften und Spaß bereiten. Es werde zudem mehr Zeitsouveränität und eine gelungenere Ver­bindung zwischen Arbeiten und Leben, die so genannte Work-Life-Balance, eingefordert. Von der Seite der Führungskräfte werde im Gegenzug mehr Anerkennung und Wertschätzung, re­gelmäßiges Feedback sowie mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge erwartet (Isw, 2015, S.6-7).

Lebensbiografien im Wandel

Durch die sich wandelnde Arbeitswelt, wandeln sich ebenso die Lebensbiografien der Men­schen, die in der Arbeitswelt tätig sind. Individualisierung, Enttraditionalisierung und Entstruk- turierung von Lebensläufen als Anzeichen des sozialen Wandels würden Individuen als auch Bildungseinrichtungen vor neue Herausforderungen stellen. An die Stelle des phasengeglieder­ten „Normalverlaufs“ sei eine Vielfalt an Chancen und Risiken der Lebensführung und Biogra- fiegestaltung getreten (Kahlert & Mansel, 2007, S.7). Diese Veränderung in den Berufsbiogra­fien ist teilweise so stark, dass einige Autoren in den neuen Berufsbiografien keinen Berufs­wahlprozess mehr erkennen können, sondern eher von einem Berufsfindungsprozess die Rede sein müsse, in dessen Verlauf verschiedene Faktoren wirksam seien (Sailer, 2010, S.51). Auch andere Autoren schreiben, dass es die industriellen Biografien (Schule, Ausbildung, Job bei immer demselben Arbeitgeber, Rente) zukünftig wohl kaum noch geben werde. Die jungen Menschen müssten zukünftig damit leben, dass ihre Lebensverläufe ganz anders aussehen wer­den. Die Prognose ist, dass es später eher portfolio-strukturierte Biografien sein werden: mit mehreren Arbeitgebern, mit Phasen der Selbstständigkeit und vielleicht auch der Arbeitslosig­keit. Die einzelnen Phasen würden aber kürzer werden, was wiederum bedeute, dass die dies­bezüglichen Veränderungen an Geschwindigkeit zunehmen (Sochart, n.d., S.2).

Dies hat auch Auswirkungen auf die Art und Weise wie man die Jugendlichen auf eine Gestal­tung der eignen Lebensbiografie vorbereitet oder sie dabei unterstützt. Denn besonders Jugend­liche seien mehr denn je vor die Herausforderung gestellt, ihre Identitäten und Lebensentwürfe individuell konstruieren zu können, aber auch zu müssen. Sie seien aufgefordert, sich für einen bestimmte Bildungsgang zu entscheiden und Vorstellungen bezüglich ihrer privaten und beruf­lichen Zukunft zu entwickeln und diese gestaltend umzusetzen. Das Ganze müsse unter gesell­schaftlichen Rahmenbedingungen gedacht werden, wie dem sich verändernden Arbeitsmarkt, welcher immer wieder neue Qualifikationen abfordere, der Tatsache, dass das Konzept „Beruf ‘ an Bedeutung zu verlieren scheint und Arbeit ihre strukturgegebene Funktion der Identitätsbil­dung zwar nicht verloren, aber deutlich unsicherer diesbezüglich geworden sei (Kahlert & Man- sel, 2007, S.7).

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die individuelle Planung der Bildungskarriere durch den sozialen Wandel notwendiger und schwieriger denn je geworden sei (Kahlert & Man- sel, 2007, S.7). Hinzu komme, dass das Verhältnis von Bildung und Arbeit neu bestimmt wer­den müsse, was mit wachsenden Anforderungen an die Einzelnen daher gehe, wie etwa an Be­griffen wie „Kompetenzorientierung“ oder „lebenslanges Lernen“ zu erkennen sei (Kahlert & Mansel, 2007, S.7).

3.1.3 Notwendigkeit einer Anpassung von Berufsorientierung an den Wandel der Arbeitswelt

Darauffolgend möchte ich nun nochmal explizit darstellen, warum die Berufsorientierung dem zuvor aufgeführtem Arbeitsweltwandel angepasst werden sollte.

Wegen den im vorangegangenen Abschnitt präsentierten Veränderungen ist es notwendig, dass Berufsorientierung angepasst und die SuS entsprechend vorbereitet und unterstützt werden. So schreibt Sochart es gehöre zu den größten Herausforderungen von Elternhaus, Schule und Aus­bildungsorganisation (sei es Ausbildungsbetrieb, Hochschule etc.), die jungen Menschen auf diese Arbeitswelt im Wandel vorzubereiten (n.d., S.3). Der anhaltende Strukturwandel, wach­sende Anforderungen an berufliche Kompetenzen sowie die vielseitigen Herausforderungen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt würden es notwendig machen, SuS bei der Berufsorien­tierung intensiv zu unterstützen und sie auf den Übergang von der Schule in die berufliche Ausbildung adäquat vorzubereiten (Isw, 2015, S.8). Die SuS seien so vorzubereiten, dass sie trotz unvorhersehbarer Umwege erleben dürfen, dass Sie diesen überwältigenden und unglaub­lich schnellen Wandel bewusst steuern können und müssen (Sochart, n.d., S.3).

[...]

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Berufsorientierung im Wandel. Umsetzungsmöglichkeiten im Handlungsfeld Schule
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
48
Katalognummer
V987241
ISBN (eBook)
9783346344335
ISBN (Buch)
9783346344342
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berufsorientierung, Handlungsfeld Schule, Schule, Berufsorientierung im Wandel, Moderne Berufsorientierung, Arbeitsmarktwandel, Arbeitsmarkt im Wandel, Frank Parsons, Ulrike Popp, Helmut Fend
Arbeit zitieren
Patrick Winnewisser (Autor), 2020, Berufsorientierung im Wandel. Umsetzungsmöglichkeiten im Handlungsfeld Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/987241

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