Ethnologie im Nationalsozialismus


Seminararbeit, 2000

18 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Ausrichtung der Ethnologie in Deutschland

3. Kolonialismus
3.1. Der Nationalsozialismus und die koloniale Frage
3.2 Ethnologie und der nationalsozialistische Kolonialismus
3.3 Die nationalsozialistische Kolonialpolitik

4. Fazit: Opportunismus

5. Anhang
5.1. Deutscher Kolonialkatechismus
5.2. Organisationsvorschlag zur Kolonialverwaltung (Thurnwald)
5.3. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit sollen die Zusammenhänge zwischen der Ethnologie und dem Nationalsozialismus dargestellt werden. Da die Darstellung jedoch außerordentlich vielfältig ist, sind zwei Eingrenzungen vorzunehmen. Die Erste Eingrenzung befindet sich schon im Begriff „Zusammenhänge“. In dieser Hausarbeit geht es primär um die Beschreibung von Wirkungen des Nationalsozialismus auf die Ethnologie und nicht umgekehrt. Dies wiederum bedeutet, dass nationalsozialistische Elemente und Tendenzen in der Ethnologie herausgestellt werden sollen. Die zweite Eingrenzung befindet sich innerhalb der Ersten. Die bereits erwähnten Elemente und Tendenzen sollen anhand des nationalsozialistischen Kolonialismus beschrieben werden. Als Grundlage dienen dabei die Werke „Koloniale Gestaltung“ von Richard Thurnwald und „Die Grosse Völkerkunde“ von Hugo Adolf Bernatzik. Diese stehen stellvertretend für die Auffassung vieler Ethnologen zur Beziehung zwischen der Ethnologie und dem Kolonialismus. Daraus lässt sich Ableiten, dass die Hausarbeit keine Allgemeingültigkeit zu diesem Thema besitzt, denn es gab auch durchaus Ethnologen die eine andere Meinung vertraten. Es soll also lediglich eine Strömung innerhalb des Faches skizziert werden.

Dem Hauptteil der Hausarbeit wird zunächst ein kurzes Kapitel über die theoretische Ausrichtung der Ethnologie in Deutschland vorangestellt. Im nächsten Schritt wird dann die Einstellung des Nationalsozialismus zur kolonialen Frage erörtert, bevor auf die Beziehung zwischen der Ethnologie und dem nationalsozialistischen Kolonialismus eingegangen wird. Das darauffolgende Kapitel skizziert dann die geplante Kolonialpolitik des NS-Regimes, bevor ein Fazit die Hausarbeit abschließt.

2. Theoretische Ausrichtung der Ethnologie in Deutschland

Zum Zeitpunkt der „Machtergreifung“ Hitlers1 und dem damit verbundenen Ausbau der Herrschaft zum totalitären Staat, gab es im wesentlichen zwei wichtige theoretische Richtungen der Ethnologie in Deutschland.2 Am stärksten vertreten war die Kulturkreislehre oder allgemeiner der Diffusionismus (Fischer 1990: 16, 134). Der von dem deutschen Geographen Friedrich Ratzel (1844-1904) begründete Diffusionismus geht davon aus, dass verschiedene Kulturen mit gleichartigen Erscheinungen einen gemeinsamen historischen Ursprung haben und von einem gemeinsamen Ursprungsort, auch als Diffusionszentrum bekannt, ausgegangen sind. Durch Völkerwanderung, Handel, Missionierung, Entlehnung etc. sollen sie sich dann über die Welt verbreitet haben (Kohl 1993: 132). Leo Frobenius führte den Begriff „Kulturkreis“ 1898 in die Ethnologie ein und gilt zusammen mit Fritz Graebner und Bernhard Ankermann als eigentlicher Begründer der Kulturkreislehre. Mit dieser Lehre sollte die historische Verbreitung von Kulturgütern über die Erde rekonstruiert werden (Fischer 1998: 277). Dazu wurden für eine Kultur charakteristische Elemente wie z.B. Waffenformen, Mythenmotive oder Kleidungsstücke mit anderen verglichen. Dabei kam es jedoch nicht auf die Funktion der Gegenstände, sondern auf ihre Form an. Häuften sich die Ähnlichkeiten bei verschiedenen Kulturelementen, so war die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich nicht um zufällige Übereinstimmungen handelte. Deshalb wurden geographische Gebiete mit ähnlicher Kultur, die nun folglich auf ein gemeinsames Diffusionszentrum zurückgingen, zu einem Kulturkreis zusammengefasst (Fischer 1998: 278).

Die zweite wichtige theoretische Forschungsrichtung war der Funktionalismus, der allerdings stark von sozialwissenschaftlichen Elementen beeinflusst war. Ihr Hauptvertreter war Richard Thurnwald (Fischer 1990: 18). Diese Richtung sah auch wie die British Social Anthropology traditionelle Gesellschaften als funktionierende Systeme an, deren Einzelelemente (z.B. Politik, Wirtschaft, Religion, Recht) voneinander abhängig sind und sich gegenseitig beeinflussen, so dass „jedes von ihnen einen Beitrag zur Erhaltung des Ganzen leistet“ (Kohl 1993: 137). Die Einzelelemente sollten nun in der Hinsicht untersucht werden, welche Funktionen ihnen im gesellschaftlichen Zusammenhang jeweils zukamen. Im Gegensatz zum britischen Funktionalismus wurde dabei allerdings nicht die Geschichte vernachlässigt, so dass in Deutschland nicht von einer „antihistorischen“ Forschungsrichtung gesprochen werden kann (Fischer 1990: 18). Der Schwerpunkt der deutschen Funktionalisten lag in der Erforschung des aus dem kolonialen Kulturkontaktes resultierenden Kulturwandels.

3. Kolonialismus

3.1. Der Nationalsozialismus und die koloniale Frage

Mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28.06.1920 verlor Deutschland endgültig seine Kolonien an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges.3 Im Zusammenhang mit der Revision des „Schmachfrieden“ von Versailles forderten jedoch alle national orientierten Parteien und Verbände der Weimarer Republik die Rückgabe der ehemaligen deutschen Kolonien (Hildebrand 1969: 51). So ist es nicht verwunderlich, das jede Regierung die Kolonialforderung zu ihrem offiziellen Ziel erklärte. Doch auch in weiten Teilen der Bevölkerung gab es eine koloniale Revisionsbewegung. „Nicht vergessen, sondern stets dran denken“ und „Was deutsch war, muss wieder deutsch werden“ war ihr Motto (Hildebrand 1969: 53). So kam es oft zu Propagandakampagnen verschiedenster Organisationen und Interessensgemeinschaften (Stoecker 1986: 297-311; Mosen 1991: 23ff).4 Mit dem Abschluss der Verträge von Locarno5 am 05.10.1925 schwächte allerdings die Forderung nach Rückgabe der ehemaligen deutschen Kolonien seitens der Regierung deutlich ab, denn sie hielt „außenpolitische Aktivitäten dieser Art“ für ungünstig (Mosen 1991: 25f). Daraufhin verebbte auch langsam die Agitation der kolonialen Bewegung.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten keimte wieder Hoffnung bei den Vertretern der kolonialen Bewegung auf. Die Machtübernahme jedoch „did not result in immediate changes of any consequence in the treatment of questions of the colonial policy” (Stoecker 1986: 337). Dies lag vor allem daran, dass sich Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ im Zusammenhang mit der Bodenpolitik mehrfach negativ gegenüber Kolonien äußerte:

„Für Deutschland lag demnach die einzige Möglichkeit zur Durchführung einer gesunden Bodenpolitik nur in der Erwerbung von neuem Lande in Europa selbst. Kolonien können diesem Zweck so lange nicht dienen, als sie sich nicht zur Besiedlung mit Europäern im größtem Maße geeignet erscheinen“ (Hitler 1933: 153).

Seine entscheidende Einstellung zu Kolonien wird jedoch erst auf Seite 742 deutlich:

„Damit ziehen wir Nationalsozialisten bewusst einen Strich unter die außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft“ (Hitler 1933: 742).

In der Bodenpolitik der Zukunft sah Hitler den Lebensraumgewinn im Osten Europas und dessen rücksichtslose Germanisierung. Hitler strebte also keinen Übersee-Imperialismus an, sondern ein um Deutschland gelegenes, großes kontinentales Kolonialreich mit vornehmlicher Ausrichtung nach Osten (Noack 1996: 35). Auch der Punkt 3 des Parteiprogramms der NSDAP vom 24. Februar 1920 folgt der Linie Hitlers: „Wir fordern Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und zur Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses“ (Hildebrand 1969: 43).

Mit dem Eintritt des „alten Kolonialkämpfers“ Ritter von Epp im Frühjahr 1928 in die NSDAP beginnt ein Prozess der Durchdringung zwischen kolonialer und nationalsozialistischer Bewegung (Hildebrand 1969: 98, 113-122). Schon bald erkannte Hitler die in der Bevölkerung bestehende Kolonialforderung als eine Art Prestigeobjekt, welches zur Stärkung der eigenen Position beitragen konnte. Kolonien würden zudem die letzten Erinnerungen an den Schmachfrieden von Versailles tilgen. Ein weiterer Punkt ist, dass Hitler England nicht vorbehaltlos die überseeische Welt überlassen wollte (Hildebrand 1969: 633). Primäres Ziel der Nationalsozialisten war jedoch die Ostkolonisation und die Ausschaltung Frankreichs. Erst danach konnte von einer starken und notwendig erachteten kontinentalen Basis mit der Expansion nach Übersee und dem damit verbundenen Erwerb von kolonialen Gebieten begonnen werden (Hildebrand 1976: 68).6

Bereits im Jahre 1934 wurde von Seiten der Regierung, als erster Schritt auf die koloniale Bewegung, das KPA (Kolonialpolitische Amt) eingerichtet, dessen Leitung von Epp übernahm (Mosen 1991: 33). Auf dem NSDAP-Parteitag in Nürnberg im September 1935 forderte Hitler dann zum ersten Mal offiziell die Rückgabe der ehemaligen deutschen Kolonien (von Frentagh-Loringhoven 1941: 205). In den darauffolgenden zwei Jahren wurde von Seiten der Nationalsozialisten der Wunsch nach kolonialer Restitution mit Nachdruck intensiviert. Nach Mosen lag das vor allem daran, dass das NS-Regime im innen- und außenpolitischen Bereich so weit gefestigt war, um die koloniale Propaganda entfachen zu können (Mosen 1991: 34). Außerdem wurden nun alle kolonialpolitischen Verbände und die selbständigen Kolonialvereine weitgehend in den Parteiapparat integriert. Auch das Interesse der deutschen Wirtschaft an der Kolonialfrage nahm zu.7 In seiner Reichstagsrede vom 30.01.1937 forderte Hitler Kolonien aus wirtschaftlichen Gründen, da Deutschland um Lebensmittel und Rohstoffe kämpfe (Mosen 1991: 35). Im selben Jahr begann das KPA mit der verwaltungspolitischen Kolonialplanung, zudem wurde umfangreiches Kartenmaterial und ein Kolonialrecht erstellt. In einem kolonialpolitischen Schulungszentrum in Ladeburg begann bereits die Ausbildung von zukünftigen Kolonialbeamten, des weiteren wurde die Marine bereits für Einsätze in Afrika vorbereitet (Mosen 1991: 36f). Im November und Dezember 1938 vereinbarten das Auswärtige Amt, das KPA und das OKW (Oberkommando der Wehrmacht) eine enge Zusammenarbeit auf dem Kolonialgebiet, wobei unter anderem der Beschluss zur Aufstellung einer kolonialen Truppe gefasst wurde (Hildebrand 1969: 596f). Im März 1939 gab Hitler schließlich den Auftrag mit Vorbereitungsaufgaben für die Übernahme von Kolonien zu beginnen (Hildebrand 1969: 605f). Nun begann im KPA die Erarbeitung von Verwaltungsvorschriften für die zukünftigen Gebiete des Reiches in Afrika. Das Ergebnis war der vom KPA im April 1940 herausgegebene „Deutsche Kolonialkatechismus“, der das „Fundament nationalsozialistischer Kolonialpolitik“8 darstellte (Timm zit. nach Mosen 1991: 84). Im Juni 1940 forderte Hitler schließlich das KPA auf, die kolonialen Vorbereitungen zum Abschluss zu bringen, damit das Reich in absehbarer Zeit bereit sei ein Kolonialreich in Afrika zu übernehmen und zu verwalten. (Hildebrand 1976: 75). Alle obersten Reichsbehörden wurden aufgefordert „dem Kolonialpolitischen Amt im Rahmen ihrer Zuständigkeit in großzügigster Weise alle Förderungen zuteil werden zu lassen“ (Mosen 1991: 38) Auch das Auswärtige Amt nahm nun die Schaffung eines mittelafrikanischen Kolonialreiches in den Katalog der deutschen Kriegsziele auf. Dieses sollte zum einen als Rohstoffbasis, zum anderen als Alternative zum östlichen Lebensraum dienen (Hildebrand 1969: 625). Die Zeit zwischen 1940 und 1942 war dann der Höhepunkt der deutschen Kolonialplanung, wobei das KPA zunehmend wichtiger wurde9 und kurz vor der Ernennung zum Kolonialministerium stand. Dies lag vor allem an den Erfolgen der Wehrmacht zwischen 1940 und 1941. Im Juni 1941 vermeldete das KPA dem Führer schließlich den Abschluss der kolonialen Vorbereitungen (Mosen 1991: 37). Ab Mitte 1942 erlosch jedoch die Bedeutung des KPA aufgrund der schwierigen Situationen an den Fronten, so dass der Führer am 13.01.1943 schließlich befahl, die Tätigkeiten des Kolonialpolitischen Amtes stillzulegen (Hildebrand 1969: 941).

Es bleibt festzustellen, dass die kolonialen Vorbereitungen nie über das Planungsstadium herauskamen. Zudem stand die Kolonialfrage weit hinter dem primären Ziel des NS-Regimes, dem Erwerb von Lebensraum im Osten Europas, zurück. Der Gedanke an Kolonialbesitz wurde jedoch nie fallengelassen. Er sollte aber erst wieder in Betracht gezogen werden, wenn das Reich stark und gefestigt war.

3.2. Ethnologie und der nationalsozialistische Kolonialismus

Fast alle Ethnologen traten in dem Zeitraum zwischen 1933 und 1945 für die Rückgabe der ehemaligen deutschen Kolonien ein. Niemand äußerte Zweifel an dem Recht auf Kolonien und so hoffte man auf ein baldiges deutsches Kolonialreich (Fischer 1990: 128). Ein Hauptgrund dafür war der Wunsch, „ein seit der Beendigung deutscher Kolonialtätigkeit eingetretenes Schattendasein zu verlassen“ (Mosen 1991: 77). Während dieser Zeit hatte man nämlich einige theoretische Konzepte erarbeitet, die nun ihre Anwendung finden sollten. Führend dabei waren vor allem die dem Funktionalismus nahestehenden Ethnologen. Dabei war Richard Thurnwald die wohl wichtigste Person. Auf sein Werk „Koloniale Gestaltung“ soll im Verlauf dieses Kapitels noch genauer eingegangen werden. Die deutschen Funktionalisten beschäftigten sich hauptsächlich mit dem Kulturkontakt und dem daraus resultierenden Kulturwandel in den Kolonien. Aus den gewonnenen Ergebnissen dieser Untersuchungen wurde ein ethnologisch-kolonialpolitisches Konzept entwickelt. Dieses Konzept sollte dann den zukünftigen Verwaltungsbeamten und den Regierungen der Kolonien von praktischem Nutzen sein, indem es ihnen eine Grundlage für eine bessere, richtige Kolonialpolitik gab (Fischer 1990: 129; Mosen 1991: 41, 45f, 54). Für die meisten bedeutenden Ethnologen10 jener Zeit war Kolonialpolitik nämlich gleich Eingeborenenpolitik, wie z.B. ein 1940 erschienener Artikel des Tübinger Ethnologen Günther Wagner beweist:

„Die Beziehungen der Völkerkunde zu den Aufgaben der kolonialen Praxis sind so offen- sichtlicher Natur, (...). Eine möglichst eingehende Kenntnis der Eingeborenen und ihrer kulturellen Lebensformen sowie ihrer rassischen Anlagen erscheint als die natürliche Grund- lage jeder Eingeborenenpolitik. (...) Hängt doch von einer richtigen und erfolgreichen Lei- tung und Lenkung der Eingeborenen nicht nur deren eigenes Wohlsein sondern der po- litische Friede und der wirtschaftliche Wohlstand in den Kolonien ab“ (Mosen 1991: 49)

Bereits 1936 gab es auf der Tagung der Gesellschaft für Völkerkunde in Leipzig einen ersten offiziellen Anstoß zur Verbindung von Ethnologie und der kolonialen Frage (Fischer 1990: 118f, Mosen 1991: 46ff). Hier wurde hauptsächlich über die Probleme des europäischen Kultureinflusses auf die Eingeborenen und dem damit verbundenen Kulturwandel diskutiert, denn es wurde als „besonders bedeutungsvoll für kolonialpolitische Fragen“ angesehen (Fischer 1990: 118). Vor allem aber flammte in Leipzig, aufgrund der von den Nationalsozialisten propagierten Kolonialforderung, die Hoffnung auf, bald wieder „vor Ort“ arbeiten zu können. Eine recht opportunistische Haltung findet sich daher im Schlusswort des Vorsitzenden der Gesellschaft für Völkerkunde, Fritz Krause:

„Wir dürfen daher wohl hoffen, dass die Wissenschaft der Völkerkunde in Deutschland künftig besondere Förderung erfährt, insbesondere jetzt, wo das deutsche Volk, nach- dem es seine Angelegenheiten im Innern geordnet hat, seinen Blick wieder nach außen auf die Welt der Fremdvölker in fremden Erdteilen und auf die Kolonialprobleme lenkt (Mosen 1991: 48).

Zwischen den Jahren 1939 und 1941 gab es dann zahlreiche ethnologische Publikationen zur kolonialen Frage (Fischer 1990: 119)11. Dabei verdienen vor allem die im Jahre 1939 erschienenen Werke „Koloniale Gestaltung“ von Richard Thurnwald und „Die Große Völkerkunde“ von Hugo Adolf Bernatzik eine genauere Betrachtung. Sie geben die von einem grossteil der Ethnologen vertretene Meinung zur Beziehung zwischen der angewandten Ethnologie und der durchzuführenden Kolonialpolitik wider.

Richard Thurnwald war der Begründer des deutschen Funktionalismus und einer der führenden Ethnologen in Deutschland. Er war wohl einer der ersten, so Gerhard Hauck, der das Desinteresse der Nationalsozialisten an der Ethnologie spürte. Deshalb versuchte Thurnwald „sie ihnen als sozialtechnologisch verwertbare Disziplin schmackhaft zu machen“ und zwar auf dem Gebiet der Kolonialpolitik, „wo man sich hierfür als Fachmann präsentieren konnte (Hauck 1996: 95). Diese angewandte Ethnologie gipfelte dann in seinem Werk „Koloniale Gestaltung“. In diesem nimmt er bis ins kleinste Detail Stellung zur zukünftigen Verwaltungsform in afrikanischen Kolonien (Thurnwald 1939: 439-462)12. Seine gewonnenen Erkenntnisse leitete er aus Beobachtungen vom Kulturkontakt in afrikanischen Kolonien und dem damit verbundenen Kulturwandel der Eingeborenen ab. Diese Erkenntnisse werden dann im letzten Kapitel in eine praktische Hilfe und Anregung für die Kolonialregierung in Fragen der Eingeborenenpolitik umgewandelt, womit eine Verbindung von Ethnologie und Kolonialpolitik hergestellt wird. Die Ethnologie steht „als angewandte Wissenschaft der praktischen Kolonialpolitik zur Verfügung“ (Timm zit. nach Mosen 1991: 72). Kolonialpolitik ist also gleich Eingeborenenpolitik und somit ein Arbeitsfeld für Ethnologen. Das Verhältnis zwischen den weißen Kolonisten und den Eingeborenen ist für Thurnwald der zentrale Punkt der Kolonialpolitik. Da die Weißen für körperliche Arbeit in den Tropen nicht geeignet sind (Thurnwald 1939: 52) sieht er in den Eingeborenen die wichtigsten Arbeitskräfte (Thurnwald 1939: 441), die dem Schutz, der Achtung und der Förderung von Seiten der weißen Kolonisten bedürfen. Dies äußert sich zum einen in der Tolerierung ihrer Kultur und zum anderen an ihrer Beteiligung an der Verwaltung der Kolonien. Des weiteren soll den Eingeborenen eine Schulbildung und medizinische Betreuung zustehen. Die Eingeborenen sollten damit zur Arbeit für die Weißen veranlasst werden. (Thurnwald 1939: 446-457). Von großer Wichtigkeit für Thurnwald ist zudem, vom rassenbiologischen Gesichtspunkt aus, eine Trennung von Weiß und Schwarz: „Die Trennung des weißen und schwarzen Lebensraumes soll sowohl einer Vermischung vorbeugen, als auch eine Distanzierung bewirken, die den Umgang mit der anderen Rasse nach einem festen Schema zu gestalten erlaubt“ (Thurnwald 1939: 441f). Die beiden Lebensräume sollten also der Konservierung der jeweiligen Kultur dienen (Thurnwald 1939: 446f). Nach Mosen ist Thurnwald damit „im Einklang mit der Konzeption der nationalsozialistischen Kolonialplaner“13 (Mosen 1991: 73).

Hugo Adolf Bernatzik legte seine kolonialethnologischen Überlegungen in dem dreibändigen Werk „Die Große Völkerkunde“ dar. Er vertritt die Meinung, dass die Kolonialethnologie die Grundlage der modernen Kolonisierung bildet. Sie soll feststellen, „wie sich die Beziehung zwischen europäischer Volkskultur und niedrigen Kulturen, sowie für die Träger derselben, auswirkt“ (Bernatzik 1939: 13). Dabei ist ihm wichtig, dass die Kolonialethnologie nicht nur theoretisch, sondern vor allem praktisch ausgerichtet ist. Die angewandte Ethnologie soll Kolonialgrundgesetze aufstellen um „Zivilisierungsschäden bei den kolonisierten Völkern zu verhindern (Bernatzik 1939: 14). Wichtig ist ihm dabei vor allem, dass es nicht zur brutalen Ausbeutung und Unterdrückung der farbigen Völker wie in früheren Zeiten kommt (Bernatzik 1939: 31). Die Eingeborenen und ihre Kultur sind zu erhalten, da sie „für die Wirtschaft des Kolonisators geradezu lebenswichtig sind (Bernatzik 1939: 53). In diesem Zusammenhang sieht Bernatzik zum einen die medizinische Versorgung der Eingeborenen und zum anderen die indirekte Verwaltung als äußerst wichtig an (Bernatzik 1939: 53f). Dies alles soll der Eingliederung des Eingeborenen in das Wirtschaftsleben dienen, jedoch ohne ihn zu schädigen (Bernatzik 1939: 39):

„Eine zweckentsprechende Kolonisation muss für beide Teile, Kolonisator und Kolonisierte, von Vorteil sein. Nur die Einhaltung dieses Grundsatzes gewährleistet die Dauer der Kolonisation und rechtfertigt diese auch moralisch. So ist es denn Aufgabe der Kolonialethnologie, die bestmögliche Form des Zusammenlebens von Völkern verschiedener Rasse und Kultur zu finden“ (Bernatzik 1939: 56).

Auch Bernatzik schlägt also eine Brücke zwischen angewandter Ethnologie und der Kolonialpolitik. Für ihn ist Kolonialpolitik ebenfalls gleich Eingeborenenpolitik. Die ausgearbeiteten ethnologisch-kolonialpolitischen Konzepte sollen „für das kolonisierte Volk keine Schädigung bedeuten, sondern eine Verbesserung seiner Lebensbedingungen und eine gedeihliche Entwicklung seiner völkischen Eigenart auf Grund der erbbiologischen Anlagen herbeiführen“ (Bernatzik 1939: 56). Dazu steht er unter dem Schutz des Kolonisators der sich nun dessen Arbeitskraft bedienen darf.

Ein Jahr nach dem Erscheinen dieser Bücher kam es dann zu einem sehr wichtigen Ereignis, welches das Verhältnis zwischen der Ethnologie und dem nationalsozialistischen Kolonialismus prägen sollte. Am 22. und 23. November 1940 gab es in Göttingen die „Arbeitszusammenkunft deutscher Völkerkundler“. Hier fand die Ausrichtung der ethnologischen Forschung als Kolonialwissenschaft eine programmatische Festlegung, was zum einem dem Zeitgeist entsprach und zum anderen im engen Zusammenhang mit der politisch-militärischen Situation dieser Zeit zu sehen ist14 (Fischer 1990: 123f; Mosen 1991: 77f). Vor allem aber war eine Verbindung zwischen Ethnologie und dem nationalsozialistischen Kolonialismus wohl aus opportunistischen Gründen geschehen, wie ein Brief des Organisators Hans Plischke an seinen Kollegen Franz Termer beweist:

„Ich bin gleich Ihnen der festen Überzeugung, dass ohne beste Fühlung und Zusammenarbeit mit den Stellen der Partei nichts für unser Fach zu erreichen sein wird. Wer dies nicht einsehen will wird eines Tages, unter Umständen bald, erleben, dass ohne ihn und zwar auch auf völker- kundlichem Gebiete, die Entwicklung ablaufen wird. Wichtig ist, dass die Völkerkunde tun- lichst geschlossen in Erscheinung tritt, dass Gruppen die gegeneinander ausspielbar sind, vermieden werden. So allein wird der Sache und damit einer guten Entwicklung und fruchtbringenden Auswertung der Völkerkunde gedient. So allein kann die Völkerkunde ihren Dienst für die deutsche Kolonialarbeit erfüllen (Fischer 1990: 121).“

Neben vielen Ethnologen waren zu dieser Tagung vor allem offizielle Regierungsstellen wie das Auswärtige Amt, das Kolonialpolitische Amt, die Auslandsorganisation der NSDAP und das Reichswirtschaftsministerium eingeladen (Fischer 1990: 123).15 Diesen wurde verkündet, dass „sich die deutsche Völkerkunde der ihr durch den Nationalsozialismus gegebenen Zielsetzung bewusst ist“ (Mosen 1991: 78) und sich folglich kolonialpolitisch engagieren werde. Nach Plischke, dem Leiter der Zusammenkunft „kann der Völkerkundler aus seiner ethnographischen Sachkenntnis und aus seinen allgemeinen kulturgeschichtlichen Erkenntnissen heraus wichtige Anregungen und Richtlinien für die Behandlung der Eingeborenen und die Betreuung ihres kulturellen Lebens geben“ (Blome 1941: 5). Die Ethnologen waren nämlich zu dem Schluss gekommen, das der Eingeborene die wichtigste Arbeitskraft in den tropischen Gebieten Afrikas ist und somit eine erfolgreiche Kolonialpolitik von der Eingeborenenpolitik abhängig ist. Die nationalsozialistischen Kolonialplaner brachten also „Kenntnis von der Art und den Kulturzuständen der Eingeborenen“ (Blome 1941: 1). Diese Kenntnis sollte ihnen nun von den Ethnologen vermittelt werden. Neben dieser programmatischen Ausrichtung, an die sich alle Anwesenden anschlossen, forderte man noch die Einstellung von Regierungsethnologen, die bei der Verwirklichung der nationalsozialistischen Kolonialpolitik tätig werden sollten (Blome 1941: 18ff). Und so endete die Tagung mit den Worten „Die kolonialpolitischen Probleme seien fortan vordringlich zu behandeln, um für den Einsatz bei der künftigen Kolonialarbeit bereit zu stehen. Mit dem Treuegelöbnis und dem Sieg-Heil-Gruß für den Führer wird die Tagung beschlossen“ (Blome 1941: 36).

Die in Göttingen beschlossene Ausrichtung des Faches als Kolonialwissenschaft sollte die Aufmerksamkeit des NS-Regimes auf die in der Bedeutungslosigkeit verschwundene Ethnologie richten. Das man damit im Gegensatz zur von den deutschen Funktionalisten ursprünglich ausgearbeiteten ethnologisch-kolonialpolitischen Konzeption, die einer besseren und richtigen Kolonialpolitik dienen sollte, stand, wurde aus opportunistischen Gründen missachtet. Man war viel mehr an einer Förderung des Faches interessiert als an dem Wohl der Eingeborenen. Die alte Konzeption diente nun der Ausbeutung des Eingeborenen für die nationalsozialistische Kolonialwirtschaft. Somit kam es nach Mosen zu einer „Bankrotterklärung der ethnologischen Wissenschaft (Mosen 1991: 82). In den nächsten beiden Jahren hatte die Ethnologie als Kolonialwissenschaft eine herausragende Stellung. Das lag vor allem daran, das nun auch die nationalsozialistischen Kolonialplaner die „Relevanz der Eingeborenenpolitik in der zukünftigen Kolonialpolitik“ anerkannten (Mosen 1991: 102f). Nun forderten auch offizielle Vertreter der NSDAP die Einstellung von Regierungsethnologen16. Ihre Aufgaben sollten darin liegen, eine Grundlage für die Behandlung der Eingeborenen zu finden, gleichzeitig deren Arbeitskraft zu sichern, ohne ihre Kultur dabei gänzlich zu zerstören.17 Die Ethnologie hatte nun ihr Ziel, die Anerkennung als den Nationalsozialisten dienliche Wissenschaft, erreicht.

3.3. Die nationalsozialistische Kolonialpolitik

Das starke Interesse der Nationalsozialisten an Kolonien zeigte unter anderem die Herausgabe des „Kolonialkatechismus“ im April 1940 und des „Reichskolonialgesetzes“ im Juli 1940. Zusammen mit den „Rassenpolitischen Leitsätzen“ bildeten sie die Grundlage der nationalsozialistischen Kolonialpolitik.

Von besonderem Interesse für diese Hausarbeit sind die Punkte fünf bis elf des „Deutschen Kolonialkatechismus“18, denn sie enthalten die Richtlinien über die Behandlung von Eingeborenen. So postuliert der fünfte Punkt den Grundsatz der Rassentrennung und vor allem die Erhaltung der Eingeborenenkultur: „Die völkische Eigenart der Eingeborenen, ihre Sitten und Gebräuche und Rechtsgewohnheiten werden, (...), geachtet“ (Hildebrand 1969: 906). Der sechste Punkt überlässt die Gerichtsbarkeit über die Eingeborenen dem Stammesrecht, währenddessen Punkt sieben den Schutz des Landbesitzes der Eingeborenen gewährt. Punkt acht formuliert die Beteiligung der Eingeborenen an der Verwaltung der deutschen Kolonien: „Die deutsche Regierung erstrebt die Beteiligung der Eingeborenen an der Verwaltung“ (Hildebrand 1969: 906). Die Punkte neun, zehn und elf sprechen den Eingeborenen das Recht auf Glaubensfreiheit (Punkt 9), das Recht auf Erziehung (Punkt 10) und das Recht auf gesundheitliche Betreuung (Punkt 11) zu. So lässt sich in diesen Punkten eine weitgehende Übereinstimmung mit der Konzeption Thurnwalds und Bernatziks feststellen. Thurnwalds Konzeption findet sich aber auch im „Reichskolonialgesetz“, das eine Trennung der Rassen in den Kolonien vorsah, wieder. Das mag daran liegen, dass er dem „Ausschuss für Kolonialrecht“, der dieses Gesetz ausgearbeitet hatte, seit 1938 angehörte (Mosen 1991: 85f).

Eine weitere Grundlage für die nationalsozialistische Kolonialpolitik waren die „Rassenpolitischen Leitsätze“ aus dem Jahre 1940. Diese regelten strikt das Zusammenleben von Kolonisten und Kolonisierten nach der nationalsozialistischen Rassentheorie. Auch hier ging es wiederum um eine Trennung von Schwarz und Weiß zum Zwecke der Konservierung der jeweiligen Kultur. So sollten z.B. Eheschließungen und Geschlechtsverkehr zwischen Weißen und Schwarzen hart bestraft werden: „(...); das bedeutete ein striktes Verbot aller Eheschließungen und jeden Geschlechtsverkehrs zwischen Weißen und Farbigen; bei Verstößen sollten die Weißen bestraft und aus der Kolonie verwiesen werden; der farbige Partner einer weißen Frau sollte mit dem Tode bestraft werden“ (Mosen 1991: 88). Obwohl die ethnologischen Konzepte zur Kolonialpolitik schon vor 1940 entstanden sind, sieht man eine gewisse Parallelität zur nationalsozialistischen Auffassung von Kolonialpolitik in den künftigen Kolonien. Diese Parallelität beweist wie sich die Ethnologie für die nationalsozialistische Eingeborenen- bzw. Kolonialpolitik in den zukünftigen Kolonien einsetzte.

4. Fazit: Opportunismus

Nach dem Verlust der ehemaligen deutschen Kolonien war die Ethnologie in der Bedeutungslosigkeit verschwunden und auch die Nationalsozialisten hatten kaum ein Interesse an ethnologischer Forschung. Fischer ist gar der Meinung, dass die Ethnologie gegenüber anderen wissenschaftlichen Fächern benachteiligt wurde (Fischer 1990: 231). Somit musste sie bald „aus verstaubten Museumsräumen und Bibliotheken hinaus die Beziehung mit dem lebendigen Menschentum suchen“ (Nowack zit. nach Mosen 1991: 101). Dies geschah auf der „Arbeitszusammenkunft deutscher Völkerkundler“ in Göttingen am 22. und 23. November 1940. Das Anbieten der Ethnologie als Kolonialwissenschaft an die Machthaber führte nun endlich zu ihrer Anerkennung.19 Vor allem resultierte die Anerkennung aber daraus, das die nationalsozialistischen Kolonialplaner die Relevanz der Eingeborenenpolitik innerhalb der zukünftigen Kolonialpolitik erkannten. Die von den deutschen Funktionalisten aus dem kolonialen Kulturwandel ausgearbeiteten ethnologisch- kolonialpolitischen Konzepte, die bekanntlich als Grundlage für eine bessere und richtige Kolonialpolitik dienen sollten, flossen nun den Nationalsozialisten zu. Die Ethnologen setzen sich aber eigentlich für den Erhalt der Eingeborenen und ihrer Kultur ein. Wahren, Erhalten und Führen waren ihre Schlagworte. Die Deckungsgleichheit des Wortschatzes mit dem der Nationalsozialisten ist wie in Kapitel 3.3. angeführt unverkennbar. Unter den Bedingungen einer nationalsozialistischen Kolonialverwaltung konnten diese Schlagworte jedoch niemals im Interesse der afrikanischen Bevölkerung liegen (Mosen 1991: 113). Sie dienten nun „einer Dienstbarmachung der Menschen für den kolonialistischen Produktionsprozess“ des NS- Regimes (Mosen 1991: 103). Die Ethnologie trug praktisch zur Ausbeutung des Eingeborenen als Arbeiter bei. Doch damit führte sich das Fach, das eigentlich die Akzeptierung und das Wohlergehen der Eingeborenen im Sinne hatte, ad absurdum. Dies alles geschah wissentlich, jedoch wohl weniger aus Überzeugung von der nationalsozialistischen Ideologie, denn einem grenzenlosen Opportunismus. Da wird von den Ethnologen genau das getan, was in dieser Zeit als von Vorteil, eben opportun erscheint. Weil die Nutzung des Faches im Kolonialbereich als erwünschte Möglichkeit gesehen wurde das „Schattendasein“ zu verlassen, verlegte man sich eben auf die Kolonialethnologie. Man passte sich den Machtverhältnissen und der herrschenden Ideologie an. Wie Fischer richtig ausführt, hängt nämlich jede wissenschaftliche Disziplin von der Gesellschaft ab, die sie erhält und finanziert. Daher muss sie gegenüber der Gesellschaft ihre Existenzberechtigung nachweisen und bei dieser setzt dann der Opportunismus ein (Fischer 1990: 231). Der Opportunismus in der Ethnologie diente somit hauptsächlich der Förderung dieser wissenschaftlichen Disziplin. Den Ethnologen lag also nicht das Wohlergehen der Eingeborenen am Herzen, denn mit dem Wortschatz der Nationalsozialisten für den Erhalt der Eingeborenen und ihrer Kultur zu werben ist lächerlich. Die nationalsozialistische Ideologie war doch bekannt, aber der vom NS-Regime postulierte Deckmantel der „Anerkennung jeglichen Volkstums“ beruhigte das Gewissen der Ethnologen (Mosen 1991: 113). Doch was wäre passiert wenn die Nationalsozialisten tatsächlich zu Kolonien gekommen wären?

5. Anhang

5.1. Deutscher Kolonialkatechismus

1. Das Deutsche Reich übernimmt die Kolonien20 in uneingeschränkter Souveränität, frei von allen internationalen Bindungen, doch ist es zu internationaler Zusammenarbeit mit an- deren Kolonialmächten bereit.
2. Die deutschen Kolonien sind Bestandteile des Reiches, kein Ausland. Sie genießen den vollen militärischen Schutz des Reiches. Sie haben eigene Gesetzgebung und eigene Finanzwirtschaft.
3. Jeder zur Mitarbeit in den Kolonien berufene Deutsche, sei er im Regierungsdienst oder nicht, hat sich der dem deutschen Volke dort gestellten hohen Aufgabe würdig zu erweisen. Wer gegen diese Pflicht verstößt, wird dort nicht geduldet
4. Die Reichsgewalt in den deutschen Kolonien übt der Führer und Reichskanzler aus. Er wird durch den Gouverneur der Kolonie vertreten. In seinen Händen liegt innerhalb der Kolonie die oberste Macht auf allen Gebieten.
5. In den deutschen Kolonien gilt der Grundsatz der Scheidung der Rassen. Die Förderung des Wohles der Eingeborenen ist eine der vornehmsten Pflichten jeder deutschen kolonialen Tätigkeit. Die völkische Eigenart der Eingeborenen ist eine der vornehmsten Pflichten jeder deutschen Kolonialen Tätigkeit. Die völkische Eigenart der Eingeborenen, ihre Sitten und Gebräuche und Rechtsgewohnheiten werden, soweit sie nicht gegen die guten Sitten nach deutscher Auffassung verstoßen, geachtet.
6. Für die Nichteingeborenen gilt grundsätzlich deutsches Recht, für die Eingeborenen ihr Stammesrecht. Die Gerichtsbarkeit über Nichteingeborene obliegt den ordentlichen GeRichten, die über die Eingeborenen der Verwaltungsbehörden.
7. Die Eingeborenen werden in ihrem Landbesitz und ihren sonstigen Gerechtsamen ge- schützt. Eine Übertragung von Grundbesitz von Eingeborenen an Nichteingeborene ist nur mit der Genehmigung der zuständigen Behörde zulässig.
8. Die deutsche Regierung erstrebt die Beteiligung der Eingeborenen an der Verwaltung.
9. In den deutschen Kolonien herrscht Glaubensfreiheit. Dies gilt auch für die nichtchrist-
lichen Religionen. Alle gottesdienstlichen Einrichtungen und Anstalten genießen den gleichen Schutz der deutschen Regierung.
10. Die deutsche Regierung lässt sich die Erziehung der Eingeborenen besonders angelegen sein.
11. Die Eingeborenen werden gesundheitlich betreut. Zu diesem Zweck werden Krankheiten und Seuchen bekämpft und die hygienischen Verhältnisse unter den Eingeborenen nach Möglichkeit verbessert.
12. Die Kolonien werden wirtschaftlich erschlossen. Ihre wirtschaftlichen Werte werden der deutschen Gesamtwirtschaft, von der die Kolonialwirtschaft einen Teil bildet, nutzbar ge- macht. Die wissenschaftliche Forschung wird auf allen Gebieten gefördert.

5.2. Organisationsvorschlag zur Kolonialverwaltung (Thurnwald)

5.3. Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten 21

[...]


1 Hindenburg ernannte Adolf Hitler am 30.01.1933 zum Reichskanzler.

2 weitere theoretische Ausrichtungen: vgl. Fischer 1990: 16-19

3 Militärisch waren alle Kolonien bereits zwischen 1914 und 1916 (Ausnahme: Deutsch-Ostafrika 1918) an die Alliierten verloren. Formal verlor Deutschland seine Kolonien erst durch Teil IV, Abschnitt I, Artikel 119 des Versailler Vertrages: „Deutschland verzichtet zugunsten der Alliierten und assoziierten Hauptmächte auf alle seine Rechte und Ansprüche bezüglich seiner überseeischen Besitzungen“ Auswärtiges Amt (Hrsg.) 1919: Der Friedensvertrag zwischen Deutschland und der Entante. Charlottenburg.

4 Zu erwähnen sind hier vor allem die DKG (Deutsche Kolonialgesellschaft) und der Reichsverband der Kolonialdeutschen und Kolonialinteressenten mit ihren Kampagnen.

5 Die Verträge sehen die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, sowie verschiedene Grenz- und Sicher- heitsgarantien zwischen Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Belgien, Italien, Polen und der CSR vor. (Göbel 1995: 72f)

6 Die anfängliche Zurückhaltung in der Kolonialfrage liegt in dem Beziehungsgeflecht zu England. Um die als notwendig erachtete Hegemonie Deutschlands über Kontinentaleuropa zu schaffen, brauchte Hitler das Wohlwollen Englands. Der Verzicht auf koloniale Politik sollte England zu einem Bündnis mit Deutschland bewegen, um dieses Ziel zu erreichen. Erst danach konnte man, so Hitler, den Griff nach Übersee wagen (Hildebrand 1969: 767f; Hildebrand 1976: 68).

7 1936 Gründung der „Gruppe Deutscher Kolonialwirtschaftlicher Unternehmen“ (Mosen 1991: 35)

8 Nähere Ausführungen zum „Deutschen Kolonialkatechismus“ im Kapitel 3.3.: Die nationalsozialistische Kolonialpolitik bzw. im Anhang 5.1.

9 Die zunehmende Bedeutung des KPA zeigen die finanziellen Zuwendungen: 1939: 156.428 RM, 1940: 6.379.628 RM, 1941: 29.376.060 RM (Mosen 1991: 38).

10 Thurnwald, Bernatzik, Krause, Termer, Plischke usw.

11 vor allem Artikel in der „Kolonialen Rundschau“

12 Zur genaueren Verwaltungsform von afrikanischen Kolonien siehe Anhang 5.2.

13 vgl. Kapitel 3.3. Die nationalsozialistische Kolonialpolitik

14 erfolgreicher Polenfeldzug (01.-18.09.1939), Kapitulation Dänemarks (09.04.1940), Besetzung Norwegens (04.-10.06.1940) und Kapitulation Frankreichs (22.06.1940). vgl. Göbel 1995: 100ff

15 Von offizieller Seite war jedoch nur ein Vertreter des Reichsministeriums für Wirtschaft, Erziehung und Volksbildung sowie ein Vertreter des NS-Dozentenbundes erschienen (Blome 1941: 6).

16 Der Leiter der Abteilung II des KPA, Rudolf Asmis, forderte erstmals die Einstellung von Regierungsethnologen im Jahre 1941(Mosen 1991: 104).

17 Der Ethnologe Günter Wagner z.B. wurde von der Abteilung II des KPA Unterabteilung D (Eingeborenen- kultur) beauftragt, ein Gutachten über die Stellung von Eingeborenen in Transportbetrieben, anzufertigen.

18 siehe Anhang 5.1.

19 Fischer vertritt die Meinung, das das Anbieten des Faches von den Machthabern nicht akzeptiert wurde (Fischer 1990: 232).

20 aus Hildebrand 1969: 906

21 Thurnwald 1939: 464

17 von 18 Seiten

Details

Titel
Ethnologie im Nationalsozialismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
18
Katalognummer
V98732
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethnologie, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
André Krummacher (Autor), 2000, Ethnologie im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98732

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