Prävention von sexuellem Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen


Seminararbeit, 2001
15 Seiten

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Einleitung

Alle Themenbereiche, die sich um sexuellen Mißbrauch und seine Bekämpfung drehen, sind so genannte "heiße Eisen", die niemand gern anfassen möchte. Gesellschaftliche Zwänge, Diskriminierung der Täter wie der Opfer, nicht eindeutig faßbare Forschungsergebnisse, das alles macht eine strukturierte Auseinandersetzung nicht gerade einfach.

Wenn dann der Faktor "Prävention" hinzukommt, erhält die Thematik einen solchen Umfang, daß sich ihr kaum jemand noch entziehen kann. Gleichzeitig werden aber auch sehr komple- xe Probleme der Gesellschaft wie auch des Einzelnen aufgeworfen, wodurch sich der Kon- frontierte schnell überfordert fühlt.

Prävention fordert allumfassende Gesetze, übergreifende Vernetzung der Initiativen und In- stitutionen, spricht jedes Mitglied der Gesellschaft an, durchleuchtet auch den intimsten Be- reich im Alltag!

Wenn man sich vor Augen hält, was Prävention alles leisten soll, und wie das große Ziel aussieht, nämlich die absolute "Unmöglichmachung" von sexuellem Mißbrauch, dann scheint diese Leistung übermäßig groß und das Ziel in unerreichbarer Ferne zu sein!

In dieser Arbeit soll daher unter anderem dargestellt werden, daß Prävention keine Utopie ist, die das Unmögliche fordert, sondern daß jeder kleine Schritt in die richtige Richtung bereits als großer Erfolg angesehen werden sollte.

Um aber zu betonen, daß die großen Ziele nicht aus den Augen verloren werden sollten, möchte ich am Anfang zunächst aufzeigen, wie Gewalt heute begründet wird und wie die Hilfsangebote darauf reagieren. Daraus ergeben sich Forderungen vor allem für die Präven- tionsarbeit, die in vorhandenen Projekten auf ihre Verwirklichung überprüft werden können.

Carol Hagemann-White: Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis. Bestandsanalyse und Perspektiven1

Begründung von Gewalt

Die Erscheinungsformen von Gewalt sind genauso vielfältig wie die Orte, an denen sie passieren. Arbeitsplatz, Betriebsfeier, Privatwohnung, alles sind Orte, an denen auch sexuelle Gewalt ausgeübt wird2.

Zwei Muster überlagern sich im Erscheinungsbild von alltäglicher Gewalt:

1.) Es gibt bestimmte Gruppen, die häufiger als andere Gewalt ausüben! Das sind vorwie- gend Männer, denen dies Verhalten meist als naturgegeben gedeutet wird! Viele abend- ländische Traditionen zeugen von gewaltgeprägten Initiationsriten in „Männerdomänen“. Das fängt in der Schule an, führt sich fort in der Burschenschaft und der Kadettenanstalt als Erziehung zur Männlichkeit.
2.) Es gibt bestimmte Gruppen von Menschen, die häufiger Gewalt erleiden als andere! Da- zu gehören Frauen, Kinder, Homosexuelle, Ausländer und überhaupt Mitglieder von ge- sellschaftlichen Randgruppen. Wer als minderwertig eingestuft und ausgegrenzt wird, ist dabei beliebig verschiebbar und hat nichts mit den Merkmalen der Personen an sich zu tun3.

Hier kristallisiert sich bereits ein Grund für Gewaltausübung heraus:

„Wer im Sinne mächtiger öffentlicher Meinung gegen Schwächere Gewalt ausübt, vergewissert sich zugleich seiner Zugehörigkeit zu der stärkeren, verfolgenden Gruppe und kann sich sicher wähnen, selbst nicht Ziel von Herabsetzung und Verachtung zu werden.“4

Historisch:

Die Feministinnen der 70er Jahre hatten das Ziel, das Verhältnis von Regel und Ausnahme umzukehren: Sie wollten aufzeigen, daß Mißhandlung und Vergewaltigung nicht durch das individuelle Verhalten der Betroffenen ausgelöst werden, sondern in der Gesellschaft verwurzelt sind! Das wiederum wurde als Provokation angesehen, die sich bewußt gegen Verbände und Institutionen richtete. Die Aussage war klar: Gewalt geschieht nicht am Rande der Gesellschaft, sondern in ihrer Mitte und geht uns deshalb alle etwas an.

Aus dem Vorangegangenen ergibt sich nun folgende Fragestellung:

Da Gewalt ja nun bekanntlich in allen Lebensbereichen geschieht, kann man daher auch niemanden im Vorfeld davor schützen? Kann man sich aus diesem Grund nur auf Vorkehrungen beschränken, welche die Folgeschäden begrenzen?

Gerade die Tatsache, daß Gewalt in allen Lebensbereichen geschieht, sollte ein Hinweis darauf sein, daß es grundlegende gesellschaftliche Probleme gibt, die anscheinend Gewalt Raum geben. Es gilt in der präventiven Arbeit auch u.a. diesen Raum aufzuspüren und von Grund auf die Strukturen zu verändern! Darauf werde ich aber zu einem späteren Zeitpunkt noch näher eingehen.

Zu solchen Vorkehrungen, was die Folgeschäden betrifft, zählen Frauenhäuser, die von Frauen aufgesucht werden können, nachdem sie Gewalt z.B. durch ihren Ehemann erfahren haben. Es besteht die Gefahr einer Normalisierung der männlichen Gewalt gegen Frauen und Kinder, wenn durch Nachttaxis und Beleuchtung dunkler Straßenecken die Grundan- nahme vermittelt wird, daß davon auszugehen ist, daß die Gewalt geschieht bei jeder Gele- genheit, die sich ihr bietet5.

Allerdings muß man anerkennen, daß das Thema Gewalt gegen Frauen und Kinder in den letzten 20 bis 30 Jahren zum öffentlichen Problem wurde und bis heute geblieben ist. Das Schweigen und die Scham der Opfer vor der Öffentlichkeit wurde gemindert.

Studie in Niedersachsen: Bestandsaufnahme von Hilfeangeboten

Aus der Befragung der Mitarbeiter der Einrichtungen ergaben sich viele Anregungen. Der Ist-Zustand beschreibt, daß sich die Zahl der Beratungsstellen zwar ständig vermehrt, sie aber genau wie die Krisenunterkünfte kontinuierlich überlastet sind! Das eigentliche Anliegen der HelferInnen ist es, die Gesellschaft mit der in ihrer Mitte statt- findenden Gewalt zu konfrontieren und die Bedingungen für ihr Möglich-Werden zu verän- dern.

Weiterhin wurden von den Befragten Ziele formuliert, wie z.B. der Abbau von Dominanz und Unterordnung im Geschlechterverhältnis. Sie wollen aktiv an der Verminderung von Gewalt und deren Ursachen arbeiten6.

Das Anliegen der Mitarbeiter der Hilfeangebote bezieht sich also oft auf die fehlende präventive Arbeit. Diese soll vor allem gesellschaftliche Mißstände aufzeigen und beheben.

Ein wichtiger Aspekt: Vernetzungsarbeit

Ein Schlüsselbegriff ist die institutionsübergreifende Vernetzung! Durch die Wechselwirkung verschiedener Institutionen im Bereich der Hilfestellung und Beratung von Gewaltopfern könnte man sich an die Einbindung der regionalen Verhältnisse annähern. Das wiederum könnte Prozesse des gegenseitigen Lernens zwischen Regionen fördern. So würde der Um- gang mit der geschlechtsspezifischen Gewalt weiter in die Gesellschaftsstrukturen hinein getragen werden.

Das Problemfeld und die Aufgabe

Die Analyse der Studie setzt am bestehenden HelferInnensystem an. Sie bezieht die Anlässe ein, die zur Entwicklung der Hilfsangebote geführt haben7.

Der Begriff „Hilfesystem“ ist nach Ansicht des Untersuchungsteams nicht angebracht, da er zu weit vorgreift. In Niedersachsen sowie in der gesamten Bundesrepublik sind Einrichtun- gen, die sich mit sämtlichen Gewaltvorkommnissen an Frauen und Kindern auseinander set- zen und gezielte Konzepte für die unterschiedlichen Erlebnisse, wie Vergewaltigung, sexuel- le Belästigung, Frauenhandel in der Ehe oder Prostitution usw., bieten, eine große Ausnah- me.

Allerdings ist trotz der willkürlich anmutenden Verteilung der Angebote eine konzeptionelle Grundhaltung zu erkennen:

1.) parteiliche Stärkung von Mädchen und Frauen;
2.) verstehend auf ihre nicht ausreichende Abwehr und Trennungsfähigkeit aus dem Ge- waltverhältnis;
3.) Bestreben, die Frau/das Mädchen bei einer Loslösung vom Täter und einem Aufbau eines eigenständigen Selbstwertgefühls zu helfen!

Anliegen im Sinne der feministischen Solidarität ist es, aktiv gegen die Gewalt im Geschlechterverhältnis vorzugehen!

Es muß die Zuversicht geschürt werden, daß es möglich ist, der Gewalt ein Ende zu setzen. Daraus folgt, daß die Täter zur Verantwortung gezogen werden! Für die Opfer bedeutet das vor allem:

Das Vertrauen in das Gemeinwesen kann wieder hergestellt werden. Sie finden dadurch einen Ort in der Gesellschaft, der diese geschlechtsspezifische Gewalt ablehnt!

Voraussetzungen einer sinnvollen Hilfe:

Um solche Hilfe, die nicht verdrängt oder abschiebt, leisten zu können, braucht es beruflicher Kompetenz genauso wie Solidarität und persönliche Kraft zur Stellungnahme. Notwendig ist hierfür der Rückhalt im Gemeinwesen, das heißt vor allem die Unterstützung von Politik und Justiz. Helferinnen fühlen sich hier oft noch sehr allein gelassen.

Auch hier wäre die präventive Arbeit eine große Hilfe, denn sie kann im Vorfeld den Rückhalt im Gemeinwesen verbessern. So wird die Arbeit bei der Intervention und Nachsorge erleich- tert!

Institutionalisierungsprozesse:

Psychosoziale Perspektive der Opfer, was die Versorgung betrifft:

„Hilfe erhält, wer zur richtigen Zeit vom richtigen Täter die derzeit besonders ernst genommene Gewalt erleidet.“8

Allgemein ist die Kurve der Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Medien in der Vergangenheit wellenförmig verlaufen. Jede Welle hat unterschiedliche institutionelle Entwicklungen ausgelöst, die aber zum Teil dann auch wieder abschwächten.

Es fällt auf, daß aus diesen Bewegungen keine Einrichtung oder Initiative entstand, welche die Voraussetzungen für eine sinnvolle Vernetzungsarbeit erfüllt, also Prävention, Intervention und Nachsorge in sich vereint!

Beispiel Niedersachsen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten 9

Wichtig für die HelferInnen

Der Anlaß, weswegen eine Frau die Beratung o.ä. aufsucht, muß nicht mit derjenigen Gewalterfahrung identisch sein, mit der die Helferinnen umgehen können müssen! Die Problemfelder, mit denen diese Stellen zu tun haben, überlappen sich stark.

Bei den Workshops mit den Helferinnen wurden folgende Grundsatzziele formuliert:

1) keine geschlechtsspezifische Erziehung,
2) gewaltfreie Erziehung,
3) eigenständiges Leben von Frauen,
4) Gleichberechtigung.

Die erarbeiteten Vorstellungen zur Prävention von sexuellem Mißbrauch waren ähnlich. Prävention wird vor allem von denen erwünscht, die Intervention betreiben. Sie erkennen, daß im Vorfeld schon viel getan werden kann, um sexuelle Gewalttaten einzuschränken.

Hilfen für sexuell mißbrauchte Mädchen und Jungen

Dies wurde Anfang der 70er Jahre zum vorrangigen Thema der öffentlichen Diskussionen! 1991 tauchten folgende Angebote auf:

- spezifische Veranstaltungen von Bezirksregierungen (Landesjugendämtern),
- Seminare auf verbandlicher Ebene für Mitarbeiter der Jugendhilfe,
- amtsinterne und tätigkeitsbezogene Fortbildungen auf lokaler Ebene,
- Aktivitäten in den Landkreisen und Städten mit dem Ziel der Informationsvermittlung, initiiert von Mitarbeitern von Jugendämtern, Beratungsstellen usw.10

Es sind eine auffallend große Anzahl von Gremien und Institutionen mit der Auseinandersetzung mit diesem Thema beschäftigt.

Trotzdem besteht eine eklatante strukturelle Unterversorgung in diesem Bereich! Lange Wartezeiten und erschöpfte Arbeitskapazitäten gehören zum Alltag, wodurch auch die Zeit für notwendige Berufsgruppen- und Vernetzungsarbeit fehlt!

Lücken und Blockaden im Hilfenetz: praxisnahe Vorschläge für institutionelle und rechtliche Änderungen

Zwei deutliche Hindernisse im Hilfenetz sind zu verzeichnen:

a) gravierende Lücken im Angebot, qualitativ, quantitativ oder regional,
b) rechtliche Möglichkeiten sind ungenügend; gesetzliche Bestimmungen wie auch ihre Handhabung sind oft frauen- und kinderfeindlich! Wie schon einige Male zuvor wird hier wieder erkennbar, daß ein Hilfenetz für Betroffene anscheinend ohne eine gut strukturierte Präventionsarbeit nicht effektiv funktionieren kann. Es kann nur auf die ungenügend entwickelten gesellschaftlichen Umstände reagieren, was eindeutig zu wenig ist!

Zur Bewertung der Wirksamkeit von Hilfe

Carol Hagemann-White bietet eine Liste von Faktoren an, an denen die Wirksamkeit der Hilfsangebote gemessen werden kann. Dabei müssen z.B. Fragen gestellt werden, wie:

- Bestehen Angebote für alle Erscheinungsformen der Gewalt im Geschlechterverhält- nis?
- Gibt es ausreichend Angebote für die Nachsorge? Ausreichend TherapeutInnen für längerfristige Hilfe?
- Wird Kooperation und Vernetzung von Dienststellen und Institutionen aktiv unterstützt?

Diese Faktoren weisen darauf hin, daß nur ein Projekt, welches durch Langfristigkeit und multidisziplinäre Methoden gekennzeichnet ist, von dauerhafter Wirkung sein kann. Die Praxis bietet gesellschaftliche Impulse, die hauptsächlich 3 Grundgedanken als Basis haben:

- neue Qualität der Vernetzung,
- aktive Strategien der Prävention,
- ein Wandel des Rechtsbewußtseins in der Gesellschaft! (S. 81)

Diese 3 Faktoren sind im Idealfall alle miteinander verbunden und sollten in der Praxis ineinander übergreifen.

Prävention wurde in der Studie über Niedersachsen als Anliegen oft bei Fachkräften aus dem Bereich "sexueller Mißbrauch" angeführt! Es sollten die Bedingungen, die Gewalt im Geschlechterverhältnis fördern, verändert werden:

- Abschaffung des Züchtigungsgesetzes;
- Erziehung von Mädchen zu Selbstbewußtsein;
- mehr konkrete Möglichkeiten für eine selbstbestimmte Existenz für Frauen;
- Aufbrechen der Isolation von Familien;
- Gleichstellung der Geschlechter.11

Daraus folgt das BEDÜRFNIS der Mädchen nach:

a) Grenzsetzung (Respekt der Erwachsenen, "Nein-Sagen"),
b) Selbstbehauptung (z.B. durch "Wen-Do"-Kurse),
c) eigenen Sichtweisen (Blick auf wünschenswertes Verhalten),

a) veränderten Definitionen ("in meinem Leben bin ich der Star").

Diese Art von Prävention bezieht sich hauptsächlich auf die Arbeit mit den potentiellen Opfern, nämlich den Kindern. In einem Projektbeispiel werde ich später aufzeigen, daß es sinnvoller ist, mit mehreren unterschiedlichen Zielgruppen zu arbeiten!

3 Ebenen der Prävention:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Meistens bleiben die Hilfeangebote bereits bei der tertiären bis sekundären Prävention hängen und dringen gar nicht bis zur primären vor.

Die primäre Prävention sollte vielleicht eher beim potentiellen Täter ansetzen, welcher ja der Ursprung des Übergriffs ist.

Um über die Aufstellung von theoretischen Grundgedanken hinauszugehen, ziehe ich noch weitere Literatur heran, die sich intensiv mit dem Thema Prävention befaßt.

Dagmar Ohl: Zwischen Kinderschutz und parteilichem Ansatz: Die Kontorverse um den sexuellen Mißbrauch

Für die Präventionsarbeit ist es auch sehr wichtig zu definieren, was überhaupt unter den Begriff "sexueller Mißbrauch" fällt und wie sein Phenotyp in der Gesellschaft aussieht. Dazu bietet Dagmar Ohl einige brauchbare Erkenntnisse.

Unterschiede zwischen sexuellem Mißbrauch und Kindesmißhandlung12

Um sich über das Thema Prävention Gedanken zu machen, sollte man vorher genau definie- ren, was man überhaupt vorbeugen möchte. Um später die richtigen Methoden anwenden zu können, ist es legitim, z.B. sexuellen Mißbrauch gegen Kindesmißhandlung abzugrenzen.

Intra- und extrafamilialer Mißbrauch:

Kindesmißhandlung : überwiegend durch Väter und Mütter! Sexueller Mißbrauch : innerhalb und außerhalb der Familie!

Betroffene:

Kindesmißhandlung: Jungen im Kindesalter sind etwas häufiger Gewalt ausgesetzt als Mädchen! Der Schwerpunkt der Mißhandlung liegt im 1. Lebensjahr und im als Trotzalter bekannten 3. Und 4. Lebensjahr.

Sexueller Mißbrauch: Mädchen sind zu 75% - 99% betroffen (mehrere Studien)! Für Mäd- chen scheint das Mißhandlungsrisiko mit zunehmendem Alter zu stei- gen. Sexueller Mißbrauch beginnt im Allgemeinen im Alter zwischen 10,2 und 11,2!

Täter:

Kindesmißhandlung: meistens Mütter und/oder Väter

Sexueller Mißbrauch: überwiegend Männer; bei Mißbrauch an Mädchen: Väter und Stiefväter (männliche Familienangehörige)! Allgemein jedoch Männer aus dem Bekanntenkreis! (Fremde oder Frauen als Täter: 0% - 10%)

Erscheinungsbild:

Kindesmißhandlung: meist impulsive, affektgeladene, emotional unkontrollierte Handlung!

Sexueller Mißbrauch: in der Regel geplante Tat! Männer versuchen, den sexuellen Miß- brauch mit Hilfe von Strategien zu erzwingen! Verpflichten die Opfer zur Geheimhaltung! Übergriffe basieren auf emotionaler Abhängigkeit der Opfer vom Täter!

Folgen:

Kindesmißhandlung: leicht erkennbare körperliche Symptomatik: Hämatome, Quetschungen Platzwunden an den Lippen, Verbrennungen, usw.

Sexueller Mißbrauch: psychisch und zwischenmenschliche Folgen in Form von: Ängsten, Kontaktproblemen, Schlafstörungen, Alpträumen!

Gesellschaftliche Hintergründe und Erklärungsansätze:

Mißhandlung und sexueller Mißbrauch:

Frage der Schichtzugehörigkeit:

Kinder in wirtschaftlich und sozial benachteiligten Familien sind besonders mißhandlungsge- fährdet!13

Familienorientierte Forschung:

„...ist der Ausbruch körperlicher Gewalt eng mit der sozialen Lage einer Familie und ihren mangelnden Kompensationsmöglichkeiten bei materiellen Zwängen und Streß verbunden.“14 Charakteristika für Mißhandlungsfamilien sind Armut und Abhängigkeit von der Sozialhilfe (durch Arbeitslosigkeit oder Verschuldung). Das Gesundheits- und Todesrisiko von Kindern wird weiterhin durch schlechte ökonomische Verhältnisse und mangelnde Versorgung sowie unzureichend ausgestattete Wohnungen erhöht!

Familiendynamischer Ansatz:

Kindesmißhandlung wird als Ausdruck von Beziehungsstörungen begriffen oder auch als familiale Krise. Der Familienalltag ist gekennzeichnet durch ökonomische Zwänge und fehlende Integration in einen paar- und familienübergreifenden Zusammenhalt! Daran schuld sind zum Teil Individualisierungstendenzen und Streß!

Feministische Position:

Hier wird der strukturelle und geschlechtsspezifische Aspekt betont! Sexueller Mißbrauch basiert auf dem gesellschaftlichen Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern. Folgen: das weibliche Geschlecht wird abgewertet, es entsteht eine ungleiche Lebenssituation von Män- ner und Frauen, Herrschaftsanspruch, Zugriffsrecht und Dominanzstreben der Männer!

Interventionspraxis:

Kindesmißhandlung: ist von Außenstehenden leichter zu erkennen: Akustisch wahrnehm- bare Beschimpfungen der Eltern, Weinen der Kinder usw.! Weiterhin gibt es sichtbare Verletzungen eines Kindes, was Personen aus dem sozialen Umfeld alarmieren sollte! Überwiegend melden sich Frauen als erste bei Beratungsstellen o.ä. Männer lehnen es häufig ab, bei Mißhandlung oder sexuellem Mißbrauch professionelle Hilfe in An- spruch zu nehmen!

Sexueller Mißbrauch: meist keine sichtbaren Verletzungen des Kindes, daher für Außen- stehende schlecht erkennbar! Ärzten fehlen oft diagnostizierbare Kom- ponenten! Mädchen und Familienangehörigen fehlen adäquate Aus- drucksmöglichkeiten, um Fragen zu stellen oder das Problem anzu- sprechen!

Gesellschaftliche Bewertung des sexuellen Mißbrauchs:

Die Öffentlichkeit erwartet klare Zahlen, die das Ausmaß der sexuellen Gewalt in unserer Gesellschaft angeben. Jedoch gibt es da gewaltige Probleme, verläßliche Daten zu erheben, da sexuelle Gewalt normalerweise von Dritten weitgehend nicht wahrgenommen wird. „Abhängig von der Informationsquelle und von der Definition kommen verschiedene Untersuchungen zu unterschiedlichen Ergebnissen.“15 So mußten Wissenschaftler, die 1989 eine Studie in Würzburg über die Verbreitung des sexuellen Mißbrauchs durchführten, feststellen, daß je nach Definition des Begriffes der Anteil der Betroffenen (es wurden 1018 StudentInnen befragt) zwischen 6,9 und 33,5% lag!16

Die Politik und die Öffentlichkeit müssen sich damit abfinden, daß sich Fälle von sexuellem Mißbrauch nicht so zuverlässig auflisten lassen wie Verkehrsunfälle! Diese Erlebnisse sind zu sehr mit Bewertungen und Emotionen verbunden, als das man ein einheitliches Maß für sie finden könnte.

Die ungenauen Zahlen und Ergebnisse von Studien über sexuellen Mißbrauch fördern nicht gerade die Akzeptanz präventiver Maßnahmen in der Öffentlichkeit. Viele Mitglieder dieser Gesellschaft wollen sich anscheinend nicht damit auseinandersetzen, daß jeder ein Betroffener sein oder werden kann. Es ist kein Randgruppenproblem!

Prävention. Eine Investition in die Zukunft17

Anstatt nur Grundziele und Richtlinien zu formulieren, werden hier praktische Bestandteile der präventiven Arbeit genannt:

1.) Schulung/Information der verantwortlichen PädagogInnen,
2.) Information der Eltern,
3.) Und pädagogische Arbeit mit Mädchen und Jungen, je nach Alter gemeinsam oder nach Geschlechtern getrennt.

Es wurden im Laufe der letzten 20 Jahre einige Präventionsmodelle entworfen, hochgelobt und auch wieder verworfen. Aus Fehlern wurde gelernt und man erkannte, daß es kein Ein- heitsmodell geben kann, welches die Lösung aller Probleme der sexuellen Gewalt bietet! Das Stichwort „Vernetzung“ spielt bei Kavemann deshalb auch eine wichtige Rolle. Die Fra- ge, ob denn Präventionsarbeit zum Thema „sexuelle Gewalt“ in die schulische Arbeit integ- riert werden sollte, stellt sich erst gar nicht, wenn vorausgesetzt wird, daß überall in den Schulen betroffene Jungen und Mädchen sind! Diese Erkenntnis erhält man aber erst durch den Blick auf die Interventionsarbeit, welche sich intensiv mit den tatsächlichen Opfern be- schäftigt. Die potentiellen Opfer sind Gegenstand der Prävention. Wenn also Prävention und Intervention miteinander erfolgreich verknüpft werden können, bringt das gewaltige Vor- teile für die Arbeit beider Bereiche!18

Noch Ende der 80er Jahre wurde der „einfache Weg“ der Präventionsarbeit in den Vordergrund gestellt, nämlich die vorwiegende Arbeit mit Mädchen und Jungen. Sie waren die erwählte Zielgruppe für viele Initiativen.

Zum einen sind Kinder bereitwillige Zuhörer; man erwartet von ihnen nicht viel Widerstand in der Auseinandersetzung, was meiner Meinung nach ein Fehler ist! Erwachsene sind dem Thema „sexueller Mißbrauch“ oft nicht sehr aufgeschlossen und vermeiden es, damit in Kontakt zu kommen, sofern sie natürlich keine Täter sind.

Laut Kavemann paßte diese Strategie damals genau in das aktuelle pädagogische Hand- lungskonzept und war daher durchaus legitim. Es wurden auf diese Weise viele altersgemä- ße Formen des Informierens entwickelt, die noch heute hilfreich sein können. Ebenso verhalf das Konzept den Kindern dazu, als ernstzunehmende Personen wahrgenommen zu werden.

Im Sinne der Vernetzungsarbeit ist es aber wichtig, die Erwachsenen in ihrer Eigenschaft als Eltern, Lehrer, Bezugspersonen und damit auch als potentielle Täter in die Präventions- und Interventionsarbeit einzubeziehen! Doch der Zugang zu ihnen sehr viel schwieriger als der zu Kindern und Konflikte bleiben da nicht aus. Es gibt zu wenig Bereitschaft, Kinder tat- sächlich zu mehr Selbständigkeit und zum Widerspruch zu erziehen, was ja letztendlich die Möglichkeit einschränken soll, eines Tages wirklich zum Opfer, z.B. von sexueller Gewalt, zu werden!

Folgende Frage stellt sich mir an dieser Stelle: Warum sind Eltern dazu selten bereit? Wo- möglich aus Bequemlichkeit? Ist es ihnen tatsächlich zu anstrengend, sich mit ihren Kindern als ernstzunehmende Persönlichkeiten auseinanderzusetzen? Wollen sie wirklich, daß ihre Kinder zu willenlosen, zwar gehorsamen aber psychisch labilen Geschöpfen heranwachsen? Es existiert anscheinend ein schwer überwindbares Hierarchieverhältnis gerade in der Erzie- hungssituation, welches allerdings dem Kind mehr schadet als nutzt! Das hat nichts mit Ver- nachlässigung des Schutzes zu tun, der dem Kind zuteil werden soll! Gerade wenn das Kind lernt, sich selbst zu schützen, wird es selbständiger und durchsetzungsfähiger.

Aktueller Stand

Der heutige Stand der Präventionsdiskussion ist ein Produkt solcher Überlegungen. Es ist nicht mehr von "Programmen“ die Rede sondern eher von einer „veränderten Erziehungshal- tung“19. Diese soll nämlich genau jene „Lebenskompetenzförderung“ bewirken, die sämtliche Mitglieder der Gesellschaft, potentielle Opfer und Täter, für die Probleme von sexueller Gewalt sensibilisiert.

Es besteht absolute Einigkeit darüber, daß Einzelaktionen, die isoliert stattfinden, keine dau- erhafte Wirkung haben können! Wenn auf die vereinzelte Präventionsstunde in der Schule nichts mehr folgt, wird diese Aktion weitgehend ohne Konsequenzen bleiben, was nicht heißt, daß sie völlig sinnlos ist. Wenn eine Wirkung erkennbar sein soll, muß Prävention fol- gende Ziele verfolgen:

„1. die gesellschaftlichen Strukturen zu verändern, die diese Gewalt möglich machen und aufrechterhalten,
2. die Konstrukte von Geschlecht und Sexualität zu verändern, die die Sexualisierung von Gewalt ermöglichen,
3. den sozialen und rechtlichen Schutz von Kindern und Jugendlichen vor allen Formen der Gewalt zu verbessern und für die Einhaltung schützender Vorschriften zu sorgen,
4. die Handlungsalternativen und Lebensmöglichkeiten von Mädchen und Jungen zu ver- bessern und ihre eigenständige Rechtsposition zu stärken,
5. eine Utopie von einem besseren Zusammenleben der Geschlechter und der Generatio- nen zu entwickeln.“20

Diese Inhalte werden allerdings nicht als Anspruch, den man erfüllen muß gewertet, sondern als Ziel, das es anzustreben gilt! Es ist klar, daß das ganz große Ziel nur mit vielen kleinen Teilerfolgen zu erreichen ist, die viel Zeit und Arbeit in Anspruch nehmen. Deshalb sollte jeder kleine Schritt nach vorn als Erfolg gewertet werden.

Strohhalm e.V. (Berlin): ein mobiles Team zur Prävention von sexuellem Mißbrauch an Mädchen und Jungen21

An dem praktischen Beispiel dieses Projektes läßt sich in vielen Punkten anschaulich dar- stellen, wie präventive Arbeit im Sinne der bereits genannten Zielsetzungen zu verwirklichen ist! Ein Großteil der erwähnten Forderungen wurden hier schon in die Tat umgesetzt, was deutlich zeigt, daß das Unterfangen "Präventionsarbeit" kein nutzloses oder gar unmögliches ist.

Die Mitglieder des Strohhalm e.V. betonen allerdings, daß die Entwicklung ihren Präventionsprogramms noch längst nicht abgeschlossen ist und es wahrscheinlich auch nie dazu kommen wird. Dieser Aspekt ist meiner Meinung nach positiv zu bewerten, da auf diese Art und Weise die Erfahrungen aus der Praxis immer wieder neu auf die Struktur des Programms Einfluß ausüben können!

1989 wurde mit der Durchführung begonnen und bis heute finden ständige Anpassungsprozesse statt, um die Praxisnähe und Wirksamkeit zu gewährleisten.

Die Impulse für die Initiatoren waren hauptsächlich die gesellschaftlichen Mißstände, welche sexuellen Mißbrauch begünstigen, wie patriarchal-autoritäre Familienzusammenhänge, ge- schlechtsspezifische Rollenzwänge und eine sexual- und körperfeindliche Erziehung.22

Noch zum Zeitpunkt des Erscheinen dieses Buches war Strohhalm e.V. laut der Broschüre "Auf dem Weg zur Prävention" (1996, Berlin) "das einzige Projekt, das über eine kontinuierliche Praxis in der präventiven Arbeit mit LehrerInnen, ErzieherInnen, Eltern, Mädchen und Jungen in Grundschulen und Kitas verfügt".23

Zum Arbeitsansatz

Das Mobile Team wendet sich mit dem Präventionsprogramm an sämtliche oben genannte Zielgruppen. Die Gliederung zeigt drei Hauptpunkte auf:

1.) mindestens drei Vorbereitungstreffen mit den LehrerInnen/ErzieherInnen,
2.) der Elternabend, Kinderworkshop bzw. Handpuppenspiel,
3.) drei Nachbereitungstreffen.

In der Grundschule wird mit Rollenspielen, Übungen und Gesprächen zum Thema Gewalt und sexueller Mißbrauch gearbeitet.

Im Vorschulalter wird noch etwas behutsamer vorgegangen. Extra entwickelte Handpuppenszenen beschäftigen sich mit Alltagskonflikten der Kinder. Sexuelle Übergriffe werden dabei nicht gezeigt; es findet also eine sensible Anpassung an das Alter der Kinder statt!

Zur Arbeit des Vereins gehören aber noch mehr Bereiche und Projekte, wie z.B. Projektwochen mit älteren Schülern und Gruppen, Forbildungen für PädagogInnen usw.

Konzeptentwicklung

Bisher ist schon deutlich geworden, daß der Strohhalm e.V. Wert darauf legt, mehrere Zielgruppen und Arbeitsmethoden miteinander zu verbinden. Man könnte dieses Vorgehen auch als multipersonalen Ansatz bezeichnen. Auch werden die Mitarbeiter während eines laufenden Projektes gewechselt, damit die Teilnehmer nicht nur die eine subjektive Sichtweise von einem speziellen Mitarbeiter vermittelt bekommen. Allerdings hat im Laufe der Existenz des Vereins ein Schwerpunktwechsel stattgefunden.

In den 80er Jahren ging die Tendenz eher zur Arbeit mit Mädchen und Jungen. Das war bei anderen Projekten zum sexuellen Mißbrauch ähnlich gelagert.

Inzwischen legt der Verein mehr Gewicht auf die Arbeit mit Erwachsenen, die beruflich oder privat Bezugspersonen für Kindergruppen sind!

Wichtig dabei ist, daß die Mitarbeiter von Strohhalm e.V. die Teilnehmer über die geplanten Veranstaltungen hinaus weiter begleiten und ihnen beratend zur Seite stehen, wenn diese das wünschen!

Sie sehen ihre Arbeit auch nicht als ein einmaliges Ereignis in einer Schule o.ä. an, sondern als Impuls und Hilfestellung für weitere kontinuierliche Aktionen aus PädagoInnen- und Elternkreisen. "Wir machen deutlich, daß der Vormittag mit den Mädchen und Jungen nur der emotionale und eindeutige Einstieg für eine langfristige Arbeit der LehrerInnen zu den Präventionsthemen sein kann."24

Dieser Punkt erfüllt ebenfalls einen wichtigen Teil der in der Theoriediskussion erwähnten Forderungen!

Thema "Vernetzung"

Dieser Begriff ist, wie in meiner Arbeit deutlich gezeigt wurde, wohl mit der wichtigste und grundlegendste der gesamten Thematik des sexuellen Mißbrauchs. Daher darf er in einem umfassenden Programm wie dem vom Verein Strohhalm e.V. nicht fehlen. Zum einen findet Vernetzungsarbeit auf ganz unkonventionelle Art statt! Die LehrerInnen, die so einen Workshop mit ihrer Schulklasse durchführen, sind oft nur das erste Glied einer wei- terführenden Kettenreaktion. Sie arbeiten mit Strohhalm e.V. als Klassenlehrerin, als zweite Kollegin für den Workshop in der Nachbarklasse, bewegen als Mutter die Klassenlehrerin ihres Kindes ebenfalls zur Teilnahme oder verstehen sich als Motor einer schuleigenen Inf- rastruktur für inhaltliche Auseinandersetzungen, Beratungs- und Interventionskontakte mit Ämtern und spezialisierten Institutionen. Auf diesem Weg wird die Thematik schon von mehr Instanzen aufgenommen und bearbeitet, als nur von einer einzigen Schulklasse oder Grup- pe.

Wenn es dann während so eines Workshops zu einer Aufdeckung von einem Fall von sexuellem Mißbrauch kommt, ist ebenfalls eine gute Vernetzung gefragt:

"Es kommt auf eine gute Vernetzung, auf die Möglichkeit vertrauensvoller Zusammenarbeit mit Jugendämtern, Beratungsstellen und anderen beteiligten Einrichtungen an."25 Laut des Vereins sind Prävention und Intervention weder theoretisch noch praktisch voneinander trennbar!

Als Beispiel für eine fortschrittliche Zusammenarbeit von verschiedenen Instanzen ist folgendes Vorgehen zu erwähnen.

Strohhalm e.V. hat zusammen mit anderen Projekten wie "Wildwasser" die jugendpolitischen SprecherInnen der Parteien, VertreterInnen der Kriminalpolizei, des bezirklichen Jugendbereiches, der Senatsverwaltung und der Justiz zu einer Beratung eingeladen. Die Teilnehmer sind ihnen als sehr engagiert bekannt und sind in den Hierarchien ziemlich weit oben anzordnen. An einem akuten Fallbeispiel, welches allen bekannt ist, werden einige Probleme von Herangehensweisen diskutiert; darunter fällt z.B. die richterliche Autonomie. Zuständigkeitswechsel in den Ämtern erschweren weiterhin das Vorankommen bei Fällen von sexuellem Mißbrauch. Die ungewöhnliche Zusammensetzung dieser Runde kann unter Umständen etwas in Bewegung setzen, was anders nicht möglich wäre.

"Aus dem bisher Dargestellten wird deutlich, wie Strohhalm e.V. über das konkrete Präventinosprogramm hinaus ... versucht, Prävention in anderen gesellschaftlichen Bereichen und Institutionen umzusetzen."26

Zusammenfassend lassen sich noch einmal einige von Strohhalm e.V. verwirklichten Grundideen von Prävention aufzählen:

Da wäre zum einen die praxis- und problemorientierte Konzeptentwicklung, die ständig fortführend und nie abgeschlossen ist. Zum zweiten ist der deutliche Versuch erkennbar, gesellschaftliche Mißstände und Klischees abzubauen. Drittens wird sich nicht nur auf eine Zielgruppe konzentriert, sondern viele beteiligte Personenkreise mit einbezogen. Viertens zielt das Projekt auf Langfristigkeit und Kontinuität ab, einer der wichtigsten Punkte! Und fünftens wird der Versuch unternommen, multidisziplinär zu arbeiten und damit eine intensive Vernetzungsarbeit zu leisten, die möglichst viele Instanzen anspricht. Nachwort

Angela May führt ein Zitat von Wolfgang Witte an, welches die Gesamtthematik der Prävention in einem treffendes Satz zusammenfaßt27:

„Prävention beinhaltet eine Utopie davon, wie die Gesellschaft aussehen könnte.“ (Sekun-därliteratur: Wolfgang Witte 1994: Akzeptierende Drogenarbeit: Prävention in der Krise?, in: Sozial Extra 5, S. 12-13)

Eine Utopie ist allgemein als ein Ziel in weiter Ferne zu verstehen, welches wahrscheinlich nie erreicht werden kann; jedoch strebt man ihm so nahe wie möglich entgegen. Die Ideal- gesellschaft ohne Konflikte, Gewalt und Diskriminierung ist mit Sicherheit eine solche Utopie! Da es nicht den idealen Menschen gibt, wird es auch nie die ideale Gesellschaft geben, die bekanntlich aus lauter fehlbaren Menschen besteht. Für viele stellt das bereits einen Grund dar, sich keinen weiteren Anstrengungen hinzugeben, da das Endziel unerreichbar scheint. Es ist für einen Großteil der Menschen die Legitimation dafür, sich nicht engagieren zu müs- sen, sich gehen zu lassen und so zu tun, als sei bereits alles in bester Ordnung. An den be- stehenden Verhältnissen kann man sowieso nicht rütteln, glauben sie!

Umstellungen und Veränderungen sind unbequem und daher so unbeliebt! Gerade bei Tabu- themen wie dem sexuellen Mißbrauch, der überall in der Welt, in jedem Land und in jeder Familie stattfinden kann, ist es besonders schwierig, die Mauer der Ignoranz zu durchbre- chen.

Gesellschaftliche Umwälzungen geschehen nicht von heute auf morgen! Das wissen wir aus Erfahrung. Die Initiatoren solcher Umwälzungen erleben meistens die Ernte ihrer gesäten Früchte nicht mehr. Ein Menschenleben ist wahrscheinlich auch nicht ausreichend, um die tief verwurzelten Geschlechts-, Familien- und Institutionshierarchien, welche vor allem auch den sexuellen Mißbrauch fördern, zu überwinden. Aber allein schon der Gedanke, daß viel- leicht schon unsere Kinder oder Enkel von solchen Initiativen profitieren könnten, sollte An- sporn genug sein, ein allgemeines Umdenken in der Erziehungshaltung einzuläuten!

Natürlich müssen wir bei uns selbst anfangen und unsere eigenen Defizite z.B. im Umgang mit den eigenen Lebenspartner und den eigenen Kindern aufdecken. Erst dann sind wir in der Lage, denen die Augen zu öffnen, die solche Defizite nicht von selbst erkennen können. Der erste Schritt in die richtige Richtung wäre, sich darüber klar zu werden, daß man mit folgenden Denkweisen alles nur schlimmer macht:

1. Das Thema „sexuelle Gewalt“ geht mich und meine Familie nichts an,
2. Mir kann so etwas nicht passieren,
3. Die Täter kommen doch nur aus sozialen Randgruppen,
4. Der Staat, die Polizei, die Justiz kann doch sowieso nichts dagegen unternehmen,
5. Mein Kind darf mit solchen Themen gar nicht in Kontakt kommen, ich muß es davor be- schützen,
6. Sexueller Mißbrauch geschieht nur in sozial schwachen Umfeldern,
7. Was ich nicht sehe, gibt es auch nicht! (von mir!)

Um solche festgefahrenen Denkweisen zu verändern, sind große gesellschaftliche Umstrukturierungen nötig. Die brauchen bekanntlich Zeit und Geld. Aber aus Erfahrung wissen wir, daß selbst Politiker oft an den Problemen vorbeiregieren und auch sie sind nicht allwissend und unfehlbar. Wieso sollten wir uns darauf ausruhen, daß wir die Verantwortung Menschen zuschieben, die zwar mehr aktive Macht ausüben können, aber vielleicht noch weniger Ahnung von einer Lösung haben als wir selbst?

Wie schon zuvor erwähnt, ist jeder kleine Schritt nach vorn ein Teilerfolg! Und diese Teiler- folge sind der beste Weg, sich der Utopie von der besseren, gewaltfreien Gesellschaft anzu- nähern.

[...]


1 Carol Hagemann-White/ Barbara Kavemann/ Dagmar Ohl: Parteilichkeit und Solidarität, Kleine Verlag GmbH, Bielefeld 1997

2 Hagemann-White, S. 16

3 Vgl. Hagemann-White, S. 17

4 Hagemann-White, S. 17

5 " S. 20

6 Vgl. Hagemann-White, S. 26

7 Vgl. " S. 33

8 Hagemann-White, S. 45

9 Vgl. Hagemann-White, S. 44

10 Vgl. Hagemann-White, S. 60

11 Vgl. Hagemann-White, S. 87

12 Vgl. Dagmar Ohl, S. 125 ff

13 Vgl. Dagmar Ohl, S. 128

14 Dagmar Ohl, S. 128

15 Dagmar Ohl, S. 142

16 " S. 141

17 Barbara Kavemann & Bundesverein zur Prävention von sexuellem Mißbrauch an Mädchen und Jungen e.V. (Hg.): Prävention. Eine Investition in die Zukunft, Ruhnmark: Donna Vita 1997

18 Vgl. Kavemann, S. 20

19 Kavemann, S. 25

20 Kavemann, S. 26

21 ebenfalls in: B. Kavemann & Bundesverein zur Prävention..., 1997

22 Vgl. Strohhalm e.V., S. 70

23 Strohhalm e.V., S. 71

24 " S. 75

25 Strohhalm e.V., S. 95

26 " S. 99

27 Angela May: Prophylaxe, Prävention, Intervention - Multidisziplinäre Ansätze in: B. Kavemann & Bundesverein zur Prävention...1997

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Prävention von sexuellem Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V98734
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prävention, Mißbrauch, Kindern, Jugendlichen
Arbeit zitieren
Cathrin Essmann (Autor), 2001, Prävention von sexuellem Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98734

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