Rezension des Gedichtbandes "Blätter zusammengeweht" aus dem Reclam Verlag


Ausarbeitung, 2000

4 Seiten


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In dieser kleinen Anthologie unter dem Titel „Blätter zusammengeweht“ findet der Leser auf 143 Seiten 60 ausgewählte Gedichte verschiedener, meist deutscher Autoren/ Autorinnen in einer Zeitenfolge von der Antike bis zur Moderne.

In der Mehrzahl wurden kurze Gedichte ausgewählt, in einigen wenigen Fällen sind mehrere Gedichte von einem Autor/ einer Autorin abgedruckt.

In der Reihenfolge finden sich zeitlich frühe Gedichte vor späten (modernen). So beginnt der Gedichtband mit einem Gedicht von Sappho (7./6.Jh.v.Chr.) und endet mit Gedichten von C.W. Aigner (geb. 1954) und Cliff Kilian. Vorwiegend vertreten ist jedoch die Zeit von 1800 bis 1970, mehrere Gedichte entspringen dem literarischen Expressionismus. Die Inhalte sind sehr unterschiedlich, sie reichen von der hauptsächlich vertretenen Naturlyrik, über impressionistische, expressionistisch, surrealistische oder politische, bzw. Meinungs-Lyrik.

Schön und passend sind die unbekannteren Gedichte bekannter Autoren (Rainer Maria Rilke, Hölderlin, Karl Krolow) ausgewählt worden, sowie auch weitgehend unbekannter Autoren, wie z.B. Tsurayuki, Cliff Kilian, Walter Helmut Fritz. Es gibt jedoch auch bekannte Gedichte, immer wieder gerne gelesen (Gingo Biloba, Schwarzschattene Kastanie), „Hingucker“, die in beinahe allen Sammelbänden der Lyrik auftauchen.

Die Moderne ist in diesem Lyrikband zu wenig berücksichtigt worden. Interessant wäre zu erfahren, wie Lyriker von heute mit den ausgewählten Themen umgehen. Auch ausländische Lyrik wird kaum berücksichtigt. Nur die „antiken“ Lyriker (Sappho, Ibykos, Tsurayuki u.a.), sowie Rafael Alberti kommen aus dem ausländischen Sprachraum.

Auffällig gut ausgewählt sind die surrealistischen Gedichte und auch die Naturlyrik. Sie heben sich in ihren Bedeutungen von der restlichen Lyrik ab, bilden einen eigenen Rahmen, in denen sich wieder andere Gedichte einfügen.

Die Gedichte haben sehr unterschiedliche Stimmungen, sie berichten von Trauer oder Nachdenklichkeit, über Freude, Liebe und Selbstfindung.

Alle behandeln das Thema des Blattes. Das „Blatt“ in seiner Mehrdeutigkeit taucht in jedem Gedicht vorder- oder hintergründig auf. Mal als Herbstblatt,

„Stürme durchwehn den Baum Reißen das treueste Blatt mit Ungestüme herunter“ (Novalis)

als Frühlingsblüte

„Knospend die Blüten der Rebe.“ (Ibykos) oder als Blatt Papier,

„ mit etwas darauf ziehe das blatt ich aus der maschine und lese als text etwas aus meinem Kopf“ (Jandl)

oder auch nur als Metapher.

„Ich habe dich gewählt Unter allen Sternen.

Und bin wach - eine lauschende Blume Im summenden Laub.“ (Lasker-Schüler)

Ein „Herbstbuch“ ist diese Anthologie, trotz des eventuell irreführenden Titels und der Umschlaggestaltung nicht. Man kann das Büchlein gewiß zu jeder Jahreszeit aus dem Bücherregal nehmen.

In der Mehrzahl beschäftigen sich die Gedichte mit der Natur (erinnert in der Kürze einiger Gedichte an die Naturlyrik der Japaner), später auch teilweise mit der Schrift, dem leeren Blatt Papier, oder dem Buch.

Einige ausgewählte Gedichte seien hier kurz vorgestellt:

Das erste Gedicht „Gebet an Aphrodite“ von Sappho stammt aus dem 7. oder 6. Jh.v.Chr. Es umfaßt vier Strophen, in denen die Göttin Kypris (Aphrodite) angerufen wird, um an einem Fest zur Feier des Frühlings teilzunehmen. Es ist ein gefühlvolles Gedicht, das Bilder von Blumen und der Frische der Natur zeigt.

„Kühle Wasser gehen gesangreich durch die Apfelzweige, Rosen beschatten alle Hänge...“

Bekannter ist wohl der „Gingo biloba“, den Goethe in seinem Garten stehen hat, und der ihn dazu reizt, ein Gedicht zu schreiben. Dieser fremdländische Baum wirft Fragen und Rätsel auf, die in der dritten und letzten Strophe im abab-Reimschema beantwortet werden.

„Solche Frage zu erwidern, Fand ich wohl den rechten Sinn; Fühlst du nicht an meinen Liedern, Daß ich eins und doppelt bin?“

Expressionistisch weht ein

„Welkes windes Blatt“

in Kurt Schwitters sechszeiligem Gedicht „Ich werde gegangen“ daher.

„Im Erlenschatten, Liebste im Erlenschatten, nicht.“

sondern unter Pappel möchte das Ich in Rafael Albertis Gedicht sich aufhalten.

„Freude am Schreiben“ empfindet Wislawa Szymborska, läßt „die geschriebene Ricke durch den geschriebenen Wald laufen“ , erschafft sich eine Welt, deren Schicksal er mit der Schreibfeder bestimmen kann.

Und Hans Magnus Enzensberger befühlt „Das leere Blatt“,

„ ...es ist glatt, hart, zäh, dünn und für gewöhnlich knistert es, fließt, knirscht, reißt, beinah geruchslos; und so wie es ist, bleibt es nicht; es bedeckt sich mit Lügen, saugt, saugt alle Schrecken auf, alle Widersprüche, Träume, Ängste, Künste, Tränen, Begierden; Bis sie getrocknet sind, vergilbt, stockig, grau; Bis es aufweicht, im Regen, zerfällt, im Müll...“

Illustriert wird das Taschenbuch mit sehr modern anmutenden Schattenrissen und Kopien von Laubblättern, die der Herausgeber Ulrichadolf Namislow geschaffen hat. Die Blätter, entweder naturbelassen oder zu geometrischen Formen zerschnitten, sind kopiert oder als Xerographie verarbeitet.

Jedem Gedicht ist eine Illustration zugeordnet, die Gedichte zeigen sich in ihrem ursprünglichen individuellen Schriftbild, allerdings alle in einer einheitliche Schrifttype. Die Gedichte erhalten genügend Platz und sind anschaulich illustriert.

Das kleine Buch ist sehr gut und mit viel Liebe gestaltet. Das fällt besonders im Zusammenspiel von Grafik und Text auf, aber auch in den Anhängen, die keiner Anthologie fehlen dürfen.

Das Verzeichnis der Autoren, Gedichte und Druckvorlagen ist übersichtlich gegliedert, ebenso das Inhaltsverzeichnis. Die Quellen der Gedichte, sowie Geburts- und Sterbedaten der Autoren kann man im hinteren Teil des Büchleins, im Verzeichnis der Autoren, Gedichte und Druckvorlagen nachlesen.

Im Nachwort erklärt der Herausgeber seine Arbeitsweise bei der Illustration. Gerne hätte man noch mehr über die Motivation des Herausgebers gelesen, diesen Gedichtband zu erstellen. Wie hat er die Auswahl getroffen hat, welchen Gedichten gab er warum den Vorzug?

Die Reclam-Bücher haben alle ihr handliches Format, daß sich schnell mal in die Hosen- oder Jackentasche stecken läßt. Leider hat diese Gedichtanthologie einen kartonierten Umschlag, der bereits nach einmaligem Lesen unansehnlich aussieht, ein Leineneinband wäre hier vorteilhafter gewesen.

Das wichtigste an einer Anthologie ist die interessante Zusammenstellung von Texten unter einem Über- oder Leitthema. Das ist hier besonders gut gelungen. Die Gedichte wirken nicht nebeneinander, sondern miteinander. Die Auswahl überzeugt. Hier profitiert der Gedichtband durch seine gute „Mischung“.

Jeder Lyrik- und Naturliebhaber wird an diesem Buch seine Freude haben. Besonders geeignet ist das Büchlein für Menschen, die sich sonst nicht viel mit Lyrik beschäftigen, als kleiner Überblick über die Dichtung, besonders der letzten beiden Jahrhunderte.

Dieser ansprechende Gedichtband ist ein kleines literarisches Schmuckstück in jedem Bücherregal.

Friederike Kohn

4 von 4 Seiten

Details

Titel
Rezension des Gedichtbandes "Blätter zusammengeweht" aus dem Reclam Verlag
Autor
Jahr
2000
Seiten
4
Katalognummer
V98739
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezension, Gedichtbandes, Blätter, Reclam, Verlag
Arbeit zitieren
Friederike Kohn (Autor), 2000, Rezension des Gedichtbandes "Blätter zusammengeweht" aus dem Reclam Verlag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98739

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