Aspekte von Weiblichkeit und weiblicher Identität in Sylvia Plaths Roman "The Bell Jar"


Seminararbeit, 2000
22 Seiten, Note: befriedigend

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1. Einleitung

Seit Sylvia Plaths Selbstmord 1963 wurde nicht nur ihre Arbeit als Lyrikerin kontrovers diskutiert, sondern es hat sich auch ein regelrechter Mythos um ihre Figur gebildet. Zu ihren Lebzeiten stand die Diskussion um ihre `confessional poetry´, der `Seelenstrip´ im Vordergrund. Viele Menschen waren der Meinung, sie gehe mit ihren Gedichten zu weit. Ihren Leidensweg und ihre Erlebnisse konnten vom Rezipienten Stück für Stück miterlebt, bzw. nachvollzogen werden. Um so größer war der Schock, als Sylvia Plath sich quasi als Höhepunkt ihrer lyrischen Vorankündigungen umbrachte.

Doch auch nach Sylvias Tod 1963 ist es um ihre Person nicht still geworden. Vor allem durch eine Reihe posthumer Veröffentlichungen scheint es so, als sei sie zurückgekehrt. Die eindringlichen Beschreibungen in ihren Tagebüchern, die 1982 veröffentlicht wurden, sorgten erneut für Wirbel. Bis heute hat sich der Mythos um Sylvia Plath erhalten und sogar vertieft. Besonders junge Leute sind von ihrer Arbeit begeistert und haben auf dem Weg der elektronischen Medien eine Möglichkeit gefunden, den Mythos um Sylvia Plath zu verbreiten und zu einen Kult aufzubauen. Auf eigens eingerichteten Internetseiten treffen sich Fans der Lyrikerin, um ihre Werke zu diskutieren.

1989 sorgte ein Leserbrief in der Zeitung `The Guardian´ für Aufsehen, in dem darauf hingewiesen wurde, daß Sylvia Plaths Grab auf dem Friedhof von Yorkshire ohne Grabstein versehen war. Der Grund dafür war, daß der Grabstein permanent zerstört worden war. Die Inschrift lautete `Sylvia Plath Hughes´ nicht einfach `Sylvia Plath´, was der Anlaß für radikale Feministinnen und getreue Plath Anhänger gab, den Grabstein zu zerstören. Die Erinnerung an die Tote sollte nicht einhergehen mit dem Gedenken an Sylvia als Ehefrau von Ted Hughes, deren Ehe von 1959 bis 1962 dauerte und als nicht besonders harmonisch galt. Einige Menschen geben Ted Hughes sogar die Schuld an Sylvias Tod und bezichtigen ihn, Sylvias Karriere blockiert zu haben. In der Literaturtheorie der ´écriture féminine´ geht man von diesem Zustand der Unterdrückung der weiblichen Autorin vom patriarchalischen System aus. In diesem Zusammenhang wurde weibliches Schreiben gesondert untersucht und mit typischen Charakteristika belegt, die aus feministischer Perspektive auch auf Sylvia Plath angewendet werden könnten. Viele sahen in Plaths Lyrik eine Revolte gegen die herrschende Gesellschaftsform und besonders eine Revolte gegen dominante Männer.

Selbst Jahrzehnte nach ihrem Tod sind noch viele Menschen fasziniert von Plaths Arbeit. Offensichtlich können sich wohl gerade Frauen auch heute noch mit Sylvia Plath und der Thematik ihrer Werke identifizieren.

An einer Stelle in ihren Tagebüchern schreibt sie:

My God, I´d love to cook and make a house, and surge force into a man´s dreams, and write, if he could talk and walk and work and passionately want to do his career. I can´t bear to think of this potential for loving and giving going brown and sere in me. Yet the choice is so important, it frightens me a little. A lot What I fear most, I think, is the death of the imagination.1

Dieser Passage ist vor allem deshalb so viel Aufmerksamkeit zu schenken, wenn man bedenkt, daß ein Jahr nach Sylvia Plaths gescheiterter Ehe ihr einziger Roman `The Bell Jar´ unter dem Pseudonym Victoria Lucas veröffentlicht wurde. In diesem Roman schildert Sylvia Plath besonders eindringlich, welche Rolle die Problematik einer Frau zwischen Karriere und dem traditionellen Ehefraudasein für Sylvia gespielt haben muß. Erst nach Sylvias Tod wurde der Roman unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht, denn Plath hatte gefürchtet, mit den autobiographisch geprägten Beschreibungen ihrem Umfeld und besonders ihrer Mutter zu nahe zu treten. Ich möchte mich im folgenden mit der Problematik der Weiblichkeit in diesem Roman beschäftigen und anhand der Protagonistin Esther Greenwood die innere Zerrissenheit der jungen Frau aufzeigen, die schließlich zu ihrem psychischen Kollaps und versuchten Selbstmord geführt hat. Mein Ziel ist es herauszuarbeiten, wie im Roman mit Weiblichkeit umgegangen wird und welche Konflikte daraus für Esther resultieren. Eine Rolle werden dabei auch Esthers Verhältnis zu ihrer Mutter und ihre Beziehung zu anderen Frauen und Männern spielen. Obwohl der Roman autobiographisch geprägt ist, werde ich auf Verweise zu Sylvia Plaths Leben aus Platzgründen verzichten, jedoch werde ich mich mit Plaths Schreibstil in Zusammenhang mit der Theorie der `écriture féminine´ auseinandersetzen.

2. Die Problematik `Frau sein in “The Bell Jar“ am Beispiel von Esther Greenwood

Esther Greenwoods Sommer 1953 in New York ist geprägt von ihrer Suche nach sich selbst und dem Versuch ihren Platz in der Amerikanischen Gesellschaft zu finden. Mit ihrem Eintritt in die Welt des Journalismus beim New Yorker Modemagazin `Mademoiselle´ gerät Esther unmittelbar in die Welt des Glamours und der HighSociety. Der Sommer ist quasi „...her initiation into the Madison Avenue world of female glamour and professional high style“.2

Für die heranwachsende junge Frau ergeben sich daraus sofort Konflikte im Zusammenhang mit ihrer Identitätssuche. Während Esther in ihrer Collegezeit erfolgreich Kurzgeschichten und Gedichte veröffentlicht hat, findet sie sich plötzlich in der Welt des kommerziellen, `fashionable journalism´ wieder.

She wants to be a poet: ironically enough, and symptomatically enough, she finds herself in the world of American commercial journalism and media promotion.3

Das Frauenmagazin, für das Esther in diesem Sommer als Preis für ihre literarischen Leistungen arbeitet, beschäftigt sich in erster Linie mit dem idealen Erscheinungsbild der Frau, einem Bild von schönen, schlanken Frauen, dem Esther mit ihrem Äußeren zwar entspricht, das sie jedoch nicht glücklich macht.

I was supposed to have the time of my life. I was supposed to be the envy of thousands of other college girls just like my all over America who wanted nothing more than to be tripping about in those same size-seven patent leather shoes I´d bought in Bloomingdale´s one lunch hour with a black patent leather belt and black patent leather pocketbook to match.4

Sie läßt sich anfangs von den Abläufen der Glamourgesellschaft mitreißen, jedoch hat sie stets das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören und mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein. Im Grund kommt Esther aus einfachen Verhältnissen und ist ein Mädchen aus der Kleinstadt, das noch nie weit gereist ist. Nun sieht sie sich konfrontiert mit der Schnelllebigkeit der Großstadt mit all ihren Verführungen und Verlockungen, die ihr fremd sind. Esther wurde unvorbereitet nach New York gebracht, soll sich dort nicht nur zurecht finden, sondern sich auch noch perfekt in die Gesellschaft der New Yorker `upper class´ eingliedern. Der Traum, den viele ihrer Studienkolleginnen haben, wird für Esther schnell zum Alptraum. Sie ist überfordert mit der Stadt und zugleich enttäuscht von sich selbst, daß sie nicht glücklich ist, über die Chance in New York zu arbeiten.

Look what can happen in this country, they´d say.. A girl lives in some out-of-the-way town for nineteen years, so poor she can´t afford a magazine, and then she gets a schoolarship to college and wins a prize here and a prize there and ends up steering New York like her own private car. Only I wasn´t steering anything, not even myself.5

Esther lebt mit einer Menge anderer junger Frauen im Amazon Hotel zusammen, deren Leben nur darauf ausgerichtet ist, einen Ehemann zu finden. Sie verbringen die Zeit damit von Veranstaltung zu Veranstaltung zu ziehen, hübsch auszusehen und somit den Idealen der Gesellschaft zu entsprechen. Um sich bis zu ihrer Hochzeit ernähren zu könne, lernen sie unter anderem zu stenographieren. Esther steht im Konflikt mit `traditional feminine interests´ wie kochen, nähen und Stenographie und unterscheidet sich dadurch extrem von den anderen jungen Frauen im Amazon Hotel. Der Name des Hotels `Amazon´ kann als Symbol für den Dschungel gesehen werden, in dem sich die jungen Frauen bewegen, ein Dschungel der Schlacht zwischen Frauen und Männern, der Dschungel des Heiratsmarktes. Diese Frauen scheinen, im Gegensatz zu der intellektuellen `Zwölfer-Elite´, gefangen in diesem Dschungel der sich aus falschen Idealen in Bezug auf Weiblichkeit gebildet hat.

...they were all going to posh secretary schools like Katy Gibbs, where they had to wear hats and stockings and gloves to class, or they had just graduated from places like Katy Gibbs and were secretaries to executives and simply hanging around in New York waiting to get married to some career man or other. These girls looked awfully bored to me.6

Esthers Wunsch Lyrikerin zu werden steht bei ihr an erster Stelle und sie gerät schnell in Konflikt mit der Gesellschaft, die einen Widerspruch in Karriere und Weiblichkeit sieht. Eine junge, hübsche Frau, die Karriere machen möchte und dazu noch familiäre Traditionen ablehnt, war in den Fünfzigern kein völlig akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft.

Das bekommt auch Esther zu spüren und sie fühlt sich bald als Außenseiterin, wird isoliert. Sie leidet zunehmend unter dem Druck, ihre Weiblichkeit in Einklang mit ihren Karrierewünschen zu bringen, zumal die Anforderungen, die in New York von Jay Cee an sie gestellt werden, sehr hoch sind. Esther fühlt sich nicht als vollkommene Frau, da sie keine traditionellen weiblichen Attribute, wie zum Beispiel den Wunsch nach Kindern oder die Freude an schönen Kleidern, verspüren kann. Sie sucht in ihrer nächsten Umgebung nach Frauen, die ihr als Vorbilder dienen und ihr bei ihrer Identitätssuche helfen können.

Zuerst fühlt Esther sich zu Doreen hingezogen, die ihre Weiblichkeit gezielt einsetzt um ihre Sexualität auszuleben.

“Doreen had intuition. Everything she said was like a secret voice speaking straight out of my own bones.“7

Esther hat im Inneren den Wunsch sexuelle Erfahrung zu sammeln, fürchtet sich allerdings andererseits vor einer Schwangerschaft. Hinzu kommt, daß eine junge Frau damals ihre Jungfräulichkeit unter allen Umständen bewahren sollte, um unbefleckt in die Ehe einzugehen. Doreen hat sich diesbezüglich von der Tradition abgewandt und steht symbolisch für Verführung und Esthers unterdrückte Sinnlichkeit. Doreen gibt Esther das Gefühl von Sicherheit und unterstützt sie, ihr Leben frei und ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Normen zu führen.

Ordinarily, I would have been nervous about my dress and my odd color, but beeing with Doreen made me forget my worries. I felt wise and cynical as hell.8

Esther bricht ihre Freundschaft mit Doreen jedoch ab und wendet sich Betsy zu, die ein ganz anderer Typ Frau als Doreen ist.

If Doreen represents the vamp side of Esther´s nature, then her friend Betsy certainly represents the side of purity and innocence.9

Esther hofft in Betsy ein Vorbild für den ersehnten Kompromiß zwischen Gesellschaft und Selbst zu finden. Betsy ist rein und unschuldig, das geliebte Kind aus einem intakten Elternhaus. Sie ist zwar nicht so intelligent wie Doreen, hat jedoch eine Art mit ihrer Weiblichkeit umzugehen, zu der sich Esther hingezogen fühlt. Eileen Aird spricht hier sogar von Neid. “Esther envies her normality and her ability to accept her feminity.“10

Trotz der anfangs engen Freundschaft zu Doreen wird Esther klar, daß sie in dieser Beziehung stets hinter Doreen zurückbleibt und nur die Rolle der Beobachterin übernimmt. Sie wendet sich daraufhin von ihr ab.

I made a decision about Doreen that night. I decided I would watch her and listen to what she said, but deep down I would have nothing at all to do with her. Deep down, I would be loyal to Betsy and her innocent friends. It was Betsy I resembled at heart.11

Esther hat das Gefühl, daß sie sich zwischen den beiden Freundinnen entscheiden muß, was ihr schwer fällt, denn Esther möchte zumeist alles auf einmal: eine brillante Lyrikerin sein, sich ungezwungen in der Gesellschaft bewegen, ihre körperlichen Bedürfnisse ausleben und eine starke Individualität entfalten. Von der Gesellschaft wird ihr vermittelt sich zu entscheiden, eine Richtung einzuschlagen, was sich für Esther zu einem immensen Druck entwickelt. Symbolisiert wird Esthers Entscheidungslosigkeit und die daraus resultierende Entscheidungsangst durch die `fig tree-Metaphorik ´. Jede Feige steht symbolisch für eine Richtung, die Esther einschlagen könnte. Eine Feige steht für die Heirat mit Buddy, die nächste für eine Karriere als Lyrikerin und eine weitere für das Leben als Mutter. Doch sie ist weder in der Lage sich für eine Feige zu entscheiden, noch kann sie einen Kompromiß aus mehreren Feigen finden.

I wanted each and every one of them, but choosing one meant losing all the rest, and, as I sat there, unable to decide, the figs began to wrinkle and go black, and, one by one, they plopped to the ground at my feet.12

Esther believed firmly that there was no way, in the American society of the 1950s, that a talented woman could successfully combine a career with homemaking.13

In New York leidet Esther zusätzlich unter dem Druck, den Jay Cee auf sie ausübt, da Jay Cee selbst durch harte Arbeit und resolutes Verhalten zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau geworden ist. Dies suggeriert Esther, eine klare Linie einzuschlagen und sich sicher zu sein, was sie aus ihrem Leben machen möchte. Jay Cee´s “You´ll never get anywhere like this, Esther“14 zieht sich wie eine immer wiederkehrende Drohung durch Esthers Gedanken. Bei der Szene für das Abschlußphoto verspottet Jay Cee Esther sogar. “She want´s to be everything.“15 Elisabeth Bronfen mißt dieser Szene besondere Bedeutung zu.

Die Szene (...) faßt die ganze New York Episode zusammen, die dazu diente, die psychische Qual, die hinter der Fassade des perfekten, selbstsicheren amerikanischen Mädchens lauert, aufzudecken.16

Esther kreiert ihre eigene Doppelgängerin Elly Higginbottom, die Waise. Elly verkörpert Esthers Wünsche, das Bild einer Frau, die sie gerne wäre.

I would simply be Elly Higginbottom, the orphan. People would love me for my sweet, quiet nature. They wouldn´t be after me to read books and write long papers on the twins in James Joyce. And one day I might just marry a virile, but tender, garage mechanic and have a big cowy family, like Dodo Conway.17

In Wellesly trifft Esther auf Dodo Conway. Sie verkörpert die junge Hausfrau aus der Kleinstadt, die ihre Erfüllung in der Sorge um Mann und Kinder findet. Esther beobachtet Dodo durch ein Fenster und empfindet tiefe Abneigung gegen Dodo und die vielen Kinder, die sie täglich spazierenführt.

Dodo Conway, the pregnant neighbour wheeling her sixth child, brings all the scattered images of childbirth and woman´s responsibility back into focus. Unless she accepted this role, Esther will have no life - this is the message her society, even the most supportive elements in it, gives to her.18

Esthers Angst vor einer Schwangerschaft resultiert aus der Angst vor einem `Dodo Conway Dasein´, einem Leben als Frau, die ihrem Mann dient. Ein solches Leben würde das Ende ihrer Karriere als Lyrikerin sein, das Ende ihrer Kreativität.

This seemed a dreary and wasted life for a girl with fifteen years of straight A´s, but I knew that´s what marriage was like, because cook and clean and wash was just what Buddy Wilards mother did from morning till night, and she was the wife of a university professor and had been a teacher herself.19

Mrs. Willard fungiert als eine Art Fürsprecherin für die traditionelle Frau und Esther fürchtet, genau ein solches Leben führen zu müssen, wenn sie Buddy heiratet, denn er übernimmt die Ansicht über die Rolle der Frau von seiner Mutter.

He was always saying how his mother said (...) “What a man is is an arrow into the future and what a woman is is the place the arrow shoots off from.“20

Da Esther nicht am Beispiel der eigenen Familie erfahren kann, was es bedeutet verheiratet zu sein, sieht sie stets Mrs. Willard als drohendes Beispiel für ein Leben, das sie so nicht führen möchte. Sie lehnt die Aussage von Buddy und Mrs. Willard ab, welche die Möglichkeit außer acht läßt, daß eine Frau ihre eigenen und ganz persönlichen Entscheidungen treffen kann.

Es wird für Esther unerträglich einen Kompromiß zwischen gesellschaftlicher Tradition und ihren eigenen Wünschen als Frau zu finden. Ein Druck, der sie in den Abgrund stürzt, an dem sie zerbricht.

Doreen überlebt in der Gesellschaft, weil sie stark ist und sich nichts aus ihrem Ruf oder der Meinung anderer macht, Betsy fügt sich zufrieden in die Reihe der Ehefrauen an der Seite erfolgreicher Männern ein und Jay Cee kann in der Gesellschaft überleben, weil sie hart für ihren Erfolg gekämpft hat und sich schließlich ihren Status durch den errungenen Erfolg gesichert hat. Jay Cee wird allerdings auch nicht als besonders weiblich dargestellt. Sie ist keinesfalls attraktiv und teilweise sogar mit männlich dominanten Zügen ausgestattet.

Jay Cee was my boss, and I liked her a lot, in spite of what Doreen said. She wasn´t one of the fashion magazine gushers with fake eyelashes and giddy jewelery. Jay Cee had brains, so her plug-ugly looks didn´t seem to matter.21

Am Ende von Esthers Aufenthalt in New York wirft sie all ihre schönen Kleider vom Dach des Hotels, was Eileen Aird als Symbol für Esthers Abschließen mit den Bemühungen um soziale Integration sieht. Esther verliert sich und stürzt in tiefe Depressionen.

2.1.Esthers Beziehung zu Männern

Esthers Beziehungen zu Männern sind in erster Linie durch schmerzhafte Erfahrungen gekennzeichnet. Während ihre Beziehung zu Buddy Willard zunächst harmonisch und wie so viele andere Beziehungen unter jungen Menschen verläuft, sind Esthers Erfahrungen mit Männern in New York sehr ungewöhnlich. Während ihrer Zeit am College mußte Esther sehr darunter leiden, daß sie nie zu einem Rendezvous eingeladen wurde und erlangte erst dann die Aufmerksamkeit ihrer Kommilitoninnen, als Buddy sie ausführte.

Oddly enough, things changed in the house after that. The seniors on my floor started speaking to me (...) and nobody made any more nasty loud remarks outside my door about people wasting their golden college days with their nose stuck in a book.22

Eine junge Frau, die sich nicht ins Nachtleben stürzt, um den Mann ihrer Träume zu finden, war für Esthers Kommilitoninnen kein normaler Mensch, der eine Unterhaltung wert gewesen wäre. Die typisch amerikanische `Dating-Culture´ fungierte besonders in den fünfziger Jahren als unumgänglicher und äußerst wichtiger Teil im Leben einer jungen Frau. Doch im Roman wird die `Dating- Culture´ nicht nur aufgezeigt, sondern es wird speziell auf eine besondere Ungerechtigkeit zwischen Frauen und Männern innerhalb dieser `Dating-Culture´ hingewiesen. Elisabeth Bronfen bezeichnet diese Ungerechtigkeit als „Doppelmoral der Keuschheitsgesetze (...), die den Frauen, die in den Fünfzigern aufwuchsen, aufgezwungen wurden.“23

Buddy Willard spielt Esther eine lange Zeit den soliden, jungen Mann vor. Er erwartet von Esther Treue und Jungfräulichkeit, sieht jedoch im Gegenzug keine Notwendigkeit für seine eigene Unberührtheit. Esther erkennt die Doppelmoral, die Buddy ihr vorlebt und beschließt sich nicht damit abzufinden.

I couldn´t stand the idea of a woman having to have a single pure life and a man being able to have a double life, one pure and one not. Finally, I decided that if it was so difficult to find a redblooded intelligent man who was still pure by the time he was twenty-one I might as well forget about staying pure myself and marry somebody who wasn´t pure either. Then when he started to make my life miserable I could make his miserable as well.24

Vor jeder neuen Verabredung verfällt Esther kurzfristig in Träumereien von der perfekten Beziehung in der sie so geliebt wird, wie sie ist, was besonders nach dem Telefongespräch mit Constantin deutlich wird.

There I went again, building up a glamorous picture of a man who would love me passionately the minute he met me, and all out of a few prosy nothings. A duty tour of the UN and a post-UN sandwich!25

Ihr Plan sich von Constantin entjungfern zu lassen schlägt fehl, doch Esther läßt sich nicht entmutigen, denn die Jungfräulichkeit lastet schwer auf ihr. David Holbrook bezeichnet diese Problematik aus Esthers Sicht so: “Virginity is a burden: one has to decide intellectually to lose it.“26

Um sich sicherer zu fühlen und die Angst vor einer Schwangerschaft zu reduzieren, läßt sich Esther ein Diaphragma einsetzen und konkretisiert ihre Vorstellung von ihrer Entjungferung.

I felt the first man I slept with must be intelligent, so I would respect him. (...) I also needed somebody quite experienced to make up for my lack of it. Then, to be on the safe side, I wanted somebody I didn´t know and wouldn´t go on knowing - a kind of impersonal, priestlike official, as in the tales of tribal rites.27

Ihre Wahl fällt auf Irwin, der sie zwar nicht schlecht behandelt, ihr jedoch auch Schaden durch die schmerzhafte Entjungferung an sich zufügt.

So, wie Buddy auf eine jungfräuliche Esther besteht und sich für das Ausleben seiner Sexualität eine andere sucht, wurden Frauen vom Großteil der männlichen Bevölkerung der fünfziger Jahre in zwei Klassen eingeteilt: “sluts and virgins“.

Esther erinnert sich diesbezüglich an eine Unterhaltung, die sie mit ihrem Bekannten Eric führte, der lieber mit einer Hure schlafen würde, “ to (...) keep the woman he loved free of all that dirty business.“28

Auch Marco kategorisiert Frauen. Da er die Frau, die er liebt nicht bekommen kann, weil sie Nonne ist, projeziert er seine Frustration auf den Rest der weiblichen Bevölkerung und wiederholt stets: „Sluts, all sluts.“29 Er haßt Frauen und fügt Esther sowohl psychischen, als auch physischen Schaden zu. Alle Frauen sind Marcos Meinung nach Huren. Im Grunde kann er nur eine Nonne lieben, da diese absolut rein und unberührt ist und es auch bleiben wird.

Es ist nach dem Abend mit Marco, als Esther all ihre Kleider vom Dach des Hotels wirft. Dieser Akt kann nicht nur als Symbol für das Ende von Esthers Bemühung um Integration gesehen werden, sondern auch für die endgültige Ablehnung der Glamour- und Konsumwelt. Sie möchte nie wieder in die Rolle der jungen Schönheit gezwängt werden, die an der Seite irgendwelcher Männer dekorative Zwecke zu erfüllen hat.

Doch Esther wird nicht nur von Männern verletzt mit denen sie ausgeht. Auch Doktor Gordon behandelt sie schlecht, indem er rücksichtslos und brutal die Elektroschocktherapie bei ihr anwendet und ihr Vertrauen in die Medizin zerstört. Erst als Esther auf Frau Doktor Nolan trifft, beginnt sie wieder zu vertrauen und ermöglicht so den Heilungsprozeß.

In ihrer Beziehung zu Männern überläßt Esther diesen zunächst die Autorität die Rolle des fehlenden Vaters und die des Mannes an ihrer Seite auszufüllen. Buddy und auch Cal unterrichten und belehren Esther; Constantin füttert sie. Doch alle Männer mißbrauchen ihre patriarchalische Macht und schaden Esther, ohne dafür von der Gesellschaft verurteilt zu werden. Im Gegenteil, sie werden durch die Gesetze des patriarchalischen Systems noch geschützt. Jeden Schaden, den sie Esther zufügen, können sie legitimieren.

Im Falle von Marco könnte man Esther vorhalten, daß sie sich aus freien Stücken mit ihm getroffen hat und besser darauf hätte achten sollen, mit wem sie sich verabredet. Demzufolge wäre sie an dem, war ihr geschehen ist selbst schuld.

Auch Buddys Fremdgehen könnte gerechtfertigt werden, denn er hat Esthers Reinheit geschont, indem er seine natürlichen, männlichen Triebe an einer anderen Frau ausgelebt hat.

3. Mutterfiguren und ihre Einflüsse

3.1. Esthers leibliche Mutter

Esthers Mutter vertritt die klassischen Ansichten von Weiblichkeit zur damaligen Zeit. Sie geht in der Rolle als Mutter auf und ist sehr darauf bedacht diese Werte auch Esther zu vermitteln. Im Grunde ist sie ihrer Freundin Mrs. Willard sehr ähnlich, jedoch ist zu bedenken, daß sie Esther seit deren achtem Lebensjahr alleine großgezogen hat. Die hierbei entstandene Problematik zwischen Mutter und Tochter wird in der Psychologie unter anderem in der Form eines Wettbewerbes zwischen den beiden Frauen gesehen. Nicht nur, daß der Tochter der männliche Identifikationsbezug fehlt, es entsteht auch ein Kampf um die Gunst des Vaters, dem, gerade wenn er verstorben ist, vor allem von der Tochter idealisierte Züge zugemessen werden. In Esthers Vorstellung ist ihr Vater eine Art „Wunderwesen“, der ihr alle Dinge, die sie nicht beherrscht, beigebracht hätte. Esther ist davon überzeugt, der Liebling ihres Vaters gewesen zu sein und verurteilt ihre Mutter, die ihr nicht ermöglicht hat, den Verlust des Vaters zu betrauern.

I had a great yearning, lately, to pay my father back for all the years of neglect, and start tending his grave. I had always been my father´s favorite, and it seemed fitting I should take on a mourning my mother had never bothered with.30

Neben der Problematik des fehlenden Vaters wird die Beziehung zwischen Mutter und Tochter durch einen weiteren Sachverhalt belastet, nämlich durch das `nicht loslassen können` der Mutter. Nancy Chodorow sieht die Gefahr hierfür schon in frühester Kindheit verankert. Sie ist der Ansicht, daß die Fähigkeit der Mutter zu erkennen, wann und wo sie die Kontrolle über ihr Kind lockern muß, ebenso wichtig ist, wie die Fähigkeit ihr Kind zu umsorgen. Ist die Mutter dazu nicht in der Lage, sieht Chodorow nur zwei Möglichkeiten für das Kind:

“Either it must remain permanently regressed and merged with its mother, or it must totally reject its mother (...) .“31

Esthers Mutter versucht sie zu kontrollieren und zu beeinflussen, ohne Esthers Wünsche zu respektieren und ohne ihre Tochter genauer verstehen zu wollen. Sie beschränkt sich auf ihre eigenen Ansichten über das Leben einer Frau und ist bemüht, Esther genau in dieses Bild zu zwängen. Beispielsweise schickt sie Esther einen Zeitungsartikel, der zwar ihren, aber nicht den Ansichten Esthers entspricht.

The main point of the article was that a man´s world is different from a woman´s world and a man´s emotions are different from a woman´s emotions and only marriage can bring the two worlds and the two different states of emotions together properly. My mother said this was something a girl didn´t know till it was too late, so she had to take the advice of people who were already experts, like a married woman.32

So sehr sich Mrs. Greenwood auch darum bemüht ihrer Tochter traditionelle weibliche Fähigkeiten beizubringen, wird doch deutlich, daß sie im Umgang mit Esther ausgesprochen oberflächlich ist. Ihr ist in erster Linie wichtig, was andere über sie und Esther sagen, nicht was Esther über sich selbst denkt und was sie fühlt. Als Esther mit blutverschmierter Wange aus New York zurückkehrt, ist die Reaktion der Mutter nicht etwa Besorgnis um das Wohl ihres Kindes, sondern Besorgnis um dessen Erscheinungsbild. “Why lovey, what´s happened to your face ?“33

Statt sich mit ihrer Tochter und deren offensichtlich schweren Problemen auseinanderzusetzen, versucht Mrs. Greenwood den Schein einer intakten MutterTochter Beziehung, einer heilen Welt zu wahren. Die Meinung der Öffentlichkeit und ihr eigenes Ansehen sind ihr äußerst wichtig. Sie manövriert sich in die Rolle einer Märtyrerin, die sich nach außen hin hingebungsvoll um ihre Tochter kümmert. Esther empfindet genau diese Situation als verlogen, was ihr nur noch deutlicher vor Augen führt, daß ihre Mutter sie nicht nur nie verstanden hat, sondern sich noch nicht einmal darum bemüht sie zu verstehen.

My mother´s face floated to mind, a pale, reproachful moon, at her last and first visit to the asylum since my twentieth birthday. A daughter in a asylum! I had done that to her. Still, she had obviously decided to forgive me.

“We´ll take up where we left of, Esther,“ she had said, with her sweet, martyr´s smile. „We´ll act as if all this were a bad dream.“ A bad dream.

To the person in the bell jar, blank and stopped as a dead baby, the world itself is the bad dream.34

Die Ablehnung ihrer Mutter resultiert für Esther also nicht nur aus dem Bild von Frau, welches ihre Mutter verkörpert, sondern auch an dem mangelnden Verständnis, das sie für Esther aufbringt. Hinzu kommt Esthers Angst, automatisch so zu werden, wie ihre Mutter, wenn sie sich nicht deutlich von ihr distanziert. Nancy Chodorow beschreibt diese Angst als einen Zustand, der in jeder Frau verankert ist. Linda Wagner Martin hat Chodorows These in ihre Analyse von `The Bell Jar´ miteinbezogen.

As Nancy Chodorow and Marilyn Yalom have said repeatedly, motherhood is a socially constructed reality and, because of same-sex bonding, daughters are both more critical and more appreciative of their mothers. They identify with the female parent so strongly that coming to be a separate self is often difficult, and their innate dependence on the mother causes anxiety.35

Esther sieht ihre Mutter nicht nur kritisch, sie haßt sie regelrecht.

3.2. Ersatzmütter

Aus der Ablehnung der eigenen Mutter resultiert Esthers Bedürfnis nach weiblichen Rollenmodellen, an denen sie sich orientieren kann. Es gibt jedoch keine Frau, die allen Ansprüchen Esthers gerecht wird.

Jay Cee erfüllt den Teil der emanzipierten Führung und der weiblichen Stärke gegenüber der Männerwelt, den Esther bewundert. Von ihr kann Esther lernen eine erfolgreiche Karrierefrau zu werden, doch fehlt es Jay Cee an Wärme und sie vermittelt Esther nicht das Gefühl von Geborgenheit, das sie sich wünscht. Dr. Nolan hingegen genießt Esthers Vertrauen und wird während ihres Krankenhausaufenthalts zu einer engen Freundin mit stark mütterlichen Zügen. Da Esther krank und auf Hilfe angewiesen ist, übernimmt die Ärztin automatisch die Rolle der bemutternden Frau an ihrer Seite. Esther fühlt sich bei Dr. Nolan zwar geborgen, allerdings füllt die Ärztin nur für einen gewissen Zeitraum diese Rolle befriedigend aus.

Im Endeffekt hat Doktor Nolan mit ihrer Therapie vor allem deshalb Erfolg, weil sie Esther dazu bringt, zu ihr als einer mütterlichen Ersatzautoritätsfigur eine vertrauensvolle und verläßliche Beziehung aufzubauen, und ihrer Patientin zugesteht, ihren Haß auf die biologische Mutter zum Ausdruck zu bringen.36

Als Esther das Krankenhaus verläßt, sieht sie sich wieder mit ihrer leiblichen Mutter konfrontiert und deren Defizite in Bezug auf Mütterlichkeit.

Esther ist zwar auf der Suche nach einer Frau, die die Mutterrolle akzeptabel ausfüllt, allerdings geschieht dies nicht nur aus eigenem Antrieb. Während ihres Lebens trifft Esther auf viele Frauen, unter deren Obhut sie für einige Zeit steht. Da diese Frauen alle recht unterschiedlich sind, versuchen sie auch verschiedene Ansichten und Lebensauffassungen an Esther weiterzugeben. Statt aus der Menge von gesammelten Erfahrungen mit diesen Frauen einen für sie gültigen Kompromiß zu finden, orientiert sich Esther entweder völlig oder gar nicht an ihnen. Sie fühlt sich unterlegen und zerrissen, so als ob sie nur existiert, um geformt zu werden.

There was this famous poet, and Philomena Guinea, and Jay Cee, and the Christian Scientist lady and lord knows who, and they all wanted to adopt me in some way, and, for the price of their care and influence, have me resemble them.37

Besonders Mrs. Willard möchte Esther formen und sie ihr gleich machen, denn sie sieht sich in der Rolle der Schwiegermutter, die eine perfekte Frau für ihren Sohn aus Esther machen muß.

Aus der Unzufriedenheit über die verschiedenen Mutterrollen resultiert auch Esthers Wunsch `Elly the orphan´ zu sein, die losgelöst von allen autoritären Mutterfiguren leben kann. Doch Esther kann sich nicht von diesen Einflüssen frei machen, da sie nicht in der Lage ist, einen befriedigenden Kompromiß aus all den ihr angebotenen Identitäten zu erzielen. Elisabeth Bronfen nennt in diesem Zusammenhang die Problematik der `symbolischen Investitur´, die Art und Weise, wie das Individuum von der Anrufung durch die offizielle Macht und Autorität angesprochen wird.

Aber sie [Esther] bleibt in der Krise der symbolischen Investitur gefangen, in der sie keine Möglichkeit sieht, auf die symbolische Anrufung ihrer autoritären Mutterfiguren zu antworten, und unfähig ist, das symbolische Mandat, das sie ihr anbieten, anzunehmen.38

Weder Jay Cees Angebot Esther zu einer erfolgreichen Zeitschriftenredakteurin zu machen, Mrs. Willards Angebot Buddy zu heiraten, noch das Angebot der leiblichen Mutter Esthers Talent als Sekretärin zu entwickeln, ergeben für Esther eine befriedigende Lösung. Keine dieser Identitäten erscheinen ihr annehmbar und aus dieser Krise stürzt sie in die tiefen Depressionen.

4. Kennzeichen weiblichen Schreibens in “The Bell Jar“

Sylvia Plaths Schreibstil im Roman spiegelt dessen Inhalt wieder: die Protagonistin Esther leidet unter Zweifeln und Zerrissenheit, die sie in Form von montageartig aneinandergereihten Ereignissen wiedergibt. Viele Situationen werden im Roman nur kurz angesprochen und erst später ausführlich geschildert. Teilweise erinnert die Art, wie Gedanken und Eindrücke durch Esthers Kopf schießen, an die Technik des `stream of conciousness´.

Wie die feministische Literaturtheorie `écriture féminine´39 beschreibt, sind einige der Hauptmerkmale weiblichen Schreibens nichtlineares Erzählen und die kritische und ironische Reflexion stereotyper Frauendarstellung. Untersucht man `The Bell Jar´, lassen sich einige dieser Charakteristika aufzeigen.

Plath greift in `The Bell Jar´ den Ereignissen schon ganz am Anfang vor, indem Esther sagt: “I knew something was wrong with me that summer (...)“40 und damit die Linearität der Handlung unterbricht.

Die Ironie, die von Plath angewandt wird, bezieht sich nicht nur auf die Beschreibung der verschiedenen Frauen, denen ironische Attribute zugeordnet werden, es ist viel mehr die Selbstironie Esthers, die dem Rezipienten auffällt. Die Beschreibung ihrer Selbstmordversuche ist schon fast tragisch komisch. Diese Ironie zählt ebenfalls zu den Kennzeichen weiblichen Schreibens.

Ein weiteres Merkmal ist Plaths Appell an die herrschenden Vorstellungen der Zeit. Ihre Kritik am Bild der Frau in den Fünfzigern wird durch Esthers Schicksal geäußert, womit sie die Wahrheit auf verdeckte Weise ausspricht, was die Theorie der `écriture féminine´ ebenfalls als weibliches Kennzeichen einstuft. Da die Literaturgeschichte vorwiegend männlich geprägt ist, entstanden für Frauen, die schreiben wollten, Probleme, die es zu überwinden galt. Sie mußten nicht nur um Anerkennung bei den Rezipienten kämpfen, sondern auch ihre Angst vor Autorschaft ablegen. Besonders die ersten schreibenden Frauen taten sich schwer, da sie nicht auf weibliche Vorreiter zurückgreifen konnten und Angst vor der patriarchalischen Autorität in der Literatur hatten.

(...) it is no wonder that woman have hesitated to attempt the pen. Authored by a male God and by godlike male, killed into a “perfect“ image of herself, the woman writer´s self-contemplation may be said to have begun with a searching glance into the mirror of male-inscribed literary text.41

Obwohl Sylvia Plath auf weibliche Vorbilder wie Virginia Woolf zurückgreifen konnte, macht sie durch Esther deutlich, daß dieser Konflikt für sie noch eine Rolle spielte. Der patriarchalische Druck auf Frauen im allgemeinen und auf schreibende Frauen im besonderen ist ihr zentrales Thema.

Dennoch bin ich nicht überzeugt davon, daß `The Bell Jar´ aufgrund einiger Merkmale ein typisches Beispiel eines Romans der Theorie der `écriture féminine´ist.

Das Leiden der Esther Greenwood kann zwar stellvertretend für andere Frauen gesehen werden, ihr psychischer Zusammenbruch allerdings nicht. Auch wenn der patriarchalische Druck auf der schreibenden Frau besonders lastet, bleibt Esther vor allem gefangen in ihren eigenen Depressionen. Diese resultieren zwar unter anderem aus den gesellschaftlichen Zwängen, dennoch denke ich, daß Sylvia Plath nicht in erster Linie gegen phallozentristische Denkweisen rebellieren wollte. Vielmehr wollte sie das Leiden einer jungen Frau darstellen, ihr eigenes Leiden, das zwar von Männern beeinflußt wird, aber nicht als globale Anprangerung der Männlichkeit gesehen werden soll. Immer wieder wird in `The Bell Jar´ darauf hingewiesen, daß Esther sich ihrer mentalen Krankheit bewußt ist. Der Leser wird von Anfang an damit konfrontiert, daß die Erzählerin Esther unter Problemen leidet. Der Eröffnungsparagraph über die Hinrichtung der Rosenbergs und die Beschreibung des Kadaverkopfes, den Esther permanent vor ihrem inneren Auge sieht machen den Rezipienten stutzig. Hinzu kommt ihre eigene Aussage “I knew something was wrong with me that summer“42, die ganz offen darlegt, daß Esther keine gewöhnliche Erzählerin ist. Der Leser ist geneigt, sie als unzuverlässige und unglaubwürdige Erzählerin anzunehmen. Hätte Sylvia Plath einen klassisch feministischen Roman schreiben wollen, bei dem nach jedem Kapitel ein drohender Zeigfinger auf ruchlose und bösartige Männer gerichtet ist, hätte sie Esther als völlig geheilt und somit als zuverlässigen Erzähler dargestellt. Im Grunde erholt sich Esther, doch das Ende bleibt offen. Der Leser erfährt nicht, ob sie völlig geheilt ist und ein zufriedenes Leben führt. Im Gegenteil, Esther weist selbst auf die Problematik eines Rückfalls hin.

(...) because wherever I sat - on the deck of a ship or at a street café in Paris or Bangkok - I would be sitting under the same glass bell jar, stewing in my own sour air.43

Insofern unterscheidet sich `The Bell Jar´ vom Paradebeispiel der `écriture féminine´, Virginia Woolfs `A Room of One´s Own´.

Bei Woolf sind es in erster Linie die äußeren Umstände gegen die sich eine junge Schriftstellerin behaupten muß und genau das ist bei Sylvia Plath nicht der Fall. An `The Bell Jar´ lassen sich zwar verschiedene Typen von Frauen und ihre Stellung in der Gesellschaft protokollieren und Esthers Kampf gegen normierte Idealvorstellungen von Weiblichkeit untersuchen, das Scheitern der jungen Schriftstellerin ist jedoch auf ihre Depression zurückzuführen. Esther hätte die Chance gehabt, als Zeitschriftenredakteurin bei Jay Cee Karriere zu machen. Es ist ihre Entscheidungslosigkeit, die sie in Depressionen und somit in den Abgrund stürzt.

5. Schluß

Gerade heute gibt Sylvia Plath erneut Anlaß zu Diskussionen, denn im April 2000 erscheinen ihre Tagebücher erstmals in voller Länge und vorläufig nur in England. Erneut steht Sylvia Plath im Mittelpunkt. `The Guardian´ druckt Auszüge aus den Tagebüchern in Serie und auch die Radiostation `BBC´ strahlt Diskussionsrunden aus. Der Mythos Sylvia wird neu entfacht. Doch Plath-Anhänger sehen diese Ereignisse nicht nur mit Freude. Viele stellen sich mittlerweile die Frage, ob die Öffentlichkeit in erster Linie an Sylvias spektakulärem Selbstmord oder an ihren Werken interessiert ist. Der Untertitel eines Artikels aus `The Guardian´ faßte kürzlich treffend zusammen: “Long-lost diaries promise to reveal her darkest secrets. But is this macabre industry ignoring her work?“44

Vielleicht denken manche Menschen, daß Sylvia Plath ohne ihren Selbstmord heute nicht mehr aktuell wäre. Ich gehe allerdings davon aus, daß die Thematik in `The Bell Jar´ durchaus auf das Jahr 2000 projeziert werden kann. Betrachtet man die Problematik einer jungen Frau, die versucht, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden herausgelöst aus dem Kontext der fünfziger Jahre, bin ich davon überzeugt, daß diese Thematik immer aktuell bleiben wird. Insofern wird es immer Rezipienten geben, die sich mit Esther Greenwood identifizieren können und demzufolge Sylvia Plath verehren, da sie einen Roman geschaffen hat, der, trotz seiner Aktualität in den Fünfzigern, zeitlos ist. Das Frauenbild, das im Roman aufgezeigt wird, ist dank emanzipatorischer Arbeit in den Grundlagen überholt, die Problematik der Entscheidung allerdings nicht. Auch wenn Frauen heutzutage nicht mehr unter einem immensen patriarchalischen Druck leiden müssen, so muß doch immer noch jede Frau für sich entscheiden, welchen Weg sie einschlägt. Den einer Dodo Conway oder den einer Jay Cee. Und gerade diese Entscheidung geht auch heute noch oft einher mit Selbstzweifeln, Ratlosigkeit und Depressionen junger Frauen. Während zu den Hochzeiten der Emanzipation die Verwirklichung der Karriere an erster Stelle stand, kann man heute wieder einen neuen Trend beobachten, denn die Frauen dieses Jahrzehntes müssen sich nicht mehr den Kampf um Gleichberechtigung auf die Fahnen schreiben, wie es einmal der Fall war. Meiner Meinung nach geht der Trend wieder in Richtung Ehe, Familie und Geborgenheit. Bei repräsentativen Umfragen wurde deutlich, daß bei jungen Frauen die Partnerschaft wieder vor der Karriere steht und der Wunsch nach einer Familie schon bei Jugendlichen gedanklich verankert ist. Der Kampf der Geschlechter ist in den Augen vieler Frauen so gut wie ausgefochten. Die Amerikanerin Laura Doyle geht sogar noch einen Schritt weiter, denn sie ist die Initiatorin einer ganz neuen Frauenbewegung, die das Ende der Emanzipation einleiten möchte. Doyles Buch The Surrendered Wife. A Woman ´ s Spiritual Guide to True Intimacy with a Man preist devote Weiblichkeit im Stil der fünfziger Jahre. Ihre Thesen zu mehr Eheglück durch eine Frau, die in einer Blumenschürze die Küche ziert, haben in Amerika sogar durchschlagenden Erfolg.

Daß auch solch eher radikale Ansichten Erfolg haben, liegt wohl daran, daß eine Frau heute freier entscheiden kann, wie sie ihr Leben gestaltet, als es Sylvia Plath zu ihrer Zeit konnte. Doch eine Entscheidung mit all ihren Konsequenzen zu treffen, birgt, wie gesagt, auch heute noch viele Probleme für heranwachsende Frauen und am Beispiel von `The Bell Jar´ läßt sich diese innere Zerrissenheit hervorragend nachvollziehen. Da Sylvia Plath ihr Leben der Masse geöffnet hat und alle an ihren Höhen und Tiefen teilhaben konnten, steht sie stellvertretend für eine Vielzahl von Frauen, die wie sie fühlen. Eine Identifikation mit Sylvia Plath durch ihre Gedichte, den Roman und ihre Tagebücher bleibt somit immer bestehen. Doch auch für die, die nicht verstehen, warum die junge Frau sich auf so grauenvolle Weise umgebracht hat, bleibt zumindest die Neugier, die Suche nach Antworten und Lösungen, die den Mythos Sylvia Plath am Leben erhalten wird.

“And of course we will read on, like detectives, greedy for clues.“45

Literaturverzeichnis

Primärtext:

-Plath, Sylvia. The Bell Jar. New York: Bantam Books, 1971.

Sekundärliteratur:

-Aird, Eileen. Sylvia Plath. Edinburgh: Oliver& Boyd, 1973.
-Bronfen, Elisabeth. Sylvia Plath. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 1998.
-Chodorow, Nancy. The Reproduction of Mothering. Psychoanalysis and the Sociology of Gender. University of California Press, 1978.
-Gilbert, Sandra and Gunbar, Susan (ed.). The Madwoman in the Attic. New Haven and London: Yale University Press, 1984.
-Gilbert, Sandra and Gunbar, Susan (ed.). The Norton Anthology of Literature By Women. The Tradition in English. 2nd ed. New York: Norton, 1996.
-Holbrook, David. Sylvia Plath. Poetry and Existence. London: Athlone Press, 1976.
-Hughes, Ted and McCullough, Frances (ed.). The Journals of Sylvia Plath. New York: Ballantine Books, 1982.
-Kellaway, Kate. “The poet who died so well,“The Guardian, 21.März 2000, p.3-5
-Lameyer, Gordon. “The Double in Sylvia Plath´s The Bell Jar.“ In: Edward Butcher (ed.). Sylvia Plath: The Woman and The Work (New York: Dodd, Mead&Company, 1977), p.146-165.
-Nünning, Ansgar (Hg.). Metzler Lexikon. Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart: Weimar: Metzler, 1998.
-Wagner Martin, Linda. The Bell Jar. A Novel of The Fifties. New York: Twayne, 1992.

Internetrecherche

-www.geocities.com/Paris/Cafe/8648/belljar/html
-www.hebdenbridge.co.uk/plath/html
-www.stinfwww.informatik.uni-leipzig.de/~beckmann/plath.html

[...]


1 Vgl. The Journals of Sylvia Plath, ed. Ted Hughes and Frances McCullough (New York 1982).

2 Sandra Gilbert and Susan Gubar, The Norton Anthology of Literature by Women. The Traditions in English,2nd ed (New York: Norton, 1996), S.2080.

3 David Holbrook, Sylvia Plath. Poetry and Existence (London: Athlone Press, 1976), S.69. ( Zitate aus diesem Buch im folgenden unter dem Kürzel Holbrook plus Seitenzahl

4 Sylvia Plath, The Bell Jar (New York: Bantam Books, 1971), S. 2. (Zitate aus diesem Buch im folgenden unter dem Kürzel Plath plus Seitenzahl)

5 Plath, S. 2.

6 Plath, S. 3.

7 Plath, S. 6.

8 Plath, S. 6.

9 Gordon Lameyer, “The Double in Sylvia Plath´s The Bell Jar,“ in: Edward Butcher (ed.), Sylvia Plath: The Woman and The Work (New York: Dodd, Mead&Company, 1977), S.146.

10 Eileen Aird, Sylvia Plath (Edinburgh: Oliver&Boyd, 1973), S. 90.

11 Plath, S. 19.

12 Plath, S. 63.

13 Linda Wagner Martin, The Bell Jar. A Novel of The Fifties (New York: Twayne,1992), S.38. ( Zitate aus diesem Text im folgenden unter dem Kürzel Wagner plus Seitenzahl)

14 Plath, S. 27.

15 Plath, S. 83.

16 Elisbeth Bronfen, Sylvia Plath (Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 1998), S. 197. (Zitate aus diesem Text im folgenden unter dem Kürzel Bronfen plus Seitenzahl)

17 Plath, S. 108.

18 Wagner, S. 40.

19 Plath, S. 68.

20 Plath, S. 58.

21 Plath, S.5.

22 Bell Jar, S.49.

23 Bronfen, S. 210.

24 Plath, S. 66.

25 Plath, S. 42.

26 Holbrook, S. 72.

27 Plath, S. 186.

28 Plath, S. 64.

29 Plath, S. 90.

30 Plath, S. 135.

31 Nancy Chodorow, The Reproduction of Mothering. Psychoanalysis and The Sociology of Gender (University of California Press, 1978), S.84.

32 Plath, S. 65.

33 Plath, S. 93. Mein Kursiv.

34 Plath, S. 193.

35 Wagner, S. 87.

36 Bronfen, S. 206.

37 Plath, S. 117.

38 Bronfen, S. 201.

39 Vgl. Ansgar Nünning (Hg.), Metzler Lexikon. Literatur- und Kulturtheorie (Stuttgart; Weimar, 1998).

40 Plath, S. 1.

41 Sandra Gilbert and Susan Gunbar, The Madwoman in the Attic (New Haven and London: Yale University Press, 1984), S. 15.

42 Plath, S. 1.

43 Plath, S. 153.

44 Kate Kellaway, “The poet who died so well,“The Guardian, 21.März 2000,S.3.

45 Kate Kellaway, “The poet who died so well,“The Guardian, 21.März 2000,S.3.

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Aspekte von Weiblichkeit und weiblicher Identität in Sylvia Plaths Roman "The Bell Jar"
Note
befriedigend
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V98742
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
What, Aspekte, Weiblichkeit, Identität, Sylvia, Plaths, Roman, Bell
Arbeit zitieren
Tina Hau (Autor), 2000, Aspekte von Weiblichkeit und weiblicher Identität in Sylvia Plaths Roman "The Bell Jar", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98742

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