Psychoanalytische Interpretation von Franz Kafkas Erzählung "Das Urteil"


Hausarbeit, 2020

18 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychoanalyse nach Freud
2.1. Theorie - Freuds dreiteiliges Modell der Psyche
2.2. Ödipuskomplex
2.3. Traumtheorie

3. Psychoanalyse als Methode zur Interpretation literarischer Texte

4. „Das Urteil" Interpretation
4.1. Verhältnis der Figuren: Georg - Freund - Vater
4.1.1. Erster Teil
4.1.2. Zweiter Teil
4.2. Traumähnliches Schreiben
4.3. Biographischer Bezug

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Franz Kafka machte sich nach dem Verfassen seines Werkes „Das Urteil" in einem Tagebucheintrag Notizen über seinen Schreibprozess. In diesen widmete er seine „Gedanken an Freud", was einen gewissen Zusammenhang zwischen Kafkas Text und den Theorien der Psychoanalyse von Sigmund Freud erahnen lässt. In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwiefern Kafkas Werk im Hinblick auf Freuds Theorien interpretiert werden kann. Dazu werden zunächst Freuds Thesen erläutert, die für die Interpretation ausschlaggebend sind. Die methodische Anwendung der Psychoanalyse zur Interpretation literarischer Werke wird dargestellt und das beschriebene Verfahren am Text „Das Urteil" angewendet. Hierbei wird hauptsächlich werkzentriert vorgegangen, wobei die Figurenkonstellationen zwischen Georg, dem Freund und dem Vater im Vordergrund stehen werden. Zudem wird auf die Auffälligkeiten des Schreibens, in Bezug auf das Kafkaeske und Traumähnliche, eingegangen. Hierzu werden biographische Bezüge, wie Stellen aus Kafkas „Brief an den Vater" und „Briefe an Felice", zur Interpretation herangezogen.

Das Ziel ist es zu zeigen, dass sich die Methode der Psychoanalyse sinnvoll bei der Interpretation des Werkes anwenden lässt. Durch textorientiertes Arbeiten soll eine mögliche Deutung des Werkes dargelegt werden. Neben der werkzentrierten Interpretation wird ein Ausblick gegeben, wie biographische Informationen im Hinblick auf den Text psychoanalytisch interpretiert werden können und inwiefern diese Methode kritisch zu betrachten ist.

Kafkas Erzählung „Das Urteil" erscheint, wie viele seiner Werke, zunächst unzugänglich. Durch die psychoanalytische Betrachtung einzelner Elemente des Textes soll sich hermeneutisch einem möglichen Bedeutungssinn des Ganzen angenähert werden.

2. Psychoanalyse nach Freud

Sigmund Freud gilt als Begründer der um 1900 entstandenen Psychoanalyse. Zu Anfang war es eine medizinische Disziplin zur Heilung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Sein Freund und Mentor Josef Breuer behandelte die Patienten Bertha Pappenheim (Anna O.) und schaffte es, sie von den Beschwerden des damals als Hysterie bekannten Krankheitsbildes zu heilen, indem er eine reine Sprechtherapie anwandte. Die Erkenntnis daraus war, dass die physischen Symptome der Hysterie aus verdrängten traumatischen Ereignissen stammten und verschwinden würden, wenn die Patienten sich diese ins Bewusstsein riefen und mit ihnen umzugehen lernten.

Weiter nahmen sie an, dass nicht alle Erfahrungen und Emotionen, sondern nur Wunschvorstellungen unterdrückt würden, welche den Normen der jeweiligen Gesellschaft widersprächen. Diese verdrängten Vorstellungen fänden im Bereich des Unbewussten statt, was Freud und Breuer auf das dualistische Modell der Psyche schließen ließ. Die Annahme, dass neben den bewussten Vorgängen noch unbewusste existieren, ist entscheidend für Freuds Theorie der Psychoanalyse. Das Unbewusstsein ist der T eil der menschlichen Psyche, der sich der bewussten Steuerung entzieht, aber dennoch eine große Wirkung auf den Menschen ausübt.

Nicht erfolgreich verdrängte Wunschvorstellungen würden, laut Breuer und Freud, physische Beschwerden hervorrufen, die durch Auseinandersetzung oder Sublimierung dieser Wünsche zu behandeln seien.1

Aus diesen anfänglichen Beobachtungen entwickelte und begründete Freud die Psychoanalyse. Der Begriff umfasst diese als eine Theorie über die menschliche Psyche, als ein therapeutisches Verfahren und auch als eine Methode. Unter den methodischen Ansatz zählt man auch die psychoanalytische Interpretation von Literatur.

2.1. Theorie - Freuds dreiteiliges Modell der Psyche

Freud unterscheidet in seinem dreiteiligen Modell der Psyche die Instanzen Ich, Es und Über-Ich, die sich im menschlichen Seelenleben abspielen und einen großen Einfluss auf das Denken, Handeln und Fühlen des Menschen ausüben. Das Es ist die dunkle, chaotische Instanz, die danach strebt, alle menschlichen Triebe zu befriedigen. Dem Lustprinzip folgend kennt sie weder Logik, noch Moral oder Regeln. Die Instanz des Über-Ichs ist als Gegenspieler des Es zu verstehen. Diese hat ihre Wurzeln in der Kindheit eines Menschen und ist, anders als das Es, nicht angeboren. Das Über-Ich entsteht durch die Verinnerlichung von den jeweiligen gesellschaftlichen Normen, welche dem Kind durch Autoritätspersonen vermittelt werden. Es ist die Gewissensinstanz, welcher die Regeln bekannt sind und die bei Verstößen mit Schuldgefühlen straft. Während das Es und das Über-Ich rational und kompromisslos agieren, bemüht sich die dritte Instanz, das Ich, um einen Ausgleich zwischen ihnen. Sie ist der Sitz des Bewusstseins, der Erinnerungen und des vernünftigen Denkens. Der Außenwelt zugewandt ist diese Instanz um das Wohlergehen der Person bemüht. Um die Triebansprüche des Es mit den gesellschaftlichen Regeln des Über-Ichs zu vereinen, ersetzt sie das Lustprinzip durch das Realitätsprinzip. Menschliche Triebe, die nicht konform mit den gesellschaftlichen Regeln sind, werden verdrängt oder auf andere Objekte sublimiert.2

Weiter geht Freud davon aus, dass das Verdrängte meist mit sexuellen Wünschen zusammenhängt. Eine seiner umstrittensten Annahme ist die, dass selbst Kinder sexuelle Triebe hätten.3

2.2. Ödipuskomplex

Das Drama König Ödipus von Sophokles inspirierte Freud zu seinem Konzept des Ödipuskomplexes. Dieser spielt bei der Entstehung des Über-Ichs eine zentrale Rolle. Laut Freud würde das männliche Kind seine ersten sexuellen Begehren auf die Mutter richten, wodurch ihm der Vater als übermächtiger Rivalen erscheine, welcher der Beziehung zur Mutter im Weg stehe. Das Kind würde in dieser ödipalen Phase den Vater am liebsten tot sehen und könne ihn nur durch die Überwindung des Komplexes als Vorbildfigur wahrnehmen. Erst wenn das Kind seine sexuellen Wünsche auf andere Frauen projiziere, erscheine der Vater ihm nicht mehr als Rivale.

2.3. Traumtheorie

Träume sind für Freud „verhüllte Erfüllungen von verdrängten Wünschen".4 Diese Wunscherfüllungsphantasien träten beim Schlafen hervor, da die wachende Instanz des Über-Ichs kurzzeitig verschwinde. Warum uns nach dem Aufwachen unsere eigenen Träume aber meistens vorenthalten blieben oder nur noch rätselhaft in Erinnerung seien, erklärt Freud anhand der Traumarbeit. Diese entstelle das Geträumte, sodass die dahinter liegenden Wunschphantasien nicht mehr zu erkennen seien. Durch die Traumdeutung wird versucht, die verzerrten Erinnerungen auf deren Ursprung zurückzuführen. Freud spricht bei dieser auch vom „via regia zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben",5 womit er die Deutung von Träumen als den Königsweg zum Unbewussten beschreibt. In diesem Zusammenhang sieht er Träume in Analogie zu literarischen Texten, dessen tiefere Bedeutungsschichten es zu ergründen gilt.6

3. Psychoanalyse als Methode zur Interpretation literarischer Texte

Fraglich ist nun wie die Methode der Psychoanalyse bei der Interpretation literarischer Werke von Nutzen sein könnte. Zumal diese Methode auf einer Wissenschaft begründet ist, welche von einem verborgenen Unbewusstsein ausgeht und sich somit die analytische Anwendung als schwierig herausstellen dürfte.

Freud argumentiert, dass von bestimmten physischen Indizien und Symptomen auf Vorgänge im Unbewussten geschlossen werden kann. Neben den Symptomen der Hysterie, die auf eine Unstimmigkeit im Seelenleben zurückzuführen sind, soll mit dem ,Freud’schen Versprechet ein weiteres Argument für diese These gegeben werden. Laut Freud ist dieser „das Paradebeispiel [...], dass ein Versprecher oft mehr ist, als nur ,Zufall‘“.7 Durch die sprachliche Fehlleistung tritt dabei eine unbewusste Aussage zum Vorschein.

Die Interpretation solcher Vorfälle lässt Rückschlüsse auf das Unbewusste ziehen. Damit wird die Psychoanalyse zu einer Disziplin, die mittels hermeneutischer Vorgehensweise verborgene Bedeutungen und Zusammenhänge zu ergründen versucht. Diese Eigenschaft teilt sie mit der Literaturwissenschaft.8

Angewendet wird sie hier auf drei verschiedene Arten. Die autorzentrierte Psychoanalyse untersucht den Text auf unbewusste Wünsche und Phantasien des Autors. Literarisches Schaffen ist nach Freud eine Form der Sublimierung von Wünschen, die nicht konform mit den Normvorstellung der Gesellschaft sind. Die autorzentrierte Interpretation versucht, genauso wie die Traumdeutung, Informationen über psychische Prozesse des Menschen zu analysieren. Sie ist als Methode zur Interpretation eines Textes allerdings sehr vage und benötigt zur Anwendung umfassendes biografisches Material. Unbewusste Vorgänge des Autors, die diesem selbst unzugänglich bleiben, dem Text entziehen zu wollen erweist sich als problematisch und unpräzise. Zudem ist für Freud „jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als einem Motiv oder Anregung in der Seele des Dichters hervorgegangen“ und würde somit „mehr als eine Deutung zulassen“.9 Die autorzentrierte Interpretation ist, wie auch die folgenden, somit nur als eine mögliche Annäherung des Werkes zu verstehen.

Eine andere Methode untersucht den Text auf das Verhältnis zwischen Text und Leser und analysiert, was bestimmte Reaktionen des Rezipierenden über die im Text vorkommenden Motive, Themen und Strukturen aussagen.10

Als letztes ist die werkzentrierte Interpretation zu nennen. Diese stellt den Text an sich in den Mittelpunkt und untersucht ihn auf Motive und Aussagen der Psychoanalyse.

4. „Das Urteil“ Interpretation

Die Erzählung „Das Urteil“, welche Franz Kafka in der Nacht von dem 22. auf den 23. September 1912 geschrieben hat, wird oft als sein literarischer Durchbruch bezeichnet11 und auch der Autor selbst scheint von seinem Schreibprozess überzeugt gewesen zu sein. In einem Tagebucheintrag dokumentiert Kafka:

[...] Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele. [...] Viele während des Schreibens mitgeführte Gefühle [...], Gedanken an Freud natürlich.12

Dass Kafka nach Vollendung des Textes seine Gedanken Freud widmet, deutet auf den anfangs erwähnten Zusammenhang zwischen Kafkas Werk und Freuds Theorie hin. In der folgenden Interpretation von Kafkas Erzählung werden neben der Textanalyse auch biographische Punkte untersucht. Insbesondere die Vater-Sohn Beziehung Kafkas und sein Zwiespalt, zwischen den Sicherheiten eines bürgerlichen Lebens und seiner notwendigen Freiheit für das Schaffen als Schriftsteller, werden erörtert.

Zu Anfang der Erzählung wird das Geschehen noch auf realistische Weise beschrieben. Es tauchen nur vereinzelt Ungereimtheiten auf, wie Georgs widersprüchliches Zögern vor der Mitteilung seiner Verlobung an den namenlosen Jugendfreund. Doch spätestens bei Georgs Besuch des Vaters häufen sich die irritierenden Details. Die Konfrontation der beiden nimmt zunehmend surreale Züge an. Aus psychoanalytischer Sicht stellt der Text einen ödipalen Machtkampf zwischen Georg Bendemann und seinem Vater dar, der letztendlich im Todesurteil des Vaters über seinen eigenen Sohn endet.

[...]


1 De Berg, Henk: Freuds Psychoanalyse in der Literatur- und Kulturwissenschaft. Eine Einführung. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag 2005, S. 3-13.

2 vgl. De Berg 2005, S. 57-67.

3 vgl. De Berg 2005, S. 10-13.

4 Paradoxien des Ich: Beiträge zu einer subjektorientierten Pädagogik: Festschrift für Günther Bittner zum 60. Geburtstag. Hg. v. Volker Fröhlich und Rolf Göppel. Würzburg: Könighausen & Neumann 1997, S. 161.

5 Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. Achte Auflage. Reproduktion des Originals. Frankfurt am Main: Outlook Verlag GmbH 2020, S. 489.

6 Kittstein, Ulrich; Kugler, Stefani; Ritthaler, Eva: Grundlagen der Neueren deutschen Literaturwissenschaften. Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier 2019, S. 274.

7 Freud, Sigmund: Zur Psychopathologie des Alltagslebens (Illustriert). eClassica 1904, Klappentext.

8 vgl. Kittstein/Kugler/Ritthaler 2019, S. 274.

9 Freud 2020, S.213.

10 vgl. De Berg 2005, S. 96-99.

11 vgl. Kaul, Susanne: Einführung in das Werk Franz Kafkas. Darmstadt: WGB Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010, S. 23.

12 Gesammelte Werke: in zwölf Bänden. Hg. v. Hans-Gerd Koch. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch Verlag 1994, T II; S. 101.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Psychoanalytische Interpretation von Franz Kafkas Erzählung "Das Urteil"
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Jahr
2020
Seiten
18
Katalognummer
V987541
ISBN (eBook)
9783346345073
ISBN (Buch)
9783346345080
Sprache
Deutsch
Schlagworte
psychoanalytische, interpretation, franz, kafkas, erzählung, urteil
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Psychoanalytische Interpretation von Franz Kafkas Erzählung "Das Urteil", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/987541

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