Weiblicher Orgasmus und Sexualität. Historische Entwicklungen und Ambivalenzen von Macht, Geschlecht und Gesellschaft


Bachelorarbeit, 2017

41 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geschlechtliche Körper – Sexualität - Macht: historische Entwicklungen
2.1 Historie der Geschlechter: Entwicklung der Zweigeschlechtlichkeit
2.2 Macht und Sexualität
2.2.1 Positive Macht: Bio-Macht
2.2.2 Wahrheiten der Sexualität: Sexualitätsdispositiv
2.3 Sexualität im Wandel
2.3.1 Die sexuelle Revolution, Sexwelle und Modernisierung
2.3.2 Ab 68: Veränderungen der zweiten Frauenbewegungen
2.3.3 Zwischen neuen Freiheiten und neuen Zwängen: Kritische Stimmen

3. Normalisierung des weiblichen Orgasmus und Sexualität
3.1 Der weibliche Lustkörper
3.2 Der Leistungskörper
3.3 Die Orgasmuslücke

4. Diskussion

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zur Jahrtausendwende stecken viele Frauen immer noch in der Missionarsstellung fest und fragen sich: Ist die sexuelle Revolution schon gekommen? Ich bin es jedenfalls noch nicht! (Bode 1998: o. S.)

Sexualität wird zunehmend problematisiert; und schon lange nicht mehr primär im Rahmen (sexual-)wissenschaftlicher Diskurse, sondern auch in allen Medien und der Gesellschaft. Was medial mit Orgasmuslücke, Orgasm-Gap oder auch Orgasmuskluft (Schröder 2017; Roese 2016; Mintz 2015; Bode 1998) adressiert wird, versucht eine Studie in der Fachzeitschrift Archives of Sexual Behavior wissenschaftlich zu fundieren.

Darin zeigt sich, dass 95 Prozent der heterosexuellen Männer, aber nur 65 Prozent der heterosexuellen Frauen beim sexuellen Akt einen Orgasmus haben. Nachdem aber in der Studie 86 Prozent der lesbischen Frauen angeben, regelmäßig zum Höhepunkt zu kommen, wird konkludiert, dass die Ursache des „Problems weiblicher Orgasmus“ keine biologische, also nicht naturgegeben sein kann. Das Problem liegt also nicht bei der Frau selbst; konsequent weiter gedacht scheint also die sexuelle Orientierung innerhalb des Geschlechtsaktes entscheidend zu sein für das Orgasmus-Haben oder Nicht-Haben, mit Verweis auf einen gesellschaftlich-limitierten, patriarchal-strukturierten Blick hinsichtlich Heterosexualität, weiblicher Lust und ihrer Notwendigkeit (Frederick et al. 2017; Douglass und Douglass 1999: 23f.).

Mein soziologisches Interesse gilt folgenden Fragen: Wie hat sich das Verhältnis von Sexualität, Gesellschaft und Macht im 20. Jahrhundert gewandelt? Inwiefern besteht ein Zusammenhang zwischen Macht, Gesellschaft und Geschlecht? Inwiefern lassen sich Normalisierungsprozesse durch die Praxis der Naturalisierung und Ambivalenzen der sexuellen Liberalisierung bezüglich Sexualität herausarbeiten? Diese Fragen möchte ich in meiner Arbeit vor allem am Beispiel des weiblichen Orgasmus erörtern.

Die vorliegende Arbeit befasst sich im Besonderen mit einer körperhistorischen und machtanalytischen Perspektive auf die Ursprünge und Entwicklungen der Triade Geschlecht – Macht – Gesellschaft.

Sexualität und Gesellschaft werde ich mit Bezug auf historische Transformationen rekontextualisieren, sowie darin eingebettete Machtverhältnisse, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Zusammenhänge herausarbeiten. Dadurch soll eine Perspektive auf längerfristige und zugrundeliegende Prozesse ermöglicht werden, um aufzuzeigen wie komplex und reziprok die kulturellen, sozialen und politischen Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft auf Sexualität und Körper wirken. Da aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit keinen gesamten historischen Überblick geben kann, wird nach einem Überblick der Fokus auf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen.

Im zweiten Kapitel dieser Arbeit wird es hauptsächlich um die Arbeit von zwei Sozialhistorikern gehen. Zum einen betrachte ich Laqueur und sein Werk Auf den Leib geschrieben. Auch wenn wissenschaftliche Stimmen sicherlich berechtigte Kritik1 gegenüber Laqueur verlauten lassen - er bewege sich pauschalisierend zwischen geographischen und zeitlichen Sphären - erscheinen mir seine Erkenntnisse als bereichernd, um einen kurzen historischen Überblick zur Geschichte der Geschlechterdifferenzierung und der Herausbildung von Zweigeschlechtlichkeit zu leisten. Denn das Verständnis von Natur und die Deutung von Körpern hat sich innerhalb historischer und politischer Prozesse gewandelt. Von diesem Überblick verspreche ich mir die hierarchisierte Zweigeschlechtlichkeit nachvollziehbar zu machen und in der weiteren Ausführung darauf aufbauend zu analysieren, inwiefern dieses Verständnis in modernen Geschlechterverhältnissen allgegenwärtig ist.

Anknüpfend daran wird Foucault mit dem Schwerpunkt auf seinem Konzept der Bio-Macht und des Sexualitätsdispositivs behandelt. Er erweitert die repressive Machtauffassung um die Komponente einer positiven Macht, die als produktive Bio-Macht erscheint. Sein Verständnis von Machstrukturen, Regulierungs- und Normierungsmechanismen öffnet den Blick auf latente, diskursive Praktiken und verdeutlicht, inwiefern Sexualitätsdiskurse als „Angelpunkt gesellschaftlicher Machtausübung“ (Fritzsche und Hartmann 2007: 135) fungieren.

Weiter soll in diesem Kapitel auf den Wandel der Sexualität im Zuge der sexuellen Liberalisierung eingegangen werden. Dabei ist die Auseinandersetzung mit neuen Freiheiten und Zwängen der (weiblichen) Sexualität zentral, sowie kritische Stimmen dazu.

Aufbauend auf dem zweiten Kapitel beschäftigt sich das dritte Kapitel dieser Arbeit mit einer Analyse von Normalisierungsprozessen durch die Praxis von Naturalisierung, die den weiblichen Lustkörper, den Leistungskörper und die Problematik „Orgasmus“ hervorbringen.

Die Diskussion arbeitet die entscheidenden Argumente und Hauptaussagen heraus und verbindet beide Kapitel miteinander. Darin soll zudem die Frage, inwiefern gesellschaftliche und machtpolitische Strukturen Sexualität und den Orgasmus im Besonderen beeinflussen, aufgrund der in der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse erörtert werden. Das Fazit benennt zusammenfassend zentrale Aspekte und meine Schlussfolgerungen.

2. Geschlechtliche Körper – Sexualität - Macht: historische Entwicklungen

In diesem Kapitel soll zunächst ein Überblick über historische Zusammenhänge und Entwicklungen bezüglich Sexualität und der Zweigeschlechtlichkeit gegeben werden. Unter anderem werden dabei Verständnisunterschiede zwischen Natur und Kultur erörtert, wie auch die Veränderung des Blickwinkels durch die Aufklärung. Daran anknüpfend soll anhand Foucault der Zusammenhang von Macht und Sexualität herausgearbeitet werden. Abschließend wird der Wandel der Sexualität in der Moderne mit Schwerpunkt auf der sexuellen Liberalisierung dargestellt.

2.1 Historie der Geschlechter: Entwicklung der Zweigeschlechtlichkeit

Der Historiker Laqueur (1996: 9) beschreibt seine Überraschung, als er in Geburtshilfetexten des 17. Jahrhunderts einen Konsens entdeckt, dass der weibliche Orgasmus reproduktionsnotwendig ist. Diese Erkenntnis bildet die Grundlage seines Forschungsinteresses, in welchem er die Frage nach dem „Verschwinden des Orgasmus [...] [und] nach der Beziehung zwischen dem Körper und der sexuellen Differenz“ (ebd.: 10) untersucht. Laqueur möchte in seiner Auseinandersetzung herausarbeiten, dass „so ziemlich alles, was man über das Geschlecht des Leibes (sex) aussagen möchte [...], immer schon etwas aussagt über das Geschlecht im sozio-kulturellen Raum (gender)“ (ebd.: 24f.; Hervorhebung im Original). Anknüpfend daran macht er seine Ansicht deutlich, dass Natur oder „Natürliches“ stets kulturell verstanden werden muss, folglich auch der geschlechtliche Körper (ebd.: 20).

Um die Frage der sexuellen Differenz zu untersuchen, entwickelt Laqueur (1996) zwei Modelle, welche eine Rekonstruktion von Betrachtungsweisen auf den geschlechtlichen Körper ermöglichen sollen.

Nach Laqueur gibt es von der Antike bis ins späte 17. Jahrhundert ein sogenanntes Ein-Geschlecht-Modell2, bei dem die Genitalien der Frau lediglich als eine abgewandelte, teilweise nach innen verlegte, Version der männlichen verstanden wird. Diese Sichtweise führt aber nicht zu Egalität zwischen den Geschlechtern, sondern die Frau wird als Mängelversion und -wesen gedeutet, weicht sie doch vom Referenzideal „Mann“ dadurch ab, dass ihre gleichen Organe, teils verkümmert, am falschen Ort sitzen (ebd.: 16).

Nach Hoche (2009: 32) muss diese Interpretation vor den Denkhorizont aus Theologie und Metaphysik in diesen Jahrhunderten bis zur Aufklärung gestellt werden: Der Körper spiegelt als Mikrokosmos die kosmologische Ordnung wider, ist also ein Schaubild für eine gottgewollte Geschlechterhierarchie. Anatomische Unterschiede werden dem analogen Ordnungsprinzip untergeordnet (Hoche 2009: 32). Dies erklärt, warum zu der Zeit die weiblichen Organe und das weibliche Fortpflanzungssystem sprachlich sowie wissenschaftlich keine explizite Beschreibung finden.

Der griechische Anatom Galen erstellt im 2. Jahrhundert anatomische Analogien und beschreibt die „Vagina als inneren Penis, die Schamlippen als Vorhaut, den Uterus als Hodensack und die Eierstöcke als Hoden“ (Laqueur 1996: 17). An dieser Stelle merkt Laqueur an, dass bis zum 19. Jahrhundert das weibliche Organ „Eierstock“ sprachlich vom männlichen Wort für Hoden nicht differenziert wird, obwohl sich die beiden Organe im Aufbau grundlegend unterscheiden (ebd.).

Diese Sicht auf die Geschlechtlichkeit steht im Einklang mit der Auffassung des Mannes als „perfekteren Menschen“ und wird durch vermeintlich „unbezweifelbare Fakten, ‚natürliche’ Wahrheiten“ belegt (ebd.: 43).

Die Rolle des weiblichen Orgasmus besteht darin, dass er funktional den Eisprung auszulösen scheint, und zum anderen als „natürlicher Anreiz“ (Laqueur 2000: o. S.), sich auf den Geschlechtsverkehr einzulassen (ebd.).

In seinen Beobachtungen in Schriften der Renaissance stellt Laqueur fest, dass Frauen in Bildern und Texten durchaus thematisiert und somit als Subjekte der Beschreibung sichtbar werden. Doch da sie selbst nicht zu Wort kommen, wird „ihnen eine eigenständige Existenz und Subjektivität versag[t]“ (Laqueur 1996: 132). Nach Laqueur (ebd.: 117) weisen die Texte ein „obsessive[s] Insistieren“ und eine unbeirrte „Zirkelbewegung“ auf, die „immer zurück zum Männlichen als den Standard“ führt.

Laqueurs Herleitung des Ein-Geschlecht-Modells mit ausnahmslosem Bezug auf ein biologisches Geschlecht kontrastiert eine tiefgreifende Ausdifferenzierung der Geschlechter auf sozialer Ebene. Die Geschlechterunterschiede werden bis zum 18. Jahrhundert vornehmlich bezüglich sozialer Differenzen und nicht ontologisch verstanden:

Ein Mann oder einer Frau zu sein, hieß [...] eine soziale Stellung innezuhaben und eine kulturelle Rolle zu übernehmen; nicht jedoch, organisch das eine oder andere von zwei Geschlechtern zu sein. (ebd.: 164; Hervorhebung im Original)

Laqueur erfasst folglich das biologische Geschlecht im Ein-Geschlecht-Modell als ein vergesellschaftetes Zuordnungsmerkmal und nicht als natürliche biologische Grundsätzlichkeit.

In Abgrenzung zu dem Ein-Geschlecht-Modell stellt Laqueur ab dem 18. Jahrhundert3 eine Hinwendung zur Geschlechtsunterscheidung fest. Soziale, hierarchisch-strukturierte Fakten sind schon geschaffen, und nun muss die Wissenschaft dafür eine biologische Begründung schaffen (Laqueur 1996: 18, 23f., 172f.). Die Basis dieses Zwei-Geschlechter-Modells fußt auf einem „radikalen Dimorphismus und der biologischen Verschiedenheit“ (ebd.: 18) von Mann und Frau.

Die Frau wird als anatomisch und physiologisch inkomparabel dargestellt, und eine Rhetorik der Nichtvergleichbarkeit rekonstruiert folglich die hierarchische Ordnung von Geschlechtlichkeit. Die zuvor graduelle Unterscheidung der geschlechtlichen Körper verändert sich zu einer qualitativen Differenzierung (Hoche 2009: 33).

Nach Laqueur bewirkt der epistemologische Wandel eine Veränderung in der die Betrachtungsweise des Körpers; er ist nicht mehr der „Mikrokosmos einer größeren Weltordnung“, und die wissenschaftliche Forschung beschränkt sich nicht mehr auf „Hierarchien von Analogien und die Ähnlichkeiten“ (Laqueur 1996: 23). Ab diesem Zeitpunkt bestimmt das Wissen über wissenschaftlich erarbeitete Tatsachen das Realitätsverständnis (Hoche 2009: 33).

Die Natur wird nun als die Kraft angenommen, die die Geschlechtlichkeit der Körper bestimmt. Der Uterus, der vorher nur ein umgestülpter Penis war, wird zum zentralen Organ, nicht nur um das Geschlecht der Frau zu bestimmen, sondern weist ihr zugleich ihre Aufgabe in der Gesellschaft und ihre soziale Stellung zu (Laqueur 1996: 33). Er wird zum weiblichen Alleinstellungsmerkmal, der Reproduktion zu ihrer Hauptaufgabe macht. Austragen und Gebären ist die naturgegebene Fähigkeit, auf die sie beschränkt wird. Der geschlechtsmarkierte Körper wird die Trägersubstanz, durch die soziale, politische und moralische Imperative durchgesetzt und normalisiert werden (Laqueur 1996: 33).

Laqueur folgert noch weiter: die Neudeutung der Körper ist nach seiner Lesart nicht allein die Folge sozialer und politischer Veränderungen, sondern er sieht sie als inhärent in jedem einzelnen Entwicklungsschritt (ebd.: 24). Er betont, dass das Geschlecht eine Schöpfung der Kultur ist und sich in der Auseinandersetzung über Geschlechterrollen und Machtpositionen erklären lässt (ebd.: 25, 177). Denn allein die Epistemologie erschafft „keine zwei entgegengesetzten Geschlechter; das tut sie nur unter bestimmten politischen Umständen“ (ebd.: 24).

Laqueur deckt die Strategien auf, die angewendet werden, um die Frau zum Geschlecht zweiter Klasse zu machen – immer ist sie ein Weniger als der Mann.

Er sieht den aufschlussreichsten Kontext in der Politik, die er als „Kampf um Macht“ (ebd.) versteht. Auf allen Ebenen finden Konflikte zwischen den Geschlechtern hinsichtlich Macht und Stellung statt (ebd.: 175). Der größere Zusammenhang dieser Auseinandersetzungen ist der in der Aufklärung geschaffene Gleichheitsanspruch, der allgemeine Kampf gegen Vorurteile und der Anspruch auf Bürger- und Menschenrechte. Da erscheint ein Geschlechtsmodell passend, das die Frau per se als minderwertig und unterlegen diffamiert; um eine soziale und politische Gleichstellung der Frau zu verhindern (ebd.: 175-177), wird die hierarchisierte Zweigeschlechtlichkeit naturalisiert.

Diese Qualifizierung der Geschlechter wirkt sich im Detail auch auf das Lustverständnis und den weiblichen Orgasmus im Speziellen aus.

Laqueur geht auf den wissenschaftlichen Kenntnisstand der Zeit ein, dass bei weiblichen Wesen der Eisprung nicht mehr in Abhängigkeit mit sexueller Erregung steht. Er stellt die These auf, dass der Bedeutungsverlust der weiblichen Lust in Bezug auf Fortpflanzung etwa zu dem Zeitpunkt stattfindet, als sich das Zwei-Geschlechter-Modell durchsetzt (ebd.: 10). Vorher gehört der männliche und weibliche Orgasmus selbstverständlich zum Geschlechtsakt (ebd.: 15), wird sogar zur Fortpflanzung als essentiell notwendig erachtet. Nun aber findet eine funktionale Abgrenzung des weiblichen Orgasmus vom Reproduktionsprozess statt.

Die durch das Zwei-Geschlechter-Modell explizierte „Umdeutung der weiblichen Geschlechtsorgane und die Neubewertung des weiblichen Orgasmus“ (Hoche 2009: 33) drückt sich in der Konstruktion sexueller „weiblicher Passivität und ‚Leidenschaftslosigkeit’“ (Laqueur 1996: 15) aus und ermöglicht, dass „die Frau als sexuelles Wesen neu bestimmt, erörtert, verneint oder eingeschränkt werden konnte“ (ebd.: 16).

Dies geht mit einem erneuten Qualitätsunterschied einher: der männliche Orgasmus bleibt unverzichtbar für die Zeugung, der weibliche wird zum unbedeutenden Nebenprodukt, das auch ausbleiben kann.

Fortwährend wird davon ausgegangen, dass von beiden Geschlechtern „generative Substanzen [...] während des Geschlechtsverkehrs produziert werden; erst jetzt meinten einige, daß es zu solchen Ereignissen bei Frauen routinemäßig kommen könne, ohne Empfindungen“ (ebd.: 210).

Es geht nicht darum, ob Frauen und ihre Körper prinzipiell sexuell erregbar sind oder befriedigt werden können, sondern um einen Mangel an weiblicher Wahrnehmung. Unter Leidenschaftslosigkeit soll also die mögliche Unfähigkeit der Frau, sexuelle Lust zu verspüren, verstanden werden (ebd.: 214). Auch neue Erkenntnisse über die Klitoris, die ihr große Bedeutung bezüglich weiblicher Erregbarkeit attestieren, werden wieder mit dem Hinweis relativiert, dass es viele Frauen gäbe, die den Orgasmus nicht spüren (ebd.: 216).

Der Frau wird der Anspruch auf einen Orgasmus genommen und sie wird als passiv und leidenschaftslos deklariert. Der weibliche Orgasmus wird doppelt verneint: er ist nicht nötig, und frau kann ihn nicht spüren. Das eine bedingt das andere und bestätigt sich so immanent.

Es ist also nicht passend, vom Bedeutungsverlust oder Verschwinden des weiblichen Orgasmus zu sprechen, vielmehr wird er aktiv durch wissenschaftliche „Fakten“ unsichtbar gemacht.

Dieses Phänomen wird nach Laqueur besonders bei Freud sichtbar (ebd.: 266f.). Obwohl dieser renommierte Arzt sehr wohl um die Vielzahl der Nerven in der klitoralen Region weiß, entwickelt er die Theorie, dass der „wahre“ Orgasmus vaginal sein müsse – und ignoriert den Mangel an Nervenzellen in diesem Bereich. Nach Freud gibt es zwar in der Adoleszenz ein klitorales Lusterleben, doch soll der „normale“ Reifeprozess zur Frau den Fokus der Lust auf die Vagina verschieben (Laqueur 1996: 266; Koedt 1975: I-III).

Freuds Theorie vom Penisneid formuliert eine weitere vermeintliche Schwäche der Frau: er meint einen infantilen Neid um das zentrale Geschlechtsorgan des Mannes zu erkennen – da, wo der Mann ein aktives, bestimmendes Organ hat, findet sich bei der Frau nur ein Hohlraum. Als Folge dieses Neids seien viele Frauen frigide, also nicht „fähig“ einen vaginalen, „reifen“ Orgasmus zu bekommen, oder es zeige sich ganz allgemein in der Kopie männlicher Verhaltensmuster bei Frauen. Beides wird als krankhafte Fehlentwicklung und als therapiebedürftig pathologisiert (Koedt 1975: II; Laqueur 1996: 268).

Auch hier lassen sich mit Laqueur die Strategien erkennen, wie die körperlichen Gegebenheiten ignoriert oder umgedeutet werden, damit die bestehende Gesellschaftsordnung legitimiert und konserviert werden kann. Die Passivität der Frau im sexuellen Akt wird direkt auf eine passive Rolle in der Gesellschaft übertragen und als Rechtfertigung gespiegelt. Dadurch erkennt, so Laqueur (1996: 266), frau nicht nur den Zweck ihrer sexuellen Aktivität, sondern zugleich ihren Platz in der Gesellschaft.

Abschließend drängt sich die Frage auf, wo denn die Stimmen der Frauen sind, unter dieser dominierenden Präsenz männlicher Beobachtungen und Konklusionen. Laqueur gesteht die Schwierigkeit ein, überzeugende Aussagen von Frauen zu finden - ob sie nicht zu Wort kamen oder nichts zu sagen hatten, ist nicht Gegenstand seiner Überlegungen - und er schließt die Vermutung an, dass Frauen sich sowohl in der Körper- und Lusterfahrung als auch im gesellschaftlichen Rollenspiel den vorherrschenden, männlichen Meinungen unterworfen haben (ebd.: 118).

Ein Beispiel soll deswegen angeführt werden, da sich die Autorin sowohl kritisch zur Misogynie ihrer Zeit äußert als auch den Prozess beschreibt, der bei ihr und ihren Geschlechtsgenossinnen einsetzt, sobald sie damit konfrontiert werden.

Christine de Pizan veröffentlicht 1405 Das Buch von der Stadt der Frauen, in dem sie einen utopischen Zufluchtsort für Frauen schafft. In den dort stattfindenden Dialogen versucht sie, bestehende Vorurteile zu korrigieren und Kritik an der Diffamierung ihres Geschlechts zu üben (De Pizan 1990). Dabei beschreibt Pizan (1990: 36f.) aber auch das intellektuelle Dilemma, in dem sich reflektierende Frauen befinden: [E]s sei völlig unvorstellbar, dass so bedeutende Männer – berühmte Gelehrte von beträchtlichem intellektuellem Format, scharfsinnig in jeder Hinsicht, wie jene es zu sein schienen – dass diese Männer Lügen über die Frauen verbreitet hätten; und dies an so vielen Stellen, dass ich kaum einmal einen Band moralischen Schrifttums fand (ganz gleich, aus welcher Feder), ohne bereits nach kürzester Zeit auf frauenfeindliche Kapitel oder Aussprüche zu stoßen. Schon daraus schloss ich, dies müsse stimmen – auch wenn ich selbst in meiner Einfalt und Unwissenheit unfähig war, meine eigenen schlimmen Schwächen und die der anderen Frauen zu erkennen. Und so verließ ich mich mehr auf fremde Urteile als auf mein eigenes Gefühl und Wissen.

Dieses Zitat illustriert eine Anpassungsnotwendigkeit, die auch Laqueur erkennt, nämlich dass die geschlechtlichen Zuordnungs- und Unterscheidungsmerkmale „zu dem paßten, was in der Kultur männlich und weiblich war“ (Laqueur 1996: 172). Die Kultur greift erkennbar in das Selbstwertgefühl, Selbst- und Außenwahrnehmung des Individuums ein.

Diese Eingriffe werden im Folgenden detailliert herausgearbeitet und unter dem Begriff Bio-Macht strukturell untersucht.

2.2 Macht und Sexualität

Ein zentrales wissenschaftliches Anliegen Foucaults ist, wie es zur Entstehung und „Produktion von Wahrheitsdiskursen über Sexualität und Machtmechanismen“ (Hartmann 2002: 68) kommt. Foucault äußert seine Kritik an der damals unterstützten Repressionshypothese, die eine systematische Unterdrückung der Sexualität seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts diagnostiziert und die Befreiung in dem Sprechen über die Sexualität sieht. Seine These bezüglich Sex4 in modernen Gesellschaften lautet, dass er nicht unterdrückt ist, sondern im Gegenteil „daß sie unablässig von ihm sprechen und ihn als das Geheimnis geltend machen“ (Foucault 2017: 40; Hervorhebung im Original). Er möchte die Repressionshypothese nicht widerlegen, sondern vielmehr diese als einen Teil des Diskurses über Sex darstellen und einbetten.

In Foucaults historischer Untersuchung von Sexualität geht es nicht darum, sexuelle Praktiken und Verhaltensweisen historisch nachzuvollziehen, sondern zum einen, wie diese zu „Wissensobjekten“ (ebd.: 7) werden, zum anderen, wie der Erkenntnisbereich der Sexualität als Ergebnis und Mittel der Macht sichtbar wird. Seine zentrale These in Bezug auf Sexualität ist, dass der Diskurs „Sexualität“ in Abhängigkeit von modernen Machtstrukturen und –verhältnissen steht. Um diese zu ergründen und zu belegen, verbindet er Machtanalytik und Sexualitätsanalyse, indem er das Konzept der Bio-Macht und das Sexualitätsdispositiv einführt.

2.2.1 Positive Macht: Bio-Macht

Die Bio-Politik nach Foucault beschreibt, „wie das Leben zum privilegierten Ort der Macht werden konnte“ (Stoff 2002: 171).

Das Machtverständnis moderner Gesellschaften wird irrtümlicherweise immer noch auf das Juridische reduziert; also im Recht festgelegt (Foucault 2017: 94f.). Auch wenn sicherlich noch juridische Machtelemente sichtbar sind, überwiegen neue Machtpraktiken, in der Technik statt Recht, Normalisierung statt Gesetz, Kontrolle statt Strafe operieren (Foucault 2017: 90). Diese Praktiken wirken auf Ebenen und in Formen, die sich nicht auf staatliche Institutionen und Apparate beschränken (ebd.). Gegenüber dem tradierten Verständnis von Macht als vornehmlich repressiv, stellt Foucault die These auf, dass seit dem 17. Jahrhundert „neue, produktive Machtpraktiken“ (Dekker 2016: 319; Hervorhebung im Original) sichtbar werden.

Foucault differenziert zunächst zwei Machttechnologien, die sich noch bis zum 18. Jahrhundert unabhängig voneinander herausgebildet haben, ab dem 19. Jahrhundert aber ineinander verschränkt wirken. Diese Entwicklung erfasst er in dem Begriff der Bio-Macht (Foucault 2017: 134f.). Die eine Technologie, die der Disziplinarmacht, wirkt am individuellen Körper, um diesen kontrollierbar und leistungspotent zu machen (Dekker 2016: 320). In Erweiterung reguliert die andere Machttechnologie, die Bio-Politik, den kollektiven „Gesellschaftskörper“ (ebd.).

Das staatliche Machtinteresse beschränkt sich also nicht mehr auf die Disziplinierung individueller Körper, sondern erweitert sich auf die „Regulierung des Gattungskörpers“ (ebd.) in Form von demografischen Erhebungen, Lebensdauer, Fertilitätsrate und weiteren (Foucault 2017: 31). Die Bio-Macht, die Verschränkung der beiden Technologien, wirkt also in der Disziplinierung des Individualkörpers und der Regulierung des Gesellschaftskörpers (ebd.: 135; Dekker 2016: 320). Das bedeutet also, dass Macht als Bio-Macht die ihr unterlegenen Subjekte nicht nur extern limitiert, sondern diese zugleich gestaltet und produziert.

Foucault deklariert den Körper zum Ansatzpunkt, in dem „ vermittels des Sexualitätsdispositivs gesellschaftliche Mikropraktiken mit der Makroorganisation der Macht verbunden sind“ (Dekker 2016: 320; Hervorhebung im Original).

Wieso die Bevölkerung in den Interessensmittelpunkt rückt und was Foucault mit dem Sexualitätsdispositiv meint, soll das nächste Kapitel erläutern.

2.2.2 Wahrheiten der Sexualität: Sexualitätsdispositiv

Mit der Implementierung des Sexualitätsdispositivs untersucht Foucault den Zusammenhang von Sex und Macht und erklärt, dass Sexualität in der Moderne zu einem zentralen Gegenstand des Wissens wird.

Zwischen einem jeden von uns und unserem Sex hat das Abendland eine unaufhörliche Wahrheitsforderung gespannt: wir müssen ihm seine Wahrheit entreißen [...]. Der Sex soll verborgen sein? [...] Im Gegenteil, er ist lichterloh entflammt. Er steht seit mehreren Jahrhunderten im Zentrum einer ungeheuren Nachfrage nach Wissen. Einer doppelten Nachfrage, weil wir wissen sollen, was mit ihm los ist, während er verdächtigt wird zu wissen, was mit uns los ist. (Foucault 2017: 79; Hervorhebung im Original)

Es geht Foucault an dieser Stelle nicht um den „Natur-Sex“, sondern um den „Geschichts-Sex, den Bedeutungs-Sex, den Diskurs-Sex“ (ebd.). Sexualität soll nicht als biologisch basierte „Triebkraft“ in Abgrenzung zu Macht verstanden werden, sondern als „ein besonders dichter Durchgangspunkt für die Machtbeziehungen: zwischen Männern und Frauen, [...], zwischen Verwaltungen und Bevölkerungen“ (ebd.: 103). Sexualität wird als Element von Machtwirksamkeit sichtbar, da sie Eigenschaften hat, mit denen man auf unterschiedlichste Weise die soziale Ordnung strukturieren, kontrollieren und optimieren kann (ebd.).

Distanziert man sich von der Ansicht, Sexualität sei eine Naturgegebenheit, erkennt man dahinter eine Verkettung von Mechanismen, die in ihr und um sie herum wirken. Von Stimulanz und Intensivierung der Lust, über Diskurs und Erkenntnisgewinn, dem gleich auch Widerspruch und Kontrolle widerfährt, durchdringen Machttechniken und –verschiebungen die Sexualität (ebd.: 105).

[...]


1 Siehe beispielsweise Park, Katherine und Robert A. Nye (1991). Destiny is Anatomy. Review of Laqueur’s Making Sex: Body and Gender from the Greeks to Freud. The New Republic (18), 53-57.; und Cadden, Joan (1993). Meanings of sex difference in the Middle Ages. Medicine, Science and Culture. Cambridge: Cambridge University Press (3), 279-281.

2 Da das Modell im englischen Original one sex model genannt wird, handelt es sich an dieser Stelle und in den weiteren Ausführungen zu den Modellen um die Auseinandersetzung mit dem biologischen Geschlecht.

3 In der Auseinandersetzung mit Laqueurs Auf den Leib geschrieben fällt auf (und da bin ich nicht die erste, siehe Hoche (2009: 37)), dass er vor allem den Ursprung des Zwei-Geschlechter-Modells zeitlich nicht übereinstimmend oder stringent einordnet („späten 18. Jahrhundert“ (Foucault 2017: 17), „um 1800“ (ebd.); „der Aufklärung“ (ebd.: 19); „17. Jahrhundert“ (ebd.: 21)). Da es in dieser Arbeit nicht um eine genaue zeitliche Fixierung geht, erscheinen mir diese Unstimmigkeiten aber nicht relevant für meine Arbeit.

4 Anfänglich ging ich davon aus, dass Foucault von ‚Sex’ stets in Bezug auf Geschlechtsverkehr in Abgrenzung zu ‚Sexualität’ als Dispositiv spricht. Bei vertiefter Lektüre stellt sich heraus, dass die Grenzen zwischen Sex, Sexus und Sexualität begrifflich nicht konsequent gezogen werden. Ich habe zwei Erklärungsansätze gefunden: Schiller (2006: 2) merkt an, dass Foucault „zu jenen Dichter-Philosophen [gehört] [...], die in der Lage sind die Unschärfe der Sprache als Ausdrucksmittel zu verwenden“. Siehe Schiller, A. (2006). Michel Foucaults Machtbegriff und seine Rezeption innerhalb der Gender Studies. Skriptum zum Vortrag vom 26. 4. 2006. URL: [http://www1.uni-ak.ac.at/gender/wp-content/Skriptum_Focault_Schiller.pdf], [29.11.17], 2. Dagegen weist Kaufmann auf Übersetzungsschwierigkeiten aus dem Französischen hin. Siehe Kaufmann, Margrit E. (2002). KulturPolitik – KörperPolitik – Gebären. Opladen: Leske + Budrich, 83.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Weiblicher Orgasmus und Sexualität. Historische Entwicklungen und Ambivalenzen von Macht, Geschlecht und Gesellschaft
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Lehrstuhl für Soziologie und Gender Studies
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
41
Katalognummer
V987896
ISBN (eBook)
9783346346254
ISBN (Buch)
9783346346261
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hier liegt eine kleine Kulturgeschichte des vergeschlechtlichten Orgasmus vor – die souverän geschrieben und argumentativ gelungen ist. Frau F. zeigt nachvollziehbar und souverän, (wenn auch sehr sprunghaft) den Wandel weiblicher Sexualität, zeigt, dass deren Unterordnung unter Reproduktion und Medizin nicht natürlich sondern ein gesellschaftlicher und wissenschaftshistorischer Prozess war und zeigt, wie sie ent-naturalisiert aber dennoch nicht befreit wurde. [...] Trotz dieser Inkonsistenzen liegt hier eine komplexe und soziologisch sehr fundierte Arbeit vor.
Schlagworte
Orgasmuslücke, körperhistorische Perspektive, machtanalytische Perspektive, Foucault, Laqueur, weibliche Sexualität, Geschlechtersoziologie
Arbeit zitieren
Sophie Koch Feoranzo (Autor:in), 2017, Weiblicher Orgasmus und Sexualität. Historische Entwicklungen und Ambivalenzen von Macht, Geschlecht und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/987896

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