Jede Gesellschaft bringt naturgemäß die unterschiedlichsten Verhaltensformen hervor. Dies sind zum einen Verhaltensweisen, die der Allgemeinheit, also der Gesamtgesellschaft dienen, zum anderen sind es aber auch Verhaltensweisen, mit deren Hilfe das Individuum seinen Platz in der Gesellschaft finden und behaupten kann.
Es gibt dann jedoch aber auch Verhaltensweisen, welche auf den ersten Blick weder für das Allgemeinwohl noch für den Einzelnen eine positive Funktion zu haben scheinen und als sogenanntes „abweichendes Verhalten“ bezeichnet werden.
Es stellt sich also die Frage nach den Ursachen des abweichenden Verhaltens. Die Theorien, welches diesbezüglich existieren, dienen allesamt nicht der Lösung!, sondern nur der Erklärung des abweichenden Verhaltens. Es wird sich auch zeigen, daß es keine allumfassende Theorie zu dieser Thematik gibt und die im folgenden vorgestellten Theorien alle nur als Erklärungsansätze zu betrachten sind. Dies ist darin begründet, daß niemals alle Aspekte des menschlichen Verhaltens in ihrer Komplexität berücksichtigt und vollständig erfaßt werden können. Die Gründe hierfür liegen in der eingeschränkten Objektivität die bei jeder wissenschaftlichen Untersuchung vorliegt und die sich aus unterschiedlichen Faktoren, z.B. kulturelle Herkunft des Forschers, Schwerpunkt seiner Betrachtung und vorhandene Möglichkeiten und Mittel zur Forschung, ergibt.
Ungeachtet dieser Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer Theorie soll es im folgenden jedoch im wesentlichen nur darauf ankommen einige der soziologischen Theorien abweichenden Verhaltens darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Begriffsbestimmung „Abweichendes Verhalten“
3. Theorien Abweichenden Verhaltens
3.1. Die Anomietheorie: Merton
3.1. Die Theorien der Subkultur und Kulturtheorie
3.2.1. Die Subkulturtheorie: Cohen
3.2.2. Die These der Unterschicht- Kultur: Miller
3.2.3. Das Konzept der "Near- Group": Yablonski
3.3. Die Theorien des differentiellen Lernens
3.3.1. Die Theorie der differentiellen Assoziation: Sutherland
3.3.2. Die Theorie der differentiellen Verstärkung: Burgess und Akers
3.3.3. Die Theorie der differentiellen Gelegenheiten: Cloward und Ohlin
3.3.4. Die Neutralisierungsthese: Sykes und Matza
3.4. Theorien des Labeling Approach
3.4.1. Die Begründung des Labeling Approach: Tannenbaum
3.4.2. Die Grundlegung des Labeling Approach: Becker
3.4.3. Der "radikale" Ansatz: Sack
4. Zusammenfassung und kritische Bewertung
4.1. Die Anomietheorie
4.2. Die Subkulturtheorien
4.3. Die Theorien des differentiellen Lernens
4.4. Die Theorien des Labeling Approach
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, verschiedene soziologische Theorien darzustellen, die den Ursprung und die Mechanismen abweichenden Verhaltens (Devianz) erklären. Dabei wird untersucht, warum Individuen von geltenden gesellschaftlichen Normen abweichen und wie soziale Strukturen sowie gesellschaftliche Reaktionen diesen Prozess beeinflussen.
- Anomietheorie nach Merton als soziostruktureller Erklärungsansatz
- Subkulturtheorien und die Entstehung abweichender Wertesysteme
- Theorien des differentiellen Lernens als Interaktionsprozesse
- Der Labeling Approach und die Bedeutung gesellschaftlicher Stigmatisierung
- Vergleich und kritische Bewertung der verschiedenen Erklärungsmodelle
Auszug aus dem Buch
3.2.2. Die These der Unterschicht-Kultur: Miller
Miller's These ist ein soziologisches Konzept, welches viele theoretische Überlegungen anderer Ansätze wie z.B. Sozialisation, Identifikation oder Verfügbarkeit illegitimer Mittel mit einbezieht. Im Gegensatz zu den bisher dargestellten Theorien wird die Entstehung von Banden hier nicht als Reaktion auf das Nichterreichen von Mittelschichtzielen gesehen, sondern als Manifestation einer eigenständigen Unterschichtkultur. Miller’s These geht davon aus, daß es nicht die Absicht der Unterschicht ist, die Mittelschichtsnormen zu verletzen, sondern vielmehr sich den Unterschichtnormen konform zu verhalten.
"Das Abweichen von Mittelschichterwartungen ist daher eher ein zwangsläufiges ‘Nebenprodukt’ in der Realisierung der subkulturellen Unterschichtnormen, deren Befolgung (...) durch Anpassungs- und Konformitätsdruck durchgesetzt wird." Die Normen und Werte der seit Jahrhunderten existierenden Subkultur der Unterschicht lassen sich durch eine Reihe sogenannter Kristallisationspunkte (focal concerns) charakterisieren. Diese Kristallisationspunkte sind Dimensionen, in denen den Individuen für verschiedene Situationen eine große Auswahl an Verhaltensmöglichkeiten zur Wahl stehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Einführung in die Problematik abweichenden Verhaltens und Darlegung, dass es keine allumfassende Theorie gibt, sondern lediglich verschiedene Erklärungsansätze.
2. Begriffsbestimmung „Abweichendes Verhalten“: Definition von Devianz als Differenz zwischen Normen und individuellem Verhalten sowie Erläuterung der Funktionen sozialer Kontrolle und Sanktionen.
3. Theorien Abweichenden Verhaltens: Detaillierte Darstellung der Anomietheorie, Subkulturtheorien, Lerntheorien und des Labeling Approach mit ihren jeweiligen Hauptvertretern.
4. Zusammenfassung und kritische Bewertung: Abschließende Reflexion über die Stärken und Schwächen der behandelten Theorien sowie deren Fokus auf gesellschaftliche vs. individuelle Faktoren.
Schlüsselwörter
Abweichendes Verhalten, Devianz, Anomietheorie, Subkultur, Kriminalsoziologie, differentielles Lernen, Labeling Approach, Stigmatisierung, Normen, soziale Kontrolle, Kriminalität, Unterschicht, Anpassungsprozess, Delinquenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen Überblick über verschiedene soziologische Theorien, die erklären, wie und warum abweichendes Verhalten in einer Gesellschaft entsteht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Anomietheorie, den Subkulturtheorien, den Theorien des differentiellen Lernens und dem Labeling Approach.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die soziologischen Erklärungsansätze für Devianz darzustellen und ihre jeweilige Relevanz für das Verständnis kriminellen Verhaltens aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die zentrale soziologische Konzepte und Thesen zu abweichendem Verhalten zusammenfasst und gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der vier großen Theorierichtungen, wobei jeweils die Grundannahmen und Thesen der führenden Wissenschaftler analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Devianz, Anomie, Labeling Approach, soziale Kontrolle, Stigmatisierung und kriminelle Karriere.
Was unterscheidet den Labeling Approach von anderen Theorien?
Im Gegensatz zu Theorien, die nach den Ursachen im Verhalten des Individuums suchen, betrachtet der Labeling Approach Devianz als Zuschreibungsprozess durch die Gesellschaft.
Welche Bedeutung hat das Konzept der „Near-Group“ nach Yablonski?
Es ergänzt die Subkulturansätze und beschreibt Banden als lose organisierte Mischform zwischen einer Gruppe und einer unstrukturierten Menge, die spezifische Funktionen für ihre Mitglieder erfüllt.
- Citation du texte
- Thorsten Lemmer (Auteur), 2003, Theorien abweichenden Verhaltens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9878