Grammatische und technische Auslegung nach Schleiermacher


Seminararbeit, 1998

11 Seiten


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Inhaltsverzeichnis :

1. Einleitung
1.1 Biographie von Friedrich D. E. Schleiermacher

2. Hermeneutik bei Schleiermacher
2.1 Einleitung zur grammatischen Auslegung
2.1.1. Grammatische Auslegung
2.1.2. Lokalwerte
2.1.3. Parallele und Gegensatz
2.1.4. Satzbindende Elemente
2.2. Einleitung zu der psychologischen Auslegung
2.2.1. Technische Auslegung
2.2.2. Form und Inhalt
2.2.3. Verhältnis zwischen Meditation und Komposition
2.2.4. Die drei Betrachtungen des Gegenstandes
2.2.5. Nebengedanken
2.2.6. Die Auslegung des Neuen Testaments

1. Einleitung

Diese Hausarbeit befaßt sich mit dem Thema "Hermeneutik nach F. Schleiermacher" und dessen Werk „Hermeneutik und Kritik“1 in einer von Manfred Frank herausgegebenen Ausgabe. Untersucht wird die grammatische sowie die technische Auslegung bei Schleiermacher anhand der Textpassagen der Seiten 134-166 (grammatische Auslegung) und der Seiten 209- 237 (technische Auslegung).

Die erste Ausgabe über die Hermeneutik von Schleiermacher wurde von Friedrich Lücke verfaßt und 1838 herausgegeben. Lücke - ein Schüler von Schleiermacher - setzte die handschriftlichen Konzepte Schleiermachers aus verschiedenen Jahren und verschiedenen Vorlesungsmitschriften zu einem Buch zusammen. Dies war eine äußerst schwierige Aufgabe, denn „Schleiermachers unerwartet früher Tod [hat] eine letzte auktoriale Verfügung über den Textstand bzw. eine Ausarbeitung desselben nicht mehr zustandekommen lassen.“2 So machte sich Lücke die große Arbeit, Schleiermachers sehr fragmentarische Notizen zusammenzufassen. Manfred Frank übernahm die Lücke- Ausgabe und ergänzte diese mit ausgewählten Texten.

1.1 Biographie von Friedrich D. E. Schleiermacher

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, der 1834 in Berlin starb, wurde 1768 als Sohn einer protestantisch- reformierten Familie in Breslau geboren, wodurch sein Werdegang als Theologe bereits vorgezeichnet war. Doch stets schwankte Schleiermacher, der am Pädagogium der Herrnhuter Brüdergemeinde von Niesky bei Görlitz eine gründliche Ausbildung genoß, zwischen der Berufung zum Prediger und der zum Wissenschaftler.

Schließlich studierte er mit der Einwilligung seines Vaters Philosophie, Theologie und die alten Sprachen in Halle, wo er auch das erste mal den Ideen Kants und denen der griechischen Klassiker begegnete. Während seiner Zeit in Berlin, wo er auch als Universitätslehrer und Prediger arbeitete, zählte er zum Romantikerkreis um Friedrich Schlegel.

Die Hermeneutik als Kunstlehre des Verstehens interessierte Schleiermacher zur Bibelauslegung. Da er im Gegensatz zu den Vertretern der Aufklärung nicht der Meinung war, daß es so etwas wie eine Abstrakte Vernunft gibt, war er an der Entwicklung einer allgemeinen Hermeneutik interessiert, durch die man über den Verstehensprozeß schrittweise zur Wahrheit gelangt.

2. Hermeneutik bei Schleiermacher

Aus wissenschaftlicher Perspektive betrachtet, ist die Hermeneutik „ die Kunst, die Rede eines andern richtig zu verstehen.“3 Dabei müssen zwei Momente in der Hermeneutik unterschieden werden. Zum einen gibt es die grammatische Auslegung und zum anderen die psychologische Auslegung. Diese beiden Aspekte dürfen jedoch nicht separat betrachtet werden, sondern sie stehen sich völlig gleichberechtigt gegenüber. Die grammatische Auslegung beschäftigt sich mit der Analyse der Sprache im weitesten Sinne. Hier gilt es die Wortwahl und den Schreibstil des Autors zu untersuchen, wodurch das Schriftstück auch in einem zeitlichen Kontext eingeordnet werden kann. Die psychologische Seite behandelt die Persönlichkeit des Autors und seine Intention. Nur durch die Applikation beider Momente läßt sie sich im Sinne Schleiermachers verstehen.

2.1. Einleitung zu der grammatischen Auslegung - Seiten 101- 133

Schleiermacher hat die grammatische Auslegung in zwei Kanons unterteilt.

Der erste beschäftigt sich mit dem einzelnen Wort und seiner Bestimmung, der zweite mit den grammatischen Regeln zur Erschließung des Sinnes eines Wortes.

Der erste Kanon besagt, daß eine Rede hermeneutisch betrachtet in einen materiellen und einen formellen Aspekt geteilt werden kann. Der materielle Teil erfaßt das einzelne Wort, der formelle Part hingegen beschreibt die Sprachform. Ausgehend vom einzelnen, unbestimmten Wort muß der Verstehende dies im Kontext des Satzes, später im Bezug des ganzen Textes sehen. Erst durch diese Verbindung wird das Wort stets bestimmter. Somit werden immer größere Zusammenhänge nötig, um ein vollständiges Verstehen zu ermöglichen. Das wiederum setzt Kenntnisse über die Lebzeit des Autors und über seine Zielgruppe voraus. Des weiteren thematisiert Schleiermacher die Verwendung von Archaismen, technischen Ausdrücken und Neologismen.“ Solange die Sprache lebt, werden neue Ausdrücke gemacht.“4 Nach der Auseinandersetzung mit dem einzelnen Wort des ersten Kanons erfolgt nun die darauf basierende Analyse des Ganzen. Dabei ist wichtig, das Einzelne im ganzen Satz, ebenso im ganzen Text zu sehen. Dabei verringern beigestellte Worte wie Präpositionen oder Artikel die Auswahl der Wortbedeutungen. Je mehr Grenzen sich erstellen, desto näher kommt man dem eigentlichen Sinn. Somit gelangt man bei der Bestimmung dieser Elemente zu qualitativem (das Verstehen des Inhalts), und quantitativem (Erfassen der Darstellung) Verstehen.

2.1.1. Die grammatische Auslegung - Seiten 134- 166

Dieser Teil Schleiermachers Abhandlung der grammatischen Auslegung im Rahmen der Hermeneutik beinhaltet ins Besonderen die Bestimmung des Sprachwertes und des Lokalwertes eines Ausdrucks sowie auch die Differenzierung verschiedener Arten des Vergleichs als formelles Mittel.

Zuletzt werden die verschiedenen Möglichkeiten der Satzverbindung aufgeführt.

Zu Anfang der angegebenen Textpassagen geht es hauptsächlich um die Bestimmung des Sprachwertes und die Erfassung aller Wortbedeutungen in der Art und Weise, wie sie vom Verfasser vorgesehen waren. Ist dies nicht Wort für Wort möglich, so muß der gesamte Sprachwert aller Elemente eines Satzes gefunden werden, um somit die einzelnen Werte zu erschließen. Selbst wenn der Analysierende sich sicher ist, den Sprachwert eines gegebenen Wortes bereits aus früherer Anwendung zu beherrschen, sollte er sich diesbezüglich ständig sorgfältig überprüfen, um spätere Mißverständnisse zu vermeiden. Aus diesen Anforderungen an den hermeneutischen Prozeß folgt die Voraussetzung, das gesamte Sprachgebiet des Verfassers sowie das des Verstehenden zu beherrschen.

2.1.2. Lokalwerte

Daraufhin erfolgt nun die Bestimmung aller Lokalwerte, die sogleich die Kenntnis der einzelnen Sprachwerte beinhaltet und zugleich auch nach dem Sinn des Wortes sowie der Plazierung bezüglich des Gesamtkontextes Aufschluß gibt. Die Methode zur Bestimmung der Lokalwerte wird von Schleiermacher in Abhängigkeit zu der Stellung des zu Analysierenden gestellt. So unterscheidet er in der Bestimmung zwischen Elementen als Teil des Hauptgedankens und des Nebengedankens, sowie innerhalb dieser Komplexe nochmals zwischen den Elementen des eigentlichen Inhalts und denen, die lediglich als Mittel der Darstellung dienen. „ ... so müssen wir, [...] in Beziehung auf die Elemente einer Rede, die streitig sein können, zuvördertHaupt- und Nebengedanken und bloße Darstellungsmittel unterscheiden.“5

Ist nun das zu bestimmende Element ein Bestandteil des Hauptgedankens und kein Darstellungsmittel, so kann davon ausgegangen werden, daß es in derselben Bedeutung gebraucht wird, solange der Zusammenhang derselbe bleibt, und der Lokalwert somit aus dem Gesamten gefolgert werden kann. Für den Fall, daß in so einem abgeschlossenem Zusammenhang keinerlei Indikatoren für den Lokalwert vorhanden sein sollten, so sind Hinweise dafür auch bei einem anderen Schriftsteller, aber in dem gleichen sprachlichen Gebiet sowie Gedankenkomplex zu suchen. Bei einem Element des Nebengedankens ist es schwieriger, den gesuchten Lokalwert zu ermitteln.

Als erstes sollte hierfür das Element als Bestandteil des Hauptgedankens an einem anderen Orte gesucht werden. „Bei manchen Schriftstellern stehen die Nebengedanken in einer objektiven Verwandtschaft mit dem Hauptgedanken. So bei denen, die logisch zu verfahren gewohnt sind.“ 6 Diese Suche nach dem Lokalwert eines Elements des Nebengedankens im Hauptgedanken hat ihre Begründung darin, daß, je eher ein Gedanke als Nebengedanken erscheint, desto weniger definiert ist seine Ausprägung und gedankliche Fixierung. Des weiteren muß in dem Komplex der Nebengedanken zwischen logischen und fremdartigen Nebengedanken unterschieden werden. Bei den logischen Nebengedanken ist die Bestimmung des Lokalwertes eines Elementes im Hauptgedanken wesentlich wahrscheinlicher, da sich Hauptgedanke und Nebengedanke logisch bedingen. Bei einem fremdartigen Nebengedanken hingegen sind die Möglichkeiten zur Bestimmung des Lokalwertes eines Elementes, so dann sie sich nicht aus dem Zusammenhang heraus selbst erklären, sehr gering.

2.1.3. Parallele und Gegensatz

Um den Lokalwert eines Elementes als Teil eines solchen Darstellungsmittels zu bestimmen, bedient sich Schleiermacher zwei Hilfsmitteln: Dem der Parallele und dem des Gegensatzes. Der Gebrauch der Parallelen stützt sich hauptsächlich auf Stellen des Textes, in denen der Ausdruck auf ähnliche Weise gebraucht ist. Ist eine solche Stelle nicht vorhanden, so kann die Erklärung auch in anderen Schriften desselben, oder sogar eines anderen Verfassers, gesucht werden, solange die Schriften aus dem selben Sprachgebiet stammen, da hierbei die Gesetzmäßigkeiten des ersten Kanons nicht überschritten würden. Der Gegensatz als erklärendes Mittel tritt häufig dann ein, wenn der Verfasser sich selbst dessen bedient. „Solche Gegensätze sind oft wirksamer als hermeneutische Bestimmung als Analogien, da der Gegensatz weit schlagender ist als die Analogie oder die bloße Differenz.7

Als Vergleiche in diesem Zusammenhang, bezeichnet Schleiermacher alle Mittel der Darstellung, die aus einer, dem gegebenen Complexus, fremden Vorstellungen gebraucht werden, um das im Complexus Liegende zu erläutern. Somit ist das Vergleichende Element an sich fremd und nicht um seines selbst Willen da. Zur Bestimmung des Lokalwertes eines solchen Vergleiches muß somit zuerst die Art des Vergleiches bestimmt werden. Unterschieden wird dabei zwischen verwandten Vergleichen und willkürlichen Vergleichen. Ein Vergleich ist immer dann als ein Verwandter anzusehen, wenn unter den komplexen von Vorstellungen so genaue Verwandtschaften vorliegen, daß „... das eine sich von selbst darbietet, um als Darstellungsmittel für das andere zu dienen.“8 Obwohl bei den willkürlichen Vergleichen keine Verwandtschaft zur eigentlichen Vorstellung vorliegt, so muß doch zumindest eine gewisse Parallele vorhanden sein. Über diese parallele, nämlich indem man deren Gegenstand und Sprachgebiet erschöpfend klärt, läßt sich der Lokalwert des vergleichenden Elementes bestimmen.

2.1.4. Satzbindende Elemente

Der letzte wesentliche Punkt auf den Schleiermacher in der grammatischen Ausarbeitung eingeht, sind die verschiedenen satzbindenden Elemente. Er unterscheidet hierbei zwischen organischen, mechanischen und subjektiven Verbindungen, denn die Art der Verbindung liefert nicht nur Auskunft über die Satzstellung, sondern auch über den gedanklichen Aufbau des Textes.

Als Elemente der organischen Verbindung stehen solche Verbindungen, die ihre Intention auf der inhaltlichen Basis finden.

Die Elemente der mechanischen Verbindung stellen sich als ein Mittel zur reinen Aneinanderreihung der Sätze dar.

Die Eigentümlichkeit der subjektiven Verbindungen besteht darin, daß durch sie der Verfasser die Möglichkeiten besitzt, seine Gedankenreihe sich für den Leser entwickeln zu lassen. Diese Art der Verknüpfung ist nicht in jeder Textgattung und in jedem Gedankencomplexus gleichermaßen möglich und ist wiederum sehr von der Sprache und dessen Gebrauch durch den Verfasser bedingt.

Die Unterscheidung in diese Kategorien (Klassifizierung), ist ein wichtiger Aspekt des hermeneutischen Verfahrens!

2.2. Einleitung zu der psychologischen Auslegung Seiten 167- 209

Der Grundgedanke der psychologischen Interpretation ist die Intention des Autors, auf den Grund zu gehen. Durch die psychologische Auslegung erfährt der Verstehende auch, wie das Verhältnis zwischen Autor und Sprache war. Das heißt, inwiefern Neologismus vom Verfasser betrieben wurde oder ob er die Sprache festigte. Auch bei dieser Art von Interpretation wird der Text nicht sofort als Ganzes gesehen, sondern es werden die einzelnen Elemente betrachtet. In jedem Satz wird nach der Intention gesucht. Wenn eine Vermutung für diese existiert, wird sie auch an jedem Satz überprüft. Erst durch eine schon penetrante Untersuchung eines Textes, gelangt man zum Verstehen. Von großer Bedeutung ist auch hier, daß sich der Verstehende vor dem eigentlichen Verstehensakt einen Eindruck über den Verfasser und dessen geschichtlichen sowie sozialen Umfeld verschafft.

Nachdem diese Vorarbeit geleistet wurde, kann sich der Verstehende dem vorliegenden Text widmen. Es gibt zwei Varianten, nach denen vorgegangen werden kann - die divinatorische und die komparative. Bei der divinatorischen Methode soll sich der Verstehende in die Rolle des Autors versetzen, um so seine Persönlichkeit unmittelbar erahnen zu können. Die komparative Vorgehensweise ist objektiver. Die Besonderheit des Autors wird durch einen Vergleich mit anderen Autoren ermittelt. Die beiden Methoden sind miteinander verbunden, so daß man sie nicht separat betrachten darf. Der Verstehende kann erst vergleichen, wenn er weiß, was er vergleichen soll. Der Vergleich wiederum ist die Bestätigung oder Falsifizierung der Divination.

Schleiermacher erläutert in diesem Kontext des weiteren zwei verschiedene Arten von Gedanken: Zum einen sieht er den Gedanken, der sich wie zum Beispiel in einer Konversation entwickelt. Des weiteren gibt es den Gedankenkomplex, der bereits in geordneter, vollendeter Form dasteht.

Hier unterscheidet er zwischen der psychologischen und der technischen Ausarbeitung.

„Im ersten Fall ist das Individuelle, rein Psychologische vorherrschend, im dem zweiten das Bewußtsein eines bestimmten Fortschreitens nach einem Ziel, das Resultat ein Vorbedachtes, methodisches, technisches. Danach zerfällt die hermeneutische Aufgabe auf dieser Seite in die rein psychologische und in die technische.“9

Die technische Auslegung ist erneut unterteilt in Meditation und Komposition. Schleiermacher versteht unter dem Begriff der Meditation vergleichbares. Sowohl der Autor als auch der Verstehende soll sich fragen, was die Bewegmomente sind, über diese Thematik zu schreiben. Bei der Komposition ist der Aufbau des Gedankenkomplexes angesprochen, das heißt warum steht der erste Gedanke am Anfang. Diese beiden Aspekte existieren ebenfalls nicht getrennt voneinander, sondern ergänzen sich auch gegenseitig.

2.2.1. Die technische Auslegung

Die Auslegung beginnt mit der Untersuchung des Entschlusses oder des Willensaktes: dieser kann das Werk bereits in seinen Grundzügen fertig durchdacht haben, er kann aber auch erst mal wage Vorstellungen davon haben. Auf dieses Verständnis folgt die Untersuchung der Komposition, wo "die allgemeinen Gesetze der Ordnung im Denken anzuwenden sind"10. Die Komposition ist demnach die Realisierung des Keimentschlusses. Den Grund der jeweiligen Form zu finden, das ist die Aufgabe der Meditation.

Die Meditation ist das Festhalten des Grundgedankens. Der Grundgedanke läßt sich auf mehrere Arten ausführen, und ebenso kann der Schriftsteller Nebengedanken, die aus dem Grundgedanken hervorgegangen sind, verwerfen; es ist also die Aufgabe der Meditation herauszufinden, wie der Verfasser in dem Moment des Keimentschlusses gedacht hat.

Ist der erste Willensakt so stark, daß "das Ganze in seinen Hauptzügen im Bewußtsein schon damit gegeben ist"11,so ist der Unterschied zwischen der Meditation und der Komposition gering; je weniger dies der Fall ist, desto größer wird der Unterschied.

Schleiermacher unterscheidet weiterhin zwischen Impuls und bloße Instinktregung. Jeder Gedanke an sich ist schöpferisch; hat er jedoch nichts mit dem Subjekt gemeinsam, so ist er unwichtig. Der Impuls läßt sich wiederum in zwei Tendenzen unterscheiden : eine, in der das Einzelne dominiert und welche nach dem Bildhaften geht, und eine, die nach dem Allgemeinen geht und in der Formel ihren Ausdruck findet. Das Höchste wäre ein Ineinander aufgehen der beiden. Sind also die Vorstellungen bildhaftig, so tritt das Kompositorische zurück, ist aber der Willensakt "Formal", so ist die Komposition größer. Nun findet eine Duplizität der Gedankenentwicklung statt. Zeigt der erste Impuls zum Bild hin und vollzieht sich die Gedankenentwicklung zum objektiven, so wird sich das Einzelne als Gedanke festsetzen; vollzieht sich die Gedankenentwicklung zum subjektiven, so ist der Ton entscheidend und die verschiedenen Formen, in denen sich der Ton modifiziert. Ist aber der erste Impuls mehr Formel, enthält er mehr die Keime der Komposition, hinter der das Einzelne zurücktritt. Es findet aber eine gegenseitige Ergänzung statt: wir erkennen aus der Komposition das Einzelne des Inhalts, und aus der Entwicklung der Einzelnen erkennen wir die Komposition.

2.2.2. Form und Inhalt

Schleiermacher weist hier darauf hin, daß es zwei verschiedene Grundprinzipien gibt, die das Werk ausmachen: Die Form und der Inhalt. Der ursprüngliche Keim entwickelt sich erstens zu seinem Inhalt, und dadurch entwickelt der Inhalt seine Form. Zwischen diesen Prinzipien besteht eine Wechselbeziehung, denn "das Erste wird immer gleich die Form bestimmen, und es wird da ein Wechsel sein zwischen dem Werden des Einzelnen und dem der Form"12 Die Aufgabe der Hermeneutik lautet hier, jede Produktion in einer zweifachen Beziehung zu verstehen. Einmal das Verständnis mit Beziehung auf den einzelnen Inhalt und dann mit Beziehung das der Form. Denn man wird nur dann vollkommen verstehen können, wenn man die Genesis versteht. Und dieses geht nur durch das Verständnis dieser zweifachen Beziehung. Es gibt nämlich, so sagt Schleiermacher, viele Leser, die nicht auf die Form achten, oder andere, die es überwiegend auf die Form anlegen. Andere wiederum schließen beim Verstehen der fremden Gedanken auf die eigenen, wodurch eine Einseitigkeit entsteht, die das volle Verstehen unmöglich macht. Man muß also bei der Beziehung der Form und des Inhalts darauf achten, beides gleichwertig zu untersuchen. Ebenso muß man sich bei der Auslegung von den eigenen Gedanken losmachen, denn "jedes muß aus seinen eigenen Gedanken verstanden und ausgelegt werden."13

2.2.3. Verhältnis zwischen Meditation und Komposition

Wie bereits oben erwähnt, entwickelt sich die Form aus dem Inhalt. Doch wie kann man aus der Komposition , also dem Werk, das vor einem liegt, aufdenAkt zurückschließen, der dem Verfasser zu seinem Entschluß geführt hat? Es hängt von dem Verhältnis zwischen der Meditation und der Komposition ab. Schwierig ist es, wenn in einem Werk Form und Inhalt ineinander aufgehen, denn dann ist der Unterschied zwischen den beiden gering. Zuerst sollte geklärt werden, inwieweit der erste Willensakt kompositorische Gedanken enthielt. Als Beispiel führt Schleiermacher den Unterschied zwischen Poesie und Prosa an. Ein Gedicht von großen Umfang kann unmöglich im ersten Willensakt vollständig vorgedacht sein. Die Gedanken sind "punktiert", und bei der Komposition werden sie dann geordnet. Bei der Prosa geht man "davon aus, daß gleich im ersten Akt Inhalt und Form gegeben sind"14. Schließlich werden aber Gedanken, die nicht in dem ursprünglichen Impuls gelegen haben, also eher gelegentlich sind, schwierig in die Komposition eingebaut werden können. Diese Elemente werden sich leicht unterscheiden lassen. Dagegen werden sich diejenigen Gedanken, die in dem ursprünglichen Gedanken gelegen haben, leicht in die bestimmte Form eingliedern lassen. Zusammenfassend also, sind die Gedanken der Meditation leicht in die Komposition einzubringen, so ist der Unterschied zwischen Meditation und Komposition gleich null. Schleiermacher nennt diesen Unterschied Differenz. Im hermeneutischen Interesse existieren noch andere Differenzen. So wird ein Leser, der ein wirkliches Interesse en einem Werk hat und sich somit über den Gegenstand auskennt, sicherlich Gedanken einfallen, die er vermißt, oder er findet Widersprüche. Nun stellt sich die Frage, warum der Schriftsteller eventuell wissentlich Gedanken ausgelassen hat, oder ob er sie gar nicht gehabt hatte. Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der Meditation des Schriftstellers.- Hierbei sind zwei Punkte wichtig: zum einem, wie seine Darstellungsweise durch die Komposition modifiziert ist, zweitens , wie verhält sich der ganze Prozeß zur Totalität des Gegenstandes. Es sollen also die Bedingungen untersucht werden, die bei der Komposition ein Gewicht tragen, wie z.B. Entstehen der Erinnerungen eines Schriftstellers von seinen Gegenstand, Notizen von dem Gegenstand. Will man sich jedoch mit dem Verhältnis des Gegenstandes zur Totalität befassen, so setzt dies voraus, daß man sich zuvor über diese Gesamtheit auskennt.

Nun ist aber das Verstehen der Meditation abhängig von dem Verstehen der Komposition. Eine Ausnahme bildet das Verständnis der Nebengedanken, denn diese entstehen erst in der Komposition.

Als nächstes befaßt sich Schleiermacher mit der Vollkommenheit eines Werkes. Die Komposition ist unvollkommen, wenn nicht der wesentliche Inhalt im Moment der Meditation vorhanden war. Je lebendiger der ursprüngliche Impuls war und je fester sich die Form diesen Impuls einprägt, desto weniger können dem Werk schädliche Elemente eingehen. Anders wiederum hat dies zur Folge, daß Gedanken, die zur Form gehören, nicht nicht dem Schriftsteller einfallen können. Es kann jedoch auch passieren, daß sich der Schriftsteller leicht zu sehr auf den Inhalt oder nur auf die Form konzentriert, und dann kann das Werk nicht vollkommen sein. Ein Werk ist endlich dann vollkommen, wenn Meditation und Komposition ineinander aufgehen, und das passiert, wenn eine Gedankenentwicklung reich ist, nie aus den Grenzen der Form hinausgeht, und ohne daß fremdartige Elemente damit verwachsen.

2.2.4. Die drei Betrachtungen des Gegenstandes

Kommen wir nochmal zurück zur Auslegung der Meditation, so setzt diese neben der Gesamtheit des Gegenstandes auch die Gesamtheit des Schriftstellers, also seines Lebens, voraus, und die Gesamtheit der Produktionen der zu der jeweiligen Zeit lebenden Schriftsteller. Durch die massiven Informationen über den Schriftsteller bekommt man eine genaue Kenntnis seiner Gedankengänge, und die Kenntnis seiner Eigentümlichkeiten gibt uns das Gefühl "als lebe man mit ihm".15 Betrachtet man einen Gegenstand von diesen Seiten, so bedient man sich des komparativen Verfahrens. Man vergleicht also einen Schriftsteller mit seinen anderen Werken, so z.B. wenn man einen Lieblingsschriftsteller hat. Das Gegenteil nennt man das heuristische ("das Auffinden bezweckende"16); nach diesem gelangt man durch die wiederholte hermeneutische Operation zur Kenntnis des literarischen Gebiets.

2.2.5. Nebengedanken

Eine nicht ganz so gewichtige Rolle widmet Schleiermacher den Nebengedanken, die zwischen der Meditation und der Komposition liegen. Er teilt sie in die "als solche " erkannte, die der Meditation zugehören, und nicht erkannten, die der Komposition zugehören. Er unterscheidet zwischen zwei Extremen. In der Komposition erscheinen Nebengedanken als eingeschoben, wenn der Schriftsteller die Nebengedanken im bewußten Besitz aller Elemente erst nach dem Niederschreiben eingefallen sind, in der Meditation ist das Extrem, wenn der Schriftsteller von vornherein sich einen gewissen Spielraum für ein freies Gedankenspiel gesetzt hat.

Zuletzt geht er zur Betrachtung der Komposition über; sie setzt voraus, daß der Schriftsteller den Impuls, "der das ganze Werk dominiert, in sich zur vollständigen Entwicklung gebracht hat"17, daß er alle Elemente dafür in sich trägt. Es verhält sich nicht immer so, denn in Briefen ist zwar der Grundgedanke enthalten, die Komposition entsteht aber auch durch die anderen Person. Ist aber ein Werk ein kunstmäßiges, muß man von der Voraussetzung ausgehen.

Ein wichtiger Punkt in der Komposition, der noch nicht angesprochen worden ist, besteht in dem Ton und der Stimmung des Schriftstellers." Diese zu kennen gehört wesentlich dazu, um eine Gedankenreihe als Tatsache im Gemüt zu verstehen"18.Er sagt, daß zwei Schriftsteller zwar über den gleichen Gegenstand schreiben können, mit der gleichen Gesinnung, aber der Unterschied wird in der Art des Tones sein; "der eine schreibt in einem ruhigen, der andere in einem bewegten Tone"19. Da der Ton aber eine Sache des Gefühls ist, lassen sich darüber keine Regeln aufstellen. Der Ton ist auch abhängig von den Adressaten , denn es macht schon einen Unterschied, ob die Schrift für eine unbestimmte Mehrheit ist, oder ob der Verfasser sein Zielpublikum vor Augen hat.

2.2.6. Die Auslegung des Neuen Testaments

Schleiermacher hat Beispiele aus der Bibel - Exegese in der technischen Auslegung eingeführt, die hier erörtert werden.

In Bezug auf die Stimmung des Schriftstellers führt er die Briefe des Apostel Paulus an, die er während seiner Gefangenschaft schrieb. Es könnte sein, daß Paulus so viel mit den anderen Gefangenen zu tun hatte, daß er sein Schreiben unterbrach, oder in dem Rechtsverlauf, in dem er sich befand, konnten Änderungen eintreten, die seine Stimmung änderten. Über solche Gründe wurde zwar mündlich nichts überliefert, aber in seinen Briefen kann man die Änderung des Tones erkennen.

In Bezug auf die drei Betrachtungen des Gegenstandes erklärt Schleiermacher, daß außer dem N.T. keine andere Dokumente aus dieser Zeit existieren. Sieht man jetzt das N.T. als etwas Ganzes, so kann man es nicht mit anderen vergleichen. Ebenso wurde ganz zu Anfang erklärt, daß man aus dem Einzelnen das Ganze versteht, und das Ganze nur aus dem Einzelnen. Deswegen muß man " bei dem N.T. das Ganze als Eins und jedes Einzelne als Besonderes ansehen."20 Hier findet also eine gegenseitige Bedingtheit statt. Wie gesagt, ist das N.T. das einzige überlieferte Dokument dieser Zeit; wir müssen uns in die Zeit hineinversetzen, um überhaupt den damaligen Zustand der christlichen Lehre zu verstehen, ohne aber auf andere Quellen zurückgreifen zu können.

Literatur :

Schleiermacher, Friedrich D. E.;Hermeneutik und Kritik

(Hrsg. und Einleitung Manfred Frank) 6.Auflage,1995, Frankfurt am Main

[...]


1 Schleiermacher, Friedrich: Hermeneutik und Kritik. Mit einem Anhang Sprachphilosophischer Texte Schleiermachers. Herausgegeben und eingeleitet von Manfred Frank, 6. Auflage, Frankfurt am Main 1995.

2 Schleiermacher 1995, Seite 57.

3 Schleiermacher 1995, Seite 75(petit).

4 Schleiermacher 1995, Seite 103.

5 Schleiermacher 1995, Seite 138.

6 Schleiermacher 1995, Seite 142.

7 Schleiermacher 1995, Seite 137.

8 Schleiermacher, Seite 148.

9 Schleiermacher, S.179

10 Schleiermacher, S.210

11 Schleiermacher, S.210

12 Schleiermacher, S.212

13 Schleiermacher, S.213

14 Schleiermacher, S.215

15 Schleiermacher, S.223

16 Duden,Bd.1,Rechtschreibung, S.326

17 Schleiermacher, S.224

18 Schleiermacher, S.225

19 Schleiermacher, S.225

20 Schleiermacher, S.228

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Grammatische und technische Auslegung nach Schleiermacher
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Methodenkurs Hermeneutik I.2
Autor
Jahr
1998
Seiten
11
Katalognummer
V98792
ISBN (eBook)
9783638972437
Dateigröße
355 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grammatische, Auslegung, Schleiermacher, Methodenkurs, Hermeneutik
Arbeit zitieren
Kostas Papadimitriou (Autor:in), 1998, Grammatische und technische Auslegung nach Schleiermacher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98792

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