Begegnung in der Therapie: Selbsterfahrung für Therapeut und Klient


Ausarbeitung, 1984

13 Seiten


Leseprobe


Begegnung: Begegnung ist ein zentrales Ziel beim Psychodrama. Begegnung bedeutet, dass zwei Menschen sich einander öffnen und dadurch ein gegenseitiges sich Einfühlen ermöglichen. Begegnung beruht nicht nur auf der bloßen Interaktion oder kommunikativen Verständigung, sondern auf einem existentiellen Sich-in- Beziehung-Setzen. Die Begegnung zeigt sich auch im Austausch zwischen Menschen über ihre Lebenserfahrungen (Sharing). Eine wahre Begegnung zwischen Menschen ist heilsam, weil sie die Kraft hat Konventionen im Umgang miteinander aufzubrechen und Menschen von den von mitgeschleppten Ängsten, unangemessenen Regeln und in der eigenen Biographie tradierten Überzeugungen fremder Menschen zu befreien. Eine Begegnung mit dem Anderen ist immer authentisch und wird getragen von eigenen Lebenskräften, aber auch von der Verantwortung, die Menschen miteinander verbindet (Hutter 2010). Begegnung – verstanden als zentrales Konzept – vollzieht sich auch in anderen Formen der Psychotherapie, auch wenn bei diesen nach eigenem Selbstverständnis die Anwendung von Methoden im Vordergrund steht.

Empathie: Die Fähigkeit sich in einen anderen Menschen einzufühlen (Empathie) ist die Basis für menschliche Beziehungen, und für Begegnung, insbesondere für Menschen, die eine nahe Beziehung miteinander eingehen. Eine gute Paarberatung zielt darauf ab, den PartnerInnen neue Möglichkeiten zur Gestaltung Ihrer Beziehung zu eröffnen und in der Paarberatung selber neues Beziehungslernen zu initiieren und Empathie füreinander zu entwickeln (Gunkel 1989, 2011; Mandel et al., 1990; Schulz 2010, 2012, Tiedemann & Jellouschek 2000; Wirsching & Scheib 2002).

Methoden heilen: Im Mittelpunkt der Ausbildung in Verhaltenstherapie (Wissenstand 1979) stand lange die Vermittlung von Methoden, die den Klienten helfen sollten, die eigenen Probleme besser als bislang in den Griff zu bekommen. Implizit wurde damit vermittelt, dass alle Probleme lösbar seien, vorausgesetzt, man wende die richtige Methode an. Die Anwendung von Methoden ist jedoch eng verbunden mit dem Glauben an die Wirksamkeit, einer strikten und gezielten Anwendung und der Entwicklung einer neuen Grundhaltung zu sich selber wie zum Beispiel Respekt von sich selber (Strobel 2010), Selbstachtung, eine gesunde Selbstliebe, Selbstreflektion, Authentizität im Handeln, Wertschätzung dem Anderen gegenüber und der Überzeugung, dass Menschen ihr Leben selber und aktiv steuern können. Aus heutiger Sicht lässt sich eher sagen, dass die Verwendung von Methoden in der Psychotherapie dazu beiträgt, in einem Menschen ein tiefes Nachdenken über sich selber, seine eigene Identität, seine Überzeugungen und ethische Haltung, seine Beziehungen zu sich und anderen Menschen sowie seine Lebensgestaltung anzuregen. Was ist mir so wertvoll in meinem Leben, dass ich es gerne an Andere weitergeben möchte? Wo bin ich erstarrt in Gedanken, festgefahrenen Rollen und wiederkehrenden Interaktionsmustern? (Watzlawick 2009; Watzlawick et al. 2011).

Heimliche Verflechtungen: Über das Klienten - Therapeuten - Verhältnis zu reden galt früher (1975) in der Verhaltenstherapie als verpönt: dies war die Domäne der Analytiker, jener Psychoarchäologen, die immer nur in der Kindheit herum graben und die aktuellen Erscheinungsformen der Neurosen vernachlässigen. Mit der Zeit wurde dem Klienten eine gewisse Autonomie zugestanden, ein heimliches Lehrer - Schüler - Verhältnis blieb aber noch lange bestehen, was sich auch in den Trainings sozialer Kompetenz (Zimmer 1976) niederschlug: der Therapeut oder bestenfalls andere Gruppenmitglieder als Modelle vermittelten dem Klienten bestimmte Methoden und deren Anwendung und mittels bestimmter Methoden verhalf der Therapeut (mit den Gruppenklienten als Mediatoren) dem Klienten zu neuem Verhalten und damit verbundenem besseren Befinden. Es schien, als bliebe der Therapeut außerhalb der sonst üblichen und vorhandenen Beziehungsverflechtungen: heimlich existierte eine Oben Unten - Verteilung, eine Machthierarchie. Die Rollen eines Therapeuten sind jedoch vielgestalteter. Wirksam ist auch der Verhaltenstherapeut durch die Art der reflektierten Beziehungsgestaltung zwischen ihm und dem Klienten. Immer wirken Verhaltenstherapeuten als Menschen in ihren verschiedenen Rollen, soweit diese in der Verhaltenstherapie durchschimmern als Modell. Die Idee von Selbstbestimmung in der Psychotherapie schlägt sich in der Verhaltenstherapie in Modellen der Selbstregulation, bzw. in den Modellen des Selbstmanagements nieder (Kanfer & Goldstein 1977; Kanfer et al. 2011), die heute (2013) noch aktuell sind.

Wirbelnde Trickser

Eine neue Variante brachte die Kommunikationstherapie: einem Trickser gleich wirbelte der Therapeut mittels therapeutischer Doppelbindungen die alten Denk- und Verhaltensgewohnheiten der Klienten durcheinander, ohne dass diese oftmals die Zusammenhänge der eigenen Veränderung verstanden. Der Therapeut galt als Vermittler symptomauflösender Techniken, die Reflexion persönlichen Lebenssinns blieb auf der Strecke. Der wirbelnde Trickser schien eine Art Zauberer zu sein, der neue kognitive Rahmungen verhieß und so neue Bewegungsräume und Begegnungsräume ermöglichte, ohne an diesen selber teilzuhaben, so schien es (Haley 1985, 1987, 1989, 1997, 2010, 2012). Doch auch der wirbelnde Trickser hinterlässt seine Spuren, zum Beispiel als innere Stimme, welche die Klienten in ihren Lebensalltag begleitet, diese an das neue erworbene Wissen erinnert und ermutigt Neues zu wagen. Die heilende Begegnung zwischen Psychotherapeut und Klient zeigt sich in einer seelischen und geistigen Berührung, die entsteht, wenn Menschen sich aufeinander einlassen (Kopp 2012).

Selbstsuche: Das methodenzentrierte Vorgehen der frühen Verhaltenstherapie mochte seine Berechtigung haben, solange die Probleme des Klienten nicht unbedingt im interpersonalen Rahmen lagen (obwohl diese Abgrenzung aus systemischer Sicht nicht getroffen werden kann); untauglich wurde das Vorgehen in dem Augenblick, als Klienten so etwas wie Selbsterfahrung suchten, sich selber kennenlernen wollten, unter der Trauer von Verstorbenen litten, sich von den anderen verlassen fühlten, eine Trennung oder Scheidung verwinden konnten (Kast 2011), sich auf Suche nach innerer Wandlung begaben (Kast 2007) oder einen aufrechten Kampf um die eigene Identität führten (Kast 2006, Kopp 2012).

Verhaltenstherapie und Selbstsuche: Halfen da noch die verhaltenstherapeutischen Methoden wie z.B. Verstärkung, Modellernen, Selbstinstruktion, Rollenspiel, Feedback, Umdeutungen, Shaping, Prompting, Fading, Flooding, Systematische Desensibilisierung, Entspannung und Autogenes Training? Liegt in ihrer Anwendung die Heilkraft oder vermitteln sie dem Klienten nur die heilenden Kräfte? Und vor allem: durfte der Therapeut etwas vermitteln, was nicht im Entferntesten in seinem Erfahrungsbereich lag? Bestand nicht die Gefahr der Unglaubwürdigkeit? Suchten die Klienten überhaupt die methodische Lösung ihrer Probleme mit sich und anderen?

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Details

Titel
Begegnung in der Therapie: Selbsterfahrung für Therapeut und Klient
Autor
Jahr
1984
Seiten
13
Katalognummer
V98795
ISBN (eBook)
9783638972468
ISBN (Buch)
9783640864966
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begegnung, Psychotherapie, Psychotherapeuten
Arbeit zitieren
Dipl.-Psych. Andreas Schulz (Autor:in), 1984, Begegnung in der Therapie: Selbsterfahrung für Therapeut und Klient, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98795

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