Ziel dieser Arbeit soll es sein, zu ermitteln, wie es um die Legitimität der Selbsttötung vor dem Hintergrund der Selbstbestimmung bestellt ist.
In der heutigen Zeit gibt es viele Kontroversen. Eine von ihnen ist das Problem des Sterbens; genau genommen des freiwilligen Sterbens. Der Suizid, die Selbsttötung, oder wie auch oft genannt: der Selbstmord, ist eine Fallkonstellation, die für viele Menschen mit Unbehagen verbunden ist. Es ist nach wie vor ein Tabuthema, dessen man sich lieber entzieht und kommt es dann doch zum Diskurs, so sind die Meinungen häufig festgefahren.
In der Geschichte der Menschheit reicht diese Kontroverse bis weit in die Antike zurück. Verschiedene philosophische Schulen haben hierzu unterschiedlichste Positionen bezogen. Die Stoiker waren zum Beispiel Fürsprecher des Suizids. Platon hingegen ein strenger Kritiker. Es mutet irrational an, das eigene Leben durch die eigene Hand zu beenden. Warum sollte man sein Leben aufgeben? Im Christentum lässt sich kurioserweise eine ambivalente Haltung zum Freitod ausmachen. Der Selbstmord wird hier auf der einen Seite als Todsünde verurteilt, auf der anderen Seite als Martyrium verehrt. Der Sinn, beziehungsweise die Sinnlosigkeit scheinen den Scheideweg der Anerkennung jener irreversiblen Entscheidung zu markieren. Jene Sinnlosigkeit ist es, derer man sich gewahr wird, wenn man sich dem Absurden stellt. Albert Camus stellt die Erkenntnis jener Absurdität mit dem Mythos des Sisyphos gleich. Letzten Endes stehen wir vor der Frage, ob wir uns mit der Sinnlosigkeit unseres Daseins abfinden, oder bereit, sind dieses aufzugeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist eine adäquate Bezeichnung des Tötens seiner selbst?
3. Die klinische Perspektive
4. Emile Durkheim: Der Selbstmord
5. Der freie Tod als Produkt des freien Willens oder eines gravierenden Pflichtverstoßes
6. Albert Camus - Der Mythos des Sisyphos
7. Vom hohen Ansehen zum Tabu
8. David Hume - On Suicide
9. Kierkegaard - Die Krankheit zum Tode
10. Der Begriff der Pflicht
11. Die Selbsttötung als politisches Instrument
12. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelor-Thesis untersucht die Legitimität der Selbsttötung vor dem Hintergrund des Selbstbestimmungsrechts. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit das Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende mit philosophischen, ethischen und klinischen Aspekten vereinbar ist und welche Rolle gesellschaftliche Einflüsse bei der Beurteilung dieses Tabuthemas spielen.
- Philosophische Auseinandersetzung mit der Selbsttötung (Stoa, Kant, Hume, Camus)
- Klinisch-psychologische Perspektiven auf suizidale Verhaltensweisen
- Soziologische Analyse von Suizidtypen nach Emile Durkheim
- Die Spannung zwischen individueller Freiheit und moralischer Pflicht
- Politische Instrumentalisierung der Selbsttötung als Protestform
Auszug aus dem Buch
Die klinische Perspektive
Aus psychologischer Perspektive gliedert sich das Spektrum suizidaler Verhaltensweisen in fünf Kategorien: passive Todessehnsucht, suizidaler Affekt und Gedanken, Parasuizid, Suizidversuch, Suizid. Die Übergänge sind fließend. Unter passiver Todessehnsucht wird die geistige Beschäftigung mit dem eigenen Tod ohne eine aktive Planung desselben verstanden. Entsprechend ist der suizidale Affekt beziehungsweise Gedanke die nächste Stufe. Hierunter wird bereits die direkte oder indirekte Beschäftigung mit der Selbsttötung ohne konkrete Planung zu deren Umsetzung begriffen.
Beim Parasuizid liegt eine konkrete Handlung, die ohne Intervention Dritter zur Selbstschädigung führen würde, vor. Der Suizidversuch zielt auf die erfolglose Selbsttötung ab und der Suizid ist dann letztendlich an den Erfolg der Tat gebunden. Psychopathologische Ursachen, die zu diesem Akt der Selbstzerstörung führen sind vielschichtig. Psychische Störungen können bereits im Kindes- und Jugendlichenalter auftreten. Neurochemische Prozesse können unter Umständen als Auslöser von Angststörungen in Betracht kommen. Auch das familiäre Umfeld und der genetische Einfluss können einen psychopathologischen Zustand begünstigen beziehungsweise hervorrufen. Zudem können noch kognitiv-behaviorale Faktoren ins Spiel kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Kontroverse um den Suizid und begründet die Relevanz der Untersuchung des freiwilligen Sterbens für die aktuelle Bachelor-Thesis.
2. Was ist eine adäquate Bezeichnung des Tötens seiner selbst?: Dieses Kapitel hinterfragt die gebräuchlichen Begriffe wie „Selbstmord“ oder „Freitod“ auf ihre ethische und fachliche Eignung und plädiert für den neutraleren Begriff der „Selbsttötung“.
3. Die klinische Perspektive: Hier werden suizidale Verhaltensweisen in klinische Kategorien eingeteilt und die vielfältigen psychologischen sowie sozialen Ursachen suizidaler Krisen analysiert.
4. Emile Durkheim: Der Selbstmord: Das Kapitel stellt Durkheims soziologische Differenzierung von Suizidtypen (egoistisch, anomisch, fatalistisch, altruistisch) und deren Abhängigkeit von gesellschaftlicher Integration dar.
5. Der freie Tod als Produkt des freien Willens oder eines gravierenden Pflichtverstoßes: Es wird die philosophische Debatte über die Vereinbarkeit von freiem Willen und Selbsttötung thematisiert.
6. Albert Camus - Der Mythos des Sisyphos: Die Analyse konzentriert sich auf Camus' Verständnis von Absurdität und die Wahlmöglichkeit des Individuums gegenüber der Sinnlosigkeit des Daseins.
7. Vom hohen Ansehen zum Tabu: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Wandel der Suizidbewertung von der Antike bis zur Stigmatisierung durch die christliche Doktrin nach.
8. David Hume - On Suicide: Hier wird Humes Gegenposition zur kirchlichen Tabuisierung dargestellt, die das Recht auf Selbstbestimmung über das Leben betont.
9. Kierkegaard - Die Krankheit zum Tode: Das Kapitel erläutert Kierkegaards Konzept der Verzweiflung als geistiges Siechtum und die Unmöglichkeit der Selbsttötung für den Geist.
10. Der Begriff der Pflicht: Es erfolgt eine kritische Betrachtung von Kants „Selbstzweckformel“ und dessen kategorischem Verbot der Selbsttötung im Kontext der heutigen Rechtslage.
11. Die Selbsttötung als politisches Instrument: Die Analyse befasst sich mit Fällen wie Hungerstreiks und Selbstverbrennungen, bei denen die Selbsttötung als politisches Zeichen gegen Unterdrückung eingesetzt wird.
12. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Notwendigkeit, das Recht auf Selbstbestimmung als legitimen Akt zu begreifen.
Schlüsselwörter
Selbsttötung, Suizid, Selbstbestimmung, Philosophie, Ethik, Freier Wille, Emile Durkheim, Albert Camus, David Kant, Sterbehilfe, Psychopathologie, Soziologie, Moralität, Freiheit, Tabuthema.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der philosophischen und ethischen Frage der Legitimität der Selbsttötung im Spannungsfeld zwischen individuellem Selbstbestimmungsrecht und gesellschaftlicher bzw. religiöser Moral.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Geschichte der Suizidethik, soziologische Erklärungsmodelle, klinische Aspekte suizidaler Krisen sowie die politisierte Form der Selbsttötung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, ob die Selbsttötung vor dem Hintergrund der Selbstbestimmung als legitimer Akt angesehen werden kann, auch wenn dies mit traditionellen Moralvorstellungen kollidiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Es handelt sich primär um eine philosophisch-soziologische Diskursanalyse, die auf zentralen Werken der Geistesgeschichte sowie psychologischen Grundlagen aufbaut.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene Denker (Durkheim, Camus, Hume, Kant, Kierkegaard) und wendet deren Theorien auf die ethische Bewertung von Sterbehilfe und politischem Suizid an.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Selbstbestimmung, Freiheit, Moralität, Absurdität, Pflicht und die soziologische Einordnung des Suizids.
Wie unterscheidet sich die Arbeit in der Begrifflichkeit?
Der Autor argumentiert gegen den stigmatisierenden Begriff „Selbstmord“ und verwendet stattdessen den neutraleren Begriff „Selbsttötung“, um dem Aspekt der freien Entscheidung Raum zu geben.
Welche Rolle spielt die Politik in der Argumentation?
Die Arbeit untersucht, wie Selbsttötung als „lauten Tod“ zur politischen Instrumentalisierung (z.B. bei Hungerstreiks) genutzt wird, um auf Missstände aufmerksam zu machen.
Wird die christliche Sichtweise kritisiert?
Ja, der Autor stellt die christlich-kanonische Verurteilung des Suizids als Todsünde der philosophischen Forderung nach Autonomie und Vermeidung von Leid gegenüber.
Zu welchem Fazit kommt der Autor bezüglich der Rechtslage?
Der Autor plädiert dafür, dass staatliche Institutionen zivilisierte Wege für Sterbewillige ermöglichen sollten, anstatt die Autonomie des Individuums durch strikte Verbote zu blockieren.
- Quote paper
- Timur Böse (Author), 2020, Die Selbsttötung in der Philosophie. Zwischen Selbstbestimmung und Legitimität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/988139