Die Selbsttötung in der Philosophie. Zwischen Selbstbestimmung und Legitimität


Bachelorarbeit, 2020

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was ist eine adäquate Bezeichnung des Tötens seiner selbst?

3. Die klinische Perspektive

3. Emile Durkheim: Der Selbstmord

4. Der freie Tod als Produkt des freien Willens oder eines gravierenden Pflichtverstoßes

6. Albert Camus - Der Mythos des Sisyphos

7. Vom hohen Ansehen zum Tabu

8. David Hume - On Suicide

9. Kierkegaard - Die Krankheit zum Tode

10. Der Begriff der Pflicht

11. Die Selbsttötung als politisches Instrument

12. Fazit

13. Literaturverzeichnis

Einleitung

„Der Epikurer Diodor, der vor kurzem sich selber tötete, habe, so behauptet man, nicht nach Epikers Lehre gehandelt, indem er sich die Kehle durchschnitt; die einen betrachten diese seine Tat als Wahnsinn, die andern als Unbesonnenheit. Er aber hat glückselig und mit völlig gutem Gewissen, indem er aus dem Leben schied, sich selbst ein Zeugnis gegeben und die Ruhe eines Lebens gepriesen, das in den Hafen eingelaufen ist und den Anker geworfen hat. Höret ihr nicht gerne seine Worte und dünkt euch sein Tun nicht nachahmungs- wert?“1

In der heutigen Zeit gibt es viele Kontroversen. Eine von ihnen ist das Problem des Sterbens; genau genommen des freiwilligen Sterbens. Der Suizid, die Selbsttötung, oder wie auch oft genannt: der Selbstmord, ist eine Fallkonstellation, die für viele Menschen mit Unbehagen verbunden ist. Es ist nach wie vor ein Tabuthema, dessen man sich lieber entzieht und kommt es dann doch zum Diskurs, so sind die Meinungen häufig festgefahren. So ist es zumindest meine persönliche Erfahrung und so daher habe ich mich dazu entschlossen diese meine Bachelor-Thesis diesem Problemkomplex zu widmen.

In der Geschichte der Menschheit reicht diese Kontroverse bis weit in die Antike zurück. Verschiedene philosophische Schulen haben hierzu unterschiedlichste Positionen bezogen. Die Stoiker waren zum Beispiel Fürsprecher des Suizids.2 Platon hingegen ein strenger Kritiker. Es mutet irrational an, das eigene Leben durch die eigene Hand zu beenden. Warum sollte man sein Leben aufgeben? Im Christentum lässt sich kurioserweise eine ambivalente Haltung zum Freitod ausmachen.3 Der Selbstmord wird hier auf der einen Seite als Todsünde verurteilt, auf der anderen Seite als Martyrium verehrt. Der Sinn, beziehungsweise die Sinnlosigkeit scheinen den Scheideweg der Anerkennung jener irreversiblen Entscheidung zu markieren. Jene Sinnlosigkeit ist es, derer man sich gewahr wird, wenn man sich dem Absurden stellt. Albert Camus stellt die Erkenntnis jener Absurdität mit dem Mythos des Sisyphos gleich. Letzten Endes stehen wir vor der Frage, ob wir uns mit der Sinnlosigkeit unseres Daseins abfinden, oder bereit, sind dieses aufzugeben.

Wie im Eingangszitat von Seneca so treffend beschrieben, stellt sich die Frage nach der Selbsttötung aus Wahnsinn, sprich einem pathologischen Zustand oder aus einer vernunftbegründeten Entscheidung des freien Willens heraus.

Der französische Soziologe Emile Durkheim hat sich bereits im 19. Jahrhundert mit dem Phänomen des Selbstmords in seinen gleichnamigen Studien auseinander gesetzt und hat die Vielfalt der Ursachen ermittelt, welche ich meiner Thesis zugrunde lege. Ziel dieser Arbeit soll es sein, zu ermitteln, wie es um die Legitimität der Selbsttötung vor dem Hintergrund der Selbstbestimmung bestellt ist.

Was ist eine adäquate Bezeichnung des Tötens seiner selbst?

„Ein Suizid ist eine Handlung mit tödlichem Ausgang, die der Verstorbene mit Wissen und in Erwartung des tödlichen Ausgangs selbst geplant und ausgeführt hat mit der Absicht, die vom Verstorbenen gewünschten Veränderungen herbeizuführen.“4

Dem eigenen Leben ein Ende setzen kennt viele Bezeichnungen. So ist der populärste Ausdruck der des Selbstmords. So populär dieser Begriff nun ist, so disputabel ist seine Adäquanz. Mord ist in juristischer Terminologie als eine heimtückische Tötung eines Menschen gegen seinen Willen definiert.5 Trifft der Mensch für sich alleine die Entscheidung sich zu töten, stellt sich die Frage nach der Heimtücke und dem Widerwillen. Es mutet bizarr an, anzunehmen, dass ein Mensch gegen sich selbst in Heimtücke agiert. Noch abwegiger wirkt der Aspekt des Widerwillens. Hier würden Mediziner vermutlich psy- chopathologische Zustände des Suizidenten einwenden.6 Denn in solchen Fällen wird durchaus von einer Selbsttötung unter gewissen Zwängen ausgegangen, die demnach eine widerwillige Handlung nicht exkludiert. In Anbetracht dessen ist der Begriff des Widerwillens zwar strittig, doch ist die Selbsttötung an sich eine Handlung des freien Willens, auch wenn hier ein innerer Zwang zugrunde liegen kann, halte ich den Begriff des Selbstmords für unangebracht. Tatsächlich hat sich aber diese Bezeichnung in der Alltagssprache unserer Gesellschaft als gängig durchgesetzt.

Etymologisch lässt sich der Begriff Selbstmord aus dem lateinischen Kompositum Suicid (sui = seiner [selbst] und caedere = töten, morden) herleiten. Doch kann man auch die Selbsttötung hieraus herleiten. Dieser Begriff ist wesentlich neutraler und hat nicht den abwertenden Beigeschmack, den der Begriff Selbstmord mit sich bringt. Ein heimtückischer und widerwillentlicher Akt mit unumkehrbar finalen Auswirkungen trägt ein Stigma dieser Handlung schon in seinem Namen selbst.

Als alternative Lösung bietet sich noch der durch Friedrich Nietzsche geprägte Begriff des Freitods7 8 an. Eine euphemistische Bezeichnung, wie sie manch einem noch aus der Literatur des letzten beziehungsweise vorletzten Jahrhunderts bekannt sein dürfte. In Also sprach Zarathustra spricht Nietzsche sich für ein selbstbestimmtes Ende aus. Es ist nicht gewiss, ob er hier explizit auf das Ende durch die eigene Hand anspielt, oder ob er diesen Abschnitt als Teil seiner Gesamtkonzeption des Zarathustra zu verstehen meint, da er hier einen Leitfaden für eine nach-christliche Welt bieten will. Eine Welt in der altes Verurteiltes aus einer neuen Perspektive betrachtet werden soll. Wie Héctor Wittwer sagt, „eine Umwertung aller Werte“.8 Dafür würde sprechen, dass in der christlichen Weltanschauung die Selbsttötung eine Todsünde darstellt. Hierin ließe sich ein mögliches Motiv für Nietzsches Befürwortung einer entsprechenden Tat erkennen. Auch lässt sich die Passage zum „Sterben zur rechten Zeit“ entsprechend interpretieren.9 Da Nietzsche allerdings nicht genau auf diese Wortschöpfung10 eingeht, lässt sich nicht mit abschließender Sicherheit sagen, ob er tatsächlich, wie es sich vielfach in der Sekundärliteratur lesen lässt, die Selbsttötung befürwortet. Es ist aber unstrittig, dass der Begriff Freitod seinen Weg in die Literatur gefunden hat. So bei Jean Améry, der ihn zum Titel seines Diskurses macht.11 Mit der Bezeichnung Freitod würden zwar die vorgenannten negativen Aspekte ausgeklammert, jedoch wäre diese Wortwahl in gewissem Maße prekär. Die Bezeichnung trägt das Problem bereits in sich selbst. Es ist die freie Tötung, die freiwillige (Selbst)Tötung. Es gibt durchaus Sze- narien in denen die Selbsttötung relativ alternativlos im Raum steht. So zum Beispiel im Fall der Sterbehilfe, um weiteres Leid für sich und die Angehörigen zu ersparen. Auch wenn in diesen Extremfällen durch Dritte assistiert wird, ist der eigentliche Akt der Tötung Kraft Entschluss beim Sterbenden zu verorten. Folglich liegt in diesem Szenario eine Selbsttötung vor, bei der mittels Hilfe der Erfolg herbeigeführt wird. Kann man an solcher Stelle vom Freitod sprechen? Wenn das Leid nicht so groß wäre, dass sich der Suizident einer ausweglosen Lage ausgesetzt fühlt, würde sich vielleicht auch eine gangbare Alternative aufzeigen. Doch schließt sich dieses quasi nach den gleichen Maßstäben aus wie bereits der Aspekt des Widerwillens im Falle des Selbstmords. Der Freitod scheint mir daher auch keine angemessene Betitelung zu sein. Aus diesem Grund ist meines Erachtens die Selbsttötung die einzig adäquate Bezeichnung für das zu benennende Phänomen.12

Die klinische Perspektive

Aus psychologischer Perspektive gliedert sich das Spektrum suizidaler Verhaltensweisen in fünf Kategorien:13

1. passive Todessehnsucht
2. suizidaler Affekt und Gedanken
3. Parasuizid14 15
4. Suizidversuch
5. Suizid

Die Übergänge sind fließend. Unter passiver Todessehnsucht wird die geistige Beschäftigung mit dem eigenen Tod ohne eine aktive Planung desselben“15 verstanden. Entsprechend ist der suizidale Affekt beziehungsweise Gedanke die nächste Stufe. Hierunter wird bereits die „direkte oder indirekte Beschäftigung mit der Selbsttötung“ ohne konkrete Planung zu deren Umsetzung begriffen.16 Beim Parasuizid liegt eine „konkrete Handlung, die ohne Intervention Dritter zur Selbstschädigung führen würde“, vor.17 Der Suizidversuch zielt auf die erfolglose Selbsttötung ab und der Suizid ist dann letztendlich an den Erfolg der Tat gebunden. Psychopathologische Ursachen, die zu diesem Akt der Selbstzerstörung führen sind vielschichtig. Psychische Störungen können bereits im Kindes- und Jugendlichenalter auftreten. Neurochemische Prozesse können unter Umständen als Auslöser von Angststörungen in Betracht kommen.18 Auch das familiäre Umfeld und der genetische Einfluss können einen psychopathologi- schen Zustand begünstigen beziehungsweise hervorrufen.19 Zudem können noch kognitiv-behaviorale Faktoren ins Spiel kommen.20 21 Letztendlich gibt es noch die interpersonalen Faktoren. Hierunter versteht man ein Modell der Angstentstehung bei dem „eine gegenseitige Beeinflussung von Kind, Familie und anderen exogenen Faktoren“21 Angstzustände hervorrufen kann. Weitere psychische Störungen, die suizidale Tendenzen begünstigen sind Depressionen, Störungen des Sozialverhaltens und Störungen in Zusammenhang mit Substanzkonsum. Die Faktoren hierzu variieren, sind aber dem Grunde nach vergleichbar. Im Zentrum stehen immer familiär-genetische Einflussgrößen, biologische Voraussetzungen und kognitiv-behaviorale Faktoren. Psychopathologische Zustände können somit aus einer Veranlagung heraus vorliegen, oder sich im Verlauf eines Lebens entwickelt haben.

Zu beachten ist an dieser Stelle der gesellschaftliche Kontext in dem sich der Entschluss zur Selbsttötung abspielt. Die gesellschaftliche Akzeptanz hierzu hat sich durch eine historisch-religiöse Einflussnahme bis in die Gegenwart ins Negativ gewandelt.22 War die Selbsttötung in der Antike noch eine durchaus anerkannte, wenn auch diskutierte Weise aus dem Leben zu scheiden, wurde sie spätestens im Mittelalter dermaßen stigmatisiert, dass Menschen, die sich mit dieser Überlegung auseinandersetzen nicht um die äußere Einflussnahme herum kommen. Im Ergebnis ist die leidende Person häufig mit ihren Gedanken alleine. Wo eine Selbsttötung aus klar erwogenen Überlegungen vollführt werden könnte, kommen dann auch jene Selbsttötungen basierend auf Isolation zum Tragen.23 Diese Situation erschwert die psychologisch-medizinischen Forschung zu den zugrundeliegenden Krankheitsbildern.24 Das gesellschaftliche Stigma schadet also den hiervon betroffenen Menschen, anstatt dass es präventive Auswirkungen hätte. Es ist eine Sache, ob der Mensch sich gegen das Leben aufgrund rational erwogener Überlegungen entschließt, oder dieses infolge eines pathologisch begründeten Leidens, welches man medizinisch-psychologisch behandeln könnte, macht. Kelleher differenziert hier allerdings auch zwischen den Geschlechtern. So sieht er Frauen durch diese Situation als weniger betroffen an, als Männer.25 26 27 Im Ergebnis liegt daher auch ein deutliches Ungleichgewicht in der Geschlechterverteilung bei den statistisch erfassten Suiziden vor.2627 Während die Zahl der erfolgreichen Selbsttötungen auf Seiten der Männer überwiegt, sieht es bei den Versuchen hierzu genau umgekehrt aus. Doch ist anzumerken, dass dies auf westlichen Beobachtungen basiert. In anderen Gesellschaften, zum Beispiel in der Volksrepublik China, sehen die Verhältnisse unter den Suiziden- ten mitunter gänzlich anders aus.28 Gesellschaftliche Verhältnisse haben also einen Einfluss auf die Tendenz einen Suizid zu begehen, beziehungsweise diesen als Versuch zu unternehmen.

Durkheim - Der Selbstmord

Emile Durkheim differenziert beim Suizid vier Grundtypen: dem egoistischen, dem anomischen, dem fatalistischen und dem altruistischen Selbstmord. Ausgehend von der Annahme, dass der Suizid durch Kollektivkräfte verhindert wird, sieht Durkheim die Gesellschaft als zentrales Bindeglied zwischen autonomer Selbstverfügung und sozialer Hemmschwellen.29 Der Akt der Selbsttötung ist in dieser Konstellation ein egoistisch motivierter; der egoistische Selbstmord. Ursache kann eine Entfremdung vom sozialen Umfeld des Betroffenen sein, infolge dessen das Individuum sich gleichermaßen auch vom Gemeinschaftsleben als Ganzes distanziert und die eigenen Ziele an Vorrang gewinnen, so dass in letzter Konsequenz die Einzelpersönlichkeit vor das Kollektiv gestellt wird.30 Durkheim spricht hier von einem Triumph des individuellen Ich’s gegenüber dem sozialen Ich. Mangelnde Integration innerhalb einer Gesellschaft beziehungsweise eine Schwächung ebenjener Bindung gilt hierfür als Basis.31 32 Demzufolge liegt ein nicht unerheblicher Teil der Ursache, die zum egoistischen Selbstmord führt, im Individualismus begründet. Dürkheim stellt sich die Frage, wie man sich diese Folgen erklären könnte und setzt sich mit der These, dass der Mensch „infolge seiner psychologischen Verfassung nicht existieren könne, wenn er sich nicht an etwas klammere“32, auseinander. Der Sinn des Lebens, oder besser gesagt ein Zweck den es zu erfüllen gilt, steht als Bollwerk dem Todestrieb entgegen. Teil der Gesellschaft zu sein ist zweifelsohne ein Hindernis sich der Sinnlosigkeit des eigenen Daseins gewahr zu werden.33 Doch mit dieser Perspektive gibt sich Durkheim nicht zufrieden. Er stellt es als paradox dar, dass sich Menschen an etwas klammern, um nicht an ihre Vergänglichkeit erinnert zu werden, wo doch jeder Sinn und Zweck dessen man sich hierzu bedient selbst vergänglich ist. Für ihn ist es ein sehr viel stichhaltigeres Argument, die Beobachtung beim Kinde und beim Greisen anzusetzen.34

Der Mensch stellt seiner Auffassung nach eine Verbindung aus einer physischen und der sozialen Komponente dar. Der soziale Mensch ist das Produkt des zivilisierten Menschen.35 Und hierin liegt sodann auch ein zentraler Punkt. Denn die Einstellung hinsichtlich des Lebens auf Seiten eines Kindes ist inkomparabel zu jener des erwachsenen Menschen. Denn, dieser hatte bereits Zugang zur erhabenen Welt und ist ohne jene dem Nichts ausgeliefert, so dass ihn jedweder Sinn und Mut verlässt, blickt er der gesellschaftlichen Isolation entgegen. Die Gesellschaft und das Individuum sind unmöglich getrennt voneinander zu betrachten. Die Kollektivkräfte, welche auf die soziale Komponente des Menschen einwirken, sind als gesellschaftsbegründender Selbstzweck lebenserhaltend und in diesem Sinne ein Hemmnis für die Umsetzung einer Selbsttötung. Wer Teil der Gesellschaft ist, kann daher, so Durkheims Auffassung, nicht den Drang zum Selbstmord entwickeln. Einzig eine Störung dieses Spannungsverhältnisses kann das Individuum zu einer fatalen Entscheidung treiben, welche einen egoistischen Akt darstellt.

Doch ist dieses nur ein Grundtyp des Suizids. Durkheim hat schließlich insgesamt vier elementare Arten der Selbsttötung herausgearbeitet. Wie steht es um jene?

- Dem egoistischen Selbstmord kann der altruistische Suizid gegenübergestellt werden. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hier um eine dazu konträre Motivation. Häufigste Verbreitung dieser Form findet sich in Gesellschaftsstruktu- ren, in denen das Individuum seine Bedürfnisse denen der Gemeinschaft unterzuordnen hat. Das beste Beispiel hierfür wäre laut Durkheim das Militär.
- Der anomische Selbstmord basiert auf der Annahme, dass sich das Individuum in einem Zustand der moralischen Verwirrung befindet. Ausgelöst durch einen Mangel gesellschaftlicher Orientierung in Verbindung mit sozialem, oder auch ökonomischen Wandel. Das Fehlen eines Gefühls für Sinn und Ordnung begünstigt diese Verfassung. Ohne eine gewisse wirtschaftliche Entwicklung kann sich der Betroffene auch nicht einer sozialen Solidarität gewahr sein. In letzter Konsequenz weiß er nicht mehr, wo sein Platz in der Gesellschaft ist. Es folgt die moralische Desorientierung, so dass der Betroffene nicht mehr die Grenze der eigenen Bedürfnisse erfassen kann und dadurch unter einer permanenten Enttäuschung leidet.36
- Ganz anders sieht die Sachlage beim fatalistischen Selbstmord aus. Ausgangspunkt ist ein gewisser Grad des Determinismus, oder besser gesagt, eine entsprechende Selbstwahrnehmung.37 Das Gefühl, alles sei vorherbestimmt und man hätte keinen Einfluss auf das eigene Geschick, löst eine Hoffnungslosigkeit aus, die das Individuum in einen Teufelskreis bestehend aus selbsterfüllenden Prophezeiungen und Bestätigungsfehlern treibt.38

All diesen Grundtypen liegen gesellschaftliche Integration und eine gewisse moralische Regulierung zugrunde. Befinden sich diese im Ungleichgewicht, so treten je nachdem entsprechende Muster auf, die die Entscheidung zum Selbstmord grundsätzlich begünstigen, wenn nicht gar dessen Ursache darstellen.

[...]


1 Seneca: Vom glückseligen Leben, Reclam Verlag, Stuttgart 2007, S. 83.

2 Anm.: So stellte Seneca hierzu fest: „Diejenigen, die hingerichtet werden, hängen nur an einem Pfahle; diejenigen aber, die sich selbst zur Strafe leben, hängen angespannt an so vielen Kreuzen, wie Leidenschaft in ihnen tobt [...]“ - Seneca: Vom glückseligen Leben, Reclam Verlag, Stuttgart 2007, S. 84.

3 In der Bibel gibt es zahlreiche Selbsttötung, die in ihrem Kontext eingebettet glorifiziert werden, so z.B.: Richter 16, 30; 2. Makkabäer 10, 12; 2. Makkabäer 14, 41; Matthäus 27, 5 (Judas).

4 Definition der WHO (1992), vgl. M. J. Kelleher et al.: Suizidales verhalten, in: Hanfried Heimchen, Fritz Henn, Hans Lauter, Norman Sartorius (Hrsg.): Erlebens- und Verhaltensstörungen, Abhängigkeit und Suizid, Springer Verlag, Berlin 2000, S. 228.

5 vgl. §211 Abs.2 StGB: „Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.“

6 Anm.: Hierzu näheres im folgenden Kapitel.

7 „Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der zu mir kommt, weil ich will. Und wann werde ich wollen? - Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben.“ - Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, DTV Verlag, München 2016, S. 94.

8 Héctor Wittwer: Der Tod - Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Reclam Verlag, Stuttgart 2014, S. 154ff.

9 „Viele sterben zu spät, und Einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre: »stirb zur rechten Zeit! «“ - Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, DTV-Verlag, München 2016, S. 93.

10 Anm.: Gemeint ist der Freitod

11 Jean Améry: Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 1976. Anm.: Hierzu an einem späteren Punkt mehr.

12 Anm.: Das lateinische Pendant Suizid scheint mir auch eine adäquate Bezeichnung zu sein, so dass ich auch diesen Begriff bisweilen in dieser Arbeit verwenden werde.

13 vgl. Hans Ulrich Wittchen/Jürgen Hoyer: Klinische Psychologie & Psychotherapie, Springer Verlag, Heidelberg 2011, S659.

14 Definition der WHO 1992 (ICD-10): „Eine Handlung mit nicht tödlichem Ausgang, bei der ein Mensch absichtlich ein ungewohntes Verhalten zeigt, bei dem er sich ohne das Eingreifen anderer Selbstschädigung zufügt oder vorsätzlich eine Substanz in höherer als der vorgeschriebenen Menge oder der allgemein als therapeutisch angesehenen Dosierung zu sich nimmt. Ziel dabei ist, die vom Ausführenden gewünschten Änderungen zu bewirken mit Hilfe der tatsächlichen oder erwarteten physischen Konsequenzen.“ - M. J. Kelleher et al.: Suizidales Verhalten, in: Hanfried Helmchen, Fritz Henn, Hans Lauter, Norman Sartorius (Hrsg.): Erlebens- und Verhaltensstörungen, Abhängigkeit und Suizid, Springer Verlag, Berlin 2000, S. 249.

15 ebd.

16 ebd.

17 ebd.

18 „Verschiedene Dysregulationen in der Aktivität von Transmittersystemen sind mit Angst in Zusammenhang gebracht worden. Dazu gehören Störungen in der Ausschüttung und/oder in der Rezeptorreaktivität von Serotonin, Noradrenalin, Dopamin und Gamma-Amino-Buttersäu- ren.“ - Hans Ulrich Wittchen/Jürgen Hoyer: Klinische Psychologie & Psychotherapie, Springer Verlag, Heidelberg 2011, S. 660.

19 „Familiäre Häufungen liegen für nahezu alle Angststörungen vor, wobei sowohl von genetischen als auch psychosozialen Transmissionsmechanismen ausgegangen wird.“ - ebd.

20 „Kognitiv-behaviorale Modelle der Angstentstehung beschreiben Angst als Resultat von Lernprozessen (Konditionierung, Beobachtungslernen).“ - Hans Ulrich Wittchen/Jürgen Hoyer: Klinische Psychologie & Psychotherapie, Springer Verlag, Heidelberg 2011, S.661.

21 ebd.

22 Anm.: Siehe hierzu Seite 16

23 „Aus klinischer und soziologischer Sicht spielt für die Einschätzung des Risikos der soziale Zusammenhalt und das Eingehen persönlicher Bindungen eine größere Rolle als die unterschiedliche Konfession der Kirche, die ein Mensch besucht.“ - M. J. Kelleher et al.: Suizidales Verhalten, in: Hanfried Helmchen, Fritz Henn, Hans Lauter, Norman Sartorius (Hrsg.): Erlebensund Verhaltensstörungen, Abhängigkeit und Suizid, Springer Verlag, Berlin 2000, S. 228.

24 Anm.: Kelleher sagt, dass „[d]ie stärkste Auswirkung einer offiziellen Verurteilung, sei sie religiös oder strafrechtlich begründet [...] die Morbidität und die Trauer der Hinterbliebenen zu steigern, das Ausmaß des Problems zu verschleiern und dadurch die Forschung auf diesem Gebiet sowie die Prävention zu erschweren“, ist. - ebd.

25 „Ein weiterer Faktor, der als Schutz bei Frauen angesehen wird, ist die Fähigkeit, mit Emotionen und Gefühlen besser umgehen und sie eher ertragen zu können als Männer. In Übereinstimmung mit der in unserem Kulturkreis vorherrschenden Auffassung, wird Männern häufig weniger bewusst als Frauen, wenn sie sich verzweifelt fühlen. Und selbst, wenn sie dies wahrnehmen, können sie es möglicherweise weder sich selbst eingestehen, noch anderen gegenüber äußern, was dann zu einem tödlichen Ausgang führen kann. Während diese Fähigkeit (oder Unfähigkeit) primär vielleicht physiologisch begründet ist, wird sie durch soziale Rollenvorstellungen verstärkt und aufrechterhalten, ebenso wie durch das daraus resultierende Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung.“ - M. J. Kelleher et al.: Suizidales Verhalten, in: Hanfried Helmchen, Fritz Henn, Hans Lauter, Norman Sartorius (Hrsg.): Erlebens- und Verhaltensstörungen, Abhängigkeit und Suizid, Springer Verlag, Berlin 2000, S. 234.

26 „Die WHO-Statistik von 1961 bis 1963 fand in 21 Staaten ausnahmslos ein Überwiegen der Selbstmorde bei Männern. Demgegenüber wird ebenso ein Überwiegen der Selbstmordversuche bei Frauen konstatiert.“ - Heinz Henseler: Narzißtische Krisen - Zur Psychodynamik des Selbstmord, Rowohlt Verlag, Hamburg 1974, S. 25.

27 „In den meisten westlichen Ländern macht die Suizidrate für Frauen etwa ein Drittel der für Männer aus.“ - M. J. Kelleher et al.: Suizidales Verhalten, in: Hanfried Helmchen, Fritz Henn, Hans Lauter, Norman Sartorius (Hrsg.): Erlebens- und Verhaltensstörungen, Abhängigkeit und Suizid, Springer Verlag, Berlin 2000, S. 233.

28 „Es gibt jedoch einige Länder, in denen die Rate für Frauen die Rate für Männer übersteigt; ein deutliches Beispiel dafür ist die Volksrepublik China, Ethnische und regionale Studien innerhalb verschiedener Länder zeigen weitere Ausnahmen.“ - ebd.

29 „Wenn die Gesellschaft stark integriert ist, hält sie ihre Mitglieder in Abhängigkeit, betrachtet sie als in ihrem Dienst stehend und läßt es infolgedessen nicht zu, daß sie über sich selbst nach Belieben verfügen. Sie widersetzt sich dem, daß sie sich durch den Tod ihren Pflichten ihr gegenüber entziehen.“ - Emile Durkheim: Der Selbstmord, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, S. 232.

30 vgl. Emile Durkheim: Der Selbstmord, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, S. 232.

31 „Aber diese Gründe sind nur sekundär. Exzessiver Individualismus bietet nicht nur ein günstiges Klima für das Entstehen von Ursachen, die den Selbstmord fördern, sondern ist in sich selbst eine solche Ursache. Er räumt nicht nur ein sehr nützliches Hindernis aus vor dem Wunsch, dem Leben ein Ende zu machen, sondern er formt diesen Wunsch aus tausend Bausteinchen und schafft so eine besondere Art des Selbstmordes mit eigener Prägung. [...] hierin liegt das Wesen dieses von uns herausgestellten Selbstmordtyps und auch die Berechtigung für seine Bezeichnung.“ - Emile Durkheim: Der Selbstmord, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, S. 232.

32 ebd.

33 „Das Dasein, sagt man, ist nur erträglich, wenn man einen Grund zu leben hat, wenn es ein Ziel gibt, für das zu leben lohnt. Das Individuum an sich gibt keinen hinreichenden Sinn für Leben und Handeln. Es ist zu gering. Es hat seine engen Grenzen nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. Wenn wir also keinen anderen Lebenszweck als uns selber haben drängt sich immer wieder die Vorstellung auf, daß alle unsere Wege schließlich ins Nichts führen müssen, da wir ja dahin zurückkehren.“ - Emile Durkheim: Der Selbstmord, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, S. 234.

34 „[...] obgleich ein Kind von Natur aus egoistisch ist und nicht das geringste Bedürfnis empfindet, in der Nachwelt fortzuleben, und obgleich der Greis in dieser wie in vielen Beziehungen dem Kinde ähnelt, werden beide sich stets ebenso sehr oder sogar noch mehr als der Erwachsene an die Existenz klammern.“ - Emile Durkheim: Der Selbstmord, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, S. 235.

35 vgl. Emile Durkheim: Der Selbstmord, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, S. 237.

36 vgl. Emile Durkheim: Der Selbstmord, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, S. 273ff.

37 Anm.: An dieser Stelle kommen diejenigen, die Douglas Adams' Anhalter gelesen haben, nicht drum herum, an Marvin den depressiven Roboter zu denken.

38 Anm.: Klassische Phänomene der Sozialpsychologie, die Durkheim zwar nicht anspricht, aber meines Erachtens zweifelsohne in diesen Zustand einfließen und ihn begünstigen.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die Selbsttötung in der Philosophie. Zwischen Selbstbestimmung und Legitimität
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V988139
ISBN (eBook)
9783346348241
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbsttötung, philosophie, zwischen, selbstbestimmung, legitimität
Arbeit zitieren
Timur Böse (Autor), 2020, Die Selbsttötung in der Philosophie. Zwischen Selbstbestimmung und Legitimität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/988139

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