Kafka - Heimkehr und Lukas-Evangelium - Gleichnis vom verlorenen Sohn


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

5 Seiten, Note: 13 Punkte


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Literarischer Vergleich zwischen Franz Kafkas “ Heimkehr “ und dem “ Gleichnis vom verlorenen Sohn “ aus dem Lukasevangelium

Material :

· Franz Kafka : “ Heimkehr “

Lukasevangelium 15, 11 ff. “ Gleichnis vom verlorenen Sohn “

Aufgabenstellung :

Interpretieren Sie Kafkas “ Heimkehr “. Vergleichen Sie die Erzählung mit dem Lukasevangelium.

Die Erzählung Franz Kafkas ist 1920 entstanden und wurde nach dem Tode Kafkas, entgegen seinem Willen, von Max Brod veröffentlicht. Kafka wählte in seiner “ Heimkehr “ ein besonderes Genre epischer Literatur, die Parabel. Er persönlich nutzte eine moderne Form der Parabel, um seine eigene Problembewältigung zu verschlüsseln und dem Vater unzugänglich zu machen. Die Parabel enthält keine direkte Verbindungsstelle zu dem zu erörternden Sachverhalt und ist damit eine vom Gegenstand abgelöste Erzählung. Sinn dieses Genres ist es, daß der Rezipient selbst die Verbindungsstelle und die Vielschichtigkeit der Problematik erkennt und versteht und auf die Bildebene der Erzählung überträgt.

Franz Kafka ist ein bedeutender Vertreter des Expressionismus, tendenziell aber eher der Strömung des Surrealismus zuzuschreiben. Im Expressionismus sollten nicht mehr die nuancierten Eindrücke der Außenwelt sondern vielmehr der künstlerische Ausdruck der eigenen Innenwelt verbildlicht werden. Auf die anfängliche Kriegsbegeisterung zu Beginn des 1. Weltkriegs folgte eine völlige Umorientierung des Bewußtseins der Bevölkerung. Sie litt psychisch unter der Kriegsschuldzuweisung und den überhöhten Reparationsforderungen durch den Versailler Vertrag und auch die wirtschaftliche Ungewißheit Deutschlands bedingt durch Ruhrbesetzung und Inflation trug nicht gerade zu einer positiven Grundstimmung dieses Zeitraumes dar. Ein nicht unwesentlicher Bestandteil des unsicheren Gefühls war, nach der friedlichen Abdankung des Kaisers, der den Deutschen völlig unbekannte Umgang mit der Wahrnehmung der neuen Demokratieform in Deutschland. Im Blickpunkt der Expressionisten steht die Darstellung ihrer Existenzängste im Bezug auf die Zukunft. Sie wollten ihre Realität verändern und die Wirklichkeit ihrem Ideal angleichen. In diesem Aktivismus wurden alte tradierte Formen aufgegeben. Die naturalistisch und impressionistisch geprägte Lyrik rückte immer mehr in den Vordergrund, denn angeblich wurde sie als literarische Kurzform am ehesten der Schnelllebigkeit dieses Zeitalters gerecht. Epische Großformen treten während dieser Zeit zurück und Erzählungen werden aus gleichem Grund bevorzugt verwendet. Berlin als kulturelles Zentrum Deutschlands war damit auch der Lebensraum der Expressionisten. Großstadt, Lärm, Hektik, Streß und Anonymität - alles Schlagworte dieser und anderer Großstädte in Deutschland. Deshalb war natürlich auch die Großstadt ein beliebtes Thema expressionistischer Literatur. Die Menschen sollten in ihrem neuen Lebensbereich in all ihrer Unerfahrenheit mit dem Moloch Stadt dargestellt werden.

Die Überschrift Kafkas Parabel evoziert beim Rezipienten ein positives Gefühl. Der Begriff der Heimkehr ruft bei mir sofort eine anheimelnde Stimmung hervor. Eine Heimkehr ist meines Erachtens immer ein Zeichen von Reife und Überlegung, von Rückbesinnung und Wertschätzung der Familie. Sie stellt einen festen Bezugspunkt oder auch Bezugsraum dar und beruht auf Gegenseitigkeit in allen Ebenen, auf Gleichberechtigung. Eine intakte Familie gibt Geborgenheit und Halt und ist ein wichtiger Bestandteil unserer Selbstwertschätzung. Doch diese eben beschriebene Geborgenheit wird in der “ Heimkehr “ Kafkas nicht dargelegt. Sie wandelt sich vielmehr ins Gegenteil, in Fremdheit, Abstoßung und Kälte. Die Suche nach dem Kontakt der Familie geht hier aber nur vom Erzähler aus.

Der Ich - Erzähler dieser Parabel kehrt voller Erwartungen zurück auf den Hof seiner Eltern. Doch unmittelbar nach seiner Ankunft wird ihm bewußt, daß sich seine hohen Erwartungen nicht erfüllen können. Seine anfängliche Aktivität wandelt sich zur Passivität, sein Handeln immer zögerlicher bis er letztlich vor der geschlossenen Küchentür des Elternhauses stehenbleibt und sich nicht traut, einzutreten. An dieser Stelle endet die Parabel. Meines Erachtens ergibt sich eine Vierteiligkeit des Erzähltextes. Der erste Abschnitt, bis zur Zeile 5, berichtet über die Ankunft des Erzählers und gibt einen Überblick über den alten Hof. Der folgende zweite Teil endet am Anfang der 11. Zeile und hier wird die Erwartungshaltung des Erzählers formuliert. Der dritte Textabschnitt, der bis zum Anfang der Zeile 16 geht, stellt die Situation des Ichs an der Küchentür dar und im Folgenden wird die anfängliche Heimkehr in eine Verfremdung umgekehrt. Die Struktur des Textes läßt sich demnach durch zwei verschiedene Möglichkeiten so darstellen : Die Vorfreude des Erzählers auf die Heimkehr wandelt sich kontinuierlich über die Erinnerungen an die alte Zeit, evoziert durch “ [e]in zerrissenes Tuch [ ... ] “ ( Zeile 3 f. ) und “ [a]ltes, unbrauchbares Gerät [ ... ] “ ( Zeile 2 ), in eine Verfremdung, eine Ankunft des Ichs im äußeren Sinne. Eine weitere Möglichkeit der Strukturierung wäre die, der Analysierung der Ebenen der Ankunft. Der Erzähler kommt hier in drei verschiedenen Ebenen an, daß heißt, er nimmt den Hof optisch war, stellt sich anschließend die Hauptfrage : “ Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause ? “ ( Zeile 6 f. ) und erhört dann die Situation an der Küchentür, vollzieht aber die Begegnung mit der Familie nicht. Der Handlungsverlauf dieser Parabel erfolgt linear - progressiv und nur kurz reflektierend, denn das Ich bewegt sich zielgerichtet auf die Küchentür zu.

Kafka wählt in der “ Heimkehr “ die Erzählperspektive des Ich - Erzählers, weil ausgedrückt werden soll ,daß der Erzähler selbst unmittelbar am Geschehen beteiligt ist und der Situation passiv gegenübersteht. Er äußert sich über seine eigenen Gefühle und Erfahrungen auktorial, gibt aber die sonstige Umgebung nur äußerlich wieder. Die Ich - Perspektive des Erzählers unterliegt in der Zeile 16 des Werkes auch einer formalen Verfremdung zum “ man “. Im inneren Monolog stellt der Erzähler im zweiten Abschnitt seine Fragen direkt an den Leser. Er fragt danach, wer ihn empfangen und wer hinter der verschlossenen Küchentür warten wird und versucht damit, eine Person, in diesem Fall den Rezipienten, die neutral ist, direkt in das Geschehen einzubinden, um seine Empfindungen bestätigt zu wissen, auch ohne, daß die Möglichkeit besteht, daß der Leser antworten kann. In diesen Fragen wird klar, wie sehr der Erzähler auf Grund seiner Unsicherheit nach Bestätigung sucht.

Zu Beginn von Kafkas “ Heimkehr “ erzählt der Ich - Erzähler in zeitdeckender Erzähltechnik, die aber gegen Ende immer stärker in die dehnende Darstellung übergeht. Auch an dieser Gegebenheit kann man die Fragen, das Zögern vor der Tür und die Reflexionen über die Kindheit und seine allgemeine Unsicherheit wieder bestätigen. Die Erzählung erfolgt in einer Art Bewußtseinsstrom. Deshalb ergibt sich für den Leser auch keine logische oder chronologische Abfolge der Beschreibung. Alle Einflüsse werden daher durch ihre Komplexität ungeordnet, spontan und emotional so wahrgenommen, wie der Heimkehrende sie aufnimmt. Trotz der Aneinanderreihung seiner rhetorischen Fragen löst sich das Ich nicht aus der grammatikalischen Form. Der Hof des Vaters und damit die frühere Heimat des Heimkehrenden, seine frühere Wirklichkeit, werden in der Parabel als Lebensraum dargestellt. Trotz dem kommt es zu einer Synthese mehrerer verschiedenartiger Räume. So bilden alle wahrgenommen Gegenstände, wie das alte Tuch, das alte ineinander verfahrene Gerät den Stimmungsraum des Erzählers. Sie versinnbildlichen seinen inneren Zustand, zeigen die Kälte und Unwirtlichkeit des Hofes auf. Der Heimkehrer hat keine Beziehung mehr zu seiner früheren Heimat. Ein weiteres Element der Raumgestaltung Kafkas ist das des Symbolraumes. Geht man von einer eher biographisch bezogenen Interpretation des Textes aus, so könnte man jene Kälte symbolisch in Zusammenhang mit der fehlenden Beziehung Kafkas zu seinem Vater stellen. Alle Elemente, die in dem komponierten Raum auftreten, daß heißt, “ [d]ie Pfütze in der Mitte [ ... ] “ ( Zeile 2 ) des Hofes, “ und [a]ltes, unbrauchbares Gerät [ ... ] “( Zeile 2 ) verstellen, rückblickend betrachtet, dem Erzähler den Weg, stellen sich nun als Hindernis heraus. Auch die lauernde Katze auf dem Geländer ( Zeile 3 ) ist ein Zeichen von Unwirtlichkeit und Nicht- Willkommenseins auf dem Hof. Das zerrissene Tuch ( Zeile 4 ) könnte man im weitesten Sinne auch als bestätigendes Symbol für die Fehlende Beziehung Kafkas zu seinem Vater sehen, dazu aber an späterer Stelle mehr. In Kontrast dazu setzt Kafka die wohnliche Küche der Familie. Da “ Rauch [ ... ] aus dem Schornstein [ kommt ] [ ... ] “ ( Zeile 6 ), wird gleichzeitig bestätigt, daß der Hof noch bewohnt ist. Meines Erachtens setzt Kafka hier bewußt die Funktion der Küche der damaligen Zeit ein, als zentralen Ort der Zusammenkunft, als Ort, an dem ein großer Teil des Familienlebens zelebriert wurde, wo am Abend Unterhaltungen stattfanden, es Abends immer warm war.

Über einzelne Personen der Familie erfährt man direkt im Text nichts. Die Familie wird eigentlich genaugenommen vom Erzähler nur durch den Vater personifiziert, der laut Zeile 10 ein “ alte[r] Landwirt [ ... ] “ ist oder war. Trotz dem wird der fehlende Bezug zur Familie des Heimkehrenden durch seine Verhaltensweisen deutlich. Der Erzähler selbst wird durch seine persönliche Passivität zureichend charakterisiert. Er ist als Sohn der Dreh - und Angelpunkt der Erzählung und führt sich sofort im ersten Satz seines inneren Monologs durch “ Ich bin zurückgekehrt [ ... ] “ ( Zeile 1 ) ein. Seine gesamten Gedanken kreisen darum, daß er einerseits in die Familie integriert werden möchte, andererseits die Begegnung mit dem Vater scheut. Hinter seinen Fragen “ Wer wird mich empfangen ? Wer wartet hinter der Tür der Küche ? “ ( Zeile 5 ) stecken noch weitere, die er nicht direkt artikuliert, die ihm dennoch Probleme und Ängste bereiten. Denn er weiß nicht, wie ihn der Vater begrüßen wird, welcher Verfassung er ist, ob er den Kontakt mit dem Erzähler überhaupt wünscht oder sofort abbricht. Sicherlich fragt er sich auch, ob sich gegenüber der früheren Zeit etwas verändert hat. Seine ohnehin große Unsicherheit wächst stetig. Der vermeintliche Entschluß des Sohnes, sich der Vergangenheit und dem Jetzt zu stellen schwindet. Die innere Anspannung steigt ständig und sein “ [ ... ] [I]ch bin sehr unsicher. “ ( Zeile 7 ) hindert ihn letztlich am Eintritt in die Küche, denn “ [j]e länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. “ ( Zeile 16 ). Der anfängliche Optimismus des Vorhabens mit der Wandlung in eine Starre drückt sich auch in anfänglichen Verben der Aktivität ( zurückkehren, durchschreiten, umblicken, ankommen ) und späteren Verben der Passivität ( warten, stehen, horchen, zögern ) aus. Dem Vater als Sinnbild für die Familie des Heimkehrers kommt hiermit die Stellung als Konfliktpotential zu. Der Ich - Erzähler fragt sich während seiner Ankunft nach seiner Bedeutung oder auch Position in der Familie, denn er will wissen : “ Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen [ ... ] “ ( Zeile 9 f. ). Sein fehlendes Selbstbewußtsein, die fehlende Bestätigung seiner Persönlichkeit werden wiederum daran deutlich, daß er seine Funktion in der Familie als sehr geringfügig und minderwertig schätzt. Formal betrachtet fallen bei dieser Interpretation dann auch die Adjektive und Adverbien der Erzählung auf, die die im Hof befindlichen Geräte und das Haus selbst beschreiben. Sie symbolisieren wiederum den Bewußtseinszustand in der Familie. Er stellt sich mit dem “ alten unbrauchbaren [ ineinander verfahrenem ] Gerät [ ... ] “ ( Zeile 2 f. ) auf eine Ebene. Er selbst schätzt sich als nutzlos ein und wertet sich zum Gerät ab, daß wenn es nicht funktionstüchtig ist, in einer dunklen Ecke abgestellt wird. Diesen Zusammenhang äußert er nicht so deutlich, meines Erachtens lassen sich diese Parallelen aber durchaus ziehen. Außerdem ist mir bei der Analyse des Erzählers aufgefallen, daß er ausschließlich passiv der Situation gegenüber steht. Selbst das “ Horchen “ von der Ferne führt ihn nicht zum eigentlichen Kontakt mit seiner Familie. Er befindet sich zwar im Raum Heimat, also auf dem Hof seines Vaters, ist aber bis zur Familie selbst nicht

vorgedrungen. Die trotz dem vorhandene Sehnsucht nach einer Begegnung spiegelt sich in der Reflexion über seine Kindheit wieder. Der Erzähler glaubt, “ [ ... ] einen leichten Uhrenschlag [ ... ] herüber aus den Kindertagen [ zu hören ] “ ( Zeile 13 f. ) sieht sich selber nicht in der Lage, hereinzutreten und wirklich zurückzukehren. Die Familie stellt für den Heimkehrer eine scheinbar unüberwindbare psychologische Barriere dar. Die geschlossene Tür, die den Eintritt ohne Probleme ermöglicht versinnbildlicht die räumliche Trennung. Er nimmt diese Möglichkeit durchzubrechen nicht wahr, da er “ [ ... ] das Geheimnis der [ in der Küche ] Sitzenden [ ... ] “ ( Zeile 13 ) fürchtet. Er wird sich seiner Lage bewußt, denn eigentlich ist auch er derjenige, der sein Geheimnis wahren und sich nicht öffnen will. Er stellt sich selbst die entscheidende Frage, die letztlich für den Rezipienten offen bleibt : “ Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will. “ ( Zeile 16 f. ). Auch hier kommt dem offenen Schluß wieder die Funktion zu, die Haltlosigkeit und Beziehungslosigkeit des Heimkehrers aufzuzeigen.

In diesem Sinne arbeitet Kafka auch im Bereich der Sprache und des Stiles. Mir ist aufgefallen, daß die Parabel zwischen dem Perfekt : “ Ich bin zurückgekehrt [ ... ] “ ( Zeile 1 ) in der Reflexion des Erzählers, dem Futur : “ Wer wird mich empfangen ? “ ( Zeile 5 ) für die Ängste, Befürchtungen und Zweifel des Heimkehrers und dem Konjunktiv : “ Wie wäre es, wenn [ ... ] “ ( Zeile 16 ) schwankt. Trotz dem dominiert in dieser Erzählung das Präsens, da ja das augenblickliche Geschehen erzählt wird. Besonders im dritten Abschnitt konzentriert sich Kafka auf die Verwendung des “ Horchens “ und wiederholt dies ständig als einzige Möglichkeit der einseitigen Kommunikation seitens des Sohnes. Letztlich fiel mir noch ein Paradoxon auf : “ Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich [ ... ] herüber aus den Kindertagen. “ ( Zeile 13 f. ).

Wie in der Interpretation schon erwähnt sehe ich der biographischen Interpretation dieser Parabel durchaus eine Begründung, denn meines Erachtens bestehen zwischen dem Autor der “ Heimkehr “ und dem Ich - Erzähler etliche Verknüpfungspunkte. Die Psyche des 1883 in Prag geborenen und schon 1924 in Wien an Kehlkopftuberkulose gestorbenen Franz Kafkas weist auch eine, sein ganzes Leben determinierende, Unsicherheit im Auftreten, Selbstzweifel, Minderwertigkeitsgefühle, sowie Schuld - und Angstgefühle auf. Der Grund dafür war der Erfolg seines Vaters und Kafka selber, der den hohen Ansprüchen seines Vaters nicht gerecht wurde und damit mehr und mehr geistig aus der Familie ausschied. Kafkas Kindheit war durch die fehlende Nähe zur Mutter, die ständig im Geschäft arbeitete und sein gestörtes Verhältnis zum Vater, das auch auf den unterschiedlichen Charakteren fußte, geprägt. Er fühlte sich zunehmend ausgeschlossen und mißverstanden und flüchtete, wo nur möglich vor der Autorität des Vaters. Kafka selbst war unfähig diese Entfremdung zu überwinden. Seine eigenen Versuche, zu heiraten scheiterten, denn er war psychisch nicht bereit, Beziehungen einzugehen.

Schließlich ist das Bild der Parabel ein geschlossenes. Sowohl die biographischen als auch die werkimmanenten Interpretationsansätze führen zu einem durchdringenden Verständnis von Kafkas “ Heimkehr “. Trotz dem sollte man auch den religiös - philosophischen Ansatz nicht außer Acht lassen, der sich im Folgenden auf ein biblisches Gleichnis vom verlorenen Sohn aus dem Lukasevangelium bezieht. Es ist auch Träger des Motivs eines heimkehrenden Sohnes. Dieser Sohn verläßt seinen Vater, nachdem der Vater ihm seinen zustehenden Erbteil ausgezahlt hat. Er geht in die weite Welt und führt dort ein überschwängliches Leben, gibt sein ganzes Geld aus. Reumütig kehrt er zurück nach Hause und will den Vater um Verzeihung bitten. Der Vater freut sich ausgesprochen über die Rückkehr des Sohnes. “ Er eilte ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. “ ( Zeile 14 f. ) und feierte ihm zu Ehren ein großen Fest. Der beim Vater gebliebene zweite Sohn kritisiert das Verhalten des Vaters, doch der sieht sein Handeln als Gottes Gnade, Vergebung Gottes allen Menschen gegenüber gerechtfertigt.

Anschließend möchte ich die beiden mir vorliegenden Texte in den wesentlichsten Punkten miteinander zu vergleichen.

In Kafkas “ Heimkehr “ wird im Text direkt kein Grund dafür angegeben, warum der Sohn die Familie verlassen hat. Diesen Grund kann man deshalb, im Gegensatz zum biblischen Gleichnis nur vermuten. Außerdem wird im Text Kafkas auch keine Angabe darüber gemacht, wie lange die Reise des Sohnes dauerte. Der Sohn des Vaters wird im Lukasevangelium mit Rührung empfangen. Herzlichkeit und Freude dominieren. Im Kafkatext hingegen kommt es nur scheinbar zu einer Heimkehr im wörtlichen Sinne, als vielmehr zu einer Ankunft im Hause ohne den eigentlichen Empfang durch die Familie. Ein weiterer Unterschied beider Texte liegt darin, daß Kafka für seine Parabel ein offenes Ende gewählt hat. Außerdem tritt im Text Kafkas keine Vaterfigur in Erscheinung. Seine Existenz ist textlich nicht einmal begründet, denn der könnte auch gar nicht der eigene sein. Es wäre denkbar, daß der Ich - Erzähler so sehr von seinem Heimkehrwunsch bestimmt ist, daß er meint, der im Text benannte Hof sei seine alte Heimat. Auch fehlt in der “ Heimkehr “ , im Gegensatz zum “ Gleichnis vom verloren Sohn “, der Bezug zu einer Gottheit, denn weil der Vaterkontakt ausbleibt, kann auch keine Person im Sinne eines Gottes verzeihen. Der im Lukasevangelium dargestellte gesamte Heimkehrprozess steht im Gegensatz zu dem Ausschnitt aus der Heimkehr des Sohnes im Text Kafkas. Auch denke ich, daß die Symbolhaftigkeit des Raumes nur bei Kafka so stark ausgeprägt ist und im Lukasevangelium eher eine untergeordnete Rolle spielt und damit auch vernachlässigt wird. Das Lukasevangelium, erzählend in der dritten Person, wirkt gegenüber dem inneren Monolog des Kafkatextes eher sachlich und neutral. Dies ist auch mit der unmittelbar betroffenen Situation des Erzählers in der “ Heimkehr “ und der emotionalen Erzählhaltung deutlich wahrnehmbar. Selbst die Zeitgestaltung beider Werke ist unterschiedlich angelegt. Im Lukasevangelium, zeitraffend, aussparend und chronologisch angelegt, arbeitet Kafka mit einem zeitdeckenden später zeitdehnenden Erzählstil, um die Situation genau zu beschreiben. Der Sohn Kafkas Text ist auch psychologisch wesentlich komplexer angelegt als der heimkehrende Sohn im Lukasevangelium. Letztendlich wird im “ Gleichnis vom verlorenen Sohn “ eine göttliche Lehre gezogen. Im Kafka bleibt das Resümee in dieser Form aus. Die Offenheit der Anlage sorgt dafür, daß der Rezipient zum eigenen Nachdenken angeregt wird.

Abschließend möchte ich formulieren, daß die Zahl der Unterschiede zwischen beiden Texten wesentlich überwiegt. Den Grund dafür stellt sicherlich auch der Zweck oder die Zielstellung beider Texte. Einerseits eine einfache Darstellung einer biblischen Begebenheit in Form eines Lehrtextes, der für jeden verständlich sein muß und im Kontrast dazu der Text Kafkas, der ohne Zweifel künstlerischen Anspruch erhebt, als Selbstanalyse gedacht, vielmehr zum eigenen Nachdenken und Sinnen über Beziehungsprobleme in der Familie, richtungsweisend aber auch zur Erörterung anderer Beziehungen gedacht ist. Trotz dem meine ich, daß die Vermutung nahe liegt, daß Kafka sich bevor er seine Parabel schrieb mit dem biblischen Gleichnis auseinandergesetzt hat.

5 von 5 Seiten

Details

Titel
Kafka - Heimkehr und Lukas-Evangelium - Gleichnis vom verlorenen Sohn
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2000
Seiten
5
Katalognummer
V98829
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Heimkehr, Lukas-Evangelium, Gleichnis, Sohn
Arbeit zitieren
Alexander Keil (Autor), 2000, Kafka - Heimkehr und Lukas-Evangelium - Gleichnis vom verlorenen Sohn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98829

Kommentare

  • Gast am 30.5.2001

    OK.

    Bischen zu viele Fachbegriffe, wolltest dich wohl klug ausdrücken, was? Ansonsten ganz ok!

  • Gast am 11.12.2003

    Hey!Mir hat das Ganze echt super geholfen,ist genau das was ich gesucht hatte!!DANKE!!

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Titel: Kafka - Heimkehr und Lukas-Evangelium - Gleichnis vom verlorenen Sohn



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