Wem im deutschsprachigen Raum meiner Ansicht nach der Nobelpreis für Literatur gebühre.


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

4 Seiten


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Samuel Nilströmer

Wem im deutschsprachigen Raum meiner Ansicht nach der Nobelpreis für Literatur gebühre?

Einleitung

Im deutschsprachigen Raum leben bekanntlich zwischen 90-100 Millionen Menschen, unter denen sich viele Schriftsteller befinden - einige alt und anerkannt - einige jung und aufwärtsstrebend. Einen Überblick über diesen gigantischen Sprachraum zu haben ist fast unmöglich besonders für jemand der sich außerhalb des Raumes befindet und zudem wenig Zeit hat, der literarischen Entwicklung in deutscher Sprache nachzugehen.

Beeinflusst von der Lektüre dieses Semesters wähle ich jemand als meinen Kandidaten, der für den Nobelpreis gar nicht in Frage kommen kann.. Disqualifiziert ist er, weil er teils nicht mehr lebt, teils viel zu wenig geschrieben hat. Er heisst Wolfgang Borchert.

Im Nachwort zur kleinen Rohwoltausgabe mit Werken von Borchert schreibt Heinrich Böll von Borcherts Erzählung "Das Brot": "Sie lässt uns ahnen, wozu Borchert fähig gewesen wäre..." (S. 137)

Im folgenden werde ich den Versuch wagen zusammenzufassen, warum Borchert auf mich einen so großen Eindruck gemacht hat.

Borcherts Leben

Wolfgang Borchert wurde 1921 in Hamburg geboren.Nach der Schule wurde Borchert Lehrling in einer Buchhandlung in seiner Heimatstadt, wurde Schauspieler in Lüneburg aber 1941 befindet er sich schon an der Ostfront. Als nur zwanzigjährig durchschaute er den Sinn des Nationalsozialismus und wagte es auch in Briefen, diesen staatsgefährdenden Ansichten Luft zu geben, was zu mehreren Monaten im Nürnberger Gefängnis führte, wo Borchert auf die Vollstreckung der Todesstrafe warten musste, eine Strafe, die in "Frontbewährung" verwandelt wurde. An der Front wegen seiner schweren Krankheit untauglich erklärt, wurde er "nach Hause" zurückgeschickt und noch waren ihm einige Jahre vergönnt, in denen er im Wettkampf mit Krankheit und Tod als Regieassistent und Kabarettist gearbeitet hat aber gleichzeitig Erzählungen und Gedichte geschrieben hat. Erneut musste er wegen seiner mangelnden Vorsicht oder besser wegen seines brennenden Pathos der Gerechtigkeit eine Stimme zu geben Zeit im Gefängnis verbringen und die zwei Jahre die Borchert dann in der "Trümmerstadt" Hamburg erleben durfte, waren viel zu kurz. Er starb am 20.11.1947 in der Scheiz während eines von Freunden bezahlten Kuraufenthalts, der ihm also nicht mehr helfen konnte.

Borcherts Werke

Borcherts künstlerisches Schaffen wurde aus eben erwähnten Gründen kurz und soviel ich weiß besteht sein Gesamtwerk aus dem was in zwei Bänden zusammengefasst ist, nämlich "Das Gesamtwerk" mit einem Nachwort von Bernhard Meyer-Marwitz (Rowohlt) und "Die traurigen Geranien" (Rowohlt).

In meinem Besitz befindet sich seit 1962 das Bändchen "Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen" (Rowohlt) und wenn man sich da das Inhaltsverzeichnis ansieht, geben schon die Titel einen Anhaltspunkt, in welcher Richtung sich Borcherts Gedanken bewegen. "Draußen vor der Tür", "Stimmen sind da in der Luft - in der Nacht", "Mein bleicher Bruder", "Nachts schlafen die Ratten schon", "Die lange lange Straße lang", "Die Hundeblume", "Schischyphus", "Die drei dunklen Könige" und "Generation ohne Abschied".

Bewußt habe ich hier einige Titel wie z. B. "Die Küchenuhr" weggelassen, die meines Erachtens so zu sagen neutral sind und keine besonders geladenen Wörter in dem Titel haben. Näher erklärt sehe ich es wie folgt: Draußen vor der Tür drückt Entfremdung aus, jemand befindet sich vor der Tür im Dunkeln, in der Kälte, wo die nächtlichen Stimmen schauerlich klingen. Da erscheint der bleiche Bruder - ist er schon tot oder nur schwer krank? Die sind die Straßen endlos lang und die Ratten kommen aus ihren Höhlen gelaufen, um sich sattzufressen - vielleicht an den Leichen, die herumliegen. Schischyphusch - Sisyphus - führt noch seine sich immer wiederholenden Arbeitsaufgabe durch, die Könige sind dunkel und die Generation ist ohne Abschied - vielleicht weil sie von niemandem Abschieb nehmen will oder vielleicht ist sie sogar die ganz letzte.

Untergangsstimmung in Borcherts Werken

Eines seiner größten Werke ist das Theaterstück "Draußen vor der Tür", wo diese düstere Stimmung ganz deutlich ist. Beckmann, der Kriegsheimkehrer, will sich ertränken, muss aber weiterleben, um Erfahrungen zu sammeln. Er begegnet einem totgeglaubten Mann aus dem Krieg, für dessen Tod Beckmann verantwortlich war. Beckmann will dem Oberst seine Verantwortung geben, wird aber von diesem ausgelacht und an das Kabarett verwiesen, wo man aber nichts von ihm wissen will, weil man nur für "heitere Kunst" Interesse hat und nicht für die Realität. Im Elternhaus erfährt Beckmann, dass seine Eltern Selbstmord begangen haben und er beendet sein Leben mit der verzweifelten Frage, ob es eine Antwort auf dieses sinnlose Grauen gäbe in einer Welt, wo der Tod der neue Gott ist.

Meiner Meinung nach sind Borcherts Kurzgeschichten das Beste was er geschrieben hat. Er vermag es, in wenigen Zeilen die Härte des Krieges zu schildern, wo ganz zufällig einer weiterleben darf während ein anderer stirbt. Als gutes Beispiel dient hier eine seiner "Lesebuchgeschichten":

Zwei Männer sprachen miteinander.

Freiwilliger?

'türlich.

Wie alt?

Achtzehn. Und du? Ich auch.

Die beiden Männer gingen auseinander.

Es waren zwei Soldaten.

Da fiel der eine um. Er war tot.

Es war Krieg. (S. 93)

Diese Stimmung von Not, Tod und Hoffnungslosigkeit prägt auch eine Geschichte wie "An diesem Dienstag".

Hier passiert alles an einem Dienstag und zwar auf zwei Ebenen gleichzeitig: zu Hause, wo das Leben ziemlich normal weitergeht, obwohl ein Wort wie Krieg für Schreibübungen in der Schule genutzt wird und an der Front, wo die Soldaten leiden und sterben. Zu Hause bekommt die Frau den Brief mit der Auskunft, dass ihr Mann befördert worden ist. Sie geht in die Oper, um diese fröhliche Nachricht zu feiern und gleichzeitig stirbt ihr Mann im Lazarett an der Ostfront. Die Geschichte beginnt in der Schule und endet auch mit Schularbeit.

"An diesem Dienstag saß Ulla abends und malte in ihr Schreibheft mit großen Buchstaben: IM KRIEG SIND ALLE VÄTER SOLDAT. Zehnmal schrieb sie das. Mit großen Buchstaben. Und Krieg mit

G. Wie Grube." (S. 67)

Schimmer der Hoffnung

Obwohl alles in so dunklen Farben geschildert wird, gibt es trotzdem hier und da Schimmer von Hoffnung. So findet in der Geschichte "An diesem Dienstag" die Krankenschwester Trost und Kraft in ihrem Glauben an Gott "Ohne Gott hält man das gar nicht durch." (S. 67) In der Geschichte "Die Hundeblume" gelingt es dem Häftling unter Todesgefahr, eine Hundeblume d.h. einen Löwenzahn zu pflücken und diese einzige Blume flößt ihm stille Freude und erlösende Kraft ein. Die letzte Geschichte im Büchlein heißt "Das ist unser Manifest" und das Manifest ist eben die Liebe. Wolfgang Borchert lässt die Geschichte mit etwas, was einer Glaubensbekenntnis ähnlich ist, ausklingen, ja, mit einer Aufzählung von allem, was liebenswert ist. "Wir wollen die Steine in den Städten lieben, unsere Steine, die die Sonne noch wärmt, wieder wärmt nach der Schlacht - ...

Und die Hütten aus Pappe und Holz, in denen die Menschen noch essen, unsere Menschen, und noch schlafen. Und manchmal noch singen. Und manchmal und manchmal noch lachen - Denn das ist Deutschland. Und das wollen wir lieben, wir, mit verrostetem Helm und verlorenen Herzen hier auf der Welt.

Doch, doch: Wir wollen in dieser wahn-witzigen Welt noch wieder, immer wieder lieben!" (S. 134)

Zusammenfassung

In Borcherts Werken sind die dunklen Farben vorherrschend, was sehr verständlich ist, wenn man an die Zeit des zweiten Weltkriges und Deutschland denkt. Dies wird aber noch dadurch verstärkt, dass Borchert darüber im Klaren war, was für Treibkräfte der Krieg hatte, insbesondere der Nationalsozialismus mit seiner Verachtung für Minoritäten wie Zigeuner und Juden aber auch das Bestreben nach einem Großdeutschland, dass nur durch Niederkämpfung anderer Völker zustande kommen konnte. Bewundernswert ist, wie Borchert nicht davor gescheut hat, sich mehrmals gegen das Regime zu äußern, obwohl ihm natürlich klar war, was für Folgen eine solche Stellungnahme hatte.

Als unermüdlicher Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit war er bewundernswert aber dazu kommt, dass er meiner Meinung nach als Dichter Hervorragendes geleistet hat. Von höllenschwarzen Schilderungen bis zu Augenblicken, in denen sich trotz aller Widerwärtigkeit vorsichtige Zukunftshoffnung ahnen lässt, bewegt sich sein Werken und mit Böll können wir uns fragen: Wozu wäre wohl Borchert fähig gewesen, wenn Am 20.11.1947 starb Wolfgang Borchert und am folgenden Tag, am 21.11.1947, wurde sein Theaterstück "Draußen vor der Tür" in Hamburg, Borcherts Heimatstadt, uraufgeführt.

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Details

Titel
Wem im deutschsprachigen Raum meiner Ansicht nach der Nobelpreis für Literatur gebühre.
Autor
Jahr
2000
Seiten
4
Katalognummer
V98830
Dateigröße
347 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Raum, Ansicht, Nobelpreis, Literatur
Arbeit zitieren
Samuel Nilströmer (Autor), 2000, Wem im deutschsprachigen Raum meiner Ansicht nach der Nobelpreis für Literatur gebühre., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98830

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