Peep-Show für Voyeure: Ingeborg Bachmann, missbrauchte Dichterin


Ausarbeitung, 2000

7 Seiten


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Armin König

Peep-Show für Voyeure: Ingeborg Bachmann, missbrauchte Dichterin

Zur Veröffentlichung des Nachlass-Bands „Ich weiß keine bessere Welt“

„Ist denn ein Mensch nichts unter Brüdern wert ?“ Mit dieser Zeile beginnt der Band der Nachlassgedichte, den Isolde Moser, Heinz Bachmann und Christian Moser unter dem Titel „Ich weiß keine bessere Welt“ im Piper- Verlag veröffentlicht haben. Ob die HerausgeberInnen die Doppelbödigkeit selbst erkannt haben ? Setzen sie doch die eigene Schwester ohne Rück- sicht auf Verluste voyeuristischer Betrachtung aus. Die Betroffene selbst kann sich nicht wehren und wird Opfer einer sicher gut gemeinten, aber doch mit dem Ruch des Skandalösen behafteten Publikation.

Der Klappentext rechtfertigt einen Gedichtband, die zu Recht höchst umstritten ist.

„Fast dreißig Jahre nach ihrem Tod steht der Entschluss ihrer Geschwister, die Archive zu öffnen und auch die nachgelassenen, nicht selten Entwurf gebliebenen Gedichte zugänglich zu machen. Erstmals erhalten wir Einblick in Ingeborg Bachmanns Arbeitsweise, lesen Gedichtvarianten und Versuche und begegnen gänzlich Unbekanntem. Immer ringt Ingeborg Bachmann darin um eine neue Sprache, erspürt sensibel und leidenschaftlich ungehörte Zwischentöne, erkundet mit neuen Worten Krankheit, Einsamkeit und das Ende der Liebe. Ich weiß keine bessere Welt“ vervollständig das lyrische Werk einer der größtem Dichterinnen der europäischen Moderne auf beklemmende Weise.“

„Skandal“, urteilte Peter Hamm in der „Zeit“, der von einem „elenden Etikettenschwindel“ spricht:

Ingeborg Bachmann blieb das Unglück treu, noch über ihren schrecklichen Tod hinaus. Für gewöhnlich kommt posthumes Künstlerunglück in der Gestalt der Künstlerwitwe da- her, seltener in der des Künstlerinnenwitwers (auch den gibt es, man denke nur an das, was Ted Hughes mit Sylvia Plath' Tagebüchern angestellt hat). Bei Ingeborg Bachmann, die weder einen Witwer noch Kinder hinterließ, wirkt das Unglück in der Form der Fami- lie, sprich: ihren beiden Geschwistern, an die ihr Nachlass fiel. Man kennt seit Karl Kraus die Doppelbedeutung des Wortes Familienbande.Während Ingeborg Bachmanns Bruder Heinz als weltgewandter Ölmanager aber meist diskret im Hintergrund bleibt, hat die Schwester Isolde Moser im Kärntner Gailtal sich des Werks Ingeborg Bachmanns voll bemächtigt und spielt sich als dessen Hüter auf.

„Es ist dieselbe Isolde Moser, die jahrelang unter Berufung auf den Persönlichkeitsschutz jede ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Werk behinderte (als Autor eines Inge- borg-Bachmann-Films weiß ich, wovon ich rede) und 1983 allen Ernstes verfügte, dass in den großen Bachmann-Bildband des Piper-Verlags kein Foto von Max Frisch aufgenom- men werden durfte, die dann aber 1991 die unsäglich pubertären Briefe an Felician,die Ingeborg Bachmann als 19-Jähriger unterlaufen waren, an die Öffentlichkeit zerrte und die jetzt mit der Herausgabe dieses Bandes ebenjenen Voyeurismus bedient, vor dem sie ihre Schwester angeblich stets bewahren wollte. Nein, in ihr verbirgt sich wahrlich kein Max Brod, der das Wohl der Menschheit, der ohne ihn Kafkas Werk fehlen würde, höher bewertete als den letzten Willen des Dichterfreundes, hier ist lediglich eine Wichtigtuerin am Werk, die wohl nur ein einziges Motiv umtreibt: Rachsucht. Nochmals Rache an Max Frisch, der n der Familieimmer schon alsBachmann-Mördergebrandmarkt wurde - als ob ein einziger Mensch Ursache einer solchen Verwundung zum Tode sein könnte! -, Ra- che aber vielleicht auch an der Schwester selbst und der Kunstüberlegenheit, mit der sie ihre großen Gedichte -Erklär mir Liebe, An die Sonne, Exil- ebenjenem Lebensschlamm abtrotzte, in den Isolde Moser sie jetzt mit dieser Publikation zurückstößt.

Warum haben die Geschwister dieses Buch auf den Markt geworfen ? Um Ingeborg Bachmann zu schaden ? Ganz im Gegenteil. Nützen wollen sie ihr und ihrem Image.

Ihre Rechtfertig klingt durchaus schlüssig.

„Bei Durchsicht des Nachlasses, auf der Suche nach ein paar bestimmten Blättern, fielen uns die unveröffentlichten, gesperrten Gedichte unserer Schwester in die Hand. Das Wiederlesen nach fast drei Jahrzehnten war für uns faszinierend, berührend und so beeindrucken, dass der Gedanke aufkam, diese Texte nicht länger unter Verschluss zu halten, sondern auch den Leserinnen und Lesern von Ingeborg Bachmann zugänglich zu ma- chen.“

Also auch noch ein Dienst an den Rezipienten und eine Chance für die Literaturwissenschaft, neue Erkenntnisse zu gewinnen ?

Das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint.

Immerhin handelt es sich um Texte, die bis weit ins neue Jahrtausend im „Giftschrank“ bleiben sollten, wenn sie überhaupt je abgedruckt werden sollten.

Die HerausgeberInnen haben dieses Problem durchaus erkannt und formuliert.

„Die Gedichte und Entwürfe waren von unserer Schwester nicht zur Veröffentlichung vorgesehen, aber sie hat sie aufbewahrt und nicht wie andere Texte und Briefe vernichtet.“

Wer sich in Dichterwerkstätten auskennt, weiß, dass Autorinnen und Auto- ren nicht selten Material aufbewahren, um später - überarbeitet ! - wie- der zu verwenden. Doch zu glauben, dieses unfertige Material sollte selbst irgendwann als Originaltext veröffentlich werden, erscheint abenteuerlich.

Im Fall Ingeborg Bachmanns hätten die Geschwister solche Einwände erst recht berücksichtigen müssen.

„Ist denn ein Mensch nichts unter Brüdern wert ?“ heißt es im ersten Text des Bandes.

Es geht hier gewiss nicht um die Silberlinge, die die Vermarktung der mythifizierten Schwester einbringt.

Wissenschaftlich gesehen ist diese Publikation höchst unbefriedigend. Editorische Mindestanforderungen werden sträflich missachtet.

Ernst Osterkamp („Wer ein Messer im Rücken hat, dem fällt keine gepfef- ferte Metapher ein“) kritisiert dies heftig: „Die editorische Betreuung des Bandes ist beklagenswert. Die Leser haben 27 Jahre auf diese Gedichte gewartet, und nun werden sie plötzlich herausgeramscht, als hätten die Leser nicht auch noch ein 28. Jahr warten können, wenn ihnen dafür eine sorgfältige Ausgabe geboten worden wäre. Was hier Edition heißt, sagt das knappe Vorwort: „Die Texte wurden lesbar gemacht, ohne einer text- kritischen Edition vorgreifen zu wollen“. Abgedruckt werden als Transkrip- tionen der Handschriften beziehungsweise Typoskripte der Dichterin, wo- bei in den Manuskripten enthaltene Korrekturen und Varianten in den An- merkungen dokumentiert werden. Da die Handschrift schwer lesbar ist und an manchen Stellen nicht entziffert werden konnte, wurden die Hand- schriften der Gedichte faksimiliert, nicht aber die Typoskripte, obgleich auch sie handschriftliche Korrekturen enthalten.“

Doch das sind nicht die einzigen Schwachpunkte.

Einer fällt schon beim ersten Lesen auf: Welche Kriterien gelten für die die gewählte Reihenfolge der Texte ? Ist die Textanordnung schlüssig ? Nach Datum ? Nach Themen ? Oder ist alles Willkür ?

Wo doch die Herausgeber schreiben, dass eine genaue chronologische Zuordnung nicht möglich sei - was nur zum Teil stimmt.

Also doch: Willkür.

Es ist die Willkür literarischer Laien, die vielleicht doch ein Motiv hatten. Dazu ist es notwendig, auf die Umstände einzugehen, unter denen die Texte entstanden.

Ingeborg Bachmann hat sich nach der Trennung von Max Frisch geschrie- ben, die eine tiefe Lebenskrise bei ihr auslöste - mit existenziellen Prob- lemen.

Der Verlag hat schon Recht, wenn er im Klappentext schreibt:, diese Sammlung „vollvollstänidgt das lyrische Werk einer der größten Dichterinnen der europäischen Moderne auf beklemmende Weise.“

Wie wahr.

Beklemmend sind viele dieser unfertigen Produktionen, weil sie auf exhibitionistische Weise Seelenzustände eines lyrischen Ichs beschreiben, die die Autorin selbst so gar nicht veröffentlichen wollte.

Man mag darüber streiten, ob dies bei einer Person der Zeitgeschichte legitim ist oder nicht. Es ist nun geschehen, und die Autorin konnte sich nicht wehren.

„Ist denn ein Mensch nichts unter Brüdern wert ?“

Die Wunde, die Schmach, die Tränen, die Litanei - eine einzige Klage, den Lesern offenbart im Text „Die Zelle“.

Jedes Gefühl in mir

Haben sie ausgeräuchert, ich wie´nicht was warm oder kalt

oder blau

ist. Ich hör einen einzigen hohen Ton, auch wenn die Musik nicht angeht, Ich sehe tränengrau, wo die

anderen Farben [--]

Ich denke nichts, solang

will ich nichts denken, bis

die Schmach weggenommen getilgt ist

bis die Beschimpfungen genommen sind von mir.

Eine Frau leidet und kommt nicht los davon, nicht von erfahrenem Unrecht, von Schmerzen und Ängsten.

Man hätte mit mir, mit

Jeder meiner Zellen

eine Himmelfahrt machen können. Das Messopfer auf meinen Wunden auf meiner Brust die

Litanei der Bitten

und Vergebung ist noch nicht dargebracht.

Ich sage Euch, und nicht durch Blumen dass

die Litanei fehlt und

daß ich warte auf den

Kniefall und die Gerechtigkeit Und daß ein Freispruch Nur von mir kommen kann.

Ist nicht doch diese unselige Liebesgeschichte mit Max Frisch und die von Kritikern beschworene „Rachsucht“ der Schwester die entscheidende Rolle für diese Publikation ?

Ingeborg Bachmann hat die Trennung und die folgende Katastrophe auf ihre Art literarische verarbeitet, wenngleich dies ebenso katastrophale Auswirkungen auf ihren Stil hatte. In einem solche Zustand darf man zwar Gedichte schreiben, aber veröffentlichen sollte man sie tunlichst nicht.

Schon Literatur-Novizen erfahren schnell an den Reaktionen, dass lyrische Krisenverarbeitung zwar psychologisch hilfreich sein kann, poetisch aber meist unbrauchbar ist.

Zugegeben: voyeuristische Neigungen werden befriedigt:

Nach vielen Jahren

nach viel erfahrenem Unrecht,

beispiellosem Verbrechen rundum, und Unrecht, vor dem nach Recht# schreien sinnlos wird.

Nach vielen Jahren erst, alles gewußt, alles erfahren,

alles bekannt, geordnet, gebucht, jetzt erst geh ich da, lieg ich da, von Stromstößen geschüttelt, zitternd über das ganze Segeltuch

ganz Haut, nach keinen Ermessen,

in meinem Zelt Einsamkeit,

heimgesucht von jeder Nadelspitze,

jeder Würgspur, jedem Druckmal,

ganz ein Körper, auf dem die Geschichte

und nicht die eigne, ausgetragen wird,

mit zerrauftem Haar und Schreien, die

am Bellevue die Polizei dem Krankenwagen

übergibt, auf Tragbahren geschnallt, im Regen, von Spritzen betäubt, von Spritzen

ins Wachen geholt, ins begreifen, was doch niemand begreift.

Wie soll einer allein soviel erleiden können,

soviele Deportationen, soviel Staub, sooft hinabgestoßen sooft gehäutet, lebendig verbrannt, sooft

geschunden, erschossen, vergast, wie soll einer sich hinhalten in eine Raserei

die ihm fremd ist und der heult über eine erschlagene Fliege.

Soll ich aufhören, da zu sein, damit dies aufhört. Soll ich die Qual mir abkürzen, mit 50 Nembutal, soll ich, da ich niemand in die Hände falle, aus allen Händen fallen, die morden

Dass das lyrische Werk Ingeborg Bachmanns mit diesen Texten „auf beklemmende Weise“ vervollständigt wird, meint der Verlag. Wie geht ein Leser, der die „Anrufung des großen Bären“, „Die gestundete Zeit“ oder das Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ schätzen gelernt hat, mit solchen verstörenden Versen um ?

Peter Hamm urteilt gnadenlos:

„Was wir vor uns haben, ist ein Konvolut aus Gestammel und Geheul, aus Hilfe- und Ra- cherufen, Wahn- und Todesfantasien, kurz: der ungereinigte Lebensschlamm, der zwar von jeher den Urgrund der Poesie bildet, aus dem Ingeborg Bachmann sich aber in den Jahren 1962 bis 1964 - also im unmittelbaren Banne ihrer schlimmsten Lebenskatastro- phe, die mit dem Ende ihrer Beziehung zu Max Frisch über sie hereingebrochen war - nie so weit lösen konnte, dass sie dabei zu jener Distanz gefunden hätte, ohne welche die

Arbeit am Gedicht nicht glücken kann. Im Abgrund des Unglücks schreibt man so wenig ein Gedicht wie auf dem Gipfel des Glücks.

Zu besichtigen ist hier also nur ein enormes Elends- und Erregungspotenzial alsMaterial für Gedichte,die Ingeborg Bachmann später freilich nie geschrieben hat noch schreiben wollte.“

Ernst Osterkamp empfiehlt Gelassenheit - und eine Konzentration auf die Werke, die Ingeborg Bachmann autorisiert hat.

„Ich weiß keine bessere Welt“ ist eine überflüssige Publikation, die editorisch unzulänglich, biografisch unzureichend erläutert und literarisch unbefriedigend ist.

Literatur:

Bachmann, Ingeborg: Ich weiß keine bessere Welt. Unveröffentlichte Gedichte. München 2000.

Baumgart, Reinhard und Hamm, Peter: Ingeborg Bachmann. Eine ZEITKontroverse. In: Die Zeit. 41/2000.

Moser, Isolde und Bachmann, Heinz: Vorwort. In: Bachmann, Ingeborg: Ich weiß keine bessere Welt.

Osterkamp, Ernst: Wer ein Messer im Rücken hat, dem fällt keine gepfefferte Metapher ein . In jeder gesperrten Hinterlassenschaft wittert die Lesergemeinde ein furchtbares Geheimnis: Gedichte aus dem Nachlass von Ingeborg Bachmann. In Frankfurter Allgemeine Zeitung. Literaturbeilage vom 12. Dezember 2000, Seite L14.

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Peep-Show für Voyeure: Ingeborg Bachmann, missbrauchte Dichterin
Autor
Jahr
2000
Seiten
7
Katalognummer
V98831
Dateigröße
374 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ingeborg Bachmann, Lyrik, Nachlass
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Armin König (Autor), 2000, Peep-Show für Voyeure: Ingeborg Bachmann, missbrauchte Dichterin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98831

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