Trauer erleben bei Kindern und Jugendlichen

Möglichkeiten der Unterstützung durch Lehrkräfte an Schulen


Bachelorarbeit, 2018

31 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Trauerbegriff
2.1 Definition von Trauer
2.2 Entwicklung des gesellschaftlichen Umgangs mit Trauer

3. Trauererleben
3.1 Vergleich der Trauerphasenmodelle
3.2 Auswirkung von Trauer

4. Trauer bei Kindern und Jugendlichen
4.1 Todesverständnis in den verschiedenen Entwicklungsstufen
4.2 Sozial-emotionale Veränderungen bei dem Verlust eines Elternteils
4.2.1 Tod des Vaters
4.2.2 Tod der Mutter
4.3 Trauerreaktionen
4.3.1 Child Bereavement Study

5. Trauer in der Schule
5.1 Verhalten der Lehrkräfte gegenüber trauernden Kindern und Jugendlichen

6. Zusammenfassende Betrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vom Tod herbeigeführte Trauer gehört zu dem natürlichen Kreislauf des Lebens und sollte keinen spezielleren Status haben als andere Themen. Doch in unserer derzeitigen Gesellschaft empfinden die Menschen die Auseinandersetzung mit dem Tod als derart unangenehm, dass Tod, Sterben und Trauer stärker tabuisiert wird als Sexualität (vgl. Franz, 2017, S. 9). Kaum jemand redet offen und direkt darüber. Mit der Verdrängung der Tatsachen wird allerdings der Umgang mit Trauer erschwert. Kinder und Jugendliche sollten aufgrund ihres jungen Alters kaum Berührungspunkte zu dieser Thematik aufweisen. Der Tod ist allerdings unausweichlich und kann plötzlich in das Leben eines jungen Menschen eintreffen und sie vor schweren Konfrontationen stellen (vgl. Leist, 2004, S. 11).

Unser Leben wird stetig von Verlusten begleitet, an denen wir seit der Geburt innerhalb unserer Entwicklung zunehmend wachsen. Zu den wohl tragischsten Verlusterfahrungen zählt der Tod der Eltern. Diese stellen Kinder aufgrund der Angewiesenheit vor eine zusammengebrochene Welt (vgl. Franz, 2017, S. 119). Von circa deutschlandweit 8,35 Millionen Schülern sind bereits 800 Tausend gemeldete Kinder Halb- oder Vollwaisen. Das ergibt einen Wert rund 10 Prozent. Additiv dazu betrifft es jährlich ein Tausend weitere Schüler, die einen oder beide Eltern tödlich verlieren (vgl. Johannes Kuhn-Stiftung, 2013; Statistisches Bundesamt, 2018, S. 13ff.).

Der Verlust durch Tod eines nahestehenden Menschen ist für niemanden leicht zu verkraften, doch sind Kinder und Jugendliche oftmals intensiver durch ihre Gefühle belastet. Solche Phasen können sie nicht alleine überwinden und benötigen daher besondere Aufmerksamkeit (vgl. Fleck-Bohaumilitzky, 2016, S. 69f.). Es wäre naheliegend, das Thema dem privaten Bereich der überlebenden Elternteile oder den anderen Familienangehörigen zu überlassen, da sie eine engere Beziehung zu den Kindern aufweisen. Neben der Tatsache, dass Eltern ihre Kinder von dem Thema Tod und Trauer verschonen wollen, sind sie selbst mit ihrer Trauer völlig überfordert und können den Bedürfnissen ihrer Kinder oftmals nicht gerecht werden (vgl. Ennulat, 2009, S. 9). Wenn die familiären Bezugspersonen dazu nicht in der Lage sind, wer dann?

Da ein großer Teil des Lebens der Kinder und Jugendlichen in der Schule stattfindet, wäre es sinnvoll, den Schülern Möglichkeiten zu bieten, sie dort in ihrer Trauersituation aufzufangen. Doch nicht jede schulische Institution hat einen Schulsozialarbeiter oder -psychologen, der sich tiefergehend mit dem betroffenen Schüler auseinandersetzen kann. Es ist nicht unbekannt, dass Lehrkräfte sich im Umgang mit trauernden Kindern und Jugendlichen unsicher und unzureichend zu diesem Thema ausgebildet fühlen. Selbst auf dem Bildungsserver von Berlin und Brandenburg lassen sich keine ausführlichen Informationen über die Trauerbegleitung von Schülern finden, die mit dem Tod des Vaters oder der Mutter konfrontiert sind (vgl. Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, 2014, S. 51). Aus diesen Gründen sehe ich mich als angehende Lehrkraft dazu aufgefordert, mich der Thematik zum Trauererleben von Kindern und Jugendlichen anzunehmen und Möglichkeiten der Unterstützung herauszuarbeiten.

Ziel der Arbeit ist es, den Fragen nachzugehen, was der Trauerprozess von Kinder und Jugendlichen ausmacht, mit welchen Veränderungen sie nach einem Elternverlust konfrontiert und welche Unterstützungen zur Trauerbewältigung sinnvoll sind. Mit der Arbeit möchte ich auf das Verständnis der kindlichen Trauer aufmerksam machen und zudem die Menschen dazu ermutigen, die Themen Tod, Sterben und Trauer zu enttabuisieren, sodass eine gesunde Trauerbewältigung gewährleistet werden kann.

Nach ersten Rechercheübersichten fiel auf, dass in der deutschen Literatur kaum bis keine Forschungsgrundlagen aufgeführt werden. Ferner sind ein großer Teil der Literatur Begleitbücher für Eltern und ihre Kinder. Vermutlich ist die Verbindung von jungen Heranwachsenden mit dem Tod unangenehm zu untersuchen. Während der Forschungsbereich zur Trauer von Erwachsenen bereits sehr umfangreich untersucht wurde, ist die Auseinandersetzung der Trauerforschung von Kindern noch jung. So gibt es inzwischen nur wenige aktuelle Sachbücher, dessen Inhalt auf wissenschaftliche Untersuchungen basieren. Eine sehr grundlegende Studie stellt die amerikanische Havard Child Bereavement Study von Worden und Silverman (1996) dar, dessen empirische Daten und Ergebnisse in einem separaten Kapitel vorgestellt werden. Um die Fragen der Arbeit dennoch beantworten zu können, fundiert die Arbeit hauptsächlich auf Literatur, die ihre praktischen Erfahrungen mittels Fallbeschreibungen aufführen und den Recherchen der empirischen Trauertheorie.

Um eine begleitende Funktion in Trauerfällen gewährleisten zu können, ist es notwendig, sich umfassend mit der Theorie vertraut zu machen. Für eine erste Annäherung des Themas setzt sich die Arbeit mit den Definitionen des Begriffs Trauer auseinander. Weiterhin wird erklärt, wie sich der aktuell schwierige Umgang mit Trauer in der Gesellschaft etablierte, der nicht unwesentlich zu dem Todesverständnis der Kinder und Jugendlichen beitrug. Anschließend werden Modelle des Trauerprozesses sowie allgemeingültige Reaktionen und Verhalten des Trauererlebens, die die theoretische Grundlage der Trauer von Kindern und Jugendlichen bildet, aufgezeigt.

Im nächsten Schritt können die Besonderheiten des Trauerprozesses von jungen Menschen herausgestellt werden. Um ein tieferes Verständnis für die Trauer der Kinder und Jugendlichen zu erhalten, müssen zunächst ihre verschiedenen Todeskonzepte in den Altersstufen zwischen 6 und 16 Jahren differenziert werden. Danach lassen sich die vielfältigen Auswirkungen von Trauer besser nachvollziehen. Das nächste Kapitel befasst sich mit dem Verlust eines Elternteils und welchen Einfluss dieses Ereignis auf das Leben der jungen Heranwachsenden hat. Im Folgenden liefert die Forschung der Child Bereavement Study mittels wissenschaftlich fundierten Ergebnissen genauere Informationen über die prägenden Lebensveränderungen der trauernden Kinder und Jugendlichen.

Des Weiteren verdeutlicht die Arbeit, inwieweit die Institution Schule als ein Ort der Trauer verstanden werden kann. Abschließend werden empfohlene Umgangsformen für Lehrkräfte angeführt, die die Bedürfnisse der trauernden Schüler berücksichtigen, die Begegnung mit ihnen erleichtert und ihnen bei der Trauerbewältigung helfen.

2. Trauerbegriff

Nahezu jeder Trauernde empfindet den Tod eines Vertrauten als einen schmerzvollen Prozess. Die Reaktionen auf einen Verlust zeigen sich jedoch sehr unterschiedlich und werden durch kulturelle, religiöse und individuelle Lebensweisen noch weiter vervielfältigt. So gestaltet es sich für die Wissenschaftler schwierig, diagnostische Merkmale der Trauer genauer zu bestimmen (vgl. Wagner, 2013, S. 2). In den folgenden Kapiteln wird aufgezeigt, wie der Begriff Trauer aus den bekannten Forschungsbereichen bislang definiert wird und wie sich der Umgang mit Trauer in der heutigen Gesellschaft etablierte.

2.1 Definition von Trauer

Die aus der Trauer resultierenden Reaktionen, die sich in einer Vielfalt von Verhalten und Gefühlen zeigt, hat zur Folge, dass eine präzise Formulierung der Definition in Hinblick auf die Literaturrecherche schwierig zu formulieren ist. Nach mittelhochdeutschem Sprachgebrauch bedeutet das in Analogie stehende Verb trauern so viel wie niederfallen, matt und kraftlos werden, das Senken des Kopfes sowie das Niederschlagen der Augen (vgl. Dudenredaktion, 2014, S. 865). Erst im Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte Psychoanalytiker Sigmund Freud die Trauertheorie, welche als Grundstein vieler wissenschaftlicher Untersuchungen diente. Bei der Widmung seiner Forschungen erweitert er den Bezug der Trauer nicht allein auf die nahestehenden Menschen, sondern auf ein weites Spektrum von Verlusten (vgl. Joost, 2014, S. 14). Weiter kommt Freud zu dem Schluss, dass „Trauer [...] regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihrer Stelle gerückte Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw.“ ist (Spiegel, 1989, S. 34). Kritiker halten entgegen, dass Menschen auch ohne Liebe trauern und bevorzugen es, von bedeutenden Verlusten auszugehen (vgl. Lammer, 2014, S. 2).

Hervorzuhebende Psychologen der fortschrittlichen Trauerforschung sind mitunter Therese Rando und Jorgos Canacakis. Anstelle des psychologischen Trauerbegriffs verwendet Rando die für sie gleichwertige englische Bezeichnung grief als Kummer: „Kummer ist jener Prozess, in dem die intrapsychischen, verhaltensmäßigen, sozialen und körperlichen Reaktionen auf die Wahrnehmung eines Verlustes erlebt werden“ (Joost, 2014, S. 14). Der von Canacakis definierte Trauerprozess tendiert hingegen in eine emotionale Richtung. „Trauer ist eine gesunde, lebensnotwendige und kreative Reaktion auf Verlust und Trennungsereignisse. Trauer ist angeboren und eine Antwort der Seele und des Körpers.“ (ebd., S. 14f.).

Aus den aufgeführten Definitionen lässt sich ableiten, dass Trauer eine von Natur aus gesunde Fähigkeit der Menschen jeden Alters ist, die zur Bewältigung von Verlusten eine Notwendigkeit darstellt (vgl. Finger, 2001, S. 8; Lammer, 2014, S. 3; Franz, 2017, S. 84). Ohne Zweifel gehört der Tod zu der schmerzvollsten Erfahrung eines Verlustes, doch die Trennung der Eltern, die Übergangsphasen von dem Kinder- bis Jugend- und Erwachsenalter, der Umzug eines Freundes, ein verlorenes Spielzeug und viele andere Auslöser verursachen überdies Trauer in uns (vgl. Hülshoff, 2001, S. 89; Franz, 2017, S. 85). Demzufolge versteht sich Trauer nicht als eine krankhafte Fehlfunktion, sondern fungiert physiologisch und psychologisch als einen positiven und sinnvollen Verarbeitungsprozess eines Verlustes jeglicher Art (vgl. Lammer, 2014, S. 2).

2.2 Entwicklung des gesellschaftlichen Umgangs mit Trauer

Während der Tod nach wie vor eine unvermeidliche Begegnung der Menschen darstellt, zog der wirtschaftliche und technische Fortschritt, sowie die politischen Ereignisse der letzten Jahrhunderte Konsequenzen auf die religiöse und soziale Trauerkultur nach sich. Bis ins 19. Jahrhundert verstand sich Sterben, Tod und Trauer für Erwachsene und Kinder als ein Alltagsphänomen. Aufgrund der hohen Mortalitätsrate, bei der circa jedes dritte Säuglings- oder Kleinkind verstarb, sank die Lebenserwartung auf durchschnittlich 35 Jahre (vgl. Lammer, 2014, S. 4). Es war daher nicht ungewöhnlich, bereits Erfahrungen in der Sterbebegleitung eines geliebten Menschen zu besitzen. Früher starb man noch daheim, begleitet von Freunden, Bekannten und der Familie. Ein Priester stand dem Sterbenden zur Seite, um sich mit letzten Gesprächen und Gebeten von ihm zu verabschieden (vgl. Aeschenbacher, 2008, S. 20f.) Der Umgang mit Trauer gehörte zur Normalität jedes Anteilnehmers, der den Verlust des Menschen in Form von schwarzer Bekleidung und Trauerriten zeremoniell festhielt (vgl. ebd., S. 21). Da der Tod im natürlichen Lauf des Lebens inbegriffen ist, empfand man das Ableben als einen positiven Vorgang, der aus kirchlicher Erziehung erlösend dargestellt wurde (vgl. Lammer, 2014, S. 4). Inzwischen müssen sich Erwachsene und Kinder kaum noch mit dieser Thematik auseinandersetzen. Wenn sie allerdings den Verlust eines geliebten Menschen erfahren, sind die Angehörigen überfordert, weil der Tod für sie etwas Negatives, wie ein endlos schmerzendes Leid, bedeutet (vgl. Aeschenbacher, 2008, S. 25; Lammer, 2014, S. 4).

In Folge der Industrialisierung und der Geschehnisse des dritten Reiches, die sich bis ins 20. Jahrhundert erstreckten, sind Großfamilien nur noch seltene Dorferscheinungen, da die heranwachsenden Kinder aufgrund unsicherer Zukunftserwartungen in die Städte ziehen und Kleinfamilien gründen (vgl. Aeschbacher, 2008, S. 24; Lammer, 2014, S. 5f.). Mit dem Fortschreiten der medizinischen Möglichkeiten gingen die Zahlen der Todesfälle im jungen Alter erheblich zurück. Dem gegenüber stieg die Lebenserwartung auf über 80 Jahre an (vgl. Lammer, 2014, S. 4). Daher befinden sich die Menschen beim ersten Todesfall eines Angehörigen bereits im mittleren Erwachsenenalter und sind neben den Kindern, selbst mit ihren Gefühlen überfordert, da ihnen die Trauererfahrungen, wie aus früheren Familienkonstellationen, fehlen (vgl. Aeschenbacher, 2008, S. 25; Lammer, 2014, S. 4).

Für die Gesellschaft bleibt der Tod des Anderen ein seltenes und ungewöhnliches Ereignis, dass einige Menschen gar nicht erleben. Auf diese Weise geraten die einst religiösen Trauertraditionen, die zur Bewältigung verhalfen, in Vergessenheit (vgl. Ennulat, 2009, S. 10). Institutionen, wie Pflege- und Altersheime, Krankenhäuser, Bestattungsunternehmen und Friedhofsgärtnerei, übernehmen die vorzubereitenden Aufgaben der Bestattung und Trauerfeier und verstärken bei den Familienangehörigen damit die Verdrängung zur Auseinandersetzung mit der eigenen Trauer (vgl. Aeschenbacher, 2008, S. 25; Lammer, 2014, S. 5). Diese distanzierte Teilhabe am Tod eines Mitmenschen führt dazu, dass inzwischen „Drei Viertel der Deutschen [...] in der Einsamkeit [...] und [...] ohne familiären Beistand“ sterben. Erst wenn derjenige bereits tot ist, verabschieden sich die Angehörigen. Bei Beerdigungen ist die offene Aufbewahrung des Leichnams nicht mehr üblich. Somit bleibt ein letzter Blick auf den Verstorbenen verwehrt (vgl. Franz, 2017, S. 52).

Neben den fehlenden Erfahrungen trägt der Konsum der Massenmedien, in denen der Tod durch Mord- und Totschlag auf unnatürliche oder gewaltsame Weise gezeigt wird, dazu bei, dass die Menschen ein abgestumpftes und realitätsfernes Bild von Tod und Trauer erhalten (vgl. Franz, 2017, S. 47ff.). Hervorzuheben wäre außerdem, dass trotz den Angehörigen in öffentlichen Bereichen das Trauern unterbunden wird, da eine strikte Trennung vom privaten zum öffentlichen Leben gezogen wird. Trauerprozesse erweisen sich als unschicklich, uneffektiv und belästigend für andere. Gesellschaftliche Konventionen erwarten eine schnelle Regenerierung vom Verlust, was die betroffenen Erwachsenen und Kinder vermehrt trauerunfähig werden lässt. (vgl. Franz, 2017, S. 54f.).

3. Trauererleben

Trauer ist von vielerlei Merkmalen wie Alter, Lebensweise und Todesumstände abhängig und gehört somit zu den Lebenserfahrungen, auf die man sich und andere nicht vorbereiten kann. In einem sind sich die Forscher einig: Es bedeutet Veränderungen (vgl. Lammer, 2014, S. 3). Wie diese aussehen und zu verstehen sind, wird in diesem Kapitel vorgestellt.

3.1 Vergleich der Trauerphasenmodelle

Es gibt inzwischen viele Varianten des Phasenmodells, die den Prozess des normalen Trauerns aufzeigen. Um diese angemessen gegenüberstellen zu können, konzentriert sich der Vergleich auf drei sehr bekannte Modelle, dessen Nebeneinanderstellung für eine bessere Übersicht sorgt:

Tabelle 1: Vergleich der Trauerphasenmodelle (vgl. Aeschbacher, 2008, S. 52ff.; Wagner, 2013, S. 6; Stroebe und Müller, 2014, S. 30)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das in Deutschland weitverbreitetste Konzept wurde im Jahr 1969 von Elisabeth Kübler-Ross veröffentlicht und gliedert sich in fünf Phasen (vgl. Lammer, 2014, S. 18, 74).

Hierbei handelt es sich um ein Stufenmodell, welcher auf der Untersuchung totkranker Menschen während ihres Sterbeprozesses basiert. Kübler-Ross begleitete diese Menschen und dokumentierte die Ergebnisse der Sterbephasen, die sie auf die Trauerbewältigung übertrug (vgl. Finger, 2001, S. 13). Schon an der Forschung wird kritisiert, dass die Sterbe- und Trauerphase nicht als Gleichstellung gelten kann. Somit kann es nicht auf postmortal trauernden Menschen angewendet werden. Weiter ist der Verlauf der Phasen zu starr strukturiert, da es nicht jedem Sterbenden gelingt, alle Stufen zu durchleben (vgl. Wagner, 2013, S. 43). Trotz der vielen Kritikpunkte an dem Trauerphasenmodell von verdankt man Frau Kübler-Ross die Trauer als einen Prozess zu verstehen und die aufgezählten Symptome als normale Reaktionen zu betrachten (vgl. Lammer, 2014, S. 73).

Verena Kast hingegen postuliert ihre Phasen als einen Bewältigungsprozess nach einem Verlust (vgl. Aeschbacher, 2008, S. 51). Obwohl sich die Modelle in der prä- und postmortalen Untersuchung unterscheiden, ähneln sich die beiden Stufenkonzepte und beginnen mit der Phase des Nicht-wahr-haben-wollens, die laut Kast den Tod eines nahestehenden Menschen nach einer Schockreaktion versuchen zu leugnen (vgl. Grumbach-Wendt & Zernikow, 2008, S. 90). Nachdem die Leugnung überwunden ist, tritt für Frau Kübler-Ross der Zorn an der zweiten Stufe des Prozesses, welches für Frau Kast nur zu eine von vielen möglichen aufbrechenden Emotionen zählt. Häufig fühlen sich die Betroffenen im Stich gelassen und suchen einen Verantwortlichen, der Schuld daran trägt (vgl. Aeschbacher, 2008, S. 52). Ferner begeben sich die Trauernden auf die Suche und laufen die gewöhnlichen Plätze des Verstorbenen ab oder versuchen Ähnlichkeiten bei umgebenen Personen zu finden. Mit der Zeit gewöhnen sich die Betroffenen an die Abwesenheit und können sich allmählich von den alten Lebensmustern trennen. Ohne die Erinnerungen zurückzulassen, soll es dem Trauernden in der letzten Phase schließlich gelingen, wieder bereit für neue Beziehungen zu sein und das Leben mit Freude genießen zu können (vgl. ebd., S. 53f.).

Für William Worden bedeuten die Phasen etwas, was jeder trauernde Angehörige ertragen müsse, da sie sonst nicht richtig trauern würden. Aus diesem Grund entwickelte Worden ein Aufgabenmodell, dass den Betroffenen mehr Spielraum in ihren Trauerprozessen ermöglicht und im Fall von Kindern als Entwicklungsaufgaben verstanden werden können (vgl. Wagner, 2013, S. 6). Erst wenn der Verlust realisiert wird, kann das Leid des Trauerns durchlebt werden. In dem Modell von Worden finden sich Parallelen zu Kast, die sich lediglich, wie bei vielen weiteren Trauerphasenmodellen, in der Formulierung unterscheiden (vgl. Lammer, 2014, S. 73). Um die Trauer bewältigen zu können, soll der Betroffene die leidvollen Gefühle durchleben. Nur so könne sich der Trauernde, wie in der Trennungsphase Kasts, von den alten Gewohnheiten lösen und anschließend für neue Aktivitäten und Beziehungen wieder bereit und offen sein. Die Phasen als Aufgaben zu reformieren, entkräftet die Kritik der Passivität und gibt keine vorstrukturierten Gefühle oder Verhalten vor (vgl. Worden, 2011, S. 45ff.).

Die bisher vorgestellten Trauermodelle werden häufig kritisiert, da die Trauerthematik komplexe und individuelle Phänomene beinhaltet, die in einem Modell nicht deutlich voneinander zu trennen sind. Dennoch weisen sie darauf hin, wie vielfältig der Trauerverlauf aussehen kann. Es ist somit unerlässlich, sich mit den Trauermodellen auseinanderzusetzen, da sie für die noch vielfältigere Kindertrauer als Basiswissen dient und hilft, den Prozess eines Trauernden nachvollziehen zu können.

3.2 Auswirkung von Trauer

Aus den Trauermodellen heraus werden im folgenden einige Trauerreaktionen dargestellt, die sich in der Literatur am häufigsten überschneiden und unter normaler Trauer zu verstehen sind. Für eine geordnete Vorgehensweise verhilft die Einordnung der ausgewählten Reaktionen in den vier Kategorien Wordens.

Gefühle. Nach einem Verlust spricht man in erster Linie von Traurigkeit, die sich in verschiedenen Arten und Weisen zeigen. Besonders häufig kommt hier das Weinen zum Ausdruck, das unter dem Punkt des Verhaltens noch genauer beleuchtet wird (vgl. Worden 2011, S. 26). Wie bereits Kübler-Ross erkannt hat, spielt Wut eine sehr große Rolle in den ersten Phasen der Trauerverarbeitung. Für die Betroffenen bedeutet der Verlust, allein zurückgelassen worden zu sein. Diese Wut gründet auf der Frustration, dass eine Verhinderung des Todes nicht möglich war und dem regressiven Verhalten, die sich anhand der Bindungstheorie von John Bowlby erläutern lässt. Laut Bowlbys Untersuchungen bedarf es den Menschen, vordergründig Kindern, an einer starken Bindung zur Mutter oder anderen nahestehenden Personen, die angeboren sei. Als die Bindung durch die plötzliche Abwesenheit der Mutter bei einem Experiment getrennt wurde, beobachtete man, wie das Kind in panische Angst geriet. Anstatt sich über die anschließende Rückkehr der Mutter zu freuen, lehnen sie Liebkosungen ab und zeigen damit, dass man ihnen sowas nie wieder antun und sie nicht ohne weiteres zurücklassen soll. Besonders Kinder sind mit solchen Situationen überfordert, da sie sich ohne ihren Bezug zur Mutter einsam und hilflos vorkommen (vgl. Bowlby, 2008, S. 20; Worden, 2011, S. 27).

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Trauer erleben bei Kindern und Jugendlichen
Untertitel
Möglichkeiten der Unterstützung durch Lehrkräfte an Schulen
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Jahr
2018
Seiten
31
Katalognummer
V988577
ISBN (eBook)
9783346358332
ISBN (Buch)
9783346358349
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trauer, kindern, jugendlichen, möglichkeiten, unterstützung, lehrkräfte, schulen
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Trauer erleben bei Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/988577

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