Wozu ist die Schule da?


Seminararbeit, 2000
22 Seiten

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Inhalt

1 Prolog

2 Der Vortrag selbst
2.1 Bemerkungen
2.2.1 Wozu ist die Schule da?
2.2.2 Die Schule ist für alle Kinder da!

3 Schultheorien nach Gudjons
3.1 Makroperspektive
3.1.1 Organisationssoziologische Theorie
3.1.2 Struktur-funktionale Theorie
3.1.3 Historisch-materialistische Schultheorie
3.2 Mikroperspektive
3.2.1 Psychoanalytische Schultheorie
3.2.2 Interaktionistische Schultheorie
3.2.3 Geisteswissenschaftliche Schultheorie
3.3 Radikale Schulkritik

4 Radikale Schulkritik als Schultheorie? Kulturrevolutionäre Perspektiven bei Freire und Illich
4.1 Die vier zentralen Kritikpunkte

5 Lehrerbildung nach Hentig
5.1 Forderungen an die neuen Lehrer

6 Fazit

7 Literatur

Hinweis:

Um die Sprache nicht unnötig kompliziert zu machen, verwende ich nur die jeweils maskuline Form wie >der Schüler< oder >der Lehrer<. Gleichzeitig ist damit immer auch >die Schülerin< oder >die Lehrerin< gemeint.

1 Prolog

Anstatt vor unserem Auditorium die einzelnen Streitpunkte der Reihe nach aufzulisten, entschlossen sich meine Kommilitonin Bente Anger und ich dazu, ein fiktives Gespräch zwischen Hermann Giesecke (1995 Wozu ist die Schule da?1 ) und seinen Kontrahenten Dietmut Kucharz und Bernd Sörensen (1996 Die Schule ist für alle Kinder da!2 ) darzustellen. In dieser Diskussion verdichteten wir also deren wesentlichen Ansichten.

Kapitel 2 beinhaltet das Thema im Rahmen der Vorlesung. Die weiteren Abschnitte führen darüber hinaus.

2 Der Vortrag selbst

- B. Anger in der Rolle der Kritiker und ich als H. Giesecke -

Giesecke: ,,Anscheinend weiß heutzutage niemand mehr, wozu die Schule eigentlich da ist. Die Gesellschaft ist zu bequem und fordert von der Schule alle Probleme zu bewältigen. Zum Beispiel den Rechts- und Linksradikalismus eindämmen, präventiv gegen Kriminalität und Verwahrlosung wirken, die Wehrbereitschaft erhöhen, Aids verhindern, die Verkehrstoten minimieren. Damit ist die Schule aber doch hoffnungslos überfordert!"

Kritiker (Kucharz und Sörensen): ,,Aber es ist ja gar nicht möglich, Unterricht und Erziehung zu trennen. Unterricht muss doch die Lebenswirklichkeit der Kinder berücksichtigen. Recht haben Sie, wenn sie sagen, dass die Lehrer unter der Fülle von Anforderungen leiden. Die Schule ist schließlich keine Reparatureinrichtung unserer Gesellschaft, sie kann nicht alles leisten.

Aber: Sie muss sich mit den veränderten Lebensbedingungen auseinandersetzen und akzeptieren, dass sie das Wissensvermittlungsmonopol verloren hat. Viele Medien informieren besser. Die Lebensumstände der Schüler haben sich geändert."

Giesecke: ,,Das ist es doch! Die Lehrer kommen mit ihren Schülern ja nicht mehrzurecht, weil diese heutzutage zu schlecht sind. Die Schüler akzeptieren nicht, dass Lernen auch Arbeit bedeutet. Wenn sie ,,arbeiten", dann nur flüchtig, sie sind nervös und unkonzentriert, strengen sich nicht an. Ihre Erziehung und damit ihr Lebensstil, Verhalten und ihre Werte sind immer asozialer geworden. Ich möchte es mal so ausdrücken: Ihre Grundqualifikationen sind deutlich gesunken."

Kritiker: ,,Deshalb denken wir, dass die Schule sensibel mit dem einzelnen Schüler umgehen sollte. Sie fordern die Schulen dazu auf, nur zu unterrichten. Aber Sie müssen doch einsehen, dass dies gar nicht möglich ist. Heutzutage können viele Eltern der Aufgabe der Erziehung ihrer Kinder nicht mehr gerecht werden. An der Schule muss eine grundlegende Bildung zur individuellen Entfaltung der Persönlichkeit einerseits und die Auslese für die weiteren Bildungswege andererseits vermittelt werden. Nur die Balance zwischen Erziehung und Unterricht, also deren Spannungsverhältnis, kann überhaupt erst Pädagogik genannt werden, Herr Giesecke!"

Giesecke: ,,Aber meine Herren, Erziehung ist Sache der Eltern und wenn die es nicht schaffen, dann muss eben die Jugendhilfe herbei. Viele terrorisieren die Lernwilligen, sie stören den Unterricht, sind teilweise gewalttätig. Ihre Probleme, die sich so zeigen, sollen sie in der Schule unterdrücken. Wenn die Schule aber Disziplinlosigkeit zulässt, ist sie Täter und nicht Opfer. Das führt letzten Endes nur zu Chaos und Verwahrlosung des öffentlichen Verhaltens.

Sanktionen und Strafmaßnahmen müssen wieder eingeführt und die Lernwilligen vor den Störenfrieden geschützt werden. Es ist ein Skandal, dass eine kleine Minderheit von undisziplinierten Schülern die Mehrheit der Lernwilligen terrorisieren darf und dafür dann nicht nur die besondere Aufmerksamkeit der Lehrer erhält, sondern auch noch als Ursache der Probleme für alle Schüler gilt.

In letzter Zei t wurde sich viel zu sehr mit dem Schüler als Individuum beschäftigt. Dabei haben sich die Lehrer doch um anderes, nämlich den Unterricht, zu kümmern. Der ,,Normalfall" muss endlich wieder hergestellt werden. In der Schule haben die Schüler gefälligst zu lernen - und nichts anderes!"

Kritiker: ,,Ihre Vorstellung von einem uniformen Unterrichtsystem ist doch mittlerweile antiquiert. Sie plädieren hier für eine konsequente Ausgliederung der sogenannten störenden Schüler. Doch wo wollen sie diese denn überall unterbringen, etwa bei Therapeuten, in Nachhilfeinstituten, diversen Sondereinrichtungen, bei der Jugendhilfe?

Die Restschulen würden doch nur weiterhin zunehmen. Ausgrenzung löst doch keine Probleme, sie verschiebt diese nur.

Außerdem - das, was sie als ,,Normalfall" betrachten, kann so nicht gelten. Ehemals stabile soziale Bezüge in der Familie sind innerhalb der letzten Jahrzehnte zerbrochen. Für unsere Kinder ist es in vielen Fällen sehr schwierig geworden, sich zu orientieren. Die Schule, in der unsere Kinder viel Zeit des Tages verbringen, kann deren Eigenheiten doch nicht einfach ignorieren!"

Giesecke: ,,Ihre Darstellung ist so nicht richtig, meine Herren. Und des weiteren muss ich mich zu folgendem äußern. Um den fernsehverwöhnten Schülern das Lernen so angenehm wie möglich zu machen, wurde erhebliche Fantasie in die Erfindung solcher didaktisch-methodischer Konstruktionen gesteckt, die möglichst ,,Spaß" machen sollen - wie Videorekorder, Computer und so weiter.

Die Schule soll aber in ihren Mauern nicht die ,,Erlebnisgesellschaft" reproduzieren, das kann das Fernsehen besser. Aufklärender Unterricht kann und muss sich durchsetzen."

Kritiker: ,,Also, dass Schüler beim Lernen Spaß haben wollen, kann ihnen ja wohl niemand übel nehmen, oder? Entgegen Ihrer Argumentation ist es doch so, dass in der Realität leider zu selten durch diese Geräte für Abwechslung im Unterricht und somit für Aufmerksamkeit der Schüler gesorgt wird. Der Lehrer sollte sich hauptsächlich auf die Lernprozessbegleitung beziehen und sich weniger zwischen Inhalt und Schüler stellen. Eine gute Kommunikation zwischen ihm und seiner Klasse ist wichtig für Effektivität."

Giesecke: ,,Ich danke Ihnen, dass Sie mir hier ein Stichwort geben. Denn was die Kommunikation an vielen Schulen anbelangt, so lässt sie doch besonders im Tonfall sehr zu wünschen übrig. Ich fordere angemessene Ausdrucksweise in der Schule und verbitte mir diesen Jugendjargon. Schließlich muss die Jugend früh lernen, dass in unterschiedlichen Situationen auch entsprechendes Verhalten gefordert ist. Das, was die Schule im Unterricht an Aufklärung zu bieten hat, wird doch gekontert, wenn die ,,Arschlöcher" nur so durch die Luft fliegen."

Kritiker: ,,Diesbezüglich wäre Ihnen Recht zu geben, wenn Sie auch die von den Lehrern gelegentlichen Beleidigungen wie ,,Schwachköpfe und faule Säcke" mit einbeziehen würden. In einem Unterricht, in dem viel miteinander gesprochen wird und in dem der Lehrer sich für die Äußerungen der Schüler interessiert, wird eine Mitteilungs- und Informationskultur transportiert."

Giesecke: ,,Die Schulreformen sind gescheitert. Es ist höchste Zeit, die Frage ,,Wozu ist die Schule da?" jetzt neu zu beantworten.

Die Lehrer müssen sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren, nämlich das Unterrichten. Und sie müssen sich weigern, sich mit unterrichtsunfähigen Kindern auseinander zu setzen. Denen sollen ihre Eltern erst einmal Benehmen beibringen. Ein Kollegium muss in diesem Sinne zusammenhalten und disziplinare Regeln durchsetzen. So, wie es derzeit ist, kann es nicht weitergehen."

Kritiker: ,,Die Schulreformen sind nicht gescheitert, Herr Giesecke. Sie haben leider nur viel zu selten stattgefunden, das können wir beweisen. Sie berücksichtigen auch nicht die ständigen Kürzungen der finanziellen Mittel und die Klassen werden immer größer - oft sind es mehr als 30 Kinder! Ebenfalls ein Problem ist, dass Schülerleistungen immer noch zensiert und manche Schüler deshalb nicht versetzt werden.

Stimmt, so kann es nicht weitergehen. Doch Ihre Forderungen führen zu gefährlichen Konsequenzen. Im Grunde halten Sie hier nämlich ein Plädoyer für Härte und Kälte. Sehen Sie ein, dass es keinen ,,normalen" Schulbetrieb gibt, der über Jahrzehnte hinweg gültig bleibt. Darum steckt die Schule momentan in der Krise und muss sich nun grundlegend in ihren Strukturen verändern."

- Vortragende -

2.1 Bemerkungen

Wir legten im Anschluss abwechselnd zwei Folien auf den Overheadprojektor, um die Fülle von Argumentationen und Darlegungen im Wesentlichen nochmals darzustellen. Diese Liste habe ich im Folgenden möglichst gegliedert und vervollständigt. Als die Kommilitonen den Inhalt unseres Vortrags kritisierten, stellte sich schnell heraus, dass Giesecke zurecht vieles bemängelt. Doch niemand glaubt, dass seine noch unkonkret formulierten Forderungen durchsetzbar sind (z.B. ,,alle Störer raus").

Zu meiner Verwunderung wurde Gieseckes ,, Pl ä doyer f ü r H ä rte und K ä lte"3 im Auditorium gar nicht so negativ aufgefasst, wie ich es erwartet hatte. Meine Kommilitonin Bente Anger, welche die Meinung von Kucharz und Sörensen auch weiterhin fest vertrat, sprach sich nochmals gegen Zensuren aus. Schließlich hat sich bereits in einigen Reformversuchen erfolgreich gezeigt, dass sich Schüler auch anders zu guten Leistungen motivieren lassen, und zwar ohne Notendruck. Überraschend wurde diese Auffassung sogleich von einigen als naiv verurteilt. Es fiel auf, dass viele von ihrem bisherigen Bildungsweg überzeugt sind und bisher gar nicht daran gedacht haben, dass Schule Veränderung braucht. Wollen denn selbst so viele junge angehende Lehrer nichts Neues - vielleicht Besseres - ausprobieren? Hierzu ist Zensurengebung natürlich nur ein Beispiel von vielen. Wenn sich ein Kommilitone zu Wort meldete, der eine Reform klar befürwortet, konnte er allerdings nur unklar schildern, was sich seiner Auffassung nach künftig ändern müsste. Und ich fürchte, dies ist das größte Problem. So viele meckern über ,,unsere" Schule. Doch fragt man dann, was zu tun ist, um sie zu verbessern, sieht man häufig nur Achselzucken.

Giesecke sagt in ,,Wozu ist die Schule da?", dass er darauf noch keine Antwort geben möchte. Und darum endete die Besprechung unseres Referats im Hörsaal nach ca. 15 Minuten automatisch. Wie will man denn auch über Verbesserungsvorschläge diskutieren, die noch gar keine sind?4

2.2.1 Wozu ist die Schule da?

Zuerst führe ich die einzelnen Punkte aus ,,Wozu ist die Schule da?" auf. Darin enthalten sind drei Leitgedanken:

a) Nicht die Schule, sondern die Eltern haben die Aufgabe, ihr Kind zu disziplinieren. Lehrer sind nicht die Erziehungs-Dienstboten für die Eltern, sondern nur Wissensvermittler. Um Problemschüler muss sich die Jugendhilfe kümmern. Ein Kollegium muss zusammenhalten, den Störenfrieden sogar Unterricht verweigern.

b) Die gesamte Reformpädagogik ist fehlgeschlagen.

c) Der schulische ,,Normalfall" muss definiert werden. Absolute Klarstellung über den Zweck von Schule für alle ist gefordert. Dieser heißt Unterricht.

Weitere Punkte:

d) Die Grundqualifikationen der Schüler sind gesunken. Bezugnahme auf Hensel5: Weniger Eltern und Kinder begreifen, dass Lernen Arbeit bedeutet. Es gibt immer mehr ,,schlechte" Schüler, weil sie sich nicht genügend konzentrieren. Außerdem hat die Gewaltbereitschaft zugenommen.

e) Die Schule soll die Bequemlichkeit der Gesellschaft ausgleichen (sie soll Rechtsund Linksradikalismus eindämmen, die Wehrbereitschaft erhöhen, Aids verhindern...) und ist damit hoffnungslos überfordert.

f) Während die Eltern ein privates Interesse vertreten, muss dagegen die Schule ein öffentliches geltend machen und das Kind gegebenenfalls vom Eltern-Status emanzipieren. Weniger die Individualität des einzelnen Schülers, sondern die Disziplin muss gefördert werden.

g) Begabungen müssen unterstützt werden. Alle sollen eine höchstmögliche Bildung erhalten, denn so wird wirtschaftliches und soziokulturelles Überleben gesichert. Dass ein Schüler zumeist gegen seine aktuellen Bedürfnisse lernt, muss er akzeptieren. Er hat in der Schule zu lernen, weil die Entwicklung seiner Fähigkeiten seinen späteren Lebensunterhalt beeinflussen wird. Die Verantwortung dafür haben die Eltern zu tragen.

h) Mit Unterricht besteht für jedes Kind die Chance auf optimale Entfaltung seiner Fähigkeiten. In der Schule kann man auf Vorrat lernen. Schließlich ist für jeden Job ein Mindestmaß an Vorbildung nötig.

i) ,,Gute" und ,,schlechte" Schüler benötigen einen chancengleichen Zugang zu den

Leistungsanforderungen. Folglich ist eine Neugliederung des Schulwesens von Nöten, damit es keine Leistungshierarchie unter Schülern in der selben Klasse gibt.

j) Schule soll aufklären und nicht die ,,Erlebnisgesellschaft" nachahmen, sondern sich von ihr abgrenzen.

k) Leider wurden Strafmaßnahmen gegen undisziplinierte Schüler fast völlig abgeschafft. Die Lernwilligen müssen geschützt werden.

l) Ein Kind hat zu wissen, wie es sich in verschiedenen Situationen zu verhalten hat. In der Schule muss es sich benehmen und Jargon und seine Probleme zum Wohl aller unterdrücken.

m) Die Schule ist Täter, wenn sie Disziplinlosigkeit zulässt, nicht Opfer. Dies zieht Chaos und Verwahrlosung des öffentlichen Verhaltens nach sich.

n) Viele Lehrer sind mittlerweile zu alt und leiden mitunter an mangelnder Gesundheit, weil sie von den Schülern überfordert werden. Diejenigen, die in Rente gehen oder den Beruf wechseln wollen, sollen dies tun. Ein Generationswechsel ist nötig.

2.2.2 Die Schule ist für alle Kinder da!

Dies sind nun die zentralen Antworten von D. Kucharz und B. Sörensen mit ,,Die Schule ist für alle Kinder da!":

Drei Hauptpunkte:

a) Es gab zu wenig reformpädagogische Ansätze, aber wo es welche gab, war der Erfolg groß.

b) Man wird Unterricht und Erziehung wohl nicht trennen können und sollte es auch gar nicht versuchen. Durch den Beruf haben Eltern nicht mehr so viel Zeit für die Erziehung. Die Lebensumstände der Kinder haben sich geändert, und von Gieseckes ,,Normalfall" auszugehen, ist unmöglich geworden. Die Schulgesetze der Länder sehen für die Schule zu Recht einen Unterrichts- und Erziehungsauftrag vor. Übrigens: Manche Schüler sind nur deshalb Störer, weil die Schule oftmals realitätsfremd ist und allein individuelle Besonderheiten schon als störend empfindet. Innerschulische Probleme können nicht einfach nur auf die Eltern geschoben werden, denn die Schule hat verpasst, auf den gesellschaftlichen Wandel zu reagieren. Eltern müssen von der Schule bei der Erziehung sogar unterstützt werden.

c) Traditioneller Unterricht verlangt keine Eigeninitiative und sättigt keine

Bedürfnisse. Doch gerade diese sind oftmals so unterschiedlich wie die Herkunft aller Kinder. Die von Giesecke geforderte Uniformität würde zu einer Katastrofe führen und ist nichts weiter als eine Forderung nach Strenge.

Weitere Punkte:

d) Probleme wachsen auch aufgrund immer knapper werdender finanzieller Mittel. Statt einer Reform oder Umstrukturierung des Bildungssystems nehmen die Klassenfrequenzen weiterhin zu, Lehrer geben mehr Vertretungsstunden, und ,,weiche" Unterrichtsfächer werden oftmals gestrichen.

e) Die Schule hat einzusehen, dass sie ihr Wissensvermittlungsmonopol aufgrund der heutigen Medienvielfalt verloren hat.

f) Schülern muss ein Erfahrungs- und Handlungsbezug geboten werden, da ihnen ohnehin zunehmend sogenannte primäre Lernerfahrungen fehlen.

g) Der Bildungsauftrag der Schule folgt sowohl individuellem als auch gesellschaftlichem Interesse. Erst die Balance zwischen diesen beiden Polen darf ,,Pädagogik" genannt werden.

h) Viele Kinder und Jugendliche haben feste Bezugspunkte verloren. Stabile soziale Bezüge sind oftmals verlorengegangen.

i) Dass Schüler in der Schule Spaß haben wollen, ist normal. Mit Videorekorder und Computer zu arbeiten, kann ein hervorragender Weg sein. Der Lehrer hat die Möglichkeit, den Lernprozess zu begleiten und sich nicht zwischen Stoff und Schüler zu stellen.

j) Die Leistungen eines Schülers zu zensieren, ihn womöglich nicht zu versetzen, ist schlichtweg falsch und führt zu unnötigen Problemen.

k) Auch Lehrer benutzen Schimpfworte. Und etwas Jargon ist allemal besser als unterdrückte Kommunikation, aus der einmal Beziehungsstörungen resultieren werden.

l) Eltern und Schule sollten enger zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen - Kooperation statt Einmischung.

m) Man kann sich der Störer nicht entledigen. Wo würde man denn diese Masse von Außenseitern unterbringen? Gelinde ausgedrückt wäre es nur eine Verschiebung des Problems.

3 Schultheorien nach Gudjons

Die6 Schule ist eine Institution. In Gudjons Augen hat sie folglich einen problematischen Doppelcharakter7. Positiv sind Freiheit durch Bildung, Sicherung des gesellschaftlichen Fortbestands und Bildung für alle, negativ hingegen Funktionalisierung, Begrenzung persönlicher Freiheit und Zwang zur Pflichterfüllung.

3.1 Makroperspektive

Es folgen die drei makrogesellschaftlich angelegten Schultheorien - angegriffen von der radikalen Schulkritik ( 3.3 ).

3.1.1 Organisationssoziologische Theorie

Fend8 sagt, die Schule ist ein hoch organisierter Normenkomplex, der bestrebt ist, diese Gesellschaft zu erhalten, und der selbst durch formalisierte Rollenbeziehungen getragen wird. Es sind speziell für Unterricht ausgestattete Gebäude (Klassenzimmer, Medien) vorhanden.

Das bedeutet nach Tillmann9, Lernorganisation ist generell formalisiert, Schule wird durch Verwaltungsorganisation bestimmt, und einzelne Schulen sind in die Makroorganisation des Bildungswesens integriert.

Gudjons verdeutlicht so, wie stark externe bzw. nicht pädagogische Richtlinien auf pädagogische Grundsätze einwirken.

Pädagogischer Umgang widerspricht rein rationaler Struktur, persönliches und dienstliches Auftreten der Lehrer lässt klare Rollenunterscheidung nicht zu, Mitgliedschaft ist Zwang für den Schüler.

Der prinzipielle Konflikt besteht also darin, die notwendige (?) Kontrolle in Schule einerseits durchzusetzen und andererseits für pädagogische Handlungsspielräume einzuschränken.

3.1.2 Struktur-funktionale Theorie

Gesellschaftliche Funktionen der Schule10:

a) Qualifikationsfunktion
- funktional: fachliche Kenntnisse und Techniken
- extrafunktional: Arbeitstugenden wie Fleiß und Gewissenhaftigkeit

b) Selektions- und Allokationsfunktion
- Schüler aussortieren, verteilen
- und je nach Qualifikation einer Tätigkeit zuweisen

c) Integrations- und Legitimationsfunktion
- durch Inhalte und Themen
- durch den ,,heimlichen Lehrplan" (z.B. Konkurrenzprinzip)

d) Kulturüberlieferung11
- kulturelle Identität stiften
- und weiterentwickeln

3.1.3 Historisch-materialistische Schultheorie

Drei Richtungen12:

a) Es geht nicht um die Bildung an sich, sondern darum, die Schüler für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren.
b) Wie unsere Gesellschaft hat auch Schule Klassencharakter.
c) Die gesellschaftliche Ideologie wird (heimlich) vermittelt.

3.2 Mikroperspektive

Es folgen die drei mikroperspektivischen Schultheorien - angegriffen von der radikalen Schulkritik ( 3.3 ).

3.2.1 Psychoanalytische Schultheorie

a) In der ritualisierten Schule13 werden Triebregungen sowohl bei Schülern als auch Lehrern abgewehrt14.

b) Das sich durch Konkurrenz abzeichnende Leistungsprinzip bewirkt Feindschaft und Intoleranz, während hingegen Werte wie Nächstenliebe und Duldsamkeit verlangt werden15.

c) Die Beziehungsebene leidet unter verdrängter Kindlichkeit im Lehrer16. In ihm Unbewusstes und Tabuisiertes bemängelt er am einzelnen Schüler zu unrecht besonders.

Der Einfluss des Unbewussten in und zwischen Schüler und Lehrer ist immer gegenwärtig und lässt sich nicht vernunftgemäß erklären.

3.2.2 Interaktionistische Schultheorie

Oftmals wird die Identitätsentwicklung des Schülers durch die Schule negativ beeinflusst. Denn die Macht dieser Institution schränkt seine eigene Entfaltung ein und speziell die schlechten Schüler werden gebrandmarkt17. Tragisch daran ist, dass solche Fremddefinitionen zumeist zur Eigendefinition werden.18

3.2.3 Geisteswissenschaftliche Schultheorie

Die Sozialpädagogik wird in der Schule heutzutage immer dringender. Denn gesellschaftliche Defizite sollen dort ausgeglichen, Persönlichkeiten entwickelt und Bildung vermittelt werden, damit Jugendliche nicht ,,auf der Straße landen".

3.3 Radikale Schulkritik

Gudjons nimmt Argumente der radikalen Schulkritik auf, und seine Reformvorschläge sind an dieser Stelle bereits geformter als Gieseckes Forderungen an Lehrer, Schüler und Eltern. Da Gudjons argwöhnt, dass man die Schule gar nicht abschaffen kann, will er Schulisches und Außerschulisches verbinden. Statt von Lehrern bevormundet zu werden, sollen Kinder und Erwachsene selbst entscheiden, von welchen Experten sie aus den jeweiligen Lebensbereichen lernen. Sich selbst managende Lerngruppen sollen frei zugängliche Lernmöglichkeiten haben (auch berufliche), selbst wenn die Einzelnen keine Vorbildung haben. Somit können alle hochgeschätztes Wissen erlangen und Lösungen für Probleme unserer Gesellschaft gefunden werden. Schule wird echter Lebens- und Erfahrungsraum.

4 Radikale Schulkritik als Schultheorie? Kulturrevolutionäre Perspektiven bei Freire und Illich

Probleme 19der Akteure - Schüler, Lehrer, Eltern - wurden unterschätzt. Ihre Handlungsspielräume dürfen nicht weiterhin eingeschränkt werden. Es wird Zeit, die Schule menschengerechter zu gestalten, sie aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Dabei dürfen nicht nur wissenschaftliche Experten eingreifen, welche die Praxis nicht kennen. Nur gemeinsam mit den wertvollen Erfahrungen von unmittelbar Betroffenen ist sinnvolle Veränderung möglich.

Zu Unrecht macht man meistens die Schüler für schlechte Noten verantwortlich. Anstatt darauf zu schauen, was sie können, misst man sie eher daran, was sie noch nicht können. Weil man ihnen eine Zusammenstellung von Wissen einfach nur serviert, ohne sie nach ihren Vorzügen zu fragen, entstehen immer uneigenständigere Generationen mit passiver politischer Loyalität. Die Vermutung liegt nahe, dass individuelles und soziales Lernen mehr und mehr gelähmt statt begünstigt wird.

4.1 Die vier zentralen Kritikpunkte

a) Schulischer Unterricht bedeutet Fremdbestimmung. So werden Teilnahmslosigkeit und Aggression häufiger. Besseres Lernen bedeutet ,,mehr lernen".

b) Unter dem institutionellen Einfluss leidet die Beziehung Lehrer Schüler. Schulen sind wie Fabriken rationell, spezialisiert. Aktives, selbstdiszipliniertes Lernen findet kaum Platz. Die Frage drängt sich auf, ob wir professionelle Lehrer überhaupt brauchen.

c) Schule ist etwas für Reiche und Privilegierte, denn das meiste Geld wird nicht für die Mehrheit, sondern entsprechende Bildungsgänge verwandt.

d) Vieles von dem, was man in der Schule lernt, ist irrelevant, wirkt den Problemen der Gesellschaft nicht entgegen und ist wirklichkeitsfern.

5 Lehrerbildung

Lehrerbildung20 und Lehreralltag klaffen zu weit auseinander. Und weil Lehrer diejenigen sind, welche den direkten Kontakt zu den Schülern haben, muss sich - wenn Schule neu entstehen soll - auch die Lehrerbildung ändern. Die Welt ist ständig im Wandel, doch die Weiterentwicklung der Schule konnte nicht mithalten. Das Studium bzw. die Ausbildung eines angehenden Lehrers gilt mittlerweile als zu passiv und zu theoretisch.

5.1 Forderungen an die neuen Lehrer

a) Lehrer sollen die Eigenheiten ihrer Persönlichkeit mit einbeziehen, sie zunutze machen und so Gemeinschaft und Wissensvermittlung fördern.

b) Jeder, vorausgesetzt er hat das Zeug dazu, sollte Lehrer werden können. Die Option, schlechte Lehrer entlassen zu können, muss ebenso gegeben sein. Um also eingeschätzt werden zu können, sollte ein generelles Probejahr genügen.

c) Jeder Lehrer soll ein Vorbild sein. Nötige Erfahrung dafür findet er überall - auf der ganzen Welt. Er gibt also nicht nur Bildung und Können weiter, sondern befähigt seine Schüler auch zur Gemeinschaftstauglichkeit und kritischer Betrachtung.

d) Lehrer brauchen nebst Fachwissen allgemeine Bildung. Die sogenannten Kenntnisse und Fertigkeiten vermitteln sie nicht bloß mit der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin, sondern aus einem Lebenszusammenhang heraus.

e) Den durch ihre Arbeit entkräfteten Lehrern oder solchen, die aus anderen Gründen ihrem Amt entsagen wollen, sollten faire Ausstiegsmöglichkeiten geboten werden.

f) Lehrer müssen Zeit zum Kennen-lernen und (Weiter-) Entwickeln guten Unterrichts bekommen. Sie müssen ständig Erfahrungen sammeln und mit Kollegen austauschen. Dazu sind wöchentliche Konferenzen von Vorteil. Erfahrung zieht Verbesserung nach sich.

g) Was dem Lehrer nicht passt, soll er sagen dürfen und müssen. Er muss nicht nur Mut zur Reform, zur sanften Revolution haben, sondern sich selbst dazu verpflichtet fühlen, diese anzutreiben21.

6 Fazit

Ähnlich wie meine Kommilitonin Bente Anger denke ich, dass Schule nicht nur ein Ort für ,,fachliches Lernen" sein soll. Denn gleichzeitig spielt ,,soziales Lernen" eine große Rolle. Beides ist automatisch miteinander verknüpft. Oberflächlich betrachtet, schicken die Eltern ihre Sprösslinge in die Schule, damit sie sich mit Deutsch, Mathe und Sachkunde auseinandersetzen. Doch ebenso wichtig wird für diese, ihre Position in der Gruppe, in der Klasse, in der Gesellschaft zu finden. Nach dem Kindergarten bietet die Schule dazu das Sprungbrett. Wie Fend22 sagt, werden ja nicht nur

Kenntnisse, sondern auch Tugenden vermittelt. Ferner lernen die Kinder neben diesen Arbeitstugenden, wie man sich benimmt. Jedem fällt es unterschiedlich leicht, gesellschaftliche Normen zu akzeptieren. Aber auch, wenn es ihm noch so schwer fällt, darf der gesellschaftliche Integrationsversuch seitens der Schule nicht frühzeitig nachlassen. Ich spreche mich hiermit also gegen ein ausnahmsloses Abschieben von Problemschülern aus, so wie es Giesecke23 vorsieht.

Schule ist Treffpunkt. Dort entstehen weitaus mehr Freundschaften als Konflikte.

Diese Gemeinschaftlichkeit erzeugt unweigerlich eine notwendige menschliche

Atmosphäre, welche es nicht nur Schülern, sondern auch Lehrern angenehmer macht, dem sog. ,,Primärziel" Wissensvermittlung nachzugehen. Und durch eine solche Umgebung steigt außerdem die Motivation des Schülers. Entfaltung einer individuellen Persönlichkeit darf nicht unterdrückt werden. Denn angenommen, der Schüler wäre bloß ein Objekt, dem nur Fachwissen eingeprägt wird, und das seine Gefühle in einem gefühlskalten Lebensraum unterdrücken muss, das ,,Endprodukt" wäre bestimmt besonders intellektuell, wüsste aber nicht mit seinen Gefühlen und Mitmenschen umzugehen. Anders ausgedrückt - gesellschaftsfähig wäre es so auch nicht. Da stellt sich doch die Frage, was wichtiger ist: Fachwissen oder Soziabilität?

Offenkundig ist Fachwissen allein nicht die richtige Antwort. Und zusätzlich zur ,,Wissensvermittlungs-Schule" eine ,,Soziabilitäts-Schule" einzurichten, hielte ich für ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft.

Meines Erachtens leistet Schule für die Jugendlichen noch immer den wichtigsten Teil zur Vorbereitung auf das Erwachsensein in Deutschland. Wenn es in meiner Macht stünde, würde ich, um diese Vorbereitung noch zu verbessern, zusätzlich das Unterrichtsfach ,,Allgemeinbildung" einführen. Der Lehrplan - brisanter Bestandteil des Themas ,,Wozu ist die Schule da?" - scheint mittlerweile zu vergessen: Auch für einen Gymnasiasten ist sinnvoller zu wissen, was die französische Revolution war, und weshalb die Türkei kein Mitglied der EU ist, als die Pentose24 zu kennen oder einen planaren Graphen25 berechnen zu können. Oftmals sieht ein Schüler keinen Sinn darin, sich den vorgeschriebenen Stoff aneignen zu müssen. Der beliebte Spruch ,, Du lernst f ü rs Leben und nicht f ü r die Schule!" ist hier fehl am Platz. Häufig lernt er nur, um eine gute Note zu bekommen, nicht um des Wissens willen. Das ist sehr schade, denn so wird viel Gelerntes schnell ,,verlernt". Vielleicht wäre es tatsächlich besser, die Schüler ab einem gewissen Alter selbstständig entscheiden zu lassen, in welchem Bereich sie sich weiterhin fortbilden. Die Schule nähme die Funktion eines Wegweisers ein, würde verstärkt individuelle Interessen und eigenständige Informationsbeschaffung fördern26. Bestünde Leistungsüberprüfung weiterhin, wäre noch abzuklären, wie sie durchzuführen sei.

Wozu die Schule da ist, frage ich mich nun seit meinem Start als Praktikant an der Bertha-von-Suttner-Gesamtschule in Siegen27. Prof. Dr. Fichtner wollte von mir wissen, was ein guter Lehrer sei. Ich zählte ihm meine lange Liste von Anforderungen auf. Jetzt, wo ich mich daran zurück erinnere, wird mir bewusst, dass dieser möglichst vielen28 Ansprüchen nur dann gerecht werden kann, wenn die Klasse eine wörtlich ,,überschaubare" Größe hat. Denn ich denke, die Schule bzw. (je-) der Lehrer soll gegebenenfalls auch die Möglichkeit haben, sich dem einzelnen Schüler zu widmen. Folglich muss der Staat im Gegensatz zum aktuellen Trend wieder mehr Kapital zur Verfügung stellen.

Damit will ich ausdrücken, die Schule - wenn sie endlich konsequent reformiert, umorganisiert wird - kann die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und menschlichen Bedürfnisse erfüllen. Dazu reicht keine Klassenverkleinerung allein. Es sollte beispielsweise an jeder Schule Spezialisten für die Probleme der Jugendlichen geben, mit besonderer Aufmerksamkeit für Pubertierende. Wir leben doch im ,,Sozialstaat"

Deutschland - also sollten wir in der Lage sein, unseren Kindern ein lernfreundliches Klima zu bieten, für sie da sein, wenn sie unsere Hilfe brauchen. Dass dazu immer weniger Eltern in der Lage sind, ist ja allseits bekannt. Vermutlich ist es u. a. auf ihre eigene Erziehung zurückzuführen, deren Lücken auch nicht von der Schule ausgefüllt wurden. Im Gegensatz zu Gieseckes Vorstellungen sollte sie sich dies aber zur Aufgabe machen. Und um diese Aufgabe bewältigen zu können, sollten Schule und Jugendhilfe präventiv fusionieren, statt Brave und Störer voreilig voneinander zu trennen29 (denn diese können auch voneinander lernen).

Lernfreundliches Klima beinhaltet Chancengleichheit für jeden. Oft höre ich, wie besonders die jungen Menschen unsere Ellbogengesellschaft verachten. Entsteht diese denn nicht Jahr für Jahr in den Schulen selbst, wo Leistungen zensiert, Schüler selektiert, die Guten gelobt und die Schlechten getadelt werden? Aber sind wir nicht ebenso verpflichtet, sie auf die ,,harte Wirklichkeit" danach vorzubereiten? Außerdem wollen viele Kinder wissen, wie ihre Leistung eingeschätzt wird und sind auf jede neue Note gespannt.30

Eltern und Lehrer sollten sich gegenseitig unterstützen und kooperieren. Dazu ist viel Gedanken- und Meinungsaustausch zwischen beiden Seiten unerlässlich - auch zur Vermeidung von Konflikten. Kucharz und Sörensen haben es treffend formuliert: ,, Es geht schlie ß lich um die eigenen Kinder!"31 Die Lehrer können die gesamte Aufgabe jedenfalls nicht allein bewältigen. Sie sollten auch untereinander mehr Zusammenarbeit leisten. Damit sie dem Erziehungsauftrag ebenso wie dem Bildungsauftrag gerecht werden können, halte ich die an der Universität Siegen vorgeschriebenen Praktika für enorm wichtig. Schließlich will nicht nur die Wissensvermittlung, sondern auch menschlicher Umgang, Einfühlungsvermögen und Objektivität geübt sein. Die häufig bemängelte zu theoretische Lehrerausbildung sollte mittlerweile der Vergangenheit angehören.

Um Schule zu verbessern, ist ein ,, Generationswechsel"32 nötig. (Alte) Lehrer, die gehen möchten, sollen die Möglichkeit haben, dies zu tun. ,, [Der] Seufzer des Schulleiters: Es sei schon schwer, gute Lehrer zu bekommen, aber vollkommen aussichtslos, die schlechten loszuwerden!"33 Ich selbst kannte einen brummigen Lehrer, der mir immer exakt sagen konnte, wie viele Tage bis zu den nächsten Ferien übrig sind. Dass er so ungern zur Schule ging, war für seinen Unterricht gewiss nicht förderlich - zum Glück ist er jetzt Rentner. Fragwürdig finde ich Hentigs Vorschlag, jeden Lehrer werden zu lassen, der eine Probezeit besteht - egal, welche Ausbildung er absolviert hat. Kinder sind doch keine Probanden.

Wie Giesecke, Kucharz, Sörensen, Gudjons, Hentig u. a. habe auch ich hiermit kein neues Schulkonzept vorgelegt - dazu fühle ich mich nicht in der Lage. Aber ich habe einige Ansätze zur Veränderung präsentiert. Die Schule soll kommenden Generationen neue Möglichkeiten eröffnen und unsere Welt näher bringen. Eins steht fest: Bildung und Erziehung gehören zusammen.

7 Literatur

Auernheimer, G. (1987): Bis auf Marx zurück. Historisch-materialistische Schultheorien. In: Tillmann, K.-J. (Hrsg.) (1987, 1. Aufl.): Schultheorien. Mit Beiträgen von Wolfgang Klafki. Bergmann + Helbig: Hamburg. S.61-70

Bayrhuber, H. / Kull, U. u. a. (1989, 20. Aufl.): Linder Biologie. Schroedel Schulbuchverlag: Hannover.

Brück, H. / Modell, E. (1978, 1. Aufl.): Die Angst des Lehrers vor seinem Schüler: Zur Problematik verbliebener Kindlichkeit in der Unterrichtsarbeit des Lehrers. Rowohlt-Verlag: Reinbek bei Hamburg.

Brusten, M. / Hurrelmann, K. (1973): Abweichendes Verhalten in der Schule. Eine Untersuchung zu Prozessen der Stigmatisierung. Juventa-Verlag: München. Dauber, H. (1987): Radikale Schultheorie? Kulturrevolutionäre Perspektiven bei Freire und Illich. In: Tillmann, K.-J. (Hrsg.) (1987, 1. Aufl.): Schultheorien. Mit Beiträgen von Wolfgang Klafki. Bergmann + Helbig: Hamburg. S.105-115 Fauser, P. (Hrsg.) (1996): Wozu die Schule da ist. Eine Streitschrift der Zeitschrift »Neue Sammlung«. Friedrich-Verlag: Seelze [Sonderdruck aus Neue Sammlungen 1/96].

Fend, H. (1969): Sozialisierung und Erziehung. Eine Einführung in die Sozialisierungsforschung. Beltz: Weinheim.

Fend, H. (1980): Theorie der Schule. Urban & Schwarzenberg: München.

Giesecke, H. (1995): Wozu ist die Schule da? In: Neue Sammlung, 35. Jg., H. 3, S.93-104 [nachgedruckt in Fauser 1996, S.5-16].

Gudjons, H. (Hrsg.) (1989, 5. Aufl.): Didaktische Theorien. Mit Beiträgen von Wolfgang Klafki. Hamburg: Bergmann + Helbig.

Gudjons, H. (1995, 4. Aufl.): Pädagogisches Grundwissen. Überblick -

Kompendium - Studienbuch. Julius Klinkhardt: Bad Heilbrunn. S.257-270

Hensel, H. (1993): Die neuen Kinder und die Erosion der alten Schule. Kettler: Bönen.

Hentig, H. v. (1993): Die Schule neu denken. Hanser: München. Homfeldt, H.-G. (1974): Stigma und Schule. Düsseldorf.

Hundt, E. u. a. (Hrsg.) (1981, 4. Aufl.): Schüler-Duden. Die Mathematik I. [...] (5.- 10. Schuljahr). Dudenverlag: Mannheim.

Kucharz, D./Sörensen, B. (1996): Die Schule ist für alle Kinder da! In: Fauser, P. (Hrsg.) (1996): Wozu die Schule da ist. Eine Streitschrift der Zeitschrift »Neue

Sammlung«. Friedrich-Verlag: Seelze [Sonderdruck aus Neue Sammlungen 1/96]. S.17-25

Klafki, W. (1989): Didaktische Theorien. In: Gudjons, H. (Hrsg.) (1989, 5. Aufl.): Didaktische Theorien. Mit Beiträgen von Wolfgang Klafki. Hamburg: Bergmann + Helbig.

Muck, M. (1980, 1. Aufl.): Psychoanalyse und Schule: Grundlagen, Situationen, Lösungen. Klett: Stuttgart.

Muck, M. und G. (1987): Bis auf Freud zurück. Die Psychoanalyse der Schule als Institution. In: Tillmann, K.-J. (Hrsg.) (1987, 1. Aufl.): Schultheorien. Mit Beiträgen von Wolfgang Klafki. Bergmann + Helbig: Hamburg. S.73-86

Nitsche, A. (Referentin): ,,Volksbegehren. Die bessere Schulreform.

Pressemitteilung." URL: www.bllv.de/volksbegehren/presse.html, 2000, 16.9.2000.

Tillmann, K.-J. (Hrsg.) (1987, 1. Aufl.): Schultheorien. Mit Beiträgen von Wolfgang Klafki. Bergmann + Helbig: Hamburg.

Tillmann, K.-J. u.a. (1988): Theorie der Schule. (Studienbrief der Fernuniversität Hagen) Hagen.

Wellendorf, F. (1973): Schulische Sozialisation und Identität. Zur Sozialpsychologie der Schule als Institution. Beltz: Weinheim.

[...]


1 In: Neue Sammlung, 35. Jg., H. 3, S.93-104 [nachgedruckt in Fauser 1996, S.5-16].

2 In: Fauser (1996) S.17-25

3 Kucharz/Sörensen (1996): Die Schule ist für alle Kinder da! In: Fauser (1996). S.25

4 Absichtlich legt Giesecke in ,,Wozu ist die Schule da?" noch kein detailliertes Ergebnis vor, um nicht zu überziehen.

5 vgl. Hensel, Horst (1993): Die neuen Kinder und die Erosion der alten Schule. zit. n.: Giesecke (1995): Wozu ist die Schule da? In: Neue Sammlung, 35. Jg., H. 3, 93-104 [nachgedruckt in Fauser 1996, S.6].

6 Gudjons, (1995) S.257-270

7 vgl. Gudjons, (1995) S.258 »Januskopf«

8 Fend (1969) S.130f.; zit. n.: Gudjons (1995) S.260

9 Tillmann (1988) S.30ff.; zit. n.: Gudjons (1995) S.260

10 Fend (1980); zit. n.: Gudjons (1995) S.262f.

11 Klafki (1989); zit. n.: Gudjons (1995) S.263

12 vgl. Auernheimer (1987); zit. n.: Gudjons (1995) S.264

13 vgl. Wellendorf (1973); zit. n.: Gudjons (1995) S.265

14 vgl. Muck, M. u. G. (1987, 74) ; zit. n.: Gudjons (1995) S.265

15 vgl. Muck (1980); zit. n.: Gudjons (1995) S.265

16 vgl. Brück, H. (1978); zit. n.: Gudjons (1995) S.265

17 vgl. Brusten/Hurrelmann (1973), Homfeldt (1974); zit. n.: Gudjons (1995) S.267

18 vgl. Gudjons (1995) S.268, Abb.36 »Der Teufelskreis der Stigmatisierung«

19 Dauber (1987)

20 Hentig, H. v. (1993) S.248ff.

21 vgl. Hentig, H. v. (1993) S.258f. »Der Sokratische Eid«

22 vgl. Fend (1980); zit. n.: Gudjons (1995) S.262

23 vgl. Giesecke, H. (1995): Wozu ist die Schule da?

24 Bayrhuber, H. / Kull, U. u. a. (1989, 20. Aufl.): Linder Biologie. Schroedel

Schulbuchverlag: Hannover. S.46: ,,Pentosen sind z.B. die Ribose und die sauerstoffärmere Desoxyribose. Sie sind Bestandteil der Nukleinsäuren."

25 Hundt, E. u. a. (Hrsg.) (1981, 4. Aufl.): Schüler-Duden. Die Mathematik I. [...] (5.-10.

Schuljahr). S.164: ,,Ein Graph heißt [...] planar, wenn er in einer Ebene so gezeichnet werden kann, dass sich die Kanten nur in den Ecken treffen."

26 vgl. Gudjons, H. (1995) S.270 »Radikale Schulkritik«

27 während meines ersten Semesters

28 Ich denke, ein Lehrer kann nicht alle Ansprüche erfüllen. Schließlich ist er ,,auch nur ein Mensch".

29 vgl. Giesecke, H. (1995): Wozu ist die Schule da? In: Neue Sammlung, 35. Jg., H. 3, 93- 104 [nachgedruckt in Fauser 1996]. S.14, Abs.11

30 Prof. Dr. Weinmann an der Universität Siegen sagte im Rahmen einer Vorlesung der klinischen Psychologie im SoSe 2000 entsprechend dem Yerkes-Dodsonschen Gesetz (sinngemäß): ,,Unter positiven Anregungsbedingungen leisten ängstliche Schüler mehr. Ein gewisses Erregungspotential - der Notendruck - bewirkt durchschnittlich lösungsrelevantes Verhalten."

Fragt sich, ob es nicht positivere Anregungsbedingungen als den Notendruck gibt.

31 Kucharz/Sörensen (1996): Die Schule ist für alle Kinder da! In: Fauser (1996). S.24, Abs.6

32 Giesecke, H. (1995): Wozu ist die Schule da? In: Neue Sammlung, 35. Jg., H. 3, 93-104 [nachgedruckt in Fauser 1996]. S.15

33 Hentig, H. v. (1993): Die Schule neu denken. Hanser: München. S.252

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Wozu ist die Schule da?
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Einführung in die Erziehungswissenschaft
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V98861
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es ist eine Referat-Ausarbeitung mit dem Umfang einer Hausarbeit. Zur Diskussion steht, was am System Schule mittlerweile zu verbessern sei. Die Ansichten anerkannter Erziehungswissenschaftler werden vorgestellt.
Schlagworte
Wozu, Schule, Einführung, Erziehungswissenschaft
Arbeit zitieren
René Baldus (Autor), 2000, Wozu ist die Schule da?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98861

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