Besseres Entscheidungen durch Achtsamkeit. Über den Zusammenhang zwischen Achtsamkeit, Cognitive Reflection und den Entscheidungskompetenzen


Bachelorarbeit, 2020

79 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Teil
2.1 Achtsamkeit
2.1.1 Herkunft und Popularität
2.1.2 Begriffsbestimmung und Definition
2.1.3 Wirkmechanismen der Achtsamkeit
2.2 Cognitive Reflection
2.3 Entscheidungskompetenzen
2.3.1 Relevante Entscheidungstheorien
2.3.2 Heuristik-basiertes-Entscheiden und kognitive Verzerrungen
2.3.3 Begriffsbestimmung Entscheidungskompetenzen
2.3.4 Interpersonelle Unterschiede bezüglich der Entscheidungskompetenzen
2.4 Forschungsstand
2.4.1 Achtsamkeit und Entscheidungskompetenzen
2.4.2 Achtsamkeit und Cognitive Reflection
2.5 Ableitung der Forschungsfrage und Hypothesen

3 Methoden
3.1 Stichprobe
3.2 Untersuchungsdesign und Durchführung
3.3 Erhebungsinstrumente und –material
3.3.1 Mindfulness Attention and Awareness Scale
3.3.2 Adult Decision Making Competence
3.3.3 Cognitive Reflection Test
3.4 Datenaufbereitung und statistische Verfahren

4 Ergebnisse
4.1 Deskriptivstatistische Analyse
4.2 Inferenzstatistische Datenanalyse
4.2.1 Primärhypothesen
4.2.2 Sekundärhypothesen

5 Diskussion
5.1 Diskussion der Studienergebnisse
5.1.1 Diskussion der Primärhypothesen
5.1.2 Diskussion der Sekundärhypothesen
5.2 Limitationen dieser Studie
5.3 Implikationen für zukünftige Forschungen

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1Einordnung der relevanten Entscheidungstheorien

Tabelle 2Darstellung der Stichprobe nach Bildungsstand und Einkommen

Tabelle 3Test auf Cronbachs Alpha und Normalverteilung

Tabelle 4Deskriptive Statistiken für MAAS, CRT, SC, CAL

Tabelle 5Mittelwerte der Fragebögen nach Geschlecht

Tabelle 6Durchschnittlich richtige Antworten im CRT nach Bildungsstand

Tabelle 7Durchschnittliche Anfälligkeit für den Sunk-Cost Effekt nach Einkommenskategorie

Tabelle 8Ergebnisse der H1 bis H3

Tabelle 9Post-hoc Analyse der Gruppenunterschiede zur H5

Tabelle 10Post-hoc Analyse der Gruppenunterschiede zur H7

Tabelle 11 Ergebnisse der H4 bis H8

Abkürzungsverzeichnis

MAAS Mindfulness Attention and Awareness Scale

ADMC Adult Decision Making Competence

CRT Cognitive Reflection Test

CR Cognitive Reflection

MBSR Mindfulness-Based Stress Reduction

SAT Scholastic Assessment Test

SEU-Theorie Subjective Expected Utility Theorie

GGT Georgia Gambling Task

Abstract

Die vorliegende Bachelorarbeit befasst sich mit den Auswirkungen dispositioneller Achtsamkeit auf die Entscheidungskompetenzen. Ziel der Untersuchungen ist die Analyse einer vergleichsweise aufwandsarmen Interventionsmaßnahme für verbessertes Entscheidungsverhalten. Hierzu wurden 136 deutschsprachige ProbandInnen gebeten, zunächst die deutsche Version der Mindfulness Attention and Awareness Scale nach Brown & Ryan (2003) sowie danach die nach dem Ask-the-same-question Prinzip übersetzten Subskalen Under- Overconfidence sowie Sunk-Costs des Adult decision making competence inventory nach Bruine de Bruin et al. (2007) und die deutschsprachige Version des Cognitive Reflection Test nach Frederick (2005) zu bearbeiten. Anschließende Analysen konnten zwischen dispositioneller Achtsamkeit und den untersuchten Entscheidungskompetenzen (Confidence Bias, r = .092, p = .289; Sunk-Cost Effekt, r = .165, p = .054; und Cognitive Reflection, r = .040, p = .648) keine signifikanten Zusammenhänge bestätigen.

Im Rahmen einiger Replikationsuntersuchungen wurden soziodemografische Daten der untersuchten Stichprobe mit den im Rahmen der Entscheidungskompetenzen erfassten Variablen analysiert. Dabei bestätigte sich, dass Männer signifikant mehr Fragen im Cognitive Reflection Test richtig beantworten als Frauen (p = .029, z = -1.896). Zudem konnten im Zusammenhang mit der Anzahl der richtigen Antworten im Cognitive Reflection Test signifikante Unterschiede aufgrund der jeweiligen Bildungskategorie ermittelt werden (χ ²(2) = 19.643, p = .000). Es zeigte sich außerdem, dass das Alter negativ mit der Anfälligkeit für den Sunk-Cost Effekt korreliert (r = .384, p = .003, n = 136). Hinsichtlich des Sunk-Cost Effekts konnten ebenfalls signifikante Unterschiede bezüglich verschiedener Einkommenskategorien bestätigt werden (χ ²(3) = 14.749, p = .002). Zu guter letzt wurden Zusammenhänge zwischen der Confidence Bias und dem Alter analysiert. Dabei ergaben sich allerdings keine signifikanten Ergebnisse (r = -.138, p = .110, n = 136). Die Thesis hat einen Umfang von 21801 Wörtern. Grundlage ist der Leitfaden zum wissenschaftlichen Arbeiten in der Wirtschaftspsychologie in der Version 1.1 vom 01.08.2019.

1 Einleitung

Menschen sind täglich dazu gezwungen, eine Vielzahl an Entscheidungen zu treffen. Das Auswählen zwischen Alternativen macht daher einen der substanziellen Inhalte des Lebens aus. Nicht nur im politischen oder ökonomischen Kontext, auch privat, stellen die Konsequenzen der getroffenen Wahlen die Weichen für zukünftige Lebensinhalte und –umgebungen.

Es bestehen zahllose Beispiele, wie schlechte Entscheidungen zu negativen Resultaten führten (Keeney, 2008), die in vielen Fällen irreversible Schäden verursachten. Keeney (2008) vertritt die provokante These, dass die eigenen Entscheidungen die Todesursache Nummer eins seien. Anhand einer Todesursachenstatistik legt der Entscheidungswissenschaftler dar, dass 55 % der frühzeitigen Todesfälle auf persönliche Entscheidungen zurückgeführt werden können (Keeney, 2008). Häufig haben kleine Entscheidungen, wie das Rauchen einer Zigarette oder das nicht-Benutzen eines Kondoms weitreichende Konsequenzen zur Folge. Zudem seien etwa 6 % der Todesfälle aufgrund schlechter Entscheidungen anderer Menschen verursacht (Keeney, 2008). Die Komplexität von Entscheidungen steigt je nach Anzahl der Alternativen, der Fülle an relevanten Informationen, sowie der Reichweite der Konsequenzen (Hastie, 2001). Im Bereich der Politikwissenschaften sowie der Wirtschaftswissenschaften haben sich deshalb zahlreiche Theorien etabliert, die stets das Ziel optimaler Resultate verfolgen. Vor allem das Treffen rationaler Entscheidungen, wie sie im Rahmen der Theorien des Homo oeconomicus (Mill, 1836) häufig genannt werden, steht hierbei im Vordergrund. Dabei wird davon ausgegangen, dass Menschen alle verfügbaren Informationen betrachten und anschließend die Wahlmöglichkeit treffen, die den größten Nutzen verspricht (Hayek, 1960).

Gerade die psychologische Erforschung von Entscheidungen konnte allerdings zeigen, dass Menschen systematisch die Grundsätze der Rationalität, der Statistik oder anderer normativer Modelle der rationalen Entscheidungsfindung verletzten (Kahneman & Tversky, 1974). Anstatt Entscheidungen zu treffen, die auf diesen nutzenmaximierenden Modellen basieren, neigen Menschen dazu Heuristiken zu verwenden, welche allerdings mit Fehlern oder Verzerrungen im Entscheidungsverhalten einhergehen können (Kahneman & Tversky, 1983). Es ergibt sich die Frage, wie solche Fehler vermieden werden können, um die Qualität von Entscheidungen zu verbessern.

Ein Konstrukt, das mit steigender Popularität in der psychologischen Forschung betrachtet wird, könnte hierbei einen einfachen, aber hilfreichen Ansatz zur Verbesserung bieten. Die Rede ist von Achtsamkeit. Das Konstrukt, welches sich mittlerweile zu einem Modethema (Bishop et al., 2004) entwickelt hat, wird mit einer Vielzahl an wünschenswerten gesundheitlichen Outcomes in Verbindung gebracht. Untersuchungen haben gezeigt, dass höhere Ausprägungen derselben mit zahlreichen positiven psychologischen, kognitiven sowie verhaltensbezogenen Effekten einhergehen. So konnte beispielsweise nachgewiesen werden, dass Achtsamkeitstraining mit einer Zunahme der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses (Mrazek, Phillips, Franklin, Broadway & Schooler, 2013) sowie mit verbesserter Fähigkeit zum Problemlösen (Ostafin & Kassman, 2012) korreliert. Die vorliegenden Ergebnisse zum Forschungsgebiet finden nach und nach Anklang in der Praxis. So wird im Jahr 2020 an 370 englischen Schulen ein neues Unterrichtsfach eingeführt: Achtsamkeit. Aufgrund der Tatsache, dass psychische Krankheiten eine steigende Tendenz aufweisen und sich junge Menschen mit der zunehmenden Komplexität der modernen Welt überfordert fühlen (Sadler et al., 2018), wird in diesem Pilotprojekt des britischen Gesundheitsministeriums getestet, ob sich positive Effekte durch die Einführung des neuen Unterrichtsfachs feststellen lassen (Department of Education, 2019).

Zusammenfassend lassen sich zwei zentrale Annahmen zur Achtsamkeit formulieren, welche einerseits maßgeblich für die Popularität des Konstruktes verantwortlich und auch für die vorliegende Arbeit von fundamentaler Bedeutung sind: Achtsamkeit ist mit zahlreichen positiven Outcomes verbunden und Achtsamkeit ist mit relativ wenig Aufwand trainierbar (Grossman, Niemann, Schmidt & Walach, 2004). Aufgrund vielversprechender Forschungsergebnisse, welche auch positive Effekte des Konstruktes auf die Informationsverarbeitung, die Aufmerksamkeit oder eine geringere Anfälligkeit für kognitive Verzerrungen nachweisen konnten (Hafenbrack, Kinias & Barsade, 2014), stellt Achtsamkeit womöglich eine effiziente Methode dar, die Entscheidungskompetenzen von Individuen zu verbessern und hierdurch insgesamt die Qualität getroffener Wahlen zu erhöhen.

In der vorliegenden Arbeit wird folglich untersucht, ob eine stärkere Achtsamkeit mit verbesserten Entscheidungskompetenzen einhergeht. Zur Operationalisierung der Achtsamkeit wird die Mindfulness Attention and Awareness Scale (MAAS) nach Brown und Ryan (2003) herangezogen. Bezüglich einer angenommenen Auswirkung auf die Entscheidungskompetenzen wird zur Messung das Adult Decision Making Competence Inventory (AMDC) nach Bruine des Bruin, Parker und Fischhoff (2007) verwendet. Zusätzlich soll mithilfe des Cognitive Reflection Test (CRT, Frederick, 2005) eine mögliche Auswirkung auf verbesserte Cognitive Reflection (CR) untersucht werden.

Der Forschungsstand zu beiden Konstrukten im Hinblick auf die Qualität von Entscheidungen ist gerade im deutschsprachigen Raum als gering einzustufen, weshalb in diesem Zusammenhang eine Nachfrage nach weiteren Untersuchungen besteht. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es folglich, einerseits einen möglichen Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und verbesserten Entscheidungskompetenzen zu untersuchen und andererseits aufgrund der vorliegenden Forschungslücke einen Beitrag zu deren Verringerung zu leisten.

Die folgende Arbeit ist sinngemäß nach den Schritten des Forschungsprozesses gegliedert. Zunächst soll mittels theoretischer Grundlagen ein Verständnis für die Konstrukte Achtsamkeit und Cognitive Reflection geschaffen werden. Im Vordergrund steht innerhalb dieses Kapitels ebenfalls die Betrachtung von Entscheidungskompetenzen und deren Definition. Hierfür werden zunächst einige relevante Entscheidungstheorien aus den Bereichen Ökonomie und Psychologie näher betrachtet. Anschließend wird untersucht, welche Faktoren zu einer Verringerung der Entscheidungsqualitäten führen könnten. In einem dritten Schritt werden hierdurch bestimmte Annahmen getroffen, was geeignete Kompetenzen für Entscheidungen sind. Das darauffolgende Kapitel dient der genaueren Erläuterung des Forschungsvorhabens, wobei Untersuchungsdesign und Messinstrumente im Fokus stehen. Schließlich werden in Kapitel 4 die Ergebnisse der durchgeführten Studie präsentiert. Die Diskussion der vorgenommenen Analysen wird in Kapitel 5 unternommen. Eine Zusammenfassung der Arbeit sowie ein Fazit sind dem letzten Kapitel zu entnehmen.

2 Theoretischer Teil

2.1 Achtsamkeit

Innerhalb dieses Kapitels sollen zunächst Ursprung und Verbreitung des Achtsamkeitskonzeptes erläutert werden. Darauf folgend wird der Begriff mithilfe der Konzepte nach Bishop et al. (2004) und Brown und Ryan (2003) definiert. Abschließend wird auf die Wirkmechanismen von Achtsamkeit eingegangen.

2.1.1 Herkunft und Popularität

Das Konzept der Achtsamkeit hat seine Ursprünge in der über 2500 Jahre alten Tradition des Buddhismus, lässt sich jedoch in ähnlicher Form auch in anderen spirituellen Lehren finden (Kabat-Zinn, 1982). Die buddhistische Definition der Achtsamkeit bezieht sich auf eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit auf die Erfahrungen des gegenwärtigen Moments, „[…] ohne zu bewerten oder sich mit ihnen zu identifizieren.“ (Rose & Walach, 2009, S. 26). Folglich beziehen sich die Charakteristika der achtsamen Aufmerksamkeit im Sinne der buddhistischen Lehre zum einen auf die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit auf den Moment, ohne dabei in die Vergangenheit oder Zukunft abzuschweifen und zum anderen durch die nicht wertende, sondern nur wahrnehmende Haltung gegenüber den Erfahrungen des gegenwärtigen Moments. Diese besondere Form der Aufmerksamkeit stellt nach der buddhistischen Auffassung eine Fähigkeit dar, zu der grundsätzlich jeder Mensch in der Lage ist. Der übliche Modus der Aufmerksamkeit ist meist jedoch stark durch Bewertungen und emotionale Reaktionsmuster gefiltert, wodurch die Realität verzerrt wahrgenommen wird (Grossman et al., 2004). Das Einüben der speziellen Form der Aufmerksamkeit erfolgt nach der buddhistischen Lehre durch das Praktizieren von Meditationstechniken (Kabat-Zinn, 2013).

Die buddhistische Lehre stellt jedoch keine wissenschaftliche Theorie dar, sondern verweist lediglich auf „Äußerungen erfahrbarer, fundamentaler Tatsachen und Merkmale der menschlichen Existenz“ (Rose & Walach, 2009, S.34). Trotz der behavioristisch geprägten Sichtweise des 20. Jahrhunderts, welche individuelle Erfahrungen nicht als valide Quelle von Wissen anerkennt, wurde das Konzept von Verhaltenstherapeuten aufgrund der positiven gesundheitlichen Effekte in der psychotherapeutischen sowie klinischen Psychologie aufgegriffen und in die Praxis der westlichen Psychologie eingeführt (Grossman et al., 2004). Das Konzept hat in der Psychotherapie und klinischen Psychologie seither stark an Popularität gewonnen (Grossman et al., 2004). Dieser Erfolg der Einübung von Achtsamkeit ist zumindest teilweise auf das von Kabat-Zinn (1982) entwickelte Achtsamkeitstraining (Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR) zurückzuführen , welches im Rahmen verhaltenspsychologischer Programme inzwischen an weltweit über 700 Kliniken für Menschen mit psychischen Störungen aber auch körperlichen Erkrankungen eingesetzt wird (Kabat-Zinn, 2013) . Deutsche Validierungsstudien konnten auch für den deutschsprachigen Raum signifikante Effektstärken aufzeigen und untermauern somit die klinische Relevanz (Grossman et al., 2004). Mittlerweile konnten zudem einige Parallelen des Achtsamkeitskonzeptes zu modernen psychologischen Theorien aus dem Bereich der kognitiven Psychologie festgestellt werden (Dudley & Bankart, 2003).

Den Schwerpunkt der psychologischen Forschung zum Konzept bilden längst nicht mehr nur Wirksamkeitsstudien zu achtsamkeitsbasierten Interventionen, sondern beziehen sich auch auf verschiedenste gesunde Stichproben. Hierbei sind neben gesundheitlichen Resultaten der Achtsamkeit auch andere Outcomes, wie beispielsweise berufliche oder sportliche Zielgrößen von Interesse (Michalak, Heidenreich & Bohus, 2006).

2.1.2 Begriffsbestimmung und Definition

Inhaltlich gibt es bezüglich des Konstruktes einige konträre aber auch überlappende Auffassungen darüber, welche Aspekte genau unter Achtsamkeit zu verstehen sind (Rose & Walach, 2009). Im Folgenden sollen zur Begriffsbestimmung und dem Verständnis im Rahmen dieser Arbeit die Konzepte von Bishop et al. (2004) und Brown und Ryan (2003) näher betrachtet werden.

Bishop et al. (2004) bezeichnet Achtsamkeit auch als metakognitive Kompetenz und teilt das Konzept in zwei Komponenten auf: „Self-regulation of attention“ und „particular orientation toward one´s experiences“ (Bishop et al., 2004, S. 232). Bezüglich der ersten Komponente meinen die Autoren die Aufrechterhaltung des Aufmerksamkeitsfokus, welche im Zuge höherer Achtsamkeit mit verbesserter Vigilanz, einer verbesserten Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf verschiedene Objekte zu fokussieren, sowie der besseren Unterdrückung spontan aufkommender Gedanken, einhergeht. Die zweite Komponente bezieht sich auf eine offene Haltung gegenüber den momentanen Erfahrungen, welche durch aktives und akzeptierendes Zulassen geprägt ist. Die Autoren gehen aufgrund dessen davon aus, dass Achtsamkeit mit dispositioneller Offenheit, Affekttoleranz sowie höherer emotionaler Bewusstheit zusammenhängt (Bishop et al., 2004).

Das Konzept von Brown und Ryan (2003) unterscheidet sich von genanntem Konzept von Bishop et al. (2004) allen voran in der Auffassung, dass Achtsamkeit nicht nur als Zustand, sondern auch als dem Menschen natürliche Befähigung, welche auch unabhängig von Meditationspraxis möglich ist, existiert. Die Autoren sprechen hierbei von dispositioneller Achtsamkeit, welche zum einen bei jedem Menschen unterschiedlich hoch ausgeprägt ist, zum anderen auch intraindividuell stark variieren kann. Von zentraler Bedeutung ist auch, ob eine Übertragung der achtsamen Zustände auf Alltagssituationen gelingt (Brown & Ryan, 2003).

Bezugnehmend auf beide Konzepte wird innerhalb dieser Arbeit Achtsamkeit mithilfe der häufig anzutreffenden (z. B. Shapiro, Carlson, Astin, & Freedman, 2006) Definition von Kabat-Zinn (2015) betrachtet: ”the awareness that emerges through paying attention in a particular way: on purpose, in the present moment, and nonjudgmentally” (S. 4) Die Kernaspekte sind demnach die bewusste, nicht-wertende Lenkung der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment.

Hinsichtlich der Annahme, dass Individuen sich in ihrer Neigung oder Bereitschaft wahrzunehmen, was im Augenblick geschieht unterscheiden und die Ausprägung auch intrapersonal von verschiedenen Faktoren abhängt (Brown & Ryan, 2003), stellt sich die Frage nach geeigneten Messmethoden, um die inter- und intrapersonellen Unterschiede im Rahmen der Erfassung der dispositionellen Achtsamkeit feststellen zu können. Ausgehend von einer Studie zur Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Achtsamkeit und psychologischem Wohlbefinden, entwickelten Brown und Ryan (2003) die Mindfulness Attention and Awareness Scale. Tatsächlich konnten mithilfe eines Summenscores der MAAS deutliche Korrelationen mit Maßen für psychisches Wohlbefinden nachgewiesen werden. Diese Ergebnisse sprechen für die Sinnhaftigkeit der Erfassung von Achtsamkeit als Disposition.

2.1.3 Wirkmechanismen der Achtsamkeit

Die verschiedenen Auffassungen betonen neben der gesundheitlichen Relevanz des Achtsamkeitskonstruktes auch weitere wünschenswerte Effekte. So verspricht das buddhistische Konzept der Achtsamkeit durch deren Einübung einen größeren Wahrheitsgehalt der Wahrnehmung zu erreichen, indem Bewertungen und emotionale Reaktionsmuster leichter unterbunden werden können (Rose & Walach, 2009). Bishop et al. (2004) gehen von einer verbesserten Vigilanz, Affekttoleranz sowie höherer emotionaler Bewusstheit aus und Brown und Ryan (2003) sprechen von einer erhöhten Präsenz, Offenheit und Empfänglichkeit der Realität, welche weniger durch Schemata oder automatische Reaktionsmuster geprägt ist. Zusätzlich zu den genannten Effekten gibt es eine Vielzahl an Studien, welche signifikante Ergebnisse hinsichtlich Verbesserungen in depressiver Symptomatik, reduziertem Stresserleben, erhöhter Lebensqualität sowie positiver Auswirkungen hinsichtlich körperlicher Funktionen nachweisen konnten (Gopnik, Griffiths & Lucas, 2015).

Bezugnehmend auf diese positiven Effekte und um die Wirkung von Achtsamkeit auf die in dieser Arbeit untersuchten Entscheidungskompetenzen zu analysieren, braucht es ein grundlegendes Verständnis über die Wirkmechanismen der Achtsamkeit auf das Denken, Handeln und Entscheiden. Hierzu soll zunächst die ursprüngliche, aber nicht wissenschaftliche buddhistische Auffassung betrachtet werden. Anschließend wird im Rahmen der dispositionellen Achtsamkeit das Konzept von Brown und Ryan (2003) auf die hierin postulierten Wirkfaktoren beschrieben. Da sich hinsichtlich der psychologischen Wirkmechanismen mittlerweile eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze etabliert haben, soll abschließend auf die Mindfulness-to-Meaning Theorie (Garland, Kiken, Faurot, Palsson & Gaylord, 2017) eingegangen werden, da dieses Modell verschiedene Ansätze in ein Prozessmodell integriert.

Die buddhistische Auffassung der Wirkfaktoren differenziert zwischen einem üblichen Wachzustand und einem achtsamen Wachzustand. So ist der übliche menschliche Modus im Wachzustand meist von wenig achtsamer , stark mit Bewertungen und emotionalen Reaktionen und folglich durch verzerrte Wahrnehmungen sowie Täuschungen verbundener Wahrnehmung geprägt (Grossman et al., 2004). Durch Achtsamkeitsmeditation sowie dem systematischen Einüben können laut der buddhistischen Lehre emotionale Reaktionsmuster unterbunden werden, sodass ein Beobachten ohne zu bewerten oder zu urteilen möglich wird (Bauer, 2019). Hieraus resultiert eine grundlegende Haltung, mittels derer ein „größerer Wahrheitsgehalt der Wahrnehmung“ erreicht wird (Grossman et al., 2004, S. 117).

Da im Zuge dieser Arbeit das Konzept der dispositionellen Achtsamkeit nach Brown und Ryan (2003) relevant sein wird, soll insbesondere dieses hinsichtlich der Wirkmechanismen näher betrachtet werden. Die Autoren begegnen dem Konstrukt mittels einer negativen Definition und beschreiben Achtlosigkeit als die relative Abwesenheit von Aufmerksamkeit. Im alltäglichen Denken und Handeln werden einzelne Objekte meist nur sehr kurz in das Gewahrsein gerufen, weil Menschen normalerweise automatisch und nicht bewusst auf diese reagieren (Grossman et al., 2004). Bewusstseinsinhalte werden durch konditionierte Reaktionen aufgrund früherer Erfahrungen direkt in „gut“, „schlecht“ oder „neutral“, bzw. in bestehende Schemata kategorisiert (Brown, Ryan & Creswell, 2007b). Da Achtsamkeit laut den Autoren durch eine „enhanced attention to and awareness of current experience or present reality“ (Brown & Ryan, 2003, S.822) charakterisiert ist, handelt es sich hierbei um eine veränderte Form der kognitiven Verarbeitung, welche verstärkt mit dem „Bottom-up-Prinzip“ der Informationsverarbeitung (Kinchla & Wolfe, 1979, S. 225) vergleichbar ist. Brown et al. (2007b, S. 117) sprechen während der Beurteilung von Objekten von der Entstehung einer „mental gap“. Hierdurch gelingt es, automatische Reaktionsmuster sowie die Kategorisierung in bestehende Schemata zu reduzieren. Dieser Prozess weist Ähnlichkeiten mit dem „decentering“ (Good et al., 2016, S. 117) auf, welches den Vorgang einer Selbstdistanzierung von den eigenen Gedanken und Emotionen beschreibt.

Die Mindfulness-to-Meaning Theorie (Garland et al., 2017) integriert verschiedene Wirkmechanismen in ein Prozessmodell. Die Autoren beziehen sich hierbei auf das transaktionale Stressmodell von Lazarus (1999), indem innerhalb der Theorie die Neubewertung von Situationen im Vordergrund steht. Der durch die Achtsamkeit induzierte Vorgang des „decentering“ ermöglicht ein Loslösen von automatischen Bewertungen und einhergehender Reaktionen. Dabei wird angenommen, dass das „decentering“ aufgrund einer verbesserten metakognitiven Wahrnehmung ermöglicht wird, wodurch auch die momentanen Konfigurationen des Arbeitsgedächtnisses wahrgenommen und aufgelöst werden können (Garland et al., 2017). Anschließend stehen neue Kapazitäten im Arbeitsgedächtnis bereit und die flexible Neuorganisation von Informationen wird erleichtert. Die Autoren nennen als Beweis hierfür eine verbesserte flexible Aufmerksamkeitslenkung und eine breitere Situationswahrnehmung, in der zuvor vernachlässigte Informationen einbezogen werden (Garland et al., 2017).

2.2 Cognitive Reflection

Die Cognitive Reflection beschreibt einen bestimmten Denkmodus, der typischerweise mittels des Cognitive Reflection Test (Frederick, 2005) erfasst wird. Dieser Test wurde entwickelt, um die Tendenz zu untersuchen, eine intuitive aber falsche Antwortalternative zugunsten stärkerer Reflexion zu unterdrücken. Frederick (2005) definiert die kognitive Reflexionsfähigkeit als die „ability or disposition to resist reporting the response that first comes to mind” (Frederick, 2005, S. 35). Der zugrundeliegende Test umfasst Fragen, bei denen eine intuitive Antwort induziert wird, welche sich erst mithilfe höheren kognitiven Aufwandes als falsch herausstellt. Eines der Items: „In einem Kaufhaus kostet ein Tischtennisschläger inklusive einem Tischtennisball 1,10 €. Der Tischtennisschläger ist 1 € teurer als der Tischtennisball. Wie viel Cent kostet der Tischtennisball?“, wurde ursprünglich in einem vielbeachteten Artikel von Kahneman und Frederick (2002) zur Erforschung von Heuristiken und Biases entwickelt. Es stellte sich heraus, dass eine Vielzahl der ProbandInnen den gleichen charakteristischen Fehler begehen. „They behave like cognitive misers“ (Toplak, West & Stanovich, 2011, S. 1275). Die Ergebnisse der Untersuchungsgruppe spiegelten die Tendenz wider, die Antwort zu geben, die als erstes in den Sinn kommt und folglich nicht länger darüber nachzudenken, dass die gegebene Antwort auch falsch bzw. nicht richtig sein kann (Toplak, West & Stanovich, 2011).

Wie erwähnt entwickelte sich die Erforschung der CR innerhalb des Forschungsgebietes der Heuristiken und Biases und findet dort aufgrund des Aufgabenansatzes, dass zur Bearbeitung der Aufgaben des CRT eine inkorrekte, aber suggerierte Antwortalternative überschrieben werden muss, um zu einer richtigen Lösung zu gelangen, eine erhöhte Aufmerksamkeit. Grund hierfür ist, dass dieser nötige Denkprozess auf den Dual Prozess Theorien basiert, welche besagen, dass sich Menschen zweier kognitiver Systeme bedienen (Evans, 2008). System 1 arbeitet schneller, intuitiver und bedient sich verschiedener Heuristiken, während System 2 langsamer, reflektierter sowie bewusster arbeitet (Kahneman & Frederick, 2002). Außerdem werden dem System 2 zwei Hauptaufgaben zugeschrieben: Die Überwachung von System-1-Reaktionen sowie die Fähigkeit, System 1 wenn nötig außer Kraft zu setzen (Evans, 2008).

Die Erfassung des dem CRT zugrundeliegenden psychologischen Konstruktes ist auch deshalb von Interesse, da zwei verschiedene Aspekte gleichzeitig betrachtet werden. Zum einen ist dabei von den kognitiven Fähigkeiten die Rede, zum anderen von der Art des Denkens einer Person im Allgemeinen (Ackerman & Kanfer, 2004). Dieser Unterscheidung folgt eine Einteilung in die maximalen kognitiven Fähigkeiten einer Person sowie den typischerweise gezeigten Fähigkeiten im Alltag (Ackerman & Kanfer, 2004). Während die typischen kognitiven Leistungen in solchen Situationen vorzufinden sind, in denen keinerlei besondere Anreize gegeben sind und die Person ihre typische Herangehensweise wählt, sind maximale kognitive Leistungen meist durch externe Anweisungen induziert, genau diese zu versuchen. Zur Einordnung des CRT hat sich gezeigt, dass sich mittels des Tests eine Mischung aus den maximalen kognitiven Fähigkeiten und den dispositionellen Denkgewohnheiten messen lässt (Toplak, West & Stanovich, 2011). So sind zum einen Korrelationen mit Intelligenztests zu finden, bei denen durch Anweisung und Zielsetzung die maximale kognitive Performance gemessen werden soll. Beispielsweise korreliert der CRT zu r = . 44 mit dem Scholastic Assessment Test (SAT) oder zu r = .43 mit dem Wonderlic IQ-test (Frederick, 2005). Trotz der Hinweise auf Korrelationen mit kognitiven Fähigkeiten scheint der CRT auch Denkdispositionen zu messen, insbesondere in Bezug auf die Reflexivität sowie der Tendenz, nach alternativen Lösungen zu suchen (Toplak, West & Stanovich, 2011).

Studien haben gezeigt, dass der CRT, welcher ursprünglich nur zur Untersuchung der Tendenz eine intuitive, inkorrekte Antwort zu überschreiben entwickelt wurde, als Prädiktor für eine große Reichweite an Aufgaben tauglich ist (Toplak, West & Stanovich, 2011). So konnte Frederick (2005) den CRT als Prädiktor für Zeit- und Risikopräferenzen, aber auch zur Anfälligkeit auf Framing-Effekte nutzen. Oechssler, Roider und Schmitz (2009) fanden Zusammenhänge mit der Anfälligkeit für die Conjunction-fallacy (Kahnemann & Tversky, 1982), die eine kognitive Verzerrung darstellt, bei der Bedingungen mit zwei unabhängig vorliegenden Informationen als wahrscheinlicher eingeschätzt werden als Bedingungen mit einer einzelnen vorliegenden Information (Kahnemann & Tversky, 1982). Außerdem legen Studien nahe, dass höhere CR positiv mit solchen Entscheidungen korrelieren, die anhand der Expected Utility Theory (Morgenstern & Von Neumann, 1947), welche im folgenden Kapitel näher betrachtet wird , zu erwarten wären aber auch, dass interpersonelle Unterschiede in Bezug auf das Urteilen und Entscheiden über bestimmt genormte Entscheidungsaufgaben mittels der CR erklärt werden können (Cokely & Kelly, 2009).

Weitere Details zum Forschungsstand sind in Kapitel 2.4 zu finden. Für die genauere Erläuterung des CRT wird außerdem auf die Beschreibung der Erhebungsinstrumente in Kapitel 3.3 verwiesen.

2.3 Entscheidungskompetenzen

In diesem Kapitel soll eine Herleitung des Begriffs „Entscheidungskompetenzen“ erfolgen. Zunächst werden relevante Entscheidungstheorien aus der wirtschaftlichen und psychologischen Wissenschaft betrachtet. Anschließend wird anhand der Erläuterung von Cognitive Biases verdeutlicht, weshalb Entscheidungen häufig irrational sind und was unter heuristischem Entscheiden zu verstehen ist. Nachdem dargestellt wurde, welche Faktoren für geringere Entscheidungsqualitäten verantwortlich sein können, widmen wir uns der Frage, wie Entscheidungskompetenzen definiert werden und weshalb es hierbei interindividuelle Unterschiede gibt.

2.3.1 Relevante Entscheidungstheorien

Worum geht es in der Erforschung der Urteils- und Entscheidungsfindung? Der Fokus liegt auf der Frage, wie Menschen Wünsche und Erwartungen kombinieren, um daraus eine optimale Handlungsweise ableiten zu können (Hastie, 2001). Der Rahmen für eine Entscheidung umfasst drei Komponenten: Handlungsoptionen und Alternativen, Überzeugungen bezüglich des Zielzustandes und die eigenen Wünsche bzw. Werte (Hastie, 2001). Gute Entscheidungen sind solche, die effektiv zwischen den zur Verfügung stehenden Mitteln wählen, um die Ziele des Entscheidungsträgers zu erreichen (Hastie, 2001). Innerhalb dieser Komponenten haben sich sowohl in den Wirtschaftswissenschaften, als auch in behavioristisch geprägten Wissenschaften eine Vielzahl an verschiedenen Entscheidungstheorien etabliert. Die verschiedenen Ansätze werden meist in normative und deskriptive Theorien eingeteilt (Hastie, 2001).

Normative Theorien haben ihren Ursprung in den Mathematik- und Wirtschaftswissenschaften und beschäftigen sich mit Situationen, in denen verschiedene Handlungsergebnisse kalkulierbar sind. Sie dienen der formalen Abbildung von Entscheidungssituationen und haben als Ziel die Darstellung einer bestimmten Entscheidungslogik (Hastie, 2001). Solche Theorien gehen von rational handelnden Akteuren aus und basieren auf dem Modell des Homo oeconomicus (Mill, 1836). Im Rahmen dieses Modells bestehen die Annahmen, dass Individuen bezüglich gegebener Informationen einen genauen Kenntnisstand besitzen, Präferenzen klar darstellbar sind und definierte Entscheidungsregeln vorliegen (Müller, Trosky & Weber, 2012). Zusammenfassend können solche Theorien auch nutzenoptimierende Theorien genannt werden, da diese stets versuchen, ein maximales Ergebnis verschiedener Variablen zu kalkulieren (Gigerenzer & Gaissmaier, 2011). Etabliert hat sich unter den normativen Theorien die des Erwartungsnutzens (Gigerenzer & Gaissmaier, 2015), auf welche in diesem Kapitel noch genauer eingegangen wird.

Innerhalb der deskriptiven Theorien werden im Gegensatz zu den normativen, bei denen die Entscheidungsprämissen bekannte Größen darstellen, genau diese zum Gegenstand der Forschung. Entwickelt haben sich die deskriptiven Modelle allen voran aufgrund der Tatsache, dass Menschen häufig von den Annahmen der normativen Modelle sowie derer des rationalen Handelns abweichen (Hastie, 2001). Bekannte Modelle sind hierbei die Subjective-Expected-Utility Theorie (SEU-Theorie; Savage, 1954), die Prospect Theorie (Kahnemann und Tversky 1979, 1992 ) und Framing Ansätze (Kahnemann und Tversky, 1981). Auch die genannten deskriptiven Theorien werden in diesem Kapitel noch genauer beschrieben.

Aufgrund der Tatsache, dass sich die beiden Kategorien in der Annahme der Rationalität des Akteurs unterscheiden, schlagen Gigerenzer und Gaissmaier (2015) zur Gliederung zusätzlich eine Einteilung in rationale und nicht-rationale Entscheidungstheorien vor. Dabei fokussieren sich die nicht rationalen Theorien auf Entscheidungen unter Unsicherheit, da hierbei ein Umfeld besteht, in dem nicht alle Alternativen und Eintrittswahrscheinlichkeiten bekannt sind. Da die meisten Entscheidungen laut den Autoren meist irgendwo zwischen den Kategorien liegen, ist es wichtig, beide zu berücksichtigen (Gigerenzer & Gaissmaier, 2015).

In Tabelle 1 ist eine Einteilung der genannten Theorien in tabellarischer Form ersichtlich. Eine genaue Erläuterung der relevanten Entscheidungstheorien erfolgt nach dieser Übersicht.

Tabelle 1 Einordnung der relevanten Entscheidungstheorien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Theorie des Erwartungsnutzens. Zunächst soll zur Darstellung der Entscheidungslogik auf das rationale bzw. normative Entscheidungsmodell des Erwartungsnutzens eingegangen werden. Die Entscheidungsnutzentheorie von Morgenstern und Von Neumann (1953) hat das Ziel der Beschreibung rationaler Axiome für Entscheidungen, bei denen objektive und bekannte Eintrittswahrscheinlichkeiten bestehen. Laut den Autoren müssen hinsichtlich der Rationalität die Annahmen vollständiger Ordnung, Stetigkeit und Unabhängigkeit gegeben sein. Bei Erfüllung der Axiome lässt sich eine Risikonutzenfunktion ableiten, deren Erwartungswerte die Handlungspräferenzen abbilden. Darüber hinaus hat die Funktion das Ziel, Entscheidungsregeln anhand dieser Funktion abzuleiten (Camerer & Thaler, 1995). Den Grundstein des Erwartungsnutzens legte Bernoulli im Jahre 1738, als er entdeckte, dass Menschen bei einem gegebenen Erwartungswert nicht bereit sind, einen unendlich hohen Geldbetrag bei einem Münzwurfspiel zu bezahlen (Stearns, 2000). Durch das als St. Petersburg-Paradoxon (Aumann, 1977) bekannte Phänomen konnte verdeutlicht werden, dass in den Erwartungsnutzen neben mathematischen Größen auch die Nutzenbewertung des Entscheidungsträgers einbezogen werden sollte (Stearns, 2000).

Es zeigte sich, dass die Axiome der Erwartungsnutzentheorie regelmäßig verletzt werden (Baron, 1994). Konsequenterweise unterscheiden sich die Entscheidungspräferenzen von Individuen häufig von der Vorhersage der Theorie (Baron, 1994). Als Folge dieser Widersprüche entwickelten sich zahlreiche alternative Modelle, welche hinsichtlich der Unterschiede von den ursprünglichen Annahmen teils mehr und teils weniger in den Rahmen der nicht-rationalen bzw. deskriptiven Modelle fallen.

SEU-Theorie. Eine der bekanntesten Überarbeitungen der ursprünglich mittels objektiver Wahrscheinlichkeiten arbeitetenden Erwartungsnutzentheorie stellt die subjektive Erwartungsnutzentheorie nach Savage (1954) dar. Die SEU-Theorie bildet den Grundstein jener Modelle, die eine Unterscheidung der beiden Faktoren Unsicherheit und Nutzen in objektive und subjektive Größen vornimmt. Nach solchen Modellen neigen Menschen dazu, objektive Eintrittswahrscheinlichkeiten subjektiv zu gewichten oder aber nicht richtig wahrzunehmen, weshalb Wahrscheinlichkeiten personenspezifisch betrachtet werden müssen (Starmer, 2000). Nach der subjektiven Erwartungsnutzentheorie entscheiden sich Menschen daher für die Alternative, die den höchsten subjektiv erwarteten Nutzen für sie hat (Edwards, 1954).

Prospect-Theorie. Die Prospect-Theorie nach Kahnemann und Tversky (1979, 1992) stellt wiederum die berühmteste Überarbeitung der SEU-Theorie dar. Sie versteht sich als der erste Ansatz, der sich speziell darauf fokussiert, irrationales Entscheidungsverhalten erklären zu können. Zum einen beschreiben die Forscher zwei Phasen, in denen Entscheidungen ablaufen. In der ersten Phase wird die Situation mithilfe bestimmter subjektiver Regeln encodiert und mental repräsentiert. In der zweiten Phase wird jeder Option ein subjektiver Wert zugeschrieben (Kahnemann & Tversky, 1979). Zum anderen ist die Prospect Theorie durch die Wertefunktion bekannt geworden. Diese besagt, dass Konsequenzen relativ zu einem bestimmten Referenzpunkt getroffen und nicht absolut gewertet werden. Zudem beschreibt diese das Konzept der Verlustaversion, d.h. dass Verlusten subjektiv mehr Bedeutung zugeschrieben wird als gleich hohen Gewinnen (Kahnemann & Tverksy, 1992).

Framing-Ansätze. Der Framing Ansatz beinhaltet Annahmen darüber, wie Entscheidungssituationen mental repräsentiert werden und kann erklären, weshalb sich Menschen in einigen Situationen entgegen den Erwartungen der SEU-Theorie verhalten. Die mentalen Repräsentationen werden nach Kahnemann und Tversky (1981) auch „decision-frames“ genannt und entstehen durch Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen aus der Situation sowie der Aktivierung relevanter Erfahrungen. Untersuchungen hierzu konnten zeigen, dass teilweise irrelevant erscheinende Veränderungen der Informationsdarbietung zu systematischen Variationen im Entscheidungsverhalten selbst führen (Keren, 2011).

2.3.2 Heuristik-basiertes-Entscheiden und kognitive Verzerrungen

Im letzten Kapitel wurden einige relevante Entscheidungstheorien betrachtet, wobei zwischen normativen und deskriptiven Verfahren unterschieden wurde. Die Darstellung der Theorien war zudem im Zeitverlauf chronologisch angeordnet, wobei jüngere Theorien tendenziell einen steigenden Anteil an psychologischen Erkenntnissen aufweisen. In diesem Kapitel soll nun auf Faktoren eingegangen werden, welche die Qualität von Entscheidungen beeinflussen, jedoch keine eigenen Entscheidungstheorien bilden. Dabei wird zunächst auf den Ansatz des Heuristik-basierten-Entscheidens nach Gigerenzer und Gaissmaier (2015) eingegangen. Anschließend werden kognitive Verzerrungen zunächst allgemein erläutert, bevor die im weiteren Verlauf dieser Arbeit relevanten Sunk-Costs und der Overconfidence Effekt näher betrachtet werden.

Heuristik-basiertes-Entscheiden. Heuristiken können als Denkstrategien bezeichnet werden, welche Menschen nutzen, um in komplexen Situationen schneller zu Entscheidungen zu gelangen (Gigerenzer & Gaissmaier, 2015). Gerade in neuartigen Situationen, in denen die Zeit knapp ist, sind die Annahmen der normativen Entscheidungsmodelle eher nicht praktikabel, weshalb heuristische Denkstrategien durchaus Vorteile bieten können (Gigerenzer & Gaissmaier, 2015). Simon (1957) schrieb in diesem Zusammenhang:

„Die Kapazität des menschlichen Verstandes für die Formulierung und Lösung komplexer Probleme ist sehr klein im Vergleich zum Umfang der Probleme, deren Lösung für die Verwirklichung eines objektiv rationalen Verhaltens in der Wirklichkeit oder wenigstens für eine vernünftige Annäherung an eine solche objektive Wirklichkeit notwendig ist.“ (Simon, 1957, S. 198)

Studien bezüglich der Erforschung von Heuristiken betrafen beispielsweise intuitive Wahrscheinlichkeitsurteile von Menschen (Kahneman, Slovik & Tversky, 1982). So tendieren Individuen in Situationen, in denen Entscheidungsprobleme durch einfache statistische Regeln lösbar sind, dazu, intuitiv geeignete Strategien anzuwenden (Kahneman & Tversky, 1986). In etwas komplexeren Kontexten, in denen die Anwendbarkeit normativer Entscheidungsregeln weniger unmittelbar ersichtlich ist, neigen Menschen jedoch dazu, sich auf Heuristiken zu verlassen, die dann häufig in nichtnormativen Entscheidungsresultaten enden und damit die Qualität von Entscheidungen negativ beeinflussen (Kahneman & Tversky, 1986). Ein Beispiel für solche Heuristiken soll verdeutlichen, wie das Entscheidungsverhalten beeinflusst wird: Wenn ein Individuum in einer Situation zwei Alternativen erkennt, eine jedoch schneller wahrnimmt, dann besteht eine Tendenz dazu, sich für die schneller erkannte Alternative zu entscheiden (Schooler & Hertwig, 2005).

Kognitive Verzerrungen stellen neben den heuristischen Denkstrategien eine weitere potentielle Ursache für Fehlentscheidungen dar. Die Erforschung kognitiver Verzerrungen geht ursprünglich aus einem Forschungsprogramm bezüglich „Judgments under uncertainty“ (Kahneman & Tversky, 1996, S. 582) hervor und wurde erst später unter der Bezeichnung Heuristiken und kognitive Verzerrungen bekannt. Obwohl starker Kritik ausgesetzt (z. B. Gigerenzer, 1991; 1996), hat sich das Konzept zur Erklärung zahlreicher irrationaler Verhaltensweisen durchgesetzt. So ist der Begriff „kognitive Verzerrungen“ als Sammlung verschiedener systematischer Fehler bei der Wahrnehmung, dem Erinnern und dem Urteilen sowie Entscheiden zu betrachten (Kahneman & Tversky, 1974).

Sunk-Cost Bias. Die Sunk-Cost Bias (Arkes & Blumer, 1985), auch bekannt als Effekt der versunkenen Kosten, beschreibt die “tendency to continue an endeavor once an investment in money, effort, or time has been made” (Arkes & Blumer, 1985, S. 124). Zugrundeliegende Ursachen sind meist übertriebenes Engagement oder hohe (Selbst-) Verpflichtung (Hafenbrack, Kinias & Barsade 2014). Neben Budgetüberschreitungen für öffentliche Projekte manifestiert sich der Sunk-Cost Effekt auch in zahlreichen Alltagssituationen. So kann es überraschend schwierig sein eine Aktie zu verkaufen, nachdem diese einen Großteil des ursprünglichen Investments verloren hat oder beispielsweise einen Teil eines mühevoll erarbeiteten Manuskriptes zu löschen (Hafenbrack, Kinias & Barsade 2014). Erklärungen für diesen Denkfehler beinhalten meist Ansätze aus der vorher in der Prospect-Theory beschriebenen Verlustaversion sowie der Theorie der Selbstrechtfertigung (Aronson & Mills, 1959). Aufgrund der Tatsache, dass versunkene Kosten in der Vergangenheit entstanden sind, hat die Orientierung eines Menschen auf die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft Einfluss auf die Stärke des Denkfehlers. So fanden Strough, Schlosnalge und DiDonato (2011) heraus, dass versunkene Kosten weniger Einfluss auf gegenwärtige Entscheidungen haben, wenn diese aufgrund der Orientierung auf den Moment kognitiv weniger salient sind. Hafenbrack, Kinias und Barsade (2014) weisen bezüglich des Effektes zudem auf einen Zusammenhang mit Emotionen hin. So besteht ein positiver Zusammenhang zwischen der Stärke der Sunk-Cost Bias mit negativen Emotionen, wie Ärger oder Angst (Coleman, 2010; Moon et al., 2003). Wie theoretisch angenommen hat nicht zuletzt auch das Ausmaß des Commitments einen effektverstärkenden Einfluss (Wong & Kwong, 2007). Aufgrund eines bestehenden Zusammenhangs zwischen überhöhtem Commitment und negativen Emotionen (z. B. Wong & Kwong, 2007) nehmen Hafenbrack, Kinias & Barsade (2014) zusammenfassend an, dass eine Verringerung des negativen Affekts insgesamt zu einer verbesserten Widerstandskraft gegenüber der Sunk-Cost Bias führt.

Confidence Bias. Der nächste Faktor, welcher bezüglich seines Einflusses auf die Entscheidungsqualität genauer betrachtet werden soll, ist der der Selbstüberschätzung bzw. Confidence-Bias. Der Effekt bezieht sich auf eine realistische Selbsteinschätzung, deren Erforschung ursprünglich mithilfe einer provokanten Frage von Lichtenstein und Fischhoff (1977) angestoßen wurde: „Do those who know more also know more about how much they know?” (S. 159). Definiert wird die Confidence Bias als “systematic error of judgment made by individuals when they assess the correctness of their responses to questions relating to intellectual or perceptual problems” (Pallier et al., 2002, S. 258). Die Übereinstimmung der eigenen, subjektiven Sicherheit bezüglich der Richtigkeit einer gegebenen Antwort mit der tatsächlichen, objektiven Richtigkeit ergibt hierbei ein Maß für die Genauigkeit der Selbsteinschätzung (Fellner & Krügel, 2012). Selbstunter- oder überschätzung wird mithilfe eines Bias-Scores angegeben. Je höher dieser Score ausfällt, desto höher ist auch die Abweichung bezüglich einer richtigen Selbsteinschätzung. Gibt eine ProbandIn durchschnittlich weniger richtige Antworten als diese es selbst eingeschätzt hat, so ist der Bias-Score positiv und spiegelt daher eine Selbstüberschätzung wider (Yates, 1990). Forschungen haben gezeigt, dass Menschen durchschnittlich dazu tendieren, die eigenen Fähigkeiten leicht zu überschätzen (Juslin, 1994; Kleitman & Stankov, 2001; Stankov & Crawford, 1997). Für das generelle Phänomen, dass Menschen ihre Fähigkeiten häufig nicht richtig einschätzen, gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Durchgesetzt haben sich Theorien aus dem Forschungsbereich der Heuristiken und kognitiven Verzerrungen. Hierbei wird angenommen, dass wiederum verschiedene Phänomene für die weit verbreitete Überschätzung der eigenen Fähigkeiten verantwortlich sind. Der „difficulty effect“ (Kahneman & Tversky, 1996, S. 587) beschreibt das Phänomen, dass sich Personen vor allem bei schweren Aufgaben selbst überschätzen. Bei leichten Aufgaben ist tendenziell sogar eine leichte Selbstunterschätzung zu beobachten (Kahneman & Tversky, 1996). Ein weiteres in diesem Zusammenhang betrachtetes Phänomen ist unter dem Namen „Illusion der Gültigkeit“ bekannt (Kahneman & Tversky, 1973) und bezeichnet die Tendenz, die Gegenwart als unrealistisch prognostisch gültige Informationsquelle zu verwenden. Als Resultat werden natürliche und unkontrollierbare Veränderungen sowie Zufallsschwankungen unterschätzt (Kahneman & Tversky, 1973).

2.3.3 Begriffsbestimmung Entscheidungskompetenzen

Innerhalb dieses Kapitels wird mithilfe der bisherigen Erkenntnisse definiert, wie Entscheidungskompetenzen entstehen und was darunter im Rahmen dieser Arbeit zu verstehen ist.

Wie in den folgenden Kapiteln zu sehen sein wird, existieren zahlreiche Studien, die einzelne Personeneigenschaften in Bezug auf Entscheidungsaufgaben untersuchten. Dabei wurde festgestellt, dass einzelne Kompetenzen dabei helfen können, die Qualität von Entscheidungen zu verbessern, indem beispielsweise Framing-Effekte weniger ausschlaggebend waren (Levin, Gaeth, Schreiber & Lauriola , 2002), versunkene Kosten weniger beachtet wurden (z. B. Stanovich, 1999; Hafenbrack, Kinias & Barsade, 2014) oder die eigenen Fähigkeiten realistischer eingeschätzt werden konnten (z. B. Blais, Thompson & Baranksi, 2005). Um von einer allgemeinen Entscheidungskompetenz sprechen zu können, müssten diese einzelnen Fähigkeiten untereinander deutliche Korrelationen aufweisen (Parker & Fischhoff, 2005). Stanovich und West (2000) konnten als erste solche Zusammenhänge aufzeigen und stellten die These auf, dass aufgrund der Korrelationen zwischen den einzelnen Fähigkeiten eine gemeinsame zugrundeliegende Entscheidungskompetenz existiert. Parker und Fischoff (2005) stellten daraufhin ein Bündel verschiedener Aufgabengebiete vor, welche aus der Sicht normativer Entscheidungstheorien relevante Kompetenzen darstellen. Bruine de Bruine, Parker und Fischhoff erstellten im Jahr 2007 einen Fragebogen für die erwachsene Bevölkerung, der eine allgemeine Entscheidungskompetenz von Individuen mithilfe der von Parker und Fischhoff (2005) vorgestellten Aufgabengebiete operationalisierbar macht. Dieser Fragebogen findet auch in der vorliegenden Arbeit Anwendung und wird in Kapitel 3.3 näher betrachtet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Besseres Entscheidungen durch Achtsamkeit. Über den Zusammenhang zwischen Achtsamkeit, Cognitive Reflection und den Entscheidungskompetenzen
Hochschule
FOM Essen, Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Hochschulleitung Essen früher Fachhochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
79
Katalognummer
V988686
ISBN (eBook)
9783346357021
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Achtsamkeit, Entscheidungen, Cognitive Reflection, MAAS, Mindfulness, CRT
Arbeit zitieren
David Baur (Autor), 2020, Besseres Entscheidungen durch Achtsamkeit. Über den Zusammenhang zwischen Achtsamkeit, Cognitive Reflection und den Entscheidungskompetenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/988686

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Besseres Entscheidungen durch Achtsamkeit. Über den Zusammenhang zwischen Achtsamkeit, Cognitive Reflection und den Entscheidungskompetenzen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden