Der Mythos der Jüdischen Weltverschwörung und die Protokolle der Weisen von Zion


Ausarbeitung, 2000

6 Seiten


Gratis online lesen

Der Mythos der Jüdischen Weltverschwörung und die Protokolle der Weisen von Zion Andreas Eggert Weidengang 2, 39576 Stendal karnataka@t-online.de Dezember, 2000 „Doch wenn die erzählerische Aktivität so eng mit unserem Alltagsleben verbunden ist, könnte es dann nicht auch vorkommen, daß wir das Leben als Fiktion interpretieren und beim Interpretieren der Realität fiktive Elemente in sie einführen? Es gibt dafür ein erschreckendes Beispiel, eine schlimme Geschichte, bei der alle hätten bemerken können, daß es sich um Fiktion handelte, denn die Zitate aus romanhaften Quellen waren nicht zu übersehen, und doch haben viele sie unseligerweise als eine wahre Geschichte genommen.“1

Umberto Eco

Die „Protokolle der Weisen von Zion“, sind wohl das berüchtigste und zugleich erfolgreichste Werk des modernen Antisemitismus. Trotz des Beweis, dass die Protokolle gefälscht waren, wurden sie in nahezu alle europäischen Sprachen übersetzt und zahlreich verkauft. Aber es war Deutschland nach dem I. Weltkrieg, wo sie ihren größten Erfolg feiern sollten. Die Protokolle dienten praktisch als Metapher für das ganze Disaster: die Niederlage im Krieg, der Hunger und die zehrende Inflation. Im folgenden soll chronologisch gezeigt werden, wie sich Fiktion und Wirklichkeit zu der fatalsten Fälschung der Menschheit verschmelzen konnte. Der Anfang liegt weit zurück und wird aus Gründen der Einfachheit hier nicht diskutiert2, allerdings kann die konzeptionelle Inspiration der Protokolle auf die Zeit der Französischen Revolution, Ende des 18. Jahrhunderts, zurückgeführt werden.

1. Abbe Barruel, 1797 - Die Freimaurerverschwörung

Im Jahre 1797 veröffentlichte der französische Jesuit Abbe Barruel, welcher die Reaktionären Elemente repräsentierte und die Revolution ablehnte, eine Abhandlung einer Geheimverschwörung der Freimaurer, mit der Absicht die Monarchie und das Papsttum zu stürzen um eine Weltrepublik zu errichten. Die französische Revolution war das Ergebnis dieses Komplotts. Allerdings erwähnte Barruel nicht die Juden in seinem Werk, welche eher emanzipiert waren als Ergebnis der Revolution. Im Jahr 1806 erreichte Barruel jedoch ein Brief, welcher vermutlich von Agenten des Polizei- ministeriums stammte und die liberale Politik Napoleon Bonarpates gegenüber den Juden ablehnte. Der Brief, “[...]der ihm mit Nachdruck an die jüdische Omnipräsenz[...]“3 erinnern sollte, zielte auf die angebliche Rolle der Juden in diesem Komplott und nicht die von Barruel zugeschriebene Rolle der Freimaurer. Dieser Mythos der jüdischen Verschwörung tauchte später im 19. Jahrhundert in Ländern wie Deutschland oder Polen wieder auf.

2. Maurice Joly, 1864 - Napoleon III. Verschwörung

Den indirekten Vorgänger der Protokolle kann man sicher in dem Pamphlet „Dialog in der Hölle zwischen Machiavelli und Montesquieu“ finden. 1864 veröffentlichte ein gewisser Maurice Joly eine Satire gegen den politischen Ehrgeiz Napoleons III., “[...] worin Machiavelli, der den Zynismus des Diktators repräsentiert, in der Hölle mit Montesquieu debattiert.“4 Wobei Joly selbst die Juden nicht erwähnt. Bald nach ihrer Veröffentlichung wurden die Dialoge von den französischen Behörden unter Verschluß gehalten und Joly wurde inhaftiert. Nach 15 Monaten Gefängnis begang er schließlich Selbstmord.

3. Hermann Goedsche, 1868 - Biarritz: Die jüdische Verschwörung

Joly’s Dialoge fielen schließlich dem deutschen Antisemit Hermann Goedsche in die Hände, welcher unter Sir John Retcliffe schrieb. Goedsche war zusätzlich Spion des russischen Geheimdienstes. Er adaptierte Joly’s Dialoge für eine mytische Geschichte einer Judenverschwörung in einer Serie von Schauerromanen mit dem Namen “Biarritz“, welche 1868 erschienen. Darin beschreibt er eine okkulte Zeromonie auf dem Prager Judenfriedhof - „Goedsche hatte einfach eine Szene aus Alexander Dumas‘ 1849 veröffentlichtem Roman Joseph Balsamo kopiert, in der jenes Treffen zwischen Cagliostro als Chef der Unbekannten Oberen und anderen Erleuchteten geschildert wird, bei dem dann alle das Komplott mit dem Halsband der Königin planen. Doch anstelle Cagliostro & Co läßt Goedsche die Vertreter der zwölf Stämme Israels auftreten, die sich auf dem Prager Friedhof versammeln, um die Eroberung der Welt vorzubereiten,...“5

4. Russisches Pamphlet: „Biarritz ist wahr!“

Schließlich fand Goedsche’s Biarritz den Weg nach Russland. Unter dem Namen „Die Juden, Herren der Welt“ wurde die Serie 1872 übersetzt, aber nun so als wäre sie wirklich geschehen. Der russische Geheimdienst trug seinen Teil bei um den schwachen Zaren Nicholas II. politisch zu stärken und die Reform der Liberalen, welche mit den Juden sympathisierten, zu verhindern. 1881 bringt auch die französische Zeitung Le Contemporain die Verschwörungsgeschichte, die nun behauptet, sie aus sicherer Quelle zu haben, nämlich von dem englischen Diplomaten Sir John Readcliff. Während der Dreyfus Affäre 1893-1895, verschmolzen Agenten der russischen Ochrana in Paris, Joly’s und Goedsches Werk in ein neues Manuskript mit dem Namen „Protokolle der Weisen von Zion“. Das Manuskript wurde 1895 nach Russland gebracht und 1897 heimlich gedruckt.

5. Schwarze Hundertschaften und russischer Antisemitismus

Die Protokolle wurden bis 1905 nicht veröffentlicht - nachdem die Russen im russsich-japanischen Krieg siegten, folgte die Revolution mit der Einrichtung der Duma. In diesen Tagen heizte die Union der Russischen Nation oder Schwarzen Hundertschaften die Stimmung gegen die Juden auf, welche die Schuld für die Revolution bekamen. Die Protokolle waren ein Teil der Propaganda der Ochrana, welche die Progrome 1905 begleiteten. Eine Variante der Protokolle wurde 1906 und 1907 von George Butmi veröffentlicht. Die Ausgabe von 1906 wurde unter der Zarensammlung gefunden, obwohl er bereits eingestanden hatte, dass die Protokolle eine Fälschung waren. Später behauptete der mystische Priester Sergius Nilus, welcher 1905 die Protokolle zuerst veröffentlichte, dass die Proto- kolle geheim auf dem ersten Zionistenkongreß in Basel (1897) verlesen wurden. Wobei Nilus in seiner Ausgabe schrieb: er hätte keine Verbindungen zur neuen zionistischen Bewegung, sondern wäre ein Teil der Freimaurerverschwörung.

Während der Bolschewischen Revolution von 1917 brachten russische Emigranten die Protokolle nach Westeuropa. Dort wurden sie in zahlreiche Sprachen übersetzt, wobei zumeist die Ausgabe von Nilus als Basis für die Übersetzung diente. Nach dem Erscheinen in London (1920) entlarvte Lucien Wolf die Protokolle als Plagiate von Joly und Goedsche. Im folgendem Jahr erschienen zahlreiche Artikel von Philip Grave in der London Times und der Amerikaner Herman Bernstein veröffentlichte ein ganzes Buch, welche die Fälschung dokumentierte.

Dennoch zirkulierten die Protokolle weit und fanden auch den Weg in die USA, wo sie bis 1927 von Henry Ford Unterstützung fanden. Natürlich formten sie einen wichtigen Teil der Rechtfertigung der Nazis am Genozit. Abschließen möchte ich mit einem Zitat Adolf Hitler’s über die Protokolle, welche trotz der Tragödie des Holocaust und des unwiderleglichen Beweis der Fälschung noch gedruckt und verbreitet werden.

[Volk und Rasse -- Erster Band: Eine Abrechnung]6 „Wie sehr das ganze Dasein dieses Volkes auf einer fortlaufenden Lüge beruht, wird in unvergleichlicher Art in den von den Juden so unendlich gehaßten Protokollen der Weisen von Zion gezeigt. Sie sollen auf einer Fälschung beruhen stöhnt immer wieder die Frankfurter Zeitung in die Welt hinaus: der best Beweis dafür, daß sie echt sind. Was viele Juden unbewußt tun mögen, ist hier bewußt klargelegt. Darauf aber kommt es an. Es ist ganz gleich, aus wessen Judenkopf diese Enthüllungen stammen, maßgebend aber ist, daß sie mit geradezu grauenerregender Sicherheit das Wesen und die Tätigkeit des Judenvolkes aufdecken und in ihnen inneren Zusammenhägen sowie den letzten Schlußzielen darlegen.“

Literatur

Cohn, Norman, Warrant for Genocide: The Myth of the Jewish World Conspiracy and the Protocols of the Elders of Zion, New York, Harper and Row, 1967.

Eco, Umberto, Im Wald der Fiktionen - Sechs Streifzüge durch die Literatur, Deutscher Taschenbuchverlag, 2. Aufl., 1999.

Französische Revolution (Ende 18. Jhd.)

Abbe Barruel, 1797

(Freimaurerverschwörung)

Maurice Joly, 1864 - Napoleon III. Verschwörung

Dialog in der Hölle zwischen Machiavelli und Montesquieu - liberal inspirierte Satire gegen Napoleon III., worin Machiavelli den Zynismus des Diktators repräsentiert und in der Hölle mit Montesquieu debattiert. Joly wurde inhaftiert, saß 15 Monate im Gefängnis und begang schließlich Selbstmord.

Hermann Goedsche, 1868 - Biarritz: Die jüdische Verschwörung

Joly’s Dialoge fallen schließlich dem deutschen Antisemit Hermann Goedsche in die Hände, welcher unter Sir John Retcliffe schreibt. Goedsche war zusätzlich Spion des russischen Geheimdienstes. Goedsche adaptierte Joly’s Dialoge für eine mytische Geschichte einer Judenverschwörung in seinem Schauerroman Biarritz, worin er eine okkulte Zeromonie auf dem Prager Judenfriedhof beschreibt. „Goedsche hatte einfach eine Szene aus Dumas‘ 1849 veröffentlichtem Roman Joseph Balsamo kopiert, in der jenes Treffen zwischen Cagliostro als Chef der Unbekannten Oberen und anderen Erleuchteten geschildert wird, bei dem dann alle das Komplott mit dem Halsband der Königin planen. Doch anstelle Cagliostro & Co läßt Goedsche die Vertreter der zwölf Stämme Israels auftreten, die sich auf dem Prager Friedhof versammeln, um die Eroberung der Welt vorzubereiten,...“7

Russisches Pamphlet: „Biarritz ist wahr!“

Schließlich fand Goedsche’s Biarritz den Weg nach Russland unter dem Namen Die Juden, Herren der Welt, aber nun so als wäre sie wirklich geschehen. Der russische Geheimdienst trug seinen Teil bei, um den schwachen Zaren Nicholas II. politisch zu stärken und die Reform der Liberalen, welche mit den Juden sympathisierten, zu verhindern. 1881 bringt auch die französische Zeitung Le Contemporain die Verschwörungsgeschichte, die nun behauptet, sie aus sicherer Quelle zu haben, nämlich von dem englischen Diplomaten Sir John Readcliff. 1896 wird die Geschichte des Großrabbiners (der jetzt John Readclif heißt) erneut in dem Buch Les Juifs, nos contemporains von Francois Bourband abgedruckt.

Während der Dreyfus Affäre 1893-1895, verschmolzen Agenten der russischen Ochrana, Joly’s und Goedsches Werk in ein neues Manuskript mit dem Namen Protokolle der Weisen von Zion.

Schwarze Hundertschaften und russischer Antisemitismus

Die Protokolle wurden bis 1905 nicht veröffentlicht - nachdem die Russen im russsich-japanischen Krieg siegten, folgte die Revolution mit den Folgen der Einrichtung der Duma. In diesen Tagen heizten die Schwarzen Hundertschaften die Stimmung gegen Juden auf, welche die Schuld für die Revolution bekamen. Die Protokolle waren ein Teil der Propaganda der Ochrana, welche die Progrome 1905 begleiteten. Russische Emigranten brachten schließlich während der Bolschewischen Revolution die Protokolle nach Westeuropa. Dort wurden sie in zahlreiche Sprachen übersetzt und fanden auch den Weg in die USA, wo sie bis 1927 von Henry Ford unterstützt wurden. Natürlich formten sie einen wichtigen Teil der Rechtfertigung der Nazis am Genozit im 2.Weltkrieg.

[...]


1 Vgl. dazu Eco, Umberto, Im Wald der Fiktionen, S. 174f., Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Aufl., 1999. 1

2 Dem interessierten Leser sei hier Umberto Eco, „Im Wald der Fiktionen“ und die Arbeiten Norman Cohn’s empfohlen.

3

4 Vgl. dazu Eco, Umberto, Im Wald der Fiktionen, 176ff., Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Aufl., 1999.

5 Vgl. dazu Eco, Umberto, Im Wald der Fiktionen, 176ff., Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Aufl., 1999. 3

6 Vgl. auch Hitler, Adolf, Mein Kampf, München 1935. 4

7 Vgl. auch Eco, U., Im Wald der Fiktionen, S. 178ff., Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Aufl., 1999.

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Der Mythos der Jüdischen Weltverschwörung und die Protokolle der Weisen von Zion
Autor
Jahr
2000
Seiten
6
Katalognummer
V98875
Dateigröße
355 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Chronologie über die Entstehung des Mythos der Jüdischen Weltverschwörung (Protokolle von Zion)
Schlagworte
Mythos, Jüdischen, Weltverschwörung, Protokolle, Weisen, Zion
Arbeit zitieren
Andreas Eggert (Autor), 2000, Der Mythos der Jüdischen Weltverschwörung und die Protokolle der Weisen von Zion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98875

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Mythos der Jüdischen Weltverschwörung und die Protokolle der Weisen von Zion



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden