Epilepsie im Kindesalter und seine psychischen Folgen


Seminararbeit, 2001

13 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einteilung der Epilepsien
2.1 Fokale Epilepsien einfach-fokale Epilepsie komplex-fokale Epilepsie
2.2 Generalisierte Epilepsien Absencen Janz-Syndrom
2.3 Unbestimmte Epilepsien Landau-Kleffner-Syndrom West-Syndrom Lennox-Syndrom
2.4 spezielle Epilepsien Reflexepilepsien Gelegenheitsepilepsien

3. Ursachen

4. Therapien der Epilepsien

5. Epilepsie und Verhalten
5.1 Sozial-emotionales Verhalten
5.2 Kognition
5.3 Interaktionell

6. Schlußfolgerungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen Krankheiten. Ca. 1% aller Menschen leiden an einer chronischen Epilepsie. Dabei treten bei etwa der Hälfte der Erkrankten die ersten Anfälle bereits im Kindesalter auf. 10mal größer ist die Erkrankungsrate der ,,Gelegenheitsepilepsien", die als sogenannte ,,Infekt- oder Fieberkrämpfe" im frühen Kindesalter besonders häufig sind. Die Krampffähigkeit an sich ist eine generelle Eigenschaft des menschlichen Gehirns, so daß bei jedem Menschen unter bestimmten Voraussetzungen ein epileptischer Anfall ausgelöst werden kann.

Ausgelöst wird der epileptische Anfall durch eine abnorme Tätigkeitssteigerung der Neuronen des Zentralen Nervensystems (ZNS), eine Art ,,bioelektrisches Gewitter". Klinisch können dabei die verschiedensten Symptome : motorische, sensorische, vegetative und psychische - einzeln oder in Kombination- sichtbar werden, je nach Lokalisation und Ausdehnung der funktionsgestörten Neuronenverbände.

2. Einteilung der Epilepsien

Früher teilte man die Epilepsien einfach nach ihrem Schweregrad ein: zum einen der Grand- mal, der ,,große" Anfall und der Petit-mal, der ,,kleine" Anfall. Diese grobe Einteilung wurde immer mehr verfeinert, je nach Ursprungsherd und Ausbreitungsgrad der Epilepsie. Außerdem wurde der Grad der Bewußtseinstrübung, d.h. mit oder ohne Bewußtseinsverlust, als Klassifikationskriterium mitaufgenommen. Zusätzlich hat man beobachtet, daß bestimmte Epilepsiearten in ganz bestimmtem Entwicklungsabschnitten der Kindheit und Jugend auftreten. Diese vielen, für Laien fast unüberschaubare Anzahl von Epilepsiearten kann man grob in vier Gruppen bündeln, abhängig von dem Ursprungsort des ,,bioelektrischen Gewitters" und seinem Verbreitungsgrad.

2.1 Die fokalen (oder auch : partiellen) Epilepsien :

Die Ursache partieller Anfälle liegt in einer Funktionsstörung in einem umschriebenen Hirnbereich. Sehr häufig breitet sich die zunächst fokale Krampferegung gerade beim Kind auf benachbarte Regionen aus oder erfaßt das ganze Gehirn, so daß bei diesen Kindern neben den typischen Herdanfällen auch generalisierte Anfälle auftreten.

Einfache fokale Epilepsie :

Bei einem einfachen partiellen Anfall bleibt dieser lokalisierter Bereich in einer Zentralhemisphäre begrenzt, so daß das Bewußtsein nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Frühe Stadien werden leicht durch motorische oder sensorische Anzeichen erkannt. Dazu gehören die Rolando-Epilepsie, die Jackson Epilepsie, Adversivkrämpfe, sensorische Anfälle und andere symptomatische Formen je nach anatomischer Lokalisation ( Herdepilepsien). Die Jackson -Epilepsie : eine Sonderform der fokalen Anfälle sind die Jackson-Anfälle, bei denen man durch eine sehr genaue Beobachtung des Ablauf des Anfallsgeschehens einen Hinweis darüber erhält, wie der Fokus wandert (,,Jacksons march"). Die Symptomatik des ,,Wanderns" läßt oft einen direkten Rückschluß auf die entsprechende Hirnlokalisation zu, insbesondere dann, wenn bei erhaltenem Bewußtsein klonische Krämpfe nur einseitig auftreten, z.B. : anfallsartiges Zucken des linken Mundwinkels und des linken Daumens : 1. die linke Körperhälfte wird durch die rechte Gehirnhälfte kontrolliert, der Fokus ist in der rechten Gehirnhälfte (kontralaterall) 2. beide Repräsentationsgebiete befinden sich im unteren Anteil der vorderen Zentralwindung. Ein Jackson-Anfall kann in einen Grand-mal-Anfall münden, der zur Bewußtseinslosigkeit führen kann.

Anfälle, die den Ursprungsherd im Parietalkortex haben äußern sich in vielfältigen Parästhesien.

Ein Anfallsherd im Temporalkortex kann sich in auditorischen oder visuellen Halluzinationen der Aura äußern.

Je nachdem in welcher Gehirnregion sich das epi- leptische Gewitter entlädt sind unterschiedliche Symptome zu beobachten : (Topik der kortikalen Herde bei fokalen Anfällen, aus : Grundler, 1980, S. 648.)

Epilepsien mit komplex fokalen Anfällen : (Synonyma : Temporallappenanfälle, Anfälle des limbischen Systems, psychomotorische Anfälle, Dämmerattacken) Dieser Anfallstyp kann sich aus einem partiellen Ursprungsherd entwickeln oder es kann anfänglich so scheinen, als ob beide Temporallappen spontan beim Beginn beteiligt seien, um sich dann ausbreiten und das limbische System zu erfassen. Das Kennzeichen dieses Anfalltyps ist die Beeinträchtigung des Bewußtseins (,,Dämmerattacke"). Der Anfall wird meistens durch eine Aura eingeleitet, der dann die eigentliche Dämmerattacke folgt : Das Bewußtsein ist aufgehoben oder zumindest getrübt, man sieht orale Automatismen, wie Schluck- und Kaubewegungen außerdem Nesteln, Zupfen und Klopfen mit den Händen, Treten und Scharren mit den Füßen und ähnliches. Komplexe Handlungen, die vor dem Bewußtseinsverlust begonnen worden sind können fortgesetz werden, z.B. Messer und Gabel benutzen, Umhergehen. Typisch sind begleitende vegetative Phänomene wie Blässe oder Erröten, schneller und unregelmäßiger Herzschlag, Speichelfluß usw. Diese Automatismen werden stark integriert und sind dem Patienten, der nach der Episode hinsichtlich der Anfälle Gedächtnislücken aufweist, nicht bewußt.

2.2 Die generalisierten Epilepsien :

Die Neuronenaktivität wird in einem oder mehreren Gebieten ausgelöst und breitet sich über große Gebiete des ZNS aus. Dementsprechend ist die Symptomatik vielfältig, je nach dem welche Gebiete betroffen sind. Der Ablauf des typischen generalisierten Anfalls ist dreiphasisch : präkonvulsive, konvulsiv und postkonvulsive Phase.

Präkonvulsive Phase : Das Kind ist Stunden oder Tage vor dem generalisierten Anfall unruhig, stimmungslabil mißmutig oder reizbar, schläft unruhig, klagt über Kopf- oder Bauchschmerzen.öfters wird der generalisierte Anfall durch ein sogenanntes Auraerlebnis eingeleitet werden, das von größeren Kindern differenzierter oder als komisches Vorgefühl geschildert wird. Kleinere Kinder kommen oft ängstlich zur Mutter gelaufen, klammern sich an, sagen : ,,Ich hab´s.."oder ,,es kommt". Unmittelbar darauf setzt die tonische Phase, eine Phase der Anspannung, ein. Andere Kinder halten im Spiel inne, lächeln versonnen, werden schlaff, fallen um.

Konvulsive Phase : Typischerweise beginnt der generalisierte Anfall mit einer plötzlich einsetzenden Bewußtlosigkeit und einem abrupten tonischen Anspannen der gesamten Muskulatur, was bei aufrechter Körperhaltung zum jähen Sturz mit Verletzungsfolge führt. Der Gesichtsausdruck ist entstellt, die Gesichtsfarbe zunächst blaß, bei längerer tonischer Phase bläulich. Die Atmung setzt aus, die Pupillen weiten sich, eine zentral bedingte Hyperventilation setzt ein. Nach 15-30 Sekunden löst sich die tonischer Starre, die klonische Starre beginnt mit rhytmischen Zuckungen (Konvulsionen). Die Atmung setzt wieder ein. Gelegentlich kommt es zum Zungenbiß, Einnässen oder Einkoten, was aber im Kindesalter selten ist. Der Anfall dauert ca. drei Minuten.

Postkonvulsive Phase : Das Anfallsende wird durch eine plötzliche Erschlaffung markiert, die Atmung normalisiert sich. Innerhalb kurzer Zeit hellt das Bewußtsein auf, es tritt jedoch was das Anfallsgeschehen betrifft ein Gedächtnisverlust auf. Der Patient ist erschöpft und müde und fällt in den sogenannten Nachschlaf, der mehrere Stunden dauern kann.

Zu den generalisierten Anfällen gehören myoklonische-, klonische-, atonische und tonische Anfälle, Grand-mal Anfälle , Absencen-Epilepsien und die Aufwach-, und Einschlaf- Epilepsien. Typische generalisierte Anfälle im Kindesalter sind folgende :

Absencen-Epilepsien :

(Synonyma : das Friedmann-Syndrom,das pyknoleptische Petit-mal, Pyknolepsie) Bei einem Absence-Anfall (Petit-mal) steht ein abrupter Aufmerksamkeitsverlust gegenüber der Umgebung im Mittelpunkt, der jedoch ohne Bewußtseinslosigkeit einhergeht. Der Blick ist starr geradeaus gerichtet, motorische und vegetative Begleitsymptome fehlen. In der Hand befindliche Gegenstände werden weiter festgehalten. Tritt eine Absence beim Sprechen oder Schreiben auf, so werden diese Tätigkeiten unterbrochen. Der Patient bleibt wach, bewahrt seine ursprüngliche Haltung, kehrt dann genauso abrupt wieder in die ,,Wirklichkeit" zurück ohne den Anfall bemerkt zu haben. Absence-Anfälle treten einige bis mehrere hundert Male pro Tag auf und dauern maximal 20 Sekunden an. Betroffen sind Kinder vom fünften bis zum zehnten Lebensjahr, Mädchen häufiger als Jungs. Nach der Pubertät haben die Absencen die Tendenz seltener zu werden.

Das Janz-Syndrom

(Synonyma : Myoklonische Anfälle des Jugendalters, myoklonisches Petit-mal, Impulsiv- Petit-mal) Dieser Anfallstyp läuft in Form einer oder mehrerer komplexer myoklonischer Zuckungen ohne Aura und ohne eine Beeinträchtigung des Bewußtseins ab. Charakteristisch ist ihr salvenartiges Auftreten in der Aufwachsituation. Die Myoklonien betreffen ist erster Linie Arme und Schultergürtel. Im Anfall kommt es zum ruckartigen Hochwerfen der Arme und Spreizen der Finger. Der Patient erlebt den Anfall als schreckhaftes zusammenfahren oder als ,,elektrischer Schlag". Der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 13. und 20. Lebensjahr. Ein Geschlechtsunterschied besteht nicht.

2.3. Die unbestimmten Epilepsien :

dazu gehören Epilepsie Arten die aus einer Kombination von fokalen (z.T. multifokal) und generalisierten Anfällen bestehen, z.B. die Epilepsie im Schlaf ( ESES), das Landau-Kleffner Syndrom, das West Syndrom und das Lennox-Syndrom. Außerdem die unbestimmten Epilepsien ohne entsprechende generalisierte oder fokale Zeichen, z.B. die Grand-mal SchlafEpilepsien. Typische unbestimmte Epilepsien im Kindesalter sind folgende :

Das Landau-Kleffner-Syndrom :

Von Landau und Kleffner wurde 1957 erstmals ein Syndrom einer erworbenen Aphasie mit Epilepsie beschrieben. In der Regel beginnt die Erkrankung nach unauffälliger Sprachent- wicklung zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr mit einer auditiven verbalen Agnosie. Die Patienten sind unfähig akustische Sprachsignale zu erkennen, d.h den semantischen Gehalt zu erfassen. Dadurch erscheinen die Kinder taub, hochgradig schwerhörig, autistisch oder dement. Die agnostischen Störungen sind verbunden mit mit einer schweren Störung der Sprachfunktion. Der Zerfall des Sprachverständnisses und der Sprachfunktion entwickelt sich über Tage bis zu wenigen Monaten.

West-Syndrom :

(Synonyma: Blitz,- und Nickkrampf, Prospulsiv-Krämpfe oder -Petit-mal, infantile Spasmen) Beim Blitzkrampf kommt es zum blitzartigen Nachvorneschleudern der Arme und Beine, Rumpf und Kopf werden gleichzeitig gebeugt. Beim Nickkrampf beschränkt sich die Beugebewegung auf den Kopf. Beide Krampfarten dauern nur Bruchteile von Sekunden. Länger dauern die Salaamkrämpfe, bei der eine systematische Abfolge von Bewegungen typisch sind, die dann aber tonisch verlaufen und häufig von vegetativen Symptomen, wie Rötungen, Schwitzen und Speichelfluß begleitet werden. Allen gemeinsam ist der abrupt einsetzende Bewegungsablauf sowie das Auftreten in Serien (in wenigen Minuten mehrere Anfälle) und das Begünstigtwerden bei Aufwach- und Ermüdungssituationen. Betroffen sind überwiegend Säuglinge zwischen dem zweiten und achten Lebensmonat, Jungs häufiger als Mädchen.

Lennox-Syndrom :

(Synonyma: das myoklonische-astatische Petit-mal, akinetischerAnfälle) Auch bei dieser Epilepsieform treten die Anfälle in Serien, bevorzugt in Aufwach- und Ermüdungssituationen auf. Betroffen sind Kleinkinder zwischen dem zweiten und dem fünften Lebensjahr, Jungs häufiger als Mädchen. Kernsymptom ist die Störung der Haltungskontrolle. Nebeneinander treten Absencen, Blinzelanfälle, Nickanfälle, anfallsartiges Einknicken in den Knien, in der intensivsten Form : Sturzanfälle auf, die zu Verletzungen führen können. Meist dauern diese Anfälle nur Bruchteile von Sekunden, wobei das Bewußtsein erhalten bleibt.. Eine Serie von Anfällen kann jedoch in einen stunden-, tage-oder wochenlangen Status übergehen. Die Kinder erscheinen dabei umdämmert, können einfache Handlungen jedoch verlangsamt ausführen.

2.4 Spezielle Epilepsien

Dazu gehören die Fieberkrämpfe oder Gelegenheitskrämpfe und die Reflexepilepsien.

Reflexepilepsien :

Sie nehmen insofern eine Sonderstellung ein, als die epileptischen Phänomene durch ganz spezifische, äußere Reize ausgelöst werden. Man spricht von einer taktilen, photogenen oder Fernsehepilepsie, bewegungsinduzierten, audiogenen oder musikogenen Reflexepilepsie je nach dem, ob die epileptischen Anfälle durch Berührungen einer bestimmten ,,reflexogenen Zone", durch optische Eindrücke, bestimmte Bewegungen, Geräusche oder Musikstücke ausgelöst werden. Dabei handelt es sich um eine eigenständige Anfallsform. Grundsätzlich kann jedes epileptische Phänomen dadurch ausgelöst werden. Am häufigsten ist jedoch die photogene Auslösung von Absencen, Myoklonien und Grand-mal-Anfällen durch unterbrochene Lichtreize, z.B. Stroboskoplicht (,,Diskolicht")

Gelegenheitskrämpfe :

Gelegenheitskrämpfe sind zerebrale Anfälle, die im Verlauf einer akuten oder subakuten intra- oder extrazerebralen Erkrankung auftreten. Als Ursache der Gelegenheitskrämpfe konmen in Frage :

- Entzündungen (extrazerebrale, z.B. fieberhafte Infektionen der Atemwege oder intrazerebrale, z.B. Gehirnhautentzündung)
- Physikalische Einwirkungen (Hirntraume, z.B. Gehirnerschütterung oder andere z.B. Stromverletzungen)
- Stoffwechselstörungen
- Vergiftungen ( Medikamente oder Schwermetalle) · Krisenhafte Durchblutungsstörungen
- Schwere chronische Sauerstoffmangelzustände (z.B. bei angeborenen Herzfehlern, Lungenmißbildungen)
- Infektkrämpfe (Synonyma: Fieberkrämpfe, Zahnkrämpfe): der im Kindesalter häufigste Gelegenheitskrampf der bei akuten, fieberhaften Infekten auftritt. Auftreten bis zum fünften Lebensjahr mit einem Erkrankungsgipfel zwischen dem zweiten und dem vierten Lebensjahr. Jungs sind häufiger betroffen als Mädchen.

3. Ursachen

Natürlich spielen für das Syndrom Epilepsie nicht nur der Ursprungsort und der Einflüsse beeinflussen das gesamte Krankheitsbild und seine Entstehung :

1. Epilepsie als Folge des Vererbungsmechanismus : eine familiäre Häufung der Epilepsie ist bekannt und spielt wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei der Verursachung der Epilepsie.

Ein Epilepsie-Gen wurde jedoch noch nicht entdeckt.

2. Epilepsie als Folge prozessualer Vorgänge : Epileptische Anfälle können in Folge von Stoffwechselstörungen, Traumen oder entzündlichen Erkrankungen des Gehirns (Enzephalitiden), also im Rahmen akuter ZNS-Läsionen oder degenerativer Erkrankungen auftreten.

3. Epilepsie als Folge einer Schädigung des Gehirns, vorallem als Folge einer vorgeburtlichen Entwicklungsstörung des Gehirns.

In den meisten Fällen wird es jedoch so sein, daß der Patient der an einer Epilepsie leidet ganz individuelle Faktoren aufweist die seine Erkrankung verursachen. z.B. kann der Patient eine Veranlagung zur Epilepsie haben, die im Zusammenhang mit einer Läsion zusammenwirken und somit einen Anfall auslösen.

4. Zur Therapie der Epilepsien

Medikamentöse Therapie Antiepileptische Therapie bedeutet in der Regel medikamentöse Langzeittherapie mit dem Ziel, Anfallfreiheit oder wenigstens Anfallreduktion bei möglichst geringen Nebenwirkungen zu erreichen. Unter optimalen Behandlungsführung des Therapeuten und bei ,,folgsamer Mitarbeit" des Patienten läßt sich Anfallsfreiheit in unterschiedlicher Verteilung auf einzelne Epilepsiesyndrome bei etwa der Hälfte aller Epilepsien erreichen (Matthes & Schnebel, 1992 aus : Michels, 1996).

Operative Therapie

Die operative Form der Therapie spielt bisher eine eher untergeordnete Rolle, hat aber insgesamt aufgrund verbesserter diagnostischer und neurochirogischer Techniken zugenommen.

Eine Indikation ergibt sich bei nachgewiesener Medikamentenresistenz partieller Epilepsien mit einem umgrenzten operablen epileptischen Herd, darüber hinaus bei Tumorverdacht (Hufnagler & Elger, 1990 aus : Michels, 1996).

Psychologische Therapie

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen der Anfallsbeeinflußung haben zwar in der Zwischenzeit eine mehr als 20jährige Tradition, es existieren bisher jedoch aufgrund der vielfältigen Symptomatik der Epilepsie keine Standardverfahren. Ihr Erfolg ist abhängig von einem sehr individualisierten Einsatz, der auf einer sorgfältigen Verhaltensanalyse verschiedener Faktoren des Anfallsgeschehen beruht. Zum Einsatz kommen z.B. bestimmte Formen des Biofeedbackverfahrens oder imaginative Verfahren.

Psychologisch-psychotherapeutische Therapien dienen in erster Linie der Bewältigung psychosozialer und psychischer Schwierigkeiten als Folge der Erkrankung.

5. Epilepsie und Verhalten

5.1 Sozial-emotionales Verhalten

Die Vorstellung, daß die Krankheit Epilepsie geradezu zwangsläufig zu einem Verlust kognitiver wie auch sozial-emotionaler Funktionen führt und auf diese Art und Weise typisches epileptisches Verhalten prägt, reicht weit in die Kultur- und Medizingeschichte zurück und ist auch heute noch in der Bevölkerung weit verbreitet. So hat seit jeher dieses Krankheitsbild ambivalente Vorstellungen und Gefühle provoziert, es hat erschreckt und fasziniert. Wenn auch das Konstrukt epileptische Wesensänderung als widerlegt angesehen werden muß, so ist anderseits unbestritten, daß ein Teil der Epilepsiekranken, insbesondere Kinder und Jugendliche, im Verlaufe ihrer Erkrankung Verhaltensprobleme und Verhaltensstörungen entwickeln. Je nach Untersuchungsdesign werden Häufigkeiten bis zu 60 % berichtet (Rutter et al., 1970 aus : Michels, 1996). An Einzelsymptomen werden instabile Affektivität, allgemeine Ängstlichkeit z.T. mit schweren depressiven Mustern gefunden.Auch Frustations- und Hilflosigkeitsgefühle prägen bei einem Teil der Kinder und Jugendlichen die Persönlichkeit ( Matthews & Barabas, 1986 aus : Michels, 1996) Andere Autoren (Mellor et al., 1974 aus : Michels, 1996), die sich hauptsächlich auf die Beurteilung der Lehrer stützen, stellen vor allem aggressives Verhalten in den Vordergrund. Im Einzelfall lassen sich so eine Fülle verschiedener Symptome beobachten, die jedoch auch für andere zerebrale und chronische Erkrankungen beschrieben werden. In er Untersuchung von Mayer & Christ (1993 aus : Michels, 1996) zur Persönlichkeits- und Selbstbildentwicklung dominieren in der Selbstbeschreibung jugendlicher Patienten allgemeine Ängste, Minderwertigkeitsgefühle, soziale Scheu und Erwachsenenabhängigkeit. Diese psychischen Belastungen bildeten sich vorallem in Folge sogenannter kritischer Lebensereignisse heraus. Patienten ohne diese Belastungen und mit weniger aktiver Epilepsie zeigten Persönlichkeits- und Selbstbildprofile, die denen Nicht- Epileptiker sehr ähnlich waren. Also nicht nicht die Krankheit an sich, sondern die sozial- emotionale Belastungen der Krankheit begünstigen diese psychischen Belastungen. Matthews et al. (1982 aus : Michels, 1996) sehen die wesentliche Belastung in der besonderen krankheitsspezifischen Situation, denen epilepsiekranke Kinder und Jugendliche Ausgesetzt sind:

1. die Unvorhersehbarkeit des Auftretens epileptischer Anfälle
2. die Entäußerung der Krankheit im Anfall (Sichtbarkeit der Erkrankung),
3. der Kontrollverlust über Körper und Psyche im Anfall.

Mit einer erhöhten Aktivität der Epilepsie steigt somit auch die Belastung dieser Erfahrung..

5.2 Kognition

Neben den geschilderten psychischen Auffälligkeiten und Verhaltenstörungen wurden auch immer wieder kognitive Störungen und Intelligenzdefekte als zwangsläufige und damit typische Begleiterscheinungen epileptischer Erkrankungen angesehen. Auch hier konnte der empirische Nachweis nicht geliefert werden. Allerdings ist es auch nicht zu leugnen, daß Einschränkungen kognitiver Funktionen vor allem im Kindesalter zu den häufigsten Begleiterscheinungen epileptischer Erkrankungen gehören (Christ & Mayer, 1990 aus : Michels, 1996). Allerdings bilden diese sich nicht abrupt heraus, ihre Enstehung ist eher schleichend. Hierfür sind Eigendynamik des epileptischen Geschehens und Anfallsaktivität die wohl entscheidenden Ursachen. Neben den eher allgemeinen kognitiven Einschränkungen sind weitere isolierte Einschränkungen im Sinne einer Teilleistungsstörung klinisch bekannt und empirisch gesichert : z.B. Probleme der Visuomotorik, der Sprache, des Gedächtnisses sowie verschiedener Wahrnehmungsmodalitäten (Christ & Mayer, 1992 aus : Michels, 1996). Darüber hinaus stellen Einschränkungen in der Aufmerksamkeit, Konzentration und Problemlösefertigkeit ein bedeutenes Problem dar (Mayer & Diener, 1995 aus : Michels, 1996).

5.3 Interaktionell

Die spezifische Epilepsiesiuation und die sich daraus ergebenen Bealstungen wirken nicht nur auf den Patienten selbst, sondern auch auf seine Umwelt, insbesondere bei Kindern und Jugendliche auf ihre Familien. Bedrolichkeit und Unvorhersehbarkeit der Anfälle fördern z.T. berechtigt ständige Obacht, etwa bei hohem Verletzungsrisiko des Kindes. Diese Obacht birgt aber latent die Gefahr einzuengen und Erfahrungsmöglichkeiten zu begrenzen, letzlich zu verunselbstständigen. Dem Kind werden notwendige Lernerfahrungen, und somit Eigenkontrolle über Erfolg oder Mißerfolg eigenen Handelns entzogen. Die Erfahrung ständiger Kontrolle fördert auf Seiten des Kindes Selbstwert- und Selbstbildprobleme, die wiederum familiäre Abhängigkeitsstrukturen verhärten.

5.4 Risikofaktoren

Nach Hermann und Whitman (1986 aus Michels : 1996) sind es drei verschiedene Risikokomplexe, die bei der Ausgestaltung der verschiedenen Störungsmuster die entscheidende Rolle spielen :

1. Neuroepileptische Faktoren z.B. das Alter bei Erkrankungsbeginn, die Dauer der Erkrankung, die Anfallsart sowie die Anfallsfrequenz.
2. Psychosoziale Faktoren z.B. die Art der Krankheitsverarbeitung, den Grad der sozialen Integration.
3. Nebenwirkungen der antiepileptischen Therapie.

Diese Risikofaktoren können sich gegenseitig verstärken oder auch abmildern, d.h. sie interagieren dynamisch.

6. Schlußfolgerung

Vor dem Hintergrund der dargestellten individuellen und interaktionellen Begleitprobleme begründen sich verschiedenste psychosoziale und neuropsychologische Interventionen und Reha-Maßnahmen. Es sind im wesentlichen Interventionen, wie sie auch bei anderen chronischen Erkrankungen indiziert sind. In Anlehnung an Petermann ( 1996) lassen sich u.a.

folgende Schwerpunkte formulieren :

1. Rehabilitation und Integration des Kindes in die Alltagswirklichkeit von Familie, Schule, Beruf und Freundeskreis.
2. Unterstützung des sozialen Netzwerkes Familie, Förderung ihres krankheitsspezifischen Wissens, Eltern sollten sich als selbstbewußte und kritische ,,Experten" der Krankheit ihres Kindes sehen.
3. (Neuro-) Psychologische Diagnostik und Förderung bei kognitiven und sozial-emotionalen Störungen.
4. Spezifische psychotherapeutische Unterstützung bei der seelischen Verarbeitung der Krankheit bzw, deren Folge.
5. Förderung angemessenen Krankheits- und Erziehungsverhaltens.

Der Epilepsiebericht 1984 (aus : Michels, 1996) fordert für Epilepsieambulanzen bzw. spezialisierten Epilepsiekliniken neben der qualifizierten Fachärztlichen Versorgung auch, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, ein entsprechendes psychologisches Betreuungsangebot. Leider ist diese Forderung in der Realität weit von einer Verwirklichung entfernt. Lediglich an einigen universitären bzw. stätdischen Epilepsieambulanzen bzw. zentren sind Psychologen wie auch Pädagogen ständige Mitarbeiter.

7. Literaturverzeichnis

- AWMF online (1999), Leitlinien Kinderheilkunde / Neuropädiatrie : Epilepsien im Kindesalter : http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/pneur-07.htm.
- Birbaumer, N. & Schmidt, R.F. ( 1996), Biologische Psychologie, Springer Verlag : Berlin, Heidelberg, New York.
- Daute, K.H. (1991), Neuropsychatrie des Kindes- und Jugendalters, Zuckschwerdt Verlag GmbH : München.
- Gross-Selbeck G. (1995), Das anfallskranke Kind Band 10 : Frühkindliche Anfälle und Epilepsie-Syndrome, medicin + pharmacie dr. werner rudat & Co. Hamburg : Würzburg. · Grundler, E. (1980), Kinderheilkunde : Diagnostik, Therapie, Prophylaxe, Hippokrazes Verlag : Stuttgart.
- Hales, R.E. & Yudofsky, S.C. ( 1993), Handbuch Neuropsychatrie, Psychologie Verlags Union : Weinheim.
- Michels, H.P. (1996), Chronisch kranke Kinder und Jugendliche : psychosoziale Betreuung und Rehabilitation, Dgvt-Verlag : Tübingen.
- Noachter, S. (1998), Die semiologische Klassifikation epileptischer Anfälle, Der Nervenarzt : 1998, Band 69, S.117-126, Springer Verlag : Berlin.
- Petermann, F. & Bode, U. ( 1990), Chronisch kranke Kinder : eine interdisziplinäre Aufgabe, Deutscher Ärzte Verlag : Köln.
- Spiel, W. ( 1987), Kompendium der Kinder- und Jugendneuropsychatrie, E.Reinhardt Verlag : München, Basel.

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Details

Titel
Epilepsie im Kindesalter und seine psychischen Folgen
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V98885
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Epilepsie, Kindesalter, Folgen
Arbeit zitieren
Britta Rugen (Autor), 2001, Epilepsie im Kindesalter und seine psychischen Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98885

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