Wie wird Geschlecht hergestellt? Zur Performativität und diskursiven Konstruktion von Geschlecht bei Judith Butler


Seminararbeit, 2018

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Judith Butler: Zur Person
1.1 Leben
1.2 Werk
1.3 Wirkung und Kritik

2. Diskursive Herstellung von Geschlecht
2.1 Diskurs, Sprechen und Performativität im Sinne Butlers
2.2 Performative Sprechakte nach Austin
2.3 Intelligible Geschlechter

3. Rezeption und Ausblick
3.1 Rezeption des Butlerschen Performativitätsbegriffs
3.2 Ausblick

Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

„On ne nait pas femme, on le devient. ” „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es. “1 Simone de Beauvoir Eben diese Einsicht Simone de Beauvoirs ist Ausgangspunkt für die teilweise radikale und deshalb wohl breit rezipierte Geschlechtertheorie Judith Butlers, insbesondere wenn es darum geht, die vermeintlich natürlich gegebenen Geschlechterverhältnisse zu ent-naturalisieren und als Effekte von Machtverhältnissen und hegemonialen Diskursen herauszustellen. Denn vor allem in einem Punkt sind sich die beiden Philosophinnen einig: Geschlecht ist eine soziale Konstruktion. Was de Beauvoir in ihrem Werk Das andere Geschlecht (1992) angestoßen hat, führt Butler in ihren Schriften weiter indem sie konstatiert, dass es mehr als nur „männlich“ und „weiblich“ gibt — dass Geschlechtsidentität veränderbar ist.

In dieser Seminararbeit soll der Frage nachgegangen werden, wie im Sinne Butlers Geschlecht hergestellt wird: Nämlich diskursiv. Das erste Kapitel ist zunächst in kurzen Zügen der Biografie Butlers gewidmet. Im zweiten Kapitel soll anhand der Erläuterung wichtiger Thesen, Begrifflichkeiten und Konzepte, die Butler anführt — insbesondere das Konzept der Performativität sowie das der intelligiblen Geschlechter — die Herstellungsweise von Geschlecht skizziert werden, während in einem abschließenden Schritt auf die Rezeption ihres Performativitätsbegriffs geschaut werden soll.

1. Judith Butler: Zur Person

1.1 Leben

Judith Butler, im Jahr 1956 in Cleveland, Ohio geboren, ist eine amerikanische Philosophin jüdischer Herkunft sowie Theoretikerin der Gender und Queer Studies. Sie gilt heute als eine der einflussreichsten Vertreterinnen der neueren Frauen- und Geschlechterforschung. Seit dem Jahr 1993 ist sie als Professorin für Rhetorik an der University of California in Berkely tätig und hat dort seit 1994 den Lehrstuhl für Rhetorik und

Vergleichende Literaturwissenschaft inne. Des Weiteren ist sie Lehrende an der European Graduate School in der Schweiz, wo sie die Hannah Arendt Professur für Philosophie innehat.

Über ihre Familie sowie über ihre religiöse Erziehung kam Butler schon früh mit theologischen und philosophischen Schriften in Kontakt. Nach dem Besuch des Bennington College in Vermont studierte sie Philosophie in Yale und Heidelberg, wo sie in Yale im Jahr 1984 mit einer Arbeit über Hegel promoviert wurde.2

1.2 Werk

Internationales Aufsehen erregte Butler 1990 mit dem Erscheinen ihres Buches Gender Trouble (dt.: Das Unbehagen der Geschlechter, 1991): Sie dehnt darin ihre umstrittene These von der Performativität des Geschlechts nicht nur auf soziale Geschlechterkonstruktionen, sondern auch auf den Bereich des Körpers als eines kulturellen Konstrukts aus und stellte damit insbesondere feministische Grundpositionen im Hinblick auf feststehende, genuin weibliche Identitätsformen und Subjektpositionen in Frage. Butler hat diese These in ihrer darauf folgenden Forschungs- und Publikationstätigkeit bis heute weiter ausgeführt und entwickelt, wobei sie anthropologische, psychoanalytische, soziologische, politische sowie (sprach-)philosophische Fragestellungen miteinander verbindet.

Grob zusammenfassend setzt sich Judith Butler also mit sprach-, diskurs- und identitätstheoretischen sowie identitätspolitischen Fragen auseinander. Dabei weitet sich ihr Untersuchungsrahmen zunehmend von der Analyse von Geschlechtsidentitäten und von Subjekttheorien hin zu ethisch ausgerichteten Diskurs- und Machtanalysen im gesellschaftspolitischen Umfeld aus. In den Blick nimmt sie dabei das Verhältnis von Subjekt und Körper, Sprache und Macht. Ihre speziell auf Diskursregularitäten und Sprache fokussierten Untersuchungen von Geschlechtsidentität und Geschlechternormen, Gender- und Subjekttheorie, sprachlicher, politischer und ethischer Gewalt werden daher der Dekonstruktion bzw. dem feministischen Dekonstruktivismus bzw. der Diskursanalyse und dem Poststrukturalismus zugeordnet.3

1.3 Wirkung und Kritik

Im Bereich politischer, soziologischer und philosophischer Theoriebildung ebenso wie in den Sprach- und Literaturwissenschaften wurden Butlers Thesen zur Performativität von sprachlich verankerten Machtstrukturen und zur grundlegenden kulturellen Konstruktion von Geschlechtsidentitäten vielfach aufgegriffen. Insbesondere aber beeinflussten sie die sich in den 1990er Jahren etablierenden Gender und Queer Studies sowie die neueren Forschungsgebiete der Men’s und Women’s Studies und der Lesbian and Gay Studies. Die heftige Kritik, der sich Butlers radikaler Konstruktivismus insbesondere aus feministischer Perspektive ausgesetzt sah, warf ihr vor, den empirisch gegebenen Körper unberücksichtigt zu lassen: Butlers Theorie der Materialisierung des Körpers bringe den Körper, der doch unbestreitbare materielle Basis jeder Identität sei, quasi zum Verschwinden. Die Kritik stelle sich die Frage, wer überhaupt den Diskurs konstruiere, wenn letztlich alles diskursiv konstruiert sei. Des Weiteren vernachlässige Butler im Zusammenhang damit zahlreiche weitere soziale Faktoren wie etwa race und dass, die Identität bedingen. Butlers Theorie fehle insgesamt eine gesellschaftliche und historische Fundierung.

Kennzeichen sämtlicher Einwände gegen Butlers Thesen ist, dass sie von der sozialen Praxis sowie von der Erfahrung unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten ausgehen, wohingegen Butler von der sprachphilosophisch motivierten Frage nach einer der Sprache und dem Diskurs inhärenten Macht ausgeht. Mit ihrer These, dass der diskursiven Macht der heterosexuellen Matrix nicht zu entkommen sei, zielt Butler keineswegs auf eine Desillusionierung feministischer Politik, sondern auf einen bewussteren, reflektierten Umgang mit bestehenden Machtstrukturen ab.4

2. Diskursive Herstellung von Geschlecht

2.1 Diskurs, Sprechen und Performativität im Sinne Butlers

Als Hauptvertreterin der sogenannten „linguistischen Wende“ der Gender Studies teilt Butler eine poststrukturalistische, an den französischen Historiker und Philosophen Michel Foucault angelehnte Sicht von Diskurs. Im Kern besteht diese Wende in der Konzentration auf Sprache und Diskurs als Ort der Konstruktion sozialer Wirklichkeit, wobei es in der Gender Theorie insbesondere um die Wirklichkeit von Geschlechterdifferenz und ihren Folgen (Ungleichheit, Subjektivität, Identität, Herrschaft, politische Auseinandersetzungen) geht.5

Als Diskurstheoretikerin versteht sich Butler selbst außerdem als Poststrukturalistin; poststrukturalistische Theorien behandeln Sprache als den Ort, an dem soziale Wirklichkeit organisiert wird. Der Poststrukturalismus ist ein philosophisches Paradigma, das Ende der 1960er Jahre in Reaktion auf den Strukturalismus entstanden ist. Beide teilen die objektivierende Perspektive auf Ursachen (im Gegensatz zu Gründen) und die Erklärung von Phänomenen anhand ihrer differenziellen Beziehungen, die durch die binäre Logik der Entgegensetzung bestimmt sind (z. B. gesund/krank, Freund/Feind). Poststrukturalistische Ansätze nähern sich des Weiteren hermeneutischen Ansätzen und deren Deutungsmethoden insofern, als ihnen kulturell tief liegende Sinnstrukturen als interpretationsoffen gelten. Zu den wichtigsten Vertretern gehören außerdem Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Jean Baudrillard und Jean-Francois Lyotard.6 7 Butler bezieht sich immer wieder auf den Foucaultschen Diskursbegriff, den sie für sich wie folgt definiert:

„ ‘Diskurs ‘ ist nicht bloß gesprochene Wörter, sondern ein Begriff der Bedeutung; [...] Ein Diskurs stellt nicht einfach vorhandene Praktiken und Beziehungen dar, sondern er tritt in ihre Ausdrucksformen ein und ist in diesem Sinne produktiv."

Demnach sind Diskurse viel mehr als nur gesprochene Sprache: Sie sind Systeme des Denkens und Sprechens, die das, was wir von der Welt wahrnehmen, konstituieren, indem sie die Art und Weise der Wahrnehmung prägen. Sie sind produktiv, bringen etwas hervor bzw. erschaffen etwas, sind dabei aber weder frei von Ideologien noch von Macht. Das bedeutet, dass Begriffe, die wir in unserer jeweiligen Sprache verständlich finden, immer nur im Rahmen bestimmter Diskurse funktionieren: Zum Beispiel haben wir bei dem Begriff ,Computervirus‘ ähnliche Assoziationen wie etwa gefährdend, ansteckend und rätselhaften Ursprungs. Der alltagsrelevante biologische Diskurs sortiert gewisse Erscheinungen als Viren und macht den Begriff Computervirus für uns verständlich, sofern wir uns und die Welt hinreichend verstehen.8

Man kann also sagen, dass Diskurse eine Art Metaordnung darstellen, auf deren Objekte sich die Menschen sprachlich beziehen können. Butler interessiert sich hier insbesondere für Frauen, Lesben, Schwule, Feministinnen, Anredungen und Adressierungen und möchte herausfinden, wie es dazu kommt, dass diese Bezeichnungen ,intelligibel‘, also sinnvoll und verständlich sind. Sie geht davon aus, dass diese Begriffe ihre Bedeutung und damit ihre spezifische Existenz durch Praxis erhalten — was eine zentrale Denkfigur sämtlicher konstruktivistischer Ansätze ist.9 Die Pointe der Diskurstheorie ist, dass die Phänomene um die es geht immer in einer bestimmten Weise durch das diskursive Feld geformt sind, was letztendlich bedeutet, dass jeder Blick auf die Welt diskursiv gerahmt ist und eine je nach historischem Zeitpunkt und soziokulturellem, politischem Kontext spezifische Brille trägt und es keinen Blick ohne Brille gibt. Laut Butler wäre es allerdings unsinnig, einen diskursfreien Ort zu wünschen, da niemand außerhalb der zu einem gegebenen Zeitpunkt herrschenden Diskurse stehen kann. Wie es möglich ist, dass Diskurse derart mächtig sind und was Sprache und Sprechen mit Diskurs zu tun haben, darum soll es im folgenden Abschnitt gehen.10

2.2 Performative Sprechakte nach Austin

Diskurse haben keine magische Fähigkeit — ihre Macht wird vielmehr beständig durch soziales Tun performiert: Konkrete Menschen müssen sprechen. Etwas auf das Butler großen Wert legt. Menschliches Sprechen kann schief gehen oder zumindest unerwartete Effekte hervorrufen, kurzum: Laut Butler entzieht sich das Sprechen stets in gewissem Sinne unserer Kontrolle und Äußerungen sind prinzipiell mehrdeutig. In Anlehnung an die Sprechakttheorie des britischen Philosophen John L. Austin haben Sprechakte für Butler Handlungscharakter: Sie führen etwas aus und heißen deshalb „performative Sprechakte“. Dabei handelt es sich um Formen der Rede, die das, was sie besagen, dadurch, dass etwas gesagt wird, produzieren. Veranschaulichende Beispiele dafür sind die Trauung eines Brautpaares durch eine*n Standesbeamten oder ein*e Richter*in der*die ein Urteil verkündet und damit aus einem Angeklagten einen Kriminellen macht. Diese Vorgänge sind allerdings nur von Gültigkeit wenn der entsprechende Sprechakt legitim ist, was bedeutet, dass nur ein Priester oder eine Standesbeamtin eine Trauung erfolgreich vollziehen kann. Butler knüpft also dahingehend an Austin an, dass Sprechakte nur dann performativ sind, wenn sie Bestandteil legitimer sozialer Konventionen sind.11

Erfolgreiche Sprechakte sind demnach nur dann geglückt, wenn sie sich bestehender sprachlicher Konventionen bedienen, wobei sie immer nur vorläufig geglückt sind, da sich Konventionen sowie die semantischen Bedeutungen von Äußerungen im permanenten Wandel befinden. Nach Butler sind geglückte Sprechakte auch immer Zitate, da wir mit jeder beliebigen Äußerung die wir tätigen in einen Diskurs eintreten. Begriffe haben keine reine Bedeutung, sie sind nie ein für alle Mal an einen Gebrauch gekettet. So funktioniert laut Butler die gesamte Konstruktion von Original und Kopie nicht, da sie sich als instabil erweist: Jede Position invertiert in die andere, kehrt sich um und vereitelt damit die Möglichkeit einer stabilen Verortung der zeitlichen und logischen Priorität einer der beiden Begriffe — ein definitorischer Zirkelschluss, der nicht zu durchbrechen ist.12

Nichtsdestotrotz bedeute die Tatsache, dass Sprechen eine Form von Handlung ist nicht notwendigerweise, dass es tut, was es sagt, so Butler.13 So etwa könne jemand als ,Nigger‘ beschimpft werden (wollen) und diesen Begriff auf eine andere Weise verwenden, nämlich selbstbewusst bzw. positiv.14 Insgesamt bergen Diskurse also einen produktiven „Mangel an Finalität“, wenn diskursive Performativität abhängt von vorgängigen Reden und Bedeutungen, von historisch gewordenen sozialen Ritualen und Autoritäten von Sprechenden wie von der Offenheit all dieser Dimensionen im Hinblick auf die Zukunft.15 Fest steht, dass wir nie gänzlich wissen und nicht kontrollieren können, was eine sprachliche Äußerung im Moment ihrer Formulierung bedeutet.16

[...]


1 Vgl. Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht: Sitte und Sexus der Frau. Hamburg 2012.

2 Vgl. Andreas Blödorn: Judith Butler. In: Matias Martinez/Michael Scheffel (Hrsg.): Klassiker der modernen Literaturtheorie. Von Sigmund Freud bis Judith Butler. München 2010, S. 385.

3 Vgl ebd., S. 385 f.

4 Vgl. ebd., S. 399 f.

5 Vgl. Paula-Irene Villa: Judith Butler. Eine Einführung. Frankfurt 2012, S. 19.

6 Vgl. Hartmut Rosa/David Strecker/Andrea Kottmann: Soziologische Theorien. Konstanz 2007, S. 281.

7 Vgl. Judith Butler: Für ein sorgfältiges Lesen. In: Seyla Benhabib, Judith Butler, Drucilla Cornell, Nancy Fraser (Hrsg.): Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart. Frankfurt a. M. 1993, S. 129.

8 Vgl. Paula-Irene Villa: Judith Butler. Eine Einführung. Frankfurt 2012, S. 20 f.

9 Vgl. ebd., S. 21 f.

10 Vgl. ebd., S. 23 f.

11 Vgl. ebd., S. 25 ff.

12 Vgl. ebd., S. 30 f.

13 Vgl. Judith Butler: Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Berlin 1998, S. 147.

14 Vgl. ebd., S. 143 f.

15 Vgl. ebd., S. 132.

16 Vgl. Paula-Irene Villa: Judith Butler. Eine Einführung. Frankfurt 2012, S. 33.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wie wird Geschlecht hergestellt? Zur Performativität und diskursiven Konstruktion von Geschlecht bei Judith Butler
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V989036
ISBN (eBook)
9783346349033
ISBN (Buch)
9783346349040
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschlecht, performativität, konstruktion, judith, butler
Arbeit zitieren
Johanna Friedrich (Autor), 2018, Wie wird Geschlecht hergestellt? Zur Performativität und diskursiven Konstruktion von Geschlecht bei Judith Butler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/989036

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