Zur Moralentwicklung von Heranwachsenden - Möglichkeiten von Sportvereinen


Hausarbeit, 2000

18 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Moralentwicklung als Teil des Sozialisationsprozesses, Eingrenzung

2. Bedeutung des Sportvereins für die Sozialisation

3. Theoretische Vorüberlegungen zur Moralbildung
3.1 Kohlbergs Modell der Moralentwicklung
3.2 Soziale und kognitive Fähigkeiten als Voraussetzung für höhere Moralstufen

4. Moralentwicklung im Sportverein
4.1 Regelbegründung durch den Trainer
4.2 Demokratische Regelfindung
4.3 Konfliktbewältigung

5. Fazit

Literaturliste

1. Einleitung

Der deutsche Sportbund (kurz DSB) ist der Zusammenschluß (fast) aller deutschen Sportvereine. Wenn man der Selbstdarstellung auf seiner Internetseite Glauben schenken darf, mißt er der Wertevermittlung und Moralbildung einen hohen Stellenwert bei: ,,In der Nachwuchsförderung stehen die Vermittlung und das Vorleben ethischer Grundsätze im Vordergrund." ,,Sport ist persönliche Lebensbereicherung. Werte, wie Hilfsbereitschaft, Fairneß, Partnerschaft und Respekt vor dem Mitmenschen verkörpern das Wesen des Sports und begründen das gesellschaftliche Zusammenleben. Der Sport integriert Menschen unabhängig von Herkunft, Alter und Leistungsvermögen."1 Wie steht es aber mit der Erreichung dieser hehren Ziele?

Bockrath und Bahlke kommen nach umfangreichen empirischen Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen sportlicher Aktivität und Moralentwicklung (überwiegend in Werthaltungen operationalisiert) zu einem eher ernüchternden Ergebnis: ,,Aus sozialisationstheoretischer Perspektive muß somit all jenen generalisierenden Auffassungen eine Absage erteilt werden, die davon ausgehen, daß sich auf der Ebene allgemeiner Werthaltungen individuelle Struktur- oder Präferenzunterschiede aufgrund des im besonderen Maße <persönlichkeitsbildenden> Erfahrungshorizontes des Sports ergeben."2 Mit anderen Worten: Dadurch, daß man Sport treibt, erreicht man nicht automatisch ein anderes (höheres) Moralbewußtsein. Bockrath und Bahlke finden allerdings trotzdem in manchen Teilbereichen relevante Unterschiede. Insbesondere gebe es Unterschiede im Moralbewußtsein zwischen Menschen, die intensiv einer Freizeitbeschäftigung nachgehen und solchen, die das nicht tun (ebd.).

Was kann der DSB nun aber tun, um seine Ziele in Zukunft besser zu erreichen? Ich möchte diese Fragestellung noch etwas konkretisieren. Dazu sind zwei Feststellungen notwendig:

1. Die Moralentwicklung ist ein Teil der Sozialisation3 eines Menschen. Wie für den gesamten Sozialisationsprozess gilt auch für die Moralentwicklung, daß sie einerseits durch die Umwelt beeinflußt wird, andererseits aber auch aktiv durch den jeweiligen Menschen gestaltet wird. Wenn man also die Moralentwicklung fördern will, so ist der Einfluß begrenzt: Ohne das Mitwirken des jeweiligen Menschen kann man nichts erreichen. Die Totalverweigerung eines Menschen ist aber zunächst nicht anzunehmen.
2. Die entscheidende Wirkungsstätte, um die Moralbildung zu beeinflussen ist für den DSB sicherlich nicht der Verband an sich, sondern der einzelne Sportverein. In Kapitel 2 werde ich diese Aussage weiter begründen.

Die Fragestellung dieser Arbeit lautet also: ,,Was kann der Sportverein tun, um die Moralentwicklung Heranwachsender möglichst gut zu unterstützen?"

Um dieses herauszufinden, werde ich zunächst untersuchen, inwiefern der Sport im allgemeinen und der Sportverein insbesondere die Sozialisation beeinflußt (Kapitel 2). Anschließend werde ich kurz skizzieren, wie sich die Moralbildung vollzieht (Kapitel 3.1) und welche Voraussetzungen sie benötigt (3.2). In Kapitel 4 widme ich mich dann der eigentlichen Beantwortung der Frage, indem ich am Beispiel eines Rudervereins zeige, was sich im Sportverein konkret machen läßt und wie man es machen sollte. Insgesamt stelle ich drei Lösungsmöglichkeiten auf diese Weise vor.

2. Bedeutung von Sportvereinen für die Sozialisation

Alle Schülerinnen und Schüler der deutschen allgemeinbildenden Schulen sind - sofern sie gesundheitlich dazu in der Lage sind - zum Sportunterricht verpflichtet. 81 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen treiben in ihrer Freizeit zumindest gelegentlich Sport.4

Über die Hälfte aller Kinder zwischen 7 und 18 Jahren sind Mitglied in einem Sportverein.5

Darüber hinaus nehmen gerade auch Jugendliche als Zuschauer an Sportereignissen teil - entweder live im Stadion bzw. in der Sporthalle oder durch die Medien übermittelt. Man kann also durchaus sagen, daß der Sport die Sozialisation der meisten Menschen beeinflußt. Leider kann ich auf zehn Seiten nicht alle Sozialisationsfaktoren des Sports bearbeiten. Daher konzentriere ich mich im Folgenden auf direkte Einflüsse vom Sportverein auf einen einzelnen Menschen. Indirekte Einflüsse, wie z.B. den Einfluß, den Sportvereine auf Fernseh- Zuschauer haben, indem sie die Wettkampfregeln beeinflussen oder Verhaltensweisen, die von Mitgliedern der Sportvereine an ihre Peergroups weitergegeben werden, vernachlässige ich weitgehend. Diese Einflüsse sind sicherlich vorhanden, sie dürften in aller Regel aber sehr gering sein und sind auch kaum empirisch nachzuweisen. Damit beschränkt sich die Betrachtung auf die Mitglieder von Sportvereinen, und zwar auf die aktiven. Wieviele das tatsächlich noch sind, ist nur schwer zu bestimmen. Hasenberg kommt in seiner Typologie bei den 10-13jährigen auf immerhin 17% ,,Vereins- und Trainingssportler"6, wobei in dieser Gruppe mehr Jungen als Mädchen vertreten sind.

Nach der ungefähren Abschätzung, wieviele Heranwachsende durch die Sportvereine erreicht werden, bleibt nun noch die Frage zu klären, wie stark der Einfluß eines Sportvereins auf die Sozialisation eines Mitgliedes ist. Auch hier ist leider keine genaue Antwort zu erwarten.

Folgendes läßt sich aber feststellen: Im Vergleich zu Eltern und Schule sind die Sozialisitionseinflüsse des Sportvereins eher gering. Trotzdem kann der Einfluß noch ganz erheblich sein. Der Einfluß des Sportvereins auf die Sozialisation ist um so größer, · je länger die Mitgliedschaft eines Menschen dauert,

- je mehr Zeit dieser Mensch während der Mitgliedschaft im Verein verbringt,
- je gezielter Trainerinnen und Kinderbetreuer7 durch pädagogische Arbeit die Sozialisation bewußt beeinflussen,
- je fester die Beziehung zu den Vereinskameraden (vor allem zu den gleichaltrigen) ist,
- je mehr der Verein bzw. der Sport auch in Beziehungen außerhalb des Vereins eine Rolle spielt.

Zu beachten ist hierbei sicherlich, daß Jugendliche sich insgesamt immer seltener längerfristig binden. Das wirkt sich natürlich auch auf den Sport aus: Neben einem Rückgang der Mitgliederzahlen in den Jugendabteilungen der Sportvereine führt dieses auch zu einem gesteigerten Fluktuationsverhalten zwischen Sportarten und Sportvereinen sowie zu Mehrfachmitgliedschaften.8 Folglich sinkt die Bereitschaft, sich für den Verein einzusetzen und Aufgaben zu übernehmen. Das schmälert die Bedeutung des Vereins als Sozialisationsinstanz im Vergleich zu früheren Jahren. Im Vergleich zu anderen Sozialisationsfaktoren bleibt eine erhebliche Bedeutung bestehen, zumindest für ,,Vereins- und Trainingssportler" im Sinne Hasenbergs.

3. Theoretische Vorüberlegungen zur Moralbildung

Moral ist im Lexikon definiert als ,,System von Wertvorstellungen, und Geboten, das Handlungen und Einstellungen nach Gut und Böse ordnet."9 Um zu klären, inwiefern die Moralbildung Heranwachsender im Sportverein unterstützt werden kann, muß man zumindest wissen, wie und wohin sich das Moralverständnis entwickelt. Das von Lawrence Kohlberg entwickelte Modell, das die Moralentwicklung in verschiedene Stufen einteilt, ist in der Soziologie allgemein anerkannt. Ich will es ganz kurz skizzieren (3.1) und dann auf einige wichtige Voraussetzungen für die Moralbildung eingehen (3.2):

3.1 Kohlbergs Modell der Moralentwicklung

Kohlberg stellt die Moralentwicklung als einen Ablauf von sechs Stufen dar, wobei die wenigsten Personen die sechste Stufe erreichen. Folgende Stufen werden unterschieden:10

Stufe 1: Nur eigene Interessen werden beachtet (gut ist, wofür ich belohnt werde; schlecht ist, wofür ich bestraft werde)

Stufe 2: Interessen einer Dyade (,,ich und ein anderer") stehen Mittelpunkt (gut ist, was mir und dir nutzt; gut ist, im Sinne eines konkreten Austauschs fair miteinander umzugehen; ,,Eine Hand wäscht die andere")

Stufe 3: Die Erwartungen anderer konkreter Personen werden erfüllt (gut ist, die Normen einer Gruppe zu befolgen)

Stufe 4: Die Normen der Gesellschaft werden befolgt (weil das gut für die ganze Gesellschaft ist)

Stufe 5: Interessen aller Mitglieder der Gesellschaft werden berücksichtigt und zwar auf Basis der grundsätzlichen Werte und Übereinkünfte (gut ist, was allen Staatsbürgern nützt, ggf. müssen dabei Normen verletzt bzw. verändert werden)

Stufe 6: Interessen aller Vernunftwesen (einschl. folgender Generationen) stehen im Mittelpunkt (gut ist, was den allgemeinen moralischen Grundsätzen genügt, z.B. Kants kategorischem Imperativ)

Die beiden ersten Stufen werden auch als präkonventionelles Niveau zusammengefaßt; hier sind die persönlichen Interessen ausschlaggebend. Die dritte und vierte Stufe bilden das konventionelle Niveau, auf dem geltende Normen, Regeln und Gesetze eingehalten werden. Die beiden letzten Stufen schließlich bilden das präkonventionelle Niveau, auf dem Regeln und Gesetze auf das Übereinstimmen mit selbstgewählten moralischen Prinzipien überprüft werden. Gut ist, was den universalen Prinzipien der Gerechtigkeit (Gleichheit, Menschenwürde, etc.) entspricht.

Kohlberg glaubte, daß es sich hierbei um einen starren Ablauf handle, bei dem kein Schritt übersprungen werden könne, und bei dem ein Rückschritt auszuschließen sei. Außerdem hielt er sein Modell für eine universelle ontogenesische Gesetzmäßigkeit.11 Einige dieser Annahmen müssen nach neueren empirischen Forschungen relativiert werden: Zum einen gibt es zumindest in Einzelfällen eine Rückentwicklung, d. h. jemand, der eigentlich schon auf einer höheren Stufe war, kann wieder auf eine geringere Stufe zurückfallen. Zum anderen hat man festgestellt, daß das ein höheres Moralverständnis nicht zwangsläufig dazu führt, daß die entsprechende Person ihrem Moralverständnis entsprechend handelt. Es gibt also noch weitere Faktoren als nur das bloße Wissen, die entscheiden, ob jemand moralisch handelt oder nicht.12

3.2 Soziale und kognitive Fähigkeiten als Voraussetzung für höhere Moralstufen

In der Einleitung habe ich die Moralentwicklung als ein Teil der Sozialisation beschrieben.

Verschiedene soziale Fähigkeiten entwickeln sich aber nicht unabhängig voneinander, sondern sie bedingen sich gegenseitig. Für ein Moralverständnis auf einer höheren Stufen sind viele Voraussetzungen zu erfüllen. Die wichtigsten Voraussetzungen will ich kurz nennen13, wobei ich mich jeweils auf die sechste (höchste) Stufe in Kohlbergs Modell beziehe. Für die darunterliegenden Stufen sind zum Teil die gleichen Fähigkeiten auf einem niedrigeren Niveau notwendig.

1. Die Rollenübernahmefähigkeit muß so weit ausgeprägt sein, daß eine neutrale Beobachterrolle eingenommen werden kann. Nur dann ist es möglich, die individuelle Bedeutung eines Sachverhaltes für den jeweiligen Menschen angemessen zu beurteilen.
2. Man muß die Folgen des Handelns absehen können. Dazu gehört, daß man den Sachverhalt richtig wahrnimmt und daß der eigene Zeitbegriff so weit entwickelt ist, daß man die Wirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart und Konsequenzen aus dem Handeln der Gegenwart auf die Zukunft erkennt. Außerdem muß man über das notwendige inhaltliche Wissen verfügen, um Ursache und Wirkung richtig miteinander in Verbindung zu bringen - und dabei ggf. viele verschiedene und lange Kausalketten verfolgen können.
3. Es muß ein Verständnis für das Funktionieren von Systemen vorhanden sein. Nur dann kann man einerseits die Folgen für die Beteiligten und andererseits die Folgen für das System und somit für alle anderen am System beteiligten Menschen richtig einschätzen. So kann eine Gesetzesübertretung z.B. unter der Abwägung der Interessen aller Beteiligten moralisch durchaus gerechtfertigt sein und trotzdem eine Bestrafung geboten sein, um einer Normerosion vorzubeugen.

Um ein höheres Moralverständnis zu erreichen, kann es also durchaus notwendig sein, erst einmal an ganz anderen Fähigkeiten zu arbeiten. Dieses sollte man immer Blick haben, auch, um nicht Unmögliches von einem Menschen zu verlangen. Viele dieser Fähigkeiten erwerben die Menschen erst langsam und mit großem Zeitaufwand im Verlauf ihrer Sozialisation. Die Moralentwicklung ist also indirekt auch altersabhängig.

4. Moralentwicklung im Sportverein

Was kann der Sportverein nun aber konkret tun, um die Moralentwicklung Heranwachsender zu unterstützen? Ich möchte drei verschiedene Methoden vorstellen und zwar anhand eines konkreten Beispiels. Als Beispielfall dient mir dabei der Wilhelmsburger Ruder Club von 1895 e.V. (kurz WRC). Der WRC liegt mitten in Wilhelmsburg, also einem sogenannten ,,Problemstadtteil" Hamburgs. Die Kinder kommen überwiegend aus der näheren Umgebung, einige wenige wohnen weiter entfernt. Die soziale Herkunft ist gemischt, es handelt sich aber fast ausschließlich um deutsche Kinder. Das Training findet dreimal wöchentlich statt und wird abwechselnd von insgesamt drei Trainern geleitet. Kinder, die Wettkampfsport betreiben (,,Vereins- und Wettkampfsportler" im Sinne Hasenbergs), müssen wenigstens zweimal in der Woche trainieren. Darüberhinaus gibt es Kinder, die mehr oder weniger regelmäßig zum Training kommen, aber kaum an Wettkämpfen teilnehmen und somit nicht zu den ,,Vereins- und Wettkampfsportler" im Sinne Hasenbergs gehören. Im Sommer sind die meisten Wochenenden durch Wettkämpfe oder Wanderfahrten ausgefüllt.

4.1 Regelbegründung durch den Trainer

Moralentwicklung bedeutet in erster Linie erlernen von Urteilskompetenz. Kompetent urteilen kann aber nur derjenige, der die Gründe kennt und abwägen kann. Auch die besten Regeln, die unter weitreichenden moralischen Abwägungen gefällt wurden, werden deshalb kaum etwas zur Moralentwicklung beitragen, wenn sie nicht entsprechend begründet werden. Jede Regel kann auf unterschiedlichen moralischen Niveaus begründet werden. Wenn ein Kind als ,,Begründung" für eine Regel immer nur hört ,,Sonst knall` ich dir eine", wird es lernen, immer nur auf dem ersten moralischen Niveau zu denken (Wie erlange ich einen Vorteil ohne Schläge zu bekommen?). Wenn ein Trainer alle Regeln nur mit Strafen ,,begründet", dann wird das Moralverständnis des Kindes dadurch nicht gefördert. Eine Förderung des Moralverständnisses ist es hingegen, wenn der Trainer die Regeln auf dem moralischen Niveau des Kindes begründet (Stabilisierung des Moralverständnisses) oder auf der darüberliegenden Stufe (Weiterentwicklung des Moralverständnisses). Eine Überforderung des Kindes ist dabei auf jeden Fall zu vermeiden. Eine Begründung auf einem zu hohen moralischen Niveau wird das Kind nicht verstehen und daher in der Regel auch nicht befolgen. Als Folge wird der Trainer ärgerlich und droht Strafen an - damit befindet er sich aber wieder auf der niedrigsten Moralstufe. Der Trainer muß also zunächst herausfinden, auf welchem moralischen Niveau sich das Kind befindet. Dazu muß er gut beobachten und vor allem darauf achten, wie das Kind etwas begründet. Dann muß er versuchen einzuschätzen, ob die erreichte Moralstufe erst einmal stabilisiert werden muß, ob bestimmte Fähigkeiten als Voraussetzung für eine höhere Moralstufe trainiert werden müssen, oder ob alle Voraussetzungen erfüllt sind, um ein höheres moralisches Niveau anzustreben. Dementsprechend müßten dann die zukünftigen Regelbegründungen aussehen.

An zwei Regeln möchte ich beispielhaft Begründungen in verschiedenen Stufen aufzeigen. Ich gehe davon aus, daß alle Kinder, die einen Sportverein besuchen, wenigstens die Stufe zwei erreicht haben - ein normal entwickelter sechsjähriger ist zumindest so weit. Die Stufe fünf und sechs erreichen nur wenige und dann auch erst im frühen Erwachsenenalter. Daher vernachlässige ich sie genauso wie die erste Stufe. Für die verbleibenden Stufen wähle ich drei Kinder, die im WRC rudern: Thomas, neuen Jahre alt, hat gerade die Stufe zwei erreicht.

Das hineindenken in andere Personen fällt ihm schwer, wie das Denken überhaupt. Regeln auf Stufe drei überfordern ihn daher sicherlich. Alexandra ist auch neun Jahre alt, diskutiert aber nur noch manchmal auf Stufe zwei und manchmal auf Stufe drei. Da kann man hoffen, bald dauerhaft die Stufe drei zu erreichen. Denise, elf Jahre, ist auf der dritten moralischen Stufe und beherrscht diese sicher. Da es so scheint, als ob sie alle Voraussetzungen hätte, die vierte Stufe zu erreichen, nimmt sich der Trainer vor, sie regelmäßig mit Argumenten der vierten Stufe zu konfrontieren.

Situation 1:

Das Training ist fast beendet und die meisten Boote sind in der Halle. Thorben legt an und möchte sein Boot ebenfalls in die Halle bringen. Dazu braucht eine zweite Person, die beim Tragen hilft. Es hat aber niemand Lust, Thorben zu helfen.

Wenn der Trainer jetzt Thomas auffordert, Thorben zu helfen, sollte er folgendermaßen argumentieren: ,,Du hilfst heute Thorben sein Boot in die Halle zu tragen und beim nächsten Training hilft Thorben dir das Boot zu tragen." Diese Begründung ist auf der zweiten Stufe moralischer Entwicklung (,,Eine Hand wäscht die andere") und Thomas wird sie deshalb verstehen. Eine Begründung der Anweisung auf höherem Niveau würde Thomas überfordern und der Trainer müßte wahrscheinlich Strafen irgendeiner Art androhen, um Thomas zum Helfen zu bewegen.

Bei Alexandra sollte der Trainer seine Aufforderung zur Hilfe folgendermaßen begründen: ,,Keiner aus unserem Verein kann sein Boot allein tragen. Damit wir rudern können, ist jeder auf die Hilfe der Anderen angewiesen." Der Trainer sagt, warum seine Handlungsanweisung für alle Vereinsmitglieder nützlich ist. Er braucht nicht zu betonen, daß Alexandra beim nächsten Training beim Tragen ihres Bootes geholfen wird, weil sie heute hilft. Er kann vielmehr voraussetzen, daß Alexandra sich in Thorbens Situation hineinversetzen kann - die ja schon bald wieder ihre eigene sein wird.

Falls der Trainer Denise zum Helfen auffordern will, sollte er auf eine allgemeine Regel zurückgreifen: ,,Jeder sollte dem anderen helfen, dann haben alle den größten Nutzen davon" Vermutlich wird Denise in der Lage sein, so weit zu abstrahieren, das sie die Regel ,,Helft Euch gegenseitig" als gut und richtig empfindet und daher auch befolgt.

Beispiel 2:

Ein Kind möchte auf einer Regatta als Leichtgewicht starten, obwohl es die Gewichtsgrenze knapp überschreitet. Es handelt sich um eine kleine Regatta, von der bekannt ist, daß das Gewicht normalerweise nicht überprüft wird. Der rechtschaffene Trainer will das Kind natürlich in der richtigen Gewichtsklasse starten lassen.

Wenn es sich bei dem Kind um Thomas handelt, wird der Trainer Schwierigkeiten haben, eine Begründung zu finden, die der zweiten Stufe entspricht. Bei der Begründung ,,Die Regattaleitung kontrolliert nur nicht, weil sie uns vertraut, und wenn sie merkt, daß wir schummeln, kontrolliert sie beim nächsten mal" ist für ein Kind auf der zweiten Moralstufe kaum überzeugend. Der eigene Nutzen (,,Ich muß nicht auf die Wage") ist so gering und die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, so klein, daß es kaum lohnt, dafür ehrlich zu sein und stärkere Gegner zu haben. Statt dieser Begründung empfiehlt es sich, eine Begründung der dritten Stufe möglichst direkt auf Thomas zugeschnitten zu formulieren: ,,Wenn du nächstes Jahr als (ehrliches, echtes) Leichtgewicht startest, möchtest du doch auch nicht, daß der Verein, gegen den du dieses mal startest, ein Kind als Leichtgewicht meldet, daß eigentlich zu schwer ist und gegen das du deshalb keine Chance hast." Eigentlich müßte Thomas das einsehen können. Wenn nicht, bleibt dem Trainer nichts anderes übrig, als auf mögliche Strafen zu verweisen (,,Falls es doch jemand merkt, wirst du disqualifiziert", Stufe 1). Wenn Thomas auch dieses nicht überzeugt (,,Merkt schon keiner"), muß der Trainer ohne Thomas` Einsehen handeln. Es wäre falsch, auf Thomas` Wünsche einzugehen, nur weil sein Moralbewußtsein noch nicht so weit entwickelt ist und er deshalb die Regelbegründung nicht versteht. Wenn der Trainer sich immer nur auf dem Niveau der Kinder bewegt, nimmt er ihnen die Chance, sich über die Entscheidungen des Trainers zu ärgern und sich somit aktiv damit auseinanderzusetzen. Gerade das kann aber zu einem Fortschritt in der Moralentwicklung führen.

Um Alexandra davon zu überzeugen, in der richtigen Gewichtsklasse zu starten, kann der Trainer nun schon auf Argumente auf der dritten moralischen Stufe zurückgreifen. Das Schummeln hat, wenn es denn bemerkt wird, weitreichendere Konsequenzen, wenn man nicht nur die einzelne Person betrachtet, sondern den ganzen Verein. Der gute Ruf nimmt schaden und in Zukunft würden alle Sportler kontrolliert. Damit würden auch alle anderen Vereinskameraden leiden, obwohl sie gar nichts dafür können.

Bei Denise kann man darauf hoffen, daß sie eine Begründung akzeptiert, die auf eine allgemeine Regelgeltung hinweist. ,,Es ist unsere Pflicht, ehrlich miteinander umgehen." könnte hier die Begründung lauten.

Im normalen Trainingsbetrieb ist es nicht möglich, immer alle Regeln auf der richtigen Moralstufe zu begründen. Die meisten Trainer sind froh, wenn sie es überhaupt schaffen, die einfachen Regeln des Zusammenlebens durchzusetzen. Außerdem hat sich nicht jeder Trainer mit der Moralentwicklung nach Kohlberg beschäftigt. Trotzdem lassen sich aber einige pragmatische Regeln für den Alltag ableiten:

1. Regeln sollen immer begründet werden - und zwar mit echten Gründen und nicht nur mit Strafen (oder mit der Floskel ,,weil ich das sage")
2. Die Begründung soll für die Kinder verständlich sein. Wenn ein Kind eine Begründung nicht versteht, ist diese einfacher, d.h. dichter an der Erfahrungswelt des Kindes und ggf. durch den Einsatz von Beispielen zu erklären.
3. Moralisch richtige Regeln sollen auch dann durchgesetzt werden, wenn das Kind die Begründung nicht verstanden hat.

Ein weitere Hinweis, der leider immer noch nicht selbstverständlich ist: Ein Trainer ist nur dann glaubwürdig, wenn er auch selbst nach den moralischen Grundsätzen lebt, die er von den Kindern erwartet. Zur Moralentwicklung gehört also auch Vorbildverhalten. Wenn sich ein Trainer die Mühe macht, diese Regeln zu befolgen, wird er schon bald merken, daß die Kinder seine Regeln besser befolgen und später auch in der Lage sind, eigenständig richtig zu handeln.

4.2 Demokratische Regelfindung

Auf viele Regeln können Kinder und Jugendliche in einem Sportverein kaum Einfluß nehmen. Dazu gehören z.B. Sicherheitsmaßnahmen und Wettkampfregeln. Es ist beim Rudern z.B. nicht möglich, Kinder entscheiden zu lassen, wo sie rudern und wo nicht. Sobald ein Sicherheitsrisiko besteht, muß der Trainer klare Regeln vorgeben. Es verbleiben aber noch einige Bereiche, für die man gemeinsam mit den Heranwachsenden Regeln - und am besten auch gleich Konsequenzen bei nichtbefolgen - aufstellen kann. Das kann z.B. Themen wie Pünktlichkeit oder Mindesttrainingsleistungen betreffen oder die Frage, wie regelmäßig zu verrichtende Arbeiten verteilt werden. Regeln, die selbst aufgestellt werden, werden eher befolgt, als solche, die auferlegt werden. Trainerinnen haben somit schon ein gewisses Eigeninteresse, Heranwachsende an der Regelfindung zu beteiligen. Die Regelfindung kann aber auch einen erheblichen Beitrag zur Moralbildung leisten.

Voraussetzung dafür ist jedoch, daß es bei der Regelfindung eine ideale Sprechsituation im Sinne Habermas` gibt.14 Das bedeutet vereinfacht gesagt, daß jedeR die gleiche Möglichkeit hat, zu Wort zu kommen und daß man sich am Ende für das beste Argument entscheidet. Was auf den ersten Blick vielleicht einfach erscheint, ist in Wahrheit wahrscheinlich nie ganz, sondern höchstens annähernd zu erreichen. Das erste Problem besteht darin, eine gepflegte und stabilisierte Rangordnung ganz plötzlich umzustoßen. Innerhalb der Gruppe, die mehr oder weniger ausgeprägte Positionen hat, soll plötzlich das Wort des Meinungsführers das gleiche Gewicht haben wie das des Außenseiters. Noch schwieriger: Auch die Trainerin hat dieses mal keine Autorität Kraft ihres Amtes, sondern muß durch gute Argumente überzeugen. Das muß die Trainerin nicht nur wissen und sich selbst entsprechend verhalten, sonder auch den Kindern und Jugendlichen so vermitteln, daß diese das auch emotional mitvollziehen können. Auch ein organisatorisches Problem sei hier erwähnt: Wie stellt man sicher, daß (möglichst) alle kommen?

So könnte es beim WRC aussehen: Im Winter sollen die Boote überholt werden. Es gibt aus- reichend Arbeit, die auch von den Kindern verrichtet werden kann. In den letzten Jahren war im Trainingsplan ein wöchentlicher Termin für die Bootspflege vorgesehen. Es kamen aber nur wenige Kinder, so daß die Arbeit an wenigen, vor allem den Trainern, hängen blieb. Daher soll für diesen Winter eine Lösung gefunden, wie sich alle an den anstehenden Arbeiten beteiligen.

Die Trainer gehen nun folgendermaßen vor: Zuerst legen sie einen Gesprächstermin fest.

Damit alle Zeit haben, wählen sie einen üblichen Trainingstermin. Damit auch alle kommen, machen sie den Termin 10 Tage vorher am schwarzen Brett bekannt und sprechen die Kinder wiederholt darauf an. Sie versuchen die Wichtigkeit herauszustellen und stellen außerdem in Aussicht, daß nach dem Gespräch noch trainiert werden könne. Immerhin ¾ der Kinder kommen - mehr kann man wohl kaum erwarten. Im Sitzungsraum wurde ein großer Stuhlkreis gebildet, so daß nicht schon die räumliche Anordnung zu einer Hierarchie führt. Dann gibt es eine klare Aufgabenteilung: Ein Trainer moderiert und enthält sich dafür jedes inhaltlichen Kommentares. Die beiden anderen Trainer nehmen an der Diskussion teil - mit gleichen Rederechten wie alle anderen auch. Als alle ihren Platz gefunden haben, stellt der Moderator kurz das Problem dar. Anschließend gibt er die ,,Redeordnung" bekannt und erläutert auch die Aufgabenteilung zwischen den Trainern. Schon vor Beginn ist eigentlich klar, daß sich alle gleichermaßen an der Arbeit beteiligen sollen. Aber schon bald kommen die ersten Fragen nach Ausnahmen: Was ist, wenn man einen regelmäßigen Termin zu der Zeit hat, in der eigentlich gearbeitet werden soll? Was ist mit den Kindern, die zwar Mitglied des Vereins sind, aber niemals rudern?

Um diese Fragen beantworten zu können, müssen sich die Kinder jeweils in die Lage des anderen hineinversetzen. Diejenigen, die noch nicht von allein darauf kommen, werden von Kindern mit höherer moralischer Entwicklung auf die Situation der anderen hingewiesen. Die verschiedenen Sichtweisen müssen explizit dargestellt werden und die Interessen der ,,Arbeiter" und die der ,,Ausnahmekinder" miteinander verglichen werden. Um dann eine Regel aufzustellen, bedarf es schließlich noch einer höheren Moralstufe: Die Kinder müssen prüfen, ob die gefundene Regel so allgemein ist, daß sie auch in den nächsten Jahren noch Bestand haben wird. Es genügt also nicht, namentlich festzuhalten, wer in diesem Jahr ggf. vom Arbeitsdienst befreit wird, sondern es muß ein allgemeines Kriterium genannt werden. Das Erarbeiten eines solchen Kriteriums ist gerade für jüngere Kinder durchaus anspruchsvoll, mit unterstützenden Fragen durch die Trainer (,,Was wäre wenn..." ,,Wäre das dann immer noch gerecht?" ,,Habt ihr auch daran gedacht, daß..") wird man aber sicherlich zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kommen - und wenn nicht, dann muß die gefundene Regel eben später noch einmal geändert werden.

Im WRC einigen sich die Kinder schließlich auf eine Mindeststundenzahl, die man an drei Arbeitsdienstterminen abarbeiten kann. Den Kindern erscheint es für jeden zumutbar, zumindest diese drei Termine wahrzunehmen. Zwei Termine sollen auf einen anderen Wochentag gelegt werden, für diejenigen, die regelmäßige Verpflichtungen zum üblichen Termin haben. Leider findet sich keine geeignete Sanktion für diejenigen, die nicht kommen.

4.3 Konfliktbewältigung

Leider wird es selbst nach einem moralisch so anspruchsvollen Regelfindungsverfahren, wie es oben beschrieben wird, immer noch zahlreiche kleinere und größere Konflikte geben. Regeln werden gebrochen, es gibt Diskussionen darüber, ob Ausnahmen gerechtfertigt sind und verschiedene Regeln kollidieren miteinander. Konflikte sind aber gerade die Situationen, in denen sich die Moralentwicklung der Kinder zeigt und in denen sie sich fortentwickeln kann. Letztlich sind die oben beschriebenen Situationen auch nur besondere Konflikte: In 4.1 besteht der Konflikt darin, daß Trainer etwas will, was das Kind (zunächst) nicht will. In 4.2 besteht der Konflikt darin, die verschiedenen Interessen zu einer Regel zu formen. Hier soll es nun allgemein um die verbleibenden Konflikte gehen.

Die meisten Konflikte entstehen zwischen den Kindern. Viele bekommt die Trainerin gar nicht mit, manche beobachtet sie, ohne von den Kindern einbezogen zu werden und bei manchen wird sie als Streitschlichterin von den Kindern angesprochen. Die erste Frage gilt den Konflikten, die sie beobachtet: Eingreifen oder nicht? Einerseits kann die Trainerin, wenn sie eingreift, wahrscheinlich eine moralisch hochwertige Regel durchsetzen. Wenn sie sie entsprechend 4.1 begründet, kann man durchaus davon ausgehen, daß dies die Moralentwicklung fördert. Auf der anderen Seite kann man aber erst von einem wirklich gut ausgebildeten Moralverständnis sprechen, wenn ein Kind in der Lage ist, allein moralisch zu entscheiden. Auch wer noch auf unteren Moralstufe ist und ,,nur" als nächsten Schritt die dritte oder vierte Stufe erreichen soll, muß zunächst Sicherheit in den Begründungen seiner Stufe haben. Er muß die eigene Stufe beherrschen und im Gespräch mit Gleichaltrigen seine Argumente vortragen und am besten damit an Grenzen stoßen, weil andere auf einem höheren moralischen Niveau diskutieren. Denn Gleichaltrige sind eher Gleichrangige als die Trainerin, hier ist das Kind ehrlicher und es akzeptiert die Situation eher als normales Leben, während es sich vor der Trainerin eher verstellt und es mehr einer Laborsituation gleicht. Es kann also durchaus Sinn machen, daß sich die Trainerin zurückhält und somit den Kindern die Möglichkeit gibt, ihr Moralbewußtsein miteinander zu trainieren. Daß dabei auch Fehler entstehen können - d.h. die Kinder kommen zu einem Ergebnis, daß die Trainerin als moralisch schlecht empfindet - muß man dann allerdings in Kauf nehmen. Häufig merken dies die Kinder aber auch und können dann beim nächsten Konflikt umso besser entscheiden, weil sie die Konsequenzen der falschen Entscheidung kennengelernt haben. Dann hat die Trainerin zur Moralbildung beigetragen, indem sie nichts getan hat - nicht immer der einfachste Weg. Die Frage ,,Eingreifen oder besser nicht?" kann man vielleicht so beantworten: Nicht eingreifen, wenn es nicht notwendig ist. Notwendig ist das Eingreifen vor allem dann, wenn

- physische Gefahr für ein Kind besteht (z.B. Vier Kinder entschließen sich, eines, das sie ,,genervt" hat, zu verprügeln oder zweit Streitende greifen zu Gewalt und haben sich nicht mehr unter Kontrolle)
- psychische Gefahr für das Kind besteht, z.B. wenn es wegen einer festgefahrenen Gruppenkonstellationen und der Diskussion auf einem niedrigen moralischen Niveau ständig verliert und zum Außenseiter wird. Hierbei ist allerdings zu beachten, daß die Trainerin durch unbedachtes Eingreifen, vor allem durch Parteinahme, die Außenseiterposition ungewollt verstärken kann.

Wenn sich die Trainerin dann entschieden hat einzugreifen oder wenn sie von den Beteiligten zum Eingreifen aufgefordert wird, sollte sie sich den Streit von den Kindern erklären lassen. Das führt zunächst einmal dazu, daß sich die Kinder auf die Trainerin konzentrieren und ihr die Situation schildern. Dabei beruhigen sie sich etwas und die Situation wird fürs erste entschärft. Die Trainerin bemüht sich dann, daß die Kinder selbst eine Lösung finden, indem sie eine ideale Sprechsituation im Sinne Habermas` herstellt und durch Fragen unterstützt. Wenn dies einigermaßen gelingt, trägt dieses Vorgehen auch erheblich zur Moralbildung bei: Die Kinder Lernen zunächst einmal, wie man einen Streit vernünftigerweise löst. Außerdem treten all die positiven Effekte auf, die beim Regelfindungsverfahren in 4.2 für ein Diskutieren in der idealen Sprechsituation genannt wurden.

Bei einem Streit zwischen Thomas und Alexandra könnte sich die Trainerin so verhalten:

Thomas beschwert sich nach dem Training bei der Trainerin, daß Alexandra ihn naßgespritzt habe. Die Trainerin fragt zunächst Thomas, welchen Grund das denn gehabt haben könnte. Dem fällt natürlich nichts ein. Da Alexandra aber auch in der Nähe ist, nimmt sie sofort Stellung: Thomas hätte sie schließlich zuerst naßgespritzt. Jeder, der mit Kindern zu tun hat, weiß, das so eine Diskussion, wer denn nun angefangen hat, zu keinem Ergebnis führt. Die Trainerin bricht deshalb diese Diskussion ab und fragt beide Kinder, was sie denn jeweils am Verhalten des anderen gestört habe. Die Antwort ist natürlich die gleiche: Keiner möchte vom anderen naßgespritzt werden. Die Trainerin fragt dann, wie sich die Kinder in Zukunft verhalten wollen. Die beiden Kontrahenten können jetzt fast gar nicht mehr anders, als beide zu versprechen, daß sie in Zukunft niemanden mehr naßspritzen werden. Die Trainerin ist nicht so blauäugig, daß sie glauben würde, der Konflikt wäre für alle Zeit gelöst. Aber fürs erste ist der Streit geschlichtet und beim nächsten mal kann man auf die gefundene Regel verweisen.

5. Fazit

Der Einfluß, den ein Sportverein auf die Moralbildung hat, ist sicherlich begrenzt. Dort, wo Elternhaus und / oder Schule versagt haben, kann der Sportverein nicht plötzlich alle Defizite auffangen. Außerdem ist die aktive Mitarbeit des Individuums erforderlich. Trotzdem kann der Sportverein aber zur Moralbildung beitragen oder ihr eher hinderlich sein. Je stärker die Kinder mit Sportverein verbunden sind, desto mehr entscheidet sich das Moralbewußtsein im Sportverein.

Die Moralbildung der heranwachsenden Mitglieder ist sicherlich nicht das einzige und auch nicht das wichtigste Ziel eines Sportvereins. Daher kann man auch nicht erwarten, daß der Sportverein alle seine Energie auf die Moralbildung konzentriert. Bei der Regelbegründung habe ich daher einige pragmatische Regeln entwickelt. Die demokratische Regelfindung ist ein ziemlich anspruchsvoller Prozeß, der entsprechende Voraussetzungen von den Teilnehmern erfordert. In manchen Vereinen oder Altersgruppen wird das vielleicht nicht möglich sein. In den anderen Fällen handelt es sich um eine Maßnahme, die nur ab und zu eingesetzt werden kann. Fast immer bietet sich hingegen die Konfliktlösung in der idealen Sprechsituation an. Diese Methode kostet zwar viel Energie, ist aber leicht erlernbar und häufig einsetzbar.

Es gibt somit einen guten Methodenkatalog, der zeigt, wie die Moralbildung durch Sportvereine unterstützt werden kann. Wichtig ist nun eine entsprechende Ausbildung der Trainerinnen und Kinderbetreuer. Dann wird der Sportverein noch häufiger als bisher einen wichtigen Beitrag zur Moralentwicklung der Heranwachsenden leisten.

Literatur:

1. Brinkhoff, Klaus-Peter: Sportliches Engagement und soziale Unterstützung im Jugendalter, in: Baur, Jürgen (Hrsg.), Sportentwicklung in Deutschland, Band 2: Jugendsport - Sportengagements und Sportkarrieren, Aachen 1997
2. Bockrath, Franz, Bahlke, Steffen: Moral und Sport im Wertbewusstsein Jugendlicher, Köln 1996
3. Brettschneider, Wolf-Dietrich: Sportkultur und jugendliches Selbstkonzept, Weinheim und München 1997
4. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit: Kinder stark machen im Sportverein, Köln 1999
5. Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2000 - 13. Shell Jugendstudie, Opladen 2000
6. Geulen, D. , Hurrelmann, K.: Zur Programmatik einer umfassenden Sozialisationstheorie. In: Hurrelmann K., Ulich, D. (Hrsg.): handbuch der Sozialisationsforschung, Weinheim 1980
7. Hasenberg, Ralph: Sportive Orientierungen und sportive Praktiken von Jugendlichen und deren Eltern, in Baur, Jürgen (Hrsg.), Sportentwicklung in Deutschland, Band 2: Jugendsport - Sportengagements und Sportkarrieren, Aachen 1997
8. Nunner-Winkler, Gertrud: Zum frühkindlichen Moralverständnis, in Lepenies, NunerWinkler, Schäfer, Walper: Materialien zum 10. Kinder- und Jugendbericht - Kindliche Entwicklungspotentiale - Normalität, Abweichung und ihre Ursachen
9. Tillmann, Klaus-Jürgen: Sozialisationstheorien, Reinbek bei Hamburg, 1989
10. Internetseite des Deutschen Sportbundes: www.dsb.de
11. Internetseiten der Universität Linz, erstellt von Werner Stangl:

http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/

ENTWICKLUNGORD/KohlbergTabelle.html

und /ENTWICKLUNGORD/Kohlbergmodell.html

[...]


1 Internetseite des Deutschen Sportbundes: www.dsb.de

2 Bockrath, Franz, Bahlke, Steffen: Moral und Sport im Wertbewusstsein Jugendlicher, Köln 1996, S. 183

3 In dieser Arbeit lege ich die Definition für Sozialisation von Geulen und Hurrelmann (Weinheim 1980) zugrunde: Sozialisation ist ,,der Prozeß der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisch ist dabei , wie sich der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet."

4 13. Shell-Jugendstudie, Band 1, S.206

5 Prozentualer Anteil der jeweiligen Bevölkerungsgruppe, der Mitglied in einem Sportverein ist:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Internetseiten des Deutschen Sportbundes

6 Hasenberg definiert sie als die ,,leistungsorientiert sporttreibenden Heranwachsenden. Sie tun dieses im institutionellen Rahmen von Sportvereinen. Bei diesen Heranwachsenden sammeln sich sportliche Urkunden und Pokale - Ausweis ihres Erfolges in Sportkarrieren". Zahlen auf Grundlage einer Befragung in 1993, in Baur, 1997, S. 119

7 Ob es sich um weibliche oder männliche Trainer bzw. Betreuer handelt, soll in dieser Arbeit keine Rolle spielen. Ich verwende daher gelegentlich weibliche und gelegentlich männliche Bezeichnungen, ohne daß dieses eine weitere Bedeutung hat.

8 vgl. Brettschneider 1997, S. 30 f

9 Der große Knaur, Bd. 13, S.5490

10 vgl. Nunner-Winkler, S. 88; Tillmann 1989 S. 224 f und Werner Stangl (Internetseiten der Uni Linz)

11 vgl. Tillmann 1989, S. 225

12 vgl. Nunner-Winkler, S. 90 ff.

13 Zusammengestellt nach den Ausführungen von Nunner-Winkler, S. 100 - 109

14 Was damit gemeint ist, beschreibt z.B. Tillmann 1989 auf den Seiten 221 f.

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Details

Titel
Zur Moralentwicklung von Heranwachsenden - Möglichkeiten von Sportvereinen
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
18
Katalognummer
V98926
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es werden kurz einige theoretische Hintergründe aus soziologischer Sicht zur Moralbildung vorgetragen, insbesondere Lawrence Kohlbergs Modell der Moralentwicklung. Dann wird anhand eines praktischen Beispiels beschrieben, wie Sportvereine durch pädagogische Maßnahmen zur Moralentwicklung Heranwachsender beitragen können. (Umfang insgesamt 10 Seiten)
Schlagworte
Moralentwicklung, Heranwachsenden, Möglichkeiten, Sportvereinen
Arbeit zitieren
Gregor Waschkowski (Autor), 2000, Zur Moralentwicklung von Heranwachsenden - Möglichkeiten von Sportvereinen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98926

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