Mit dieser Arbeit werden wichtige, bereits in Teil I aufgeworfene und diskutierte Fragen aufgenommen und weitergeführt. Es geht vor allem darum zu untersuchen, ob und inwieweit es den Protagonistinnen der drei behandelten Romane gelingt, auf dem von ihnen selbst gewählten Weg erfolgreich zu sein, obwohl sie ganz unterschiedliche Ausprägungen eines Frauenbildes verkörpern, das in der Weimarer Republik unter dem Schlagwort „Neue Frau“ in aller Munde war. Dies geschieht auf der Grundlage und unter besonderer Berücksichtigung einer nach dem Ersten Weltkrieg einsetzenden Strömung, die als „Neue Sachlichkeit“ Eingang in den literarischen Diskurs gefunden hat. Dieser literarischen Strömung wird bei der Behandlung des Themas ein wichtiger Stellenwert eingeräumt. Sie wird daher im nächsten Abschnitt ausführlich behandelt werden. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, ob diese neue Strömung – wie es einige Vertreter der nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten Verhaltenslehren postulierten – ausschließlich männlich, d. h. als Gegenpol zu einem mütterlich-fürsorglich grundierten Frauenbild, orientiert war. Bereits in der Einleitung zu Teil I dieser Untersuchung hat sich gezeigt, dass es in der Literatur der Neuen Sachlichkeit Frauenfiguren gab, die sich durch ihr wachsames, kühl-berechnendes, zielstrebiges und diszipliniertes Verhalten in einer von Männern dominierten Welt durchsetzen und behaupten konnten. Umgekehrt wäre zu untersuchen, ob es bei den männlichen Figuren – zum Beispiel in Erich Kästners „Fabian“ - nicht auch Züge eines neusachlichen Anti-Helden gibt, der von Walter Benjamin als linker Melancholiker und Helmut Lethen als kontaktarmer, weltfremder, intellektueller Außenseiter beschrieben wurde und im Wettbewerb der Geschlechter eine Verliererrolle als enttäuschter, sentimentaler Liebhaber zugewiesen bekommt. Außerdem stellt sich die Frage, ob in der Literatur der Weimarer Zeit der Typus einer modernen starken Frau in den Romanen männlicher Autoren – hier also: Erich Kästner – stärker repräsentiert wird als bei Autorinnen wie Marieluise Fleißer und Irmgard Keun. Die Neue Sachlichkeit wird oft als eine unpolitische, ideologiefreie, alle Bereiche der Kultur, und insbesondere der Literatur, umfassende Strömung in der Zeit der Weimarer Republik (1918-1933) aufgefasst. Sie entsteht u. a. als Reaktion auf das gefühlsbetonte und übertriebene Pathos der Expressionisten und tritt für eine nüchterne, objektive Haltung gegenüber der Wirklichkeit ein.
Inhaltsübersicht
1. Einleitung
2. Die Neue Sachlichkeit
3. Die Verhaltenslehren der Kälte: ihr Einfluss auf die Literatur der Neuen Sachlichkeit und die Gestaltung der Frauenfiguren
4. Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“
4.1 „Träumen vom Glanz“ und „Schreiben wie Film“
4.2 Das „System des Männerfangs“: Doris als „kalte persona“
4.3 Liebe als Tauschgeschäft oder „der Warencharakter der Liebe“
4.4 Die Kunst zu lügen und die Frage der Moral
4.5 „Liebe ist kein Geschäft.“ „Ich liebe ihn. Nicht so – aber so.“
5. Marieluise Fleißers Roman „Eine Zierde für den Verein“
5.1 Das Bild der „Neuen Frau" und sein männliches Gegenbild
5.2 Frieda Geier als Paradigma der „Neuen Frau“ und kühles weibliches Pendant zu den männlichen Verhaltenslehren der Kälte
5.3 Frieda Geier als Berufstätige
5.4 Frieda und die Ehe
5.5 Frieda und Linchen
6. Erich Kästners Roman „Fabian“
6.1 Fabian: die sentimental-melancholische und passive männliche Kontrastfigur
6.2 Film und Reklame: Welt des schönen Scheins
6.3 Frauenbilder und das Thema der Liebe
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern es den Protagonistinnen in den Romanen von Irmgard Keun, Marieluise Fleißer und Erich Kästner gelingt, sich in der von männlichen Verhaltenslehren geprägten Welt der Weimarer Republik als „Neue Frau“ erfolgreich zu behaupten. Dabei wird analysiert, wie diese Frauenfiguren das Leitbild der „kühlen persona“ adaptieren oder modifizieren und inwieweit männliche Gegenentwürfe im literarischen Diskurs der Neuen Sachlichkeit verhandelt werden.
- Analyse der „Neuen Sachlichkeit“ als literarische Strömung und ihrer Auswirkungen auf Frauenbilder.
- Untersuchung der „Verhaltenslehren der Kälte“ (nach Helmut Lethen) und deren Bezug zur Geschlechterrolle.
- Vergleich der Selbstdarstellungs- und Überlebensstrategien der Romanfiguren.
- Kritische Auseinandersetzung mit der männlichen Doppelmoral und ökonomischen Abhängigkeiten.
- Untersuchung des Spannungsverhältnisses zwischen persönlicher Autonomie und gesellschaftlichen Erwartungen.
Auszug aus dem Buch
Die Kunst zu lügen und die Frage der Moral
Zur Kunst der Selbstdarstellung und Selbstinszenierung gehört ein freizügiger Umgang mit den Geboten der Moral. Wenn Doris sagt, dass „Leute, die immer die Wahrheit sagen müssen, immer lügen“ (S. 43), ist sie sich darüber im Klaren, dass man mit Ehrlichkeit nicht weit kommt. Sie ist auf dem Wege zum Erfolg nur hinderlich. Nur wer sich geschickt maskieren kann, wer wie Doris das „Lügen künstlerisch entwickelt“ hat (S. 103), wer gezielt Lügen streut und Gerüchte in die Welt setzt, um sich einen Vorteil zu verschaffen, kann sich gegenüber Konkurrentinnen behaupten. Da ist es zum Beispiel besser, den versöhnlichen Brief der Ehefrau von Herrn Ernst, in dem sie sich bei ihm entschuldigt, unter dem Teppich verschwinden zu lassen und so zu tun, als sei alles beim Alten. Schon früh im Roman schwindelt sie den Statistinnen am Theater der rheinländischen Kleinstadt vor, sie habe ein Verhältnis mit dem Direktor Leo Ölmütz, um sich ein besonderes Profil zu verschaffen. Wenn ihr ab und zu Bedenken kommen, ob sie mit Lügen wirklich weiter kommt, wischt sie diese schnell wieder beiseite, denn „das rächt sich natürlich.“ (S. 23) Den Höhepunkt bildet der Diebstahl des „Fehs“, des wertvollen Pelzmantels in der Garderobe des Theaters, der ihr zur zweiten Haut und zum Anlass für ihre Flucht nach Berlin wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung steckt den Rahmen der Untersuchung ab, indem sie die Forschungsfragen zu den Erfolgsaussichten und Überlebensstrategien der Protagonistinnen im Kontext der „Neuen Frau“ in der Weimarer Republik formuliert.
2. Die Neue Sachlichkeit: Dieses Kapitel erläutert die literarische Strömung als Reaktion auf den Expressionismus, geprägt von Nüchternheit, Objektivität und der Einbeziehung moderner Alltagsthemen.
3. Die Verhaltenslehren der Kälte: ihr Einfluss auf die Literatur der Neuen Sachlichkeit und die Gestaltung der Frauenfiguren: Es wird analysiert, wie die „Verhaltenslehren der Kälte“ als männlich konnotiertes Genre das Frauenbild beeinflussten und zu einer spezifischen „kalten persona“ führten.
4. Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“: Das Kapitel untersucht die Protagonistin Doris, die das „System des Männerfangs“ nutzt, um als „Neue Frau“ in Berlin Fuß zu fassen, jedoch zunehmend an den Widersprüchen zwischen Glanz und Realität scheitert.
5. Marieluise Fleißers Roman „Eine Zierde für den Verein“: Hier wird Frieda Geier als soziale Außenseiterin dargestellt, die sich in einer konservativen Umgebung durchzusetzen versucht und dabei männliche Machtansprüche parodiert.
6. Erich Kästners Roman „Fabian“: Das Kapitel beleuchtet Fabian als melancholischen Anti-Helden und analysiert die Verflechtung von Liebe, Geld und Reklame im Berlin der späten Weimarer Republik.
Schlüsselwörter
Neue Sachlichkeit, Weimarer Republik, Frauenbild, Neue Frau, Verhaltenslehren der Kälte, Helmut Lethen, Irmgard Keun, Marieluise Fleißer, Erich Kästner, Geschlechterrollen, Emanzipation, soziale Außenseiter, Warencharakter der Liebe, Großstadtliteratur, Identitätskrise.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Repräsentation von Frauenfiguren in bedeutenden Romanen der Neuen Sachlichkeit und deren Auseinandersetzung mit den sozialen und moralischen Umbrüchen der Weimarer Republik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die „Verhaltenslehren der Kälte“, die Emanzipation der Frau, die Darstellung von Urbanität und Filmkultur sowie der Wandel der Geschlechterbeziehungen unter ökonomischem Druck.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist zu ergründen, ob und wie weibliche Romanfiguren die männlich geprägten Verhaltensnormen der Zeit adaptierten, um ihre Ziele zu erreichen und sich in einer von Männern dominierten Gesellschaft zu behaupten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analyseansätze, indem sie Romantexte im Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher Diskurse und unter Einbeziehung von Lethens Konzept der „kalten persona“ interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert den Romanen von Keun, Fleißer und Kästner, analysiert deren Protagonisten im Hinblick auf Selbstdarstellung, Berufsleben, Liebeskonzepte und ihre Stellung zur gesellschaftlichen Norm.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie Neue Sachlichkeit, Neue Frau, Geschlechterbeziehungen, ökonomische Zweckgemeinschaft und Identitätsbildung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich Frieda Geier von Doris aus Keuns Roman?
Während Doris den Wunsch nach glanzvoller Selbstdarstellung und Filmkarriere verfolgt, agiert Frieda Geier in einem eher kleinstädtischen Umfeld als emanzipierte, kämpferische Außenseiterin, die ihre Unabhängigkeit hart erarbeiten muss.
Welche Rolle spielt die Metapher des Glases bei Kästner?
Die Glasmetapher symbolisiert in Kästners „Fabian“ die Isolation und die erzwungene Distanz des Individuums zu einer als feindselig und dynamisch wahrgenommenen Umwelt, aus der es kein Entkommen gibt.
- Arbeit zitieren
- Hans-Georg Wendland (Autor:in), 2021, Frauenbilder der Weimarer Republik und literarische Frauenfiguren der Neuen Sachlichkeit bei I. Keun, M. Fleißer und E. Kästner (Teil II), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/989384